Der TOD ist das TOR zum LEBEN

Mit freundlicher Genehmigung des katholischen Priesters und Dogmatikers Prof. Dr. Joseph Schumacher aus Freiburg (siehe Foto) dokumentieren wir seine Traueransprache anläßlich der Beerdigung von Ingeborg Zech am 5. Juli 2017 in Bad Oeynhausen.

Die katholische Apothekerin, Bioethik-Expertin und Vortragsrednerin gehörte zu unserem Freundeskreis und war eine Leserin dieses CHRISTLICHEN FORUM.  –  Hier folgt die Predigt von Prof. Schumacher im vollen Wortlaut:

Mors porta vitae. Der Tod ist das Tor zum Leben.  –  Das hat die Verstorbene, die wir heute zu Grabe tragen, gelebt, freilich gegen den Zeitgeist.

Der Zeitgeist verweigert das Denken. Da werden Widersprüche aufgehoben und subjektive Meinungen werden da unumstößlich, während man gleichzeitig behauptet: Es gibt nichts Unumstößliches, es gibt nichts Bleibendes.

Wir verzichten auf das logische Denken, wenn wir behaupten, dass es nur diese eine Wirklichkeit gibt, in der wir leben.

Der griechische Philosoph Platon – er lebte im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert – erklärt: Der Mensch kann Ewiges denken, also muss etwas Ewiges in ihm sein. Das aber ist die unsterbliche Geistseele, die nicht sterben kann.

Die Religionen der Menschheit sind ein lebendiger Beweis dafür, dass der Mensch in der Gestalt seiner Seele den Tod überdauert, ja, dass der Tod des Menschen gar gegen allen äußeren Anschein die Geburt für ein neues Leben ist.

Der Glaube an das Leben jenseits der Todesschwelle ist nicht erst das Ergebnis der alttestamentlichen und der neutestamentlichen Offenbarung. Immer schon hat die Ahnung von einem Leben jenseits der Todesschwelle das Leben der Menschen verklärt.  Das bezeugen nicht nur die  Religionen der Menschheit, davon reden auch nicht wenige Philo-sophen in der Geschichte der Menschheit. Unbewusst hat der Mensch schon immer damit gerechnet, dass der Tod nicht das Ende schlechthin ist.

Der Physiker Albert Einstein († 1955) erklärt nach dem Besuch eines Konzertes von Yehudi Menuhin († 1999): „Jetzt weiß ich, dass es die Transzendenz, dass es einen Gott im Himmel gibt“.

Nicht nur die Philosophie, auch die Kunst, vor allem auch die Musik, führt uns also zu jener Welt, die nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist, die aber nichtsde-stoweniger eine Wirklichkeit ist.

Der Biologe  Joachim Illies († 1882) vergleicht das Sterben eines Menschen mit dem Geburtsvorgang und nennt den Tod den schmerzlichen Hinübergang des Menschen in eine neue Daseinsweise.

Er betont dabei, dass der Übergang in eine neue Daseinsweise immer schmerzlich, immer mit Schmerzen verbunden ist. Ihm, dem Biologen,  ist das schon vor mehr als drei Jahrzehnten zu einer existentiellen Erfahrung geworden.

Geboren werden wir in eine Welt der Geheimnisse, die Welt aber, in die wir hineinsterben, sie birgt weit größere Geheimnisse. Denn diese Welt ist sichtbar, jene aber ist un-sichtbar.

„Occido cum sole”, so lautet die Inschrift eines Grabsteins auf einem Friedhof in Genua: „Ich gehe unter gleich wie die Sonne”. Das ist ein schönes Bild für das Sterben. Denn die Sonne, die untergeht, verliert nicht ihre Existenz, sie wird vielmehr nur unsichtbar. So ist es, wenn ein Mensch stirbt.

Die Seele lebt weiter in jener unsichtbaren Welt, welche die Bedingung ist für die Existenz dieser unserer sichtbaren Welt ist, und wartet auf die Auferstehung der Toten, wie wir im Credo bekennen. So weit ist das Bild von der untergehenden Sonne auf den Tod des Menschen anwendbar, aber nur so weit.

