Berliner: Rabbiner Yehuda Teichtal wurde im Beisein seiner Kinder attackiert

Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Yehuda Teichtal, wurde vergangenes Wochenende von zwei Männern auf Arabisch beschimpft und bespuckt.

Der Angriff fand in der Nähe einer Synagoge im Bezirk Wilmersdorf statt, in der Rabbiner Teichtal zuvor den Gottesdienst geleitet hatte. Nach der Anzeige von Rabbiner Teichtal, der sich während des Angriffs in Begleitung eines seiner Kinder befand, hat die Polizei die Ermittlungen aufgenommen.

BILD: Eingangshalle der Synagoge von Münster (Foto: Felizitas Küble)

Rabbiner Yehuda Teichtal:

„Wir müssen leider feststellen, dass die Aggressionen gegen Juden sowohl auf den Schulhöfen als auch auf den Straßen Berlins ein Eigenleben entwickelt haben. Ich bleibe aber weiterhin überzeugt: Die meisten Menschen in Berlin wollen diese Aggression gegen Juden als traurigen Bestandteil des jüdischen Alltags nicht hinnehmen.

Die meisten Berlinerinnen und Berliner wollen, dass Jüdische Menschen ihr Judentum offen leben können, ohne Angst zu haben, beschimpft, bespuckt oder gar geschlagen zu werden. Natürlich werden wir uns jetzt nicht verstecken, sondern bauen weiter auf Liebe, Toleranz, Dialog und Bildung.“

Quelle und FORTSETZUNG der Meldung hier: http://www.jg-berlin.org/beitraege/details/gemeinderabbiner-bespuckt-und-beleidigt-i962d-2019-07-31.html


Israel: Zwei Juden durch Terrorangriff ermordet, der Rabbi hinterläßt 12 Kinder

​Bei einem Terrorangriff in der Nähe von Ariel in Samaria wurden gestern (17.3.) ein israelischer Soldat getötet und zwei weitere Personen schwer verletzt. Einer der Verwundeten erlag heute Morgen seinen Verletzungen.

Nach ersten Ermittlungen griff der Terrorist den Soldaten Gal Keidan an einer Straßenkreuzung mit dem Messer an, entwendete sein Gewehr und tötete ihn. Mit dem Gewehr schoss er auf weitere Personen und verletzte dabei einen weiteren Soldaten und einen Zivilisten schwer.

Der Zivilist, Rabbiner Achiad Ettinger, verstarb heute Morgen im Krankenhaus in Petach Tikwah. Der verletzte Soldat befindet sich in kritischem Zustand. Der Terrorist wurde wohl von heraneilenden Soldaten durch Schüsse verletzt, konnte aber fliehen. Nach ihm wird derzeit gesucht.

Der getötete Soldat Gal Keidan stammte aus Beer Sheva. Er wurde 19 Jahre alt.

Der getötete Rabbiner Achiad Ettinger stammte aus Eli in der Nähe von Ariel.  Der 47-Jährige hinterlässt 12 Kinder.

Quelle: Times of Israel – Foto: Israelische Botschaft in Berlin


Bochum: Dr. Moisei Boroda und Heide Riek erinnerten an die Opfer der Shoah

Von Felizitas Küble

Am Mittwoch, 23. Januar 2019, veranstaltete das „Zentrum für Stadtgeschichte“ in Bochum eine besinnliche und zugleich bewegende Lesung zweier Autoren zum Gedenken an die Opfer der Shoah. Die Leiterin, Dr. Ingrid Wölk, informierte in ihrem Eingangsreferat über die wesentlichen Fakten zu Auschwitz und der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Europa.

Die in Stettin geborene Lyrikerin Heide Riek (siehe Foto) machte mit ihrem im Jahre 2012 erschienenen Buch „Aber die Schatten…“ vertraut, aus dem sie einige Episoden vorlas. Die bewegende Biografie handelt von einem vor den Nazis in die USA geflüchteten Juden, der später in seine Heimatstadt Wien zurückkehrt und dort frühere Bekannte wiedersieht und alte Erinnerungen austauscht.

Zudem trug die Autorin einige ihrer Gedichte vor, teils auch an Goethe angelehnt, die sich mit den zwölf Schreckensjahren der deutschen Geschichte befassen und dabei die Perspektive der Opfer einnehmen.

