Israel trauert um Ralph Giordano

Als Reaktion auf die Nachricht vom Tod des jüdischen Schriftstellers Ralph Giordanos erklärte der israelische Botschafter in Berlin, Yakov Hadas-Handelsman: 100714052333-b1-

„Mit großer Trauer haben wir vom Tod Ralph Giordanos erfahren.

Wir haben einen unserer besten Freunde verloren. Ralph Giordano fühlte sich mit Israel unlösbar verbunden. Und wir wussten ihn immer an unserer Seite.

Ralph Giordano hat in Deutschland während der Shoah Unvorstellbares erlitten; und trotzdem entschied er sich für ein Leben in diesem Land. Er fühlte sich der Aufklärung über die unmenschliche deutsche Nazi-Diktatur verpflichtet. Das ist sein politisches Testament.

Es macht uns sehr traurig, dass wir uns nun von diesem klugen, starken und gradlinigen Mann verabschieden müssen. Wir werden Ralph Giordano sehr vermissen und ihn nicht vergessen.“

Quelle: Botschaft des Staates Israel, 11.12.14


Kollektivschuldthesen „entlasten“ die wirklichen Täter

Antwort von Felizitas Küble zur Kollektivschuld-Debatte in der FAZ

Die „Frankfurter Allgemeine“ veröffentlichte heute (19.4.) meine Stellungnahme zu den Leserbriefen von Dr. Ralph Giordano und Dr. Andreas Püttmann.

Beide Herren hatten sich zuvor scharf gegen meine Leserzuschrift gewandt, die in der FAZ vom 2.4. veröffentlicht worden war  –  hier der volle Wortlaut:
https://charismatismus.wordpress.com/2012/04/05/leserbrief-debatte-in-der-faz-uber-die-kollektivschuld-these/

Darin habe ich mich kritisch mit der 68er-Revolte und der Kollektivschuldthese auseinandergesetzt.

Der heutige Abdruck meines Leserbriefs als Echo auf die beiden Kritiker ist erfreulich, allerdings nicht vollständig ; hier lesen Sie nun den gesamten Wortlaut meiner Stellungnahme, wobei die beiden hier von mir kursiv gesetzten Absätze ziemlich am Schluß von der FAZ gestrichen wurden:

„Auf die beiden am 5. April in der FAZ veröffentlichten Kritiken zu meinem Leserbrief vom 2. April möchte ich gerne antworten:

Dr. Ralph Giordano möge berücksichtigen, daß ich  – hinsichtlich der Zeit vor 1968 – nicht von einer wünschenswerten oder gar optimalen Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur schrieb, sondern von einer „ernsthaften“ –  und dabei bleibe ich, zumal ich Adenauers Versuch einer  – auch finanziellen  – Wiedergutmachung gegenüber Israel erwähnt hatte, wohingegen die 68er Revolte insoweit aus „Sprücheklopferei“ bestand (oft noch dazu antizionistisch geprägt).

Ich erinnere zudem an die faktenstarken Bücher von Nahum Goldmann, Gründer und von 1949 bis 1978 Präsident des Jüdischen Weltkongresses; darin äußert sich Goldmann insgesamt positiv über Nachkriegsdeutschland und würdigt besonders Adenauers Israelpolitik (vgl. z.B. seine Biographie „Mein Leben als deutscher Jude“).

Überdies habe ich keineswegs eine  „Kollektivunschuld“ vertreten, nur weil ich differenzierte  „zwischen Tyrannei einerseits und dem unterdrückten Volk andererseits, das größtenteils selber unter dieser Diktatur zu leiden hatte“.

Der Verfasser erwähnt sodann „die bis auf eine Minderheit führerbesoffenen Deutschen“, wie er sie „damals erlebt“ habe. Dies war sicher regional sehr verschieden, wie die Wahlergebnisse ausweisen, wonach etwa in katholischen Gegenden durchgängig weniger NSDAP gewählt wurde als anderswo.

Bei der letzten freien Reichstagswahl am 6. November 1932 erreichte die NSDAP 33,1%, also ein Drittel  –  also nach  „führerbesoffenen Deutschen bis auf eine Minderheit“ sieht das nicht aus.  –  Zudem hatte Hitler die Reichspräsidentenwahl vom April 1932 verloren;  wiedergewählt wurde eindeutig Reichspräsident Paul von Hindenburg, für den auch Parteien der Mitte (zB. das Zentrum) und die SPD geschlossen eintraten, um Hitler zu verhindern, was insoweit auch gelang.

