Historiker-Buch zur Vertreibung der Deutschen: „Aufarbeiten statt verdrängen“

Information zur Neuerscheinung: 80 Thesen zur Vertreibung –  Aufarbeiten statt verdrängen – von Professor Dr. Alfred de Zayas und Konrad Badenheuer

Die gewaltsame Entwurzelung von etwa 14 Millionen Menschen aus dem ehemals deutschen Osten und dem Sudetenland nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Landkarte Europas verändert.

Und doch ist es still geworden um diesen historischen Einschnitt. In Medien und Schulbüchern wird seit langem nur noch wenig drüber berichtet. Unwissenheit ist die Folge davon.

Das neue Buch von Alfred de Zayas und Konrad Badenheuer, das unter dem Titel „80 Thesen zur Vertreibung. Aufarbeiten statt verdrängen“ erscheint, versteht sich als Antithese zu Verdrängung und Vergessen.

Es ist ein Appell, historische Fakten zur Kenntnis zu nehmen, sie völkerrechtlich korrekt zu bewerten und dann Schlussfolgerungen zu ziehen: Auch heute könnten mit gutem Willen viele Unrechtsfolgen der Vertreibung überwunden werden.

Die Autoren geben sich überzeugt: Ganz Europa hätte den Nutzen davon.

Der amerikanische Völkerrechtlicher und Historiker Professor Dr. Alfred-Maurice de Zayas hat mit diesem Buch jahrzehntelange Forschungen und menschenrechtliche Tätigkeit für die Vereinten Nationen in Genf in 80 Thesen gegossen.

Die Vertreibung der Deutschen stellt de Zayas in den weltweiten Kontext einer Situation, in der aktuell mehr als 60 Millionen Menschen von Flucht, Vertreibung und erzwungener Migration betroffen sind.

Er weist darauf hin, dass bereits seit Jahren die Vereinten Nationen das Recht auf die Heimat („right to one’s homeland“) als Menschenrecht vertreten – eine Entwicklung, zu der de Zayas durch zahlreiche Veröffentlichungen und seine Arbeit als hochrangiger UNO-Experte beigetragen hat, die aber ausgerechnet in Deutschland nicht allzu viel beachtet wurde.

Das Buch schließt an eine Broschüre aus dem Jahr 2008 an, die „50 Thesen zur Vertreibung“, die im selben Verlag erschienen, aber seit kurzem vergriffen sind.

Die „80 Thesen“ sind freilich ein komplett neues, im Umfang mehr als verdreifachtes Werk, das die einschlägigen politischen und völkerrechtlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre berücksichtigt.

Viele der Thesen sind verglichen mit der Fassung von 2008 noch genauer begründet, noch differenzierter formuliert und noch breiter in den geistesgeschichtlichen Kontext Europas eingebettet. Zu den Neuerungen gehört, dass der alte und aktuelle Verleger Konrad Badenheuer als Co-Autor beteiligt ist.

Der Berliner Publizist mit Insiderkenntnissen der Vertriebenenverbände geht der Frage nach, wie die massive Verdrängung deutscher Schicksale bei der Auseinandersetzung mit dem Megathema Vertreibung überhaupt zu erklären ist.

Wie war es zum Beispiel möglich, dass Begriffe wie „Ostdeutschland“ oder „Ostbrandenburg“ einfach ihre Bedeutung ändern konnten und heute andere Regionen bezeichnen als früher? Was haben die deutschen Bundesregierungen und die Betroffenen selbst durch ihr Tun oder Lassen zu dieser gewiss fatalen Entwicklung beigetragen?

Der Autor unterzieht die Arbeit der Landsmannschaften einer differenzierten, aber in einigen Punkten drastischen Kritik. Wissenschaftliches Neuland erschließt seine Untersuchung der Frage, wie viele Ost- und Sudetendeutsche erst nach ihrer eigentlichen Vertreibung an deren Folgen ums Leben gekommen sind – insbesondere durch hungerbedingte Krankheiten und mangelnde medizinische Versorgung.

Im genauen Vergleich mehrerer bereits vorhandenen Veröffentlichungen aus verschiedenen Herkunfts- und Aufnahmegebieten quantifiziert Badenheuer diesen Verlust auf knapp 3,5 Prozent der Betroffenen oder etwa 410.000 Personen. Die bisherige Forschung hat dieses Thema weitgehend ignoriert.

Das Buch dokumentiert schließlich bedeutsame Entschließungen des Bundestages und des Europäischen Parlaments sowie wegweisende Erklärungen der Vereinten Nationen zur Wiedergutmachung von Vertreibungen. Alle diese Dokumente stammen aus den 1990 Jahren, sind also vergleichsweise jung.

In Faksimile wird das Telegramm eines britischen Diplomaten vom 1. August 1945 wiedergegeben und analysiert, es eröffnet neue Einsichten über die Erwartungen und das Kalkül der damaligen britischen Regierung hinsichtlich der Vertreibung. Landkarten und Fotos runden den Dokumentationsteil ab.

Buch-Daten: Alfred de Zayas/Konrad Badenheuer: „80 Thesen zur Vertreibung – Aufarbeiten statt verdrängen“, Taschenbuch, 184 S., Verlag Inspiration Un Ltd., London/Berlin 2019, ISBN 978-3-945127-292, Preis 14,90 €

Das faktenstarke Buch kann für 14,90 € bei uns oder direkt beim Verlag bestellt werden: http://www.verlag-inspiration.de/home.html


Fairer Umgang mit „rechtem Christentum“

Besprechung von Thomas May

Buch-Daten: Felix Dirsch, Volker Münz, Thomas Wawerka (Hrsg.): Rechtes Christentum? Der Glaube im Spannungsfeld von nationaler Identität, Populismus und Humanitätsgedanken. – Ares Verlag, Graz 2018, 256 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-99081-004-0. – 19,90 €

Der Sammelband mit 11 Einzelbeiträgen von­ Theologen, Philosophen, Politikwissenschaftlern, Historikern und Publizisten unternimmt den Versuch, das Spektrum der politischen Rechten unter dem Aspekt der Christlichkeit zu erfassen und Legitimität, ja Folgerichtigkeit einer reflektierten Verbindung beider darzulegen.

Die Hauptkonfliktlinie verläuft dabei zwischen dem als „böse“ stigmatisierten „rechten“ Christentum bzw. Rechtskatholizismus (diffamierend auch mit „rechtsradikal“ oder „rechtsextrem[istisch]“ etikettiert) im Gegensatz zum „guten“ linken säkularisiert-universalisierten Humanitarismus, der im Zuge der Merkelschen „Flüchtlingspolitik“ für alternativlos erklärt wurde.

In der kontroversen Gemengelage ist es einigen Autoren ein unverzichtbares Anliegen, die weitgehend obsolet gewordenen, sperrigen Konzepte der (deutschen) Nation und des Vaterlandes christlich authentisch und kompatibel einzubringen.

Typologie des Rechtskatholizismus

Der katholische Theologe und Politologe Felix Dirsch entwirft in seinem Beitrag (S. 17–51) in Gegenüberstellung zu „links“ eine Typologie des „Rechten“ im Sinne des Rechtskonservativen und ermittelt anschließend die ihm innewohnenden katholischen Grundsätze und Modi.

Als erste Kategorie firmiert das Realitäts- und Erhaltungsprinzip (versus progressives Lust- und Gütervermehrungsprinzip), das vor allem im naturrechtlichen Denken sowie anknüpfend an Thomas von Aquin in der solidaristischen Doktrin der katholischen Soziallehre seinen Niederschlag findet. Die Gewährleistung des Gemeinwohls ist heute allerdings im Gefolge der Migrations- und Asylkrise durch staatlichen Kontrollverlust und soziale Distension gefährdet.

Bei dem als Zweites genannten Ordnungsprinzip (versus Auflösung) lassen sich die katholischen Linien bis Augustinus und den Aquinaten, der das Verhältnis von Gott und Mensch in einem lebendigen Bezugsrahmen darstellt, zurückverfolgen.

Die biblisch grundgelegte, dogmatisch zentrale Schöpfungsordnung erweist sich als Bastion gegenüber dem postmodern entgrenzten Linksliberalismus, der die binäre Geschlechterordnung aufsprengt und den Menschen über seine biologischen Vorgaben hinaus zum Schöpfer des eigenen Geschlechts ermächtigen will.

Offenkundig ist schließlich auch die Verbindung zwischen tendenziell pessimistischem Menschenbild (versus utopistisch-optimistisches, „gutmenschliches“) und der katholischen Lehre vom „peccatum originale“ (Ur-Sündenlehre), der wegen der geschwächten, dem Irrtum und dem Bösen zugeneigten Menschennatur ein hohes Maß an Realismus zu bescheinigen ist.

Die „rechten“ Prinzipien der ontologischen Ungleichheit (versus Gleichheit), die etwa der hierarchische Aufbau der katholischen Kirche abbildet, und der relativen Homogenität (versus individualistische Freiheitsüberhöhung) führt Dirsch nicht näher aus. 

Im Folgenden skizziert der Autor geschichtliche Ausgestaltungen des Rechtskatholizismus von der Französischen Revolution (Joseph de Maistre) bis ins 20. Jahrhundert (Carl Schmitt, Othmar Spann).

Unter veränderten Bedingungen kommt ihm in der Gegenwart durch die Vielfalt der Auflösung von staatlichen, gesellschaftlichen, sozialen, familiären und kirchlichen Ordnungen zuerst eine stabilisierende Funktion zu, etwa gegenüber dem von Linksintellektuellen propagierten individuellen Hedonismus und egalitären Menschheitskult, der die Willensträgerschaft des Volkes untergräbt.

Auch sind angesichts der Massenimmigration mit Bezug auf die katholische Soziallehre die Eintrittspflicht des Staates für das Gemeinwohl und für den Schutz des Eigenen entschieden einzufordern. Den Exponenten des patriotisch verwurzelten Rechtskatholizismus vor allem obliegt es, der Selbstdegradierung der Kirche zu einer globalen NGO mit dem Papst an der Spitze entgegenzutreten und ein organisch gewachsenes Europa kulturell verbundener Staaten zu fördern.

Entwicklung des konservativen Protestantismus nach 1945

Für die protestantische Seite geht der Theologe, Philosoph und Hochschullehrer Harald Seubert konservativen Strömungen ab 1945 nach (S. 52–74). Dem Geist der Bekennenden Kirche verpflichtete Theologen wie Helmut Thielicke und Walter Künneth konnten noch für zwei bis drei Jahrzehnte eine rege Wirksamkeit entfalten, ebenso der in der EKD einflussreiche Pastor und Publizist Alexander Evertz, der die Politisierung des Glaubens und die Nationvergessenheit der Linksprotestanten geißelte. 

Das Epochenjahr 1968 mit dem befreiungstheologischen „Politischen Nachtgebet“ Dorothee Sölles beim Essener Katholikentag markiert eine Zäsur und die Differenz der in der Folgezeit auseinanderdriftenden Allianz neomarxistischer und historisch-kritischer Kräfte einerseits und des theologisch und politisch konservativen evangelisch-lutherischen Lagers anderseits, das dramatisch an Einfluss einbüßte, obwohl es an institutionellen Gegeninitiativen wie der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ (Pfarrer Tegtmeyer), der „Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland“ (Bernt von Heiseler) oder der „Konferenz Bekennender Gemeinschaften“ (Peter Beyerhaus) nicht fehlte.

Als eine der bedeutendsten Stimmen des von der Reformation geprägten Konservatismus wirkte der Philosoph Günter Rohrmoser als Hochschullehrer, Publizist und Politikberater (Franz Joseph Strauß, Hans Filbinger) bis in die 1990er Jahre. Aus seiner Sicht musste die lutherische Zwei-Reiche-Lehre zwar tiefstes Ethos sein, durfte aber niemals direkte politische Rezeptur werden.