Der Abend war umrahmt von Musikstücken des georgisch-deutschen Komponisten Dr. Moisei Boroda (siehe Foto). Der seit langem in Herne lebende Jude setzt sich besonders für die christlich-jüdische Verständigung ein.

Dazu gehört auch die Erinnerung an deutsche Judenretter und besonders an christliche Geistliche, die unter der NS-Herrschaft verfolgt oder ermordet wurden.

Der Musikwissenschaftler und Träger mehrerer Literaturpreise würdigt dabei vor allem die zahlreichen katholischen Priester, die als Blutzeugen ums Leben kamen, meist im KZ Dachau, in dem ca. 3000 Priester inhaftiert waren. (Näheres hier: https://charismatismus.wordpress.com/2018/11/26/muenster-juedischer-kuenstler-dr-mosei-boroda-wuerdigt-christliche-maertyrer-der-ns-diktatur/

Beim Gedenkabend in Bochum trug er seine literarische Erzählung „Die Antwort“ vor, die in das 15. Jahrhundert in Spanien zurückführt, als die Judenverfolgungen immer stärker zunahmen, zuletzt durch die Vertreibung der meisten Juden unter Königin Isabella.

FOTO: Der jüdische Komponist Dr. Boroda mit seiner christlichen Frau Sofia kurz nach der Veranstaltung in Bochum

In der Geschichte „Die Antwort“ geht es um die tragische Situation eines Rabbiners, der vom städtischen Herrscher vor die Wahl gestellt wird, entweder einen flüchtenden Judenchristen, der von der Inquisition gesucht wird, auszuliefern oder andernfalls für die Vertreibung aller Juden in der Stadt verantwortlich zu sein. Diese Qual der Wahl zerreißt dem gewissenhaften Rabbiner fast das Herz. Dem Jubel seiner geretteten Gemeinde kann er sich daher nicht ohne weiteres anschließen.

So führte der Abend die Besucher zum Nachdenken und verinnerlichte den Themenkreis Gewissen, Verantwortung und historisches Gedenken als Lernimpuls für die Zukunft.


Israel: Konferenz in Tel Aviv über das Judentum als „nationale Kultur“

Eine internationale Konferenz des Leo-Baeck-Instituts Jerusalem hat sich in dieser Woche mit dem Judentum als nationale Kultur beschäftigt.

Mit der wegweisenden Schrift Leopold Zunz‘s „Etwas über die rabbinische Literatur“ von 1818 und der Gründung des Vereins für die Wissenschaft der Juden 1819 nahm in Berlin eine Revolution in der Auffassung des Judentums ihren Anfang.

Erstmals wurde das Judentum nicht als jüdische Religion, sondern als nationale Kultur aufgefasst, in der die Religion lediglich eine Komponente darstellte.

Die Geschichte dieser Revolution, genauer gesagt die Geschichtsschreibung darüber war der Gegenstand der diesjährigen internationalen Jahrestagung des Leo Baeck Instituts Jerusalem mit dem Titel „200 Jahre Wissenschaft des Judentums: Geschichtsschreibung, Ideologie, und die Herausforderung einer nutzbaren Geschichte“, die vom 18. – 20. Februar in Tel Aviv und Jerusalem führende Vertreter/innen des Fachs zusammenbrachte.

„Die Gründerväter der Wissenschaft des Judentums waren davon überzeugt, dass die Wissenschaft dabei helfen könnte, die jüdische Frage in Europa zu lösen. Die Vergangenheit war für sie eine nutzbare Geschichte. Die Konflikte, um die Interpretation der jüdischen Geschichte sind der Ausgangspunkt unserer Tagung“, erläuterte Professor Shmuel Feiner, der Präsident des Leo-Baeck-Instituts Jerusalem. 

Der bekannter Rabbiner Leo Baeck sagte 1945 nach seiner Befreiung aus dem KZ Theresienstadt: „Unser Glaube war es, dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden könnten. Dies war eine Illusion – die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei.“

Der deutsche Botschafter in Israel, Dr. Clemens von Goetze, erklärte hierzu: „Diese Prophezeiung von Leo Baeck war nach dem Abgrund der Shoah nur allzu verständlich, hat sich glücklicherweise aber nicht erfüllt. Wir sind froh, dass wir heute wieder blühende jüdische Gemeinden und aktive Zentren der Wissenschaft des Judentums in Deutschland haben“.

