Engagiertes Plädoyer für die Mundkommunion

Rezension von Thomas May

Buchdaten: Wilhelm Schallinger. Das Lamm in Menschenhand. Geleitwort: Bischof Dr. Athanasius Schnei­der. – Patrimonium Verlag 2016, 2. Auflage 2017, 135 Seiten, kartoniert, ISBN-10: 3864170699 / ISBN-13: 978-3864170690. – 14,80 €

Das jetzt in 2. Auflage erschienene, 135 Seiten „starke“ Buch mit dem doppelsinnigen Titel „Das Lamm in Menschenhand“ des 1941 im ober­bayerischen Traunstein geborenen Priesters Wilhelm Schallinger ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine kostbare Rarität auf dem katholischen Büchermarkt.

Thema ist die historisch be­deutsame Zulassung der Handkommunion in Deutschland durch Papst Paul VI. ab dem Jahr 1969, die nicht nur aus Sicht des Autors erheblich zum Schwund des katholischen Glaubens und zum anhaltenden Niedergang der katholischen Kirche beigetragen hat. Kaplan Schallinger positioniert sich bereits früh, im Herbst 1974, in einem persönlichen Ge­wissensentscheid gegen die Handkommunion, die er – selbst unter massivem Gegen­druck seitens der kirchli­chen Oberen und einzelner Gläubiger – bis auf den heutigen Tag nicht mehr austeilen wird.

Gründe gegen die Handkommunion

Schallinger präsentiert die Gründe für seinen ablehnenden Gewissensentscheid einleuchtend und nach­vollziehbar. Die Handkommunion hat „zu einer verheerenden Ehrfurchts- und Glaubenslosigkeit hin­sichtlich der realen Gegenwart des Herrn in der Eucharistie geführt“ (S. 24); ihre illegale Einführung in Holland zuvor ging „bereits mit der offenen Leugnung der wirklichen Gegenwart Jesu in der Eucharis­tie“ (S. 25) einher.

Demzu­folge kann die Handkommunion beiderlei sein: Folgeerscheinung eines schon vorhandenen Unglaubens wie auch Ursache des nachfolgenden, oft unmerklich schleichenden Verlustes der Ehrfurcht und des Glaubens. Der Autor verweist auf den mit der Handkommunion erst ermöglich­ten, unbestreitbaren massenhaften Hostienfre­vel einschließlich Hostienraub, der im Fall eines ungläubi­gen Kommunikaten, der sich bei einer Papstmesse in Rom die Hostie in die Hand hatte geben lassen und sie später zur Versteigerung im Internet anbot, weltweites Aufsehen erregte (vgl. S. 112).

Auch aus seiner seelsorglichen Praxis als Kaplan weiß Schallinger Beispiele des missbräuchlichen Um­gangs mit dem Leib Christi zu nennen, wobei keineswegs immer böse Absicht im Spiel ist, sondern auch Unbedarft­heit, Gedankenlosigkeit oder Ungeschicklichkeit zugrunde liegen kann: „…Das Böse liegt … in der fortdau­ernden Fahrlässigkeit, daß der am Boden zertreten werden kann, der nach der kla­ren Lehre der Kirche auch im kleinsten Partikel anwesend ist, ‚mit Leib und Blut, mit seiner Seele und seiner Gottheit‘ (Konzil v. Trient)“ (S. 27 f.). 

Die Abwärtslinie setzt sich fort in der verderblichen Um­deutung des realen Leibes Christi zum (heili­gen) Brot, das – wie der Geistliche aus Gesprächen vor al­lem mit Jugendlichen erfährt – „nur [noch als] ein an Jesus erinnerndes Zeichen der Einheit im Gottes­volk“ (S. 25) verstanden wird, oder noch eine Spur „entkern­ter“: „Die Hostie in der Hand als Symbol der Weltverbrüderung“ (S. 109). Hier ist das Zerstörungsprogramm der Freimaurerloge, wie es 1968 in der Pariser Zeitschrift „L’Humanisme“ bzw. 1976 in der französischen Zeitschrift „Vers demain“ fixiert worden war, an sein Ziel gekommen (S. 26f.).

Aufgrund dieses negativen Befundes und seiner persönlichen Erfahrungen kommt Schallinger zu dem Schluss: Die Frage der Handkommunion ist nicht eine Frage der Form, sondern eine Frage des Glau­bens. Fol­gerichtig fordert er die Rückkehr zur ehrfürchtigen knienden Mundkommunion (während heute manche genau umgekehrt die Mundkommunion für nicht mehr zeitgemäß halten).

Bei aller Würdigung der Argumente des Autors erscheint der folgende Einwand angebracht:

Die Fülle des „be­lastenden Materials“ gegen die Praxis der Hand­kommunion ist so überwältigend, dass es schon deshalb nicht er­forderlich gewesen wäre, zum zusätzlichen „Be­weis“ der Verunehrung des Allerheiligst­en „Privatoffenba­rungen“ geltend zu machen, welche von der Kir­che nicht aner­kannt sind (Pierina Gilli, Franziska Sen­ninger, Prof. Albert Drexel, Marguerite in Belgien; vgl. den Abschnitt „Stimmen des Him­mels in der Wüste“, vgl. S. 33–36).

Für Schallinger persönlich mögen Visionen oder Einsprechungen von aus seiner Sicht begnadeten Perso­nen eine wichtige Bestätigung und Bestärkung seines „Son­derweges“ gewe­sen sein; andererseits büßt seine Veröffentlichung da­durch vom Standpunkt der katholischen Glau­benslehre aus an Seriosität und Nüchternheit ein.

Theologisch unzureichend gebildete oder für Schwär­merei anfällige Leser, die sich auf diesen Punkt ka­prizieren, könnten sich bestätigt fühlen und somit durch umstrittene Privatoffenbarungen spirituell leicht in ein irreführendes Fahrwasser geraten. Aller­dings nehmen diese kritikwürdigen Passagen insgesamt kei­nen bestim­menden Platz in Schallingers Ge­samtargumentation ein.

Vorgeschichte der Handkommunion

Ein weiteres Verdienst des Autors ist es, dass er die heute nur noch wenig bekannte Vorgeschichte der Hand­kommunion, die näheren Umstände ihrer zunächst regional begrenzten Einführung, ihre kritische Bewertung durch hohe Repräsentanten der Kirche und schließlich ihren Siegeslauf zur Sprache bringt und mit Dokumen­ten belegt.

­Die Erlaubnis der Handkommunion musste Papst Paul VI. abgerungen werden. Die damaligen Kar­dinäle Juli­us Döpfner (München-Freising) und Lorenz Jäger (Paderborn) konnten trotz dreimaligen Vor­sprechens beim Heiligen Vater in dieser Frage ihn zunächst nicht zur Zustimmung bewegen (vgl. S. 38, FN 4).

Das Ergebnis der Umfrage an die Bischöfe der Weltkirche vom 12. März 1969, in welcher der Papst seine Sorge um „Ver­minderung der dem Heiligsten Sakrament schuldigen Ehrfurcht, ja Entwei­hung und Verfälschung der Glau­benslehre“ (zit. S. 26) zum Ausdruck brachte, war eindeutig: Eine über­wältigende Mehrheit von 1233 Bischö­fen (bei 56 Zustim­mungen und 315 Zustimmungen unter Vorbe­halt) lehnte die Einführung der Handkommuni­on ab.

Dennoch gab der unter Druck gesetzte Papst schließlich nach und erlaubte im Juni 1969 die Handkom­munion in Deutschland (später in weiteren Ländern), die schon „vorwegnehmend“ praktiziert worden war, un­ter der Auf­lage, dass „jede Gefahr der Ehrfurchtslosigkeit gegenüber der Eucharistie vermie­den we­rde[..­.]“ (z­it. S.­ 25). ­

Dass d­iese Anforder­ung n­icht e­rfüllt­ wurde­, wie ­nicht ­nur Ka­plan S­challi­nger i­n sein­er seelsorgli­chen ­Praxis­ bald erfahr­en mus­ste, i­st der­ entsc­heiden­de Aus­löser ­für se­ine Ge­wissen­sentsc­hei­du­ng, di­e Hand­kommunion ni­cht me­hr aus­zuteil­en.­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­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Die Handkommunion nach ihrer Einführung

Hochinteressant sind in diesem Zusammenhang die vom Autor angeführten späteren Bewertungen hoher Wür­denträger, vor allem derer, welche die Einführung der Handkommunion ursprünglich befürwortet hatten. Kar­dinal Carmel Heenan von Westminster ordnet 1972 die Beendigung der Handkommunion für England an, nachdem er sich noch kurz zuvor für sie eingesetzt hatte (vgl. S. 28).

Vom Mainzer Bischof Hermann Volk, dem Vorgänger Kardinal Lehmanns auf dem Bischofsstuhl, ist der Satz überliefert: „Ich leide sehr darunter, dass ich zur Handkommunion meine Zustimmung gegeben habe“ (zit. S. 57).

Gera­dezu einen Offenbarungseid leistet der Münchner Kardinal Döpfner: „Der mit ihm befreundete Univer­sitätsprofessor Richard Egenter [ka­tholischer Moraltheologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München 1945–1968; T. M.] bezeugt seine Äußerung: ‚Zwei Jahre habe ich um die Handkommunion gekämpft. Ich würde es nicht mehr tun, weil ich die Folgen sehe. Aber nun weiß ich keinen Weg, das wieder rückgängig zu machen!’“ (zit. S. 38).

Ein fei­nes De­tail, das die grundsätzliche Frage nach der Ratlosigkeit und Verantwortung von Bischöfen aufwirft, die Irrwe­ge in ihrer Diözese oder in der Kirche durchaus erkannt haben mögen, aber keinen Weg zurück mehr wissen und sie weiter in den Abgrund treiben lassen.

Gegenläufige Entwicklung: Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

Im Weiteren macht Schallinger auf die gegensätzliche persönliche Entwicklung aufmerksam, welche die bei­den Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in der Frage der Handkommunion genommen ha­ben.

Der Pole ist nach seiner Wahl zum Pontifex zunächst Hoffnungsträger derjenigen Priester und Gläubigen, die sich eine Rücknahme der Handkommunion wünschen.

Bei seinen Apostolischen Reisen ignoriert er die Praxis der Handkommunion in Ländern, wo sie üblich geworden ist; der Frau des fran­zösischen Staatspräsidenten reicht er bei einer Messe in Notre-Dame im Mai 1980 trotz deren ausge­streckter Hände die Mundkommunion (vgl. S. 61); bei seinem Deutschlandbesuch im November 1980 wird in Köln und Osnabrück auf seine persönliche Ablehnung der Handkommunion zunächst Rücksicht genommen, doch in Mainz legt man ihn schlicht herein, indem er durch provokative Jugendliche gegen seine Überzeugung zur Spendung der Handkommunion genö­tigt wird (vgl. S. 62, 109) – der „Bann“ ist gebrochen.

In der Folge rückt Papst Johannes Paul II., der noch in sei­nem Gründonnerstagsbrief 1980 „Über das Geheimnis und die Verehrung der heiligsten Eucharistie“ ent­schieden gegen die Praxis der Handkommunion Stellung bezogen hatte (vgl. S. 48f.), auch verbal in relativie­renden Äußerungen da­von ab; damit entzieht er „Widerständlern aus Gewissensgründen“ wie Kaplan Schal­linger „jeglichen kirchenrechtlichen und moralischen Schutz“ (S. 110).