Evangelische Kirche in Augsburg

Auch dank der Zeitschrift „ideaSpektrum“ ist heute der Dachverband der stark evangelikal ausgerichteten „Evangelischen Allianz“ der mächtigste Widerpart des in der EKD und an den Universitäten etablierten linken Kulturprotestantismus, der seit den 1970er Jahren seinen Siegeszug über die Kirchentage angetreten hat und seither das Bild der Öffentlichkeit prägt.

Ihn bestimmen ein im Namen allgemeiner moderner Religiosität entwertetes, zum Teil eliminiertes Verständnis der Heiligen Schrift, ein vom „gefallenen“ Menschen abgerücktes, evolutionistisch-optimistisches Menschenbild sowie die Umdeutung der christlichen Liebesbotschaft in eine sozial-emanzipatorische, ökologische, humanitaristische Agenda.

Seubert rundet seinen Essay mit zwei alternativen Zukunftsszenarien ab. Das erste wäre, dass ein der Tradition verbundener, theologisch und geistlich erneuerter, von evangelikalen und klassisch evangelischen Kräften getragener Protestantismus wieder mehr Raum und Einfluss in Theologie und Kirche gewinnt; ihm fiele auch der schwierige Spagat zu, einerseits der Liebe zu Deutschland als Kultur- und Heimatraum (Patriotismus) Daseinsrecht zuzuerkennen, anderseits jenen Teil der Rechten zurückzuweisen, welcher den Glauben funktionalisiert und das „christliche Abendland“ nur als Kampfparole missbraucht.

Für wahrscheinlicher hält es Seubert jedoch, dass die neue politische Theologie des Protestantismus, die den christlichen Glauben auf Moralismus und Gefühl reduziert, die evangelische Kirche verstärkt zu einer rotgrünen Agitationseinrichtung umformen wird.

Populismus und Christentum im Zeichen des Globalismus

Der Journalist und Buchautor Martin Lichtmesz(S. 90–116) begreift den „(Rechts-)Populismus“ als Kampfbegriff der säkularen Polit-Religion des „humanitären Universalismus“ (Rolf Peter Sieferle) oder „Globalismus“, der sich geistesgeschichtlich aus liberaler „Religion“ der Menschenrechte und linkem Kulturmarxismus herleitet, zur Feindbestimmung all derer, die in Rückbesinnung auf urdemokratische Impulse Repräsentation, Partizipation und Bewahrung der Eigenen von der politisch-medialen Machtelite einfordern.  

Populisten, die sich als Demokraten und Europäer sehen, halten an der Basis der Nation fest, deren Volk durch Sprache, Abstammung, Geschichte und Kultur verbunden ist – im Gegensatz zu „Brüssel“, das die einst christdemokratische EU unter Berufung auf „Menschenrechte“ und „liberale Demokratie“ in Richtung Immigration („Migrationspakt“), Multikulturalisierung, Islamisierung und „Diversity“ steuert und die Nationalstaaten entmachtet.

Diese Politik erzwingt nach dem katholischen Theologen Martin Schelkshorn eine ideologische Synthese zwischen Christentum und Globalismus; wer sie ablehnt, verstößt gegen den „Geist der Demokratie“, die „Menschenrechte“, die „christlichen Werte“. Umgekehrt wäre eine ideologische Synthese zwischen Christentum und neorechter Ideologie „eine Pervertierung christlicher Moral“. Schelkshorns Sicht wird im Grundsatz von hohen Repräsentanten beider Kirchen geteilt, die sich dem Druck der Globalisten beugen zu müssen glauben, um gesellschaftlich relevant zu bleiben.

Lichtmesz erweist die Unrichtigkeit der schematischen Zuordnung.

Nicht nur Papst Benedikt XV. verwarf im Motuproprio „Bonum sane“ (1920) die Ideologie der „Einen Welt“, die mit einer „noch nie dagewesenen Schreckensherrschaft verbunden“ sei, auch Johannes Paul II. erinnerte in seinem Rundschreiben „Dilecti Amici“ (1985) die Jugend der Völker an ihre vaterländische Verantwortung, die die Pflicht, Volk, Stamm oder Nation zu erhalten, einschließt.

Die Weigerung der ungarischen Bischöfe, ihr Land den Angehörigen einer fremden, häretischen Religion zu öffnen, beruht auf dieser jahrhundertealten Tradition. Anhand der neuen, 2012 unter Viktor Orbán in Kraft getretenen ungarischen Verfassung fokussiert Lichtmesz auf die Korrektur der fatalen Fehlentwicklung: An erster Stelle stehen hier die nationale Identität und Besonderheit, über den Menschenrechten und über liberalen Prinzipien; die Rolle des Christentums wird explizit gewürdigt.

So ist einer Überdehnung der Menschenrechte (wie in den „pluralen“ Demokratien Westeuropas) zulasten der autochthonen Bevölkerung ein Riegel vorgeschoben.

Auf der Basis ethnokultureller Homogenität, unter Einbettung ethnischer Minderheiten in die ungarische „Leitkultur“ und in Übereinstimmung mit dem Solidaritätsprinzip der katholischen Soziallehre kann die Lehre von den „Pflichtenkreisen“ greifen, die bei Thomas von Aquin in den Prioritätenfolge Gott – Eltern (Blutsverwandte) – Vaterland (Freunde, Mitbürger) ausformuliert ist: praktische Nächsten-Liebe vor Fernsten-Liebe. Nur von hier aus ist eine Ausweitung moralischer Verantwortung auf die gesamte Menschheit möglich. Dieser globalen Erweiterungsebene trägt auch Ungarns neue Verfassung Rechnung.

Christentum und Rechtskonservatismus aus theologischer Sicht

Der ostdeutsche evangelische Pfarrer a. D. Thomas Wawerka (S. 173–189) betont die Priorität des Glaubens (Christ sein) gegenüber der konkreten politischen Willensbekundung (rechts sein) – Jesus Christus selbst scheidet beide Sphären voneinander (Mk 10,42–45; auch Mk 12,17; Joh 18,36).

Gemäß der „Ethik“ Dietrich Bonhoeffers sei das Politische zwar als ein Zuständigkeitsbereich in der Welt anzuerkennen, es ist aber nicht der einzige oder absolute; vielmehr gelten auch „Schöpfungsordnungen“ oder „Mandate Gottes“, die dem Zugriff des Politischen entzogen sind.

Als Beispiele nennt der Autor die Familie als Verbindung von Mann und Frau sowie das Volk. Demnach hat christliche Ethik die Einführung der „Ehe für alle“ ebenso als Anmaßung des Politischen zurückzuweisen wie den Umbau der gottgewollten Völker zu multikulturellen Gesellschaften.

Im Anschluss an den Soziologen Theodor Geiger (1891–1952) verwirft Wawerka eine wertefixierte Politik, da sie zwangsläufig zum (linken) totalitären Missionieren führt, das die (rechte) Gegenseite als Feind disqualifiziert und ausgrenzt.

An der Verschmelzung des Politischen mit dem Moralischen seien schon Familien, Freundschaften und Arbeitsverhältnisse zerbrochen. Absolute Werte gebe es in der christlichen Ethik jedoch nicht; Werte sind dem Herrn Jesus Christus untergeordnet, in der Vielfalt relational: dem Vaterland verpflichtet und universal, dem Frieden verpflichtet und wehrhaft. Stattdessen ist eine Politik der Interessen und des Interessensausgleichs zu praktizieren.

Wawerka verlangt eine Wende von der wertepolitischen zur ordnungspolitischen Ethik, zur Rekonstruktion der Ordnungen. Da deren Befürworter und Verteidiger eher unter dem Etikett „rechts“ auftreten, ergeben sich hier in der Tat Schnittmengen mit dem Christentum.

Umsetzung und Widerstand: AfD und IB

Volker Münz, kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, referiert die Bedeutung der Vereinigung „Christen in der AfD“ für seine Partei (S. 160–172). Seit deren Gründung (2013) suchen sich hier Christen aller Konfessionen im Gebet gegenseitig zu stärken.

Trotz seiner nur rund 500 Mitglieder ist der Einfluss der ChrAfD in die Partei hinein (ca. 30.000 Mitglieder, davon etwa 60 Prozent Christen) immens und äußert sich vor allem in der Mitgestaltung des Parteiprogramms nach christlich-konservativen Vorstellungen. Sie haben im Bekenntnis zum Schutz des ungeborenen Lebens, zur Bewahrung der traditionellen Ehe und Familie und in der Ablehnung der unchristlichen Genderideologie Eingang gefunden.

Ferner bekennt sich die AfD zur christlich-abendländischen Kultur und zum jüdisch-christlichen Menschenbild. Der Utopie der multikulturellen Gesellschaft begegnet sie mit dem Konzept der europäischen Leitkultur (nach dem Politikwissenschaftler Bassam Tibi), unter deren Fittichen der Nationalstaat des deutschen Volkes erhalten bleiben soll.

Obwohl die AfD mehr als alle anderen Parteien für eine Politik aus christlichem Ethos stehe, erfährt sie scharfe Ablehnung von meist „fortschrittlichen“ Vertretern der Amtskirchen. Während pauschal die Vorwürfe Populismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Hassrede erhoben werden, fehlt eine kirchliche Würdigung der dezidiert christlichen Positionen der Partei, zu denen Grüne und Linke, aber auch Sozial- und Christdemokraten nicht selten in Widerspruch stehen, wie etwa 2017 bei der Einführung der „Ehe für alle“ oder jüngst bei der gesetzlichen Aufweichung des Werbeverbots für Abtreibungen (§ 219a StGB).

Einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen unter Berufung auf ein universalistisch überspanntes Ethos der Nächstenliebe infolge einer sachwidrigen (theologischen) Vermengung von Individual- und Sozialethik stellt die AfD das Postulat eines auf Recht und Gesetz basierenden verantwortungsethischen Handelns entgegen, für das sie sich auf den Aquinaten und die unverkürzte katholische Soziallehre berufen kann. Ob sich Bischöfe manchmal durch „fundamentalistische“ Rechte unangenehm an das Depositum Fidei erinnert fühlen?

Mit Gegenwind hat die AfD auch vor dem Hintergrund ihrer angezweifelten Verfassungsmäßigkeit zu rechnen. Das berührt die Tätigkeit der nach den Landesschulgesetzen zu politischer Neutralität verpflichteten Lehrer. Dieser Thematik widmet sich der Zeithistoriker und Publizist Stefan Winckler (S. 75–89).

Anhand einer sachsen-anhaltinischen Schule zeigt er auf, wie Lehrkräfte, die 2017 ein „Zeichen gegen Rassismus und Intoleranz“ setzen wollten, Schüler gegen die AfD als Gesamtpartei zu indoktrinieren versuchten: irregulär, weil diesen – „überwältigt“ – keine Chance gegeben wurde, sich durch Pro-und-kontra-Diskussion ein eigenes Urteil zu bilden. 

Der Beitrag zweier Mädchen auf „journalistenwatch“, nach dem AfD-nahe Mitschüler von Lehrerseite beleidigt und bedroht wurden, wird als weiteres Beispiel unerlaubter Meinungslenkung zitiert. Lehrer wegen AfD-Mitgliedschaft mit Disziplinarmaßnahmen zu belegen, hält Winckler für ungerechtfertigt, sofern sie sich im Unterricht nicht parteiisch oder verfassungsfeindlich äußern. Hingegen sollten sie kriminelle Antifa-Aktionen gegen AfD-Politiker, deren Kundgebungen und Wahlkampfstände erörtern dürfen.

Der in den Medien zum Teil hysterisch angefeindeten Identitären Bewegung (IB) gilt der Beitrag der promovierten Philosophin und Aktivistin Caroline Sommerfeld(S. 190–203).