Quellen: Leo Baeck Institut – Israelische Botschaft


USA: Vereinigung von Christen und Juden sammelt für verfolgte Christen

Die International Fellowship of Christians and Jews, eine internationale Vereinigung mit Sitz in Chicago und Jerusalem, hat mit einer Sammlung für Christen und andere Minderheiten im Nahen Osten begonnen, die unter islamischer Gewalt zu leiden haben. 

Die Kampage mit dem Titel „Selig die Verfolgten“ hat letzte Woche mit einem Anfangsziel von 100.000 Dollar begonnen. Die Initiative  –  berichtet der Jewish News Service  – verfolgt das Ziel, Projekte für medizinische und psychologische Betreuung vor allem für kriegstraumatisierte und von Gewalt betroffene Kinder zu unterstützen.

„Gerade während wir weiterhin den Antisemitismus bekämpfen“, erklärte Rabbiner Yechiel Eckstein, Begründer und Vorsitzender von Fellowship, „müssen wir etwas gegen die wachsende Verfolgung von Christen in aller Welt unternehmen“.

Die internationale Vereinigung ist in den 80er Jahren durch amerikanische Juden und evangelikale Christen entstanden und hat ihr Netz auch in andere Länder getragen. Jedes Jahr sammelt die Organisation ca. 100.000 Dollar; die Hälfte davon wird für Betreuungsprojekte in Israel ausgegeben, die andere Hälfte für verfolgte Christen.

Quelle: Fidesdienst


Von Pius XII. bis Benedikt XVI.: Faire jüdische Stimmen für Papst und Kirche

Von Felizitas Küble

Die kontroverse Debatte um eine mögliche Seligsprechung  von Papst Pius XII. reißt nicht ab. Einwände gegen diesen Pontifex gibt es von verschiedenen Seiten, häufig von ‪„Reformkatholiken‪“, bisweilen melden sich auch kritische jüdische Stimmen zu Wort. pabst-pius-xii-

Für etliche progressive Theologen scheint es schon zu genügen, daß Pius XII. ein ‪„‪vorkonziliarer Papst“ war, um starke Skepsis auszulösen. Auch von bürgerlicher Seite hört man manchmal den Einwand, Pius XII. sei zu sehr ‪„entrückt‪“, vom Typ her sehr aristokratisch, insgesamt zu wenig volkstümlich gewesen.

Von einer Reihe jüdischer Vertreter wird seit langem Kritik am Pacelli-Papst geübt, weil er  – so wird behauptet  –  zur Judenvernichtung der Nationalsozialisten geschwiegen und insofern versagt habe.

Dieser Aspekt wird allerdings nicht von allen jüdischen Persönlichkeiten und Vereinigungen so rigide beurteilt. Der bekannte Physiker Albert Einstein schrieb am 23. Dezember 1940  im „Time Magazin‪“ über die katholische Kirche: „Nur die Kirche blieb aufrecht stehen, um den Kampagnen Hitlers zur Unterdrückung der Wahrheit den Weg zu versperren.‪“

Foto: KOMM-MiT-VerlagEinstein bekennt in seiner Stellungnahme, daß er nie ein besonderes Interesse für die katholische Kirche hegte, jetzt aber „große Zuneigung und Bewunderung‪“ empfinde, da „allein die Kirche den Mut und die Hartnäckigkeit gehabt hat,  auf der geistigen Wahrheit und moralischen Freiheit zu bestehen.‪“    – Der jüdische Nobelpreisträger fügte hinzu: „Ich muß sagen, daß ich das, was ich einst verachtete, jetzt bedingungslos lobe.‪“

Nach dem Tod von Pius XII. veröffentlichte Golda Meir, die israelische Außenministerin und spätere Ministerpräsidentin, einen positiven Nachruf, in welchem sie den verstorbenen Papst als einen „großen Diener des Friedens‪‪“ bezeichnete; er habe ‪„während der zehn Jahre des Nazi-Terrors, als unser Volk furchtbare Qualen erlitt, seine Stimme für die Opfer erhoben und die Henker verurteilt.‪‪“ –  Auch die Rabbiner von Rom, Jerusalem, London und Frankreich sowie der Großteil der jüdischen Vereinigungen schloß sich der Würdigung Meirs an.