Gegenläufig ist die Entwicklung bei Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI.:

Während der Erzbischof von München und Freising den widerborstigen Jungpriester anfangs noch streng ins Gebet nimmt, sei­nen „Starr­sinn“, seine „Rechthaberei“ in Sachen Handkommunion tadelt (S. 43ff.) und den Einsatz sei­ner ungeteilten Arbeitskraft als Priester anmahnt, beginnt er langsam „zurückzurudern“, als der Unbeug­same mit Verweis auf den erwähnten Gründonnerstagsbrief des neuen Papstes frische Argumente für die erneute Bekräftigung seines ablehnenden Gewissensentscheids geltend machen kann.

Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Joseph Ratzinger dann seine ursprüngliche Befürwortung der Handkommuni­on revidiert. Sein kniender Mundkom­munionempfang in dieser Zeit ist durch P. Fidelis Stöckl O.R.C. bezeugt (vgl. S. 115).

Mit seinem Motupro­prio „Summorum Pontificum“ vom 7. Juli 2007 rehabilitiert Benedikt XVI. die Tridentinische Messe und da­mit die kniende Mundkommunion. Ab dem Fronleich­namsfest und dem Weltjugendtag in Sydney 2008 spen­det das Oberhaupt der katholischen Kirche das Allerheiligste nur noch in dieser Form. Welch glänzende Bestä­tigung und nachträgliche Rechtfertigung (vielleicht auch Genugtuung) für den Priester Wilhelm Schallinger, der schon als „kleiner“ Kaplan auf der gottgefälligen Spur war und sie gehalten hat!

GOTT mehr gehorchen als den Menschen

Schallingers 1974 getroffene, unwiderrufliche Gewissensentscheidung, den Gläubigen keine Kommuni­on mehr in die Hand zu spenden, ist nicht nur der roten Faden, der das Buch durchzieht. Sie bestimmt auch seine „gesamte priesterliche Existenz und Zukunft“ (S. 23).

In dieser schwierigen Zeit, die er als „vierzigjährige Wüstenwanderung“ erlebt, muss er seinen wechselnden Oberhirten Rede und Antwort stehen: Kardi­nal Döpfner, Kardinal Ratzinger und Kardinal Wetter. Zu deren Ehre sei gesagt, dass sie schließlich alle drei die strikte Weigerung ihres Mitbruders respektieren und nach Möglichkeit mit ihrer Autorität schützen, wobei der liberale ehemalige Moderator des Zweiten Vatikanischen Konzils menschlich gesehen am besten abschnei­det.

Die umfangreichen Schriftwechsel zwischen Vorgesetzten und Untergebenem, die im Wortlaut wiederge­geben sind, erweisen sich als unschätzbare Zeitdo­kumente, welche die Heftigkeit, den Ernst, die Leidenschaft des damaligen Ringens um die angemessene Form des Kommunionempfangs widerspiegeln – eine wissen­schaftlich noch auszuwertende Fundgrube.

Hierbei ist dem „kleinen“ Kaplan nicht selten eine argumentative Überlegenheit zu bescheinigen. Letzt­lich ist die ihn bindende Gewissensentscheidung durch keine Macht der Welt umzustoßen, wenn er mit Blick auf die bei der Handkommunion auf den Boden fallenden und zertretenen Partikel schreibt:

„Für mich gilt darum ana­log zum Zweiten Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren – Du sollst den Leib des Herrn nicht ver­unehren! Im Bereich eines göttlichen Gebotes aber hat eine gegenteilige Forderung keinerlei Verbindlich­keit. ‚Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!‘ (Apg 5,29)“ (Brief an Ratzinger vom 1. Mai 1980, S. 48).

Damit beherzigt er einen Leitsatz des 1943 von den Nazis hingerichteten und 2007 von Papst Benedikt XVI. seliggesprochenen österreichischen Widerstands­kämpfers Franz Jägerstätter, dem der Autor das Schluss­kapitel widmet (S. 124–132).

Lebhaft schildert Schallinger Pflichttermine mit den Vorgesetzten: seine Befind­lichkeiten, Versuchungen, seine Ratlosig­keit, das Hadern mit seiner Verwegenheit bis hin zur Taktlosigkeit (vgl. S. 48), seine Stoßgebete, seinen inneren Kampf um Gehorsam gegenüber dem Erzbischof oder einer „göttlichen Macht“ (S. 38).

Der Preis des Gewissens

Der Preis, den der Geistliche Schallinger für das unbeirrbare Festhalten an seinem Gewissensentscheid zahlen muss, ist sehr hoch: Es kostet ihn praktisch jede Möglichkeit einer innerkirchlichen „Karriere“; er sieht sich an den Rand gedrängt, verfemt, ins Zwielicht gesetzt, lächerlich gemacht, von einem Mon­signore sogar als irren­hausreif abgefertigt (vgl. S. 114).

Dankbar ist er, dass er 14 Jahre als Lang­zeit-Hilfspriester in der Wallfahrts­pfarrei St. Maria-Thalkirchen am Münchner Tierpark wirken kann. Der Diözesanleitung und den „Herren Prä­laten des Erzbischöflichen Ordinariats“ (S. 57) ein Dorn im Auge, darf er schließlich ab 1993 im Dekanat Ra­mersdorf/Perlach bei München zelebrieren und wird als Aus­hilfe, besonders bei Begräbnisfeiern, eingesetzt.

Heute feiert er die tägliche heilige Messe nur noch in seiner kleinen Hauskapelle. Geblieben ist ihm die „Ge­betsgemeinschaft Mariensäule“, mit der er seit über 45 Jahren jeden Samstag an der Münchner Mariensäule den Rosenkranz betet.

Von Anfang an ist es ihm verwehrt, Pfarrer zu werden, weil „er sich für den Fall der Übernahme einer Pfarrei bereit erklären muß, Gläubigen, die die Handkommunion wünschen, diese nicht zu verweigern…“ (Brief Rat­zingers an den Oberregierungsrat Schlebusch vom 28. Juli 1979, zit. S. 55), erst recht, als er sich auch gegen die „Spendung der Handkommunion durch eine andere beauftragte Person in seinen Gottesdiensten“ sperrt (Antwortschreiben des Stellvertretenden Generalvikars Haringer an einen Gebetsteilnehmer vom 20. Septem­ber 1993, zit. S. 86), womit wohl Laienkommunionhelfer ge­meint sind.

In diesem Zusammenhang wird ihm vom Ordinariatsvertreter entgegengehalten, auch die Gläubigen träfen eine „Gewissensentscheidung“ zwi­schen Hand- und Mundkommunion, die es zu re­spektieren gelte (vgl. S. 79). Diese Behauptung ist allerdings theologisch unhaltbar.

Kein Geringerer als der damalige Glaubenspräfekt Kardinal Šeper, bei dem Kaplan Schallinger im Rah­men seiner von 243 deutschen Priestern unterschriebenen Petition zur Abschaffung der Handkommuni­on im deut­schen Sprachraum vorstellig wird (die nach einem erfolgversprechenden Auftakt vom Glau­benspräfekten noch im selben Jahr aus unbekannt gebliebenen Gründen zurückgewiesen wurde), erklärt am 2. April 1979 im Ge­spräch mit ihm:

„Ich glaube, daß hier für die Priester eine echte Gewissensfrage besteht. Nicht begreife ich je­doch, wenn die Gläubigen eine daraus machen. Niemand kann wohl sein Gewissen anführen, das ihm gebietet [!], Handkommunion zu verlangen“ (zit. S. 79 u. S. 97).

Dieser punktgenaue Satz beleuchtet wie nebenbei den Missstand, wie oberflächlich und leichtfertig heutzutage innerhalb der Kirche das „Gewissen“ oft in Anspruch genommen wird, wo es im Grunde doch eher um Unwilligkeit, Bequemlichkeit oder Mitläufertum geht.

Hand- oder Mundkommunion: eine Abwägung

Seit der Einführung der Handkommunion in Deutschland durch Papst Paul VI. ist fast ein halbes Jahr­hundert vergangen. Die heftigen Auseinandersetzungen um diese folgenschwere „Reform“ vor allem in den 70er und 80er Jahren können heute die meisten Katholiken nicht mehr nachvollziehen.

Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass vielfach Gespür und Wertschätzung für das Heilige, das Allerheiligste gelitten haben oder verloren­gegangen sind, von der auch „normalen“ Gläubigen fremd gewordenen Anbetung Gottes ganz zu schweigen. Damit verknüpft ist die weitverbreitete Leugnung der Realpräsenz Jesu Christi unter der Gestalt des Brotes durch Laien wie durch Kleriker oder die indifferente Ansicht, „dass das nicht so wichtig ist“.

Wer in der Hos­tie nur noch ein Stück profanes Brot sieht, tut sich leichter, es einfach so in die Hand zu nehmen. Warum sollte man ehrfürchtig sein?

Jenseits manch merkwürdigen, unangemessen anmutenden Gebarens (vom schlendernden Gang bis zu hinter dem Rücken verschränkten Händen beim Anstehen) vor dem Kommunionempfang ist  festzuhal­ten und anzuerkennen, dass zahlreiche Gläubige die Handkommunion ehrfürchtig und würdig empfan­gen.

Das daraus abgeleitete Argu­ment, die Form des Empfangs sei nicht entscheidend, auf die innere Haltung komme es an, greift jedoch zu kurz. Der schwerwiegende und letztlich durchschlagende Ein­wand, dass trotz Umsicht bei der Spendung in die Hand Partikel herunterfallen und verlorengehen kön­nen, in denen der Heiland gegenwärtig ist, kann nicht ent­kräftet werden.

Dagegen ist man bei der Mund­kommunion mit Patene auf der „sicheren Seite“, die zudem dem Ausdruck und der Haltung des Empfan­gens näherkommt; wer das nicht mehr „zeitgemäß“ findet, sollte vielleicht in sich gehen und sein per­sönliches Verhältnis zu Gott/Christus überprüfen oder grundsätzlich das der Kreatur zu ihrem Schöpfer reflektieren (Partner? Auf Augenhöhe?).

Außerdem darf der Zusammenhang zwischen äußerer Form und innerer Haltung nicht unbeachtet bleiben: Der Empfang der Hostie in die Hand verleitet viel eher zu mangelnder Ehrfurcht als die Mundkommunion, weil bei Ersterem nicht unterschieden wird von der Art, „wie man gewöhnlich Nahrung berührt und sie sich dem Munde selbst zuführt“ (so Weihbi­schof Atha­nasius Schneider im Geleitwort S. 12), also eine heilsame Differenzierung entfällt.

Zurückzuweisen ist das Argument, wer sowieso entschlossen sei, die Hostie zu missbrauchen, benötige dazu nicht die äußere Form der Handkommunion, also könne man diese auch zulassen. Nach derselben Logik könn­te man einem Hauseigentümer anraten, künftig auf jedwede Sicherungsmaßnahmen zu ver­zichten, da ein zum Einbruch bereiter Täter ohnehin einen Weg finden werde, ins Haus zu gelangen.

Auch die gern herangezoge­ne, dem Cyrill von Jerusalem (313 – 386 n. Chr.) zugeschriebene mystagogische Ka­techese, die Anweisungen zum richtigen Empfang der Handkommunion enthält, erweist sich bei näherer Betrachtung als wenig brauchbar, weil die Si­tuation der frühen Kirche nicht einfach auf die heutige übertragbar ist; schon Cyrill, der die „Hal­tung der An­betung und Ehrfurcht“ sichergestellt wissen will, warnt, wie Papst Paul VI. Jahrhunderte später, vor der glei­chen Gefahr des Partikelverlustes: „Denn was du zugrunde gehen läßt, sollst du so betrachten, als ginge eines deiner Glieder verloren“ (zit. S. 28).

