Wie und warum das Beichtsiegel die Gläubigen vor seelsorglichem Missbrauch schützt

Von Felizitas Küble

In der Öffentlichkeit wird viel über sexuellen Missbrauch diskutiert, doch für das Seelenleben vieler Menschen ist auch der geistliche Missbrauch äußerst verstörend und führt oft zu jahrelangen psychischen Problemen, nicht selten auch zu einer Abwendung vom Glauben.

Mir ist dies durch Gespräche mit Betroffenen seit Jahrzehnten bekannt.

Vor allem in sektiererischen und schwarmgeistigen Gruppierungen ist die Gefahr des religiösen Machtmissbrauchs groß, inbesondere dann, wenn sich eine charismatische Gründer- oder Führergestalt (sie kann auch weiblich sein) als besonders gottbegnadet präsentiert und von seinen Anhängern strikten Gehorsam verlangt.

Oft ist diese „Forderung“ nicht einmal nötig, weil sich die leichtgläubigen Schäflein von sich aus um ihren selbsternannten „Propheten“ scharen usw….

BILD: Der hl. Johannes Nepomuk  – hier seine Statue am Aasee in Münster – starb für das Beichtgeheimnis

Ein wirksamer Schutz vor geistlichem Missbrauch ist natürlich das Beichtsiegel, das für katholische Priester so strikt gilt, daß selbst der Papst einen Geistlichen nicht davon dispensieren (befreien) kann, auch nicht in einem Falle, in dem er sonst  – etwa in einer Diktatur – den Tod erleidet.

Allein das Beichtkind selber kann den Priester von seiner absoluten Schweigepflicht entbinden.

Allerdings ist nicht allen Katholiken klar, wie es um einige Einzelheiten steht, die mit dem Beichtsiegel verbunden sind.

Daher seien zwei wichtige Punkte erwähnt, die zum Schutz des Gläubigen vor spirituellem Missbrauch gehören:

  1. Vor Jahrzehnten berichtete mir eine Mitarbeiterin unseres Verlags folgendes: Ein Ordenspriester sagte ihr, sie möge sich bei der eigentlichen Beichte strikt auf das Sündenbekenntnis beschränken. Alle weiteren Themen und Fragen – etwa zu ihrem geistlichen Leben – möge sie nach Ablauf des Bußsakramentes mit ihm erörtern.  – Die junge Frau hielt sich leider an diese Aufforderung. Die Folge war, daß dieser Kleriker mit anderen Personen aus seiner geistlichen Gemeinschaft darüber sprach, denn sie hörte später von diesen Leuten entsprechende  Anmerkugnen. Da sie über gewisse innere Schwierigkeiten nur mit ihm gesprochen hatte, war klar, daß er ihr Vertrauen verletzt hatte.  Nun hat der Kleriker natürlich das eigentliche Beichtsiegel nicht verletzt, da es sich um Äußerungen n a c h  der Beichte handelte,  a b e r  er hat das Seelsorgsgeheimnis nicht eingehalten, das man auch als „Berufsgeheimnis“ (ähnlich der ärztlichen Schweigepflicht) bezeichnen könnte.  – Daher sei hiermit davor gewarnt, einer solchen Bitte nachzukommen, zwischen eigentlicher Beichte und „geistlichem Gespräch“ zu unterscheiden. Etwas anderes ist es, wenn der Gläubige von sich aus solch eine Trennung wünscht, aber auch dann sollte er sich vergewissern, ob der Priester wirklich vertrauenswürdig ist.
  2. Vor etwa 12 Jahren sagte mir ein Kaplan eher beiläufig, als wir uns über das Thema „geistliche Begleitung“ unterhielten, er halte es nicht für hilfreich, wenn Gläubige ihre Fragen und Erörterungen ins Beichtgespräch „reinpacken“, statt mit ihm außerhalb des Bußsakramentes darüber zu sprechen. Auf meine Rückfrage, warum er dies denn nicht so gut fände, antwortete er: Für die geistliche Leitung sei es bisweilen besser, wenn man auf das früher schon Besprochene später gegenüber dem Gläubigen „zurückgreifen“ könne. – Ich ahnte zwar, was er meinte,  erkundigte mich dann aber genauer über die kirchlichen Vorschriften. Es geht hierbei um folgendes: Dem Priester ist es strikt verboten, außerhalb der Beichte in irgendeiner Weise – und seien es nur Andeutungen – auf Inhalte zurückzukommen, die ihm zuvor von dem/der Betreffenden gebeichtet worden waren. Der Geistliche ist also nicht nur gegenüber anderen Personen zum Stillschweigen verpflichtet, sondern auch gegenüber dem Beichtkind selber. Nur dieses kann ihn hiervon entbinden und ihm erlauben, außerhalb der Beichte über etwas zu sprechen, das er nur durch eine vorherige Beichte wissen kann. 

Zum Schluß sei noch angemerkt, daß das Beichtsiegel in gewisser Weise auch für Nicht-Priester gilt. Man darf zwar über das mit anderen sprechen, was man selber gebeichtet hat, auch darüber, was der Priester gesagt oder empfohlen hat, man darf aber auf keinen Fall darüber reden, was man zufällig aus einer Beichte mitgehört hat, etwa wenn jemand im Beichtstuhl zu laut gesprochen hat.