Nicht anwendbar ist es auf den Tod des Menschen, wenn wir daran denken, dass jedem Abend und jeder Nacht wieder eine neuer Tag folgt, der in einem neuen Abend und in einer neuen Nacht seine Bestimmung hat. Anders ist das nämlich beim Sterben eines Menschen. Auch ihm folgt ein neuer Tag. Aber dieser unterscheidet sich wesentlich von dem zu En-de gegangenen. Denn dieser Tag kennt keinen Abend mehr. Er mündet in die Ewigkeit. 

Die Auffassung, dass der Tod das absolute Ende ist, diese Auffassung  ist eine zweifelhafte Errungenschaft erst unserer jüngsten Vergangenheit und unserer Gegenwart. Im-merhin gibt es heute für mehr als 50% unserer Zeitgenossen mitnichten ein Weiterleben nach dem Tod. Für so viele ist der Tod das definitive Ende. Von Dreien ist es vielleicht einer, der noch von dem Weiterleben nach dem Tod überzeugt ist.

Die einen sagen: Sterben heißt vergehen, und die anderen: Wir wissen nichts über den Tod und werden nie etwas erfahren über ihn – ignoramus et ignorabimus.

Die Vernunft hingegen sagt, und der christliche Glaube bestätigt es: Es folgt ein neues Leben. Denn nur das Sterbliche stirbt am Menschen. Der Mensch aber ist mehr als seine Leiblichkeit. In dieser seiner Leiblichkeit wohnt der Geist. Der aber kann nicht sterben, weil er immateriell ist. Diese Erkenntnis ist im Grunde die Geburtsstunde der Religion, die eigentlich zum Menschsein des Menschen gehört.

Was die Menschen immer gewusst haben, dass der Tod nicht das definitive Ende ist, dass es weitergeht, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat, das wird heute immer mehr zur Frage, obwohl wir diese Wirklichkeit schon mit unserem Denken erreichen können. Allein, das Vertrauen auf die Vernunft schwindet dahin.

Darüber klagt der Philosoph Jacques Maritain († 1973) mit eindrucksvollen Worten, über das schwindende Vertrauen auf die Vernunft, über die metaphysische Skepsis, die im Wachsen begriffen ist. Die metaphysische Skepsis wächst und breitet sich aus im Schatten unserer Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit, im Schatten vor allem auch der gigantischen Manipulation der modernen Medien, wodurch wir auf das Vordergründige fixiert werden.

Bedenken wir noch ein Weiteres: Immer stirbt der Mensch allein, ganz allein, in letzter Einsamkeit. „On mourra seul” sagt der fromme Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal. Er starb im Jahre 1662.

Den Hinübergang in die Ewigkeit müssen will alle allein vollziehen. Kein Mensch kann uns da begleiten. Nur einer, der Gottmensch, er kann mit uns gehen. Denn er ist schon drüben, und dennoch ist er, gemäß seiner Verheißung, bei uns.

„Nur einer gibt Geleite“, so singen wir in dem Lied „Wir sind nur Gast auf Erden”. Er geht mit uns, und seine heiligen Engel begleiten uns, wenn wir uns ihm und ihnen anvertrauen.

Pilger sind wir und Fremdlinge in dieser Welt, unser Ziel ist die himmlische Heimat. Dass wir sie erreichen möchten, darauf muss unser Mühen und Kämpfen ausgerichtet sein. Der Tod ist die Bilanz des Lebens, dem Tod folgt das Gericht. Auch das wissen die Religionen der Menschheit allgemein.

In der Geheimen Offenbarung, dem letzten Buch des Neuen Testamentes lesen wir: „Selig sind die Toten, die im Herrn sterben“ (Apk 13,14) und im Alten Testament, im Buch des Predigers: „Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen (Pred 11,3).