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Unter Anlegung des Maßstabes, dass das Aller-Heiligs­te das Aller-Höchste ist, lässt sich kein zwingendes Argument zugunsten der Handkommunion vorbrin­gen. Weihbi­schof Schneider führt aus:

„Alle Menschen verteidigen gewissenhaft und mit größter Vor­sicht die eigenen Wertgegenstände und kostbaren Schätze. Unser Herr Jesus Christus unter der Gestalt der kleinen konsekrierten Hostie ist mehr wert als alle Schätze auf dieser Erde. Wir müssen folglich die Heilige Kommunion aufs Höchste schützen und verteidigen. … Jeder, der an unseren Eucharistischen Herrn wahrhaft glaubt und Ihn brennend liebt, darf sich nicht an den Zustand der Handkommunion gewöhnen und muss alles, was in seiner Kraft steht, unternehmen, um diesem elenden Zustand abzuhelfen“ (S. 12f.).

In diesem Zusammenhang ist es allerdings unerlässlich, eine wichtige Unterscheidung anzumahnen. Es ist das eine, die Einführung der Handkommunion mit ihren schädlichen Folgen für eine Katastrophe zu halten und, wie Weihbischof Schneider, Abhilfe des „elenden Zustand[es]“ zu verlangen; ein anderes ist es, noch weitergehend die Praxis der Handkommunion grundsätzlich als „gottwidrig“ zu brandmarken, wie Schallinger es tut (S. 22 u. Rückseitentext).

Hier ist Widerspruch anzumelden. Mit dieser Zuspit­zung schießt der Geistliche im Eifer für die Mundkommunion übers Ziel hinaus und erweist seinem An­liegen auch keinen guten Dienst. Wie schwerwiegend und erschütternd die beschriebenen Folgen auch sein mögen – die Handkommunion an sich ist mitnichten gegen Gott gerichtet, andernfalls wäre die Möglichkeit ihres würdigen, gottesfürchtigen Empfangs von vornherein ausgeschlossen. Dem ist aber keineswegs so.

An diesem Punkt scheint der Autor den Pfad seiner eigenen Argumentation zu verlassen: Er selbst rekurriert wiederholt auf die inakzeptablen negativen Begleitumstände der Handkommunion, welche die sittliche Verwerflichkeit erst hervorrufen, wenn er beispielsweise die „fortdauernde […] Fahr­lässigkeit“ (S. 27) im Umgang mit der geweihten Hostie anprangert, womit ja keine Zwangsläufigkeit festgeschrieben, sondern eine korrigierbare „innere Einstellung des Täters gegenüber dem von ihm verwirklichten Tatbestand“ (Wikipedia, Stichwort „Fahrlässigkeit“) impliziert ist.

Angemerkt sei auch noch, dass Ausübung von „moralischem“ Druck auf die Kommunikanten in dieser Frage kon­traproduktiv wirkt.

Auf dem Weg zur Mundkommunion

Wie Weihbischof Schneider kann freilich nur einer aus der Tiefe seines Glaubens sprechen und Korrek­turen anmahnen. Statt peripherer und meist wenig zielführender „Strukturdebatten“ in der Kirche ist die Frage des angemessenen, Gott geschul­deten Kommunionempfangs tatsächlich ein Feld, auf dem sich konkret Ursachen und Folgen des Niedergangs der nachkonziliaren katholischen Kirche in Deutschland nachweisen – und beheben! – lassen.

Es wäre an der Zeit, dass kirchliche Würdenträger, insbesondere Bischöfe, die Konsequenzen aus den schon frühzeitig nach Einführung der Handkommunion erkannten schlimmen Folgen der Sakrilege, des Verlustes von Partikeln, der Verminderung der Ehrfurcht und der Verfälschung des Glaubens ziehen, zur Mundkommunion zurücklenken und das gläubige Volk auf die­sem Weg „mitnehmen“.

Ein erster Schritt wäre die Wiedereinführung von Kom­munionbänken oder zu­mindest (beweglichen) Kniebänken, um dem bei passender Gelegenheit gern für mün­dig erklärten Laien tatsächlich die kniende Mundkommunion stressfrei zu ermöglichen, statt ihn zu bevormun­den und zur stehenden Handkommunion zu nötigen. In Kirchen, wo Reste von Kniegelegenheiten erhalten ge­blieben sind, zeigt sich schon heute durchaus nicht selten, dass diese zum Kommunionempfang auch genutzt werden. Flankierend könnten Priester einen wesentlichen Beitrag leisten, indem sie den Gläubigen emp­fehlen, die kniende Mundkommunion zu praktizieren.

Auch die außerordentliche Spendung der Kommunion durch Laien wäre zu überden­ken, gemäß den Worten Papst Johannes Pauls II.: „Die heili­gen Gestalten zu berühren und mit eigenen Händen auszuteilen, ist ein Vorrecht der Geweihten…“ (Gründonnerstagsbrief 1980, zit. S. 49). Eine exklusive Han­d-Habung schärft grundsätzlich den ehr­fürchtigen Sinn des Volkes Gottes für das Allerheiligste.

Es ist das große Verdienst des Münchner Kurats Wilhelm Schallinger, dass er mit seinem Buch in leicht ver­ständlicher Sprache und dokumentarisch vielfältig belegt eine entscheidende, auf breiter Basis dis­kussionswürdige Ursache für die Erosion der deutschen Kirche nach dem Zweiten Vatikanum ins Be­wusstsein hebt, die viele nicht (mehr) auf dem „Schirm“ haben.

Sein mutiges Glaubenszeugnis des Wi­derstands gegen den inner­kirchlichen Zeitgeist und dessen mächtige Repräsentanten, sein geduldiges, auf Gott vertrauendes Verharren in der Wahrheit, seine persönlichen Opfer, insbesondere der Verzicht auf eine „Karriere“ als Preis für den unbe­irrbar durchgehaltenen Gewissensentscheid, fordern zu Hoch­achtung, Dank und Unterstützung seiner „Sache“ heraus: nach je eigenem Vermögen und Platz in der Kirche die Praxis der Handkommunion einzudämmen, um schließlich die vollständige Rückkehr zur Mundkommunion zu erwirken.

Unser Autor Thomas May ist katholischer Religionspädagoge und lebt in Sendenhorst (Münsterland).  –  Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 1 – 2/2018)

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Ein kompetenter Arzt schildert die Entwicklung des Kindes im Mutterleib

Rezension von Cordula Mohr

Buchdaten: Neun Monate bis zur Geburt: Fakten und Bilder – Autor: Michael Kiworr. Bernardus-Verlag. 194 Seiten. Broschur. 14,80 €. ISBN: 978-3-8107-0251-7

Das handliche und schön gestaltete Buch „Neun Monate bis zur Geburt“ von Dr. med. Michael Kiworr ist außerordentlich gut, interessant und anschaulich geschrieben. Der Autor und Familienvater ist als Oberarzt einer Klinik in Baden-Württemberg tätig. 

Zu den Seiten 1 – 50:

Das Buch beginnt mit einem verständlichen Vorwort des Gynäkologen, das dem Leser verdeutlicht, warum er einen lebensbejahenden Wortschatz gewählt hat und für welche Zielgruppen  – besonders Mediziner, werdende Eltern, Schwangerschafts-Berater  –   er dieses Buch schrieb.

Es beginnt mit der Zeit der Befruchtung und all dem, was in den ersten Tagen danach geschieht. Faszinierend, dass sich der Stoffwechsel schon verändert und bereits Hormone in den ersten Tagen nach der Empfängnis ausgestoßen werden. Somit wird dem Leser klar, ab wann eine Schwangerschaft besteht.

Zudem erklärt der Autor deutlich, warum im Jahre 1965 von Gynäkologenverbänden zunächst in den USA, dann auch hierzulande gefordert wurde, das menschliche Leben nicht mehr ab der Empfängnis, sondern erst ab dem Zeitpunkt der Nidation  – der Einnistung des bereits befruchteten Eies in die Gebärmutter –  beginnen zu lassen.

Damals begann die Verbreitung der „Pille“ bzw. einer lukrativen Verhütungsindustrie, die sich etwas einfallen lassen musste, um moralisch nicht in Misskredit gebracht zu werden, denn vor allem die gestagenbetonten Anti-Baby-Pillen verhindern als Zweitwirkung die Nidation, wirken also potentiell frühabtreibend. Bei der „Spirale“ handelt es sich dabei sogar  –  noch schlimmer  –  um den einzigen Wirkmechanismus. (Näheres dazu im Kiworr-Buch ab S. 48.)

In den grau gerahmten Seiten schildert der Verfasser, welche Gefahren in den jeweiligen Lebensphasen auf das ungeborene Kind einwirken können – sowohl natürliche Gefahren wie auch gewisse Bedrohungen, welche die Medizin z.B. durch Eingriffe und Manipulationen verursacht. 

Aufschlussreich ist auch der Hinweis von Dr. Kiworr, dass die PID (Pränatale Diagnostik) Analysefehler aufweisen kann  –  und somit die entsprechenden Embryonen nicht in den Mutterleib transferiert werden. Untersuchungen aus den Niederlanden zeigen neurologische (gehirnorganische) Schäden von Kindern, bei denen eine PID durchgeführt wurde.

Zu den Seiten 50 – 107:

In den grün gerahmten Seiten kann der Leser erfahren, was bei der Ernährung in der Schwangerschaft wichtig ist, besonders interessant für die werdende Mutter. Erwähnt wird auch, welche Tests sie durchführen lassen kann, um eine Infektion auszuschließen.

Interessant zu lesen ist auch der 14. bis 21. Lebenstag: 3. Woche.

Das Herz schlägt und der embryonale Körper beginnt mit einer offensichtlichen Formbildung. Es gibt den Nachweis der einzigartigen Krümmung aufgrund des Neuralrohres, was nur bei einem menschlichen Embryo besteht.

Hierbei räumt der Mediziner mit den veralteten Ansichten auf, Tier und Mensch würden sich im Mutterleib eine Zeit lang in gleicher bzw. ähnlicher Weise entwickeln oder der menschliche Embryo habe zunächst Kiemen. Diese und andere Irrtümer aus vergangenen Zeiten (die vor allem der Evolutionist Haeckel vertreten hatte) werden ausgeräumt.

Hinsichtlich der folgenden Schwangerschaftswochen beschreibt der Autor die rasante Ausbildung aller Körperfunktionen. Hier beeindrucken vor allen die einmaligen Bilder des Buches: Hände, Füsse Ohr, Blutgefäße, die Geschlechtsmerkmale entwickeln sich.

Auf Seite 91 kommen erneut die „grauen“ Seiten, also die Gefahren, ein natürliches Risiko ist z.B. die Fehlgeburt. Mangelnder Impfschutz, Medikamenteneinnahme der Mutter und vieles mehr kann hierbei ursächlich sein. Es folgen wieder einzigartig schöne Fotos aus dem Mutterleib, die zur Betrachtung einladen.

Der Zeitraum bis zur 12. Woche gehört zu den gefährlichsten im Leben des Ungeborenen, berichtet der Autor, weil sich das Kind quasi in einem rechtlich schutzlosen Raum befindet. Abtreibungen werden meist in dieser Phase durchgeführt.

