Zwei Ärzte über „Corona Fehlalarm?“: Buch ist informativ, kompetent und übersichtlich

Von Cordula Mohr

Rezension zum Buch von Dr. Karina Reiss und Dr. Sucharit Bhakdi: Corona Fehlalarm? Zahlen, Daten und Hintergründe

Das Werk der beiden Medizin-Professoren ist insgesamt sehr lesenswert und die ganze Darstellung und Aufmachung ansprechend und übersichtlich.

Ich habe zuerst meine Neugier über die Themen rund um das Corona-Virus gestillt, indem ich aus dem gut strukturierten Inhaltverzeichnus jene Aspekte herauspickte, die ich gerne endlich beantwortet hätte, z.B. die Frage, wie alles begann.

Auch in dem Buch wird bestätigt, das das Virus in China seinen Ausgangspunkt nahm und dass es sich dabei um einen Subvirus handelt.

Wie bedrohlich es ist, beschreiben die folgenden Seiten. Trotz aller Corona-Problematik geht daraus hervor, dass SarsCorv 2 nicht wirklich gemeingefährlich ist und oft ohne Symtome bleibt.

Man erfuhr bereits durch die Berichte von Prof. Püschel, dass das Virus hauptsächlich Menschen mit Vorerkrankungen befällt und das Durchnittsalter sehr hoch liegt. Somit war die Notwendigkeit gegeben, besonders die älteren Leute zu schützen.

Jedoch schreiben die Autoren deutlich, dass die staatlichen Massnahmen zu Kollateralschäden führten. Als Mitte März der Lockdown kam, befand sich die Infektionsteigerungsrate bereits im Absinken. Trotzdem wurde er am 15. April verlängert.

Senioren wurden infolge der Einschränkungen quasi eingesperrt, sie bekamen keine Besuche mehr und entbehrten des Kontakts zu sozialen Gruppen. Kirchen, Caffees, Theater etc. brachen weg. Sehr einfühlsam wird berichtet, wie einsam sich teilweise die Älteren gefühlt haben müssen. Somit war damit zu rechnen, dass sich dringend behandlungsbedüftige Krankheiten wegen Verschiebens von Arztbesuchen verschlimmerten.

Interessant sind die vielen Statistiken in dem Buch, die teils kritisch beleuchtet werden.

Dem Thema Maskenpflicht widmen sich die Autoren ebenfalls in skeptischer Hinsicht. Anfangs hat sich das Robert-Koch-Institut gegen eine Maskenpflicht ausgesprochen, später wurde umgeschwenkt, ohne dass dafür eine fundierte Begründung erfolgte. Herkömmliche Mund-Nasen-Bedeckung bietet ohnehin kaum wirksamen Schutz, weil das Virus derart winzig klein (0,16 Mikrometer) ist, dass es locker durch eine einfache Baumwollmaske (0,3 Mikrometer) hindurchgeht.

Interessant ist auch das Thema Beatmungsgeräte. Ausgewiesene Lungenärzte bestätigen, dass viel zu lange intubiert und invasiv beatmet wird. Alternativen dazu werden aufgezeigt.

Relativ früh war klar, dass Sars CoV-2 kein Killervirus ist, sondern sich etwa vergleichbar einer Grippewelle würde einordnen lassen.

Im letzen Drittel beschreiben die Autoren die wirtschaftlichen  Konsequenzen des Lockdown für Deutschland und weltweit, Folgen für Kinder und ihre Familien, Konsequenzen für die Ärmsten der Welt und der Anstieg von selbstmordgefährdeten Menschen.

Am Ende des Buches werden jene Länder, die einen alternativen Weg gegangen sind, näher beleuchtet. Wie wurden diese Staaten von Medien und Politikern vorschnell als „unverantwortlich“ gebrandmarkt.

Es deutet vieles darauf hin, dass unsere Regierung andere Auffassungen ignoriert und ihre Entscheidungen teilweise willkürlich getroffen hat.

Weitere BESPRECHUNG dieses Buches – hier von Dr. Bernd F. Pelz: https://charismatismus.wordpress.com/2020/07/16/lesenswertes-buch-ueber-die-corona-krise/


P. Bernhard Vosicky und die Charismatik: Warum das Heil wichtiger als die Heilung ist

Von Felizitas Küble

Im ersten Teil unserer Berichterstattung über das seelsorgliche Wirken des Zisterzienserpaters Bernhard Vosicky haben wir uns mit seiner Nähe zur erscheinungsbewegten (vgl. Medjugorje) und zur charismatischen Szene befaßt, z.B. seiner Zusammenarbeit mit der schwarmgeistigen, deutsch-indischen Nonne Sr. Margaritha Valappila.

Der österreichische Mönch, der von seinem Orden selbst „vor allem als Heiler“ angesehen wird, äußert sich in der 2015 erschienenen Biographie „Nur die Liebe heilt“ auch zum Exorzismus und dem sog. „Befreiungsdienst“.

Diesen Punkt wollen wir im 2. Teil weiter vertiefen.

Dabei erwähnte ich bereits die Problematik des charismatischen „Befreiungsgebets“, das zwar formal nicht identisch mit einem Exorzismus ist, jedoch ebenso wie dieser von der Voraussetzung ausgeht, der betreffende Person sei besessen  –  oder zumindest dämonisch „belastet“, so daß unreine Geister ausgetrieben bzw. „okkulte Bindungen“ durch Formelsprüche („Befreiungsgebete“) weggetrennt werden müßten.

Für die auf diese Weise „therapierten“ Gläubigen führt dies nicht selten zu großer Verunsicherung, Verängstigung und innerer Zerrissenheit, bisweilen auch zu psychosomatischen Störungen. Statt „Befreiung“ erfolgt somit das genaue Gegenteil.

Wovon sollen die Betroffenen denn „befreit“ werden, wenn sie (so der Regelfall) gar nicht besessen waren?!

Eine solche wird ihnen in charismatischen und pfingstlerischen Kreisen vielmehr eingeredet, wie ich aus zahlreichen Kontakten mit Aussteigern weiß. Auch „esoterische“ Sünden und Irrtümer  – so traurig sie sind –  führen keineswegs automatisch zu okkulter „Belastung“, wie dies leider ständig in fanatischen Schwärmerkreisen behauptet wird.

In seinem Buch „Nur die Liebe heilt“ schreibt Pater Vosicky, es sei wohl der Beruf seines Vaters (der erfolgreicher Arzt war) gewesen, „der in mir die Liebe zum Heilen wachsen ließ“ (S. 29).

Doch gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Für den Dienst des Priesters steht nämlich nicht die „Heilung“ im Vordergrund (weder die körperliche noch die psychische), sondern das Heil in Christus durch Wort und Sakrament. Dies kann bisweilen zu dieser oder jener Heilung führen, muß aber nicht, denn es gibt hier keinen gleichsam magischen Automatismus.

Daß Pater Bernhard viel zu schnell und leichtgläubig von einer dämonischen Umsessenheit (circumsessio) ausgeht, wenn er bei Menschen bestimmte Phänomene vorfindet, zeigt der Abschnitt „Das hässliche Wesen des Fluches“ (S. 85 ff):

Folgende „seltsame Symptome“ benennt der Mönch: „Sie erleiden unerklärliche seelische, geistige oder körperliche Schmerzen, manchmal mit Versuchungen zum Selbstmord, manche erleben nächtliche Albträume, diffuse Störungen wie Schattensehen, Fratzen, Kältegefühle oder mentale Blockaden“.

Hierbei handle es sich um eine „dämonische Störung“, so der Pater, wobei er sich auf den Pallotiner Jörg Müller (Psychologe und ebenfalls Medjugorje-Anhänger) beruft – genau gesagt auf dessen Buch „Verwünscht, verhext….“, das wir bereits vor vielen Jahren kritisch beleuchtet haben:

Warum sollen nun die genannten Symptome  – mögen sie auch wirklich mehr oder weniger „seltsam“ sein –  eine „dämonische“ Belastung darstellen? Mit dieser „Logik“ könnte man wohl ein Viertel des Volkes – zumindest zeitweise  – als Fall für den Exorzisten zusammenspinnen.

Doch Pater Bernhard, der diese Phänomene als häufige Folge von „Verfluchungen“ ansieht, weiß Abhilfe dagegen im sog. „Kampf gegen die Dämonen“:

„Der Erfolg des Befreiungsdienstes bei dämonischen Störungen hängt allerdings ganz wesentlich vom Charisma des jeweiligen Priesters, von seiner seelischen Verfassung, Glaubenskraft und Demut ab“ (S. 89).

Sicherlich wird der zuständige Bischof für den eher seltenen Fall eines Exorzismus einen bewährten, erfahrenen und soliden Geistlichen beauftragen, nicht etwa einen Junggeweihten oder Alkoholkranken etc. – Dennoch ist das Wort Christi und das kirchliche Ritual mindestens genauso wichtig wie die persönliche Verfassung des Exorzisten.

Aber der Autor stiftet allein schon damit Verwirrung beim ungeübten Leser, indem er mal vom kirchlichen Exorzismus und dann wieder vom charismatischen „Befreiungsdienst“ schreibt, womit diese unkirchliche Schwärmerpraxis aufgewertet wird, zumal keine klare Abgrenzung stattfindet.

Aufschlußreich erscheint auch das Kapitel „Was tun bei okkulten Phänomenen?“ (S. 164 ff):

Er beschreibt den „Fall eines jungen Mannes“, der im Beisein einer Gruppe „von uns Priestern“ regelrecht tobte:

„Der Dämon sprach in einer dem Besessenen nicht vertrauten Sprache mit uns Priestern….Plötzlich fing der Dämon an, der durch den Mund des jungen Mannes sprach, die Sünden der anwesenden Priester detailliert aufzuzählen. Schockierte Blässe oder tiefe Schamesröte breiteten sich auf den Gesichtern der Geistlichen aus.

Daher suchte ich mir ein stilles Eck und stellte mich sofort für Beichtmöglichkeit zur Verfügung.“

Zunächst ist ausdrücklich von „uns“ Priestern die Rede, doch beim Sündenaufzählen fehlt dieses solidarische Wort plötzlich, jetzt sind es die Sünden „der“ anwesenden Priester, auf deren Gesichtern sich Schamesröte ausbreitet etc.

War also demzufolge Pater Bernhards Sündenregister nicht von dem (angeblichen oder tatsächlichen) unreinen Geist ausgeplaudert worden? Oder hatte er schlicht keines aufzuweisen? Immerhin hat der Mönch sich für die anderen (!) Geistlichen gleich als Beichtvater „zur Verfügung gestellt“.

Abschließend  heißt es, dieses Beispiel zeige, wie ernst man die Dämonen nehmen müsse und daß Gott in diesem Dienst Priester benötigt, „die reinen Herzens sind und nach dem Willen Gottes leben“.

Also solche begnadeten Geistlichen wie Pater Bernhard?

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Lesenswertes Buch über die Corona-Krise

Rezension von Dr. Bernd F. Pelz

BUCH-Daten: Dr. Karina Reiss und Dr. Sucharit Bhadki (Juni 2020): Corona Fehlalarm? Zahlen, Daten und Hintergründe; Goldegg Verlag, ISBN 978-3-99060-190-7

Der brave, regierungsgläubige, Merkel- und Massenmedien-abhängige Bürger fragt sich, ob das wirklich sein kann, was die Autoren Dr. Karina Reiss und Prof. Dr. Sucharit Bhakdi behaupten:

Dass nämlich die deutsche Regierung aufgrund ungenügender eigener Sachkenntnis und falsch ausgewählter Berater – vielleicht auch aufgrund von Wahlkampfüberlegungen – in Sachen Corona in eine Entscheidungssackgasse geraten ist, aus der sie nun versucht, mit unverhältnismäßig hohem Aufwand wieder herauszukommen.

Auf 145 Seiten und mit 208 Quellenangaben wird die Entstehung der Corona-Krise dargelegt, die Situation in Deutschland durchleuchtet, beschrieben, was die Regierung richtig und falsch gemacht hat, was andere Länder getan haben, was man eigentlich hätte tun müssen und warum Medien und Politiker eigentlich versagt haben.

Auch wenn man skeptisch ist und einen gewissen Eigennutz der Autoren unterstellt, verleitet das Buch doch zum Nachdenken über das, was jetzt geschieht und was auf uns vielleicht zukommt, wenn eine neue schwere Grippewelle wie 1995/1996 (30.000 Tote), 2002/2003 (15.000 Tote), 2004/2005 (15.000 Tote) und 2017/2018 (25.000 Tote) anrollt. Verhalten wir uns dann wieder so wie jetzt?

Die Autoren schreiben: „Die letzte große Grippewelle in der Saison 2017/2018 hat in Deutschland laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) ca. 25.000 Menschenleben gefordert. … Trotz dieser schweren Grippewelle gab es – vernünftigerweise – keine Ausgangsbeschränkungen und Eingriffe in die Freiheitsrechte der Menschen, die das soziale/ökonomische Leben maximal gefährdet hätten. Deutschland hat wie in allen vergangenen Jahren die Epidemie gut überstanden.“

Unter Nutzung der Daten des RKI zeigen die Autoren auf, dass die Corona-Erkrankungen einen saisonalen Verlauf zeigen wie „ganz normale“ Grippe-/Erkältungswellen. Anfang/Mitte März hatte die Corona Epidemie ihren Höhepunkt, der zum Zeitpunkt der von der Regierung ergriffenen Maßnahmen (Lockdown, Veranstaltungsverbote etc.) schon vorbei war.

„Tatsächlich sind wir in Deutschland nie Gefahr gelaufen, dass unser Gesundheitssystem zusammenbricht. ….. Mitte April hätten alle Maßnahmen mit sofortiger Wirkung aufgehoben werden müssen“, schreiben die Autoren.

Zum Thema „zweite Welle“ sagen sie: „Die Herdenimmunität wird stetig zunehmen. Dasselbe Virus kann also keine zweite Welle verursachen, die an „Heftigkeit“ die erste übertrifft.“

Aus meiner Sicht ist CORONA FEHLALARM? ein lesenswertes Buch, das interessierten, medizinisch-epidemiologischen Laien einen guten Einblick in die Sachverhalte gibt.

Diejenigen, die sich mehr mit dem Regierungshandeln in einer vermeintlichen Krisensituation befassen wollen, liefert das Buch eine gute Einsicht über die Wechselwirkungen von Politik, Wissenschaft und Medien.

Möglicherweise führt es auch dazu, das Unbehagen der Autoren über diese Wechselwirkungen zu teilen und über ein zukünftiges, rationaleres Vorgehen bei einer anrückenden Pandemie nachzudenken.  


Der ev. Kirchenhistoriker Wilhelm Rahe und sein aufrechter Gang auch in schwerer Zeit

Von Felizitas Küble

Buch-Daten: Wilhelm Rahe (1896 – 1976), westfälischer Pfarrer und Kirchenhistoriker. Ein Leben für Bekenntnis und Menschlichkeit. Autor: Hans-Wilhelm Rahe. Lit-Verlag Berlin/Münster, Bd. 44, 2019, 96 S., 19.90 EUR, ISBN 978-3-643-14124-8

Diese Monographie beschreibt und beleuchtet Leben und Werk des evangelischen Pfarrers Wilhelm Rahe, der zugleich jahrzehntelang als Lehrbeauftragter für westfälische Kirchengeschichte an der Universität Münster tätig war.

Doch er war nicht nur ein sachkundiger Theologe und pflichteifriger Pastor für seine Gemeinde(n). Für diesen aufrechten Mann war sein Christsein zugleich Auftrag und Bekenntnis in schwerer Zeit, zumal während der nationalsozialistischen Diktatur, wobei seine Sorge und Seelsorge nicht zuletzt den bedrohten Christen jüdischer Herkunft galt.