„Pave the Way‪“ bemüht sich um Differenzierung

Um ein faires Geschichtsbild hinsichtlich Pius XII. kümmert sich seit Jahren die jüdische Stiftung „Pave the Way‪“. Anläßlich seines 50. Todestages veranstaltete diese amerikanische Vereinigung vom 15. bis 17. September 2009 eine Studientagung im Vatikan, wobei vor allem die positive Rolle untersucht wurde, die Pius XII. bei der Rettung tausender von Juden gespielt hat. Papst Benedikt XVI

„Pave the Way‪“ ging bereits Anfang Februar 2009 einen eigenständigen Weg jenseits des üblichen Medien-Mainstreams, als sich diese jüdische Vereinigung schützend vor Papst Benedikt XVI. stellte und die Schlammschlacht gegen ihn verurteilte, die wegen der Aufhebung der Exkommunikation hinsichtlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. und absurder Äußerungen von Weihbischof Williamson erfolgte.

Am 18. September 2009 hielt Papst Benedikt eine Ansprache an die Teilnehmer einer Pave-the-Way-Tagung in Castel Gandolfo. Dabei erklärte er über den Ablauf dieses Symposiums:

„Ich weiß, daß viele herausragende Gelehrte sich an den Überlegungen beteiligt haben, deren Gegenstand das vielfältige Wirken meines geschätzten Vorgängers  – des Dieners Gottes Pius XII. –  in der schwierigen Zeit um den Zweiten Weltkrieg war…Sie haben unvoreingenommen die geschichtlichen Fakten analysiert und sich allein mit der Suche nach der Wahrheit befaßt.

‪In den vergangenen fünf Jahrzehnten ist sehr viel über ihn geschrieben und gesagt worden, und nicht alle wirklichen Aspekte seines Wirkens wurden im rechten Licht untersucht. Die Absicht Ihres Symposiums bestand darin, einige dieser Lücken zu schließen durch eine sorgfältige Untersuchung vieler seiner Stellungnahmen und Interventionen, besonders zugunsten der Juden, die in jenen Jahren in ganz Europa zur Zielscheibe wurden, dem kriminellen Plan derer entsprechend, die sie von der Erdoberfläche tilgen wollten.  Radio Vatikan

‪Nähert man sich diesem edlen Papst ohne ideologische Vorurteile, wird man nicht nur von seinem erhabenen geistlichen und menschlichen Charakter ergriffen, sondern darüber hinaus auch von der Vorbildlichkeit seines Lebens und dem außerordentlichen Reichtum seiner Lehre. So wird man auch die menschliche Weisheit und die tiefe Hirtensorge schätzen, die ihn in den langen Jahren seines Amtes geleitet haben und insbesondere bei der Organisation der Hilfe für das jüdische Volk.‪‪“

Der Papst bedanke sich sodann bei der Stiftung „Pave the Way‪“ für ihre Forschungsarbeit und ihre „beständigen Aktivitäten‪‪“ zugunsten des Friedens und der Verständigung.  Er beendete seine Ansprache mit den Worten: „Mit diesen Gedanken rufe ich auf Sie und die Arbeiten Ihres Symposiums die Fülle des göttlichen Segens herab.‪“

Auch in Yad Vashem änderte sich die frühere Sicht

Aber auch in Israel findet inzwischen ein gewisses Umdenken statt. Avner Shalev, der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, erklärte im Mai 2009, sein Dokumentations-Center habe neue Unterlagen aus den vatikanischen Archiven erhalten, die das in den Medien verbreitete Bild von Pius XII. ‪„‪zutiefst verändern“ könnten.