Deutlich zeigt uns der Paragraphendschungel der SChKG, welche Widersprüche der Gesetzgeber in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen hat. Besonders das Beratungssystem ist eine „Farce“ des Abtreibungs-Paragraphen. Man gewinnt den Eindruck, der Staat wollte es allen Seiten gleichzeitig recht machen, den Lebensrechtlern ebenso wie den Abtreibungsbefürwortern; jedem ist etwas zuteil geworden  –  was aber auf Kosten der Klarheit geht.

Michael Kiworr erwähnt die Zahlen und Fristen, der eine Frau im Konfliktfall ausgesetzt ist. Er schreibt deutlich, wie wichtig eine angemessene Beratung ist. Zudem will er Mut machen zur Adoption bei schweren Konfliktsituationen. Sein Motto: Bei der Adoption darf das Kind leben!

Er geht auch auf das körperliche und emotionale Leid der ungeborenen Kinder im Tötungsfall ein. Eine Abtreibung geschieht ohne Schmerzlinderung für das betroffene Baby.

Die folgenden Lebenswochen des ungeborenen Kindes schildert Dr. Kiworr als besonders schön für Mutter und Kind. Wunderbare Bilder aus dem Mutterleib unterstreichen diese Zeit. Ich finde, auf diesen Seiten sind besonders faszinierende Fotos zu sehen.

Der Embryo wächst schnell und der Autor beschreibt detailgenau, wie sich alles weiterentwickelt. Das Kind hört bereits und schlägt gleichsam Purzelbäume im Zustand einer Art von Schwerelosigkeit.

Auf den Seiten 121 werden die Gefahren der Pränataldiagnostik erörtert. Michael Kiworr schildert einfühlsam die Sorgen und Nöte der Eltern, wenn diese ein krankes oder behindertes Kind erwarten. So manche Eltern sagen: „Hätte ich es doch vorher nicht gewusst.“

Somit gibt es  – und Dr. Kiworr bestätigt es  –  ein Recht auf Nichtwissen. Eine 100% Sicherheit besteht auch bei der Diagnostik nicht. Zudem kann nicht alles therapiert werden.

Er beschreibt genau die verschiedenen Untersuchungsmethoden der Pränataldiagnostik und gibt in seinem Buch Entscheidungshilfen, sich für das Lebensrecht zu entscheiden, indem er das behinderte Kind als eine Art Lebensbereicherung darstellt.

Dr. Kiworr setzt immer wieder auf ein gutes Beratungsteam; einige Pro-Life-Beratungsstellen werden im Anhang des Buches mit Internet-Adressen angegeben; zudem bietet das Buch eine gute Literaturauswahl.

Auf den letzten Seiten schildert der Autor den Endspurt bis zur Geburt: Über-lebensfähig!  – Es ist bewegend zu erfahren, wie sich nun alles beim Kind für ein Leben außerhalb des Mutterleibes vorbereitet. Mit erstaunlichen Zahlen wird der Leser mitgenommen in das schnelle Wachstum. Durch die Senkwehen bekommt das Kind sozusagen den kleinen Stresstest im Mutterleib, um ein paar Wochen später das Licht der Welt zu erblicken.

Leider kann es noch zu Spätabtreibungen kommen, wenn die sogenannte „medizinische Indikation“ vorliegt (gesundheitliche bzw. seelische Schäden für Mutter und/oder Kind.) Einerseits besteht das Risiko einer Frühgeburt, andererseits die Gefahr einer furchterregenden Spätabtreibung.

Fazit: Es ist ein erfreulich informatives Buch, das die Leser auf den neusten Stand der Untersuchungsmethoden bringt; zudem zeigt es sehr eindrucksvolle Bilder und bietet lebensbejahende Aussagen von Dr. Kiworr.

Eine kleine Kritik sei angemerkt: Obwohl der Autor anfangs deutlich über seine Wortwahl zugunsten des Lebens schreibt, musste ich feststellen, dass sich dies nicht immer konsequent im Buch fortsetzt; so heißt es z. B. auf Seite 126: „Oder aber die Eltern entscheiden sich gegen das Kind mit dieser Erkrankung, gegen die Fortführung der Schwangerschaft und brechen diese ab.“

Meiner Meinung nach sollte der Ausdruck „Abbruch“ einer Schwangerschaft grundsätzlich vermieden werden, denn dieser Begriff suggeriert dem Leser, man könne die Schwangerschaft später wieder aufnehmen; sie wird aber nicht nur „abgebrochen“, sondern endgültig beendet und das Kind getötet.

Ich wünsche dem Autor eine weite Verbreitung dieses fundierten Buches. Wir werden es gern an unseren Lebensrechts-Infoständen in Rheine bereitlegen.

Erstveröffentlichung dieser Besprechung in der Zeitschrift „Theologisches“ (Dez. 2017)


Der Bestseller eines Pfarrers segelt voll im Trend einer Zeitgeist-Kirche

Rezension von Thomas May

Buchdaten: Pfarrer Rainer M. Schießler. Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten. – Kösel-Verlag 2016, 15. Auflage, 256 Seiten, gebunden, ISBN-10: 3466371473 / ISBN-13: 978-3466371471.  – 19.99 €

Der inzwischen in 15. Auflage seit 2016 im Kösel Verlag erscheinende Bestseller „Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten“ des Pfarrers Rainer Maria Schießler hat über Bayern hinaus Aufmerksamkeit und Beachtung gefun­den.

Auf 256 Seiten gibt der Leiter der Münchener Pfarreien Sankt Maximilian und Heilig Geist einen Rückblick auf seinen persönlichen und beruflichen Werdegang vom kleinen Ministranten zum stadt- und landbekannten Geistlichen mit Promi-Status als Kellner auf dem Oktoberfest und ei­gener Talksendung im Bayerischen Fernsehen und breitet dabei, unterfüttert mit anschaulichen Beispielen aus seiner pastoralen Praxis, seine gesammelten, zumeist konträren Ansichten über die katholische Kirche aus, mit der er hart ins Gericht geht.

DOGMA und LEHRE

Um ein verlässliches Urteil über Buch und Autor zu gewinnen, wird man ihn zuerst an den „Vorgaben“ der Kirche messen, in deren Namen er zu sprechen und zu verkündigen vorgibt („meine Kirche“) – wie sie im Depositum fidei (in der „Glaubenshinterlage“) verbindlich festgelegt sind.

Gleich zu Beginn macht Pfr. Schießler gegen den „Anspruch auf ab­solute Wahrheit“ (S. 21) Front, der von der katholischen Kirche als integraler Bestandteil seit jeher vertreten wird und der die Heilsuniversalität Jesu Christi (also die ausnahmslose Gültigkeit der Wahr­heit und des Evangeliums Christi für alle) meint.

Relativierend erklärt der Geistliche den katholischen Weg als einen von vielen – und natürlich habe Christus keinesfalls „an die Grün­dung einer Amtskirche oder die Formulierung eines Katechismus oder an Enzykliken und Synoden gedacht“.

Damit stellt der Autor das Wesensverständnis der Kirche als göttliche Stiftung in Frage. Gegen seine alberne wie geschichtsunkundige Polemik ist einzuwenden, dass es die katho­lische Kirche längst nicht mehr gäbe, wenn sie sich nicht von Anfang an über die Jahrhunderte durch feste Glaubensformeln, Bekenntnisse, Dogmen und deren „Aufbereitung“ in dem Volk ver­ständlichen Katechismen ihres Fundaments und ihrer Gemeinschaft vergewissert hätte.

Entschieden lehnt der Autor die kirchliche Lehre von der „ewigen jungfräulichen Unversehrtheit Mariens“ (S. 195) ab, wegen eines „möglichen“ Übersetzungsfehlers („junge Frau“ statt „Jungfrau“), der den ahnungslosen Gläubigen verschwiegen werde und über den „nur ganz wenige Priester, die das studiert haben“ informiert seien. Selbstverständlich gehört der Autor zur Elite der Einge­weihten.

Überdies versucht er, dem Leser klarzumachen, wie diskriminierend dieses Dogma sei: „In ihrem Beharren auf der Jungfräulichkeit stempelt die Kirche Generationen von Frauen als zweit­klassig ab, die den durchaus göttlichen Prozess einer natürlichen Geburt durchlaufen und Kinder auf die Welt bringen“ (S. 196).

Zugegeben: Auf ein so abwegiges Gedankenkonstrukt muss man erst mal kommen. Grund­sätzlich gilt: Wer an der Jungfräulichkeit Mariens rüttelt, bringt auch die Zwei-Naturen-Lehre Jesu Christi (wahrer Mensch – wahrer Gott) zu Fall und beraubt die christliche Erlösung ihrer verbürgten Grundlage und Glaubwürdigkeit.

Mit der kirchlichen Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe und der katholischen Sexualmoral insgesamt steht Pfr. Schießler ebenfalls auf Kriegsfuß. Das Scheidungsverbot Jesu (z. B. Mt 19,6) ist zwar unmissverständlich, hindert den Autor aber nicht daran, „den geregelten ‚Exit'“ (S. 202) zu befürworten, frei nach seinem Motto „Du hast das Recht, zweimal geboren zu werden“ (S. 186).

Nachdruck verleiht der Autor seiner Forderung mit dem „schönen Satz“: „Eine erste Ehe kann viel­leicht nicht mehr zu retten sein – während die zweite Ehe oft ein Leben rettet“ (S. 202). So liest sich das „Evangelium nach Schießler“.

(HOMO-)SEXUALITÄT

Gleichgeschlechtliche Paare sind dem Münchener Pfarrer, der seit 23 Jahren „in einem der größten Schwulenviertel Deutschlands“ (S. 188) wirkt, besonders ans Herz gewachsen. 

Obwohl von der kirchlichen Lehrtradition und zuletzt von Papst Franziskus in „Amoris laetitia“ betont wurde, dass es „keinerlei Fundament dafür [gibt], zwischen den homosexu­ellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen“ (251), scheut sich Pfr. Schießler nicht, die Ringe gleichgeschlechtlicher Paare als Zeichen der „Liebe und Treue“ in seinen „Gottes­diensten“ zu segnen und ihnen damit einen quasi-ehelichen Status zuzubilligen.

So tief beeindruckt ist er von deren „respektvollem Umgang miteinander“, dass sich auch das ein oder andere „heterosexuelle Ehepaar“ ein Beispiel daran nehmen sollte (S. 190), eine Art „Nachhilfe“ von Homos für Heteros also. Für das Schneckentempo seiner Kirche entschuldigt sich der Pfarrer gar bei den „Paaren“: „Habt Geduld mit uns. Habt Geduld mit der Kirche.  Es dauert nur no a bisserl“ (S. 191). Zu dumm auch, dass es so viele Volltrottel im Bischofs- und Papstgewand gab und gibt, die noch immer nicht auf den Dreh gekommen sind!

Bei seiner Gleichschaltung aller Formen sexueller Betätigung kommt Pfr. Schießler das Spezifische des „sexu­ellen Akts“ (S. 189 f.) völlig abhanden: Dieser meint nach katholischem Verständnis die körperliche Vereinigung von Mann und Frau durch Penetration. Daher kann der Begriff naturgemäß nicht als Bezeichnung für Techniken gleich­geschlechtlicher Lusterzeugung in Anspruch genommen werden. Unsaubere Begrifflichkeit findet man in Pfr. Schießlers Buch auch an anderen Stellen.

ZÖLIBAT

Für die Öffnung des Zölibats (S. 228 ff.), den Pfr. Schießler nach seinen Worten persönlich einhält, steuert er über die ermüdend wiederholten Argumente hinaus nichts stichhaltiges Neues bei, im Gegenteil. Es ist mit Blick vor allem auf die Erfahrungen der evangelischen Kir­chen ein offenkundiges Märchen, mit Verheirateten sei der aktuelle Priestermangel nach­haltig zu beseitigen.

