Pichincha: Mutter Marianas „Erscheinungen“ eines gekreuzigten Jesuskindes

Von Felizitas Küble

Im erscheinungsbewegten Bereich schafft die fromme Phantasie des öfteren einen theologischen Salto mortale.

Dazu gehört auch die Nonne „Mutter Mariana von Jesus Torres“, der die Madonna und ein gekreuzigtes Jesuskind auf dem Berg Pichincha in Ecuador erschienen sein soll. Die aus Spanien stammende Visionärin lebte von 1563 bis 1635, war also zwei Generationen früher geboren als die weitaus bekanntere Mystikerin Maria von Agreda (1602).

Die angebliche Gottesmutter bezeichnete sich bei Mutter Mariana als „Unsere liebe Frau vom guten Erfolg“, wieder ein neuer Ehrentitel in der Erscheinungslandschaft.

Mit „Nachrichten“ dieser (Aber-)Glaubensart ist das Portal Gloria-TV gut bestückt: https://gloria.tv/photo/ZTUFAP1ihwFE4RFdo73pr3z1C

Die Erscheinung des göttlichen Kindes auf dem Pichincha-Berg soll sich 1628 ereignet haben:
„Mutter Mariana sah die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael das göttliche Kind zum Berg Pichincha tragen, der die Stadt Quito überblickt. Hier nahm das Jesuskind die Gestalt eines Jungen im Alter von 12 bis 15 Jahren an, sein Ausdruck war süß und majestätisch. Er warf sich mit ausgestreckten Armen wie am Kreuz auf den Boden und betete zu seinem ewigen Vater, er möge Ecuador mit Gunst betrachten.
Ein himmlisches Licht hüllte den ganzen Berg ein, und das Christkind erhob sich und stand vor einem Kreuz mit der Inschrift INRI an der Spitze. An seinem linken Arm hing eine Dornenkrone; rechts davon eine weiße Stola.  

Das Jesuskind bekleidete sich mit der weißen Tunika und legte über sie einen prächtigen Mantel. Dann näherte er sich dem Kreuz, nahm die Dornenkrone und legte sie auf sein Haupt. Er streckte seine Arme aus und blieb gekreuzigt, aber ohne dass Nägel an seinen Händen oder Füßen auftauchten.

Große Tränen liefen seine Wangen hinunter, die von den Erzengeln gesammelt und in der neuen Nation verteilt wurden.“

Die ganze Vision ist theologisch unausgegoren. Erst erscheint das kleine Jesuskind, das sich plötzlich in einen Jungen verwandelt; der Knabe nimmt eine gekreuzigte Haltung ein, seine Tränen werden von Erzengel gesammelt.

Welchen heilsgeschichtlichen Sinn sollen diese Verwandlungszenen haben?

Damit nicht genug, geht es mit dem kuriosen Darstellungen munter weiter:

„Dann befahl Jesus dem heiligen Gabriel, die Hostie hinter seinen Kopf zu setzen, wo sie zu einer Art Heiligenschein wurde…Als Blutstropfen von den Wunden an seinen Händen, Füßen und seiner Stirn fielen, richtete er seinen Blick auf das Land und sagte die folgenden Worte:

„Ich kann nicht mehr tun, um Meine Liebe zu dir zu zeigen. Undankbare Seelen, die die große Liebe und Aufmerksamkeit Meines Herzens mit Verachtung, Sakrilegien und Lästerungen zurückzahlen. Zumindest du …bist mein Trost in meiner eucharistischen Einsamkeit.“

Was hat der Jesusknabe mit der Eucharistie zu tun, die Christus einen Tag vor seinem Tod gestiftet hat? Was soll der Unfug, die Hostie „hinter seinen Kopf zu setzen, wo sie zu einem Heiligenschein wurde“?

In Wirklichkeit ist ER doch im Altarsakrament gegenwärtig, so daß es geradezu sinnwidrig wäre, sie als „Heiligenschein“ einzusetzen, als ob der göttliche Erlöser solch alberne Spielereien nötig hätte.

Typisch für Erscheinungsbotschaften ist die angebliche Heilands-Klage über die böse Welt, ihre „Lästerungen und Sakrilegien“ – aber wie gut, daß es die auserwählten Sühneseelen und Sühneopferseelen gibt, die den Herrn „trösten“ in seiner „Einsamkeit“, die es in Wirklichkeit bei GOTT nicht geben kann, denn die drei göttlichen Personen sind zueinander in vollkommener Liebe vereint, so daß keine von ihnen menschlichen „Trost“ benötigt, um nicht „einsam“ zu sein.

