John Knox: Der radikalste Prediger und Kirchengründer des Protestantismus

Von Felizitas Küble

Dieser Beitrag unserer CF-Redaktionsleiterin ist in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Theologisches“ (Juni 2017) erschienen – dort unter dem Titel: „John Knox: Vom katholischen Priester zum Wegbereiter der Reformation in Schottland“:

Wenn im Zuge des Reformationsgedenkens von den großen Gestalten des frühen Protestantismus die Rede ist, wird meist auf Luther, Calvin und Zwingli verwiesen, weniger auf den wortgewaltigen Prediger John Knox aus Schottland (siehe Foto: Buchtitelbild).

Der theologische Widersacher der katholischen Regentin Maria Stuart gilt als entscheidender Wegbereiter und Organisator der calvinistisch orientierten Reformation in Schottland.

Knox starb vor 450 Jahren, am 24. November 1572 in der bekannten schottischen Stadt Edinburgh. Das Online-Portal „Ökumenisches Heiligenlexikon“ verweist auf seinen Gedenktag am 24. November im evangelischen liturgischen Kalender. In seiner schottischen Wirkungsstätte Edinburgh erinnert eine Statue in der St.-Giles‘-Kathedrale an diese streitbare Schlüsselfigur der Reformation.

In Genf, wo sich Knox jahrelang aufhielt, wird er in einem Relief bzw. Reformationsdenkmal als markante Steinfigur verewigt: Es zeigt den vom katholischen Glauben abgefallenen Geistlichen predigend vor dem Hofstaat Maria Stuarts, deren tragisches Leben von viel Pech und Pannen geprägt war. In Deutschland ist das glücklose Schicksal dieser Herrscherin vor allem durch Schillers bewegendes Drama „Maria Stuart“ bekannt geworden   –  man kann wohl sagen, dass der schwäbische Dichter sie dadurch zur „Königin der Herzen“ etablierte.

Der rabiate Protestant, dessen Geburtsjahr nicht sicher feststeht (die Spekulationen reichen von 1505 bis 1514), wurde in der Nähe der schottischen Stadt Haddington als Sohn einer Handwerkerfamilie geboren. Nach dem Studium von Theologie und Kirchenrecht wurde er 1530 zum Priester geweiht. Er arbeitete zunächst als Hauslehrer in verschiedenen Adelsfamilien; wandte sich aber Anfang der 1540er Jahren mit zunehmendem Eifer und Übereifer einem rigiden Protestantismus zu.

Bereits 1547 erklärte er in Predigten, der Papst in Rom sei das dämonisch inspirierte „Tier“ und der Gegenspieler Gottes, wobei er sich auf seine Auslegung der Johannes-Apokalypse und des alttestamentlichen Buches Daniel berief.

Prof. Dr. Ronald G. Asch schreibt in der populärwissenschaftlichen historischen Zeitschrift „Damals“ (Nr.5/2017) über diesen Reformator: „Er ließ sich in der Schärfe seines Antikatholizismus von niemandem überbieten. Seine militante Haltung wurde noch gesteigert durch sein persönliches Schicksal.“

Tatsächlich kam der Prediger im Jahre 1547, als französische Truppen die schottische Garnison St. Andrew besetzten, für zwei Jahre als Galeerenhäftling auf ein Kriegsschiff. Nach seiner Freilassung wurde er Pfarrer in Berwick, einer englischen Stadt in der Grenzregion zu Schottland. Dort vertiefte er sich weiter in seine theologischen Studien und sah sich zunehmend in der Rolle eines alttestamentlichen Propheten, der dazu auserwählt war, „Götzendienst “und gottlose „Greuel“ radikal auszurotten, wozu er die heilige Messe und die katholische Marien- und Heiligenverehrung rechnete.

Der wachsende Einfluss des rigiden Reformators

Er gehörte zu den  –  von Martin Luther noch klar abgelehnten  –  „Bilderstürmern“ und rief dazu auf, religiöse Statuen und Gemälde in den katholischen Gotteshäusern zu zerstören, was vor allem im Süden Schottlands von einer aufgebrachten Volksmenge auch häufig durchgeführt wurde und natürlich zur künstlerischen Verarmung jener Gegenden führte. (Die nördlicheren schottischen Berglande, die sog. „Highlands“, wurden nicht so stark in den Strudel der Reformation hineingezogen; das dortige bodenständige Kirchenvolk hielt länger am katholischen Glauben fest – teils bis heute.)