1. Der Behauptung, das Zölibat würde „viele andere, fähige, potenzielle Pries­terkandidaten“ (S. 228) abschrecken, somit also die Kirche um die Früchte ungenutzter Talente im priesterlichen Dienst gebracht, ist entgegenzuhalten, dass gerade die Bereitschaft für ein eheloses Leben um des Himmelreiches willen zu den Schlüsselqualifikationen des Priesters gehört. Wer im Extremfall sein Leben für seine „Schafe“ hergeben soll, sollte der nicht zumindest eine Neigung bezwingen können?

2. Entgegen den Fakten bestreitet Pfr. Schießler, dass die Ehelosigkeit den Priester von zeitraubenden familiären Aufgaben entlastet und ihn vollständig für den Dienst an der Gemeinde freistellt, mit der er „verheiratet“ ist (S. 187 f.). Die Zeit, die man sich nimmt oder nicht nimmt, ist eben nicht, wie der Stadtpfarrer behauptet, nur eine Frage „der inneren Einstellung“, sondern abhängig davon, welches Zeitbudget grundsätzlich zur Verfügung steht.

FRAUENPRIESTERTUM

Für das Priestertum der Frau zu streiten (S. 230 f.) ist müßig, da die Frage durch das Apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ (1994) von Johannes Paul II. lehramtlich entschieden wurde. Was bezweckt der Autor also, wenn er den Gläubigen vorgaukelt, hier könne sich (noch) etwas bewegen?

Aus der „Weiheunfähigkeit“ (wie es im Kirchenrecht heißt) der Frau abzuleiten, die Kirche würde damit „die Hälfte der Gläubigen – nämlich Frauen – aus der Verkündigung ausblenden“ (S. 230), ist Unfug, da die Befugnis zu verkündigen jedem getauften und gefirmten „Laien“ zusteht. An anderer Stelle deckt der Autor seinen Selbstwiderspruch auf, wenn er (zu Recht) von der „herausragende[n] Verkündigungs­aufgabe“ der Eltern (S. 219) spricht.

BIOZENTRISMUS

Schließlich ist Pfr. Schießler auch beim Thema „Mensch, Tier und Schöpfung“ auf dem Holz­weg, wenn er schreibt: „Wir müssen hin zu einem biozentrischen Schöpfungsverständnis, in dem sich nicht mehr alles um den Menschen als ‚Krone der Schöpfung‘ dreht – sondern jede [!] Form von Leben in der Schöpfung gleichberechtigt [!] neben der anderen steht“ (S. 237).

Ausgerechnet Papst Franziskus, auf den sich Pfr. Schießler gern beruft, wenn es ihm zupasskommt, widerspricht ihm in seiner Enzyklika „Laudato si“ entschieden:

„Ein fehlgeleiteter Anthropozentrismus darf nicht notwendigerweise ei­nem ‚Biozentrismus‘ den Vortritt lassen, denn dies würde bedeuten, ein neues Missverhältnis einzu­bringen, das nicht nur die Probleme nicht lösen, sondern auch andere hinzufügen würde. Man kann vom Menschen nicht einen respektvollen Einsatz gegenüber der Welt verlangen, wenn man nicht zugleich seine besonderen Fähigkeiten der Erkenntnis, des Willens, der Freiheit und der Verantwort­lichkeit anerkennt und zur Geltung bringt“ (118).

LITURGIE und SAKRAMENTE

Im liturgisch-pastoralen Bereich sind es vor allem die traditionellen Erwartungen der „normalen“ Gläubigen an einen Gemeindepriester, die Pfr. Schießler enttäuscht. Gegen seinen wieder­holt beschworenen Leitsatz „Liturgie darf nicht wehtun“ verstößt er, wenn man die Beispiele aus seinen „Gottesdiensten“ zugrunde legt, selbst in so extremer Weise, dass ihm die „Liturgiefähigkeit“ (im Sinne Romano Guardinis) rundweg abgesprochen werden muss. 

Pfr. Schießler meint in seiner Lesart mit „nicht wehtun“ vor allem, dass ein Priester seine Gläubigen nicht langweilen darf. Das tut er nun beileibe nicht, aber was Ohren und Augen des Besuchers seiner One-Man-Show alles aushalten müssen, gleicht einer Schmerzensorgie.

Nicht nur steigern sich seine Predigten mit suggestiven Verdre­hungen und Entstellungen rasch zur irreführenden Indoktrination, eine Zumutung sind auch seine optischen „Einlagen“, wenn es beispielsweise anlässlich des Christophorusfestes heißt: „Dann fahre ich schon mal im Messgewand auf Inlineskatern durch die Kirche zum Altar oder mit meinem Motorrad in voller Messmontur um die Kirche“ (S. 205).

Messe als Mordsgaudi. Da kriegt man die Kirche schon voll. Nichts von heiliger Handlung, in welcher das Kreuzesopfer Jesu Christi unblutig vergegenwärtigt wird. So tief kann „Liturgie“ stürzen!

Als Höhepunkt seiner liturgischen Entgleisungen schildert Pfr. Schießler eine Christmette, in der „zehn Mülltonen hintereinander hingestellt [wurden] mit der Aufforderung: Müll trennen! Auf den Mülltonnen stand jeweils ein Wort: HETZE, UNGERECHTIGKEIT, MISSTRAUEN, EIFER­SUCHT, NEID – die ganzen Todsünden. Jeder Besucher sollte im Gottesdienst ein Symbol seines Gedankenmülls mitbringen und in ’seiner‘ Tonne entsorgen“ (S. 205).

Was für eine erhebende, feierliche Inszenierung zum Weihnachtsfest, ökologisch korrekt und kreativ sogar noch in der Erfindung neuer Todsünden! Von der holden Appetitlichkeit ganz zu schweigen, wenn „Gott sich mitten in meinen ganzen Müll des Lebens rein[legt](S. 206).

Der Seelsorger ist von seinem „Gottesdienst“ so begeistert, dass er ihn als eine „Lehrstunde im Glauben für die ganze Familie“ (S. 207) rühmen lässt.

Das wahre Urteil über solche „Aktionen“ wird, ohne dass der selbstgefällige Autor und die schwärmenden Eltern es bemerken, wie nebenbei gesprochen, wenn es heißt, „sie wären mit ihren Kindern kaum noch nach vorne zu der eigentlichen [!] Krippe gekommen, weil ihre Kinder in jede der Mülltonnen schauten.“ (S. 206).

Genau hier liegt einer der wunden Punkte, der für die gesamte Schießler-„Pastoral“ symptomatisch ist: Vor lauter „Action“, Klamauk, Gags, Spektakel, Aufmerksamkeit heischender Projektgeilheit bleibt sie allzu häufig an der Oberfläche haften, dringt sie nicht mehr zum Eigentlichen, Wesentlichen, zum Kern vor, führt sie nicht in die Tiefe und zur Fülle des Glaubens.

Auch andere hehre Leitsätze Pfr. Schießlers sind zurechtzurücken. „Du musst die Leute mögen“ (S. 186 u. a.) – klar, aber das müssen auch Politiker, Ärzte, Lehrer, eigentlich jeder, der in seinem Beruf mit Menschen zu tun hat; daran ist nichts Besonderes, Originelles. „Sakramente musst du spüren“ – klar, aber die Leute müssen auch geistig erfassen, worum es in dem Sakrament jeweils geht, indem es ihnen katechetisch fundiert nahegebracht wird und nicht indem man Erstkommu­nionkindern (S. 214 ff.) oder Firmlingen (S. 222 ff.) die Organisation ihrer Vorbereitungskurse in ausschließlicher Ei­genverantwortung überlässt, ohne erkennbare Vergewisserung, ob die zum Verständnis führenden Glaubensinhalte auch angeeignet und verinnerlicht wurden.

FREIWILLIGKEIT und GLAUBENSANNAHME

Geradezu widersinnig ist es, wenn der Autor regelmäßig versucht, Eigenverantwortung und Freiwilligkeit gegen Regeln und Pflichten (oder „Dekrete“) auszuspielen. Es gibt keinen „Glaubenszwang“; dass in der pastoralen Praxis gelegentlich mit „sanftem Druck“ nachgeholfen wurde und wird, ist menschlicher Schwäche geschuldet.

Die Aneig­nung des Glaubens kann immer nur in Freiheit geschehen; gleichzeitig ist es Kernauf­gabe der Kirche und ihres Lehramts, den Inhalt des Glaubens, Glaubenswahrheiten, Glaubenssätze zu formulieren und den Gläubigen in möglichst verständlicher, zeitgemäßer Sprache zu vermitteln.

Wenn ich als Gläubiger in dem ein oder anderen Punkt oder vielleicht in vielen Punkten konträr dazu ste­he, ist es in erster Linie mein Part, mich um Annäherung an die Glaubenswahrheit zu be­mühen und Übereinstimmung zu erreichen.

Geistlichen Rat hierfür in Anspruch zu nehmen, ist sinnvoll, oft unausweichlich. Im äußersten Fall bleibt mir das Eingeständnis, dass ich mit der Kirche nicht „kann“ (das muss ich dann so hinnehmen und für mich daraus die Konsequenzen ziehen)  –  oder die Demut, mich in Gehorsam dem zu beugen, was die Kirche mit Hilfe des ihr zugesagten Beistands des Heiligen Geistes als wahr erkannt hat.

Keinesfalls kann ich jedoch erwarten, dass die Kirche den feststehenden Glauben inhaltlich verändert, anpasst oder schmälert, weil ich damit nicht klar­komme. Ich kann von der Kirche nicht verlangen, dass sie ihren Glauben um es mir und anderen recht zu machen „verbilligt“, frisiert oder gar verleugnet.

Hier manifestiert sich ein gravierender Irrtum der „Postmoderne“. Nicht „die Kirchenführung“ verabschiedet sich, wie Pfr. Schießler argwöhnt, „von ihren unbotmäßigen Gläubigen“ (S. 185); es sind vor allem „postmoderne“ Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, die nicht mehr bereit sind, den von ihr verkündigten Glauben anzunehmen, weil sie  –  vom „aufgeklärten“ Zeitgeist infiziert und nicht selten von Pfarrern „kritisch“ und aufsässig gemacht  –  der völlig vermessenen Ansicht sind, sie hätten darüber mitzubestimmen, was ih­nen als „Glaube“ zugemutet werden darf und was gefälligst über Bord zu werfen ist, weil es angeb­lich nicht (mehr) „zeitgemäß“ oder schlicht anstrengend und unbequem ist. 

Dass viele von ihnen ein „Bedürfnis nach Glauben“ (S. 186), nach „Heimat“ in einer Glaubensgemeinschaft haben, wie Pfr. Schießler bei seinen Gesprächen mit Austrittswilligen und Ausgetretenen erfährt, mag schon sein, nur ist es in der Regel nicht der unverrückbare Glaube der katholischen Kirche, nach dem sie sich sehnen – und Oberhirten wie Priester begeben sich auf den Teufelspfad der Dekadenz, wenn sie hier einknicken, sich anbiedern und um jeden Preis, auch den der Glaubensverwässerung, -verkürzung oder gar -preisgabe, die abwandernden „Schafe“ (vorzugsweise mit allerlei „Service“) korrumpieren und auf ihrer „Weide“ halten wollen.