Es gilt, dass wir in Treue und Gewissenhaftigkeit den Willen Gottes erfüllen, ein Leben lang. Gottes Gnade tritt in der Regel nicht an die Stelle unseres Bemühens. Die Gemeinschaft mit Christus muss in einem Leben des Gebetes und in der täglichen Nachfolge Christi geübt und eingeübt werden. In der Gemeinschaft mit Christus gehen wir nicht dem Dunkel, son-dern dem Licht entgegen, und zwar einem unbeschreiblichen Licht.

Wenn wir zu leben verstehen, ist der Tod nicht Ende, sondern Vollendung. Wir tun gut daran, diese Vollendung stets vor Augen zu haben. Gott erweist sich uns als ein treuer Gott, wenn wir ihm die Treue halten. Wenn wir nicht von ihm lassen in den Fährnissen des Lebens, wenn wir auf ihn vertrauen und sein Wort annehmen, dann erweist er sich uns als ein treuer Gott auch über die rätselhafte Schwelle des Todes hinaus.

Gott ist ein Gott der Lebenden, weil er das Leben schlechthin ist, weil alles Leben aus ihm hervorgeht. Er hat nie begonnen, immer ist er gewesen, und immer wird er sein.

Wir brauchen den Tod nicht zu fürchten, wenn wir wachsam sind, wenn wir beharrlich sind in der Treue, wenn wir die Zeit nutzen für die Ewigkeit, die Zeit, die kurz ist.

„Denke immer an das Ende und daran, dass die verlorene Zeit nicht wiederkehrt“, heißt es in der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen (1, 25, 11).

Demgemäß erinnert uns Bischof Johann Michael Sailer († 1832) daran, dass Todesgedanken fast immer unsere beste Philosophie und unsere treuesten Freunde sind, deshalb, weil sie uns die unangenehmste Wahrheit sagen. Angenehm wird sie, wenn wir wissen, dass dann dem Karfreitag das Osterfest folgt, wenn wir ihn, den Karfreitag, in der Gemeinschaft mit Christus bestanden haben.

Das Weizenkorn wird gemäß einem zentralen Jesus-Wort in die Erde gelegt, damit es dem Erntetag entgegenreift (Joh 12, 24). Amen.

Weitere Ansprachen, Artikel, Vorträge, Vorlesungen von Prof. Schumacher gibt es hier: http://www.theologie-heute.de/


Privatoffenbarungen sind weder eine Basis noch ein Stützpfeiler des Glaubens

Von Felizitas Küble

Wie Radio Vatikan kürzlich mitteilte, hat Papst Franziskus den polnischen Erzbischof von Warschau, Henryk Hoser, zu seinem Sonderbeauftragten für den umstrittenen Erscheinungsort Medjugorje ernannt.

Papst Franziskus, so heißt es weiter, wolle auf diesem Wege Genaueres über die pastorale Situation und die Bedürfnisse der Pilger erfahren.Foto Michaela Koller

In Medjugorje soll nach Seherangaben seit über 35 Jahren die Gottesmutter erscheinen, einigen Visionären sogar täglich. Die zuständigen Ortsbischöfe von Mostar (zunächt Zanic, dann sein Nachfolger Peric) äußern sich ablehnend über die Echtheit der Phänomene, die jugoslawische Bischofskonferenz gab sich in den 80er Jahren mehrfach zurückhaltend-distanziert  —  und der Vatikan errichtete eine Untersuchungskommission, die der Glaubenskongregation zuarbeitet, weil dieses Gremium (nach dem jeweiligen Diözesanbischof) für die Beurteilung von Privatoffenbarungen zuständig ist.

Doch welchen Stellenwert haben kirchlich genehmigte Erscheinungen in der katholischen Kirche?

Warum spricht man von ‪„Privatoffenbarungen“, obwohl sich viele Botschaften nicht nur an einzelne Personen oder Zielgruppen richten, sondern an die ganze Kirche, so etwa in Lourdes oder Fatima?

Der Ausdruck ‪„Privatoffenbarungen“ bezieht sich nicht auf den jeweiligen Empfängerkreis, sondern auf die geringe Verbindlichkeit von Erscheinungen im Vergleich zur amtlichen bzw. ‪„öffentlichen“ Offenbarung.

