Papst lobt Treffen von Trump und Kim

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Ungewöhnlich schnell hat Papst Franziskus darauf reagiert, dass es in der entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea zu einer Begegnung zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un gekommen ist.

Das kurzfristig anberaumte Treffen zwischen beiden Politikern hat den Dialog, der nach ihrer letzten Begegnung in eine Krise geraten war, offenbar wiederbelebt.

Was ursprünglich nur als ein Händedruck gedacht war, wurde zum ersten Aufenthalt eines US-Präsidenten auf nordkoreanischem Boden und zu einem etwa einstündigen Gespräch.

„In den letzten Stunden haben wir in Korea ein schönes Beispiel der Kultur der Begegnung gesehen“, sagte Papst Franziskus an diesem Sonntag bei seinem Angelusgebet dazu.

„Ich grüße die daran Beteiligten und bete darum, dass eine solche bedeutende Geste einen weiteren Schritt auf dem Weg des Friedens darstellt – nicht nur für diese Halbinsel, sondern für die ganze Welt!“

Quelle: Radio Vatkan  – Foto: Dr. Edith Breburda


Papst kritisiert „synodalen Prozeß“ deutscher Bischöfe: Die Situation ist dramatisch

Gedanken zum Brief des Papstes „An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ von Michael Fuchs, Generalvikar des Bistums Regensburg

Papst Franziskus schreibt den Katholiken in Deutschland einen Brief. Er, der soviel Wert auf die eigene Kraft der Ortskirche legt und die Subsidiarität und Synodalität betont, sieht siciMA00584401h als Hirte und Vater gezwungen, das Wort zu ergreifen.

Herausgekommen ist ein mahnendes und gleichzeitig ermutigendes Wort, ein Appell mit großem Ernst.

BILD: Generalvikar Fuchs trifft sich mit Sternsingern 

Hintergrund sind die Entwicklungen in der katholischen Kirche in Deutschland in den letzten Jahren und vor allem Monaten, verschiedene Protestaktionen und -schreiben, die aktuellen Planungen für den sogenannten „Synodalen Weg“ (Brief, Abschnitt 3) und die damit einhergehenden Forderungen und Erwartungen.

Ihre Richtungen und ihre Heftigkeit dürften den Heiligen Vater zu diesem Wort gedrängt haben.

Dabei hat Franziskus keine Details angegriffen oder Einzelheiten bewertet. Die Kirchenkrise in Deutschland geht viel tiefer, daher musste auch der Brief grundsätzlicher ansetzen.

Papst Franziskus knüpft dabei mehrfach an seine Ansprache beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe am 20. November 2015 an (siehe z.B. Eingangsworte) und will im Zusammenhang mit jener Ansprache gelesen und verstanden werden. (vgl. https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/november/documents/papa-francesco_20151120_adlimina-rep-fed-germania.html)

Hier wie dort sieht der Papst – nachdem er die großen Errungenschaften in Deutschland gelobt hat – die äußeren Merkmale der jetzigen Krise deutlich:

Weniger Katholiken besuchen die Sonntagsmesse oder gehen zur Beichte. Die Glaubenssubstanz bei vielen ist vertrocknet und die Priester werden weniger. Er verspricht uns seine Nähe und Unterstützung in unseren Bemühungen, diese Krise zu überwinden und neue Wege zu finden, und will uns Mut machen.

Doch dann benennt er einige Tendenzen in der deutschen Suche nach Lösungen, die ihm große Sorge bereiten.

„Zerstückelung“ der Kirche

Da ist zunächst die Sorge, dass sich die Kirche in Deutschland von der Weltkirche loslöst und von der umfassenden („katholischen“) Gemeinschaft des Glaubens trennt – die Sorge um einer „Zerstückelung“ der Kirche.

So fordert Papst Franziskus, „sich gemeinsam auf den Weg zu begeben mit der ganzen Kirche“ (3) und spricht die „communio [Gemeinschaft] unter allen Teilkirchen in der Weltkirche“ an (Anm. 7).

