Sexuelle Übergriffe in der Odenwaldschule: Weitaus mehr Opfer als gedacht

Von Felizitas Küble

Bislang ging man hinsichtlich des sexuellen Missbrauchs an der „reformpädagogischen“ Odenwaldschule (die nicht mehr existiert) von 132 Opfern aus. Allerdings hatten Betroffenen-Initiativen wie das „NetzwerkB“ von Norbert Denef schon vor vielen Jahren erklärt, die Zahl der  Geschädigten sei in Wirklichkeit weitaus höher.

Inzwischen hat sich durch zwei wissenschaftliche Studien herausgestellt, daß es sich tatsächlich um mehrere hundert Opfer handelt.

Klar ist, daß die sexuellen Übergriffe in dieser  –  im Geiste der 68er geführten –  Vorzeige-Schule keine Einzelfälle waren, sondern Bestandteil eines systematischen Netzwerkes mit einer Unterfütterung durch eine „progressive“ Ideologie infolge der Sexwelle der endsechziger und siebziger Jahre.

Dies verband sich mit vermeintlich „reformpädagogischen“ Konzepten und einer Lehrerschaft aus dem rotgrünen Milieu.

Ein Haupttäter war der evangelische Theologe Gerold Becker (1936 – 2010), der von 1972 bis 1985 die Odenwaldschule leitete. Rektor Becker, der bis zu seinem Tode mit dem  – ebenfalls in der EKD hoch angesehenen –  Hartmut von Hentig in Berlin zusammenlebte, räumte 2010 erstmals sexuelle Handlungen an Schülern ein. Der pädosexuelle Becker selber gehörte 1998 zur Kammer der EKD (Evang. Kirche in Deutschland) für Bildung und Erziehung.

Becker schuf mit seinem Amtsantritt Anfang der 70er Jahre die „Basis für ein System des sexuellen Missbrauchs“, heißt es in der FAZ. Er wurde Schulleiter, obwohl ihm die pädagogische Ausbildung fehlte – offenbar genügte die passende linke Gesinnung.

Zurück zu den beiden aktuellen wissenschaftlichen Studien über die Odenwaldschule, über welche die „Frankfurter Allgemeine“ vom 22. Februar 2019 auf S. 4 berichtet.

Demnach geht der Vorsitzende des Betroffenenvereins „Glasbrechen“ – einst selbst Opfer sexueller Gewalt an der Odenwaldschule  – von weit über 500 missbrauchten Schülern aus. Adrian Koerfer war sieben Jahre dort, allein in dieser Zeit seien 200 Mitschüler missbraucht worden. Er bezeichnet die Odenwaldschule als „Verbrechernetzwerk“.

In dem erwähnten FAZ-Artikel heißt es wörtlich: „Niemand wurde wegen der Verbrechen an der Odenwaldschule rechtlich belangt.“ – Grund sei die Verjährung der sexuellen Gewalttaten.

Besonders verstörend ist folgender Hintergrund:

Laut der Studien haben betroffene Jugendliche bei der Schulleitung, bei Lehrern und Eltern vergeblich versucht, auf den systematischen sexuellen Missbrauch aufmerksam zu machen: „Die Lehrer beschützten sich gegenseitig, die Eltern schenkten ihren Kindern keinen Glauben.“

Deshalb konnte das pädosexuelle Netzwerk an der Odenwaldschule drei Jahrzehnte lang bis Ende der 90er Jahre völlig ungehindert funktionieren.


G. Wyneken, G. Becker & Co.: Herkunft, Hintergrund und verschwiegene Schattenseiten der „Reformpädagogik“

PRESSEMELDUNG der Betroffenen-Initiative „NetzwerkB“:

In Berlin treffen sich Bildungshistoriker, um über die Reformpädagogik nach der Odenwaldschule zu räsonieren. Weder über Missbrauch noch über Wyneken noch über Nähe wird geredet. IMG_1061

Unter dem Titel „Reformpädagogik und Reformpädagogik-Rezeption in neuer Sicht“ findet eine Tagung der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) in Berlin am Mittwoch/Donnerstag, 10./11. Dezember 2014, statt.