Was das „gekreuzigte Jesuskind“ betrifft, so gab es diese Vorstellung in Lateinamerika schon vor diesen Botschaften an Mutter Mariana.

Die Darstellung Jesu als Kleinkind  – nicht selten mit einer Dornenkrone oder in Ketten gelegt –  spielte in der Kunst dieses Kontinents eine viel größere Rolle als in Europa. Es ist unklar, ob es sich dabei vielleicht um eine Spätfolge früherer heidnischer Vorstellungen von „Kindgottheiten“ handelt.

„Gekreuzigte Kinder“ gibt es im Abendland sonst nur im Zusammenhang mit Ritualmord-Legenden, die von mehreren Päpsten als judenfeindliche Verleumdung zurückgewiesen wurden. Trotz dieser Warnungen von höchster Warte hörten die Ritualmord-Lügen nicht auf, was zur Ermordung und Hinrichtung vieler Juden führte, vor allem in Spanien und Italien.


Ritualmord-Legenden: Simon von Trient und die Verleumdung der Juden

Von Felizitas Küble

Wer meint, die völlig haltlosen Gerüchte über angeblichen „Ritualmord“ von Juden gegen Christen seien mittlerweile aus allen „christlichen“ Köpfen verschwunden, irrt sich leider. Vor allem in erz-traditionalistischen Kreisen hält sich z.B. hartnäckig die Verehrung des „seligen“ Anderl vom Rinn und des „heiligen“ Simon von Trient, die beide – so die frühere kirchliche Ansicht – Opfer jüdischer Ritualmörder gewesen sein sollen.

Einmal abgesehen davon, daß ein Opfer noch lange kein Märtyrer ist, weil das Blutzeugnis voraussetzt, daß der Tod für den Glauben freiwillig (!) in Kauf genommen wird, was bei Kleinkindern aber nicht der Fall sein kann, gibt es für die Ritualmordlegenden aus dem Mittelalter und der beginnenden Neuzeit keine historischen Belege. 

BILD: Menorah (siebenarmiger Leuchter) in der Synagoge von Münster

Das hat die Kirche immerhin selber eingesehen, auch im Falle des „heiligen“, sogar mit einem Fest am 24. März versehenen Knaben Simon von Trient (die meisten Heiligen erhalten kein Fest, sondern nur einen Gedenktag).

Während Papst Sixtus IV. die Verehrung des „Märtyrerkindes“ noch unter Androhung einer Exkommunikation verboten hatte, wurde der Kult von seinem Amtsnachfolger Sixtus V. gebilligt.

1965 wurde dieses vermeintliche Ritualmord-Opfer  – verstorben 1475  –  nach Abschluß einer Untersuchungskomission durch ein päpstliches Dekret aus dem Heiligen-Verzeichnis gestrichen.

Ähnlich geschah es danach mit dem „seligen“ Anderl von Rinn, einem Kind aus Österreich, dem seinerzeit dasselbe Schicksal angedichtet wurde wie Simon. Obwohl der Tiroler Bischof Stecher den Anderl-Kult 1994 verboten hat, wird von stur-katholischen Katholiken nach wie vor eine jährliche Wallfahrt zu ihm veranstaltet.

Wer freilich seine Vorurteile über Juden nicht ablegen möchte und sich zudem im ultra-traditionalistischen Milieu befindet, der propagiert weiter die Verehrung dieser „Märtyrerkinder“.

Ein trostloses Beispiel dafür ist diese englisch-sprachige Webseite „St. Simon of Trent“: http://www.stsimonoftrent.com/

Nebst der Wiederbelebung von Ritualmordlegenden sammelt man dort auch zahllose Zitate von früheren Theologen und Kirchenleuten (freilich meist ohne Quellenbeleg), die für den Kampf gegen das Judentum geeignet erscheinen.

Wobei auffällt, daß der hl. Vinzenz Ferrer gleich mehrfach auftaucht. Dieser mittelalterliche Prediger hat sich freilich ohnehin mehrfach geirrt – nicht nur hinsichtlich der damaligen Päpste und Gegenpäpste, sondern auch in puncto Weltuntergang, den er aufgrund seiner Visionen (!) noch zu seinen Lebzeiten ankündigte. Bekanntlich werden Personen nicht wegen irgendeiner Unfehlbarkeit zur Ehre der Altäre erhoben, sondern wegen ihres heroischen Tugendgrads (was Irrtümer nicht ausschließt).