Demnach erteilte dieser Papst während des Zweiten Weltkrieges persönlich die Anweisung, verfolgte Juden in einem Kloster bei Rom zu verstecken. Aus Dankbarkeit dafür ließ sich der römische Großrabbiner Israel Zolli nach dem 2. Weltkrieg auf den Vornamen Eugenio taufen, als er in die katholische Kirche übertrat. (Der bürgerliche Name von Papst Pius XII. lautete Eugenio Pacelli.) RadioVatikan

Am 25. Januar  2010 veröffentlichte der bedeutende französische Philosoph Bernard-Henri Levy ein deutliches Plädoyer für Pius XII. in ‪„‪The Huffington Post“, worin er zugleich den damals vielfach attackierten Papst Benedikt verteidigt. Dieser jüdische Schriftsteller, in Frankreich unter dem Kürzel ‪„‪BHL“ bekannt, wurde von der linken ‪„‪ taz“ ‪am 13.4.2007 in einem ansonsten kritischen Text als ‪„‪der Popstar unter Frankreichs Intellektuellen“ bezeichnet.

BHLs Artikel vom 25.1.2010 beginnt mit den Worten: ‪„Es ist Zeit, der Unaufrichtigkeit ein Ende zu setzen‪‪“ –  und er kritisiert, daß ein Papst aus der Sicht der meisten Medien heute alles sein dürfe, ‪„‪nur nicht konservativ‪“.

Würdigung der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937

Der Philosoph wendet sich gegen den ‪„‪Chor der Falsch-Informierer‪“ und verweist auf die päpstliche Enzyklika ‪„Mit brennender Sorge‪“, die er als ‪„‪eines der stärksten und aussagekräftigsten Anti-Nazi-Manifeste“ würdigt. Der spätere Papst Pius XII. und damalige päpstliche Nuntius in Deutschland, Kardinal Pacelli, sei ‪„‪Mit-Autor“ dieses eindrucksvollen Dokumentes gewesen, das unter Papst Pius XI. erschien und 1937 von den kath. Kanzeln in Deutschland verlesen wurde.

Einen Tag vor BHLs Pius-Verteidigung war ein ähnlicher Artikel in der bekannten israelischen Tageszeitung ‪„‪Haaretz“ zu lesen. Am 24. Januar 2010  wurde Papst Pius XII. in einem ausführlichen Bericht unter dem Titel ‪„Der vielgeschmähte Papst‪“ deutlich in Schutz genommen. Sayn-Abteikirche-DSC_0195-2

Auch ‪„Haaretz‪“ erwähnt seine Mitarbeit an der Enzyklika ‪„‪Mit brennender Sorge“, die den Nationalsozialismus wortgewaltig verurteilt habe: ‪„‪Die Enzyklika wurde nach Deutschland geschmuggelt und am 21. März 1937 von den katholischen Kanzeln verlesen.“ –  Die anspruchsvolle Zeitung zitiert aus einem Nazi-Dokument, wonach dieses päpstliche Rundschreiben ‪„‪eines der schwersten Angriffe auf die deutsche Regierung“ sei, zumal es ‪„die katholischen Bürger zum Aufstand gegen die Autorität des Staates‪“ auffordere.

Sodann verweist ‪„‪Haaretz“ auf diverse Dokumente, die für Pius XII. sprechen, auch darauf, daß die Nazis äußerst unzufrieden waren, als Kardinal Pacelli zum Papst gewählt wurde. Am 4.3.1939 schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch: ‪„Mittags mit dem Führer. Es ist zu prüfen, ob wir das Konkordat mit Rom im Lichte der Wahl Pacelli als Papst kündigen sollten.‪“

Abschließend schreibt die bekannte israelische Tageszeitung, es sei wohl nur in einer ‪„rückständigen Welt‪“ wie der heutigen möglich, einen so ‪„‪einzigartigen Mann“, der so vielen Juden und Nazi-Opfern beigestanden habe, derart unfair zu schmähen.

Diese Aussagen verdeutlichen, daß es auch unter Juden durchaus unterschiedliche Ansichten über die Rolle der katholischen Kirche in der NS-Diktatur und über Pius XII. gibt. Das Plädoyer für eine faire und differenzierte Würdigung dieses Papstes schließt natürlich eine begründete Sachkritik nicht aus, lehnt aber Diffamierungen ab, wie sie in oberflächlichen Medien nicht selten zu lesen sind.