NetzwerkB hat bei der Leitung und Organisation der Tagung mit Schreiben vom 29. November 2014 wie folgt nachgefragt:

„Teilen Sie uns bitte mit, wer zum Thema „pädagogischer Eros und Reformpädagogik“ sowie zur „Geschichte der Odenwaldschule und Missbrauch“ sprechen wird. Gibt es dazu ein Forum?“ 

Eine Antwort hat NetzwerkB bis heute nicht erhalten.

„Die Tagung des Dr. Jekyll“

Von Christian Füller

Die Reformpädagogik ist von jeher eine Pädagogik der schönen Rede. Die wohl größte Tradition, welche die Zunft entwickelt hat, ist die der horriblen Beschreibung der herrschenden Schule – der Presse, Anstalt, Paukschule und welche Begriffe da immer erfunden wurden.

Dieser Karikatur der schwarzen Staats-Pädagogik stellen Reformpädagogen gerne die rosaroten Schilderungen ihrer achtsamen Schulen entgegen, die  –  angeblich  –  kein Kind beschämen.

Dabei ist es so, dass die Schönrederei vielleicht einen ganz anderen Zweck hat: Sie soll etwas Dunkles und Unheimliches verdecken.

G. Wyneken, Ahnherr der deutschen Reformpädagogik

Nehmen wir Gustav Wyneken, einen der wichtigen Ahnherrn der deutschen Reformpädagogik genau wie der demokratischen Schule. IMG_4228

Er gaukelte der reformpädagogischen Gemeinde viele Jahre lang vor, er sei ein Schulreformer und pädagogischer Demokrat. In Wahrheit verfolgte er wohl ganz andere Ziele  –  sexuellen Missbrauch von Kindern. Die Szene wusste davon, immerhin wurde Wyneken rechtskräftig verurteilt.

Aber die Bildungshistoriker erzählen beinahe seit 90 Jahren von Wyneken nur die Geschichte des guten Dr. Jekyll, der Schüler als Demokraten auf Augenhöhe sieht. Und sie verschweigen konsequent den Mr. Hyde in Wyneken, der rücksichtlos über Kinder hinwegtrampelte.

Fast mutet es an wie die Spezialität deutscher Bildungsreformer – sie sind großartige Schönredner. Die Indizien für Verherrlichung reichen von heute bis weit in die Vergangenheit.(…)

Gerold Becker, vielverehrter Leiter der Odenwaldschule

Der unumstrittene Held der schönen Rede auf die Reformpädagogik war Gerold Becker. In der Szene galt der (evangelische) Theologe, der viele Jahre die berühmte Odenwaldschule Oberhambach leitete, als ein kleiner Messias.

„Niemand konnte die Reformpädagogik so schön erklären wie Gerold Becker“, pflegten die Pädagogen zu schwärmen, die sich in den elitären Kreisen der AG Schulreform versammelten.  DSC00254

Dass Becker reformpädagogische Märchen erzählt hat, war freilich nicht das größte Verbrechen des Gerold Becker, wie heute jeder weiß. 2010 wurde bekannt, dass er in seiner Amtszeit an der Odenwaldschule ein gruseliges System sexuellen Missbrauchs eingerichtet hat.

Sechs pädosexuelle Lehrer suchten sich gezielt die hübschesten (und wehrlosesten) Jungen von 11 bis 14 Jahren, um sie in ihre Wohnungen zu lotsen. Ein Untersuchungsbericht nennt 125 Opfer, allein Gerold Becker, der Schulleiter, habe demnach 86 Jungen schwer missbraucht, auch durch Vergewaltigung. Auf dem Nachttisch Beckers soll stets griffbereit eine Dose Vaseline gestanden haben.

Die deutschen Edel-Reformpädagogen wussten zwar reihenweise, „dass der Gerold auf kleine Jungs stand“, aber sie kapierten angeblich nicht, was das bedeutet.