SÜNDE

Ein höchst verqueres Verhältnis offenbart Pfr. Schießler zur Sünde. Mehrmals wiederholt er den populären Satz: „Die größte Sünde ist das ungelebte Leben“ (S. 186). Natürlich ist das falsch, weil undifferenziert, denn ein mit allen erdenklichen Lastern, Bösartigkeiten und moralischen „Schweinereien“ angefülltes, ausgeschöpftes, „gelebtes“ Leben dürfte keineswegs Gottes Wohlgefallen finden, ist also verwerflich. Ein sol­ches Leben überhaupt nicht gelebt zu haben, wäre ausnahmslos besser. 

Mit unerbittlicher Schärfe fällt der Münchener Pfarrer über die Autoren des Jugendkatechismus „Youcat“ her, weil sie es als „eine große Sünde“ bezeichnen, „am Sonntag nicht in die Kirche zu gehen“ (S. 133 f.). Bissig fragt er: „Woher wissen die das? Hat etwa Gott ihnen das geflüstert?“ (S. 134). Das ist nun wirklich unverfroren. Die angesprochenen „Autoren“ geben hier nichts anderes wieder als die „Sonntagspflicht“, eines der fünf Kirchen­gebote.

Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ (1992) heißt es dazu: „Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde“ (2181). Im „Youcat“ erklären die Autoren anhand des Vergleichs von „Sonn­tagspflicht“ für Gläubige und „Kusspflicht“ für Liebende sogar noch sehr einleuchtend, warum die Beachtung des Sonntagsgebots eine Selbst­verständlichkeit sein sollte.

Die Zehn Gebote als Normenkatalog für Christen kommen in Pfr. Schießlers Buch allerdings erst gar nicht zur Sprache. Nach ihm dient die Rede von der Sünde nur dazu, Menschen (immer noch) Angst vor Hölle und Ver­dammnis einzuflößen. Dem Herrn Pfarrer fehlt völlig das Grundverständnis, dass „Sünde“ die Grenze zieht zwischen gottgefällig und gottfeindlich, zwischen gut und böse. Die Grund-Sünde ist daher, wenn man die Sünde als Sünde nicht mehr (an)erkennen und wahrhaben will, sie nicht bekennt und nicht bereut.

FAZIT und AUSBLICK

Zusammenfassend bleibt festzuhalten:
Die zweifellos mitreißende, teilweise ergreifende sprachliche Darstellung (z. B. Tod der Mutter S. 81 ff. und des Vaters S. 174 ff.) oder gelegentliche Lichtblicke wie fein gezeichnete Milieus (z. B. Münchener Nachtleben S. 109 ff., Bad Kohlgrub in Oberbayern S. 118 ff.) machen die schwerwiegenden inhaltlichen Mängel in theologischen und Glau­bensfragen nicht wett; Pfr. Schießlers Art der „Verkündigung“ erweist sich für katholische Christen nicht nur als ein Ärgernis, sondern auch als eine Gefahr für ihr (Seelen-)Heil, weil sie verwirrt, verfälscht und unkatholische Glau­bens- und Moralvorstellungen propagiert.

Es ist ein Skandal, dass der Münchener Seelsorger mit Duldung seiner kirchlichen Oberen diesen Etiketten­schwindel in den Pfarrgemeinden Sankt Maximilian und Heilig Geist betreiben darf.

Was sind Wiedereintritte, was ist sein volles Gotteshaus wert, wenn Leute aufgrund einer unseriösen, verzerrenden „Light“-Version von katholisch die Bänke füllen? Oder weil sie von einem kernigen Selbstdarsteller, einer original bayeri­schen „Rampensau“ unterhalten werden wollen, die bestimmt wieder „a drum Watschn“ (verbal) für die  unverschämt rückständige Amtskirche auf Lager hat?

Wirklich fest im Sattel sitzt der Stadtpfarrer nicht. Die Amtsenthebung seines Vorgängers wegen Turbulenzen innerhalb der Pfarrgemeinde (S. 166) lässt aufhorchen. Auch Pfr. Schießler scheint sich seiner weiteren Sache keineswegs sicher zu sein.

Zwar hat er mit seinem Diplom als „installierter Pfarrer“ vorgebaut, stolz betrachtet er die Pfarrgemeinde Sankt Maximilian als seinen „Besitz“, sein festes „Lehen“ (S. 174), in dem er „so gut wie unkündbar“ (S. 173) seine bizarre Show abziehen kann.

Doch die Spannungen zwischen den Vorgesetzten und dem „Rebell“ (S. 240) ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Eigentlich überflüssig von ihm zu betonen, dass er sich für eine „Karriere nach unten“ entschieden habe – eine nach oben, womöglich „in vollem Ornat als Bischof“ (S. 185), hätte man ihm höheren Orts wohl kaum zugestanden.

Als publicitytaugliches Zirkuspferd im ramponierten „Stall“ Kirche lässt man ihn an der ungemütlichen „Basis“ gewähren. Zum Glück hat Pfr. Schießler ein zweites Standbein als Taxifahrer, falls man einmal den „Missliebigen aus Sankt Max[imilian] entfernen“ (S. 174) sollte.

Vorsorglich hat er seinen während der Studentenzeit erworbenen Taxischein, seine „‚Überlebensversicherung‘ für ein unabhängiges Leben in der Großstadt“ (S. 116), regelmäßig verlängert, der derzeitige „ist bis 2019 gültig“ (S. 115).

Ja, warum eigentlich nicht wieder Taxi fahren, Herr Pfarrer?

Unser Autor Thomas May aus Sendenhorst bei Münster ist katholischer Religionspädagoge – Seine E-Mail: thw53may@aol.de

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Zeitschrift „Theologisches“ (Sept.-Okt. 2017)


Realsatire: Roman über die Inszenierung einer Marienerscheinung in Grauenfels

Rezension von Cordula Mohr

Dieses Buch „Das Wunder von Grauenfels“ von Viktoria Benjamin ist bereits verfilmt worden. Der Roman aus dem Lübbe-Verlag liefert auch den komödialen Lesestoff für diesen Spielfilm.

Die Autorin bietet jedoch mehr als nur eine Ansammlung sketschreifer Gags, sondern auch aufschlussreiche Beobachtungen über Menschen und besonders Pilger an einer Erscheinungsstätte.
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Doch zunächst muss die bislang recht öde Ortschaft namens Tatenbeck/Grauenfels zu einem solch vielbesuchten Wallfahrtsort „gemacht“ werden. Dafür sorgt die PR-Agentur „Bin Gin“ mit dem Einfall und der Umsetzung, dort eine Marienerscheinung zu inszenieren. Die beiden Public-relation-Damen suchen sich aus dem Ort die nötigen Personen und talentierten Seherinnen heraus.
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Es ergibt sich dadurch ein Komplott zwischen angesehenen, eingeweihten Leuten und den Seherfamilien. Den Visionärinnen Sophie und Claudia wird eine Schauspiel- und eine Tanzkarriere im Ausland garantiert, wenn sie eine Zeitlang ihre „Marienerscheinungen“ vortäuschen. Alles läuft zunächst nach Plan, abgesehen von einem kleinen Jungen, der sich eigenwillig in die Ereignisse einbringt.
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Zudem mischt sich der Journalist Ruben von der Zeitschrift „Die Lupe“ zunächst unter den Pilgerstrom, der schon nach den ersten Erscheinungen losbricht.
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Das Buch beschreibt sehr eindrucksvoll und augenzwinkernd, warum sich Menschen zu solch sensationsträchtigen Orten aufmachen. Viele erwarten dort eine Heilung oder sonst ein Wunder. Diese geschehen dann auch, nachdem eine Quelle freigelegt wird und dieses Wasser von der Erscheinungs-Madonna sofort als Heilungswasser bestimmt wird. Die Botschaften der „Mother Mary“ werden absichtlich banal und theologisch nicht haltbar formuliert.
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Die katholische Kirche mischt sich daraufhin ein und schickt Geistliche zu den  Seherkindern, um diese zu verhören. Einer dieser Priester will mit einem Sehermädchen anbändeln. Insofern gibt die Autorin dem Klerus einen gewissen Seitenhieb, wenngleich nur in einer kurzen Episode.
Immer wieder beschreibt die Verfasserin einige Paralellen zu bekannten Wallfahrtsorten. Die PR-Damen übernehmen gewisse Eigentümlichkeiten aus Fatima, Lourdes und Medjugorie sowie einigen weiteren Erscheinungsstätten.
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Der einst trostlose Ort Tatenbeck/Grauenfels blüht auf  –  und alles scheint bestens zu laufen, wenn sich nicht der Reporter von der „Lupe“ sehr kritisch mit dem Geschehen auseinandersetzen würde. Er fängt an, intensiv nachzuforschen und stößt auf Neider der ehemaligen Theatergruppe einer Seherin. Damit beginnt in dem Buch die Spannung, ob sich die Erscheinungsgeschichte halten kann.
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Es ist ein schwungvoll und mit Humor, teils auch mit Klamauk geschriebener Roman, was Erscheinungskritiker über leichtgläubige Zeitgenossen schmunzeln lässt. Auch die Kraftanstrengungen der Bin-Gin-Agentur sind bisweilen chaotisch und dadurch filmreif.
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Unsere Autorin Cordula Mohr ist mehrfache Familienmutter aus Rheine und sie leitet die ALfA-Lebensrechtsvereinigung im Nordmünsterland

Neues Buch von Pfarrer Frings „Aus, Amen, Ende?“ ist eher enttäuschend

Von Thomas May

Nach den vielen Vorschusslorbeeren, die das Buch „Aus, Amen, Ende?“ bekam, hatte ich mehr erwartet, und so machte sich beim Lesen zunehmend Enttäuschung breit.

Der Ansatz der „gestuften Nähe“ zu Gemeinde und Kirche ist sicher bedenkenswert und erprobungswürdig, aber deswegen muss und darf man nicht das bisherige, noch von volkskirchlichen Strukturen mitgeprägte Modell über den Haufen werfen. titel-frings

Die dem Autor so wichtigen „Segnungen“ und „Segnungshandlungen“ als vorsakramentale Stufe für „Fernstehende“, die sich „vorsichtig“ annähern und nicht gleich vereinnahmt werden wollen, lassen sich schon heutzutage problemlos integrieren und stellen eine Öffnung zur „säkularen“ Gesellschaft dar.

Ein großer innovativer Wurf ist das nicht. Und dass Menschen sich lokalunabhängig „ihre“ Kirchengemeinde selber aussuchen, sich für sie „entscheiden“, kenne ich seit 40 Jahren.

Ein Fehler wäre es allerdings, wenn man, wie Pfarrer Frings nahelegt, nicht mehr den „Schafen“ hinterherläuft, „die sich gar nicht verloren fühlen“, sondern sich nur noch oder überwiegend in die Haltung der „Offenheit“ für jene begäbe, die von sich aus, von ihrer „Sehnsucht“ getrieben, in der Gemeinde ihrer Wahl andocken wollen.

Sosehr hier „Zuspruch“ notwendig und aufbauend ist, so wenig darf Kirche das andere lassen und ist in Treue zu Vorbild und Auftrag Jesu Christi auch künftig gehalten, Menschen im Sinne der „nachlaufenden Pastoral“ die Frohe Botschaft zu bringen und aufzuschließen, gerade da, wo die Sehnsucht verschüttet, ja zugemüllt ist und ihr Strom erst wieder freigelegt werden muss.