Bibel und Tradition bezeugen die Offenbarung Gottes

Darunter versteht die kath. Kirche die Offenbarung Gottes, die in der Heiligen Schrift und der apostolischen Tradition bezeugt wird. Über die Reinerhaltung und Bewahrung dieser Offenbarung Gottes wacht das kirchliche Lehramt. Der katholische Glaube beruht gleichsam auf einem einzigen Fundament (Offenbarung Gottes), zwei Säulen (Bnikolausibel, Überlieferung) und einem schützenden Dach, dem Lehramt der Kirche.

Privatoffenbarungen sind weder eine Basis noch ein Stützpfeiler des Glaubens, denn die göttliche Offenbarung ist laut katholischer Lehre mit dem Tod des letzten Apostels bzw. dem Ende der apostolischen Zeit abgeschlossen.

Es handelt sich bei dieser Aussage um ein Axiom, also eine Denkvoraussetzung und Grundlegung für weitere Lehrsätze. Erscheinungen und Visionen sind daher nicht verbindlich für die Gläubigen, auch dann nicht, wenn sie die kirchliche Approbation erhalten haben.

Approbation bedeutet Genehmigung oder Erlaubnis

Der deutsche Begriff ‪„Anerkennung‪“ wirkt etwas mißverständlich, weil er leicht den Eindruck erwecken könnte, als würde die Kirche mit einer ‪„Anerkennung“ die übernatürliche Herkunft der betreffenden Privatoffenbarung bestätigen. Das tut sie aber keineswegs. Vielmehr geht es bei einer Approbation — also einer Erlaubnis, Genehmigung, Billigung — um die Feststellung, daß der Inhalt jener ‪„Botschaft‪“ nicht dem Glauben der Kirche widerspricht, weshalb es dem Katholiken ‪„gestattet“ ist, dem Geschehen seine Zustimmung zu schenken.

Freilich soll dies ohne jeden Fanatismus geschehen, weshalb Papst em. Benedikt das Kirchenvolk in seinem Apostolischen Schreiben ‪„Verbum Domini“ ermahnte, einen solchen Glauben in einer ‪„klugen Weise“ auszuüben, denn auch eine kirchlich genehmigte Erscheinung ist kein ‪„fünftes Evangelium“.

Foto: Radio VatikanZudem heißt es in ‪„Verbum Domini“ grundsätzlich über die göttliche Offenbarung:

„Der Wert der Privatoffenbarungen ist wesentlich unterschieden von der einer öffentlichen Offenbarung: Diese fordert unseren Glauben an, denn in ihr spricht durch Menschenworte und durch die Vermittlung der lebendigen Gemeinschaft der Kirche hindurch Gott selbst zu uns….Die Privatoffenbarung ist eine Hilfe zu diesem Glauben, und sie erweist sich gerade dadurch als glaubwürdig, dass sie auf die eine öffentliche Offenbarung verweist…Eine Privatoffenbarung kann neue Akzente setzen, neue Weisen der Frömmigkeit herausstellen oder alte vertiefen.“

Papst Benedikt erklärte in seinem Apostolischen Schreiben ebenfalls, was eine Approbation wirklich beinhaltet:

„Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt daher im wesentlichen an, dass die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken.“

„Nichts anderes als eine Erlaubnis zur Veröffentlichung“

Diesen bewährten kirchlichen Standpunkt erwähnte bereits Kardinal Prosper Lambertini, der spätere Papst Benedikt XIV., in seinem 1734 – 1738 erschienenen Klassiker über die Selig- und Heiligsprechungen:media-377708-2

„Man muss wissen, dass diese Billigung (von Visionen und Offenbarungen) nichts anderes ist als eine Erlaubnis …, sie nach reiflicher Überprüfung zu Belehrung und Nutzen der Gläubigen zu veröffentlichen.‪“

Im Unterschied zu den unfehlbaren „Offenbarungen, wie sie den Aposteln und Propheten zuteil wurden“, besitzen die späteren, von der Kirche genehmigten Privatoffenbarungen lediglich einen Wahrscheinlichkeits-Charakter.