Der im anspruchsvollen Lit-Verlag (Berlin/Münster) erschienene Band beschreibt auf 63 Seiten das Leben und Wirken des Kirchenhistorikers von 1896 bis 1976. Danach folgen 22 Seiten Abkürzungserklärungen, eine Bibliographie, Literatur über Rahe sowie Bildnachweise. Die jeweiligen Anmerkungen sind als Fußnoten vermerkt.

Verfasser dieser Biographie ist der emeritierte Pfarrer Dr. Hans-Wilhelm Rahe aus Münster, der Sohn des Porträtierten. Mit Recht gibt er seinem Buch den Untertitel: „Ein Leben für Bekenntnis und Menschlichkeit.“

Mit „Bekenntnis“ ist dabei nicht allein die Bejahung lutherischer Bekenntnisschriften gemeint, sondern vielmehr eine Haltung der Bekenntnisfreudigkeit und eine Unerschrockenheit in der Verteidigung des Glaubens auch dann, wenn dies starke Nerven und Mut erfordert. Eben diese charakterliche Tapferkeit hat Rahe vor allem während der NS-Herrschaft unter Beweis gestellt.

Zugleich zeigt sein Wirken – so schreibt der Autor im Vorwort – „wie praktische Gemeindearbeit und historische Forschung miteinander verbunden werden kann“. Der Verfasser bedankt sich bei seiner Frau Dr. med. Marlis Rahe für ihre Mitwirkung am Zustandekommen der Bibliographie.

Der am 14.7.1896 geborene Wilhelm Rahe stammt aus der Gegend Minden-Ravensberg in Ostwestfalen. Sein Vater war auf einem Bauernhof aufgewachsen und wurde Postbeamter; im Elternhaus herrschte keine Not, aber bescheidene Verhältnisse und ein fester Glaube.

BILD: Stammhof der Familie Rahe in Kirchlengern

Doch nach seiner Konfirmation geriet Wilhelm Rahe in innere spirituelle Schwierigkeiten und entwickelte skeptische Neigungen. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zum Wehrdienst, wurde Leutnant und erhielt das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse. War ihm auch der Glaube weitgehend abhandengekommen, so doch nicht die „preußische Disziplin“ und männliche Tapferkeit.

Gleichwohl zeigten ihm die Schützengräben des Ersten Weltkriegs die Schrecken und Tragik des Krieges, so dass er „fast zum Pazifisten“ (S. 5) wurde.

Im Zweiten Weltkrieg ließ er sich nicht mehr zum Militär einziehen. Er wurde im Ersten Weltkrieg verwundet, was ihn Zeit seines Lebens beim Gehen behinderte. Der Abiturient lernte die „innere Not“ vieler Soldatenkameraden kennen und war mit der „ständigen Gefahr des Todes“ (S. 7) konfrontiert, so dass er ganz neu Wert und Wahrheit des Gottesglaubens erkannte.

Im Winter 1918 begann er aus Überzeugung mit dem Theologiestudium in Münster, wobei Martin Niemöller zu seinen Kommilitonen gehörte. Der spätere NS-Gegner teilte zwar mit Rahe die Vorliebe für Kirchengeschichte, war aber damals betont deutschnational eingestellt und „die Studentenverbindung, zu der Niemöller gehörte, war so nationalistisch, dass sie Rahe nicht bei sich aufnahm“ (S.10).

Nach dem 1. Theologischen Examen lernte Rahe 1921 als Synodal-Vikar des Kirchenkreises Hamm zunächst die seelsorgliche Praxis kennen und trat sieben Monate später ins Predigerseminar Soest ein. Direktor war damals kein Geringerer als Otto Zänker, der nicht „nur“ später sein Schwiegervater wurde, sondern auch evangelischer Bischof von Gesamtschlesien, der sich durch seine unbeugsame Haltung in Bekenntnisfragen den Zorn von NS-Instanzen und „Deutschen Christen“ zuzog.

Auch der bekannte „Prediger von Buchenwald“, der Pfarrer und Märtyrer Paul Schneider, gehörte damals zu Rahes Kandidaten-Jahrgang im Soester Seminar, was auch durch ein Gruppenfoto dokumentiert wird (S.11).

BILD aus dem Soester Predigerseminar: Wilhelm Rahe ist zweiter von rechts, Paul Schneider unten rechts.

Bald nach seiner Ordination wurde Rahe 2. Pfarrer der Deutschen Evangelische Gemeinde in Kopenhagen und Malmö und war dort zugleich Lehrer für Deutsch, Geschichte und Religion. „Zu seinen Schülern gehörten u.a. die Kinder des damaligen deutschen Botschafters in Kopenhagen, Ernst v. Weizsäcker, darunter Richard von Weizsäcker, der spätere Bundespräsident“ (S. 13).

Am 27. Juli 1926 promovierte Rahe in Theologie und wurde bald danach Pfarrer in Bönen-Altenbögge, einer Bergarbeitergemeinde, die ihm ans Herz wuchs. Doch das dortige Klima vertrug er nicht. Deshalb kehrte er schon nach zwei Jahren in seine Heimatregion zurück. Von der Mariengemeinde in die 1. Pfarrstelle gewählt, blieb er dort zwanzig Jahre.

1929 heiratete er Ilse Zänker, die älteste Tochter des bereits erwähnten Bischofs Otto Zänker. Die Ehe wurde mit fünf Kindern und gemeinsamer Einsatzfreude für die Gemeinde gesegnet. 1946 erhielt er an der Ev.-Theol. Fakultät der Universität Münster einen Lehrauftrag für Westfälische Kirchengeschichte, „der ihm 1935 von der NSDAP vorenthalten worden war“ (S. 17).

Kampf zwischen Bekennender Kirche (BK) und Deutschen Christen (DC)

Während manche evangelische Pastoren sich anfänglich von der NS-Propaganda beeindrucken ließen und erst später zur Bekennenden Kirche (BK) oder zum ebenfalls NS-kritischen Pfarrernotbund fanden, stand Rahe von Anfang an in Opposition zur NSDAP.

Als entschiedener Anhänger der BK geriet er schon früh in Konflikt mit dem Regime. 1935 wurde ihm ein Lehrauftrag für Westfälische Kirchengeschichte in Münster verweigert, denn er war kein Pg (Parteigenosse), weshalb ihm ein Mitglied der Deutschen Christen (DC) vorgezogen wurde. Sodann wurde Pfarrer Rahe der weitere Hebräisch-Unterricht am staatlichen Gymnasium in Minden untersagt. Außerdem schreibt der Verfasser: „Bis 1940 brachte er als Schriftleiter das Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte heraus, was ihm danach von der Partei unmöglich gemacht wurde (S.20).

An führender Stelle der Bekennenden Kirche stand D. Karl Koch, bis 1933 deutschnationaler Landtags- und Reichstagsabgeordneter.

BILD: Haus-Eingang von Präses Koch, führender Mann der Bekennenden Kirche

Von 1934 bis 1936 war er Präses sämtlicher Bekenntnissynoden in Westfalen, Preußen und im Reich. Nach dem Krieg nahm er an den Beratungen zum Grundgesetz teil. Auf Kochs Bitte hin beteiligte sich  Rahe von 1935 bis 1939 an den theologischen Prüfungen der BK, die von Staats wegen verboten wurden und daher oft an wechselnden Orten im Geheimen stattfanden, vielfach auf der Flucht vor der Gestapo.

Rahe vermied zwar „unbedachte provozierende Äußerungen auf der Kanzel“ (S.22), um sich nicht leichtfertig ins KZ zu bringen, blieb aber standhaft bei grundsätzlichen Entscheidungen und Amtshandlungen, etwa indem er besondere Fürbittengottesdienste für verhaftete oder strafversetzte BK-Pfarrer durchführte: „Durch die Gestapo in Bielefeld wurde Rahe am 8. März 1938 „das besondere Läuten für Pfarrer Niemöller-Dahlem untersagt“ (ebd).

Das Register der gegen ihn verhängten Strafmaßnahmen von Staat, Partei und Gestapo wurde immer länger: „Hausdurchsuchungen, ca. 20 Vernehmungen und Verwarnungen durch die Gestapo oder durch Sondergerichte, staatsanwaltliche und gerichtliche Verfahren, eine Polizeihaft – und das alles wegen seiner Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche“ (S.23/24).

BILD: Die evang. Marienkirche in Minden mit Pfarrhaus

In Minden, zumal in seiner Mariengemeinde, standen sämtliche Amtsbrüder auf Seiten der BK, so dass Rahe die nötige Rückendeckung erhielt. Auch das Presbyterium von St. Marien war bekenntnisbewegt, von zwei Ausnahmen abgesehen, wobei diese beiden radikalen DC-Anhänger sogar vor Denunziationen bei Polizei und Gestapo nicht zurückscheuten.

Partei, SS und DC-Protestanten empörten sich darüber, dass sich Rahe auch der Christen jüdischer Herkunft annahm, Taufen und Beerdigungen durchführte oder sie in die Gemeinde aufnahm. Jakobine Schweickhardt, eine getaufte Jüdin, musste er 1944 gezwungenermaßen zwischen russischen Soldaten bestatten. Insgesamt lässt sich festhalten: „Rahe suchte Christen jüdischer Herkunft möglichst unbemerkt von der Öffentlichkeit zu betreuen“ (S.25).

Verweigerung der Marienkirche für eine DC-Hochzeit

Die „Causa Bentz“ hielt die Stadt Minden sowie die weitere Umgebung fast ein Jahr lang – von Oktober 1937 bis Sommer 1938 – in Atem. Es ging darum, dass Melitta Bentz, „Erfinderin des gleichnamigen Kaffeefilters und Inhaberin der Melitta-Werke“ (S. 26), für ihre Tochter Hertha eine Hochzeit in der Marienkirche erbat, die aber durch den Bielefelder DC-Pfarrer Friedrich Buschtöns erfolgen sollte (der bereits für die widerrechtliche Ausweisung von zwei BK-Pfarrern gesorgt hatte). Die einflussreiche und finanzstarke Firmenchefin wünschte Rahe aus politischen Gründen nicht als Traupfarrer.

Rahe erlaubte zwar die Trauung durch einen auswärtigen Pastor, verwies hinsichtlich einer Freigabe der Marienkirche an sein Presbyterium. Dieses billigte das von Rahe erteilte Dimissoriale, verweigerte aber die Marienkirche für die Bentz-Hochzeit und verwies auf andere Räumlichkeiten wie z.B. die Aula der Mittelschule. Dieser Beschluss war der Startschuss für einen Dauerkonflikt zwischen den bekenntnistreuen Pfarrern und Presbyterien in Minden auf der einen Seite und dem NS-Staat auf der anderen, wobei sich das Konsistorium in Münster – die oberste evangelisch-kirchliche Verwaltungsbehörde für die Provinz Westfalen – auch in dieser Hinsicht als Gegner der Bekennenden Kirche erwies, zumal sie personell stark von „Deutschen Christen“ besetzt war.

Die Trauung der Bentz-Tochter mit dem Braunschweiger Kaufmann Eberhard Zillmer fand zwar am vorgesehenen Termin des 15. Oktober 1936 in der Marienkirche statt, allerdings nur durch massiven Einsatz von Staatsbeamten und Polizei, denn das Presbyterium hatte die Öffnung der Kirche verweigert, für das Brautpaar waren keine Stühle aufgestellt, die Schlüssel für die Orgel wurden nicht herausgerückt. „Auch weigerte sich der Küster so lange, die Kerzen auf dem Altar anzuzünden, bis ihm die Durchführung vom anwesenden Kriminalkommissar befohlen wurde“ (S.30).

Diese aufsehenerregende Hochzeit, an der 700 Personen teilnahmen (darunter die Belegschaft der Firma Bentz), führte zu verschärften Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Bekennender Kirche in Minden. Die evangelischen Pfarrer und Presbyterien der Stadt unterzeichneten gemeinsam eine Kanzelabkündigung, in der sie beklagten, die „Marienkirche sei zum ersten Mal in ihrer Geschichte durch die Polizei gewaltsam geöffnet worden“ (S.30). Man habe sie dem Brautpaar nicht zur Verfügung gestellt, weil man sich „für eine schrift- und bekenntnisgemäße Verkündigung des Evangeliums verantwortlich“ wisse. Die Deutschen Christen ständen aber „nicht auf dem Boden von Schrift und Bekenntnis“ (ebd.).

Der einflussreiche Oberregierungsrat Karl Wentz war vor 1933 Führer der Liberalen im Ravensberger Land, ab 1933 leitete er die westfälischen Deutschen Christen. Gegenüber dem Regierungspräsidenten von Westfalen beschwerte er sich brieflich über die „widerspenstigen Elemente“, womit Pastoren und Presbyterium der Mindener Mariengemeinde gemeint waren (S.32). Als Rahe am 8. Dezember 1937 von Gestapobeamten verhört wurde, setzte sich ein ebenfalls festgenommener Amtsbruder energisch für ihn ein und erklärte, wenn Rahe nicht aus der U-Haft entlassen werde, würde es „in der Mariengemeinde einen Aufstand geben. Auf diese Drohung hin wurde Rahe freigelassen“ (S.35).

So entschieden der bekenntnistreue Pfarrer und seine Frau in der Sache waren, so freundlich zugleich im Umgang mit Menschen, auch mit Gegnern: Die Firmenchefin Melitta Bentz wurde 1945 von Engländern aus ihrem Haus vertrieben. Wie es der „Zufall“ wollte, fand sie in genau demselben Hause Zuflucht wie Familie Rahe nach ihrer Ausbombung, nur ein Stockwerk höher: „Es entspann sich dort zwischen ihr und Familie Rahe ein gutes, fast freundschaftliches Verhältnis mit dieser liebenswürdigen Dame. So sangen die vier älteren Rahekinder mehrfach dreistimmig zu ihrem Geburtstag“ (Fußnote S. 37).

Zweiter Weltkrieg: Überlastung und Bombardierungen

Als der 2. Weltkrieg näher rückte, lehnte Rahe aus Überzeugung einen erneuten Militärdienst ab, wobei er sich dem staatlichen Drängen durch Verweis auf seine Verwundung im Ersten Weltkrieg entziehen konnte. Da die meisten Pfarrer in die Wehrmacht eingezogen wurden, blieb er zusammen mit dem schwer kriegsbeschädigten Amtsbruder Martin Lohmann in Minden zurück, was die beiden Geistlichen ständig überbeanspruchte: „Wegen der Tiefflieger begann er mit den Beerdigungen schon am frühen Morgen“ (S.39).

Im Bereich der Mariengemeinde kamen bei Luftangriffen ab Dezember 1943 hunderte Menschen ums Leben, darunter Mütter mit kleinen Kindern. Als die alliierten Bombardierungen immer schlimmer wurden, blieb er selber bei seiner Gemeinde in Minden, brachte aber seine Familie auf dem Lande in Sicherheit.

Er schrieb seinen Kindern am 5.12.1944 einen bewegenden Abschiedsbrief, worin es heißt, man müsse mit allem rechnen, „auch damit, dass ich vielleicht bald abgerufen werde“. Er bat seine Kinder, der Mutter zu helfen, ihr das Herz nicht schwer zu machen „und sucht Menschen zu werden, auf die man sich in jeder Hinsicht verlassen kann, weil sie von Herzen an den Herrn Jesus glauben“. – Er beendet seine Zeilen damit, dass er „auch in der Ewigkeit Euer gedenken wird und Euch stets mit seinen Gebeten begleitet“ (S. 41).Einen Tag später wurde sein Pfarrhaus von einer Bombe getroffen.