Die Gruppierung französischen Ursprungs wurde von dem Studenten Martin Sellner und einer kleinen Schar 2012 in Österreich und 2014 in Deutschland gegründet. Der siegreichen Schlacht des christlichen Heeres über die Türken am Kahlenberg vor Wien (1683) eingedenk, vertritt sie die Grundidee, dass Völker ein Recht auf Heimat und ethnokulturelle Identität haben. Infolge des Kampfes gegen Islamisierung und Globalismus ist die IB ins Visier des Verfassungsschutzes geraten.

Über Herkunftsidentität und Kulturchristentum hinaus beharrt die politische Jugendbewegung, die 2017 mit ihrer Aktion „Defend Europe“ zur Beobachtung von Schleusern im Mittelmeer aufhorchen ließ, auf dessen „Gründungsmythos“, auf den historischen Großerzählungen von seiner Abwehr des äußeren Feindes.

Daraus resultiert das Verständnis eines wehrhaften Christentums in der Tradition der milites christiani. Zuinnerst speist sich ihre „Identität“ aus der Heideggerschen „Existierkunst“, durch die der Einzelne in seinen historischen Handlungsauftrag gestellt ist.

Mit Bezug auf Carl Schmitt unterscheidet Sommerfeld zwischen privatem Feind (inimicus) und politischem Feind (hostis).

Der Verzicht auf individuelle Gewalt, wozu sich die IB „metapolitisch“ kämpfend bekennt, widerspricht nicht der Verteidigung Europas gegen den Islam als hostis. Die Widerstandskraft des Christentums sieht die Autorin durch den unterwürfigen nachkonziliaren christlich-muslimischen Dialog mit der dekretierten gemeinsamen Anbetung des „einen Gottes“ (Lumen gentium 16) und die Umdeutung des Liebesbegriffs geschwächt.

Das Ringen mit dem Problem der Wehrhaftigkeit wird für die IB in der Praxis wohl eine Herausforderung bleiben.

Anleihen für einen fairen Diskurs auf Augenhöhe

Ausgehend von den Folgen der „Grenzöffnung“ 2015 sucht der evangelische Pfarrer Lothar Mack (S. 204–229) die Themen „christlicher Glaube“ und „positives Nationalbewusstsein“, deren Gewissheit nach dem Zweiten Weltkrieg fragwürdig geworden war, für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Mittels theologisch-politischer Anleihen bei Autoren wie Helmut Thielicke, Hermann Rauschning oder Walter Bargatzky strebt er eine „Horizontverschmelzung“ an, aus der die Heutigen von den tastenden Antworten der Damaligen lernen können.

Deren radikale Offenheit fernab politischer Korrektheit und kirchlichen Moralisierens repräsentiert vorbildlich eine Gesprächskultur auf Augenhöhe mit dem Anderen, von welcher heute Regierende, Kirchenleitungen und ihre gesinnungsethischen Vasallen in den Medien meilenweit entfernt sind. Diese rote „Diskurshoheit“, die sich unreflektiert in eine rotbraune wandelt und das Gegenüber zum Feind verzerrt, bezeichnet Mack als „moralischen Rassismus“.

Das Bemühen, Christsein und Liebe zum Vaterland neu und tragfähig miteinander zu verbinden, ist beispielhaft in dem von dem protestantischen Adeligen Werner von Trott zu Solz herausgegebenen Sammelband „Der Untergang des Vaterlandes“ (1965) dokumentiert.

In der von ihm initiierten „Gesellschaft Imshausen“, „eine politische Gruppe 47“ („Die Zeit“), trafen sich Sozialdemokraten, Christen und Kommunisten zum vorurteilslosen, parteiübergreifenden Meinungsstreit über alle gesellschaftspolitischen Fragen. Das Programm der Gesellschaft bietet gerade heute eine Anleitung zu freiem gemeinschaftlichen Denken und Handeln angesichts existenzieller Krisen.

Zur Zukunft von Christentum und Islam

Der belgische Althistoriker David Engels (S. 145–159) versucht anhand des Vergleichs mit früheren Epochen der römischen, persischen, arabischen, chinesischen und japanischen Geschichte eine Einschätzung der Zukunftsaussichten von Christentum und Islam in Europa.

Er konstatiert eine zweifache Kluft zwischen Islam und Abendland einerseits und zwischen Liberalismus und Konservatismus anderseits, die sich beide auf „europäische Werte“ berufen (humanistisch versus christlich).

Unbestritten ist der „alte“ Kontinent von Ermüdungserscheinungen gezeichnet, wobei die neue politische Formation der EU keine Überwindung, sondern ein Symptom der Schwäche darstellt. Kurioserweise machen sich ausgerechnet linke und grüne Befürworter der Säkularisierung und Entchristianisierung der Gesellschaft zu Förderern der zunehmenden Islamisierung.

Engels prognostiziert für die nächsten 20 Jahre – von Unruhen, wirtschaftlichem Abstieg und staatlichem Kontrollverlust erschüttert – eine wachsende muslimische Prägung Europas, die sich mittelfristig (die nächsten 50 Jahre) durch den Einfluss von Demographie und Konversion hochrangiger Politiker zum Islam (aus Kalkül oder Überzeugung) verschärft und erst langfristig (während der nächsten 100 Jahre) religiösen Ausgleichserscheinungen weichen wird.

Die Frage des Ab- oder gar Aussterbens des Christentums in Europa sieht der Autor offen. Gute Überlebenschancen räumt er einer reformierten Kirche ein, die sich einerseits kulturell und in der Glaubenswelt auf ihre abendländischen Wurzeln besinnt und anderseits durch Zurückdrängen des Laizismus eine Generation offen zu ihren christlichen Überzeugungen stehender Politiker etabliert. Hier kommen (rechts)konservative und junge traditionalistische Kräfte als Schrittmacher ins Spiel.

Christentum zwischen Universalismus und Partikularismus

Der studierte Philosoph, Germanist und Blogger Daniel Zöllner (S. 230–247) hinterfragt die Rechtfertigung der „Grenzöffnung“ 2015 durch Angela Merkel mit dem Argument der „christlichen Vorstellung der Gotteskindschaft jedes Menschen, aus der die unverletzliche Würde jedes Einzelnen resultiert“.

Falsch daran ist – nebenbei bemerkt – jedenfalls der Begriff: „Gotteskindschaft“ kommt definitionsgemäß nur getauften Christen (nicht Muslimen) zu; „Gottebenbildlichkeit“ wäre korrekt. Im Diskurs prallen die Positionen der universalistischen (pro Grenzöffnung), gesinnungsethischen „Kosmopoliten“ und der partikularistischen (kontra Grenzöffnung), verantwortungsethischen „Kommunitaristen“ in einem „clash of morals“ unversöhnlich aufeinander.

Wider den von Bischöfen erweckten Eindruck, als Christ müsse man sich zum Universalismus bekennen und partikulare, nationale Interessen (bis zur Selbstaufgabe) hintanstellen, deckt Zöllner die geschichtliche Unhaltbarkeit der Position auf:

Dem durch den Völkerapostel Paulus gepredigten Universalismus des Glaubens widerstreitet die stets partikularistische politische Macht. Im Einklang mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre und Max Webers Essay „Politik als Beruf“ hält der Autor fest, dass Politik nicht religiös und Religion nicht politisch werden sollte; Politiker, die sich nicht „die Hände schmutzig machen“ wollen und weigern, Übel mit Machtmitteln einzuhegen, werden schuldig.  

Genau dies ist aber erforderlich, wenn die Immigration von Muslimen, deren Religion sich als umfassend geltende, alle Bereiche durchdringende Lebensordnung versteht, die pluralistische Gesellschaft bedroht.

Im Weltbild linker Universalisten nimmt der Migrant fatalerweise die Rolle des absolut unschuldigen Opfers ein; durch Identifizierung mit ihm brandmarken sie von der Warte pharisäerhafter Gutmenschen aus jeden Kritiker als „Fremdenfeind“, „Rassisten“ oder „Nazi“.

Infolge der Gefährdung von Rechts-, Sozialstaat und Demokratie sowie der Vergeudung finanzieller Ressourcen wertet Zöllner die „Flüchtlingspolitik“ der Kanzlerin mit dem Rechtsphilosophen Reinhard Merkel als „moralisches Desaster“. Sie krankt an einem entstellten Christentum, seiner zivilreligiösen Schwundform.

Das vorletzte Wort des (rechten) Christen muss – realistisch in Anerkenntnis des kreatürlichen Unvermögens des Menschen, eine vollkommene irdische Welt zu schaffen – dem Partikularismus gehören; sein letztes Wort wird – Gottes Neuschöpfung des himmlischen Jerusalems erwartend, zu dem die Völker unterwegs sind – universalistisch sein.

Gesamtbewertung des Buches

Die durchwegs soliden Beiträge des Sammelbands zeichnen sich durch hohe Informationsdichte und ein geistig ansprechendes, teilweise anspruchsvolles Niveau aus, das sich sprachlich auch in Form von längeren hypotaktischen Sätzen manifestiert.   

Statt eines geschlossenen Konzepts bieten sie dem Leser „Bausteine“ mit thematischen Schwerpunkten zur Bildung und Reflexion einer biblisch fundierten, durch die christliche Tradition gestützten, rechten oder konservativen Position. Deren Unverzichtbarkeit im heutigen Diskurs steht außer Frage.

Die Autoren bewegen sich im verfassungskonformen Rahmen; eine Nähe zu Gedankengut des sogenannten „Flügels“ um den AfD-Politiker Björn Höcke klingt nirgends an. Es gibt eine Grenze gegenüber rechtlich dubiosen oder gesetzeswidrigen Auswüchsen der rechten Szene. Seubert hat sie in seinem Buch „Der Frühling des Missvergnügens“ (2018) noch schärfer gezogen.

Die Auswahl der Autoren hat protestantische Schlagseite, was in der theologischen Argumentation (Zwei-Reiche-Lehre) stark widerhallt. Demgegenüber wäre ein alternativer oder ergänzender Beitrag seitens eines katholischen Sozialethikers wie Professor Wolfgang Ockenfels und der Piusbruderschaft (FSSPX) wünschenswert gewesen, wie schon andernorts zu Recht vermerkt wurde (vgl. „Sezession“ Nr. 87).

Als ein Plus hätte man sicher auch einen Essay des Romanciers Martin Mosebach oder des Journalisten Alexander Kissler verbucht, der das Wagnis einer Verknüpfung von Konservatismus und Moderne unternommen hat.

Anderseits bietet der nur um wenige Zeilen erweiterte (bzw. gekürzte) Auszug aus dem 2011 erschienenen Buch „Das katholische Abenteuer“ von Matthias Matussek (S. 117–144) kaum Erkenntniszuwachs, obschon die Ausgrenzung des einst gefeierten „Spiegel“- und „Welt“-Journalisten die antikatholische Verschiebung in der deutschen Medienlandschaft exemplarisch erhellt, wodurch sein mutiges persönliches Glaubenszeugnis sowie seine Bedeutung für das rechtskonservative Lager noch an Gewicht gewinnen.

Die detaillierten Literaturangaben am Ende der meisten Beiträge regen zur vertiefenden Lektüre an. Ein Personenregister für den raschen gezielten Zugriff fehlt leider.

Unser Autor Thomas May aus Sendenhorst (Münsterland) ist Religionspädagoge und Publizist

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift „Theologisches“, Nr. 7/8 2019, S. 403–412.


Chancen und Gefahren Künstlicher Intelligenz

Von Dr. Bernd F. Pelz

Unter Künstlicher Intelligenz (KI) versteht man generell das Konzept, dass man Maschinen beibringen kann, menschliches Lernverhalten und menschliche Entscheidungsfindung zu imitieren und letztlich eigene kreative Schöpfungen zu erstellen.

Wie man lesen kann, hat die Bundesregierung  –  aufgeschreckt durch zahlreiche Publikationen und Veranstaltungen zum Thema Künstliche Intelligenz (KI)  – beschlossen, bis 2025 in verschiedener Form gut drei Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung auf diesem Sektor zur Verfügung zu stellen. Das ist gut, wenn auch viel zu spät.