Die Odenwaldschule hat diese Verbrechen zugelassen. Erst jetzt, im Jahr 2014, wird eine offizielle Untersuchungskommission gebildet, die dem Verrat an den Schülern und den Verbindungen bis in die höchsten Kreise nachgehen will. Gerold Becker war von 1972 an Schulleiter, 1985 musste er die Schule verlassen.

Früher Sündenfall der Reformpädagogik

Dabei liegt der eigentliche Sündenfall der Reformpädagogik viel früher, nämlich im Jahr 1919. Da steht einer der wichtigsten deutschen Schulreformer vor Gericht. Die Episode erklärt beides, die Brutalität und die Verlogenheit einer Pädagogik, die die „Nähe zum Kind“ stets als Idee und Handlungsleitung begriffen hat.

Buchtitel der Aktion "Kinder in Gefahr"

Der Mann heißt Gustav Wyneken, er ist promovierter Theologe, Philosoph und Leiter der so genannten „Freien Schulgemeinde Wickersdorf“. Er wird beschuldigt, zwei Schüler sexuell missbraucht zu haben.

Bei einer Klassenfahrt bat er seine Lieblinge zu sich ins Hotelzimmer, befahl ihnen, sich auszuziehen und zu ihm ins Bett zu steigen. Dort hatte er vorsichtshalber schon ein Handtuch untergelegt.

BILD: Die extreme Fortsetzung der „Reformpädagogik“ erfolgte in der 68er-Sexwelle: siehe hierzu dieses Info-Buch unseres Autors Mathias von Gersdorff (ein Stück davon gibt es gratis bei uns)

Um es vorwegzunehmen, Wyneken wurde bestraft, das Urteil in einer zweiten Verhandlung bestätigt. Das Gericht verurteilte den Bürger Wyneken rechtskräftig zu eineinhalb Jahren Gefängnis wegen Unzucht mit Schutzbefohlenen.

Nicht Unzucht, sondern etwas „Weihevolles“ 

Die kriminelle Energie des rastlosen Schulreformers ist erstaunlich – aber mehr noch seine Chuzpe. Wyneken entschuldigte sich nicht, sondern er verfasste für den Prozess ein Pamphlet mit dem bezeichnenden Namen „Eros“.

Schulen seien erst dann wirklich gut, heißt es darin, wenn die Schüler dort nackt lernen und ihrer Körper erkunden könnten. In dem Fall mit den beiden Schülern, der zur Verhandlung stehe, sei es nicht „um irgendwelche Drüsensekrete“ gegangen, sondern um etwas Höheres, Weihevolles.

Wyneken schrieb: „Wir reden hier von einer Form der Liebe in jenem Sinn, den wir durch den griechischen Begriff des Eros vorläufig einmal kennzeichnen.“ 

Man muss kurz innehalten. Ein Schulleiter, der mit zwei Schülern Schenkelverkehr nach griechischem Vorbild betrieben hatte, rechtfertigt seine Handlung als pädagogische Glanztat. Mehr noch, er bastelt daraus eine neue Pädagogik für neue, am besten nackte Menschen.

Wynekens Ruf blieb dennoch ungebrochen

Das für die Reformpädagogik Bemerkenswerte ist nun dies: In die Geschichte ging Gustav Wyneken nicht etwa als Sexualverbrecher ein. Wynekens Ruf blieb ungetrübt, sein Verbrechen wurde von den Pädagogen einfach verschwiegen.

Stattdessen feiern ihn Bildungshistoriker, Betprofessoren der Reformpädagogik und die Gemeinde der Schulreformer – bis heute! – als einen der wichtigsten ihrer Zunft, als den eloquentesten und radikalsten.

Wyneken habe die demokratische Schule, bei der Schüler und Lehrer sich auf Augenhöhe begegneten, erst erfunden. Der Päderast als Heilsbringer des neuen Lernens.(…)

Der Ort des pädagogischen Eros Wyneken war zentral für die Reformpädagogik der Landerziehungsheime. Seine Idee der Kameradschaft, einer gemischten Lehrer-Schüler-WG, wird als „Internatsfamilie“ in die Odenwaldschule importiert, wo sie ab den 1960er Jahren zu der beschriebenen Missbrauchs-Katastrophe führt.