BILD: Das zerstörte Pfarrhaus in Minden

Rahe, seine Frau, die im Pfarrhaus nach dem Rechten sehen wollte, und eine Haushaltshilfe wurden unter den Trümmern verschüttet. Ein Gemeindeamtsleiter im Nachbarhaus rief eilig Soldaten herbei, denen es gelang, alle drei Personen lebend zu befreien. Rahes Frau ging zu ihren Kindern aufs Land, er selber erlebte einen erneuten Luftangriff und kam schließlich bei seinem Amtsbruder Lohmann unter.

Nach Kriegsende kümmerte Rahe sich um seine eigene große Familie, zudem Schwiegereltern, Schwägerin und Schwager, denen er Unterkünfte besorgte. Seine Frau schaffte für diese 13 Personen mit Radfahrten zu Bauern das Nötigste an Lebensmitteln herbei.

Entnazifizierung auf Abwegen

Die „Entnazifizierung“ durch die britische Militärregierung mag grundsätzlich berechtigt gewesen sein, traf aber nicht selten die Falschen – so auch im Fall Rahe. Wegen geringer Spenden an den Opferring der SS zu Beginn der NS-Zeit, die Rahe als Jugendpfarrer des Kirchenkreises Minden nur deshalb einzahlte, um den Kontakt zu den Jugendlichen des CVJM nicht zu verlieren, zog die britische Militärverwaltung ausgerechnet bei diesem unbeugsamen Nazi-Gegner im Frühjahr 1946 alle denkbaren Register: Entzug des Lehrauftrags an der Uni Münster, komplette Sperrung seines Vermögens und sogar Suspendierung vom Pfarramt.

BILD: An der Universität in Münster (in der linken Seite des Schlosses) lehrte Prof. Rahe Westfälische Kirchengeschichte 

Alle 28 Pfarrer des Kirchenkreises Minden, die Kirchenleitung der EKvW (Evangelischen Kirche von Westfalen) und natürlich sein Marien-Presbyterium protestierten gegen diese absurden Maßnahmen. Auch die Ev.-Theol. Fakultät der Universität Münster beschwerte sich empört bei der Militärregierung. Die Eingaben mussten monatelang wiederholt werden, bis die Besatzer ihre Strafen schrittweise zurücknahmen, zuletzt am 3. Dezember 1946 durch die Gestattung seines Lehrauftrags.

Ein halbes Jahr später wurde Rahe zum „geistlichen Landeskirchenrat“ ernannt und von Minden nach Bielefeld berufen. Das neue Amt war kein Zuckerschlecken: „Rahe selbst musste wegen der großen Wohnungsnot anfangs in seinem Dienstzimmer nächtigen“ (S.47). Seine Familie war dreieinhalb Jahre von ihm getrennt, er konnte sie nur am Wochenende besuchen. Als Landeskirchenrat war er zuständig für viele Kirchenkreise, die Äußere Mission, die Frauenhilfe und für das Archiv- und Bibliothekswesen, wobei er vieles am Nullpunkt aufbaute. Seine Gesundheit, die im Krieg durch eine Diphtherie mit schwerem Herzschaden stark gelitten hatte, wurde durch das Übermaß an Arbeit noch weiter strapaziert.

Dazu kam seine Tätigkeit als Lehrbeauftragter und Honorar-Professor an der Universität Münster, sein 32 Jahre andauernder Vorsitz des Vereins für Westfälische Kirchengeschichte samt Herausgabe von dessen Jahrbücher (von 1941 bis 1945 verboten) sowie seine Leitung der Westfälischen Missionskonferenz von 1961 bis 1966. Das „Institut für Westfälische Kirchengeschichte“ wurde wesentlich von ihm aufgebaut. Als  Dozent wie als Kirchengeschichts-Forscher war er trotz seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung noch weit über seinen Ruhestand hinaus aktiv. Er zog von Bielefeld nach Münster, um seinen Lehrauftrag fortzuführen. Kein Wunder, dass er von vielen „als Verkörperung der westfälischen Kirchengeschichte“ angesehen wurde (S.63).

BILD: Grabstein von Prof. Wilhelm Rahe und seiner Frau Ilse in Bethel

Der aufrechte Gelehrte, der charakterstark seiner Überzeugung und seinem Gewissen folgte, starb am 16. Oktober 1976. Sein Sohn und zwei Schwiegersöhne waren inzwischen als Pfarrer tätig. Sein Grab und das seiner zwanzig Jahre später verstorbenen Frau befindet sich auf dem Neuen Friedhof in Bethel, wo auch seine Schwiegereltern, Bischof Zänker und dessen Frau, bestattet worden waren.

Das Buch über Leben und Werk dieses bedeutenden Kirchenhistorikers beeindruckt durch Sachlichkeit und Eindringlichkeit zugleich, zudem durch seine kompakte, gehaltvolle Darstellung und die wissenschaftliche Gründlichkeit der Darlegungen.

Die Erstveröffentlichung dieser Rezension erschien zunächst in der katholischen Zeitschrift „Theologischen“ und danach im evangelischen Magazin „Diakrisis“


Vorgrimlers Irrtümer über die „Letzten Dinge“

Rezension von Felizitas Küble

Buch-Daten: Herbert Vorgrimler. Und das ewige Leben. Amen. Christliche Hoffnung über den Tod hinaus. Aschendorff-Verlag, Münster 2007, 96 Seiten, ISBN-10: 3-402-00228-0  –  Preis 9,80 €

Bei der Lektüre dieses in jeder Hinsicht schmalen Buches entsteht recht bald der schale Eindruck: Prof. em. Herbert Vorgrimler, Dogmatiker und ehem. Dekan der Theologischen Fakultät Münster, ist seiner bisherigen Linie treu geblieben  –  und diese besteht vor allem darin, Theologie jenseits des kirchlichen Lehramts zu betreiben.

Das gilt auch für dieses Buch über das Jenseits bzw. den Ewigkeitsglauben im Christentum.

Anstelle der in theologischen Werken weithin üblichen Fußnoten finden sich auf der letzten  Seite „Quellenachweise“ in Form einer Bücherauflistung, wobei die Auswahl der Quellen bereits aufschlußreich ist:

Unter den insgesamt elf erwähnten Büchern wurden drei von Jürgen Moltmann verfaßt, einem linksorientierten evangelischen Theologen; zudem je ein Buch von Bert Brecht, Karl Rahner sowie eines von Vorgrimler selbst. Hinzu kommen die Autoren Seneca, Georg C. Lichtenberg, P. Deselaers und Hans U. von Balthasar.

Sollte jemand dieses Buch des Münsteraner Theologen von hinten nach vorne lesen, so wirft bereits diese Bücherliste ein gewisses Schlaglicht auf die kommende Lektüre, die der aufsteigenden Skepsis voll gerecht wird und so manchen Leser vielleicht an jenen Spruch erinnert, der in kirchentreuen Kreisen seit längerem gang und gäbe ist: „In Tübingen kann man das kleine Häreticum absolvieren  –  und in Münster das große!“  

Daß der „Volksmund“ mit diesem sarkastischen Ausspruch durchaus richtig liegt, zeigte sich spätestens bei jenem modernistischen „Theologen-Memorandum“ vom Februar 2011, das bekanntlich von der Theologischen Fakultät Münster ausging, die wiederum jahrzehntelang besonders von Herbert Vorgrimler geprägt wurde.

Der Autor beginnt sein Buch mit einem knappen Vorwort, in dem solch „verheißungsvolle“ Worte zu lesen sind wie etwa folgende: „Aber das theologische Suchen und Nachdenken ist ja auch in letzter Zeit nicht stehengeblieben, und so sind einige Antworten möglich, die religiös-theologisch früher nicht so in den Blick kamen.“  –  Mit solch wolkiger Sprachregelung kann man „Theologie jenseits des Lehramts“ freilich auch definieren.

Was Vorgrimler auf Seite 7 zum Thema Sterben und Sterbehilfe zu sagen weiß, ist zumindest mißverständlich und gerade wegen seines mehrdeutigen Stils durchaus irreführend: Es ist dort von Menschen die Rede, die eine „Verlängerung dieses elenden Lebens gar nicht wollen“:  „Sie haben eine Verfügung getroffen, daß man bei ihnen auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet, denn: Eine Pflicht zu leben gibt es nicht.“

Es stellt sich hier die Frage, ob es lediglich um den Verzicht auf „lebensverlängernde“ Maßnahmen geht  – oder um den Verzicht auf lebenserhaltende (!) Maßnahmen, mag es sich auch um die Spätphase des Lebens handeln. Die Vorgrimler-Formel „Eine Pflicht zu leben gibt es nicht“ weist jedenfalls in eine problematische Richtung, denn immerhin ließe sich damit auch Selbstmord oder Euthanasie „begründen“.

Es gibt für Christen sehr wohl die sittliche Pflicht, dem Willen Gottes auch hinsichtlich Sterben und Tod nicht vorzugreifen.

Sodann erklärt Vorgrimler durch Zitate diverser Atheisten (darunter Bert Brecht), daß Unglaube keineswegs zur Angst vor dem Tod führt, sondern durchaus Gelassenheit ermöglicht: „Ein nachdenklicher, aufgeklärter Mensch fürchtet sich nicht davor, eines Tages nicht mehr da zu sein“,  berichtet  der Autor seiner Leserschaft auf Seite 9. 

Doch das Erstaunen läßt sich noch steigern, wenn auf der nachfolgenden Seite sogar ein „Argument“ für den Unglauben geliefert wird: „Wer sich schmerzlich sagt, es gebe nach dem letzten Abschied kein Wiedersehen mehr, der wird die Tage und Wochen des Zusammenseins anders schätzen und gestalten als in der weit verbreiteten Gedankenlosigkeit.“

Nach diesem für einen „Theologen“ eher ungewöhnlichen „Einstieg“ befaßt sich der Verfasser im 2. Kapitel „Warum denn der Tod?“ mit dem Sündenfall. Doch dieser hat  – entgegen biblischer Lehre und kirchlichem Dogma  – offenbar nicht stattgefunden, glaubt man den häretischen Ausführungen Vorgrimlers auf Seite 15:

„Müssen also wir alle sterben, weil der erste Mensch „Adam“ gesündigt hat? Es gab viele Generationen von Christen, die sich bei einem solchen Gedanken nichts dachten, die sich vielmehr, vielleicht manchmal etwas resigniert und traurig, dem vermeintlichen Willen Gottes unterordneten. Heute denken nachdenkliche Christen nicht mehr so. Es gibt Hinweise der Naturwissenschaften, daß bereits Jahrmillionen vor dem Auftreten der ersten Menschen der Tod alles Lebendigen in der Schöpfung vorgesehen war. Weiter wird von der Wissenschaft geltend gemacht, daß ein einzelnes Menschenpaar unter den extrem harten Bedingungen der Urzeit keine Chance zum Überleben gehabt hätte.“

Was von „der“ Wissenschaft  angeblich „geltend“ gemacht wird, ist für den Theologen und Nicht-Naturwissenschaftler Vorgrimler offenbar vorrangiger als die biblisch bezeugte Gottesoffenbarung im Buch Genesis sowie das kirchliche Dogma, das an der Existenz des ersten Menschenpaares und am Sündenfall unbeirrbar festhält.

Um nun Sündenfall und Erbsünde zu „widerlegen“, auch hinsichtlich des Todes als einer Strafe für die Sünde Adams, verweist Vorgrimler auf ein alttestamentliches Wort, will also offenbar biblische Texte gegeneinander ausspielen.

Zur Auffassung vom Tod „als Strafe für die Sünde“ halte  – so Vorgrimler auf S. 17   – „die Bibel noch eine andere Auffassung bereit“, nämlich folgende aus dem Buch der Weisheit (1,13 f): „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“ –  Freilich heißt es einige Verse später: „Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören.“ (Weish 2,24)

Wegen seines Neides auf den Menschen im paradiesischen Zustand griff der satanische Erzfeind zu List und Tücke, was zum Sündenfall führte  – und damit auch zum Tod. Insofern ist der Tod letztlich vom Teufel verursacht, vom Menschen verschuldet  –  und von Gott als Konsequenz und Strafe verhängt, wie das Apostelwort klarstellt: „Denn der Tod ist der Sünde Sold; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem HERRN“ (Röm 6,23).

Im 4. Kapitel „Unsterbliche Seele?“ führt das Fragezeichen in Vorgrimlers Titel bereits zur Antwort, denn eben diese Unsterblichkeit wird infragegestellt. Angeblich finden sich laut Vorgrimler (S. 26/27)  im Alten und Neuen Testament lediglich „Spuren“ dieses kirchlichen Dogmas, das seinen inhaltlichen Ursprung vielmehr der griechischen Philosophie verdanke, womit Vorgrimler auch insoweit die übliche modernistische Mainstream-Theologie wiederkäut, die aus einem unbestrittenen Sachverhalt durchaus unzutreffende Schlußfolgerungen zieht:

Die Tatsache nämlich, daß manche Aussagen der Heiligen Schrift auch in der außerbiblischen theistischen Philosophie zu finden sind, berechtigt keineswegs zur Infragestellung dieser Grundwahrheiten. Vielmehr hat es dem Ewigen gefallen, einige Samenkörner der göttlichen Offenbarung ins menschliche Herz zu pflanzen, so daß diese bei hoher geistiger Aufgeschlossenheit auch von „Heiden“ wahrgenommen werden können.

Dazu gehört etwa auch die Erkenntnis von der Existenz Gottes aufgrund seines Schöpfungswerkes, die dem Menschen allein schon aufgrund seiner natürlichen Vernunft möglich ist (vgl. Röm 1,20).

Nicht ohne listigen Unterton füllt Herbert Vorgrimler auf S. 30 die volkstümliche Ausdrucksweise von den „Armen Seelen“ mit anderem Inhalt, indem er ironisch festhält, wenn die angebliche menschliche Seele „für sich allein weiterexistieren könne“, sei sie doch wohl ein „Krüppelwesen“  – und mithin eben „in der Tat eine „Arme Seele““.

Angesichts dieser Ausführungen erstaunt es wenig, daß der Autor mehrfach die Existenz einer ewigen Hölle leugnet, sind wir doch angeblich alle zum Himmel „vorherbestimmt“, wie Vorgrimler auf S. 40 erklärt:

„Aber alle Tode und alle Toten haben ihr Ziel: Gott erwartet sie, er nimmt sie zu sich… Bei einem Tod, den die Angehörigen als viel zu früh ansehen, könnte es ihnen ein Trost sein, wenn sie bedenken, das der Vorausgegangene jetzt an dem Ziel angekommen, vom Ziel aufgenommen ist, das ihm schon vor seiner Empfängnis und Geburt vorherbestimmt gewesen war.“  

Fünf Seiten weiter klärt der Münsteraner Dogmatiker uns darüber auf, daß Jesu Gleichnis „vom  verlorenen Sohn“ falsch formuliert sei: „Als ob Gott jemals ein Kind verlorengehen könnte.“

Auf S. 56 befaßt sich der Autor mit den Endzeit-Erwartungen in den ersten Christengemeinden, ohne zu erwähnen, daß der Völkerapostel Paulus damals für einen nüchternen Blick sorgte. Doch zunächst Vorgrimlers O-Ton zum Thema Wiederkunft Christi: „Die ersten Generationen der Christen nach dem Weggang Jesu mußten sich mit dem Problem abplagen, daß diese Erwartungen so nicht eintrafen.“

Paulus hatte diese „Erwartungen“ freilich in 2 Thess 2,1-8 bereits klar eingegrenzt:

„Brüder wir schreiben euch über die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus! … Laßt euch nicht irreführen und aus der Fassung bringen, wenn in einem prophetischen Wort… oder in einem Brief, der angeblich von uns stammt, behauptet wird, der Tag des Herrn sei schon da… Denn zuerst muß der Abfall kommen und der Widersacher, der Mensch der Gesetzlosigkeit, offenbar werden. Jesus, der Herr, wird ihn durch den Hauch seines Mundes töten und durch seine Ankunft und Erscheinung vernichten…“

Aus Vorgrimlers Sicht sollte Christi  „Kommen in Herrlichkeit“ ohnehin im „Licht unseres 21. Jahrhunderts“ ganz neu verstanden werden, nämlich individuell, wie er auf S. 57 erläutert: „Er kommt wieder, in dem wir alle, einer nach dem anderen, bei ihm ankommen, wo wir ihn in seiner unverhüllten Herrlichkeit sehen werden.“ – Damit wird das Bekenntnis aus dem Credo („Er wird wiederkommen in Herrlichkeit“) umgedeutet und zugleich mit der alt-neuen Allversöhnungs(irr)lehre verschmolzen.