Seine Predigten und Schriften blieben nicht ohne Wirkung auch auf die englische Krone. Während der König Heinrich VIII. weniger aus religiösen Gründen, sondern vor allem deshalb von der katholischen Kirche abfiel, weil er sich wegen Ehebruch und Ehescheidung im Konflikt mit dem Papst befand, wurde in der Folgezeit das Bekenntnis zum Protestantismus auch theologisch bekräftigt, wobei der Einfluss von John Knox, der mittlerweile zum Hofkaplan aufstieg, auf den jungen König Eduard VI. nicht zu unterschätzen ist.

Nach der Thronbesteigung der katholischen Maria Tudor war sein Wirken in London beendet. Knox floh nach Frankfurt und Zürich, reiste zwischendurch in seine frühere Gemeinde Berwick zurück, bis er sich ab 1559 für längere Zeit als Prediger in Genf niederließ.

Dort fand er in dem rigiden Reformator Johannes Calvin (1509 – 1564) einen inspirierenden Vor- und Weiterdenker, wobei er dessen radikale Prädestinationslehre bzw. das Dogma vom „doppelten Ausgang“ übernahm, wonach das jenseitige Schicksal jedes Menschen durch Gott von Ewigkeit her festgelegt und vorherbestimmt sei. Knox wirkte entscheidend an der sog. „Genfer Bibel“ (einer englischen Bibelübersetzung) mit, später gehörte er zu den maßgeblichen Verfassern der „Confessio Scotica“, einer schottischen Bekenntnisschrift, die 1560 vom dortigen Parlament verabschiedet wurde. Dieses Ereignis gilt als definitive Weichenstellung und Gründungsurkunde der reformierten „Church of Scotland“.

Knox ist der theologisch entschiedenste Widerpart der katholischen Königin Maria Stuart, die er vor allem deshalb verabscheute, weil sie persönlich an der katholischen Messe festhielt und sie weiterhin in ihrer Privatkapelle besuchte, wenngleich die Monarchin in ihrer amtlichen Regierungspolitik auf Toleranz und konfessionellen Ausgleich bedacht war; sie versuchte, im Sinne eines „Religionsfriedens“ zu wirken, um eine konfliktreiche Spaltung ihrer Untertanen und die Gefahr eines Bürgerkriegs zu verhindern.

Allerdings stand damals in Schottland auf Betreiben von Knox und weiteren protestantischen Eiferern allein schon auf den Besuch der heiligen Messe die Todesstrafe  –  daher der Zorn auf die Königin, weil diese sich in ihrem Privatleben über dieses Verbot hinwegsetzte.

Selbst das amtliche evangelische Internetportal „Evangelisch.de“ weiß nicht nur Positives über Knox zu berichten. Im dortigen Artikel „Die wichtigsten Reformatoren: John Knox“ heißt es beispielsweise: „John Knox ist unbeugsam und radikal. So predigt er heftig gegen Maria Stuart und fordert gar ihren Tod.“

Stefan Zweig: Fanatische Demagogie bei John Knox

Das Portal erinnert sodann an den jüdischen Dichter Stefan Zweig und dessen bekannte Romanbiographie über die katholische Regentin:

„Wohl deshalb beschreibt ihn der Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Roman über Maria Stuart als einen „Meister der religiösen Demagogie“ und den „vielleicht vollendetsten Typ des religiösen Fanatikers, den die Geschichte kennt. Knox sei „der eisenköpfigste, zelotischste, unbarmherzigste aller Kirchengründer und seinen eigenen Lehrer Calvin an Unerbittlichkeit und Unduldsamkeit noch übersteigend.“

Man muß freilich nüchtern sehen, dass die Einführung der calvinistischen Reformation in Schottland und damit die Gründung der presbyterianischen Konfession (die auch in den USA weite Verbreitung fand) nicht ohne Mitschuld von katholischer Seite erfolgt ist. Der zunehmende Verfall kirchlicher Sitten und Strukturen war unübersehbar:

In jener Zeit befand sich der moralische Level und die Bildung des Klerus vielfach auf einem erbärmlichen Niveau, manche Geistliche konnten nicht einmal lesen und schreiben; die Kirchenpolitik der schottischen Hierarchie agierte von nachlässig bis machtgierig. Auch die rückschrittlichen sozialen Verhältnisse bargen eine revoluzzerische Sprengkraft in sich.