Weil pädokriminelle Lehrer die Familie genau als das begriffen, was Wyneken mit ihr bezweckt hatte: der ideale Ort des pädagogischen Eros, sprich des sexuellen Missbrauchs zu sein. Konsequenzen haben die Landerziehungsheime bisher daraus nicht gezogen.

Missbrauch konzeptionell in Reformpädagogik enthalten

Wenn man diese Vorgeschichte kennt, wundert man sich nicht mehr, mit welchem Nachdruck Reformpädagogen bis zum heutigen Tage sexuelle Gewalt als „pädagogischen Eros“ rechtfertigen. Nicht jeder Reformpädagoge ist deswegen ein Päderast. Aber die Zunft sollte nach mehreren schweren Unfällen ihrer „Nähe zum Kind“ langsam nachdenken, auf welch` fragwürdigen Fundamenten sie errichtet wurde.

Sie hat mit dem bewussten Einreißen der emotionalen Schranken zwischen Lehrer und Schüler dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Aber sie verleugnet seit 100 Jahren, dass zu ihren Besten fanatische Päderasten zählen.

Sexualisierte Gewalt ist konzeptionell in die reformpädagogische Ideologie eingebaut – u.a. deswegen, weil die Lernreformer asymetrische Machtverhältnisse zu Schülern als angeblich gleichberechtigte tarnen.

Eine solche Pädagogik kann nicht beanspruchen, die Alternative zu einem herrschenden Schulsystem zu formulieren.

Quelle und vollständiger Text hier: http://netzwerkb.org/2014/12/07/die-tagung-des-dr-jekyll/

Weiterführende Infos zur erwähnten Tagung: http://netzwerkb.org/wp-content/uploads/2014/12/ProgrammTagungReformpaedagogik20140712webx.pdf http://netzwerkb.org/wp-content/uploads/2014/12/Bibliothek-für-Bildungsgeschichtliche-Forschung_28.11.2014.pdf

HINWEIS: Unser eigener Artikel zur „Reformpädagogik“ und Odenwaldschule, vor über vier Jahren veröffentlicht: http://kultur-und-medien-online.blogspot.de/2010/07/gerold-becker-ist-tot-doch-die-linke.html


„NetzwerkB“ bemängelt Oberflächlichkeit: Anne-Will-Talkshow zur Odenwaldschule

Pressemitteilung der Betroffenen-Initiative NetzwerkB:

Über Geschmäcker lässt sich bekanntlich streiten. Ob der ARD-Film „Die Auserwählten“ das leistete, was er versprach, lassen wir offen. Wir sind keine Filmkritiker. Scannen0001 (22)

Zu beklagen ist die anschließende Diskussionsrunde bei Anne Will. Die Vermischung von Odenwaldschule, katholische Kirche und Feminismus leistete keinen erkennbaren Mehrwert und nicht einmal einen Unterhaltungswert. Man verharrte auf Klischees und Bekanntem.

Die destruktive Dynamik einer totalen Institution im Typus der Odenwaldschule wurde durch die Bewunderung des freien Umgangs und der „Lichtgestalt“ verniedlicht.

Im Talk wurde eine echte Chance vergeben, weil er zum Small Talk verkam. Sicherlich wurde eine Sensibilisierung erreicht, diese wäre aber mit einer Kampagne im Stil einer Antiraucher- oder Aidskampagne effizienter.

Die Aufarbeitung der Causa Odenwaldschule ist viel weiter fortgeschritten, als man bei der Talkrunde vernehmen konnte. Die Bedingungen auf Seiten von Organisation, Ideologie, fehlender Kontrolle und Personal sind viel besser bekannt, als man meinen will. #

Eine sorgfältige Lektüre der Publikationen von Oelkers und Miller zur Vorbereitung hätte die Macher der Sendung zu einem höheren Niveau und zu einem grösseren Tiefgang verholfen. Schade um die vertane Chance.