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der internationalen katholischen Nachrichtenagentur ZENIT: https://de.zenit.org/articles/faire-juedische-stellungnahmen-fuer-die-katholische-kirche-und-papst-pius-xii/


Das Judentum: Die Religion der Ehrfurcht

Von Felizitas Küble

Die Wurzel des Christentums ist das Alte Testament. Wo diese Grundlage des Glaubens verdrängt oder vernachlässigt wird, gerät das Gottesbild leicht in ein schiefes Licht: es wird allzu „sanft“, nimmt gar kitschige Züge an oder es verschwimmt im Gutmenschentum und sozialethischen Pathos. mutter-anna

Die Bibel Israelis –  das Alte Testament  –  betont sehr deutlich die Heiligkeit und Souveränität (Unabhängigkeit) Gottes; seine Liebe zu den Menschen wird ebenfalls gerühmt, aber nicht gegen die Gerechtigkeit des HERRN ausgespielt, wie dies leider bei christlichen Predigern immer wieder geschieht.

Wenn eine mißverstande Liebe bzw. Lieblichkeit aber die Heiligkeit und Gerechtigkeit des Ewigen an die Wand drückt, wird die Heilige Schrift mißverstanden, auch das Neue Testament, das auf der Hebräischen Bibel (AT) aufbaut – und dieses nicht verneint, sondern seine Verheißungen zur Vollendung führt.

Das Judentum ist eine ehrfurchtsgebietende Religion – es ist zugleich die Religion der Ehrfurcht vor dem Höchsten. Damit ist keine Ängstlichkeit vor Gott gemeint, sondern das dankbare und frohe Staunen über die Größe und Erhabenheit Gottes. Damit verbunden ist die Demut des Menschen. Demut kommt sprachlich von „Dienmut“, also „Mut zum Dienen“ – gefragt ist der Mut, dem Schöpfer zu dienen und ihm zu gehorchen.

Aus vertrauensvoller Liebe, aus dem Glaubensgehorsam heraus ergibt sich die so verstandene „Gottesfurcht“, die der Anfang der Weisheit ist, wie der Psalmist weiß (vgl. Ps. 111,10).

Daß diese Ehrfurcht beileibe keine steife oder kalte Angelegenheit ist, zeigt das AT an vielen Stellen, zB. dieser: „Die Sonne strahlt Wärme aus, schon wenn sie aufgeht – wie ehrfurchtsgebietend ist doch das Werk des HERRN“ (Sir 43,2).

Licht und Gerechtigkeit  –  HEILIG dem HERRN

Aus dieser Haltung heraus wurde auch der Gottesdienst Israels gestaltet. Der Hohepriester wurde mit feierlichen Gewändern, u.a. aus Gold und Purpur, bekleidet. Auf der Brust war sein Amtsschild angebracht  – es trug die Aufschrift „Licht und Gerechtigkeit„. Ebenso aufschlußreich ist die Inschrift auf der „Krone“ des Hohenpriesters: HEILIG dem HERRN. –  Diese drei Worte wurden auf das goldene Stirnblatt eingeprägt (vgl. Ex 28,30 und 28,36). cover

Das Christentum tut gut daran, sich verstärkt seiner alttestamentlichen Wurzeln zu besinnen.

Dazu empfiehlt sich auch die Lektüre des Klassikers von Leo Baeck „Das Wesen des Judentums“. Der bedeutende deutsch-jüdische Rabbiner legt in diesem Werk eine Gesamtschau des jüdischen Glaubens, Denkens und Fühlens vor. Wir haben hier bereits darüber berichtet, auch über Baecks positives Jesusbild: https://charismatismus.wordpress.com/2016/09/16/leo-baeck-europas-grosser-rabbiner-ueber-jesus-den-juedischen-bruder/

Viele seiner Aussagen über Eigenschaften Gottes oder die menschlich angemessene Haltung gegenüber dem Ewigen gelten für Juden und Christen gleichermaßen. Das zeigen auch die folgenden Aussagen des Autors über die göttliche Erhabenheit und die menschliche Ehrfurcht:

Religiöses Grunderlebnis: GOTT ist anders…

„Die prophetische Erkenntnis Gottes geht aus dem religiösen Grunderlebnis hervor, daß Gott anders ist als alles, anders als alle Welt und Natur, anders als alles Geschick und Verhängnis, anders als alles Geschaffene und Werdende, Irdische und Weltliche. ER ist von dem allen verschieden, über das alles erhaben – oder wie die Heilige Schrift es nennt: Er ist der Heilige.