Wie der ehemalige Prof. C. D. Kernig von der Universität Trier in mehreren Veröffentlichungen zeigte, hinken führende Politiker in ihrem Verständnis der Realität  –  aufgrund der Mechanismen, bis sie in höhere Staatsämter gelangen – der tatsächlichen Realität ca. 20 – 25 Jahre hinterher.

Ein eklatantes Beispiel dafür ist Kanzlerin Merkel, die noch am 19.6.2013 in einer Pressekonferenz mit Barack Obama der Meinung war, dass das Internet für uns alle Neuland ist. 

In den Blättern für Vorgesetzte wandte sich der Bundesarbeitgeberverband Chemie bereits 1997 mit einem Aufruf zum „Aufbruch in das vernetzte Zeitalter“ an die Führungskräfte. Ähnliches geschah in anderen Branchen.

Die deutsche Industrie nahm sich der Thematik der Vernetzung und Künstlichen Intelligenzen vor allem in den Bereichen selbstfahrende Fahrzeuge, vorbeugende Instandhaltung, kollaborative Roboter, Optimierung der Sensorik, Produktionsprozesse und Qualitätssicherung sowie der Steuerung der Supply Chain an.

Eine Umfrage 2018 des Vereins Deutscher Ingenieure nach den Führungspositionen im Bereich der KI zeigte die USA und China weit in Führung vor der Bundesrepublik, den anderen asiatischen Ländern ohne China sowie vor Indien.

Ebenfalls 2018 untersuchte Roland Berger, in welchen Ländern die meisten KI- Startups zu finden sind. Deutschland landete dabei auf dem siebten Platz nach den USA, China, Israel, Großbritannien, Kanada, Japan und Frankreich.

IBM lieferte 2019 einen Überblick über die weltweit immens wachsende Datenflut (Big Data): Big Data vergrößert sich gegenwärtig pro Sekunde um über 8000 Tweets und 850 Instagram Fotos. Pro Sekunde werden über 3200 Skype-Gespräche geführt, über 74000 YouTube Videos angesehen, knapp 3 Millionen e-Mails verschickt und knapp 68000 Google-Suchen durchgeführt.

Aus dieser Tatsache leitet sich für Unternehmen die Notwendigkeit ab, bei der Analyse und Nutzung von Big Data dabei sein zu müssen. Deep Learning bezeichnet dabei eine Form des maschinellen Lernens, bei dem Systeme komplexe Aufgaben ausführen , indem sie Datenauswertungen in mehreren Ebenen durchführen und verknüpfen, und so Erkenntnisse über das Erkennen von Mustern von Stufe zu Stufe verfeinern können.

Dabei gilt: je mehr Daten (das „neue Gold“) zur Analyse und Verarbeitung zur Verfügung stehen, desto treffsicherer ist die künstliche Intelligenz.

Praktische Anwendung künstlicher Intelligenzsysteme sind bereits weit verbreitet, wie z.B. bei der Auswertung der Bilder von Überwachungskameras, der Steuerung von Prozessen durch Sprachanalyse und Spracheingabe, der Darstellungen von Kaufempfehlungen aus der Analyse personalisierter Daten, und besonders auch im militärischen Bereich.

Die Gründe für die Akzeptanz und Verbreitung künstlicher Intelligenzen liegen generell einmal in der menschlichen Neugier, dem steigenden Verlangen der Menschen nach Information und nicht zuletzt der Lust an Unterhaltung.

Zum anderen gründet sich die Akzeptanz und Verbreitung künstlicher Intelligenzen auf die bereits erzielten und weiter zu erwarteten Vorteile für Produktionsprozesse, Wertschöpfungsketten und das Wachstumspotential nationaler Bruttosozialprodukte (1).

Letztlich gründet sich die Akzeptanz und Verbreitung von KI auch auf der Einsicht, dass die steigende Komplexität der Welt ohne KI nicht mehr zu bewältigen ist (2).

Gefördert wird die weitere Entwicklung und Verbreitung von KI von der globalen Finanzindustrie, die sich mit Hilfe von KI eine weitere Stärkung der Dominanz der Finanzsysteme verspricht. Richtig angewandt, könnte KI helfen, dem „Superorganismus“ Menschheit eine friedvolle Entwicklung zu geben (3). 

Egal, was geschieht, für den Einzelnen heißt es, dass er im Bezug auf das stetig wachsende Wissen immer dümmer wird. Aus diesem Gefühl des Unbehagens heraus haben zahlreiche Autoren Kritik an der unüberschaubaren Entwicklung geäußert.

Holger Volland, der im Kulturbereich tätig ist (4), hat dazu ein Buch über die kreative Macht der Maschinen geschrieben, in dem er in ausgewogener Weise darstellt, warum künstliche Intelligenzen bestimmen, was wir morgen fühlen und denken werden und wie wir uns auf diese Entwicklung einstellen sollten (5).

BILD: Titelfoto – und hier die Buch-Daten: KI – Die kreative Macht der Maschinen von Holger Volland. Gebundene Ausgabe, 19,85 €. 253 Seiten. Beltz-Verag. 2018. ISBN-10: 3407865090

Nachfolgend ein Einblick in das für Normalsterbliche sehr lesenswerte Buch, das die „gigantische Wette in die Zukunft der Menschheit“ zu durchdringen versucht.

Auf knapp 250 Seiten beschreibt Volland, was KI bedeutet, welche Methoden benutzt werden und wie sich KI der Sprache, der Bilder, der Kreativität, der Emotion, der Gestalt, der Sinne, der Erlebnisse und unserer Geschichte bemächtigt und was für uns auf dem Spiel steht.

Volland bezweifelt nicht den Nutzen von KI im technischen und medizinischen Bereich, in Bezug auf den kulturellen Bereich des menschlichen Lebens warnt er jedoch zur Vorsicht:

„Wenn Algorithmen nun so funktionieren können wie unsere neuronalen Netze im Gehirn, dann können sie lernen, was Kultur ist und darauf basierend ihre eigene Kultur gestalten. Wir haben Maschinen entwickelt, die gerade dabei sind, den Schritt in die kulturelle Selbständigkeit zu gehen.“

Der Autor beschreibt, wie künstliche Intelligenzen lernen, unsere Sprache zu verstehen und sich unser gesamtes künstlerisches Weltwissen aneignen, um damit Geld zu verdienen. Künstliche Intelligenzen lernen von den besten Autoren:

„Sie werden mit hundertausenden Werken der Weltliteratur gefüttert, um zu verstehen, wie wir Menschen unsere Geschichten erzählen und Romane schreiben. Unersättlich stopfen sich Rechner voll mit Fotografien, Bildern, Skulpturen, Architekturmodellen, Notenblättern, Konzertaufführungen und Modeschnitten.“

Volland warnt: „Niemand weiß, wie sich der tägliche Umgang mit sprechenden und schreibenden Maschinen auf unsere Psyche auswirken wird. Die sprachlichen Fähigkeiten der Maschinen könnten sehr leicht dazu verwendet werden, uns zu manipulieren. Einstellungen und Meinungen eines großen Teils der Menschheit werden mittels der Auswahl und Gestaltung von Texten und Nachrichten von den Internet-Plattformen stark beeinflusst.“

Volland beschließt das Kapitel über KI und Sprache mit Fragen nach der Klärung der Urheberschaft von Sprache, Reden, Mails und Texten.

In der Einführung und im Kapitel über Bilder beschreibt Volland detailliert, wie Maschinen trainiert werden, um Kunstwerke zu imitieren, zu fälschen und eigene Kunstwerke zu schaffen. Der bereits erzielte Grad der Perfektion bewirkt, dass für die meisten Menschen nicht mehr ersichtlich ist, ob die Inhalte ihres Informationsmixes vertrauenswürdig sind oder nicht.

Der Autor befürchtet, dass wir so nicht nur das Vertrauen in die Medien verlieren, sondern auch in die Stabilität unserer Institutionen und unserer Gesellschaft als Ganzes. „Je bildhafter unsere Welt wird, desto größer wird der Einfluss der KI auf die Bewertung derselben.“

Im Kapitel über Kreativität beschreibt Volland, wie einfach es heute bereits ist, sich bei Jukedeck ein Musikstück in den verschiedensten Varianten „komponieren“ zu lassen; wie Jugendliche in den Internetforen ihre Selbstportraits professionalisieren und wie KI genutzt wird, um Welthits zu produzieren.

Volland ist überzeugt, dass KI unser Leben bunter aussehen lassen wird. Zugleich warnt er „dass unsere Kreativität dabei vor die Hunde geht, wenn wir nicht aufpassen“.

Im Weiteren beschreibt der Verfasser unsere Welt des „allgegenwärtigen Kreativseins“ und wie sich menschliche  Schöpferkraft von Kreativen Künstlichen Intelligenzen (KKI) unterscheidet: „KKIs durchlaufen keine kreativen Phasen, sondern können nach einem Lernprozess in ihrer jeweiligen Teildisziplin Output in beliebiger Menge produzieren. Als Bewertungsmaßstab für die Sinnhaftigkeit ihrer Ergebnisse dienen ihnen nur Wahrscheinlichkeiten.“

Volland geht dann ausführlich der Frage nach, ob wir „universal genial oder digital dement“ werden: „Wir müssen immer häufiger mit den Ergebnissen von Maschinen konkurrieren und uns an ihrer Perfektion messen lassen. Diese Erlebnisse werden uns tendenziell eher unglücklich zurücklassen.“

Er beschreibt dann, dass trotz der unglaublichen Möglichkeiten die Vielfalt von Design / Musik zurückgegangen ist, weil die zugrunde liegende Software so programmiert ist, dass die Elemente mit der größten Wahrscheinlichkeit den meisten Menschen gefallen.

Im Kapitel über Emotionen ist beschrieben, wie KIs unsere Beziehungen zu Robotern und zu anderen Menschen beeinflussen und bestimmen. Dies ist möglich, weil Sprachsynthese heute schon so gut ist, dass ein Unterschied zur echten menschlichen Sprache praktisch nicht mehr da ist.

Große KI-Systeme können zudem aus unserer Sprechweise (Tonlage, Tempo, Zittern, Länge von Sätzen) Hinweise ableiten, was gerade in uns vor sich geht (ebenso aus unseren Fotos).

Beobachtend leitet Volland aus unserer Nutzung von Smartphones ab, wie sehr wir schon KI abhängig sind: „Smartphones sind unser Gedächtnis, unser Personalausweis, unser Geldbeutel, einziger Aufbewahrungsort unserer Fotos, Filme, Erinnerungen und damit auch eine Kopie von wichtigen Bestandteilen unserer Persönlichkeit.“

Der Verfasser untersucht dann die Beteiligung und Beeinflussung durch KI von Partnersuche, Liebe, Sex, Puppen- und Roboterbordellen, Bewerbungsgesprächen, sowie den Umgang mit Unterhaltungsrobotern (Chatbots).

In Bezug auf politische Wahlkämpfe, speziell von Präsident Trump, schreibt Volland:

„Die Maschinen beziehungsweise ihre Betreiber wussten genau über die Wähler Bescheid, an die sie die ihre Botschaften schicken sollten: Politische Haltung, Interessen und Befürchtungen hatten die Menschen durch ihr Verhalten im Netzt selbst bekanntgegeben.“

Über die großen Unternehmen, die KI entwickeln und vor allem mit Social Media, Suchmaschinen und E-Commerce Geld verdienen, schreibt der Autor: „Ziel dieser Firmen ist es, die Intensität des Besuches, den Konsum und die Abhängigkeit von ihrer Technologie zu steigern.“

Im Kapitel Gestalt beleuchtet Volland die neuen Geschäftsmodelle der Unterhaltungsindustrie mit Event Surrogaten wie Virtual-Reality-Konzerten, Hologramm-Stars und vollständig digitalen Künstlern und auch Politikern.