Dazu gehörten auch die halb-anarchischen Clan-Strukturen im Schottland des 16. Jahrhunderts, die vor allem die Hochlandregionen unsicher machten. Die katholischen Monarchen, seien sie weiblich oder männlich, waren in der vorreformatorischen Zeit meist schwache Figuren, viele starben eines gewaltsamen Todes.

Nicht selten wurden sie schon im kindlichen Alter in ihre königliche Rolle hineingedrängt und waren hoffnungslos überfordert; sie konnten sich gegen einflußreiche Adelscliquen und eigenmächtige Clanchefs nicht durchsetzen. Freilich erleichterte gerade dieses Feudalsystem zugleich die Einführung des Protestantismus, zumal viele Fürsten sich gerne am Kircheneigentum bereicherten und sich auch dort theologische Anliegen mit weltlichen Interesse verknüpften.

Die beiden katholischen Monarchinnen mit dem Vornamen „Mary“ sah John Knox als eine Art Wiedergeburt der Jesebel an, jener aus dem heidnischen Phönizien stammenden Königin aus dem Alten Testament, welche im alten Israel den Götzendienst wieder einführen wollte und den Propheten Elias bzw. Elija verfolgte. Er steigerte sich gleichsam in die Sendung eines neuen „Elias“ hinein, der Maria Stuart und ihrer königlichen Mutter Mary die „prophetische“ Stirn bieten musste, zumal ihm der Katholizismus als neuheidnische Greuelreligion erschien.

Daher sah er in einem Aufstand gegen von ihm als „frevelhaft“ empfundene Herrscher nicht nur kein Problem, sondern eine vom Himmel auferlegte Verpflichtung und erklärte: „Die Propheten Gottes lehren manchmal Verrat an Königen – und doch sündigt weder der Prophet gegen Gott,  noch derjenige, der seinem Wort gehorcht, das er im Namen Gottes gesprochen hat.“ 

Für eine moderate Haltung im Sinne eines erträglichen Konfessionsfriedens hatte er nichts übrig; er warnte stattdessen seine Anhänger: „Der Bund zwischen Gott und uns wird nicht unversehrt bleiben, wenn wir Götzendiener gutheißen, uns ihnen anschließen oder nachsichtig mit ihnen umgehen.“ (Quelle: Knox, Works, III. Band, S. 184,187).

Knox ließ sich selbst von dem ansonsten rigiden Johannes Calvin nicht mäßigen, der ihm in dieser Angelegenheit mehr Besonnenheit und Realitätssinn empfohlen hatte.

Zelotischer Aufruf gegen Frauen als Herrscherinnen

Wie wenig er bereit war, seinen vermeintlich „prophetischen“ Feuereifer zu zügeln, zeigte sodann sein nächster und zugleich bekanntester Paukenschlag, nämlich eine extrem frauenfeindliche Streitschrift mit dem Titel „The first blast of the Trumpet against the monstrous regiment of women“  –  zu deutsch: „Der erste Trompetenstoß gegen die entsetzliche Herrschaft der Frauen“ von 1558. 

Das rabiate Pamphlet war selbst für die damalige patriarchalisch geprägte Gesellschaft der frühen Neuzeit sehr gewöhnungsbedürftig, gab es doch seit Jahrtausenden – und zudem auch im Alten Testament – weibliche Regentinnen in nicht geringer Zahl, etliche davon wurden von der katholischen Kirche heilig gesprochen oder als Selige verehrt.