Der katholische Dogmatiker Prof. Dr. Joseph Schumacher (siehe Foto) erläutert ebenfalls, daß Privatoffenbarungen von der Kirche ‪„niemals als Gegenstand allgemeiner Glaubenspflicht‪“ vorgelegt werden.

Keine Glaubensverpflichtung für Katholiken

Ihre kirchliche Approbation besage nur, dass in den Botschaften nichts zu finden ist, was dem Glauben und der Sitte widerspreche, daß sie daher veröffentlicht und geglaubt werden dürfen; ihre übernatürliche Verursachung wird nicht sicher gelehrt, sondern vernünftigerweise („fide humana“) angenommen, schreibt der Freiburger Theologe Joseph-Schumacherdazu.

Er fährt fort: ‪„Die Approbation gehört nicht in den Bereich des Lehramtes, sondern des Hirtenamtes. Daher sind auch approbierte Privatoffenbarungen für die Gläubigen nicht verpflichtend. Die Kirche könnte sie gar nicht verpflichtend machen, selbst wenn sie es wollte, denn ihre Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf die Bewahrung und Interpretation der öffentlichen Offenbarung.“

Aus diesem Grunde ist es Katholiken gestattet, kirchlich ‪„anerkannte“  bzw. approbierte Erscheinungen sachkritisch zu bewerten, freilich soll dies ohne Polemik erfolgen. Prof. Schumacher dazu: ‪„Maßvolle Kritik an den Privatoffenbarungen und ihre begründete Ablehnung sind möglich und durchaus mit dem Glauben zu vereinbaren, wenn sie nur mit der gebotenen Bescheidenheit, vernünftig und ohne Mißachtung vorgetragen werden.“

Weitere ausführliche Hinweise zu diesem Themenfeld bietet Joseph Schumacher in seiner Neuerscheinung ‪„Die Mystik im Christentum und in den nichtchristilchen Religionen“ (Patrimonium-Verlag 2016).

Erstveröffentlichung des Artikels durch die internationale katholische Nachrichtenagentur ZENIT: https://de.zenit.org/articles/welchen-stellenwert-haben-privatoffenbarungen-in-der-katholischen-kirche/


Prof. Joseph Schumacher zur kirchlichen Approbation von Privatoffenbarungen

Was bedeutet die „Anerkennung“ einer Erscheinung?

Der bekannte Dogmatiker Prof. Dr. Joseph Schumacher (siehe Foto) hat sich eingehend mit der Frage befaßt, was die kirchliche „Anerkennung“  –  genauer: Approbation  –  von Marienerscheinungen bzw. Privatoffenbarungen beinhaltet und bedeutet.   Joseph-Schumacher

Der Freiburger Priester und Professor ist ordentliches Mitglied der „Pontificia Academia Theologica Romana“ und korrespondierendes Mitglied der „Internationalen Päpstlichen Akademie für Mariologie“.

Vielfach herrscht im katholischen Kirchenvolk die Meinung vor, eine Approbation sei als eine „Anerkennung“ in der Weise zu verstehen, als ob die Kirche damit ein verbindliches Glaubensgut vorlegt bzw. mittels ihrer lehramtlichen Autorität feststellt, jene Privatoffenbarung sei gewiß übernatürlichen (himmlischen) Ursprungs.

Tatsächlich ist es aber so (und dies gilt sowohl „vorkonziliar“ wie „nachkonziliar“), daß eine kirchliche Approbation den Gläubigen erlaubt, jener Erscheinung Glauben zu schenken; hinsichtlich nicht-gebilligter Privatoffenbarungen sollten Katholiken sich ohnehin zurückhalten.v

Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Schumacher veröffentlichen wir nun seine Ausführungen im Kapitel „Kirchliche Approbation“ aus der theologischen Abhandlung „Privatoffenbarungen und Marienverehrung“, die in dem Sammelband „Der Widerschein des ewigen Lichtes“ bereits 1984 im Verlag Butzon & Bercker erschien:

„Weil die Unterscheidung zwischen echten und falschen Visionen und Offenbarungen im konkreten Fall äußerst schwierig ist, deshalb übt die Kirche ihnen gegenüber generell Zurückhaltung. Nur eine geringe Zahl von Privatoffenbarungen hat sie approbiert. Bei grundsätzlicher Wertschätzung solcher Phänomene verhält sie sich im konkreten Fall im allgemeinen distanziert. Camberg-Peter-Paul-DSC_0342

Zwischen 1930 und 1950 hat sie in Westeuropa allein 30 Reihen von Muttergotteserscheinungen mit insgesamt 300 Einzelerscheinungen vor kindlichen Seherinnen und Sehern untersucht.