Weiterführende Infos: „Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – Wie weiter?“: http://www.amazon.de/Reformpädagogik-nach-Odenwaldschule-Wie-weiter/dp/3779929295

Kontaktdaten:
netzwerkB – Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt e.V.
Telefon: +49 (0)4503 892782 oder +49 (0)163 1625091
presse@netzwerkb.org www.netzwerkB.org
 

Bild: Evita Gründler


Betroffenen-Initiative übt grundsätzliche Kritik an „Reformpädagogik“ und Odenwaldschule

Aktuelle Stellungnahme von „netzwerkB“:

Die Odenwaldschule ist zum Symbol der institutionalisierten sexualisierten Gewalt geworden. Ein Lehrer hat dokumentierte sexualisierte Gewalt, vom Volksmund gerne und falsch Kinderpornographie genannt, auf seinem Computer gespeichert.

Die Polizei kommt, beschlagnahmt das Material, die Schule kündigt dem Lehrer, im Nachklapp werden dem Lehrer weitere Grenzüberschreitungen vorgeworfen. IMG_1061

Die Staatsanwaltschaft prüft nun den Vorfall und den neuen Vorwurf. Das hätte an jeder anderen Schule in Deutschland auch passieren können. Ist es aber nicht. An jeder anderen Schule hätte die Schulleitung um sich selbst und der Institution wegen den Vorfall der übergeordneten Behörde gemeldet, hätte die Vorkommnisse diskutiert und sich selbstkritisch auseinandergesetzt.

Nicht so an der Odenwaldschule. Stattdessen lässt die Schule das vom Landrat gesetzte Ultimatum, sich bis vergangenen Freitag zu erklären, verstreichen und musste zum Krisengespräch bei der übergeordneten Behörde antreten. Strengere Auflagen sollen nun die Schule auf Kurs bringen. Monatlich rapportieren soll sie.

Eine Strafarbeit also, wie sie eigentlich gar nicht zum Konzept der reformpädagogischen Schule passt. Vielleicht ist der nächste Schritt ja Nachsitzen.

Reformpädagogik als solche Anfang März erschien der Tagungsband „Reformpädagogik  –  wie weiter?“ in der Verlagsgruppe Beltz, herausgegeben von den Professoren für Pädagogik Jürgen Oelkers und Damian Miller.

Eigentlich ein gewöhnlicher Vorgang. Experten einer Disziplin finden auf einer Tagung zusammen, so wie in diesem Fall im Herbst 2011 im schweizerischen Kreuzlingen und diskutieren über die Frage, inwieweit die Reformpädagogik als solche für die massenhafte sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule verantwortlich gemacht werden kann oder nicht.

Das Ergebnis war niederschmetternd für die Odenwaldschule. Die Gurus dieser Ideologie waren Grenzüberschreiter, die Ideologie begünstigt die Grenzüberschreitungen und die Berichte aus der Praxis bestätigen die Erfahrung der Grenzüberschreitung. Worüber soll nach dieser Erkenntnisflut eigentlich noch diskutiert werden? Und wozu? Und mit wem?

Die Verantwortlichen der Odenwaldschule leben in ihrer eigenen Realität, und die anderen sind sich weitgehend einig. Das „Familienprinzip“, nachdem ein oder mehrere Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Schülerinnen und Schülern unter einem Dach in sogenannten „Heimfamilien“ leben, begünstigt Grenzüberschreitungen. Darüber sind sich alle einig. Außer die Vertreter der Odenwaldschule.

Quelle und Fortsetzung der Erklärung von Norbert Denef und Andreas Huckele hier: http://netzwerkb.org/2014/05/02/zeit-das-licht-auszumachen/

 


Mißbrauchsopfer der Odenwaldschule erhält renommierten Geschwister-Scholl-Preis

Meldung der evangelischen Nachrichtenagentur IDEA:

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Lehrer und Geistliche ist keineswegs auf die katholische Kirche beschränkt. Auch evangelische Pädagogen und Theologen haben sich in den achtziger und neunziger Jahren schwerster Vergehen schuldig gemacht. Strafrechtlich sind diese verjährt, aber die Opfer leiden meist lebenslang.