Knox ereiferte sich in seinem Rundumschlag grundsätzlich gegen die, wie er schrieb, „unnatürliche Herrschaft“ bzw. „schändliche Gynäkokratie“ von Frauen, denen weder „Vernunft“ noch „Besonnenheit, ihre Gefühle zu mäßigen“ eigen sei; er stritt ihnen den nötigen Verstand, die charakterliche Reife und alle Führungsqualitäten rundweg ab. Der Autor rief in diesem Falle sogar unverhohlen zum gewaltsamen Widerstand, ja zum „Tyrannenmord“ auf.

Sein Angriff auf die Monarchinnen zielte zwar in erster Linie gegen katholische Königinnen der Stuarts, richtete sich aber in seiner „theologischen“ Kampfansage prinzipiell gegen jede weibliche Regentschaft mit der Begründung, Frauen, die über Männer regieren, seien ein „Ungeheuer der Natur“.

Natürlich war die mächtige anglikanische Königin Elisabeth I. von diesem martialischen Werk wenig „amused“. Wenngleich sie mit Knox die katholische Kirche und das Papsttum zu Rom ablehnte, sägte der schottische Reformator mit dieser Streitschrift auch an dem Ast, auf dem sie immerhin selber sass. Zudem ging ihre Ära als „goldenes Zeitalter“ in die Geschichte ein  –  mag es sich dabei teils um ein verklärtes Bild im nachhinein handeln, so bewies die letzte Tudor-Königin jedenfalls, dass den Frauen die nötigen Regierungstalente durchaus nicht abgehen.

Knox hingegen war nicht zu bremsen, er wetterte weiter gegen die hl. Messe als „allerteuflischsten Götzendienst“ und rief in seinem „Trompetenstoß“ sogar zur Ermordung nicht „nur“ der Stuart-Monarchinnen, sondern aller katholischer Priester und aktiver „papistischer“ Laien auf:

„Ich scheue mich nicht zu bekräftigen, dass es die Pflicht der Adligen, Richter, Herrscher und des Volkes gewesen wäre, nicht nur Mary Widerstand zu leisten, jener Isebel, die sie ihre Königin nennen, sondern sie auch mit allen ihren Götzenpriestern mit dem Tod zu bestrafen, zusammen mit all denen, die ihr zu der Zeit Hilfe geleitet haben, als sie das Evangelium unterdrückten…“   (Quelle: Knox, Works, Band IV., S. 507).

Bei aller berechtigten Kritik an Knox soll freilich nicht übersehen werden, dass seine Reformation auch einige positive Wirkungen zeitigte, etwa jene „Bildungsoffensive“, die nicht zuletzt aus dem Knox-Aufruf zur persönlichen Bibellektüre entstand. Dadurch wurden zahlreiche Volksschulen errichtet und die Alphabetisierung der Bevölkerung vorangetrieben.

Im Vergleich zu manchen diesbezüglich stark zurückgebliebenen katholischen Regionen wie etwa Portugal war dies zweifellos ein zivilisatorischer Fortschritt. Zugleich begünstigte sein presbyterianisch geprägtes Kirchentum (Kirchengemeinden werden von den durch die Gläubigen gewählten Ältesten bzw. „Presbytern“ geleitet) die Beliebtheit demokratischer Prozesse auch im politischen Bereich. 

Sodann zur berühmten und teils als Geiz karikierten Sparsamkeit der Schotten: Diese dürfte nicht allein auf äußeren Notwendigkeiten beruhen (z.B. der Kargheit der Böden des Berglandes oder einer wenig ausgeprägten Stadtkultur), sondern auch mit jenem calvinistischen Arbeitsethos zusammenhängen, das auch den Protestantismus in den USA vielfach geprägt hat. Johannes Calvin sah den Arbeitseifer als strikte Pflicht aller Gläubigen an, Verschuldung wurde als Schande und Sparsamkeit als wichtige Tugend betrachtet. Bekanntlich begünstigte diese Haltung den Geist des Kapitalismus mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass es sich bei Knox zweifellos um den am  meisten fanatischen Theologen der Reformation handelt, der in seiner Wut und seinem Wahn nicht einmal vor einer extrem frauenfeindlichen Streitschrift und massenmörderischen Appellen zurückschreckte. Angesichts dessen erstaunt es nicht wenig, dass der evangelisch-kirchliche Kalender diesen militant denkenden Polemiker  – wie eingangs erwähnt –  mit einem eigenen Gedenktag am 24. November würdigt.