Zu der vielleicht entscheidenden Frage:

Wie kommen Menschen heute zum (katholischen) Glauben bzw. wie kann man sie (mitunter auf Umwegen und über Zwischenstufen) dahin führen, ohne sie zu verschrecken und gleichzeitig ohne tragende Elemente dieses Glaubens wegzulassen oder zu verleugnen, und wie „rekrutiert“ die Kirche heute eine ausreichende Anzahl (haupt- und ehrenamtlicher) Mitarbeiter, die ihren Glauben auch furchtlos, unverkürzt und aufopfernd bezeugen, weiß der Autor leider wenig beizusteuern.

Man kann sich noch so raffinierter pastoraler Methoden und Techniken bedienen, die mögliche und unmögliche „Zufriedenheit“ der Gemeinde-„Kunden“ erforschen wollen, Spielraum für „Partizipation“ gewähren, „Reformen“ (meist Leichter- und Bequemermacher) anleiern, sich Fern- und Näherstehenden mit einem Höchstmaß an „Menschenfreundlichkeit“ und „Achtsamkeit“ andienen:

Ohne lebendigen, authentischen, einfordernden Glauben und wahrhaftig gläubige Menschen, die auch bereit sind, quer zum Zeitgeist zu stehen, „geht“ Kirche nicht. Vor diesem Hintergrund wäre es interessant gewesen, mehr darüber zu erfahren, wie der Autor den von ihm geforderten „wachsenden Anspruch nach innen“ konkret umgesetzt und nachhaltig sichergestellt sehen möchte.

Spaßig fand ich die eingestreuten Anekdoten aus dem Leben des Kaplan Frings, z. B. den Disput über die Frage, warum Haustiere in einem Gotteshaus nichts zu suchen haben.

Angesichts der unverhältnismäßig hohen Anzahl von Grammatik-, Rechtschreib- bzw. Kommafehlern hätte man dem engagierten Buch ein sorgfältigeres Lektorat gewünscht.

Unser Autor Thomas May ist katholischer Religionspädagoge aus Sendenhorst bei Münster

 

 


Buch dokumentiert kirchliche Hilfe für Judenchristen unter dem Nationalsozialismus

Von Dr. Frans du Buy

Buchbesprechung zu: „Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich“

Dieses Buch, das im Jahre 2016 in einer von Pater Lothar Groppe bearbeiteten Neuauflage im Gerhard-Hess-Verlag erschienen ist, schreibt über die Arbeit der Erzbischöflichen Hilfsstelle für nichtarische Katholiken in Wien. titel

Es ist ein aufschlußreiches Werk, das eingehend darüber berichtet, unter welchen schwierigen Verhältnissen von katholischen Stellen in Österreich in der Zeit von März 1938 bis April/Mai 1945 bewundernswerte, opferbereite Arbeit geleistet worden ist, um im Rahmen der NS-Rassenideologie in Bedrängnis geratenen, nichtarischen katholischen Juden in Österreich zu helfen und ihnen somit eine  –  wenn auch keineswegs sichere  –  Aussicht auf Überleben im damaligen NS-Machtbereich zu bieten oder sie sogar außer Landes zu schaffen.

Österreich gehörte nach dem im März 1938 vollzogenen Anschluß  –  allerdings unter dem Namen „Ostmark“  – zu diesem Reich und unterstand demzufolge der reichsdeutschen Gesetzgebung, somit auch den reichsdeutschen judenfeindlichen Gesetzesbestimmungen.

Von der besagten Hilfsstelle in Wien ausgehend ist damals großartige Arbeit geleistet worden, die umso mehr beeindruckend genannt werden muß, weil diese Hilfeleistung auch für die arischen bzw. nichtjüdischen katholischen Helfer ständig  mit einem großen Risiko verbunden war.

Die Behauptung von Hochhuth, daß der zur damaligen Zeit amtierende Papst Pius XII. „mitschuldig war am Holocaust“ oder jene von Gräfin Marion Döhnhoff, daß „gegen die Verbrechen an den Juden keine Proteste laut wurden, weder von den Kirchen noch von sonst jemandem“, entsprechen nicht den Tatsachen.

Oberstes Gebot war damals die Überlegung, in welcher Weise gegen die „Judenpolitik“ des NS-Regimes vorgegangen werden sollte und könnte. Lautes Aufschreien würde nur zum Ergebnis führen, daß die Protestierenden selbst von NS-Seite  in irgendeiner Weise „unschädlich“ gemacht werden würden.

In Anbetracht der damals bestehenden wirklichen Machtverhältnisse blieb nur die einzige Möglichkeit, beharrlich, aber dennoch in aller Stille Hilfe zu leisten. Das müssen die die Leiter und die in dieser Hilfsstelle tätigen Mitarbeitenden  –  ein jeder an seinem eigenen Platz  –  wohl auch so empfunden haben. Denn in dieser Weise vorzugehen, war zur damaligen Zeit gewiß die einzige Möglichkeit, bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen und ihnen beizustehen.

Wie unsinnig die Ansichten von Menschen wie Hochhuth, Gräfin Marion Dönhoff und viele andere sind, wird z. B. auch ersichtlich aus einem späten Bekenntnis von Winston Churchill, der nach dem Zweiten Weltkrieg u. a. folgendes von sich gab:Davidstern

„Wir sind 1939 nicht in den Krieg eingetreten um Deutschland vor Hitler  oder die Juden vor Auschwitz oder den Kontinent vor dem Faschismus zu retten. Wie 1914 sind wir für den nicht weniger edlen Grund in den Krieg eingetreten, daß wir eine deutsche Vorherrschaft in Europa nicht akzeptieren konnten.“

Die damaligen Kriegsgegner des Deutschen Reiches hatten ganz andere, „wichtigere“ Kriegsziele, als die Juden im NS-Bereich vor ihrer Ausmerzung zu retten.

Mit Enttäuschung, ja mit Entsetzen muß man aber auf Seite 34 des Buches lesen, daß der Ältesten-Rat der Juden, der Ende 1942 in Wien für die in dieser Stadt verbliebenen Glaubens- und Herkunftsjuden die offizielle Vertretung übernahm, zugleich aber auch die Nicht-Glaubens-Juden vertrat. Eine eigene Vertretung von Nicht-Glaubensjuden im Rahmen des Ältestenrates konnte trotz mehrfacher Interventionen nicht erzielt werden. Hier wäre die Frage berechtigt, weshalb in einer Zeit höchster Gefahr von orthodox-jüdischer Seite den Nicht-Glaubensjuden eine eigene Vertretung im Ältestenrat verweigert wurde. Gab es etwa Juden erster und zweiter Kategorie?

Das vorliegende Buch ist auch darum wertvoll, weil in ihm auf den Seiten 227 bis 268 eine ausführliche Auflistung enthalten ist von „Gesetzliche Regelungen und Verordnungen Juden betreffend, welche Bestimmungen im Wesentlichen auch auf rassische Mischlingen zutrafen“.

Neben den positiven Bemerkungen zu diesem Buch gibt es nach der Meinung des Rezensenten auch einige Formulierungen, die nicht so glücklich verfaßt worden sind, weil diese möglicherweise nicht genau überdacht worden sind oder auch nicht immer unwiderlegbaren Tatsachen widersprechen. So wird vom „Anschluß“ Österreichs im Jahre 1938 geschrieben. Warum muß das Wort Anschluß zwischen Anführungszeichen gesetzt werde?

Foto: Konrad RuprechtDer Wunsch nach Anschluß an das Deutsche Reich war in Österreich bereits Ende 1918 und damals noch mehrmals zum Ausdruck gebracht worden, wurde aber von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges verboten und war von ihnen in den Friedensdiktaten von 1919 festgelegt worden. In Anbetracht der schwierigen Lage, in der sich Österreich in den Jahren zwischen den beiden großen Kriegen befand, war der Wunsch der Österreicher nach Anschluß an das Deutsche Reich durchaus verständlich.

Als die Verhältnisse in Mitteleuropa sich in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wieder geändert hatten, ergriff der Diktator Hitler die Gelegenheit, den nie erloschenen Wunsch der übergroßen Mehrheit der Österreicher nach diesem Anschluß, diesen Wunsch, der auch in seinem Sinne war, zu erfüllen. Mit überwältigender Mehrheit wurde diesem Anschluß in einer Volksabstimmung von den Österreichern zugestimmt.  Es handelte sich hier um eine späte, aber dennoch klare Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts.

Daß die Österreicher mit dem Anschluß an das Deutsche Reich auch mit vielen damals im Deutschen Reiche geltenden, als negativ zu bewertenden Gesetzen und Praktiken konfrontiert wurden und sich zum Teil auch davon distanzierten, sind Tatsachen, die zur Kenntnis genommen und möglichst objektiv bewertet werden sollten. 

Aus derselben Überlegung hält der Rezensent  es nicht für richtig, wie auf Seite 99 des Buches geschehen ist, von Besetzung Österreichs zu sprechen und zu schreiben. Der Wunsch der übergroßen Mehrheit der Österreicher zu diesem Anschluß war klar. Eigenes Staatsterritorium kann nicht von eigenen Truppen „besetzt“ werden. So ist es auch nicht richtig, die im Jahre 1936 erfolgte, von deutscher Seite eigenmächtig vorgenommene Rücknahme des Rheinlandes als „Rheinlandbesetzung“ zu bezeichnen.

Schließlich noch ein Hinweis auf eine Formulierung auf Seite 29, wo geschrieben wird: „Mit den nach Polen Evakuierten (Juden)“. Die Juden wurden nicht evakuiert, sondern die Gebiete, in denen sie bis dahin lebten. Diese Gebiete wurden nach dem Sprachgebrauch des NS-Regimes „judenfrei“ gemacht.

Unser Autor, Dr. Frans du Buy, ist ein in Deutschland lebender, niederländischer Völkerrechtler und Jurist

Hinweis: Diese Neuerscheinung kann portofrei zum Preis von 19,80 € bei uns bezogen werden.

 


Das Priestertum aus der Sicht von Papst Benedikt und Kardinal Gerhard Müller

Buchbesprechung von Felizitas Küble

Buch-Daten: Benedikt XVI./Joseph Ratzinger. Die Liebe Gottes lehren und lernen. Priestersein heute. Herder-Verlag. ISBN 978-3-451-37880-5. Gebundene Ausgabe. 312 Seiten. 24,99 €.

Sowohl zeitlich wie inhaltlich passend zum 65. Priesterjubiläum Joseph Ratzingers am 29. Juni 2016 erschien im Herder-Verlag der Sammelband „Die Liebe Gottes lehbuch-benediktren und lernen“ über das „Priestersein heute“. Vor 65 Jahren, am 29. Juni 1951, war Joseph Ratzinger gemeinsam mit seinem Bruder Georg Ratzinger von Kardinal Michael Faulhaber im Dom von Freising zum Priester geweiht worden.

Das Eiserne Priesterjubiläum Benedikts wurde am 28. Juni 2016 im Vatikan feierlich begangen, wobei Papst Franziskus eine Begrüßungsansprache hielt. Der bald 90-jährige Benedikt XVI. rundete den Festakt in der Sala Clementina mit einer Rede ab, die mit der Hoffnung schloß, „dass die Welt nicht eine Welt des Todes, sondern des Lebens sei, eine Welt, in der die Liebe den Tods besiegt hat. Danke Ihnen allen. Der Herr segne uns alle. Danke, Heiliger Vater.“

Der Sammelband, der dem Jubilar bei dieser römischen Feierstunde überreicht wurde, enthält 43 Predigten aus den Jahren 1978 bis 2000, die Benedikt XVI. als Erzbischof von München und danach als Präfekt der Glaubenskongregation über den Klerikerstand, vor allem über Priester und Diakone gehalten hat.