Von den vielen Erscheinungen der letzten Jahrzehnte erhielten nur die von Banneux und Beauraing die kirchliche Anerkennung. In allen anderen Fällen erfolgte ein ablehnender oder verwerfender Bescheid, oder man nahm eine abwartende Haltung ein.

„Eher durch Leichtgläubigkeit verfehlen“

Man kann sich gegenüber visionären Vorkommnissen eher durch Leichtgläubigkeit als durch Skepsis verfehlen, besonders in unruhigen und unsicheren Zeiten. Das ist die Meinung des hl. Johannes vom Kreuz, der selbst ein hochbegnadeter Mystiker gewesen ist.

Bereits Thomas von Aquin warnt hier vor Leichtgläubigkeit, weil der christliche Glaube sonst dem Spott der Ungläubigen ausgesetzt werde. domi

In ähnlicher Weise stellt Bonaventura, der mystischen Erfahrungen durchaus nicht negativ gegenüberstand, fest:

“Der Mensch darf … nicht jedem Geiste glauben, sondern er muß (die Geister) prüfen, ob sie aus Gott sind. Wer nämlich in solchen Dingen schnell glaubt, ist leichtsinnig, und vielleicht ist er auch aufgeblasenen Sinnes, indem er sich für solche Visionen und Offenbarungen besonders geeignet hält. – Deshalb sind solche Erscheinungen mehr zu fürchten als zu erwünschen.

Es wird nämlich von einem gewissen heiligen Pater erzählt, daß er, als ihm der Teufel in der Gestalt Christi erschien, die Augen schloß und sprach, er wolle in diesem Leben Christus nicht sehen. Da verschwand der Teufel, durch solche Demut beschämt, auf der Stelle.

Andererseits wird von sehr vielen berichtet, die sich für Visionen geeignet hielten und sie begehrten, die in viele Wahnvorstellungen und Irrtümer gestürzt sind”.

Johannes Gerson  ist der Meinung, daß es kaum eine zerstörendere und ungesundere Seuche gibt als die Begierde nach Offenbarungen.

Die Zurückhaltung der Kirche gegenüber Privatoffenbarungen ist eine grundlegende Verpflichtung auch für den einzelnen Katholiken.

Daher sollen weder seine eigenen subjektiven Erlebnisse noch jene anderer für ihn eine entscheidende Norm für sein geistliches Leben sein, vielmehr soll er sich der öffentlichen Offenbarung unterwerfen und der Lehre und der Leitung der Kirche anvertrauen. Wichtiger als die Privatoffenbarungen sind das Evangelium und die Sakramente .

Gefahr von Geltungsstreben und Selbsttäuschung

Weil die Gefahr der Selbsttäuschung hier groß ist, kann die subjektive Gewißheit des Visionärs nicht an die Stelle einer eingehenden Prüfung gesetzt werden.

Zurückhaltung ist auch deswegen geboten, weil bei derartigen Phänomenen nicht selten aufdringliche Propaganda und menschliches Geltungsstreben mitspielen und weil ihnen die Tendenz zur Eskalation immanent ist. Sie arten leicht aus zu einer Leidenschaft, speziell in Zeiten des Umbruchs.

In der ganzen Kirchengeschichte hat die Kirche nicht so viele falsche Offenbarungen verwerfen müssen wie im 20. Jahrhundert.