„Man kann so ziemlich jeden digital nachbauen, der einmal große Stadien gefüllt hat.. Manch toter Star verdient heute schon mehr Geld mit Musikverkäufen und Merchandising als die meisten anderen zu Lebzeiten….Die Rolle von Stars wandelt sich dabei vom agierenden Subjekt zum von Software gesteuertem virtuellem Wesen.“

Lustig und erschreckend zugleich sind Vollands Ausführungen zu Themenparks, in denen man den Anschlag eines Selbstmordattentäters, ein Turnier von Scharfschützen oder des Human Brain Projekts zur Erstellung der arbeitsfähigen Kopie eines menschlichen Gehirns oder der Erstellung von digitalen Doppelgängern.

Interessant sind dabei auch die Ausführungen, wie sich eine selbstbestimmte Person mit ihrer Kopie zur Persona, zur manipulierbaren Rolle und zu Geistigem Eigentum als Handelsware für Gebrauch und Missbrauch entwickeln kann. 

Ausgehend von dem Spiel „Pokémon Go“ , bei dem in das reale Bild künstliche Inhalte in Echtzeit hineingerechnet werden, beschreibt Volland „Augmented Reality (AR)“, die Vermischung von realer und virtueller Welt:

„Firmen wie Apple, Google, Facebook, aber auch tausende andere wetten darauf, dass AR zum nächsten Großen Geschäft mit Mobilgeräten werden wird. Kameras Mikrofone und Sensoren vermessen dabei unsere reale Welt und ergänzen und überlagern sie mittels intelligenter Programme mit Informationen, Bildern und Tönen. Das wird uns helfen, ganz neue Wahrnehmungen zu entdecken, kann aber auch unsere anderen Sinne verkümmern lassen.“ 

Ebenso besteht nach Volland die Gefahr einer Überlastung der Fähigkeiten unseres Gehirns, speziell von Kindern, in der Speicherung, Einsortierung und Bewertung der gleichzeitig bei AR auf das Gehirn einströmenden realen und virtuellen Reize.

Auf die Zukunft bezogen erklärt Volland:

„Das kommerzielle Internet von heute ist aufgrund der persönlichen Informationen schon lange nicht mehr fair und objektiv. Ihre „Filterblase“, also alle politischen, sozialen, kulturellen und sonstigen Einstellungen, sowie unendlich viele persönliche Informationen begleiten sie auf jedem Schritt im Netz. Welche Informationen für Sie in einen beliebigen Moment als relevant und sinnvoll eingeblendet werden, entscheidet dann die KI des Technologieanbieters, für dessen Ökosystem Sie sich entschieden haben. Diese geschlossenen Systeme werden zu einer möglichen Gefahr für Ihre persönliche Entscheidungsfreiheit.“

„Maschinen machen unser Leben zum Game – und unser Gehirn spielt begeister mit“ – so überschreibt Volland sein Kapitel Erlebnisse.

Darin beschreibt er, wie KI es schafft, dass wir in eine künstliche Welt eintauchen, dass Immersion stattfindet, d.h. dass sich die Grenzen zwischen Bild und realer Welt in unserem Gehirn vermischen. Das ist möglich, weil KI es ermöglicht, mit den künstlichen Welten zu interagieren und unsere virtuelle Welt zu beeinflussen:

„Die Technologie ist erstmals in der Geschichte der Menschheit reif genug für eine echte Erweiterung unserer Welt hinein in die Virtualität durch perfekte immersive Umgebung und virtuelle Realitäten.“

Versuche unsere Vorfahren, Immersion zu erzielen, waren z.B. die Höhlenmalerei und die Darstellung religiöser Ereignisse durch Wandmalereien in Kirchen und Tempeln, und auch im 19.Jahrhundert die Dioramen genannten großen Schaukästen in Museen oder große bemalte Leinwände.

Heute  – so sagt Volland –   ist all den VR-Anwendungen, ob künstlerisch, medizinisch oder sexuell, gemeinsam, dass sie einen kommerziellen Nutzen haben.

Gegenwärtig ist noch nicht sicher, in welchem Maße VR-Anwendungen dazu führen können, das reale Leben uninteressant zu finden (Realitätsflucht) oder bestimmte kulturelle Fähigkeiten wie z.B. Lesen in Vergessenheit geraten zu lassen, oder auch Psyche und Selbstwahrnehmung beeinflussen.

Wir sind hier also tief im Bereich des Trial und Irrtums (6)!

Volland begrüßt, dass Schulen vermehrt damit beginnen, Online-Medienkompetenz zu vermitteln und so dazu beitragen, dass sich Kinder nicht ungeschützt den Manipulationen aussetzen.

Im Kapitel Geschichte legt Volland dar, wie sich KI verändernd auf Bibliotheken, Archive und Museen auswirken wird, da sie in zunehmendem Maße von Förderern abhängig und in breitenwirksame und leichtgängige Themen gedrängt werden.

Er geht davon aus, dass die kulturelle Vielfalt unter dem Einfluss privater Finanzierung leiden wird und auch zahlreiche Archive, Bibliotheken und Museen schließen werden: „Ein über Jahrhunderte aufgebautes kulturelles System aus Staat, Mäzenen, Institutionen, Künstlern und Konsumenten gerät derzeit an vielen Stellen in Bewegung.“

„Das Wissen der Welt zu organisieren“, so beschreiben die Google-Gründer den Geschäftszweck ihres Unternehmens.

Volland folgert, dass in Zukunft nur die Unternehmen erfolgreich und mächtig sein werden, die das größte Wissen über unsere hochvernetzte Welt besitzen.

Abschließend kann gesagt werden: Es steht viel auf dem Spiel:

„Mit zunehmenden Fähigkeiten (der KIs) steigen zugleich die Gefahren, vor allem durch den Missbrauch der neuen Technologie. KI wird uns helfen zu leben, und nicht unser Leben bestimmen. Das ist die Chance, die wir haben, wenn wir sie jetzt ergreifen.“

Unser Autor Bernd F. Pelz aus Bornheim bei Bonn ist Wirtschaftsexperte, Vortragsredner und professioneller Hobby-Fotograf (zahlreiche Fotos für unseren Ecclesia-Plakatdienst und für die Illustration dieser Webseite stammen von ihm)

Anmerkungen, Quellenangaben:
(1) MGI-Globalization in transition-The-future-of-trade-and-value-chains-Full-report.pdf
(2) Kapitza, Sergey P., Global Population Blow-Up and After, The Demographic Revolution and Information Society, 2006, ISBN 3-9809723-5-6
(3) Radermacher, Franz Josef, Welt mit Zukunft, Überleben im 21.Jahrhundert, 2008, ISBN 978-3-938017-86-9
(4) https://theartsplus.com/
(5) Volland, Holger, Die kreative Macht der Maschinen, Warum künstliche Intelligenzen bestimmen, was wir morgen fühlen und denken, 2018, ISBN 978-3-407-86509-0 (Print), 86526-7 (E-Book)
(6) https://www.linkedin.com/pulse/leben-einer-%C3%A4ra-des-versuchs-und-irrtums-dr-bernd-pelz/

Der Artikel ist zusätzlich im Internet zu finden unter: https://www.linkedin.com/pulse/ki-die-kreative-macht-der-maschinen-holger-volland-dr-bernd-pelz/?published=t


Rifqa – eine Muslima, die zu Christus findet

Rezension von Cordula Mohr

Buch-Daten: Rifqa Bary. Untergetaucht im Licht. Warum ich alles riskierte, um den Islam zu verlassen und Jesus zu folgen. –  288 Seiten. Erschienen 2016. Gebundenes Buch. 18,95 €. Verlag Media Maria (Illertissen)
 .
Es war der Titel, der mich veranlasste, dieses beeindruckende Buch zu lesen.
Ich ahnte dabei noch nicht, das Rifqa Bary in den Vereinigten Staaten eine medienbekannte Persönlichkeit geworden ist, obwohl ihr Wohnort bis heute verborgen bleiben muss. Sie ist immer noch bedroht durch ihre strikt-islamische Herkunftsfamilie. 
.
Rifqa Bary wuchs in Sri Lanka auf und wurde streng muslimisch erzogen; sie musste in den Ferien, während die Schulfreunde ihre Freizeit genießen konnten
in Islamcamps viele Verse des Koran auswendig lernen.
.
Sie wurde Opfer eines sexuellen Missbrauchs durch ihren Onkel, was als ihre (!) Schande angesehen wurde. Eine Anzeige gegen den Täter gab es nicht. Die Familie zog es vor, in die USA auszuwandern.
.
Als das Mädchen noch in Sri Lanka war, spürte sie manchmal im Garten eine friedliche Stimmung in ihrer Seele. Sie bezeichnet es später als eine erste Berührung durch Gott.
.
In den USA angekommen, durfte Rifqa die allgemeine Schule besuchen. Dabei blieb es nicht aus, dass sie Christen kennenlernte und sich dabei ihrem Glauben annäherte.
.
Ihre Heimatfamilie wurde in den USA noch strenggläubiger im Sinne des Islam. Sie wurde sehr schlecht behandelt. Aus blinder Wut ihres großen Bruders verlor sie auf einem Auge das Augenlicht.
.
Die Tochter wurde geschlagen und eingesperrt – und sie musste immerzu weiter den Koran auswendig lernen.
.
Manchmal gab es zwar Momente der Zuneigung seitens der Mutter bzw. des Vaters, jedoch reichten diese nicht aus, um ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit zu stillen.
Schließlich fand sie voll zum Glauben an Jesus Christus. Rifqa bekam weiteren Kontakt zu Christen, las heimlich die Bibel und besuchte die Gottesdienste.
Soweit gut, doch leider geriet sie in charismatisch-freikirchliche Gemeinden, so dass sie den christlichen Glauben zunächst nur von dieser Seite her kennenlernte. 
.
Am Tage ihrer heimlichen Taufe fiel der Familie auf, dass ihre Tochter nicht daheim war. Sie fanden zudem die Heilige Schrift in ihrem Zimmer. Sofort wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt.
Der Vater wurde von einer Geschäftsreise zurückgerufen. Nun hatte Rifqa nur wenig Zeit, eine Entscheidung zu trefffen. Da ihr Vater sie bereits telefonisch mit Drohungen überhäufte, entschloss sie sich, in der Nacht die Flucht zu ergreifen.
.
In dieser Phase wird das Buch von Seite zu Seite spannender: Rifqa kommt nach einer langen Busreise, die ein guter Freund organisierte, zu einer bekannten christlichen Familie, die sie erst einmal aufnimmt. Dort erfährt sie erneut diesen tiefen inneren Frieden und kann ihren neugewonnen Glauben praktizieren. Sie schildert diese Phase als schönste Zeit ihres Lebens: Endlich ist sie frei.
.
Die Polizei sucht nach der minderjährigen „Ausreißerin“ von 16 Jahren. Im Fernsehen laufen sogar Bilder von ihr. Man findet Rifqa, verhaftet sie und stellt sie unter staatliche Vormundschaft. Dabei erlebt sie Erniedrigendes und leidet an dem Entzug der christlichen Lebenspraxis. Sie betet in der Zeit der Gefangenschaft innig und sehr persönlich zu Jesus.
.
Auf den folgenden Seiten wird Rifqa durch die Mühlen der Justiz gehen müssen: sie erlebt zig Pflegefamilien, zig Verhandlungen und eine schwere Krankheit befällt sie, doch sie bleibt standhaft im Glauben.
Sie hat kurze, von der Justiz erlaubte Gespräche mit ihrer Herkunftsfamilie, die darauf drängt, sie solle wieder nach Hause kommen. Alles werde gut – und sie könne sogar ihren christlichen Glauben frei praktizieren.
.
Rifqa ahnt aber, dass diese Zusage eine Falle ist und hofft nur noch auf ihre Volljährigkeit, die sie dann trotz der eigentlich todbringenden Krankheit erreicht. Ab dann lässt die Justiz das Mädchen in Ruhe und sie lebt wieder bei einer christlichen Familie.
.
Ihre Krebskrankheit ist mittlerweile wunderbar überwunden worden. Sie selbst lebt immer noch im Verborgenen aus Angst vor ihrer Familie. Sie denkt über eine Versöhnung nach, doch dazu gehören zwei Seiten: sie schreibt, dass es aus Sicht strengläubiger Moslems keine Verständigung geben kann, wenn einer aus der Familie dem Islam absagt.
.
Das Buch liest sich sehr gut und ist eine mitreißende Lektüre für Jugendliche und Erwachsene. Man bemerkt allerdings am Schreibstil, das Rifqa aus einem anderen Kulturkreis kommt. Sie wirkt manchmal sehr euphorisch durch viele überschwengliche Danksagungen und Liebesbekundungen, was mich als Leserin etwas störte.
.
Trotz einiger Einschränkungen ist die Biographie insgesamt sehr bewegend und lesenswert.
.
Online-Bestellungen des Buches hier: https://www.media-maria.de/product_info.php?products_id=5443&osCsid=u0oor60o7tljvi7g81j8jpggl7
.
Unsere Autorin Cordula Mohr ist katholische Familienmutter und Vorsitzende der ALfA (Aktion Lebensrecht für alle) in Nordmünsterland

Plädoyer für die katholische Jugendbewegung

Rezension von Felizitas Küble

Buch-Daten: P. Gerold Schmitz: Die Katholische Jugendbewegung. Vom Aufbruch zum Abstieg. 4,50 €, Sonderpreis nur 1,95 € hier: https://www.fe-medien.de/Die-Kath-Jugendbewegung

Der Autor untersucht den Werdegang der Katholischen Jugendbewegung „von den Anfängen bis zu den Neuaufbrüchen“, so verkündet es der Untertitel.