Freilich kommt auch ein Theologe namens Vorgrimler an den eindeutigen Aussagen Christi über die Existenz der Hölle nicht ganz hinweg. Doch er (miß)deutet diese Verkündigung als eine Art „schwarze Pädagogik“, als Drohbotschaft im Dienst einer Mahnrede, wie er auf S. 73 mit einem unterschwelligen Vorwurf gegen Christus erläutert:

„Die ernsthaften, dringlichen Mahnungen wurden von Jesus selber mit geläufigen Höllenrequisiten illustriert…Jesus hat zweifellos solche sprichwörtlichen Redewendungen illustrierend drohend eingesetzt. Evangelisten wie Matthäus haben sie wohl an weiteren Stellen verschärft. Man kann Jesus von den Drohworten nicht einfach freisprechen.“

Im 10. Kapitel „Verdammt in alle Ewigkeit?“ befaßt sich Vorgrimler auf S. 80 sodann mit dem kirchlichen Dogma „Außerhalb der Kirche kein Heil“, das er einseitig darstellt, denn er verschweigt, daß das kirchliche Lehramt  –  in Abwehr des jansenistischen Rigorismus  – schon vor Jahrhunderten erklärte, daß göttliches Gnadenwirken auch außerhalb der wahren Kirche möglich ist: Es existiert demnach von der Erlösungsordnung her außerhalb der Kirche kein Heil, aber subjektiv kann auch außerhalb der Kirche die göttliche Gnade wirken.

Das authentische Lehramt unterscheidet nämlich seit jeher zwischen der objektiven Ebene einerseits, wonach die katholische Kirche der einzige ordentliche Heilsweg ist, die von Christus selbst gestiftete „Arche des Heils“   –  und der subjektiven Ebene andererseits, wonach persönliches Heil im Einzelfall auch außerhalb der Kirche denkbar ist, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt sind.

Vorgrimler irrt daher, wenn er behauptet, erst das 2. Vatikanische Konzil habe eine Heilsmöglichkeit für außerhalb der Kirche lebende Menschen verkündet. In Wirklichkeit wurde dies etwa auch im „Katechismus der katholischen Lehre“  –  herausgegeben vom heiligen Papstes Pius X.  –  klar vertreten:

Im Kapitel 6 „Die katholische Kirche“ lautet dort die letzte Fragestellung: „Kann derjenige gerettet werden, der außerhalb der katholischen Kirche ist?“  – Hierauf erfolgt die Antwort:

„Wer aus eigener Schuld und ohne vollkommene Reue außerhalb der Kirche stirbt, findet keine Rettung. Wer sich ohne eigene Schuld außerhalb der Kirche befindet und gut lebt, kann durch die Liebe,  mit der er mit Gott und im Geiste auch mit der Seele der Kirche vereint ist, gerettet werden.“

Die Erstveröffentlichung dieser Besprechung erfolgte in der Zeitschrift „Theologisches“


Der Glaube und unser Vaterland in Europa

Rezension von Thomas May

Buch-Daten: „Nation, Europa, Christenheit. Der Glaube zwischen Tradition, Säkularismus und Populismus“ von Felix Dirsch, Volker Münz, Thomas Wawerka (Hrsg.), Ares-Verlag, Graz 2019

Dieses Buch ist der Folgeband des 2018 erschienenen Titels „Rechtes Christentum?“, das sich als Verbindung des rechten Bekenntnisses im Sinne der Orthodoxie mit politisch konservativen und nationalen Erscheinungen versteht.

In scharfer Abgrenzung zur Linksverschiebung der beiden Kirchen hin zu einem globalistisch-universalistischen Humanitarismus, die vor allem in Gestalt ihrer führenden Vertreter als Problem wahrgenommen wird, legen die zwischen 1961 und 1985 geborenen Autor(inn)en  –   Theologen, Philosophen, Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler, Historiker, Publizisten und ein Bischof  –  in 11 Einzelbeiträgen das überlieferte Glaubensgut aus und bieten so erneut eine fundierte Alternative zum theologischen und kirchenamtlichen Mainstream.

Die Vielfalt der Stimmen erschließt facettenreich weitere Themenfelder.

„Nächstenliebe“ und „Barmherzigkeit“

Der evangelische sächsische Pfarrer a. D. Thomas Wawerka (S. 31 – 48) analysiert in seiner biblisch-theologischen Grundlegung die Schlüsselbegriffe „Nächstenliebe“ und „Barmherzigkeit“, die   in der Migrationsdebatte zur moralischen Diskreditierung der Kritiker benutzt werden. In seiner Dekonstruktion des „Framings“ zeigt der Autor auf, dass der Ausdruck „Werte“ in die Irre führt, weil er ein soziales Konstrukt der liberalen Moderne und Ersatz für den Glauben ist:

Nächstenliebe und Barmherzigkeit sind vielmehr Gebote, ja Befehle Christi an seine Jünger, die gehorsame individuelle, praktische Umsetzung erfordern, keine bloßen Appelle, denen (verbale) Zustimmung genügt.

Sie gelten – hier bringt Wawerka das „Zwei-Welten-Theorem“ Friedrich August von Hayeks ein – für die Lebenswelt des sozialen Nahraums, der von persönlichen Beziehungen wie Vertrauen, Mitgefühl, Zuwendung geprägt ist, im Gegensatz zum politischen und wirtschaftlichen Großraum, in dem die Kommunikation vorwiegend rational, technisch, juristisch, abstrakt abläuft.

Die moralisierende Übertragung der Regeln der „Mikroordnung“ auf die „erweiterte Ordnung“ verzerrt und zerstört: Kollektivethische Fragen angesichts globaler Migration lassen sich, so behauptet Wawerka, nicht im Format der kleinen Welt individualethisch beantworten.

Als Ethik des sozialen Nahraums ist die Ethik Christi primär individualethisch, die „erweiterte (politische) Ordnung“ ist für ihn nicht von Belang. Dabei gilt es die karitativ tätige Nächstenliebe, der die Barmherzigkeit zugeordnet ist, von der natürlich-kreatürlichen (Familie, eigenes Volk) und der „mystischen“ (Glaubensgeschwister) zu unterscheiden („ordo amoris“).

Mit einer sinngemäßen Interpretation des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) krönt Wawerka seinen Beitrag: Das üblicherweise als „Mensch an sich“ verstandene Opfer der Räuber ist konkret Jude; der Skopus der „nahräumlichen“ Kritik Jesu zielt darauf, dass zwei Volksangehörige einen der Ihren ignorieren, dem sie nach der natürlich-kreatürlichen Regel Solidarität schulden; dagegen stellt der nichtjüdische Samariter die Ausnahme dar. Demjenigen ist also Hilfe zu leisten, der mir „vor die Füße“ fällt.

Kirchliche Predigt verdreht die Ausnahme zur unbiblischen Regel, wenn sie jene für die „Flüchtlingshilfe“ generalisiert, während die Volksgeschwister außer Acht bleiben. Dahinter verbirgt sich allzu oft die hypermoralische Einbildung, alle Menschen könnten gleich geliebt bzw. behandelt werden.

Diese Ethik des „Total-Altruismus“ ist nicht praktikabel und zurückzuweisen.

Das Verhältnis zu Volk und Vaterland

Der Historiker und evangelische Theologe Godehard Michaelis (S. 49 – 63) untersucht in einer zweiten biblisch-theologischen Grundlegung das Verhältnis der Kirche bzw. des Christen zu Volk und Vaterland mittels Aussagen von Heiliger Schrift, Tradition und kirchlichem Lehramt.

Das Volk Israel als Kult- und Abstammungsgemeinschaft, zu deren Sicherung Geschlechterregister dienen, wird im Alten Testament durchgängig bezeugt. Die Vermischung mit götzendienerischen Völkern ist ihm strengstens verboten, Überfremdung mit ihren (negativen) Folgen gilt als Strafe für die Abkehr von Jahwe, der die Grenzen der Völker zieht.

Mit der Ankunft Christi wird der Begriff des Gottesvolkes auf eine geistige Ebene gehoben, der Begriff des Volkes als irdische Gemeinschaft jedoch beibehalten. Der Missionsbefehl Jesu (Mt 28,19) erfasst die künftigen Mitglieder der Kirche in ihrem jeweiligen völkischen Eingebundensein. Der an (Blut-)Abstammung orientierte Begriff „Land der Väter“ wird über den Apostel Paulus von der frühen Kirche übernommen, während das „höhere Vaterland“ der Christen im Himmel zu sehen ist.

Dieser Linie folgen die Kirchenväter von Clemens von Rom über Clemens von Alexandrien und Augustinus bis Thomas von Aquin, dessen Ordnung der Pflichten und der Liebe Eltern, Blutsverwandten und Vaterland Vorrang einräumt.

Das Lehramt der Pius-Päpste hält die Balance zwischen den Extremen auch im 20. Jahrhundert: „Wie einen ungesunden Nationalismus, der die Lebensrechte anderer Völker mißachtet, lehnt sie [die Kirche] sowohl den falschen Internationalismus, der das Vaterland verleugnet, wie den unrichtigen Pazifismus, der es wehrlos macht, entschieden ab“ (Michael Buchberger im „LThK“ 1938).

Eine positive Haltung zur Nation vertraten bis in die 1950er Jahre auch die evangelischen Gemeinschaften. Die fehlende übergeordnete Führung machte sie in Deutschland  anfälliger für die NS-Ideologie; das betrifft die reichstreuen „Deutschen Christen“ wie auch die oppositionelle „Bekennende Kirche“.

In der vom Geist der 68er durchdrungenen Gesellschaft, die stark von der „Frankfurter Schule“ und deren Infragestellung der „Autorität“ (und jeder Ordnung) beeinflusst waren, wurde die Vaterlandsliebe zunehmend bis „zum Kotzen“ (Robert Habeck) entwertet und kriminalisiert.

Mit der Idee des multiethnischen „Experiments“ (Yascha Mounk), die kraft mächtiger Förderer weltweit auf Verwirklichung drängt, sieht Michaelis (flankiert von der abstrusen Gender-Theorie u. Ä.) die Heraufkunft der Welt des Antichristen angedeutet.

Linkes und rechtes Christentum: globalisierungsaffin oder heimatnah

In weit ausholendem Gang durch die Geschichte zeichnet der katholische Theologe und Politologe Felix Dirsch (S. 64 – 101) die Linien des linken und rechten Christentums, das sich heute als globalisierungsaffin bzw. heimatnah darstellt.

Das politische Rechts-Links-Schema ist im Kontext der Französischen Revolution entstanden; einzuordnen sind aber auch zeitlose konträre Grundhaltungen wie Beharrung versus Veränderung, Institutionalisierung kontra Emanzipation, Abstufung statt Gleichsetzung.

Bis Martin Luther galt die kirchliche Christenheit weithin als rechts (d. h. rechtgläubig); linke Abspaltungen, die auf irdische Reformen zielten, waren selten. Modernes Geschichtsbewusstsein und Fortschrittsoptimismus erzeugten in der Neuzeit eine Dynamik, die – je länger, desto mehr – auf Verdiesseitigung des Heils und Erlösung im Hier und Jetzt zustrebt.

Die linke Auslegung des Christentums hat Vorläufer im 16. Jahrhundert, als man das Evangelium radikal im Sinn der Gerechtigkeit und Gleichheit auszulegen begann, wie der „Schwärmer“ Thomas Müntzer (1489 – 1525), von dem sich ein Bogen bis Martin L. King, Dorothee Sölle und zur Befreiungstheologie schlagen lässt.

Typisch für diese Ausrichtung ist das mit der universalistischen Heilsbotschaft begründete Programm einer One-World-Kultur.

Wurde diese Anfang des 20. Jahrhunderts noch als Schreckensszenario, in dem die menschliche Existenz verkümmere und die Völker entmündigt seien, von katholischer Seite abgelehnt, so arbeitet der Vatikan mit den Forderungen globaler Strukturen, umfassender Umverteilung und nationaler Kompetenzabtretungen heute in ihre Richtung.

Papst Franziskus nützt mit seiner Parteinahme zugunsten der These des menschengemachten Klimawandels den Bestrebungen einer weltweiten Säkular-Ethik der „Nachhaltigkeit“, die Recht auf Abtreibung, spezielle Homosexuellenrechte und forciertes Gender-Mainstreaming vorsieht.

Der vom Vatikan mitunterzeichnete UN-Migrationspakt birgt die Gefahr, dass die zum „natürlichen Phänomen“ erklärte Migration als „Völkergewohnheitsrecht“ einklagbar wird, womit die Stabilität der Rechts- und Sozialsysteme in den Zielländern beeinträchtigt würde.

Rechtes Christentum ist volks- und heimatverbunden, partikular. Assoziiert wird Heimat mit einem bestimmten Territorium, mit Anhänglichkeit, Geborgenheit, mit Identitätsstiftung in jungen Jahren. Dank Vermittlung des Glaubens im Elternhaus und durch die Ortskirche entstehen Verbindungen zu Religion, Tradition und Kultur.

Im ländlich-katholischen Raum neigt das heimat- und volksnahe Christentum dem Patriotismus zu, in den von Kollektividentitäten geprägten EU-Ländern Polen und Ungarn ist er noch heute Konsens: Heimatliebe, Vaterlandsliebe und Liebe zur Kirche bilden einen Dreiklang.

Während das Lehramt bis Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Heimat und Vaterland würdigte, begünstigt Papst Franziskus als „Patron“ der Migration die Auflösung von Nationen und Ethnien. Das dahinterstehende Konstrukt des „Cucked Christianity“ (wörtlich: „abgehacktes Christentum“) lehnt die Selbstbehauptung einer Kultur, einer Nation, eines Volks ab, sodass es zur Sozialreligion schwindet.

Dagegen formiert sich das heimat- und volksnahe Christentum. Die universale christliche Dimension ist, so Dirschs Befund, ohne Profanierung des Glaubens in eine irdische One-World-Kultur nicht adäquat umsetzbar.

Deutschland als Heimat

Anhand des Aufsatzes „Ehrlos – heimatlos“ (1919) des jüdischen Philosophen Eugen Rosenstock-Huessy destilliert der in der Schweiz lebende evangelische Pfarrer Lothar Mack (S. 102 – 121) Parallelen zur Gegenwart heraus. Die Reflexionen des deutschen Offiziers und gläubigen Christen über Deutschland als Heimat, verfasst unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und des Versailler Friedensschlusses, lassen sich auch 100 Jahre danach für den aktuellen Diskurs fruchtbar machen.

Dabei entpuppt sich das militärische Prinzip der Führung von oben nach unten als historische Konstante, die heute in neuen ideologischen Gestalten hervortritt: spätestens seit 2015 in den elitären Moralaposteln, die der Majorität ihre Konzepte – natürlich „im allgemeinen Interesse“ – aufzwingen.