Felizitas Küble, Münster –  Mail: felizitas.kueble@web.de


Die Osterakademie in Kevelaer tagte über Luther und seine „Reformation“

Von Doris de Boer

Ganz im Zeichen des 500-jährigen Jubiläums der Reformation durch Martin Luther (1483 – 1546) stand die diesjährige Osterakademie, die nunmehr zum 21. Mal im Marienwallfahrtsort Kevelaer tagte.

Acht Referenten erschlossen vom 30. März bis 2. April 2016 einige Aspekte der Person und Lehre Luthers aus historischer, philosophischer oder psychologischer Sicht. IMG_9045

BILD von links: Dr. Rudolf Kaschewsky, Prof. Peter Bruns, Prof. Harm Klueting, Prof. Klaus Berger, Michael Hesemann, Pfr. Dr. Josef Wieneke, Reinhard Dörner (Veranstalter)

Michael Hesemann, Historiker und Bestseller-Autor, führte aus, dass Luther schon in seinem Elternhaus Gewalt und Jähzorn erfahren habe. Laut eigenem Eingeständnis sei er nur deshalb ins Kloster gegangen, weil er im Duell versehentlich einen Kommilitonen tödlich verletzt habe. In seinem Ordensleben hätten ihn schwere Gewissensbisse und Depressionen geplagt.

Statt die Kirche zu reformieren, habe er später mit seiner These von der Rechtfertigung „allein aus Gnade“ (ohne Mitwirkung des Einzelnen) eine neue Lehre geschaffen. Zu Luthers Bibelübersetzung merkte Hesemann an, dass sie keineswegs jene einzigartige Neuigkeit gewesen sei, als die sie oft gefeiert werde: 14 vollständige hochdeutsche Bibelausgaben hätte es damals bereits gegeben; Luther habe zudem sehr frei und oftmals fehlerhaft übersetzt.

Luther sei später in pathologische Selbstüberschätzung gefallen; er habe sich gleichsam als zweiten Paulus betrachtet: „Luther war kein Heiliger, kein Vorbild im Glauben, aber er gab wichtige Impulse  – und mit ihm begann der Aufstieg und die Reinigung der Kirche durch das Tridentinische Konzil. Überwinden wir Luther, um zur Einheit der Kirche zu kommen“, war sein Plädoyer.

Die Philosophin Prof. Dr. Alma von Stockhausen stellte die These auf, dass Luthers Theologie letztlich eine Anpassung an sündhafte Leidenschaften gewesen sei. Für sein anklagendes Gewissen habe Luther schließlich einen „Ausweg“ gefunden und die Theorie vom unfreien Willen des Menschen aufgestellt.  0018

Auch gewisse Züge von Schizophrenie würden der Person und Theologie Luthers anhaften. Die drei „sola“ Martin Luthers („sola gratia“, „sola fides“ und „sola scripura“  =  „allein die Gnade“, allein der Glaube“, „allein die Schrift“) seien eine umfassende Kulturrevolution, die nicht nur die katholischen Sakramentenlehre, sondern auch das katholische Opfer- und Moralverständnis aufhebe.

Prof. DDr. Harm Klueting, selbst Konvertit und katholischer Priester, zeichnete das Bild Luthers, der aus echter Überzeugung ins Kloster eingetreten sei und dort nur als katholischer Ordensreformer wirken wollte. Erst im Jahr 1518 sei der Schritt vom katholischen Reformer zum evangelischen Reformator vollzogen: „Die Reformation ist als eine aus dem Ruder gelaufene Ordensreform zu sehen“, so Prof. Klueting.