Auch Pater Pio wird – allerdings auch ohne jeden Beleg  –  zitiert mit dem Satz: „Die Juden sind Feinde Gottes und Feinde unserer heiligen Religion.“  – Falls diese Aussage wirklich von ihm stammt, so entspricht dies nicht dem heiligen Paulus, der sich im Römerbrief 9 – 11 deutlich differenzierte ausdrückte. Dort heißt es zwar, nichtchristliche Juden seien „Feinde um des Evangeliums willen“, aber direkt davor wird gesagt: „Sie sind Freunde um der Väter willen“. – Man soll also bitte b e i d e   Gesichtspunkte beachten, nicht allein den negativen.

Besonders schlimm ist der groß geschriebene Satz: „Die einmal auserwählten Leute sind jetzt die verfluchte Rasse.“

Einmal abgesehen davon, daß die Juden keine „Rasse“, sondern ein Religionsvolk sind, hat auch hier Paulus genau das Gegenteil geschrieben, nachzulesen in Röm. 9-11, wo der Völkerapostel klarstellt, daß das jüdische Volk  n i c h t  von Gott verworfen (und damit erst recht nicht „verflucht“) ist – vgl. Röm 11,1 ff. Aber Bibel-Lektüre scheint nicht die Stärke dieser Ultra-Traditionalisten zu sein.

Die erwähnte Webseite bereichert die Fälle der Knaben Simon und Anderl (Andreas) noch um St. Christopher, der 1490 in der Nähe von Toledo (Spanien) „durch jüdischen Ritualmord“ getötet worden sein soll. Angeblich habe dieser „Fall“  – so heißt es dort weiter  – die judenfeindlichen Dekrete der Königin Isabella seinerseits begüstigt haben (Vertreibung der Juden).

Übrigens haben sich gerade die Päpste immer wieder in amtlichen Dekreten gegen Ritualmordbeschuldigungen gewandt und entsprechende Prozesse gegen Juden verboten.

So hat z.B. Innozenz IV. bereits im Jahre 1247 derartige Greuelmärchen komplett als Verleumdungen zurückgewiesen. Näheres dazu in diesem wissenschaftlich fundierten Buch: https://www.amazon.de/Ritualmord-Legenden-Europ%C3%A4ischen-Geschichte-Buttaroni/dp/3205770285

In der Studienarbeit „Die Judenverfolgungen und Ritualmordlegenden im Mittelalter am Beispiel von Simon v. Trient“ (Grin-Verlag) heißt es dazu, der Vatikan habe die Juden vor der Trienter Causa „durchgängig in Schutz genommen“: „So existierten unzählige Bullen zum Schutz der Juden“. Diese Haltung sei „ausnahmslos verteidigt und ständig durch Bullen erneuert“ worden.

Zum Ritualmord-Vorwurf sei zudem angemerkt, daß er schon deshalb abwegig ist, weil gläubigen Juden sowohl der Genuß wie die Berührung von Blut verboten ist. Deshalb dürfen sie kein Fleich essen, das noch Blut enthält (das wäre „unkoscher“).  

Gottlob gab es auch Fälle, in welchem die Betreiber einer Selig- bzw. Heiligsprechung ihr Ziel nicht erreicht haben, z.B. bei dem Mädchen Ursula Pöck aus Lienz, deren Tod 1442 ebenfalls Juden zur Last gelegt wurde. Doch hier kam es nicht einmal zu einem diözesanen Seligsprechungsprozeß. Typisch, daß sich die ersten „Zeugen“des vermeintlichen Ritualmords erst 33 Jahre später (1475) erstmals dokumentarisch zu Wort meldeten. (Weitere Infos hier: https://www.zobodat.at/pdf/VeroeffFerd_70_0219-0234.pdf)

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


„Unfehlbarkeit“ von Heiligsprechungen?

Von Felizitas Küble

In katholischen Gesprächszirkeln und Blogs wird immer wieder über die Frage diskutiert, ob Heiligsprechungen unter die päpstliche Unfehlbarkeit fallen.

Zunächst vorweg zur Klarstellung: Es steht fest, daß Seligsprechungen nicht unfehlbar sind. Die Kirche hat hier sogar bisweilen die Notbremse gezogen, z.B. im Fall des „seligen“ Knaben Anderl (Andreas) von Rinn, dessen Kult sie ausdrücklich zurückgenommen hat.

Es soll sich, so glaubte man einst, bei dem ermordeten Kind um ein Opfer jüdischen Ritualmords gehandelt haben. Nachdem die unhistorische Herkunft dieser Legende erwiesen war, untersagte die Kirche eine weitere Verehrung des Anderl.