Dem Wahn des einstigen Nationalismus entspricht die Maßlosigkeit des heutigen Moralismus, der mit schutzlos offenen Grenzen und klimaneutral geschlossenem Verstand die Welt „retten“ will. Die Pathologisierung von Einwänden zu „Phobien“ geht dabei mit wachsender strafrechtlicher Verfolgung nichtkonformen Denkens und Redens einher. Sich abkapselnd verliert Deutschland aber seine Zukunftsfähigkeit.

Der Weg muss, so Macks Forderung, umgekehrt von unten nach oben führen: von der „Aufruhr“ einzelner wacher Geister, die sich opferbereit formieren, hin zu einer neuen geistigen Ordnung, in der Identität von Nichtidentität geschieden ist und das angestammte Vaterland und die Heimat bejaht werden.

Die Völker sind frei geworden zu je eigener und gegenseitiger Anerkennung im Geist der Zusammengehörigkeit; einem von Machtambitionen entbundenen Christentum obläge es, neue Formen bodenhaftender Gemeinschaft zu stiften.

Das Phänomen der Säkularisierung

In seiner kulturphilosophischen Betrachtung zu Europa verortet und bewertet der studierte Philosoph und Germanist Daniel Zöllner (S. 122 – 142) das Phänomen der Säkularisierung neu. Er sieht sie im Gegensatz zu einem linken Geschichtsverständnis, das in ihr die positive Überwindung des Christentums feiert, wie auch zu einem rechten, das in ihr die negative Entfremdung vom Christentum beklagt, als Konsequenz des christlichen Glaubens selbst, als seinen „Ertrag“.

Demnach sei die Emanzipation des Weltlichen schon in den Ursprüngen der jüdisch-christlichen Religion, in der „Achsenzeit“ (Karl Jaspers), angelegt. Mit der Wende vom Kosmotheismus (Polytheismus) zum Monotheismus, der Gott die Transzendenz zuwies, war die Welt entgöttert und „freigegeben“.

Unter Rückgriff auf den evangelischen Theologen Friedrich Gogarten (1887 – 1967) erläutert Zöllner anhand der „Gottessohnschaft“, dass der Mensch als Geschöpf von Gott abhängig, zugleich aber von ihm ermächtigt ist, als Erbe über die Welt zu verfügen.

In der Neuzeit schreitet die Emanzipation des Weltlichen als „Säkularisierung“ voran, erfasst Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst. Dabei kommt es auch zu Fehlentwicklungen. Im (utopischen) „Säkularismus“ als Entgleisung der Säkularisierung will der Mensch sein Heil selbst erzwingen, statt es von Christus zu empfangen: im Schwärmertum oder in einer auf eine bestimmte Moral verengten, der Transzendenz beraubten weltlichen Ideologie (wie heute).

Zwischen Erstarrung und Auflösung ist das Christentum stets gefordert, zahlreiche Pole auszugleichen. Nur durch dessen bleibende Verbindung mit der Säkularisierung kann der Kulturraum Europa aus Zöllners Sicht auch bewahrt werden.

Konflikt zwischen „Athen“ (Vernunft) und „Jerusalem“ (Offenbarung)

Der Schriftsteller und Verleger André Thiele (S. 143 – 149) will in seinem kompakten Essay die Alternative wiederherstellen, die im Konflikt zwischen „Athen“ (Vernunft) und „Jerusalem“ (Offenbarung) erschlossen ist. Mit der Neutralisierung des Glaubens und der Philosophie durch Machiavelli und Hobbes konstatiert er seit dem 16. Jahrhundert ein Ausweichen vor der Frage nach dem Maß, der Wahrheit.

Die Wahrheit des Kreuzes ist zeitlos gültig, lässt sich nicht beweisen, nur gehorsam annehmen und konsequent erdulden. Ihm steht die funktionale Ethik der liberalen Moderne entgegen, der zufolge das Angenehme das Gute sei. Jesu Leiden aber ist die Negation des Liberalismus. Glaube und Philosophie müssen von Thieles Warte aus erst wieder die Grundlagen des Eigenen zurückgewinnen.

Die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Leben liegt jenseits der „Polis“, des Politischen, für den Glauben in der Sphäre göttlichen Heilsgeschehens.

Der katholische Traditionalismus

Dem katholischen Traditionalismus ist der Beitrag des Slawisten und Politikwissenschaftlers Marc Stegherr (S. 150–173) verpflichtet. Die weit und gut vernetzten Priesterbruderschaften (St. Pius X., St. Petrus, Servi Jesu et Mariae, Institut du Bon Pasteur) mit ihren Interessengruppen, die als reaktionär, rechts oder rechtsextrem zählen, verstehen sich selbst als konservativ, nicht aber im politischen Sinn als rechts.

Rechte oder rechtspopulistische Parteien wie der Rassemblement National stehen ihnen naturgemäß näher, weil sie hier eher mit Verständnis für Ordnung, Herkunft und Überlieferung rechnen dürfen. Die durchaus heterogene Bewegung eint ihre Ablehnung der Anpassung der Lehre und Liturgie an progressive, linksliberale Strömungen in der Nachkonzilszeit.

Während dem „rebellierenden“ Gründer der Piusbruderschaft Erzbischof Marcel Lefebvre (siehe Foto) keine abweichende Lehre nachzuweisen war – Suspendierung bzw. spätere Exkommunikation erfolgten wegen Verstoßes gegen die Kirchendisziplin –, arbeiten beamtete Theologieprofessoren mittels „Memoranden“ oder „Kirchenkritiker“ wie Küng, Drewermann, Ranke-Heinemann mit häretischen Forderungen belegbar auf eine unkatholische Kirche hin.

Der Streit um die das Glaubensgut schützende „alte“ Messe, die Paul VI. mit der „tyrannischen“ Einführung des „Novus Ordo“ 1969 außer Kraft setzte (was ob der Zerstörung unschätzbaren Kulturguts auch Kritik vonseiten Intellektueller, Schriftsteller und Musiker hervorrief), ist bis heute nicht beigelegt.

Der Versuch Benedikts XVI., sie 2007 zu rehabilitieren, um die Kirche mit ihrer Tradition zu versöhnen, muss weithin als gescheitert gelten, besonders weil er von den Bischöfen, den deutschen voran, sabotiert wurde. Und Papst Franziskus fehlt – gelinde gesagt – das Verständnis für den alten Ritus.

Lefebvres und Ratzingers kritische Diagnosen der nachkonziliaren „Reform“-Kirche weisen, wie Stegherr anmerkt, eine frappierende inhaltliche Nähe auf. Den Protest der Traditionalisten als „Nostalgie“ abzutun, greift zu kurz; er stellt eine gewichtige Anfrage an die tiefe Gegenwartskrise der Kirche dar. Woraus lebt sie? Erfindet sie sich täglich neu? Ihre Gemeinschaften, politischen Linken wie Liberalen ein Ärgernis, bleiben Stachel im Fleisch, weil sie sich beharrlich gegen Entkernung des Glaubens und „Befreiung“ von überlieferten moralischen und religiösen Bindungen stemmen.

Fundamentalkritik des christlich-islamischen Dialoges

Die armenischstämmige Opferanwältin und Autorin Jaklin Chatschadorian (S. 174 – 188) unterzieht den christlich-islamischen Dialog einer Fundamentalkritik. Ausgehend von dem Postulat, dass eine freiheitliche Demokratie nicht unbegrenzt tolerant sein darf, sondern sich gegen Feinde wehren muss, beobachtet sie, dass – im Gegensatz zu Angehörigen anderer Religionen – der um vollständige Ausübung seiner Religion bemühte gläubige Muslim im Dauerkonflikt mit dem Staat bzw. den Menschen unserer Gesellschaft liegt.

Ihre These der Unvereinbarkeit des Islam mit unserer Rechtsordnung und unseren Werten untermauert die Autorin im Folgenden: Leugnung individueller Willens-, Meinungs- und Handlungsfreiheit, Kontrolle der Anhängerschaft, autoritäre Durchsetzung von Regeln und Sanktionen, Neigung zu brachialer Gewalt sind nur eine Auswahl der inkompatiblen Merkmale.

Im „Dialog“ mit den beiden deutschen Kirchen, der den Vertretern des politischen Islam zur Durchsetzung ihrer „Werte“ und Ziele dient, weicht die christliche Seite aus Rücksicht vor den religiösen Gefühlen der Muslime stets zurück und zollt ihnen den geforderten „Respekt“ (als Unterwerfung verstanden).

Theologisch haben Christentum und Islam außer dem Monotheismus nichts gemein, doch auch er divergiert in Gottesbild und Ziel.

Die diskriminierte, degradierte Muslima ist Eigentum des Mannes und seiner Familie. Listig wird hier umgedeutet: Ihre Verhüllung sei Zeichen der Selbstbestimmung; Zwangsverheiratung minderjähriger Mädchen eine ökonomische Form der Familienversorgung; die zur Begrüßung ausgestreckte Frauenhand eine Einladung zum Ehebruch – also „Toleranz“ für den verweigerten männlichen Handschlag!

Die Autorin kritisiert den Tunnelblick der Kirchen scharf und fordert deren Rückbesinnung auf eigene Werte und couragiertes Eintreten für die verfolgten Glaubensangehörigen.

Analyse des Populismus

Mit dem Populismus setzt sich der religionspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion Volker Münz (S. 189 – 202) auseinander. Er sieht in ihm eine Widerstandsreaktion auf den Globalismus in den westlichen Demokratien. Als Kampfwort schmäht er rechte Bewegungen und Parteien (AfD, FPÖ, Lega, Vox), manchmal auch linke (Syriza, Podemos).

In Anlehnung an die Politologin Karin Priester beschreibt Münz den Populismus als Methode der politischen Auseinandersetzung, die von dem Gegenüber Parteien-Establishment/Eliten einerseits und Volk (lat. populus) andererseits bestimmt ist, das seinen Willen durch jene nicht mehr angemessen vertreten sieht.

Die Repräsentationslücke erscheint als Ursache, das „Volk“ als Träger des Populismus.

Verstärkt wird die Krise durch die Spaltung der Gesellschaft in „Anywheres“ („Überallmenschen“, Kosmopoliten, „Profiteure“ der Globalisierung, 20 – 25%) und „Somewheres“ („Irgendwomenschen“, Dagebliebene, Orts- und Heimatgebundene, „Verlierer“ der Globalisierung, ca. 50%) und deren konträre Interessen.

Politik und Staat haben aber unter Erhalt größtmöglicher gesellschaftlicher Homogenität (vgl. Böckenförde-Diktum) in toto der breiten Bevölkerung zu dienen. Daher begrüßt Münz einen wohlverstandenen Populismus als Korrektiv im Sinne der Unterstützung einer bürgerlichen, christlich-konservativen Politik gegen egalitäre Tendenzen (Multikulturalismus, Transnationalismus, Gender-Mainstreaming).

Naturrechtsdenken als vernunftgemäßes Ordnungsdenken

Der studierte Politik-, Rechtswissenschaftler und Theologe Daniel Führung (S. 203 – 226) würdigt in seinem Beitrag das Naturrechtsdenken als vernunftgemäßes Ordnungsdenken und dessen Bedeutung für Staat, Gesellschaft und Individuum. Danach haben alle Menschen eine gemeinsame, unveränderliche, unveräußerliche, mit Mängeln behaftete Wesensnatur, die mittels der Vernunft festgestellt werden kann.

Diese ermöglicht die Erkenntnis sittlich-rechtlicher Grundsätze (nach dem Apostel Paulus sind sie jedem ins Herz geschrieben), die den staatlichen Gesetzgeber und den Einzelnen verpflichten, wie Schutz von Leib und Leben, Eigentum, Ehre, persönliche Freiheit, umfasst im platonischen „suum cuique“.

Mit der Abkehr vom Naturrecht und der Ersetzung durch den Rechtspositivismus, der beliebige Inhalte, sogar Ungerechtigkeit zur Norm erheben kann, geht der Verlust eines höheren Maßstabs und gesellschaftlicher Fundamente einher. In der „Diktatur des Relativismus“ ist der Überschlag der entfesselten liberalen Demokratie in einen Neototalitarismus angelegt.

„Die gegenwärtige Ablehnung des Naturrechts führt nicht nur zum Nihilismus, nein, sie ist identisch mit dem Nihilismus“, zitiert Führung den deutsch-amerikanischen Philosophen Leo Strauss.

Deformierungen wie die „Ehe für alle“, mit der das Wesen der Ehe als Verbindung von Mann und Frau samt ihrer Ausrichtung auf Nachkommenschaft geleugnet wird, und Abirrungen wie die Gender-Theorie, welche die biologisch oder metaphysisch determinierte Zweigeschlechtlichkeit ausblendet, sind aus christlicher Sicht als Zwangsgebilde einer realitätsfernen, herrschsüchtigen, auf Selbst- und Welterlösung zielenden „modernen Gnosis“ (Eric Voegelin) abzulehnen.

Wider Dekonstruktion und Delegitimierung bekräftigt der Autor die naturrechtliche Verankerung von Nation, Vaterland, Heimat, Volk.

„Der Mensch verbindet seine tiefste menschliche Identität mit der Zugehörigkeit zu einer Nation“, weiß Johannes Paul II. Die Heimatliebe ist eine „Dankespflicht“ und entspricht der „Ordnung der Liebe“ (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2239).

Das Volk ist ein lebendiger geistiger Organismus, an dem die Einzelnen teilhaben. Seine treibende Kraft, die Liebe – zu Gott, dem Nächsten, dem Volk –, ist auch Garant für eine Ordnung. Der christliche Patriotismus ist somit Anerkennung einer guten Ordnung und als solcher naturrechtlich begründet.

Mahnwort an die Christen Deutschlands

Den Schlusspunkt setzt der aus dem Schwarzmeerraum gebürtige Weihbischof Athanasius Schneider ( S. 227 – 237) mit einem Mahnwort an die Christen Deutschlands, das jedoch nicht nur diese betrifft. Initiiert vom Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris am 15. April 2019 skizziert er anhand der Metapher der „Stadt des Menschen“ die Grundzüge einer zerstörerischen Gesellschaft ohne Gott, die zwangsläufig in Tyrannei und Totalitarismus mündet.

Ihr stellt er die „Stadt Gottes“ am Beispiel der Radiobotschaft Pius‘ XII. zu Weihnachten 1942 gegenüber, in welcher der Papst die christliche Sicht einer auf Gottes Ordnung und Sittengesetz gründenden menschlichen Gesellschaft darlegt.

Den Brand der Kathedrale deutet Schneider als Aufruf zu echter Bekehrung, zumal der unbußfertigen (deutschen) Bischöfe, die seit der irreführenden wie missverstandenen „Öffnung der Fenster“ (Johannes XXIII.) zur modernen Welt die geistigen Brandstifter des liberal-theologischen Establishments und des verweltlichten Klerus in der Kirche wüten lassen. Ihrem Credo „Wir haben keinen anderen König als die öffentliche Meinung“ ist die Königsherrschaft Jesu Christi mit dem Auftrag der Evangelisierung aller Menschen und Völker kompromisslos entgegenzustellen.

Gesamtbewertung des Buches

In der Gesamtbewertung des Buches sind, wie beim Vorgängerband, die hohe Informationsdichte und das geistig anspruchsvolle Niveau hervorzuheben. Die sprachlich-stilistische Bandbreite der Einzelbeiträge, die durch geradlinige Gedankenführung überzeugen oder durch ungezwungenen assoziativen Fluss gefallen, bewegt sich zwischen sachlich-bodenständig und gewählt-gehoben.

Politische und/oder theologische Vorkenntnisse erleichtern das Verständnis, sind jedoch nicht unbedingt erforderlich.