Einsichten in das innere Denken Luthers vermittelte Dr. Rudolf Kaschewsky mit Ausführungen über das Lutherbild des katholischen Theologen Paul Hacker (1913 – 1979). Luthers Glauben sei reflexiv, ichbezogen und führe zu einer Säkularisierung, da bei einer Zentrierung auf das eigene Ich die Ausrichtung auf Übernatürliches überflüssig werde. Alle Werke müssten nach Luther allein Werke des Glaubens sein; die Liebe selbst diene nur dem Glauben und werde so zweitrangig.christus

Anhand der Römerbriefkommentare Martin Luthers und des seligen Zisterziensermönches Wilhelm von St. Thierry (+1131) wies Prof. Dr. Klaus Berger nach, dass die Dimension der Freiheit des menschlichen Willens und der Liebe zwischen Gott und Mensch bei Luthers Kommentar völlig fehle und der Einzelne dafür absolut gesetzt werde, während der Ordensmann Wilhelm schon Jahrhunderte vor Luther diesem voraus war. „Hätte Luther Wilhelms Kommentar gekannt, hätte er gewiss einen guten Freund in ihm gefunden“, so Berger.

Dass die Rechtfertigungslehre Luthers dem katholischen Verständnis von der Mitwirkung des Menschen mit der göttlichen Gnade widerspreche, erläuterte Prof. Dr. Manfred Hauke. Auch die bei Luther noch vorhandene Verehrung Mariens, so Pfarrer Dr. Josef Wieneke, könne kaum eine Brücke zwischen den Konfessionen bilden, da Luther trotz eines eigenen Kommentars zum Magnfikat immer betonte, dass das Ja Mariens und ihr Mitwirken nicht entscheidend sei. Maria wäre laut Luther ein „Abgott“, wenn man ihr ein verdienstliches Wirken zuschriebe.

Dass Luther auch selbst zur Gewalt aufrief, zeigte Prof. Dr. Peter Bruns anhand von Luthers Verständnis des „Türken“, den er mit Islam identifizierte. Neben dem Papst war der „Türke“ Luthers großer Hauptfeind. Der Islam sei eine Häresie und notfalls mit Gewalt zu bekämpfen.

Kurz vor dem großen Lutherjubiläum vermittelte die Tagung viele teils unterschiedliche Einsichten in das Leben und Denken Luthers. Gewiss unterscheidet sich die heutige lutherische Theologie vielfach von Luthers Theologie und ist anders zu bewerten, da sie viele Einseitigkeiten Luthers überwinden konnte.

Das bevorstehende Jubiläum könne jedoch kein Grund zum Feiern sein, sondern gebe eher Anlass zur Besinnung auf den Wunsch Jesu: „Ut unum sint!“ (Damit alle eins seien).

Unsere Autorin Doris de Boer ist katholische Theologin, Journalistin und Familienmutter; sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Kevelaer; von ihr stammt auch das Tagungs-Foto.


Margot Käßmann und Luthers Exkommunikation – die Ex-Bischöfin glänzt durch Unwissenheit

Verständigung ist keine Einbahnstraße!

Derzeit liest man allenthalben, daß die evangelische Ex-Bischöfin Margot Käßmann von der katholischen Kirche „erwartet“, daß bis zum Reformations-Jubiläumsjahr 2017 die Exkommunikation Martin Luthers aufgehoben wird.

Zur Bekräftigung fügte die prominente Protestantin am vergangenen Montag gegenüber dem „Mannheimer Morgen“ hinzu: „Das fordern ja auch Katholiken wie etwa Hans Küng“.

Und wenn ein   –  von der katholischen Kirche zudem seit langem amtsenthobener   –  Theologe wie Küng etwas verlangt, dann kann das wohl nur klug und richtig sein?

Umgekehrt wird freilich ein Schuh draus: Eine Rücknahme der Exkommunikation ist nicht einmal logisch möglich, geschweige theo-logisch sinnvoll. Das gilt nicht allein für Luther, sondern grundsätzlich für alle Verstorbenen, die zu Lebzeiten exkommuniziert waren.

Wieso? Weshalb? Warum?

Ganz einfach: Wenn die Kirche ein Mitglied exkommuniziert, dann hat das nichts mit einer „Verfluchung“  zu tun, damit ist auch keine „Verdammung“ fürs Jenseits ausgesprochen, sondern der Betreffende wird vielmehr aus der „Communio“ –  der kirchlichen Sakramentengemeinschaft  – ausgeschlossen.

Er darf also nicht mehr an den Sakramenten teilnehmen und z.B. keine kirchlichen Ehrenämter bekleiden. (Er darf aber selbstverständlich an Gottesdiensten, Andachten und hl. Messen teilnehmen, aber nicht zum Tisch des Herrn gehen.)