Mit „Neuaufbrüchen“ sind konservative, kirchentreue  Jugendinitiativen gemeint, die sich in Abgrenzung zum Bund der deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) entwickelten.

Hinsichtlich des BDKJ schildert der Verfasser die glaubensbegeisterte Aufbruchstimmung Ende der 40er Jahre über Phasen der Ermüdung bis hin zur heutigen Linkslastigkeit und unentwegten Kirchenkritik dieses von Bischöfen bezuschußten Dachverbands.

Der Autor ist Pater des Franziskanerordens und beurteilt die derzeitige Arbeit des BDKJ sehr kritisch. Dabei wird deutlich, daß der schleichende Abstieg dieses „offiziellen“ katholischen Dachverbandes schon Mitte der 60er Jahre begann: Bereits vor 35 Jahren war kaum noch etwas übrig von dem religiösen Elan der Gründerzeit.

Der BDKJ geriet ins Fahrwasser der 68er Revolte und so in ein Distanzverhältnis zur „Amtskirche“. Dennoch wurde der bischöfliche Geldhahn nicht zugedreht, so daß der zeitgeistkonforme Jugendverband, der sich kirchenkritisch bis antikirchlich gebärdet, gut und gerne von den Finanzmitteln der von ihm so vielgescholtenen „Amtskirche“ lebt.

Einige Beispiele: 1971 verweigerten die Bischöfe zum ersten Mal in der Geschichte des BDKJ die Zustimmung zu dessen neuer Bundesordnung. 1984 kam es zum Streit zwischen BDKJ und Bischofskonferenz wegen klassenkämpferischer und obszön-blasphemischer „Songbücher“ der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG), eines Teilverbandes des BDKJ.

1989 protestierte der BDKJ gegen Erzbischof Johannes Dyba (siehe Foto), weil dieser – in Abgrenzung zum BDKJ – die „Katholische Jugend Fulda“ ins Leben rief. Der konservative Oberhirte wollte damit den BDKJ in seine Grenzen weisen. Die anderen Bischöfe folgten seinem Beispiel jedoch nicht.

Der BDKJ wandelte sich so von einem glaubensstarken Verband in ein Sammelsurium grün-alternativer Strömungen. Die Zeit markiger „Bekenntnistage“ und glaubensfroher Lieder war abgelaufen. Frömmigkeit wurde ersetzt durch Gesellschaftskritik, Bekenntniseifer durch Revoluzzertum, christliche Inhalte durch sozialistische Parolen.

Der Verfasser beschränkt sich in seinem sowohl sachkundig wie flüssig geschriebenen Buch nicht auf die Darstellung der (Abwärts)Entwicklung im BDKJ – dies wäre wohl ein allzu trostloses Unterfangen. Dem Autor geht es um die „Katholische Jugendbewegung“ im umfassenden Sinn – und diese reicht weit über den BDKJ und die kirchenoffizielle Verbandsarbeit hinaus.

Das Buch schildert den Aufbruch der „Jugendbewegung“ Anfang des Jahrhunderts, beginnend mit dem Wandervogel in Berlin. Im Gefolge dieses Phänomens entstanden verschiedene Richtungen der „bündischen Jugend“ in und außerhalb der christlichen Kirchen.

Die jungen Romantiker stellten keine einheitliche Bewegung dar, sondern eher einen bunten Flickenteppich: vielfältig in seiner Struktur, aber miteinander verbunden durch ein gemeinsames „Lebensgefühl“, das sich in starker Naturverbundenheit, Lagerromantik und Kritik am „Spießbürgertum“ ausdrückte.

Auf katholischer Seite wurde die Aufbruchstimmung der Jugendbewegten lebendig vor allem im Jugendbund „Quickborn“ und im katholischen Schülerbund „Neudeutschland“ sowie dem Mädchenbund „Heliand“. Auch im kirchenoffiziellen „Jungmännerverband“ erhielten Ideen und Lebenswelten der Jugendbewegung einen starken Einfluß, ohne jedoch spezifische katholische Glaubensinhalte zu verdrängen. Die Harmonie zwischen Kirche und Jugendbewegung war gelungen.

Unter der NS-Diktatur wurde die bündische Jugend im allgemeinen und die katholische Jugendbewegung im besonderen massiv verfolgt und verboten.

Aus den Trümmern der NS-Diktatur entstanden wieder jugendbewegte katholische Gruppen. Doch seitens der Kirchenleitung wurde das Einheitsmodell eines Dachverbandes gegenüber dem früheren Nebeneinander selbständiger Bünde bevorzugt. So entstand 1947 der BDKJ.

Wenngleich dieser zunächst glaubenskonservativ ausgerichtet war, zeigte sich bald der Nachteil des Einheitsgedankens, indem sich eine selbstherrliche Kaste hauptamtlicher Berufsjugendlicher herausbildete. Der bürokratische Wasserkopf mit dem Jugendhaus Düsseldorf als Zentrum weitete sich immer stärker aus, verbunden mit einem drastischen Linksdruck und einem zunehmenden Abstand zu Glaube und Kirche.

Erstveröffentlichung dieser Besprechung in der Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT


Grüne Abgründe: Wie Robert Habeck sich seine linke Welt zurechtfabuliert

Buchbesprechung von Thomas May

Buchdaten: Robert Habeck: Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht. – Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 128 Seiten, gebunden, 14 Euro, ISBN: 978-3-462-05307-4.

Robert Habecks poststrukturalistisch angehauchte These, die Welt sei nicht einfach schon da, sondern werde erst durch die Sprache des Menschen hervorgebracht, kennzeichnet den problematischen Ansatz des philosophisch inspirierten Autors.

Natürlich gibt es eine Welt und Wirklichkeit bereits vor und ohne uns, und die immer neue Aufgabe des handelnden Subjekts, des Homo sapiens, ist es, sie zur Sprache und zum Ausdruck zu bringen, Dinge zu benennen, zu unterscheiden, zu bewerten usw.

Daher muss Habecks Satz „Wie wir sprechen, entscheidet darüber, wer wir sind“ (S. 11) umgekehrt werden: „Wer wir sind, entscheidet darüber, wie wir sprechen“: Nicht die Art des Sprechens bestimmt den Charakter der Person, sondern der Charakter der Person bestimmt die Art und Weise, wie sie spricht. Agere (hier: loquere) sequitur esse.

Dass die in der Raum der Öffentlichkeit gestellte Sprache Wirkungen entfaltet, die ihrerseits neue Wirklichkeiten erzeugen, ist damit nicht bestritten und ergibt sich aus dem Vorigen. Und um den auf der Ebene der Politik stattfindenden Diskurs mit seinen vielfältigen Wirkungen geht es in Habecks schmalem Buch.

Selbstwidersprüche

Im Fokus seiner Kritik stehen die sogenannten „(neuen) Rechten“, der angebliche „Rechtsruck“, die „Alternative für Deutschland“ im Besonderen mit ihren Protagonisten und deren Gesinnung und Sprache, die er als verroht, menschenverachtend und totalitär brandmarkt.

Ihnen setzt er sein leidenschaftliches Plädoyer für eine „offene Demokratie“, „Vielfalt“, „Toleranz“, „Inklusion“ und  diskriminierungsfreies Sprechen entgegen, wie sie von der Partei der Grünen praktiziert würden.

Leider scheint er nicht zu bemerken, dass er dabei regelmäßig in Selbstwiderspruch gerät und sich viele seiner Statements grundsätzlicher Art oder an die Adresse politisch Andersdenkender als Bumerang erweisen. Die Zahl seiner blinden Flecken ist unübersehbar.

„Politiker sehen selten den Balken im eigenen Auge“ (S. 35) – ja, dann fangen Sie mal bei sich an, Herr Habeck!

BILD: Wahlplakat der Grünen mit zwei Habeck-Fotos und dem Spruch, Europa sei ein „verdammt guter Start“

„Wer keine Gegenreden zulässt, lässt sich in Wahrheit nicht auf die Wirklichkeit ein“ (29f) – warum versuchen dann „Aktivisten“ Ihrer Partei immer wieder, Politiker der AfD an öffentlichen Auftritten zu hindern und mundtot zu machen, indem ihre Veranstaltungen gestört oder ihre Demos zum Abbruch gezwungen werden?

„In Diktaturen gibt es keine Widerrede. Es regiert eine Orwell’sche Sprachpolizei, die bestimmte Begriffe und Worte verbannt“ (30) – wo sollen wir Sie denn dann politisch einordnen, Herr Habeck, wenn Sie „Rechten“ den Gebrauch von Wörtern wie „Systemmedien“, „Lügenpresse“, „Gleichschaltung“ „Zersetzung“ verübeln und am liebsten verbieten würden?

„Politik schwächt sich, wenn sie davon ausgeht, dass … ihre Ziele moralisch überlegen sind und sie selbst im Besitz einer höheren Wahrheit ist“ (99) – für wie schwach müssen wir die Politik Ihrer Partei halten, wenn sie bei jeder sich bietenden Streitfrage ihren Hypermoralismus wie eine Monstranz vor sich herträgt und damit ihre politischen Gegner zu „erschlagen“ versucht?

Aus den wenigen Beispielen wird bereits ersichtlich, dass Habecks Buch mit seiner Schwarz-Weiß-Malerei der guten Demokraten (das sind die linken und grünen Kräfte) und der bösen Antidemokraten (das sind alle, die „rechts“ davon stehen) die politische Wirklichkeit verzeichnet und zutiefst unredlich ist. Sein Buch lebt vom Feindbild „rechts“.

Sprachpolizei von links

Grenzen und Grenzüberschreitungen des öffentlichen politischen Diskurses legt „Sprachpolizist“ Habeck höchstpersönlich fest. Großzügig gestattet er, dass wir allesamt Begriffe wie „Heimat“, „Gemeinwohl“, „Gemeinschaft“, „Patriotismus“ „oder sogar ‚Deutschland‘ (!) verwenden dürfen“ (11f), obwohl sie „verhunzt“ oder „mindestens beschwert“ sind, weil sonst der Begriffsschatz knapp würde, wenn wir sämtliche Wörter, die einmal im Lauf der Geschichte missbraucht wurden, strichen

Damit erteilt er sich gleich selbst die Genehmigung, das durch die Nationalsozialisten verdorbene Wort „völkisch“ aufzugreifen und es den „Rechten“ um die Ohren zu hauen, wann immer es um deren Verständnis von Tradition, Werten, Kultur, Identität, Kunst geht  (z. B. 76f).