Zudem müssen Seligsprechungen nicht vom Papst selbst verkündet werden – das kann grundsätzlich auch ein Kardinal oder kirchlicher Gesandter übernehmen, was  mehrfach vorgekommen ist, insbesondere unter dem Pontifikat Benedikts. 

Nun stehen Heiligsprechungen zweifellos eine Stufe höher als Seligsprechungen: Während es bei Seligsprechungen nur um einen regionalen oder um einen auf einen bestimmten Orden beschränkten Kult geht, ist dieser bei Heiligsprechungen universal, also für die weltweite Kirche gültig.

Damit eine bestimmte päpstliche Entscheidung jedoch „unfehlbar“ ist, muß es klare Bestimmungen geben; dafür genügend keine spekulativen „Ermessensgründe“ oder fromme Anmutungen, auch nicht die „Mehrheitsmeinung“ der früheren oder heutigen Theologen etc.

Tatsache ist jedenfalls, daß es

  1. kein Dogma gibt, wonach Heiligsprechungen unfehlbar seien
  2. in zweitausend Jahren keine einzige entsprechende Konzilsäußerung vorliegt
  3. Die päpstliche Kanonisations-Formel den entscheidenden Begriff „unfehlbar“ nicht enthält

Es existiert zudem keine päpstliche Enzyklika, die sich diesem Thema widmet oder sich auch nur beiläufig damit befaßt (und selbst wenn es so wäre: solche Hirtenschreiben fallen wiederum auch nicht unter die päpstliche Unfehlbarkeit).

Abgesehen davon geht es bei einer Heiligsprechung nicht um eine Entscheidung über eine Glaubens- oder Sittenfrage. Zudem sind unfehlbare Glaubenssätze (= Dogmen) für Katholiken verpflichtend; die Heiligenverehrung aber nicht, sie wird lediglich empfohlen.

Überdies beruhen Dogmen auf der göttlichen Offenbarung (Bibel und apostolische Überlieferung), nicht jedoch die einzelnen Kanonisationen. Es geht hier auch nicht um jenes „hinterlegte Glaubensgut“ (depositum fidei), das „immer und überall“ in der Kirche vorhanden war.

Jene, die behaupten, Heiligsprechungen seien unfehlbar, müssen erst einmal den Beweis hierfür erbringen – und nicht umgekehrt.

Dazu kommt, daß es mehrfach eine „Reform“ des Heiligenkalenders gab.

Das bedeutet vor allem, daß bestimmte Heilige, die man zuvor als solche verehrte, aus dem Martyrologium „gelöscht“ wurden, wenn z.B. erhebliche Zweifel an ihrer historischen Existenz aufkamen, es zu viel legendäres Rankenwerk um ihr Leben gab oder inhaltliche Bedenken auftraten. Weil sich Kirchenkritiker auf Clemens v. Alexandrien beriefen, wurde er im Jahr 1584 aus dem Heiligenkalender gestrichen.

BILD: Der hl. Christopherus gilt als Patron der Autofahrer (Foto: Dr. Bernd F. Pelz)

Manchmal kam es auch zu Kompromissen, etwa beim hl. Christopherus, der 1962 vom Vatikan aus der Heiligenliste gestrichen wurde, aber im deutschen Diözesankalender verbleiben durfte. 2004 wurde er wieder  n e u  ins römische Martyrologium aufgenommen.

Sehr bekannt und beliebt war die 1837 päpstlich in den Heiligenkalender aufgenommene Philomena; 1841 ehrte Gregor XVI. sie zudem mit einem Fest am 11. August. In einem alten Buch wurde sie im Titel gar als „Die Wundertäterin des 19. Jahrhunderts“ gewürdigt; sie war die Lieblingsheilige des Pfarrers von Ars. –  Dennoch wurde sie 1961 aus dem Verzeichnis der Heiligen entfernt. Manche Anhänger akzeptieren das nicht und verehren sie fleißig weiter; es gibt sogar eine eigene „Philomena“-Fanzeitschrift usw. (Diskussionen darüber u.a. hier: https://kreuzgang.org/viewtopic.php?f=1&t=3404)

Sodann existierte z.B. jahrhundertelang ein kirchlicher Kult um den „heiligen“ Simon von Trient, auch angeblich ein Opfer jüdischer Ritualmörder. Sein Gedenktag war der 24. März, sein Name stand im Martyrologium, wie man diesem Auszug aus einem älteren Buch entnehmen kann: http://www.heiligenlegenden.de/monate/maerz/24/simon/home.html

1965 hat die Kirche jedoch die Verehrung eingestellt und erklärt, der „Ritualmord“ zu Trient habe nie stattgefunden.