Die Mitgliedschaft in der irdischen Kirche endet mit dem Tod

Foto: Petrusbruderschaft

Foto: Petrusbruderschaft

Nun hört die Mitgliedschaft in der irdischen, der sog. „streitenden“ Kirche mit dem Tod bekanntlich auf. Also kann die Kirche  nach dem Tod niemanden exkommunizieren  – und daher logischerweise auch keine Exkommunikation aufheben, somit auch nicht Luthers Exkommunikation.

Die kirchliche „Jurisdiktion“ (also die Ausübung des Hirtenamtes und diverser Vollmachten) ist nämlich auf die irdischen „Schäflein“ beschränkt.

Für das Jenseits verfügt die Kirche  –  wie sie selber lehrt  –  nicht über „kirchenrechtliche“ bzw sakramentale Befugnisse. Auch die Gebete der Gläubigen, hl. Messen und Ablässe für Verstorbene können daher „nur“ fürbitthalber wirksam werden, denn das „Reich der Toten“ liegt in Gottes Hand, es liegt buchstäblich „jenseits“ der „Schlüsselgewalt“ der irdischen Kirche.

Also: Die katholische Kirche  k a n  n  die Exkommunikation für Luther nicht aufheben und nicht „widerrufen“, selbst wenn sie es wollte.

Abgesehen davon würde ein solcher Vorgang wohl an den nach wie vor bestehenden Lehr-Unterschieden zwischen der katholischen Kirche und den protestantischen Konfessionen nichts ändern.

Bevor „Luther-Botschafterin“ Käßmann, Küng und Konsorten also ihre umwerfenden „Forderungen“ stellen, sollten sie sich erst einmal schlau machen,  was eine Exkommunikation überhaupt bedeutet, nämlich den Ausschluß aus der kirchlichen Sakramentengemeinschaft.

Man darf jedenfalls davon ausgehen, daß Luther wohl kaum aus dem Jenseits zurückkehrt, um wieder in den Genuß der kirchlichen „Communio“ zu gelangen bzw die katholischen Sakramente zu empfangen…

Ein gewisses Mindestmaß an kirchenrechtlicher und ecclesiologischer Sachkenntnis sollte man von der theologischen Prominenz eigentlich erwarten können.  –  Aber offenbar hält sich die Luther-Botschafterin für unglaublich gebildet, zumal in „ökumenischer“ Hinsicht:

Als katholische Blogger der damaligen Landesbischöfin im Jahre 2005 einen katholischen Katechismus zuschickten, da sie sich zuvor ignorant zum Thema „Ablaß“ geäußert hatte und die katholische Lehrauffassung dazu falsch darstellte, gab es folgende Reaktion aus ihrem Büro:

Durch Ute Neveling-Wienkamp ließ Margot Käßmann am 7. September 2005 ausrichten:

„Sie können davon ausgehen, dass Frau Dr. Dr. h.c. Käßmann sich in ökumenischen Fragen gut auskennt und Ihrer Nachhilfe an dieser Stelle nicht bedarf. Aus diesem Grunde erhalten Sie den Katechismus, wie Sie sehen, zurück. Sie werden dafür sicherlich eine andere Verwendung finden.“

Abgesehen davon:

Wenn die evangelische Seite ihre „Forderungen“ an die katholische Kirche stellt, dann kann das auch mal umgekehrt laufen:

Es wäre sicherlich sinnvoll, wenn sich evangelische Kirchenvertreter beispielsweise von Luthers zahlreichen anti-katholischen Tiraden distanzieren, von seinen Schimpf-Attacken gegen die heilige Messe oder auch von seiner Schrift „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet“ und weiteren unfreundlichen Pamphleten dieser Art bzw. Unart.

Verständigung und ökumenischer Dialog sind eben durchaus keine Einbahnstraße!

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster

DIESER ARTIKEL wurde auch in der medienkritischen und faktenstarken JOURNALISTENWATCH veröffentlicht: http://journalistenwatch.com/cms/2012/12/29/margot-kasmann-und-luthers-exkommunikation-die-ex-bischofin-glanzt-durch-unwissenheit/