Dank durchdachter Auffächerung der Themenfelder gewinnt der Leser ein sicheres Urteil über das Christentum in den Gegenwartsdebatten, wozu erheblich die biblisch-theologischen Grundlegungen beitragen. Die Konnotation „konservativ“/„rechts“ läuft oft still mit. Mehrfach berühren sich die Beiträge inhaltlich, wenn sie von den verschiedenen Ansatzpunkten her auf bestimmte Schnittstellen wie „Multikulturalität“, „Vaterland“, „Gender“, „Böckenförde-Diktum“ oder „ordo amoris“ zulaufen; die Bewertung der Säkularisierung fällt uneinheitlich aus.

Im Ergebnis tendiert rechtgläubiges Christentum politisch nach rechts (erst recht, seit die C-Parteien ihre konservativen Positionen fast gänzlich geräumt haben), wohingegen die real existierende linksglobalistische Ausrichtung mit Fokussierung auf Menschenrechten, Migration und Klimawandel eine säkularistisch entkernte, häretisch durchsetzte Schwundstufe darstellt. Insofern ist vor allem seitens der führenden Kirchenvertreter eine Neuorientierung überfällig.

Eine Fortführung des Buch-Projekts mit der Erschließung weiterer aktueller Themenbereiche kann sich der interessierte Leser nur wünschen.

„Christentum und Medien“ zum Beispiel verdiente eine kritische Durchleuchtung, wobei die gewaltige Schlagkraft der Öffentlich-Rechtlichen gegen rechts mit der überschaubaren Anzahl der den vor allem rechtskatholischen Standpunkt vertretenden Publizisten, Zeitschriften und Netzwerke zu kontrastieren wäre.

Die kollektive widergöttliche Weltrettungshybris schreit förmlich nach einer eingehenden Behandlung des Themas „Christentum und Klimawandel“. Alternativlos sind wohl eine Entgiftung der Bezeichnung „rechts“ und ihre Rückholung in die Mitte der Gesellschaft. Mit den beiden Bänden ist der Grundstock einer „Bibliothek des rechtskonservativen Christentums“ gelegt.

Unser Autor Thomas May ist Lehrer i. R. –  Er unterrichtete die Fächer Deutsch und Katholische Religionslehre. Der in Sendenhorst (Münsterland) lebende Autor ist ein Neffe des bekannten Prälaten und Kirchenrechtlers Prof. Dr. Georg May (Mainz).

Die Erstveröffentlichung dieser Besprechung erschien in der Zeitschrift „Theologisches“


Kinderarzt schrieb ansprechendes Kinderbuch

Von Cordula Mohr

Der sechsfache Familienvater, bekannte Lebensrechtler und Medizin-Professor Dr. Holm Schneider schrieb ein lesenswertes Kinderbuch mit dem Titel: „Warum Vampire nicht gern rennen“, das jetzt im im Stachelbart-Verlag erschienen ist.

Das fotografisch illustrierte Werk ermöglicht den Lesern einen interessanten Einblick in das Leben von Flo und Carolin, die beide mit einer Behinderung geboren wurden.

Trotz Ablehnung aus Teilen der Gesellschaft werden die beiden Kinder zu guten Freunden – und Flo zeigt Carolin seine ganz eigenartige innere und äußere Welt; sie ist spannend zu entdecken, zumal die meisten Kinder des Dorfes sagen, Flo sei ein Vampir, da er merkwürdig aussehe.

Diese auch für Erwachsene lesenswerte Geschichte des Kinderheilkundlers ist vor allem für das Grundschulalter geeignet. Besonders ansprechend sind die realistischen Bilder mit den schönen Naturaufnahmen.

Durch die Fotos der Kinder Flo und Carolin kann der Leser Menschen mit Behinderung an ihrem Aussehen erkennen. Bei echten Begegnungen mit diesen „besonderen“ Menschen kann dies durchaus hilfreich sein.

Ein sehr zu empfehlendes und mit 9,90 Euro erschwingliches Buch  – geeignet auch als Geschenk zur Erstkommunion.

Weitere Hinweise und Bestellmöglichkeit hier: https://www.buecher.de/shop/ab-8-jahren/warum-vampire-nicht-gern-rennen/schneider-holm/products_products/detail/prod_id/33866651/


Eindrucksvolles Buch über die Heldenfrau Nina Gräfin von Stauffenberg

Besprechung von Cordula Mohr

Als mir dieses Porträt-Buch geschenkt wurde, freute ich mich sehr, mehr über die Frau des berühmten Volkshelden und Widerstandskämpfers Claus von Stauffenberg zu erfahren. Es stellte sich heraus, daß auch seine Ehefrau Nina ein tapferes Herz und einen starken Charakter besaß. 

Die bewegende Biographie mit dem Titel „Nina Schenk von Stauffenberg“ stammt aus der Feder ihrer Tochter Konstanze von Schulthess.

Es muss eine einzigartige Begegnung zwischen Claus von Stauffenberg und Nina Freiin von Lerchenfeld gewesen sein, denn Nina war erst 17 Jahre und Claus 22 Jahre alt. Besonders die tiefen Gespräche verband sie miteinander.

Anfangs dachte man, Claus habe den Kontakt zur Familie Lerchenfeld wegen der gemeinsamen Pferde-Begeisterung und Reitliebhaberei des Vaters Lerchenfeld gesucht. Dann stellte sich heraus: Claus und Nina trafen sich häufig und es ging bald schon um eine Verlobung.

Ninas Vater war grundsätzlich einverstanden, wollte jedoch wegen des jungen Alters seiner Tochter  zuwarten, damit sie sich noch anders entscheiden könnte, falls doch Zweifel in ihr aufkommen. Dies war jedoch nicht der Fall. Trotzdem warteten die Verlobten bis zum 21. Lebensjahr Ninas. Vorher durfte nicht geheiratet werden, wobei auch die damaligen Vorschriften des Militärs eine Rolle spielten.

Claus war schon früh dem George-Kreis beigetreten; um den romantisch-idealistischen Dichter Stefan George bildete sich eine Schar von Verehrern und geistig suchenden Menschen.

Die Autorin stellt in dem Buch klar, dass ihr Vater Claus von Stauffenberg nie ein begeisterter Anhänger der Nationalsozialisten gewesen ist. Als Angehöriger der Reichswehr (später der Wehrmacht) war er jedoch staatstreu eingestellt und von daher dem NS-Regime zunächst loyal gegenübergestanden. Diese besondere Situation im Spannungsfeld von „Pflicht“ und Neigung wird von gewissen Büchern über den militärischen Widerstand gegen Hitler oft ignoriert.

Stauffenberg war ein sehr disziplinierter Mann, der Herz und Verstand dem Militär zur Verfügung gestellt hat. Häufig trug er seine Uniform, zumal er immer auf Abruf bereit sein musste.

Nina war durch Briefe, die sie aus Vorsicht bzw. Angst vor Repressalien wieder verbrannte, in das Vorhaben ihres Mannes und der anderen Widerständler (Attentatspläne) eingeweiht. Alle Beteiligten werden in dem Buch namentlich aufgezählt.

Am 21. Juli 1944 musste Nina von Stauffenberg ihren Kindern sagen, dass ihr Vater hingerichtet worden ist, nachdem die „Operation Walküre“ tragisch gescheitert war. Es ist ihr umso schwerer gefallen, als sie damals in „anderen Umständen“ war.

In der eindrucksvollen Biografie wird deutlich beschrieben, was Nina und Claus besprochen haben, wenn dieser verhängnisvolle Fall eintritt: sie solle bei Verhören sagen, sie habe von nichts gewusst – und dabei stark bleiben.

Sie wurde von der Gestapo abgeholt, weil es schon zu spät war, um zu fliehen. Die Nachricht vom gescheiterten Attentat erreichte sie zu spät. Sie wurde in das Frauengefängnis Ravensbrück gebracht. Ihre Kinder kamen in ein Heim. Sie hatte ihren Kinden vorsichtshalber noch mitteilen können, dass ihr Vater sich „geirrt“ habe  –  und das sollen sie auch den anderen Leuten so sagen.
 
In den Verhören beteuerte sie, von den Plänen des Mannes nichts gewusst zu haben; sie kam in Einzelhaft.

Die Verwandschaft kam vielfach in Sippenhaft und wurde auf verschiedene Gefängnisse verteilt. Nahe Verwandte wussten nicht, wie ihnen geschah, als sie festgenommen wurden.
Nur die Kinder der Attentäter durften zusammenbleiben, bekamen aber im Heim neue Nachnamen, ohne ihre eigentlichen Namen zu vergessen. Später erfuhren sie, dass sie teils Verwandte waren, als z.B. das älteste der Kinder nachts fragte: Wie ist euer richtiger Name?

Nina hatte noch etwas Glück, denn ihre Schwägerin Litta konnte Briefe und Essen ins Gefängnis bringen. Ohne diese beherzte Frau  –  sie war von Beruf Testpilotin   –  wäre Ninas Haft und die der anderen Familienmitglieder weitaus schwieriger verlaufen. 

Nina von Stauffenberg war von einem starken Gottvertrauen beseelt. In der Einzelhaft betete sie und versprach dem Himmel, wenn sie alle ihre Kinder wiedersehen dürfe, werde sie zur Ehre Gottes eine Wallfahrt unternehmen. Das Versprechen erfüllte sie als evangelische Christin  – ihr verstorbener Mann Claus war katholisch  –  nach dem Krieg gemeinsam mit den Kindern.
 
Nina von Stauffenberg brachte Tochter Konstanze in einem Hospital zur Welt, wo sie sich länger aufhalten durfte. Die Einzelhaft wurde unterbrochen. Sie konnte sich in diesem Krankenhaus etwas erholen, da das Personal ihr freundlich gesonnen war.

Schon bald ging es dem Kriegsende zu und Nina wurde mit ihrem kleinen Kind von einem Gestapo-Mann durch ganz Deutschland gefahren. Es ging ständig durch neue Städte, der Säugling wurde kränklich. Sie berichtet von ihrer endgültigen Erklärung an ihren unfreiwilligen Begleiter, zu keiner Weiterreise bereit und fähig zu sein.  

Der Gestapomann, der trotz seines „Amtes“ kein fanatischer Nazi war, erkannte das unsägliche Chaos und Elend der letzten Kriegstage und „quittierte“ seinen Dienst selbst. Nina schrieb ihm noch einen Zettel, damit er nicht in den Verdacht geriet, ein „Deserteur“ zu sein.

In bewegender Weise wird beschrieben, wie manche Angehörige und ihre Kinder sich wiedergefunden haben. Einige enge Verwandte haben die Haft nicht überlebt. Besonders traurig machte es Nina, als sie vom Tod ihrer Schwägerin Litta hörte; sie kam bei einem amerikanischen Angriff ums Leben. Die Witwen der Attentäter haben alle nie wieder geheiratet.

Es war für Nina eine traumatische Erfahrung, dass ihr geliebter Claus hingerichtet wurde.

Das Portät dieser bemerkenswerten Frau ist spannend zu lesen und klärt über so manche Fragen um die Familie Stauffenberg auf.

Besonders eindrucksvoll erscheint mir auch, wie die Tochter beim Sterben ihrer Mutter Nina im Jahre 2006 tagelang mitanwesend war. Sie beschreibt das tiefe Gemüt der Mutter; sie habe ohne Bitterkeit von dieser Welt Abschied genommen.

Dieses Buch dient der Aufklärung über unsere deutsche Geschichte. Mir wurde dadurch klar: Der Widerstand gegen Hitler war hierzulande stärker, als man allgemein denkt.

Diese Biographie ist sehr empfehlenswert und aufschlußreich. Das Buch bietet zudem anschauliche Bilder der Familie und passende Beschreibungen dazu.

Vielleicht eignet sich als Abschluß Ninas Gedicht, das sie kurz nach der Verhaftung im Gefängnis Ravensbrück verfaßte. Manchmal findet man diese Verse auch in Todesanzeigen. Somit ist das geistige Vermächtnis dieser tapferen und gläubigen Frau nicht ganz unbekannt:

Du bist bei mir.
Wenn auch Dein Leib verging.
Und immer ist`s, als ob
Dein Arm mich noch umfing.

Dein Auge strahlt mir zu
Im Wachen und im Traum.
Dein Mund neigt sich zu mir,
Dein Flüstern schwingt im Raum.

„Geliebtes Kind, sei stark“,
Sei Erbe mir!
Wo du auch immer bist,
Ich bin bei Dir!

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Historiker-Buch zur Vertreibung der Deutschen: „Aufarbeiten statt verdrängen“

Information zur Neuerscheinung: 80 Thesen zur Vertreibung –  Aufarbeiten statt verdrängen – von Professor Dr. Alfred de Zayas und Konrad Badenheuer

Die gewaltsame Entwurzelung von etwa 14 Millionen Menschen aus dem ehemals deutschen Osten und dem Sudetenland nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Landkarte Europas verändert.

Und doch ist es still geworden um diesen historischen Einschnitt. In Medien und Schulbüchern wird seit langem nur noch wenig drüber berichtet. Unwissenheit ist die Folge davon.

Das neue Buch von Alfred de Zayas und Konrad Badenheuer, das unter dem Titel „80 Thesen zur Vertreibung. Aufarbeiten statt verdrängen“ erscheint, versteht sich als Antithese zu Verdrängung und Vergessen.

Es ist ein Appell, historische Fakten zur Kenntnis zu nehmen, sie völkerrechtlich korrekt zu bewerten und dann Schlussfolgerungen zu ziehen: Auch heute könnten mit gutem Willen viele Unrechtsfolgen der Vertreibung überwunden werden.

Die Autoren geben sich überzeugt: Ganz Europa hätte den Nutzen davon.

Der amerikanische Völkerrechtlicher und Historiker Professor Dr. Alfred-Maurice de Zayas hat mit diesem Buch jahrzehntelange Forschungen und menschenrechtliche Tätigkeit für die Vereinten Nationen in Genf in 80 Thesen gegossen.

Die Vertreibung der Deutschen stellt de Zayas in den weltweiten Kontext einer Situation, in der aktuell mehr als 60 Millionen Menschen von Flucht, Vertreibung und erzwungener Migration betroffen sind.

Er weist darauf hin, dass bereits seit Jahren die Vereinten Nationen das Recht auf die Heimat („right to one’s homeland“) als Menschenrecht vertreten – eine Entwicklung, zu der de Zayas durch zahlreiche Veröffentlichungen und seine Arbeit als hochrangiger UNO-Experte beigetragen hat, die aber ausgerechnet in Deutschland nicht allzu viel beachtet wurde.

Das Buch schließt an eine Broschüre aus dem Jahr 2008 an, die „50 Thesen zur Vertreibung“, die im selben Verlag erschienen, aber seit kurzem vergriffen sind.

Die „80 Thesen“ sind freilich ein komplett neues, im Umfang mehr als verdreifachtes Werk, das die einschlägigen politischen und völkerrechtlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre berücksichtigt.

Viele der Thesen sind verglichen mit der Fassung von 2008 noch genauer begründet, noch differenzierter formuliert und noch breiter in den geistesgeschichtlichen Kontext Europas eingebettet. Zu den Neuerungen gehört, dass der alte und aktuelle Verleger Konrad Badenheuer als Co-Autor beteiligt ist.

Der Berliner Publizist mit Insiderkenntnissen der Vertriebenenverbände geht der Frage nach, wie die massive Verdrängung deutscher Schicksale bei der Auseinandersetzung mit dem Megathema Vertreibung überhaupt zu erklären ist.

Wie war es zum Beispiel möglich, dass Begriffe wie „Ostdeutschland“ oder „Ostbrandenburg“ einfach ihre Bedeutung ändern konnten und heute andere Regionen bezeichnen als früher? Was haben die deutschen Bundesregierungen und die Betroffenen selbst durch ihr Tun oder Lassen zu dieser gewiss fatalen Entwicklung beigetragen?