Dies hatte allerdings Papst Sixtus IV. schon vierhundert Jahre früher erkannt und die Simon-Verehrung sogar mit Exkommunikation bedroht. Doch er konne die damalige judenfeindliche Stimmung nicht wirksam eindämmen. Sein Nachfolger Sixtus V. zeigte sich gegenüber dem verhängnisvollen Volks(aber)glauben nachgiebiger und akzeptierte den Simon-Kult im Jahre 1588. Die Kirche hat hier zweimal ihren Standpunkt geändert: Erst von Contra auf Pro, dann von Pro auf Contra.

Ähnlich lief es beim „heiligen“ Werner von Bacharach; hier wurde der entsprechende Eintrag ins Heiligenverzeichnis 1963 „gelöscht“: https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_von_Oberwesel

Nun wird manchmal der Einwand erwähnt, Heiligsprechungen müßten schon aus Gründen der „Angemessenheit“ unfehlbar sein, weil Katholiken, die sich um Fürbitte an einen Heiligen wenden, hierüber eine absolut sichere Klarheit benötigen würden.

Dasselbe Argument könnte man aber mit gleicher Logik auch hinsichtlich der Seligsprechungen anbringen, schließlich dürfen Gläubige auch einen Seligen um Fürsprache bitten. Nun steht fest, daß Seligsprechungen nicht unfehlbar sind; dieses Thema ist unter Theologen nicht einmal strittig, sondern eindeutig geregelt.

Übrigens gab es beim Zeremoniell der Heiligsprechung jahrhundertelang bis zur Frühzeit der Reformation das sog. „Gebet gegen den Irrtum“ mit der Bitte, Gott möge die Kirche bei diesem Akt vor einem Fehler bewahren. Daraus hat schon Luther geschlußfolgert, also sei sich der Papst seiner Sache wohl nicht ganz sicher. Näheres über dieses „Gebet gegen den Irrtum“ in dem Fachbuch „Papsturkunden und Heiligsprechung“: https://books.google.de/books?isbn=3412258059

Sodann wird gesagt, eine Kanonisation gelte für die gesamte Weltkirche, daher müsse sie infallibel (unfehlbar) sein. Dies allein ist aber kein zwingendes Argument, denn das vom Papst als oberster Gesetzgeber bestimmte Kirchenrecht (der CIC) beansprucht ebenfalls universale Geltung, obwohl es nicht göttlichen, sondern menschlichen bzw. kirchlichen Rechts ist  –  was allseits unbestritten ist.

Gleichwohl geht die Kirche grundsätzlich bei Seligsprechungen und erst recht bei Heiligsprechungen zweifellos sorgfältig vor. Bevor eine Erhebung zur „Ehre der Altäre“ stattfindet, ist in der Regel ein langwieriger kirchenrechtlicher „Prozeß“ vorausgegangen, ein Informationsverfahren erst auf diözesaner Ebene, danach im Vatikan. Dabei ist die Kirche freilich auf die Wahrheitsliebe und Glaubwürdigkeit der Zeugen angewiesen, die sie nicht absolut sicher gewährleisten kann. Sodann sind Gebetserhörungen bzw. ein erwiesenes Wunder auf die Fürsprache des Verehrten erforderlich.

Von daher gibt es gewiß eine gründliche und fundierte Basis für solche Kanonisationen – allerdings beinhaltet seriöse Verläßlichkeit noch keine Unfehlbarkeit.

So sieht das offenbar auch Kurien-Bischof Giuseppe Sciacca, von Amts wegen Sekretär der Apostolischen Signatur im Vatikan: https://www.lastampa.it/2014/07/10/vaticaninsider/are-canonizations-infallible-r2aK5PypZe95tWoFf53v8K/pagina.html

Ebenso der am 27.10.2018 verstorbene Theologe Monsignoe Brunero Gherardini. Der ehem. Dekan der Theologischen Fakultät der Päpstlichen Lateranuniversität veröffentlichte seine Einwände zur „Unfehlbarkeit“ von Heiligsprechungen unter dem Titel „Canonizzazione ed infallibilita“ in der Zeitschrift der Päpstlichen Akademie für Theologie im Jahr 2003.

HIER haben wir erläutert, warum die Verehrung und Anrufung der Heiligen auch biblisch begründet ist: https://charismatismus.wordpress.com/2011/08/06/die-fursprache-der-gerechten/

Bedenken zur Heiligspechung von Papst Paul VI. durch die Priesterbruderschaft St. Pius X: https://fsspx.de/de/news-events/news/kommuniqu%C3%A9-des-generalhauses-zur-heiligsprechung-papst-pauls-vi-41189