„Asyltourismus“, „Lebensraum“, „Volksverräter“, „Überfremdung“ oder „Altparteien“ hingegen darf man nicht sagen. Dass bei den Verboten unter dem Deckmantel der Political Correctness oftmals nichts anderes als eine Einheit jener von ihm zitierten diktatorischen „Orwell’schen Sprachpolizei“ am Werk ist, fällt Habeck nicht auf.

Trotz der von AfD-Politikern manchmal sprachlich grenzwertigen oder grenzüberschreitenden Äußerungen, für die Habeck mehrere Beispiele anführt (z. B. 18f), und so sehr eine sachbezogene, kultivierte Sprache in der politischen Auseinandersetzung wünschenswert und förderlich ist, muss anderseits auch festgehalten werden, dass letztlich das Strafrecht maßgebend ist und nicht die Regelungen selbsternannter „Sprach-Blockwarte“ (schon wieder so ein Tabu-Wort).

In diesem Kontext ist daran zu erinnern, dass entsprechende Ermittlungen, etwa gegen Alexander Gauland („Volksverhetzung“, „Vogelschiss“, „Özoguz nach Anatolien entsorgen“), wiederholt von den Staatsanwaltschaften eingestellt wurden.

Realitätsfremde Populismusschelte

Dem sprachlichen Populismus widmet Habeck ein eigenes Kapitel, schließlich sei er ein sehr wirksames politisches Propagandamittel, heute vornehmlich der „Rechten“. Zu den „sprachlichen Figuren des Populismus“ zählt er vor allem die „unzulässige Verallgemeinerung“ (103f).

Wann eine solche (nicht) vorliegt, weiß der grüne Vorsitzende mit Bestimmtheit zu sagen. Etwa beim Thema „Innere Sicherheit“: Wenn einzelne Frauen sich „wegen der Flüchtlinge“ abends nicht mehr auf die Straße trauen, darf daraus keinesfalls geschlossen werden, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung beeinträchtigt ist.

Überhaupt sind die Straftaten durch Flüchtlinge – inzwischen werden in Deutschland täglich, zum Teil mehrfach, Frauen durch Flüchtlinge/Asylanten/Ausländer belästigt, drangsaliert und/oder vergewaltigt – zwar „erschreckend“, aber immer nur Einzelfälle. Ebenso wie islamistische Terroranschläge: alles Einzelfälle.

Wer nicht in Habecks Einzelfallfalle geht, sondern einen staatlichen Kontrollverlust wahrnimmt, der mit der sogenannten „Grenzöffnung“ 2015 und der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zusammenhängt, und dagegen aufbegehrt, ist schon im „rechten“ Fahrwasser. Brechen sich Wut und Trauer über den/die Ermordete/n in Protestdemonstrationen Bahn wie in Kandel, Chemnitz oder Freiburg, steht der Vorwurf der politischen Instrumentalisierung von „rechts“ sofort im Raum.

Am besten wäre es wohl, wenn nicht nur die Opfer, sondern auch ihre Familien, Angehörigen und Mitbürger stumm blieben. Dann wäre die Habeck-Welt in Ordnung.

Wenn sich heute Bürger in (Ost-)Deutschland („wir“) von den Regierenden im Stich gelassen und entmündigt fühlen und auf „die da oben“ schimpfen, sind sie nach Habeck ebenfalls einer sprachlichen Verführungsfigur durch Populisten erlegen (107).

Dabei ist die tiefe Spaltung der Gesellschaft durch die Merkel-Politik (besonders in der Asylfrage), die alle Lebensbereiche und Schichten bis in Familien und Ehen hinein vergiftet hat, eine nicht zu leugnende Tatsache. Das erleben die Menschen so aus ihrem eigenen Empfinden und nicht, weil es ihnen von „rechts“ eingetrichtert worden wäre.

Immer wenn sich heute eine Differenz zwischen den linksgrün dominierten, vom Geist der politischen Korrektheit erfüllten Medien bzw. dem politischen Establishment einerseits und dem „Volk“ bzw. Teilen der Bevölkerung anderseits auftut, wird wie bei Habeck die Keule des Populismus hervorgeholt und den „Rechten“ übergezogen.

Angstdiskurs

Beim Thema der Angst (evolutionsgeschichtlich ein überlebenswichtiger Warnmechanismus) ist es nicht anders. Auch „die dominanten Angstbilder der letzten Zeit kommen von rechts“ (110). Vor allem AfD, Pegida und das „aggressive[…] Wutbürgertum“ (112) macht Habeck als Angstprediger aus: „Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Islam, Angst vor Flüchtlingen“, aber auch CDU und CSU „sind erkennbar affin für diesen Angstdiskurs“ (115).

Diese Ängste erklärt der Grünen-Vorsitzende für irrational, sie würden mittels aufgebauschter Probleme geschürt (111), und  psychologisierend versteigt er sich zu der Behauptung, Menschen zögen aus der Angst Gewinn und wollten unbedingt an ihr, sogar gegen die eigenen Interessen festhalten, weil sie „bereits viel in sie investiert [haben]“.

„Angst will überleben“ (115), lautet sein krudes Credo im Anschluss an den österreichischen Autor Clemens Setz.

Wer sich die gesellschaftliche Wirklichkeit so zurechtbiegt, dem ist schwer beizukommen.

Und noch aussichtsloser ist es, von Politikern wie Habeck Lösungen zu erwarten, wenn schon die zugrunde liegenden Probleme geleugnet werden. 

Der tägliche Irrsinn einer sich abschottenden Politikerkaste, die vom Alltagsleben der Bürger, ihren Sorgen und Problemen nur noch wenig weiß und sich unter Ausblendung von Fakten weitgehend innerhalb des eigenen Referenzrahmens bewegt, in Sitzungen, Gremien, auf Konferenzen abenteuerliche Beschlüsse fasst und Papiere verabschiedet, deren Umsetzung weder praxisnah noch nachhaltig, noch effektiv kontrollierbar ist, schafft ein Dauerklima allgemeiner, wachsender Verunsicherung, löst Befürchtungen und Verzweiflung aus, und es ist erstaunlich, dass angesichts der weltweiten Erosionen und Krisen in allen Bereichen, ob Rechtsstaatlichkeit, Wertesystem, Familie, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Religion, Kirche, Wirtschaft und Finanzen, Migration, Kriminalität, Terrorismus, Klima, nicht mehr Menschen „ausflippen“.

Hier müssen böse „Rechte“ keine Angst einflößen und schüren, im globalen Tollhaus wird sie zum Selbstläufer. Sie, wie Habeck, als „Phobien“ (33) zu diffamieren ist niederträchtig.

Volk, Deutschland, Multikulti, Kulturnation

Das Gefühl der nationalen Bedrohung wird bei vielen genährt, wenn Habeck den Begriff „Volk“ verwirft und Zweifel an Identität und Existenzberechtigung des deutschen Volkes weckt. Sein im Interview auf dem Debatten-Kanal „Informr“ im April 2018 geäußerter Satz „Es gibt kein Volk und deshalb auch keinen Verrat am Volk“ (als Antwort auf das Stichwort „Volksverräter“, vgl. 51ff) löste verständlicherweise eine heftige Debatte aus.

Dabei ist es letztlich unerheblich, wie Habeck den Begriff „Volk“ verneint haben will: ob als „ethnische, ausschließende Kategorie“ (wie ihn „rechte Parteien“ verwenden, 54) oder im Sinne von „Staatsvolk“, sämtliche Staatsangehörige umfassend (auf das Politiker ihren Amtseid schwören; 53).

Dass Habeck und maßgebliche grüne Politiker (wie Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, Claudia Roth, Jürgen Trittin, Katrin Göring-Eckart, Hans-Christian Ströbele) weder mit „Deutschen“ und „Deutschland“ noch mit „Volk“ viel anfangen können, ist hinlänglich bekannt und durch Zitate belegt. Ihre Politik folgt konsequent der deutschfeindlichen Spur. Es gibt unter Grünen und Linken sogar einen handfesten Rassismus gegen die „Bio-Deutschen“, der in der Parole „Abtreiben bis zum (deutschen) Volkstod“ auf Demo-Plakaten seinen hasserfüllten Ausdruck findet.

Im Programm des Multikulturalismus, dem Habeck mit Blick auf eine künftige „Weltdemokratie“ anhängt, ist grüne Weltanschauung grundgelegt.

Der Historiker und Soziologe Rolf Peter Sieferle hat die innere Widersprüchlichkeit dieses Konzepts aufgezeigt:

Die immanenten Figuren des Universalismus („kulturelle und materielle Homogenisierung der Menschheit“) und des Relativismus/Partikularismus („das indigene Volk [soll – ‚paradoxerweise‘ –] zugunsten anderer Volksgruppen auf seine spezifische Identität verzichten“) schließen einander aus.

„In beiden Fällen ist der Gegner des Programms der Multikulturalität das indigene Volk der Industrieländer [hier: das deutsche Volk], dessen Widerstand gegen Immigration und Überfremdung durch eine programmatische Identifikation mit Faschismus/Rassismus/Rechtsradikalismus gebrochen werden soll“ („Finis Germania“, 83f).

In diesem Licht wird mehrerlei verständlich: die Propagierung der unbegrenzten Zuwanderung von Flüchtlingen/Migranten durch Habeck und Politiker seiner Partei, um den Anteil der Deutschen zu schwächen und zu „verdünnen“; die strategische Stigmatisierung der „Rechten“, von AfD und Pegida als „faschistisch“ und „rassistisch“ („Nazis verurteilt man“, S. 42), weil diese sich der Umvolkung widersetzen; und die Infragestellung Deutschlands als einer auch künftig wünschenswerten und tragenden Kulturnation einschließlich einer deutschen Leitkultur.

Daher baut Habeck bei seinem „Parforce-Ritt durch Geschichte und Literaturgeschichte“ (63) die Antagonismen entsprechend auf und verpasst ihnen die in sein Schema passenden Zuschreibungen:

Die Idee der deutschen Kulturnation sei gleichsam das verhängnisvolle Erbe „aus dem Geist von Klassik und Romantik“, das es „uns bis heute schwer[macht], eine Sprache des demokratischen Streits der vielen zu pflegen“ (63f). Und – schwupps – schon sind wir bei den „neuen Rechten“ gelandet, die „in pervertierter Form“ daran mit „jeder Leitkulturdebatte“, mit ihrer Thematisierung von „Heimat“ anknüpfen und „Völkisches sprachlich hegemonial … machen“ (64).

Schon finden wir uns auf dem Boden der starren, zementierenden Diktaturen wieder, die „ein bestimmtes Gesellschaftsgefüge ein[frieren]“ und natürlich eine „totalisierende Sprache“ pflegen, „eine, die ausschließt, um möglichst wenig Veränderung zuzulassen“ (66f).

„Multikulti“ dagegen heißt herausgeforderte Demokratie in Höchstform, indem ihre Sprache „Verbindungen zwischen Menschen und ihren Ansichten [schafft], um sich möglichst häufig und intensiv berühren, irritieren und verändern zu lassen“ (67). Statt „völkische[r] Kunst“ (77) regiert die subversive „Majestät des Absurden“ (Paul Celan, zit. 76).

Habecks „Demokratie“ meint eine radikale „Kultur der Anerkennung“: der unterschiedlichsten Lebensläufe, Lebenserfahrungen, Lebensstile, jenseits der Zugehörigkeit zu Klasse, Schicht, Milieu, Volk. Das „hoch individualisierte[..] Subjekt[…]“ will und soll „in seinem individuellen Sein erkannt und anerkannt … werden“ (72).

