Glaubensinhalte, sinnenfroher Kult und Symbole verschmelzen zu einer Symbiose

Ich hatte das Glück, an einer Universität mit zwei theologischen Fakultäten zu studieren und nutzte neben den katholischen Vorlesungen auch die Chance, einige ausgewählte interessante Vorlesungen der evangelischen Schwesterfakultät zu hören.

Es gab auch einen ökumenischen Gesprächskreis, in dem ich mich engagierte. Dort gab es allerlei kuriose Begebenheiten. Zum Beispiel wurde ein Ikonen-Malkurs angeboten. Ja, ich weiss, es heisst eigentlich „Ikonen schreiben“, aber das nur am Rande.

Für meine evangelischen Schwestern (Brüder gab es dort im Kurs keine, so weit ich mich erinnere) war von vornherein klar: „Nichts mit Maria“!

Da wurden dann Engel in sämtlichen Varianten „geschrieben“, natürlich auch der „Herr Jesus“, aber um Himmels Willen nicht die Madonna, denn das sei zu katholisch und das ging ja nun gar nicht!

In letzter Zeit ist mir meine katholische Heimat wieder näher gekommen, nachdem ich eine Zeit lang Schwierigkeiten mit so manchen Themen hatte. Ich entdeckte und entdecke Interessantes: die katholische Volksfrömmigkeit ist alles andere als weltfremd, ein Vorwurf, der ja gerade bei Schlagwörtern wie Zölibat, Frauenordination (die gibt es im Protestantismus auch noch nicht so lange!), Pille usw gern gemacht wird.

Weihrauch, Öle, Wasser, Riten und Zeremonien sprechen alle Sinne an und damit den ganzen Menschen. Jede/r von uns kennt liebe Menschen, von denen wir gerne bestimmte Gegenstände aufheben, manchmal ganz unscheinbare Dinge. Da gibt es die obligatorischen Bilder, auch Briefe, kleine Geschenke, Erinnerungen.

Nichts anderes praktiziert der Katholizismus, wenn er den Gläubigen Reliquien zur freiwilligen Verehrung darbietet (ohne dass hierzu eine Verpflichtung bestände).

Apropos: die Christenheit hat interessanterweise niemals Knochen  –  und das sind immer die „ersten“ Reliquien gewesen, dann erst kamen auch Stoffe und andere Dinge hinzu  – von Maria zur Verehrung gehabt, das zeigt das hohe Alter des kirchlichen Glaubens, dass Maria wirklich mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.

Kult und Glaubensinhalte verschmelzen zu einer Symbiose  – und dafür bin ich der Kirche dankbar!

Unser Gastautor stammt aus Baden-Württemberg und ist Diplom-Theologe; er ist unserer Redaktion persönlich bekannt


Das Schleiertuch von Manopello: Warum besteht es aus Muschelseide?

Rätselhaftes Mirakel oder himmlisches Wunder?

In der italienischen Klosterkirche Manopello wird das „Volto Santo“ (= heilige Tuch) präsentiert, das angeblich das Antlitz Christi selber darstellen soll.

Viele Anhänger halten es für das „Schweißtuch der Veronika“. Dieses wird jedoch seit jeher im Petersdom zu Rom aufbewahrt und einmal jährlich in der Fastenzeit den Gläubigen gezeigt.

Manopello ist ein kleines italienisches Städtchen in den Abruzzen, wobei sich das erwähnte Kapuzinerkloster etwas außerhalb davon befindet. The Manoppello Image.

Bei diesem vielverehrten Tuch, das vor allem durch Bücher des Journalisten Paul Badde bekannt wurde, handelt es sich um ein Antlitzbild auf einem hauchzarten Schleier; dieser besteht aus durchsichtig weißem Gewebe bzw. Muschelseide. 

Die „Ikone“ befindet sich zwischen zwei Glasplatten auf dem Altar der Klosterkirche. Das Manopello-Tuch ist kirchlicherseits nicht als „Reliquie“ anerkannt, daher der Ausdruck „Ikone“.

Auch Papst Benedikt, der sich wohlwollend darüber äußerte, verwendet durchgängig den Ausdruck „Ikone“  –  und Ikonen sind nun einmal von Menschen gemalt. 

Zudem gilt: Selbst an kirchlich anerkannte Reliquien müssen Katholiken keineswegs glauben, sondern lediglich allgemein den Sinn der Reliquienverehrung akzeptieren.

Mitunter ranken sich um das Manopello-Tuch rätselhafte Berichte  –  oder es werden „Lichtspiele“ bzw. fotografische Lichteffekte vorgeführt (derzeit zB. hier, die freilich nicht himmlischen Ursprungs sind, sondern durchaus natürlich erklärbar.

Zudem gilt: Beileibe nicht alles, was derzeit noch unerklärbar erscheint, muß deshalb schon übernatürlich sein.

Meiner Meinung nach gibt es zum Manopello-Tuch, das vielfach geradezu überschwänglich verehrt wird, eine Reihe von Merkwürdigkeiten und Einwänden.                                               

So stellt sich zB. die Frage, warum das Tuch ausgerechnet aus Muschelseide besteht, also aus dem Sekret (den Absonderungen) der Fußdrüsen verschiedener Arten von Meeresmuscheln. Die Muschel gilt aber im Judentum als nicht „koscher“, folglich als „unrein“.

Warum sollte nun die hl. Veronika, die Christus der Legende nach das Schweißtuch reichte, ausgerechnet einen Stoff aus dieser Muschelseide verwenden?

Das käme einer jüdischen Frau nie in den Sinn!  – Zudem wäre solch ein Tuch aus „unreinem“ Stoff von der judenchristlichen Urgemeinde in Jerusalem nicht in Ehren gehalten  oder  für spätere Zeiten aufbewahrt worden.

Wir können das Christentum, auch Christus selbst, keineswegs aus seinem  jüdischen Umfeld lösen.

Außerdem fehlt dem Gesicht auf dem Manopello-Tuch (siehe Foto) aus meiner Sicht jene Ausstrahlung von Hoheit und Erhabenheit, jene innere Vornehmheit und Heiligkeit,  die dem Anlitz des göttlichen Erlösers sicherlich zu eigen war und die bei dieser „Reliquie“ nicht erkennbar ist.

Da helfen auch keine „Lichtspiele“, mirakulösen Erzählungen oder bislang ungeklärte Rätsel um diesen angeblich „wunderbaren“ Schleier.                                                                                                                                                                     

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster

Foto: Wikipedia