Im Anhang befindet sich überdies sein päpstliches Schreiben vom 16. Juni 2009 zu Beginn des von ihm ausgerufenen Priesterjahres, das er an seine „Mitbrüder im priesterlichen Dienst“ richtete. Anlaß hierfür war der 150. Jahrestag des Geburtstags von Johannes Maria Vianney. Der heilige Pfarrer von Ars gilt als Schutzpatron der Priester bzw. „Schutzheiliger aller Pfarrer der Welt“, wie es in Benedikts Rundschreiben heißt.

Der Jubiläumsband „Die Liebe Gottes lehren und lernen“ beginnt mit einem vierseitigen Vorwort von Papst Franziskus; danach folgt eine ausführliche Einführung von Kardinal Müller über Krise und Erneuerung des Priestertums heute.

Papst Franziskus erweitert die „Theologie auf Knien“

Das Wort von der „Theologie auf Knien“ gilt mittlerweile fast als stehender Begriff, seitdem Papst Franziskus damit die theologische Werke des reformorientierten Kurienkardinals Walter Kasper würdigte, insbesondere dessen Sicht auf die göttliche Barmherzigkeit.Foto Michaela Koller

Es scheint, als habe der Pontifex nun beschlossen, dieses Prädikat zukünftig etwas großzügiger zu verteilen  –  und zwar selbst an jene Persönlichkeiten, die man eher dem gegenteiligen innerkirchlichen „Flügel“ zurechnen möchte.

Tatsache ist jedenfalls, daß Franziskus sein Vorwort für das erwähnte Benedikt-Buch mit den Worten beginnen läßt:

„Jedes Mal, wenn ich die Werke von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. lese, wird mir klar, dass er eine Theologie „auf Knien“ betrieben hat und dies noch tut.“ (S. 11) Auf der nächsten Seite bestätigt er dem „Papst emeritus“ erneut eine „Theologie auf Knien“.

Quasi-Heiligsprechungen zu Lebzeiten des Betreffenden wirken in der Regel eher unangemessen, bestenfalls verfrüht. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, was mitunter auch für Lobesworte gilt. Franziskus bescheinigt Benedikt jedenfalls, daß er „wirklich glaubt, wirklich betet“  –  und fügt hinzu: „Man sieht, dass er ein Mann ist, der die Heiligkeit verkörpert“.

Ist das Gebet der „einzige“ Schlüssel zum Herzen Gottes?

Er schreibt sodann, vielleicht könne Benedikt in seiner klösterlichen Zurückgezogenheit auf eine „noch leuchtendere Weise“ jene „innere Mitte des priesterlichen Dienstes bezeugen“, nämlich „das Gebet ohne Unterlass, mit Leib und Seele“, welches der „entscheidende Faktor“ sei. Radio Vatikan

Im päpstlichen Vorwort heißt es weiter: „Das Gebet ist der Schlüssel, der das Herz Gottes aufschließt; der einzige, dem es gelingt, Gott immer wieder aufs Neue in diese unsere Welt hineinzuführen; und auch der einzige, dem es gelingt, die Menschen und die Welt immer aufs Neue Gott zuzuführen.“

So wichtig zweifellos das Beten  –  zumal das fürbittende Gebet  –  für die Frömmigkeit des Geistlichen und für seine Sendung zum Heil der Seelen ist, so scheint gleichwohl in erster Linie die Feier der heiligen Eucharistie der zentrale Dienst des Priesters zu sein, zudem auch die Spendung der weiteren Sakramente, die ihm anvertraut sind; diese Sakramente als wirksame Heilszeichen sind es vor allem, welche „die Menschen und die Welt immer aufs Neue Gott zuführen“.

Papst Benedikt: „Aller Segen kommt aus dem Opfer“

In einer jener Predigten Benedikts, die in dem Gedenkband veröffentlicht sind, heißt es sehr klarsichtig, „dass aller Segen aus dem Opfer kommt“; deshalb sei die „höchste Aufgabe des Priesters das Opfern“. Damit sei zunächst die Feier der hl. Eucharistie gemeint, „in der das Kreuzopfer Jesu Christi von Neuem gegenwärtig wird“. Von Julia Kesenheimer geschickt

Es sei für den Priester entscheidend, „immer mehr aus der Kraft dieses Opfers zu leben“, damit er daraus Segen für sich und andere schöpfen könne (S. 262). Die Sakramente, die der Priester spende, seien gleichsam „ein Segen von gesteigerter Wirksamkeit“ (S.161).

Hinter dieser Haltung solle  –  so erinnert Joseph Ratzinger  –   zugleich immer auch das „persönliche Opfern des Priester stehen, der Tag um Tag seine eigene Liebe, die Sehnsucht seines Lebens nach Glanz und Glück weggibt, um sich ganz Gott zur Verfügung zu halten“ (S. 162).

Theologisch aufschlußreich ist auch die Einführung, die Kurienkardinal Gerhard Müller dem Sammelband voranstellt. Der frühere Bischof von Regensburg und heutige Präfekt der Glaubenskongregation äußert sich unter dem Titel „Jenseits der Krise – der Erneuerung entgegen“ fundiert über das „katholische Priestertum“.

Der Priester wirkt als „Mitarbeiter Gottes“

Dieses sei, so der Autor, dadurch gekennzeichnet, daß der geweihte Amtsträger „Wort und Wirken Gottes“ sakramental  –  als „wirksames Zeichen“  –  weitergebe. Er erinnert an Pauli Worte von den Aposteln als „Diener Christi und Verwalter von Geheimnissen Gottes“ (1 Kor 4,1) sowie als „Mitarbeiter Gottes“ (2 Kor 6,1). media-FZMqzvujo1V-2

Durch das Osterereignis sei der „Grundstein dafür gelegt, jede Krise zu überwinden“ und „von der Tragödie zum Heil“ zu gelangen (S. 16/17), denn „durch die Auferstehung hat Christus die größte Krise des Glaubens überwunden, die es je gegeben hat: die vor-österliche Krise der Jünger“ und folglich „auch die Krise des Priestertums“.

Er fährt fort: „Indem wir (…) unseren Blick auf ihn richten, unsere Augen in die des Hohenpriesters (…) versenken, könne wir jedes Hindernis, jede Schwierigkeit überwinden“ (S.19).

Neben dem Völkerapostel zitiert Kardinal Müller auch Petrus, den ersten Papst, mit seiner Mahnung „an die Priester der Kirche“, die da lautet: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes…Seid Vorbilder für die Herde nach dem Beispiel Christi, des obersten Hirten“ (1 Petr 5,2-4).

Kritik an bibelkritischer protestantischer Exegese

Die Erfüllung dieser einzigartigen Sendung werde allerdings erschwert, so der Autor, durch eine „radikale Verunsicherung der christlichen Identität“. Als Gründe für die „Krise des Priestertums“ benennt er auch „interkonfessionelle Faktoren“, nämlich zum Beispiel die „naive Aufgeschlossenheit vieler katholischer Kreise für die protestantische Exegese, die in den 1950er und 1960er Jahren in Mode kam(S. 21).AL-0004

Dazu habe auch eine „radikale Kritik am Kult“ gehört, außerdem der „moderne Gedanke von der Autonomie des Subjekts“ sowie das Misstrauen gegenüber „jeglicher Ausübung von Autorität“ (S. 22).

Wie der Verfasser weiter erläutert, unterzog Joseph Ratzinger diese vom Protestantismus getragenen Thesen „nun seinerseits einer genauen kritischen Überprüfung“ (S. 22). Dabei habe Ratzinger zwischen „theologischen und philosophischen Vorurteilen“ auf der einen Seite und dem „Gebrauch der historischen Methode“ andererseits sorgsam unterschieden.

Auf diese Weise könne man durchaus auch mittels moderner Bibelexegese zu jenen dogmatischen Aussagen kommen, „die vor allem von den Konzilen von Florenz und Trient wie auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt wurden“ (S. 22).

Sich den Zerrbildern der Welt entziehen

Kardinal Müller erinnert an den Blick Jesu auf jene, „die er heute wie zu jeder Zeit aussendet, um seine Herde zu weiden. Dieser Blick ist es, der uns auszeichnet und unsere Priesterberufung den Zerrbildern der Welt entzieht (…) Es ist der Blick des obersten Hirten, der seine Hirten seit jeher erneuert und für die leidenschaftliche Sendung frei macht, zu der er sie trotz ihrer Armseligkeit und Erbärmlichkeit berufen hat“ (S. 25). media-373874-2

Dieser Blick sowie die Worte Christi seien, so der Autor abschließend, die „stete Quelle der priesterlichen Identität“  – und sie sind es auch, „die uns die Wüste jeder Krise überwinden lässt, um dem verheißenen Land entgegenzugehen, das es jeden Tag aufs Neue zu erobern gilt: dem verheißenen Land seines Reiches“ (S. 25).

Die in dem Sammelband abgedruckten Predigten Benedikts während seiner Zeit als Erzbischof und Kurienkardinal sind theologisch eindringlich und gehaltvoll, zudem sprachlich anspruchsvoll-elegant und verständlich zugleich, wie bei diesem hochgelehrten und tiefschürfenden Geist nicht anders zu erwarten ist. Dabei gelingt es Ratzinger immer wieder, grundlegende Wahrheiten kurz auf den Punkt zu bringen, so etwa mit seinem Hinweis: „Der Priester muss opfern, segnen, vorstehen, predigen und taufen“ (S. 159).

Dabei verdeutlicht er manche Erkenntnis mit ehrlichen Anekdoten wie etwa der folgenden:

„Wie oft habe ich mich als Student darauf gefreut, einmal predigen zu dürfen. (…) Gefreut darauf besonders dann, wenn mir ein Wort der Schrift, ein Zusammenhang unserer Glaubenslehre, wieder neu aufgeleuchtet war und mich froh gemacht hat. Aber wie war ich enttäuscht, als die Wirklichkeit ganz anders war, als die Menschen offensichtlich nicht auf das Wort der Predigt, sondern vielmehr auf ihr Ende warteten“ (S. 159/160).

Einer verlorenen Welt unbeirrbar Gottes Wort verkünden

Doch er ließ sich von widrigen Erfahrungen nicht beirren in seinem Bestreben,  die Gläubigen mit der Botschaft des HERRN aufzurichten und aufzurütteln, aber auch Ungläubige damit zu konfrontieren:

„Gottes Wort gehört heute nicht zu den Mode-Artikeln, nach denen man fragt und ansteht. (…) Indem die Kirche es wagt, immer noch in einer Welt, in der Lüge, Verstellung und Sensation Trumpf geworden sind, unbeirrbar Gottes Wort zu sagen, schafft sie Gott Platz inmitten dieser Welt“ (S. 160).

Es bleibt zu hoffen, daß dieser tiefgründige Sammelband vielen Lesern die biblischen und kirchlichen Wahrheiten über das katholische Priestertum nahebringt, damit sie den segensvollen und opferbereiten Dienst dieser „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu schätzen wissen und ihnen als Laien bzw. „Weltchristen“ hilfreich zur Seite stehen, etwa durch anhaltendes Fürbittgebet, ehrenamtliche Mitarbeit, persönliche Ermutigung und öffentliche Verteidigung des oftmals attackierten katholischen Priestertums.

Erstveröffentlichung dieser Rezension von Felizitas Küble in der Zeitschrift „Theologisches“ (Okt. 2016)  –  Mail: felizitas.kueble@web.de