Da wird es für die „deutsche Mehrheitsgesellschaft“ schwierig, von den Zugewanderten noch zu verlangen, „dass sie unsere Sprache, Rechtsnormen und kulturellen Paradigmen erlernen“ (69). An die Stelle des homogenen „völkischen Wir“ (108) tritt das Diktat der Heterogenität. Es gilt „einen politischen Raum [zu] schaffen, in dem Verschiedenheit und Andersheit (aus)gelebt werden können“ (71) – total, totalitär.

Vielseitigkeit wird durch Intoleranz ersetzt

In der Praxis ist es mit Habecks „Anerkennungskultur“ allerdings nicht weit her. Die von ihm  beschworene „Vielfalt“ und „Toleranz“ beschränkt sich auf den Kreis von seinesgleichen, auf den genau vermessenen linksgrünen Gesinnungskorridor. Was „rechts“ davon liegt, wird gnadenlos ausgegrenzt und verworfen. Exklusion statt Inklusion.

Besonders hier wird der durchwegs widersprüchliche Charakter seines Buchs deutlich. Sein Plädoyer für eine „offene, demokratische Kommunikation“ (125) verkümmert zum leeren Geschwätz.

Zur Nagelprobe der Glaubwürdigkeit von Demokraten kommt es immer dort, wo sie Andersdenkende nicht nur gelten lassen (müssen), sondern deren konträre, unbequeme politische Ansichten auch als Bereicherung des Gesamten aufgreifen, wertschätzen (können) und integriert wissen wollen. Erst dann kann man „das Gemeinsame, Verbindende schaffen“ (73).

Habeck tut das Gegenteil: Seine „neue Res publica“ (73) weiß keinen Platz für „Rechte“, für AfD und Pegida-Bewegte. Die sind einfach nur „illiberal“, „totalitär“, „rassistisch“, „faschistisch“, „völkisch“, „Nazis“, bestenfalls auf der „verzweifelten Suche nach Anerkennung“ (125); als Ausgeburt des in sich Schlechten haben sie kein Existenzrecht.

Den „Konservativen“, die Habeck in der Sackgasse sieht, ergeht es kaum besser: Die von ihnen vertretenen dauerhaft gültigen „Werte“ und „Traditionen“ verfallen seinem Verdikt als „Handelshemmnisse“ (124f). Die gilt es im globalen Zeitalter bekanntlich zu beseitigen.

Auch hier fallen die Verwerfungen des Autors auf ihn und seine Partei zurück.

In keiner zweiten politischen Partei Deutschlands gibt es so ausgeprägte totalitäre Tendenzen wie bei den Grünen. Deren Drang, allgemein verbindlich den Bürgern vorschreiben oder verbieten zu wollen, in welchen Bahnen sie zu denken und zu fühlen haben, was sie sprachlich korrekt (noch) sagen dürfen, wie sie im Namen eines instrumentalisierten Umwelt- und Klimaschutzes leben und sich ausbreiten dürfen, einschließlich Ernährung und Fortbewegungsmittel, ist allgegenwärtig. Gegenüber der „Alternative für Deutschland“ ist die Grenze des kontroversen Diskurses zur tatkräftigen Bekämpfung mit dem Ziel der politischen Auslöschung dieser Partei längst überschritten.

BILD: Die Lambertikirche von Münster unweit des historischen Rathauses der Stadt

Das im westfälischen Münster aktive „antifaschistische“ Bündnis „Keinen Meter den Nazis“, in dem die Grünen kräftig mitmischen und als deren Sprecher ein Ratsherr der GAL fungiert, sagt in seiner Internet-Präsentation unmissverständlich: „Wir werden Neonazis und Rassist_innen zeigen, dass wir sie weder in Münster noch anderswo dulden!“

Wobei mit „Neonazis“ und „Rassist_innen“ praktisch die AfDler gleichgesetzt werden, unbeschadet weiterer „rechter“ Gruppierungen. Hier werden unverhohlen Grundrechte wie das Versammlungsrecht (Art. 8 GG) und das Aufenthaltsrecht (Art. 11 GG) missachtet und außer Kraft gesetzt.

Systematisch versucht das „Bündnis“ jede Ansammlung von AfD-Mitgliedern und -Anhängern zu unterbinden. Inzwischen gibt es in der westfälischen Metropole keinen Veranstalter mehr, der einen Versammlungsraum zur Verfügung stellt; mehrmals sprangen Wirte nachträglich ab, als sie unter Druck gesetzt wurden.

Die AfD sei in Münster „unerwünscht“, man wolle eine „AfD-freie“ Stadt. Der Jargon klingt vertraut – von der rassischen zur politischen Hygiene ist es nur ein kleiner Schritt. Anerkennungskultur? Vielfalt? Toleranz? Offener Diskurs? Demokratie? Die politische Realität entlarvt die Rede des Grünen-Vorsitzenden schonungslos als Ansammlung verlogener Phrasen.

„Modrige Pilze“

Was im Duktus geistigen Tiefgangs, im Gewand sprachphilosophischer Nachdenklichkeit daherkommt, stellt sich näher betrachtet oftmals als rhetorische Schaumschlägerei anhand geschickt über das Buch verstreuter Gedankensplitter dar.

Zu Habecks unlauteren Mitteln zählen u. a. bewusstes Missverstehen des Anderen (z. B. Uwe Tellkamps nicht „erwünschte“ Meinung in einem inhaltlichen Sinn, nicht als Akt an sich, wie von ihm gemeint, 33f), verzerrte oder verkürzte Darstellung der Position des Anderen, um ihn lächerlich zu machen (z. B. AfD-Wähler würden argumentieren: „Weil es private Seenotrettung gibt, kommen die Flüchtlinge“, 105), Übertreibungen, um den Anderen als demagogisch hinzustellen (z. B. „Rechte“ würden suggerieren, „Deutschland sei eine Diktatur wie in der Nazizeit“, 48; Thilo Sarrazin vermittle den Eindruck, „alle 68 Millionen Flüchtlinge, die es laut UNHCR zurzeit gibt, [wollten] zu uns nach Deutschland kommen“, 110) und verdummende Kurzschlusslogik (z. B. die „politische Existenz“ der AfD sei der schlagende Gegenbeweis dafür, dass „der öffentliche Diskurs zensiert wird“ und es überhaupt „Systemmedien“ gibt, 35).

Was Habeck jedoch am meisten fehlt, ist der selbstreflexive Sprachzweifel, den man von einem promovierten Germanisten hätte erwarten dürfen.

Hugo von Hofmannsthal hat in seinem berühmten Chandos-Brief (1902) – stellvertretend für die (Wiener) Moderne – seine Generalkritik der Sprache als Ausdrucksmittel mit dem Satz „ … die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“ in eine zeitlos gültige Form gegossen. Persönliche Sprachzweifel nagen am selbstgefälligen Habeck nicht.

So zerfallen nicht wenige seiner (urteilsbehafteten) Sätze, seiner (Schein-)Argumentationen, seiner bizarren Gedankenläufe, seiner schillernden Begriffe und Konstrukte in der Tat wie „modrige Pilze“. Und es sind giftige Pilze, welche unsere Gesellschaft weiter spalten.

Wer wir sein könnten? Hoffentlich nicht alle wie Robert Habeck. Das wäre dann doch zu viel.

Unser Autor Thomas May aus Münster ist katholischer Religionspädagoge und publiziert u.a. in der Zeitschrift „Theologisches“; in der aktuellen Ausgabe dieser Zeitschrift wurde dieser Beitrag zuerst veröffentlicht.


Das neue Buch von Matussek ist spannend und herzerfrischend

Rezension von Cordula Mohr

Buch-Daten: Matthias Matussek. White Rabbit Oder der Abschied vom gesunden Menschenverstand, FBV Finanz Buch Verlag, Edition Tichys Einblick, 318 Seiten 
.
Der bekannte Schriftsteller Matussek widmet sein neustes Buch „Allen, die mir zur Seite gestanden haben“. Sobald man das Buch zu Ende gelesen hat, versteht man sehr wohl, was er damit genau meint.
.
Das Buch White Rabbit (= Weißes Kaninchen) ist aktueller denn je – sowohl in politischer Hinsicht wie auch in bezug auf Matussek persönlich.
.
Am Anfang des spannend geschriebenen Buches äußert er große Sympathien für den britischen Schriftsteller Chesterton und schildert die Lebensbiographie des überzeugten Katholiken, der in Deutschland vor allem als Autor von „Pater-Brown“-Geschichten bekannt – und verfilmt  –  wurde.
.
Matuessek selbst fährt zu einem amerikanischen Kongress der Chesterton-Anänger und erlebt dort viel Aufregendes, sogar einen kurzen Aufenthalt im Gefängnis, weil man bei ihm – allerdings medizinisch verordnetes – Marihuana gefunden hatte.
.
Nach diesem teils amüsanten Kapitel wendet er sich dem deutschen Journalismus zu, wie er ihn einst kannte und wie er heute dasteht – nämlich entstellt und manipuliert, nicht zuletzt von der Homosexuellenlobby, die es darauf absieht, möglichst viele nicht-linke Persönlichkeiten als „homophob“ zu verunglimpfen.
.
Er selbst wurde wegen eines kritischen Artikels  zu diesem Thema von Kollegen ausgegrenzt. Er nennt in seinem Buch dazu Roß und Reiter. Das war der Beginn einer Diffamierungskampagne gegen ihn, die noch weitere Kreise zog.
Weitere Kapitel beschreiben Matusseks Journalistentätigkeit aus den vergangenen Jahren. Seine WM-Fussball-Reportagen aus Argentinien sind originell und spannend geschrieben.
.
Immer wieder werden Ansichten von Chesterton  – er nennt ihn den „Matador des freien Willens und des gesunden Menschenverstands“ –  eingestreut. Die Frage, was würde der britische Autor wohl zu dieser oder jener Situation sagen, wird von Matussek öfter gestellt.
Die Grenzöffnung 2015 und ihre verfehlte Willkommenkultur, Wahlkampfbegleitung, Netzwerkdurchsuchungsgesetz, Griechenlandkrise und eine Buchempfehlung zum französischen Romancier Jean Raspail und seiner rabenschwarzen Dystopie (Negativ-Utopie) von 1973 sind weitere Themen, die amüsant und etwas spitzbübisch aufgegriffen werden.
.
Die letzten Buch-Kapitel sind geprägt von der Schilderung, wie seine Journalistenkollegen Poschardt und Peters seinen Stuhl beim „Spiegel“ absägen.
.
Auf S. 233 beschreibt Matussek dies folgendermassen:
Dann setzte ich meinen verhängnisvollen, karrierebeendenden Post ab: „Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatte über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen.“
Dazu setzte er ein Wutsmily.
.
Daraufhin folgte ein Shitstorm von Kollegenseite und Matussek wurde endgültig in der rechtextreme, homophobe Ecke gerückt.
Es folgt der Rauswurf aus der „Spiegel“-Redaktion – ein Kapitel, das spannend geschrieben ist; darin berichtet er genau, wer zu ihm gestanden hat und wer nicht.
.
In dem Buch tauchen viele bekannte und auch unbekannte Journalistennamen auf. Das wäre  – neben dem englischen Titel –  mein Kritikpunkt: Der Leser kann sich in diesem Namens-Wirrwarr nicht auskennen und es wird zum Schluß schwierig, diese Kapitel zu lesen. Das wäre eher speziell etwas für Redakteure und Publizisten.
.
Matussek selbst ist ein tief bodenständiger Katholik und es wird von Kapitel zu Kapitel deutlich, dass er seinen katholischen Glauben in der Medienwelt behalten und verteidigen musste und muss – ähnlich wie einst Chesterton.
.
Ich empfehle, dieses Buch bald zu lesen, denn die vielen Erlebnisse und Menschen, von denen Matussek berichtet, sind interessant und teils herzerfrischend, weil man sich selbst noch gut an einige der geschilderten Situationen erinnern kann.