Der ungesunden Begierde nach Offenbarungen liegt einerseits ein geschwächter Glaube zugrunde, andererseits das Streben nach immer neuen Abwechslungen. Es wird ausgesprochener Mißbrauch mit den Privatoffenbarungen getrieben, wenn man mit ihrer Hilfe historische oder topographische Fragen zu lösen versucht.

Mit ihnen kann man keine exegetischen Schwierigkeiten lösen. Sie können nicht als theologische Beweismittel Verwendung finden. Sie haben keinen Platz in der theologischen Erkenntnislehre. Sie können nicht davon dispensieren, das Denken und Leben nach den Lehren des Glaubens und mit Hilfe der Vernunft zu normieren.

Stets eine untergeordnete Stellung

Schon deshalb kann ihre Stellung im kirchlichen Leben stets nur eine untergeordnete sein. Das Heil liegt nicht in den außerordentlichen Dingen.

Nicht die visionäre Erleuchtung ist die Grundlage des christlichen Lebens, sondern der Glaube an die  –   der Kirche anvertraute   –  öffentliche Offenbarung, das depositum fidei. Nicht die Ekstase ist der Höhepunkt der Vollkommenheit, sondern die Liebe. kt2012-p1110153

Bei aller Wertschätzung der außerordentlichen Gnadengaben ist auch für Paulus die Agape wichtiger. Dieser Gedanke findet sich in immer neuen Variationen bei Johannes vom Kreuz. Das Streben des Menschen muß sich primär auf die Vereinigung mit Gott, auf die Entfaltung der Liebe richten. Dabei muß er sich in erster Linie der gewöhnlichen Gnadenordnung bedienen.

Niemals werden Privatoffenbarungen von der Kirche als Gegenstand allgemeiner Glaubenspflicht vorgelegt.

Ihre kirchliche Approbation besagt nur, daß sie nichts enthalten, was dem Glauben und der Sitte widerspricht, daß sie veröffentlicht und Gegenstand des Kultes werden können, daß ihre übernatürliche Verursachung vernünftigerweise (fide humana) angenommen werden kann und sie der Erbauung der Gläubigen dienen können.

Approbierte Erscheinungen sind nicht verpflichtend

Ihre kirchliche Billigung hat nicht die Gewißheit des göttlichen Glaubens zum Ziel, wie das bei dem depositum fidei der Fall ist, sondern nur eine Zustimmung im menschlichen Glauben, wonach sie wahrscheinlich glaubwürdig sind. media-444757-2

Die Approbation geht mehr auf die Vereinbarkeit einer Privatoffenbarung mit der öffentlichen Offenbarung als auf ihre Echtheit oder Gottgewirktheit. Sie gehört nicht in den Bereich des Lehramtes, sondern des Hirtenamtes.

Daher sind auch approbierte Privatoffenbarungen für die Gläubigen nicht verpflichtend. Die Kirche könnte sie gar nicht verpflichtend machen, selbst wenn sie es wollte, denn ihre Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf die Bewahrung und Interpretation der öffentlichen Offenbarung.

Infolgedessen sind maßvolle Kritik an den Privatoffenbarungen und ihre begründete Ablehnung möglich und durchaus mit dem Glauben zu vereinbaren, wenn sie nur mit der gebotenen Bescheidenheit, vernünftig und ohne Mißachtung vorgetragen werden.

Der einzelne hat, von Sonderfällen abgesehen, für sich das Recht, niemals von Privatoffenbarungen Gebrauch zu machen. Auch wenn sie offiziell von der Kirche approbiert worden sind, ist er nicht an sie gebunden.

Das hat letztlich seinen Grund darin, daß von außen für gewöhnlich nur ein mehr oder weniger hoher Grad von Wahrscheinlichkeit für die Echtheit einer Privatoffenbarung erreichbar ist.

Dem Außenstehenden ist der Zugang zu dem eigentlichen mystischen Kernerlebnis eines Visionärs verwehrt. Selbst für den unmittelbaren Empfänger einer Offenbarung ist hinsichtlich ihrer Echtheit oft nur schwerlich Gewißheit zu erreichen.“

HIER geht es zum vollständigen Artikel von Prof. Schumacher: Privatoffenbarungen[1]