Der Autor unterzieht die Arbeit der Landsmannschaften einer differenzierten, aber in einigen Punkten drastischen Kritik. Wissenschaftliches Neuland erschließt seine Untersuchung der Frage, wie viele Ost- und Sudetendeutsche erst nach ihrer eigentlichen Vertreibung an deren Folgen ums Leben gekommen sind – insbesondere durch hungerbedingte Krankheiten und mangelnde medizinische Versorgung.

Im genauen Vergleich mehrerer bereits vorhandenen Veröffentlichungen aus verschiedenen Herkunfts- und Aufnahmegebieten quantifiziert Badenheuer diesen Verlust auf knapp 3,5 Prozent der Betroffenen oder etwa 410.000 Personen. Die bisherige Forschung hat dieses Thema weitgehend ignoriert.

Das Buch dokumentiert schließlich bedeutsame Entschließungen des Bundestages und des Europäischen Parlaments sowie wegweisende Erklärungen der Vereinten Nationen zur Wiedergutmachung von Vertreibungen. Alle diese Dokumente stammen aus den 1990 Jahren, sind also vergleichsweise jung.

In Faksimile wird das Telegramm eines britischen Diplomaten vom 1. August 1945 wiedergegeben und analysiert, es eröffnet neue Einsichten über die Erwartungen und das Kalkül der damaligen britischen Regierung hinsichtlich der Vertreibung. Landkarten und Fotos runden den Dokumentationsteil ab.

Buch-Daten: Alfred de Zayas/Konrad Badenheuer: „80 Thesen zur Vertreibung – Aufarbeiten statt verdrängen“, Taschenbuch, 184 S., Verlag Inspiration Un Ltd., London/Berlin 2019, ISBN 978-3-945127-292, Preis 14,90 €

Das faktenstarke Buch kann für 14,90 € bei uns oder direkt beim Verlag bestellt werden: http://www.verlag-inspiration.de/home.html


Fairer Umgang mit „rechtem Christentum“

Besprechung von Thomas May

Buch-Daten: Felix Dirsch, Volker Münz, Thomas Wawerka (Hrsg.): Rechtes Christentum? Der Glaube im Spannungsfeld von nationaler Identität, Populismus und Humanitätsgedanken. – Ares Verlag, Graz 2018, 256 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-99081-004-0. – 19,90 €

Der Sammelband mit 11 Einzelbeiträgen von­ Theologen, Philosophen, Politikwissenschaftlern, Historikern und Publizisten unternimmt den Versuch, das Spektrum der politischen Rechten unter dem Aspekt der Christlichkeit zu erfassen und Legitimität, ja Folgerichtigkeit einer reflektierten Verbindung beider darzulegen.

Die Hauptkonfliktlinie verläuft dabei zwischen dem als „böse“ stigmatisierten „rechten“ Christentum bzw. Rechtskatholizismus (diffamierend auch mit „rechtsradikal“ oder „rechtsextrem[istisch]“ etikettiert) im Gegensatz zum „guten“ linken säkularisiert-universalisierten Humanitarismus, der im Zuge der Merkelschen „Flüchtlingspolitik“ für alternativlos erklärt wurde.

In der kontroversen Gemengelage ist es einigen Autoren ein unverzichtbares Anliegen, die weitgehend obsolet gewordenen, sperrigen Konzepte der (deutschen) Nation und des Vaterlandes christlich authentisch und kompatibel einzubringen.

Typologie des Rechtskatholizismus

Der katholische Theologe und Politologe Felix Dirsch entwirft in seinem Beitrag (S. 17–51) in Gegenüberstellung zu „links“ eine Typologie des „Rechten“ im Sinne des Rechtskonservativen und ermittelt anschließend die ihm innewohnenden katholischen Grundsätze und Modi.

Als erste Kategorie firmiert das Realitäts- und Erhaltungsprinzip (versus progressives Lust- und Gütervermehrungsprinzip), das vor allem im naturrechtlichen Denken sowie anknüpfend an Thomas von Aquin in der solidaristischen Doktrin der katholischen Soziallehre seinen Niederschlag findet. Die Gewährleistung des Gemeinwohls ist heute allerdings im Gefolge der Migrations- und Asylkrise durch staatlichen Kontrollverlust und soziale Distension gefährdet.

Bei dem als Zweites genannten Ordnungsprinzip (versus Auflösung) lassen sich die katholischen Linien bis Augustinus und den Aquinaten, der das Verhältnis von Gott und Mensch in einem lebendigen Bezugsrahmen darstellt, zurückverfolgen.

Die biblisch grundgelegte, dogmatisch zentrale Schöpfungsordnung erweist sich als Bastion gegenüber dem postmodern entgrenzten Linksliberalismus, der die binäre Geschlechterordnung aufsprengt und den Menschen über seine biologischen Vorgaben hinaus zum Schöpfer des eigenen Geschlechts ermächtigen will.

Offenkundig ist schließlich auch die Verbindung zwischen tendenziell pessimistischem Menschenbild (versus utopistisch-optimistisches, „gutmenschliches“) und der katholischen Lehre vom „peccatum originale“ (Ur-Sündenlehre), der wegen der geschwächten, dem Irrtum und dem Bösen zugeneigten Menschennatur ein hohes Maß an Realismus zu bescheinigen ist.

Die „rechten“ Prinzipien der ontologischen Ungleichheit (versus Gleichheit), die etwa der hierarchische Aufbau der katholischen Kirche abbildet, und der relativen Homogenität (versus individualistische Freiheitsüberhöhung) führt Dirsch nicht näher aus. 

Im Folgenden skizziert der Autor geschichtliche Ausgestaltungen des Rechtskatholizismus von der Französischen Revolution (Joseph de Maistre) bis ins 20. Jahrhundert (Carl Schmitt, Othmar Spann).

Unter veränderten Bedingungen kommt ihm in der Gegenwart durch die Vielfalt der Auflösung von staatlichen, gesellschaftlichen, sozialen, familiären und kirchlichen Ordnungen zuerst eine stabilisierende Funktion zu, etwa gegenüber dem von Linksintellektuellen propagierten individuellen Hedonismus und egalitären Menschheitskult, der die Willensträgerschaft des Volkes untergräbt.

Auch sind angesichts der Massenimmigration mit Bezug auf die katholische Soziallehre die Eintrittspflicht des Staates für das Gemeinwohl und für den Schutz des Eigenen entschieden einzufordern. Den Exponenten des patriotisch verwurzelten Rechtskatholizismus vor allem obliegt es, der Selbstdegradierung der Kirche zu einer globalen NGO mit dem Papst an der Spitze entgegenzutreten und ein organisch gewachsenes Europa kulturell verbundener Staaten zu fördern.

Entwicklung des konservativen Protestantismus nach 1945

Für die protestantische Seite geht der Theologe, Philosoph und Hochschullehrer Harald Seubert konservativen Strömungen ab 1945 nach (S. 52–74). Dem Geist der Bekennenden Kirche verpflichtete Theologen wie Helmut Thielicke und Walter Künneth konnten noch für zwei bis drei Jahrzehnte eine rege Wirksamkeit entfalten, ebenso der in der EKD einflussreiche Pastor und Publizist Alexander Evertz, der die Politisierung des Glaubens und die Nationvergessenheit der Linksprotestanten geißelte. 

Das Epochenjahr 1968 mit dem befreiungstheologischen „Politischen Nachtgebet“ Dorothee Sölles beim Essener Katholikentag markiert eine Zäsur und die Differenz der in der Folgezeit auseinanderdriftenden Allianz neomarxistischer und historisch-kritischer Kräfte einerseits und des theologisch und politisch konservativen evangelisch-lutherischen Lagers anderseits, das dramatisch an Einfluss einbüßte, obwohl es an institutionellen Gegeninitiativen wie der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ (Pfarrer Tegtmeyer), der „Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland“ (Bernt von Heiseler) oder der „Konferenz Bekennender Gemeinschaften“ (Peter Beyerhaus) nicht fehlte.

Als eine der bedeutendsten Stimmen des von der Reformation geprägten Konservatismus wirkte der Philosoph Günter Rohrmoser als Hochschullehrer, Publizist und Politikberater (Franz Joseph Strauß, Hans Filbinger) bis in die 1990er Jahre. Aus seiner Sicht musste die lutherische Zwei-Reiche-Lehre zwar tiefstes Ethos sein, durfte aber niemals direkte politische Rezeptur werden.

Evangelische Kirche in Augsburg

Auch dank der Zeitschrift „ideaSpektrum“ ist heute der Dachverband der stark evangelikal ausgerichteten „Evangelischen Allianz“ der mächtigste Widerpart des in der EKD und an den Universitäten etablierten linken Kulturprotestantismus, der seit den 1970er Jahren seinen Siegeszug über die Kirchentage angetreten hat und seither das Bild der Öffentlichkeit prägt.

Ihn bestimmen ein im Namen allgemeiner moderner Religiosität entwertetes, zum Teil eliminiertes Verständnis der Heiligen Schrift, ein vom „gefallenen“ Menschen abgerücktes, evolutionistisch-optimistisches Menschenbild sowie die Umdeutung der christlichen Liebesbotschaft in eine sozial-emanzipatorische, ökologische, humanitaristische Agenda.

Seubert rundet seinen Essay mit zwei alternativen Zukunftsszenarien ab. Das erste wäre, dass ein der Tradition verbundener, theologisch und geistlich erneuerter, von evangelikalen und klassisch evangelischen Kräften getragener Protestantismus wieder mehr Raum und Einfluss in Theologie und Kirche gewinnt; ihm fiele auch der schwierige Spagat zu, einerseits der Liebe zu Deutschland als Kultur- und Heimatraum (Patriotismus) Daseinsrecht zuzuerkennen, anderseits jenen Teil der Rechten zurückzuweisen, welcher den Glauben funktionalisiert und das „christliche Abendland“ nur als Kampfparole missbraucht.

Für wahrscheinlicher hält es Seubert jedoch, dass die neue politische Theologie des Protestantismus, die den christlichen Glauben auf Moralismus und Gefühl reduziert, die evangelische Kirche verstärkt zu einer rotgrünen Agitationseinrichtung umformen wird.

Populismus und Christentum im Zeichen des Globalismus

Der Journalist und Buchautor Martin Lichtmesz(S. 90–116) begreift den „(Rechts-)Populismus“ als Kampfbegriff der säkularen Polit-Religion des „humanitären Universalismus“ (Rolf Peter Sieferle) oder „Globalismus“, der sich geistesgeschichtlich aus liberaler „Religion“ der Menschenrechte und linkem Kulturmarxismus herleitet, zur Feindbestimmung all derer, die in Rückbesinnung auf urdemokratische Impulse Repräsentation, Partizipation und Bewahrung der Eigenen von der politisch-medialen Machtelite einfordern.  

Populisten, die sich als Demokraten und Europäer sehen, halten an der Basis der Nation fest, deren Volk durch Sprache, Abstammung, Geschichte und Kultur verbunden ist – im Gegensatz zu „Brüssel“, das die einst christdemokratische EU unter Berufung auf „Menschenrechte“ und „liberale Demokratie“ in Richtung Immigration („Migrationspakt“), Multikulturalisierung, Islamisierung und „Diversity“ steuert und die Nationalstaaten entmachtet.

Diese Politik erzwingt nach dem katholischen Theologen Martin Schelkshorn eine ideologische Synthese zwischen Christentum und Globalismus; wer sie ablehnt, verstößt gegen den „Geist der Demokratie“, die „Menschenrechte“, die „christlichen Werte“. Umgekehrt wäre eine ideologische Synthese zwischen Christentum und neorechter Ideologie „eine Pervertierung christlicher Moral“. Schelkshorns Sicht wird im Grundsatz von hohen Repräsentanten beider Kirchen geteilt, die sich dem Druck der Globalisten beugen zu müssen glauben, um gesellschaftlich relevant zu bleiben.

Lichtmesz erweist die Unrichtigkeit der schematischen Zuordnung.

Nicht nur Papst Benedikt XV. verwarf im Motuproprio „Bonum sane“ (1920) die Ideologie der „Einen Welt“, die mit einer „noch nie dagewesenen Schreckensherrschaft verbunden“ sei, auch Johannes Paul II. erinnerte in seinem Rundschreiben „Dilecti Amici“ (1985) die Jugend der Völker an ihre vaterländische Verantwortung, die die Pflicht, Volk, Stamm oder Nation zu erhalten, einschließt.

Die Weigerung der ungarischen Bischöfe, ihr Land den Angehörigen einer fremden, häretischen Religion zu öffnen, beruht auf dieser jahrhundertealten Tradition. Anhand der neuen, 2012 unter Viktor Orbán in Kraft getretenen ungarischen Verfassung fokussiert Lichtmesz auf die Korrektur der fatalen Fehlentwicklung: An erster Stelle stehen hier die nationale Identität und Besonderheit, über den Menschenrechten und über liberalen Prinzipien; die Rolle des Christentums wird explizit gewürdigt.

So ist einer Überdehnung der Menschenrechte (wie in den „pluralen“ Demokratien Westeuropas) zulasten der autochthonen Bevölkerung ein Riegel vorgeschoben.

Auf der Basis ethnokultureller Homogenität, unter Einbettung ethnischer Minderheiten in die ungarische „Leitkultur“ und in Übereinstimmung mit dem Solidaritätsprinzip der katholischen Soziallehre kann die Lehre von den „Pflichtenkreisen“ greifen, die bei Thomas von Aquin in den Prioritätenfolge Gott – Eltern (Blutsverwandte) – Vaterland (Freunde, Mitbürger) ausformuliert ist: praktische Nächsten-Liebe vor Fernsten-Liebe. Nur von hier aus ist eine Ausweitung moralischer Verantwortung auf die gesamte Menschheit möglich. Dieser globalen Erweiterungsebene trägt auch Ungarns neue Verfassung Rechnung.

Christentum und Rechtskonservatismus aus theologischer Sicht

Der ostdeutsche evangelische Pfarrer a. D. Thomas Wawerka (S. 173–189) betont die Priorität des Glaubens (Christ sein) gegenüber der konkreten politischen Willensbekundung (rechts sein) – Jesus Christus selbst scheidet beide Sphären voneinander (Mk 10,42–45; auch Mk 12,17; Joh 18,36).

Gemäß der „Ethik“ Dietrich Bonhoeffers sei das Politische zwar als ein Zuständigkeitsbereich in der Welt anzuerkennen, es ist aber nicht der einzige oder absolute; vielmehr gelten auch „Schöpfungsordnungen“ oder „Mandate Gottes“, die dem Zugriff des Politischen entzogen sind.

Als Beispiele nennt der Autor die Familie als Verbindung von Mann und Frau sowie das Volk. Demnach hat christliche Ethik die Einführung der „Ehe für alle“ ebenso als Anmaßung des Politischen zurückzuweisen wie den Umbau der gottgewollten Völker zu multikulturellen Gesellschaften.

Im Anschluss an den Soziologen Theodor Geiger (1891–1952) verwirft Wawerka eine wertefixierte Politik, da sie zwangsläufig zum (linken) totalitären Missionieren führt, das die (rechte) Gegenseite als Feind disqualifiziert und ausgrenzt.

An der Verschmelzung des Politischen mit dem Moralischen seien schon Familien, Freundschaften und Arbeitsverhältnisse zerbrochen. Absolute Werte gebe es in der christlichen Ethik jedoch nicht; Werte sind dem Herrn Jesus Christus untergeordnet, in der Vielfalt relational: dem Vaterland verpflichtet und universal, dem Frieden verpflichtet und wehrhaft. Stattdessen ist eine Politik der Interessen und des Interessensausgleichs zu praktizieren.