Erst der Glaube an den einen Gott hat das Gefühle für das Erhabene, für das Hohe in seiner Einzigkeit, in seiner Reinheit, fast könnte man sagen: für das Hohe und Tiefe in seiner Einheit gewonnen. 100714052333-b1-

Alles Erhabene der Kunst hat seine Bedeutung darin, daß es Symbol und Gleichnis des Göttlichen sein will… Kein Wort, das den Ewigen nennen und vergleichen will, reicht an sein Wesen heran. Darum wird hier die Andacht schließlich zum Schweigen; die Tiefe des Stilleseins ist das Letzte und Stärkste, was den Menschen erfaßt, wenn das Unbegrenzte der Gottheit an sein Empfinden herantritt: „Sei stille vor IHM alle Welt.“

Das Gefühl, das den Menschen gegenüber dem erhabenen Gott erfaßt, ist die fromme Scheu der Ehrfurcht vor dem Ewigen. Ehrfurcht können wir nur vor dem empfinden, was höher ist als wir, aber doch uns verwandt oder verbunden.

Zur Ehrfurcht gesellt sich die Demut

Die Ehrfurcht vor Gott ist die eigentlichste Ehrfurcht. Gegenüber dem heiligen Gott, der uns erschaffen hat und vor dem das Größte auf Erden so klein ist wie alles Kleine, erfüllt uns die Demut. Erst wenn wir den erhabenen Gott als den gebietenden, gerechten, heiligen Herrn erleben, als den, der zum Menschen das DU SOLLST spricht, empfinden wir die Ehrfucht.

Es ist ein Adelszeichen der Seele, der Ehrfurcht fähig zu sein; das ist die vornehmste aller menschlichen Regungen; es ist die Empfindung des freien Menschen, der media-390606-2 - Kopieemporzuschauen vermag, der um die Größe des Sittlichen, um das Gebot der Freiheit und ihre Verantwortlichkeit weiß. Der knechtliche Sinn ist ehrfurchtslos…

Das Judentum ist eigentlich die Religion der Ehrfurcht; sie ist das religiöse Grundgefühl neben der Demut. Demut beinhaltetr das Bewußtsein der Abhängigkeit vom Schöpfer. Die Liebe zu Gott ist  e i n s  mit der Ehrfurcht vor ihm.

„Dem DU SOLLST ist die Bedeutung des Absoluten gegeben“

Wenn wir erleben, daß wir  G o t t  dienen, so empfinden wir die Ehrfurcht vor ihm. Wenn wir erleben, daß wir Gott  d i e n e n ,  dann empfinden wir die Liebe zu ihm; wir fühlen, daß wir uns mit Gott verbinden. Die Liebe zu Gott bleibt jedoch nie ein Empfinden allein; sie gehört zum sittlichen   H a n d e l n  des Menschen, sie umschließt eine klare   A u f g a b e  und ein bestimmtes Gebot: Es ist das DU SOLLST, das an sie ergeht….

Ehrfurcht und Liebe, Demut und Vertrauen: In dem Bewußtsein, Gottes Gebot zu vernehmen, tritt – wie bei der Demut – die Unendlichkeit in die Seele des Menschen ein… Das DU SOLLST ist ohne Ende, ewig wie der ewige Gott, aber es hat immer wieder einen Beginn in dem DU KANNST des Menschen…

Der Moral ist die Bedeutung des Absoluten gegeben: Wir sind zum Guten verpflichtet, „so wahr Gott lebt“. Der gebietende Gott spricht ein unbedingtes „Du sollst“ und „Du sollst nicht“; er gibt keine Ratschläge, sondern Gebote.“

Die Zitate aus dem Buch „Das Wesen des Judentums“ sind entnommen den Seiten 100, 108, 138 – 142

Erstveröffentlichung dieses Artikels vor über 22 Jahren in unserer KOMM-MIT-Jugendzeitschrift (Nr. 1 – 2/1994)