Ihr Schicksal kam erneut an das Licht der Öffentlichkeit, als einem ehem. Schüler der Odenwaldschule am 26. November in München der Geschwister-Scholl-Preis verliehen wurde.

In seinem unter dem Pseudonym „Jürgen Dehmers“ geschriebenen Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ schildert der heutige Lehrer Andreas Huckele (43) jene Gefühle der Ohnmacht, Angst, Wut, Ekel und Suchtkrankheiten, die der hundertfache Missbrauch von Jungen und Mädchen sowie die Vertuschung hinterlassen hat. In der Laudatio des mit 10.000 Euro dotierten Preises wird Huckeles „seltenes Beispiel von Mut“ gewürdigt.

Reformpädagogischer Theologe G. Becker: hundertfacher Mißbrauchstäter

Ein Haupttäter war der evangelische Theologe Gerold Becker (1936-2010), der von 1972 bis 1985 die „reformpädagogische“ Odenwaldschule leitete. Huckele wurde zuerst als 13-Jähriger und dann rund 400 Mal von Becker missbraucht. Insgesamt sind 132 Opfer bekannt; mehr als ein Dutzend Lehrer und Erzieher gehörten zu den Tätern.

Becker, der bis zu seinem Tode mit dem auch in der evangelischen Kirche angesehenen Pädagogen Hartmut von Hentig (87) in Berlin zusammenlebte, räumte 2010 erstmals sexuelle Handlungen an Schülern ein. In einem Schreiben bat er um Entschuldigung, wenn er sie durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe.

Der pädophile Becker gehörte 1998 zur Kammer der EKD für Bildung und Erziehung und ihrer Arbeitsgruppe „Konfirmandenarbeit“, die sich mit der Konfirmation im Wandel unter dem Titel „Glauben entdecken“ beschäftigte. 1

998 waren bereits erste Vorwürfe gegen Becker wegen sexuellen Missbrauchs bekannt geworden, u.a. durch einen Artikel in der „Frankfurter Rundschau“. Staatsanwaltliche Ermittlungen wurden wegen Verjährung eingestellt.

Zu den prominenten Schülern des 1910 gegründeten Landerziehungsheims Odenwaldschule gehören die Porno-Händlerin Beate Uhse und der Europa-Abgeordnete der Grünen, Daniel Cohn-Bendit.

Evangelische Pastoren vergehen sich an Jungen und Mädchen

Nicht nur evangelische Pädagogen, sondern auch Seelsorger haben sich des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig gemacht. Zu den schwerwiegendsten Fällen zählen die Vorgänge in der evangelischen Kirchengemeinde von Ahrensburg bei Hamburg in den achtziger und neunziger Jahren.

Der heute 78-jährige Ex-Pastor Gert-Dietrich Kohl verging sich an mindestens 13 Minderjährigen. Ende 2010 kam er einem Rauswurf aus der Kirche zuvor, indem er selbst seine Entlassung beantragte. Gedeckt wurden seine Vergehen von dem früheren Amtsbruder Friedrich Hasselmann (71). Er unterhielt selbst intime Beziehungen zu einer 17- und einer 18-Jährigen. Strafrechtlich sind die Vergehen verjährt.

Hasselmann muss vorerst auch keine kirchlichen Konsequenzen fürchten, etwa den Verlust seiner Ruhestandsbezüge. Das Kirchengericht der „Nordkirche“ hat soeben ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingestellt. Zur Begründung wurden „Milderungsgründe“ angeführt. So habe sich Hasselmann in der langen Zeit seit den Amtspflichtverletzungen einwandfrei geführt. Außerdem seien er und seine Familie Ziel einer „Hetzkampagne“ geworden.