Wawerka verlangt eine Wende von der wertepolitischen zur ordnungspolitischen Ethik, zur Rekonstruktion der Ordnungen. Da deren Befürworter und Verteidiger eher unter dem Etikett „rechts“ auftreten, ergeben sich hier in der Tat Schnittmengen mit dem Christentum.

Umsetzung und Widerstand: AfD und IB

Volker Münz, kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, referiert die Bedeutung der Vereinigung „Christen in der AfD“ für seine Partei (S. 160–172). Seit deren Gründung (2013) suchen sich hier Christen aller Konfessionen im Gebet gegenseitig zu stärken.

Trotz seiner nur rund 500 Mitglieder ist der Einfluss der ChrAfD in die Partei hinein (ca. 30.000 Mitglieder, davon etwa 60 Prozent Christen) immens und äußert sich vor allem in der Mitgestaltung des Parteiprogramms nach christlich-konservativen Vorstellungen. Sie haben im Bekenntnis zum Schutz des ungeborenen Lebens, zur Bewahrung der traditionellen Ehe und Familie und in der Ablehnung der unchristlichen Genderideologie Eingang gefunden.

Ferner bekennt sich die AfD zur christlich-abendländischen Kultur und zum jüdisch-christlichen Menschenbild. Der Utopie der multikulturellen Gesellschaft begegnet sie mit dem Konzept der europäischen Leitkultur (nach dem Politikwissenschaftler Bassam Tibi), unter deren Fittichen der Nationalstaat des deutschen Volkes erhalten bleiben soll.

Obwohl die AfD mehr als alle anderen Parteien für eine Politik aus christlichem Ethos stehe, erfährt sie scharfe Ablehnung von meist „fortschrittlichen“ Vertretern der Amtskirchen. Während pauschal die Vorwürfe Populismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Hassrede erhoben werden, fehlt eine kirchliche Würdigung der dezidiert christlichen Positionen der Partei, zu denen Grüne und Linke, aber auch Sozial- und Christdemokraten nicht selten in Widerspruch stehen, wie etwa 2017 bei der Einführung der „Ehe für alle“ oder jüngst bei der gesetzlichen Aufweichung des Werbeverbots für Abtreibungen (§ 219a StGB).

Einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen unter Berufung auf ein universalistisch überspanntes Ethos der Nächstenliebe infolge einer sachwidrigen (theologischen) Vermengung von Individual- und Sozialethik stellt die AfD das Postulat eines auf Recht und Gesetz basierenden verantwortungsethischen Handelns entgegen, für das sie sich auf den Aquinaten und die unverkürzte katholische Soziallehre berufen kann. Ob sich Bischöfe manchmal durch „fundamentalistische“ Rechte unangenehm an das Depositum Fidei erinnert fühlen?

Mit Gegenwind hat die AfD auch vor dem Hintergrund ihrer angezweifelten Verfassungsmäßigkeit zu rechnen. Das berührt die Tätigkeit der nach den Landesschulgesetzen zu politischer Neutralität verpflichteten Lehrer. Dieser Thematik widmet sich der Zeithistoriker und Publizist Stefan Winckler (S. 75–89).

Anhand einer sachsen-anhaltinischen Schule zeigt er auf, wie Lehrkräfte, die 2017 ein „Zeichen gegen Rassismus und Intoleranz“ setzen wollten, Schüler gegen die AfD als Gesamtpartei zu indoktrinieren versuchten: irregulär, weil diesen – „überwältigt“ – keine Chance gegeben wurde, sich durch Pro-und-kontra-Diskussion ein eigenes Urteil zu bilden. 

Der Beitrag zweier Mädchen auf „journalistenwatch“, nach dem AfD-nahe Mitschüler von Lehrerseite beleidigt und bedroht wurden, wird als weiteres Beispiel unerlaubter Meinungslenkung zitiert. Lehrer wegen AfD-Mitgliedschaft mit Disziplinarmaßnahmen zu belegen, hält Winckler für ungerechtfertigt, sofern sie sich im Unterricht nicht parteiisch oder verfassungsfeindlich äußern. Hingegen sollten sie kriminelle Antifa-Aktionen gegen AfD-Politiker, deren Kundgebungen und Wahlkampfstände erörtern dürfen.

Der in den Medien zum Teil hysterisch angefeindeten Identitären Bewegung (IB) gilt der Beitrag der promovierten Philosophin und Aktivistin Caroline Sommerfeld(S. 190–203).

Die Gruppierung französischen Ursprungs wurde von dem Studenten Martin Sellner und einer kleinen Schar 2012 in Österreich und 2014 in Deutschland gegründet. Der siegreichen Schlacht des christlichen Heeres über die Türken am Kahlenberg vor Wien (1683) eingedenk, vertritt sie die Grundidee, dass Völker ein Recht auf Heimat und ethnokulturelle Identität haben. Infolge des Kampfes gegen Islamisierung und Globalismus ist die IB ins Visier des Verfassungsschutzes geraten.

Über Herkunftsidentität und Kulturchristentum hinaus beharrt die politische Jugendbewegung, die 2017 mit ihrer Aktion „Defend Europe“ zur Beobachtung von Schleusern im Mittelmeer aufhorchen ließ, auf dessen „Gründungsmythos“, auf den historischen Großerzählungen von seiner Abwehr des äußeren Feindes.

Daraus resultiert das Verständnis eines wehrhaften Christentums in der Tradition der milites christiani. Zuinnerst speist sich ihre „Identität“ aus der Heideggerschen „Existierkunst“, durch die der Einzelne in seinen historischen Handlungsauftrag gestellt ist.

Mit Bezug auf Carl Schmitt unterscheidet Sommerfeld zwischen privatem Feind (inimicus) und politischem Feind (hostis).

Der Verzicht auf individuelle Gewalt, wozu sich die IB „metapolitisch“ kämpfend bekennt, widerspricht nicht der Verteidigung Europas gegen den Islam als hostis. Die Widerstandskraft des Christentums sieht die Autorin durch den unterwürfigen nachkonziliaren christlich-muslimischen Dialog mit der dekretierten gemeinsamen Anbetung des „einen Gottes“ (Lumen gentium 16) und die Umdeutung des Liebesbegriffs geschwächt.

Das Ringen mit dem Problem der Wehrhaftigkeit wird für die IB in der Praxis wohl eine Herausforderung bleiben.

Anleihen für einen fairen Diskurs auf Augenhöhe

Ausgehend von den Folgen der „Grenzöffnung“ 2015 sucht der evangelische Pfarrer Lothar Mack (S. 204–229) die Themen „christlicher Glaube“ und „positives Nationalbewusstsein“, deren Gewissheit nach dem Zweiten Weltkrieg fragwürdig geworden war, für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Mittels theologisch-politischer Anleihen bei Autoren wie Helmut Thielicke, Hermann Rauschning oder Walter Bargatzky strebt er eine „Horizontverschmelzung“ an, aus der die Heutigen von den tastenden Antworten der Damaligen lernen können.

Deren radikale Offenheit fernab politischer Korrektheit und kirchlichen Moralisierens repräsentiert vorbildlich eine Gesprächskultur auf Augenhöhe mit dem Anderen, von welcher heute Regierende, Kirchenleitungen und ihre gesinnungsethischen Vasallen in den Medien meilenweit entfernt sind. Diese rote „Diskurshoheit“, die sich unreflektiert in eine rotbraune wandelt und das Gegenüber zum Feind verzerrt, bezeichnet Mack als „moralischen Rassismus“.

Das Bemühen, Christsein und Liebe zum Vaterland neu und tragfähig miteinander zu verbinden, ist beispielhaft in dem von dem protestantischen Adeligen Werner von Trott zu Solz herausgegebenen Sammelband „Der Untergang des Vaterlandes“ (1965) dokumentiert.

In der von ihm initiierten „Gesellschaft Imshausen“, „eine politische Gruppe 47“ („Die Zeit“), trafen sich Sozialdemokraten, Christen und Kommunisten zum vorurteilslosen, parteiübergreifenden Meinungsstreit über alle gesellschaftspolitischen Fragen. Das Programm der Gesellschaft bietet gerade heute eine Anleitung zu freiem gemeinschaftlichen Denken und Handeln angesichts existenzieller Krisen.

Zur Zukunft von Christentum und Islam

Der belgische Althistoriker David Engels (S. 145–159) versucht anhand des Vergleichs mit früheren Epochen der römischen, persischen, arabischen, chinesischen und japanischen Geschichte eine Einschätzung der Zukunftsaussichten von Christentum und Islam in Europa.

Er konstatiert eine zweifache Kluft zwischen Islam und Abendland einerseits und zwischen Liberalismus und Konservatismus anderseits, die sich beide auf „europäische Werte“ berufen (humanistisch versus christlich).

Unbestritten ist der „alte“ Kontinent von Ermüdungserscheinungen gezeichnet, wobei die neue politische Formation der EU keine Überwindung, sondern ein Symptom der Schwäche darstellt. Kurioserweise machen sich ausgerechnet linke und grüne Befürworter der Säkularisierung und Entchristianisierung der Gesellschaft zu Förderern der zunehmenden Islamisierung.

Engels prognostiziert für die nächsten 20 Jahre – von Unruhen, wirtschaftlichem Abstieg und staatlichem Kontrollverlust erschüttert – eine wachsende muslimische Prägung Europas, die sich mittelfristig (die nächsten 50 Jahre) durch den Einfluss von Demographie und Konversion hochrangiger Politiker zum Islam (aus Kalkül oder Überzeugung) verschärft und erst langfristig (während der nächsten 100 Jahre) religiösen Ausgleichserscheinungen weichen wird.

Die Frage des Ab- oder gar Aussterbens des Christentums in Europa sieht der Autor offen. Gute Überlebenschancen räumt er einer reformierten Kirche ein, die sich einerseits kulturell und in der Glaubenswelt auf ihre abendländischen Wurzeln besinnt und anderseits durch Zurückdrängen des Laizismus eine Generation offen zu ihren christlichen Überzeugungen stehender Politiker etabliert. Hier kommen (rechts)konservative und junge traditionalistische Kräfte als Schrittmacher ins Spiel.

Christentum zwischen Universalismus und Partikularismus

Der studierte Philosoph, Germanist und Blogger Daniel Zöllner (S. 230–247) hinterfragt die Rechtfertigung der „Grenzöffnung“ 2015 durch Angela Merkel mit dem Argument der „christlichen Vorstellung der Gotteskindschaft jedes Menschen, aus der die unverletzliche Würde jedes Einzelnen resultiert“.

Falsch daran ist – nebenbei bemerkt – jedenfalls der Begriff: „Gotteskindschaft“ kommt definitionsgemäß nur getauften Christen (nicht Muslimen) zu; „Gottebenbildlichkeit“ wäre korrekt. Im Diskurs prallen die Positionen der universalistischen (pro Grenzöffnung), gesinnungsethischen „Kosmopoliten“ und der partikularistischen (kontra Grenzöffnung), verantwortungsethischen „Kommunitaristen“ in einem „clash of morals“ unversöhnlich aufeinander.

Wider den von Bischöfen erweckten Eindruck, als Christ müsse man sich zum Universalismus bekennen und partikulare, nationale Interessen (bis zur Selbstaufgabe) hintanstellen, deckt Zöllner die geschichtliche Unhaltbarkeit der Position auf:

Dem durch den Völkerapostel Paulus gepredigten Universalismus des Glaubens widerstreitet die stets partikularistische politische Macht. Im Einklang mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre und Max Webers Essay „Politik als Beruf“ hält der Autor fest, dass Politik nicht religiös und Religion nicht politisch werden sollte; Politiker, die sich nicht „die Hände schmutzig machen“ wollen und weigern, Übel mit Machtmitteln einzuhegen, werden schuldig.  

Genau dies ist aber erforderlich, wenn die Immigration von Muslimen, deren Religion sich als umfassend geltende, alle Bereiche durchdringende Lebensordnung versteht, die pluralistische Gesellschaft bedroht.

Im Weltbild linker Universalisten nimmt der Migrant fatalerweise die Rolle des absolut unschuldigen Opfers ein; durch Identifizierung mit ihm brandmarken sie von der Warte pharisäerhafter Gutmenschen aus jeden Kritiker als „Fremdenfeind“, „Rassisten“ oder „Nazi“.

Infolge der Gefährdung von Rechts-, Sozialstaat und Demokratie sowie der Vergeudung finanzieller Ressourcen wertet Zöllner die „Flüchtlingspolitik“ der Kanzlerin mit dem Rechtsphilosophen Reinhard Merkel als „moralisches Desaster“. Sie krankt an einem entstellten Christentum, seiner zivilreligiösen Schwundform.

Das vorletzte Wort des (rechten) Christen muss – realistisch in Anerkenntnis des kreatürlichen Unvermögens des Menschen, eine vollkommene irdische Welt zu schaffen – dem Partikularismus gehören; sein letztes Wort wird – Gottes Neuschöpfung des himmlischen Jerusalems erwartend, zu dem die Völker unterwegs sind – universalistisch sein.

Gesamtbewertung des Buches

Die durchwegs soliden Beiträge des Sammelbands zeichnen sich durch hohe Informationsdichte und ein geistig ansprechendes, teilweise anspruchsvolles Niveau aus, das sich sprachlich auch in Form von längeren hypotaktischen Sätzen manifestiert.   

Statt eines geschlossenen Konzepts bieten sie dem Leser „Bausteine“ mit thematischen Schwerpunkten zur Bildung und Reflexion einer biblisch fundierten, durch die christliche Tradition gestützten, rechten oder konservativen Position. Deren Unverzichtbarkeit im heutigen Diskurs steht außer Frage.

Die Autoren bewegen sich im verfassungskonformen Rahmen; eine Nähe zu Gedankengut des sogenannten „Flügels“ um den AfD-Politiker Björn Höcke klingt nirgends an. Es gibt eine Grenze gegenüber rechtlich dubiosen oder gesetzeswidrigen Auswüchsen der rechten Szene. Seubert hat sie in seinem Buch „Der Frühling des Missvergnügens“ (2018) noch schärfer gezogen.

Die Auswahl der Autoren hat protestantische Schlagseite, was in der theologischen Argumentation (Zwei-Reiche-Lehre) stark widerhallt. Demgegenüber wäre ein alternativer oder ergänzender Beitrag seitens eines katholischen Sozialethikers wie Professor Wolfgang Ockenfels und der Piusbruderschaft (FSSPX) wünschenswert gewesen, wie schon andernorts zu Recht vermerkt wurde (vgl. „Sezession“ Nr. 87).

Als ein Plus hätte man sicher auch einen Essay des Romanciers Martin Mosebach oder des Journalisten Alexander Kissler verbucht, der das Wagnis einer Verknüpfung von Konservatismus und Moderne unternommen hat.

Anderseits bietet der nur um wenige Zeilen erweiterte (bzw. gekürzte) Auszug aus dem 2011 erschienenen Buch „Das katholische Abenteuer“ von Matthias Matussek (S. 117–144) kaum Erkenntniszuwachs, obschon die Ausgrenzung des einst gefeierten „Spiegel“- und „Welt“-Journalisten die antikatholische Verschiebung in der deutschen Medienlandschaft exemplarisch erhellt, wodurch sein mutiges persönliches Glaubenszeugnis sowie seine Bedeutung für das rechtskonservative Lager noch an Gewicht gewinnen.

Die detaillierten Literaturangaben am Ende der meisten Beiträge regen zur vertiefenden Lektüre an. Ein Personenregister für den raschen gezielten Zugriff fehlt leider.

Unser Autor Thomas May aus Sendenhorst (Münsterland) ist Religionspädagoge und Publizist

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift „Theologisches“, Nr. 7/8 2019, S. 403–412.