Dr. Giordano möge außerdem bedenken, daß die von mir kritisierten 68er oft sehr israelfeindlich agitierten bis hin zur RAF als einem radikalem Ausläufer, wobei sich diese antizionistischen Terroristen z. T. in PLO-Kampflagern des Südlibanon ausbilden ließen.

Dazu kommt  – und darauf hat auch Hannah Arendt besorgt hingewiesen  –  daß durch Kollektivschuldthesen wirkliche Täter scheinbar „entlastet“ werden, da sie im „Meer“ der vermeintlich „Kollektivschuldigen“ nicht mehr auffallen, denn wenn alle schuld sind, fällt persönliche Schuld kaum noch ins Gewicht. Daher sind derartige Theorien für real Verantwortliche geradezu bequem und scheinbar entlastend.

Was den Leserbrief von Dr. Andreas Püttmann betrifft, so schreibt er z.B: „Eine katholische Publizistin sollte etwas mit „Stellvertretung“ und „gemeinschaftlicher Sühne“ anzufangen wissen.“  –  Ich kann vor allem mit dem 4. Gebot (das Juden und Christen gemeinsam schätzen) etwas anfangen: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“

Ich  halte es überdies für abwegig, den in der Kreuzestheologie verwendeten Begriff der  „Stellvertretung“ auf die politische Ebene zu übertragen, denn dadurch wird die persönliche Verantwortung wirklicher Täter vernebelt und durch „gemeinschaftliche Sühne“ weitgehend nivelliert.  Daß es für uns Deutsche freilich ein zukunftsorientiertes Verantwortungsbewußtsein geben soll, steht außer Zweifel   –  das gilt vor allem für eine wohlwollende Haltung gegenüber Israel (wobei Wohlwollen nicht Kritiklosigkeit bedeuten muß).

Sodann ereifert sich Dr. Püttmann wie folgt: „Von Frau Kübles Empörung…würden sich meine katholischen Großeltern, überzeugte Nazi-Gegner, sicher nicht gern verteidigen lassen“, denn sie seien „erschüttert über die „Verführbarkeit ihrer Mitbürger“ gewesen etc. Auch habe die Aussage „Wir werden uns noch zu Tode siegen“ seinen Großvater „fast ins KZ gebracht“.

Eben dies bestätigt meine Ausdrücke von der „Gestapo-Diktatur“ und der „Tyrannei“: Wegen eines kritisches Satzes oder eines politischen Witzes konnte man damals ins KZ oder in den Knast verfrachtet werden, in denen sich während der NS-Zeit mehrere hunderttausend Deutsche befanden –  nicht selten wegen einer einzigen skeptischen Aussage.

Obwohl der Verweis auf persönliche Erfahrungen wenig zu einer allgemeinen Analyse beiträgt, berichte ich nun  –  wie Dr. Püttmann  –  auch kurz von meinen Vorfahren:

Mein Großvater Alois Küble war einfacher Kleinbauer im oberschwäbischen Bergatreute, der eine Anti-NS-Kundgebung organisierte und mit KZ bedroht wurde. Doch die katholische Gemeinde stand fast geschlossen hinter ihm, so daß die Nazibonzen ihre Ankündigung nicht wahrmachten. Nach dem Krieg wurde er von der französischen Besatzungsmacht als Bürgermeister von Bergatreute eingesetzt und später von der Bevölkerung durch Wahl in diesem Amt bestätigt.

Mein Vater Anton Küble kam 1944 mit 16 Jahren ins Ulmer Gefängnis, weil er sich weigerte, in die Waffen-SS einzutreten (so „freiwillig“ war mitunter die Waffen-SS in den letzten Kriegsjahren).  –  Mein Großonkel, der bekannte Jesuitenpater und Schriftsteller Dr. Philipp Küble SJ, veröffentlichte 1946 ein aufrüttelndes Buch mit dem Titel: „Die Konzentrationslager –  eine Gewissensfrage an das deutsche Volk und die Welt.“

In meiner Herkunftsfamilie wurden Kollektivschuldthesen stets abgelehnt  – nicht obwohl, sondern gerade weil sie von tapferen und kernkatholischen NS-Gegnern geprägt war.“

Felizitas Küble, Münster


Leserbrief-Debatte in der FAZ zur Kollektivschuld-These

Dokumentation des Leserzuschrift von Felizitas Küble in der FAZ vom 2.4.2012

Heute sind in der FAZ zwei Zuschriften erschienen, die sich gegen meinen Leserbrief wenden, den die Frankfurter Allgemeine am 2.4.2012 unter dem Titel „Gaucks linksliberale Wendungen“ veröffentlicht hatte.