Die „Nordkirche“ prüft, Rechtsmittel gegen den Richterspruch einzulegen. Die evangelischen Landeskirchen haben inzwischen strenge Richtlinien erlassen, um bereits beim ersten Verdacht gegen mögliche Täter vorzugehen und die Opfer zu schützen.

Die „Sexuelle Revolution“ und ihre mißbrauchten Kinder

Der theologisch konservative Theologe Dieter Müller   –  Vorstandsmitglied der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in der „Nordkirche“  –  sieht in den Fällen sexuellen Missbrauchs in den achtziger und neunziger Jahren auch eine Auswirkung der „sexuellen Revolution“ im Gefolge der 68er Bewegung.

Sie habe Hemmschwellen abgebrochen, die vorher einen Schutzraum geboten hätten. Die propagierte „schamlose Vertrautheit“ habe ein Klima geschaffen, das Missbrauch leichter möglich gemacht habe.

Großen Einfluss in der evangelischen Kirche hätten nicht nur Becker und Herr von Hentig gehabt, sondern etwa auch der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler (1928-2008). Dieser Vertreter einer „emanzipatorischen Sexualerziehung“ trat auch auf Evangelischen Kirchentagen auf.

Quelle: www.idea.de


Buch-TIP: „Die missbrauchte Republik“

Rezension von Reinhard Dörner

Buch-Daten: Die missbrauchte Republik, herausgegeben von Andreas Späth (KSBB) und Menno Aden (SWG) im Verlag Inspiration Un Limited, Hamburg/London 2010,  ISBN 978-3-9812110-2-3, Preis 11,80 €

Wochenlang bildeten nahezu bis Mitte des Jahres 2010 die entdeckten Fälle von Kindesmissbrauch die Eröffnungsmeldung in vielen Nachrichtensendungen, häufig mit dem begleitenden Zusatz: „Immer mehr Missbrauchsfälle“.

Guter Buchtitel zum ThemaDie Unisono-Verurteilung bezog sich in fast allen Meldungen auf die katholische Kirche; andere Organisationen wurden schamhaft verschwiegen oder einfach ausgeblendet. In keinem Fall erfuhr der Rezipient, woher denn diese plötzliche Informationsflut kommt, wer denn die „Aufklärer“ sind.

Diesem Mangel hilft eine wichtige Schrift ab, die sich der „Aufklärung über die Aufklärer“ zuwendet, so der programmatische Untertitel.

Das Buch „Die missbrauchte  Republik“ deckt schonungslos die gesellschaftlichen Hintergründe auf, unter denen es zum sogenannten Kindesmissbrauch kommen konnte.

Diese „Aufklärung“ wird gewährleistet durch ausgewiesene Fachleute wie Prof. Albert Wunsch, Gerard van den Aardweg, Christa Meves, Kurt J. Heinz u.a., die z.T. schon vor Jahrzehnten davor gewarnt haben, „wohin die Reise geht“, wenn bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen nicht gegengesteuert wird.

Schon das „Geleitwort des Mitherausgebers“ weist auf die Gültigkeit der Werte in unserer Gesellschaft hin. Die Aufsätze aller Autoren wirken so eindringlich wie entlarvend:

„Wer wie Heiner Geißler argumentiert, der sexuelle Missbrauch in der katholischen Kirche sei eine Folge ihrer Körper- und Sexualfeindlichkeit, kommt spätestens dann in Erklärungsnot, wenn er die Ursachen der sexuellen Gewalt an Kindern und Jugendlichen in einer Gesellschaft erklären soll, in der es seit der sogenannten sexuellen Befreiung ab den sechziger Jahren nahezu kein Tabu mehr gibt, das der Befriedigung sexueller Bedürfnisse entgegenstünde.“

Daher folgert Weihbischof Andreas Laun vollkommen zu Recht, dass „gefährliche Ideologien und die sexuelle Revolution als Mittäterin“ anzusehen seien.

Auf den Punkt bringt der Autor van den Aardweg das Problem: Missbrauch durch Priester sei „‚gewöhnliche‘ Homosexualität“. Hier rückt van den Aardweg zurecht, was in der medialen Information missachtet wurde: die klare Unterscheidung zwischen Pädophilie und Homosexualität.