Religiöser Missbrauch durch die „Laienbeichte“

Von Felizitas Küble

Eine frühere Mitarbeiterin meines KOMM-MIT-Verlages hat mir einst Folgendes berichtet:

Sie nahm in den 90er Jahren als Neuling an einer Gebetsversammlung der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ in einer westfälischen Niederlassung des Werkes teil.

Nach viel Lobpreis-Musik und frommen Anwandlungen hieß es in Richtung der Besucherschar, man möge doch nach vorne kommen und mit einem Seligspreisungs-Mitglied gemeinsam beten und diesem dabei die eigenen Probleme eröffnen. So könnte Fürsprache gehalten und geistlicher Segen erteilt werden.

Die Aufforderung wurde mit dem Hinweis verknüpft, es gäbe ja wohl kaum jemanden, der nicht hier oder da innere Schwierigkeiten hätte und einer Gebetshilfe bedürfe.

Wie meine Freundin mir weiter mitteilte, seien  – außer ihr selber  – alle Teilnehmer doch tatsächlich nach vorne gekommen; sie blieb jedoch auf ihrem Platz, weil ihr diese Art einer „Laien-Beichte“ sehr merkwürdig vorkam. 

Wie ich meine: völlig zu Recht!

Solche Praktiken im frommen Deckmäntelchen sind ein besonders geeigneter Landeplatz für geistlichen Missbrauch. Warum dies?

  1. Weil sich hier Menschen mit ihren persönlichen Problemen „outen“, ohne daß der Hörende an ein Beichtgeheimnis gebunden wäre. Somit hat der „Bekennende“ keinerlei Gewähr dafür, daß seine Mitteilungen vertraulich gehalten werden.
  2. Weil solche „verschworenen“ Gruppen eng zusammenhalten und an weiteren Mitgliedern interessiert sind. Es besteht also die Gefahr, daß diese „Laien-Beichte“, die so freundlich als Gebetshilfe und Segens-Dienst präsentiert wurde, auch dazu benutzt wird, um die Neulinge auf die leichteste Art sehr persönlich kennenzulernen und auf diesem Wege schon einmal zu „sortieren“, ob sich der/die Teilnehmer/in für die eigene Gemeinschaft eignet – oder nicht.
  3. Wenn es sich dann auch noch um eine charismatische Gruppierung handelt, sollten erst recht alle Alarmglocken schrillen – und warum? Weil sich in diesen schwärmerischen Kreisen fast immer Leute befinden, die vorgeben, speziell geist-begnadet zu sein, eine „Seelenschau“ zu haben oder das „Wort der Erkenntnis“ von oben zu erhalten, also übernatürliche Einsprechungen des Himmels für die „besondere Situation“ desjenigen Menschen, mit dem sie gerade ihre „Seelsorge“ betreiben.

Leider weiß ich aus Berichten von Betroffenen zu viel davon, um hierüber zu schweigen.

Sogar ein Priester aus Bayern teilte mir mit, daß er das Opfer eines schwärmerischen Ordensmannes geworden ist, der angeblich die „Herzensschau“ besäße. Es hat länger gedauert, bis er diesen „spirituellen“ Machtmißbrauch durchschaute und sich loslösen konnte.

Ähnliches erfuhr ich z.B. von einer früheren Praktikantin unseres Christoferuswerks, die in Oberschwaben an charismatischen Exerzitien teilgenommen hatte und  noch Jahre später unter dem Vertrauensbruch gelitten hat, den der Seminarleiter sich erlaubte, als er ihre persönlichen Probleme vor der Gruppe bloßstellte.

Rein grundsätzlich gilt:

  1. Keinerlei vertrauliche Seeleneröffnungen gegenüber Laien, die man nicht näher kennt – und die als Nicht-Priester an kein Beichtgeheimnis gebunden sind.
  2. Sich auf keinen Fall gegenüber Personen outen  – auch wenn es sich um Geistliche handelt – die von sich behaupten, die „Seelenschau“ oder eine sonstige hellseher-ähnliche „Gabe“ zu besitzen.
  3. Sich nicht „gruppendynamisch“ zu etwas drängen lassen, nur weil „alle“ mitmachen und sich irgendeinen fromm erscheinenden Unfug aufschwatzen zu lassen  – siehe oben!

Es ist übrigens kirchenrechtlich verboten, daß Vorgesetzte außerhalb der Beichte (die durch das Beichtgeheimnis gesichert ist) von Untergebenen verlangen oder sie auch  nur dazu animieren, daß diese ihren inneren Seelen- bzw. Gewissenszustand offenbaren. Im can. 630 (§5) wird es Oberen ausdrücklich untersagt, die Ordensmitglieder „auf irgendeine Weise zu veranlassen, ihnen das Gewissen zu eröffnen.“

Damit schützt die Kirche mit ihrem CIC (Kanonischen Recht, Kirchenrecht) die Gewissensfreiheit der Gläubigen, was natürlich nicht nur innerhalb von Klöstern gilt, sondern genauso für die „neuen geistlichen Gemeinschaften“, die gerade in puncto religiöser Machtmißbrauch sehr anfällig sind, erst recht, wenn sie auch noch einem „charismatischen“ Gründer derart naiv bis fanatisch anhängen, als sei er schon zu Lebzeiten ein Heiliger….

Wer religiösen/geistlichen Missbrauch erlebt hat und Rat oder Ermutigung zum „Ausstieg“ sucht, kann sich gerne bei mir melden: felizitas.kueble@web.de   – Tel. 0251-616768