Zu den Kritikern meiner Stellungnahme gehört der bekannte Regisseur und Schriftsteller Dr. Ralph Giordano sowie der kath. Publizist Dr. Andreas Püttmann.

Hier folgt zur Information und Dokumentation der volle Wortlaut meiner Einsendung an die FAZ, den diese zu ca. 90% abgedruckt hat:

Angepaßte Zeitgeistrede pro 68er

Der FAZ-Leitartikel „Gaucks Glück“ vom 24. März würdigt die Antrittsrede von Joachim Gauck meiner Ansicht nach in übertriebener Weise.

Manches in dieser Ansprache ist sicher zutreffend, doch Gaucks Antrittsrede zeigt zugleich erhebliche Schwachstellen und linksliberale Wendungen. Der neue Bundespräsident beklagt z.B. eine angeblich „defizitäre“ Vergangenheitsbewältigung vor der 68er Revolte:

„Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte allerdings blieb defizitär. Die Verdrängung eigener Schuld, die fehlende Empathie mit den Opfern des Nazi-Regimes prägte den damaligen Zeitgeist.

Erst die 68er-Generation hat das nachhaltig geändert. Damals war meine Generation konfrontiert mit dem tiefschwarzen Loch der deutschen Geschichte, als die Generation unserer Eltern sich mit Hybris, Mord und Krieg gegen unsere Nachbarn im Inneren und im Äußeren verging.

Es bleibt das Verdienst dieser Generation: Es war ein mühsam errungener Segen. Trotz aller Irrwege, die sich mit dem Aufbegehren der 68er verbanden, hat sie die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein gerückt.“

Zunächst zeichnet der Bundespräsident ein Zerrbild jener Zeit  v o r  1968, die insgesamt gesehen sehr wohl von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Last der NS-Vergangenheit geprägt war.

Man bedenke etwa, daß CDU-Kanzler Konrad Adenauer in den 50er Jahren eine  – auch finanzielle  –  Wiedergutmachungspolitik mit Israel eingeleitet und insgesamt in der deutschen Politik ein israelfreundliches Fundament gelegt hat. Ist solch praktisches Vorgehen, ist dieser wirksamer Versuch einer „Wiedergutmachung“ nicht weitaus positiver, auch für die Opfer, als das revolutionäre Sprücheklopfen der 68er?

Zudem sollte nicht übersehen werden, daß diese ultralinke Bewegung sich damals als komplett blind erwies hinsichtlich der kommunistischen Bedrohung der freien Welt, daß sie z.B. dem nordvietnamesischen Diktator Ho Tschi Minh huldigte und dessen Porträt durch die Straßen trug, daß sie die Verbrechen hinter dem Eisernen Vorhang eiskalt ignorierte und zudem nicht bereit war, sich mit den massiven Menschenrechtsverletzungen, die an eigenen Landsleuten in der „DDR“ begangen wurden, ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wo blieb überdies der Protest der sonst so demonstrationslustigen 68er gegen den Einmarsch der Sowjettruppen in die Tschechoslowakei 1968?

Es fällt auch unangenehm auf, daß der Bundespräsident tendenziell eine Kollektivschuld der „Erlebnisgeneration“ unterstellt, zumindest suggeriert,  wenn er in seiner Rede etwa davon spricht, „die Generation unserer Eltern“ habe sich „mit Hybris, Mord und Krieg gegen unsere Nachbarn im Inneren und im Äußeren“ vergangen.

Warum redet er nicht korrekt von „nationalsozialistischen Tätern“ bzw von den „Verantwortlichen der nationalsozialistischen Diktatur“?

Wie kommt unser Staatsoberhaupt dazu, das ganze damalige Volk in eine Art „Schuldhaft“ zu stecken?! – Kann und will er nicht unterscheiden zwischen Tyrannei einerseits und dem unterdrückten Volk andererseits, das größtenteils selber unter dieser Gestapo-Diktatur zu leiden hatte?!

Felizitas Küble, 48167 Münster