Heuchelei damals und heute

Und er vergleicht die „Sittlichkeitsprozesse“ von 1936/37 mit der „heutige(n) Heuchelei: die Partei, die damals pädophile und homosexuelle Priester jagte, war selbst eine Brutstätte solcher Täter und Skandale“.

Andreas Späth ortet einen weiteren Schwerpunkt sexuellen Missbrauchs bei Gefangenen, behördlich Verwahrten oder Kranken und Hilfsbedürftigen in Einrichtungen bzw. unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses und verweist damit auf die entsprechenden Paragraphen 174a bzw. 174c.

Gabriele Kuby beleuchtet die staatlichen Formen der Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen, vom Sexualkundeunterricht über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über staatlich unterstützte Vereine wie Pro Familia u.a.m.

Christa Meves entlarvt selbsternannte Sexualaufklärer wie Helmut Kentler und resümiert, dass „alle Prognosen der sogenannten fortschrittlichen Sexisten (…) sich als falsch herausgestellt“ haben. Daher ist es nur folgerichtig, dass Albert Wunsch als Sozialpädagoge und Psychologe sich der Frage zuwendet, wie Kinder gegen Missbrauch geschützt werden können.

„Humanistische Union“: ihre treibenden Kräfte

Ein wichtiges Kapitel schlägt Jürgen Liminski auf, indem er die treibenden Kräfte im Hintergrund benennt. In den üblichen Nachrichten hört man in aller Regel nichts davon, dass Frau Leutheusser-Schnarrenberger im Beirat der Humanistischen Union (HU) ist, ebenso wie die Grünen-Politiker Claudia Roth und Volker Beck wie auch bis zu seinem Tod der Sexualpädagoge Helmut Kentler. Ziel der HU war es immerhin, Pädophilie zu „entkriminalisieren“.

Der für manche Leser möglicherweise wertvollere und gleichzeitig umfangreichere Teil des Buches besteht aus der Dokumentation.

Diese beginnt mit dem „Umbau der Gesellschaft“, zeigt die Vorstellungen der Grünen zu Sex mit Kindern auf, beleuchtet Ziele und Hintergründe der Humanistischen Union, die „Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität“ die „Arbeitsgemeinschaft-Pädophilie“ und beschreibt das Geflecht der letzten drei Genannten untereinander; sie stellt die „Reformpädagogik zwischen pädoerotischer Grenzüberschreitung und organisierter Kriminalität“ dar und nennt Vertreter der Pädophilenbewegung: Fritz Sack und Lüdiger Lautmann, Helmut Kentler, Psychogruppen, Kindersex und Bombenterror – Die Kommune 2 und schließlich die sog. Stadtindianer.

In einem letzten Teil wendet sich Harald Seubert „Anstelle eines Nachwortes“ in philosophischen Überlegungen den „emanzipatorischen Quellen des Bösen“ zu.

Es folgen kurze Lebensläufe der Autoren sowie ein Personen- und Sachregister.

Dieses Buch ist eine Fundgrube der Information, der Argumentationshilfe und der klaren Linie für alle, die sie (noch) nicht gefunden haben. Wenn es möglich wäre, müßte man es zur Pflichtlektüre für alle Medienschaffenden erklären.

Den beiden Herausgebern gebührt besonderer Dank, dass sie sich als Vertreter evangelischer Kreise so intensiv für die Ehrenrettung kirchlicher Ethik, der katholischen wie evangelischen, stark machen, indem sie die Wahrheitsfrage stellen.

Eine kleine Kritik zur praktischen Arbeit am Buch: Die Fußnoten stehen immer am Ende jedes Aufsatzes bzw. jeder Dokumentation. Um gewinnbringend am Buch arbeiten zu können, gehören die Fußnoten an das Seitenende.

Reinhard Dörner, Vorsitzender des Kardinal-von-Galen-Kreises

Die Erstveröffentlichung dieser Rezension  erschien in „Theologisches“ (Nr. 1-2/2011)