Er weist darauf hin, „gerade in diesen Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt“ und dass die „Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten“ (9), in dem „Wissen, dass wir wesentlich Teil eines größeren Leibes sind“ (ebd.).

Der Papst warnt weiter – mit Verweis auf ein Buch Papst Benedikts XVI. – vor der „Versuchung der Förderer des Gnostizismus“, die „versucht haben, immer etwas Neues und Anderes zu sagen als das, was das Wort Gottes ihnen geschenkt hat. (…) Gemeint ist damit derjenige, der voraus sein will, der Fortgeschrittene, der vorgibt über das ´kirchliche Wir´ hinauszugehen“ (ebd.). 

Die im Text erwähnte Stelle aus dem Zweiten Johannesbrief (2 Joh 9) ist hier aufschlussreich: „Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht.“

Es gebe eine „Versuchung durch den Vater der Lüge (…), der (…) letztendlich den Leib des heiligen und treuen Volkes Gottes zerstückelt“ (10). Dem stellt Papst Franziskus eine ganzheitliche Sicht von Synodalität entgegen und legt diese dar.

Offensichtlich ist dem Heiligen Vater nicht verborgen geblieben, dass einige Forderungen der Initiatoren des „Synodalen Prozesses“ (wie der „Synodale Weg“ oft auch genannt wird) über die katholischen Glaubensgrundlagen, wie sie weltweit verbindlich gelten, hinausgehen oder diese nicht genügend berücksichtigen.

Damit würden sie den gemeinsamen Weg und die umfassende Gemeinschaft der Kirche mindestens gefährden. Die Wortwahl des Papstes ist hier ungewöhnlich deutlich.

„Verweltlichte Geisteshaltung“

Ein zweiter Themenkreis in dem päpstlichen Brief betrifft die Versuchung, nur eine „Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung“ anzustreben, „eine Art neuen Pelagianismus“ (5), vor dem Papst Franziskus schon 2015 die Deutschen Bischöfe beim Ad-limina-Besuch gewarnt hatte. Der Pelagianismus, der von der Kirche im fünften Jahrhundert verworfen wurde, behauptete, es brauche keine Erlösung durch Christus von den Sünden, der Mensch sei aus sich heraus stark und gut.

2015 wies der Papst schon in diesem Zusammenhang auf die Versuchung hin, „unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat“. Franziskus warnt in seinem Brief vor einer „Verweltlichung und verweltlichter Geisteshaltung“ (5).

„Gott befreie uns von einer weltlichen Kirche unter spirituellen oder pastoralen Drapierungen! Diese erstickende Weltlichkeit erfährt Heilung, wenn man die reine Luft des Heiligen Geistes kostet, der uns davon befreit, um uns selbst zu kreisen, verborgen in einem religiösen Anschein über gottloser Leere.“ (Anm. 13)

Vielmehr brauche es einen „theologalen Blickwinkel“: „Das Evangelium der Gnade (…) sei das Licht und der Führer. (…) Sooft eine kirchliche Gemeinschaft versucht hat, alleine aus ihren Problemen herauszukommen, (…) endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren“ (6).

„Ohne ´Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung´ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben.“ (ebd.) Daher soll die Kirche nicht einfach auf „äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten“, „isoliert vom Geheimnis der Kirche“ (ebd.).

Vieles in Deutschland hat in letzter Zeit beim Papst wohl den Eindruck eines aktivistischen Machens eines politikähnlichen Vereins hinterlassen, einer „frommen Nicht-Regierungs-Organisation“, wie er in anderen Zusammenhängen häufig formulierte. Und einige kirchliche Äußerungen scheinen dieses Machen immer wieder neu zu fordern – ohne Rücksicht auf Voraussetzungen des Glaubens und im Widerspruch zum gläubigen Beschenkt-Werden.

Spannung und Ungleichgewichte statt Anpassung

Papst Franziskus spricht in seinem Brief mehrfach von „Spannung“ und „Anpassung“. Er warnt davor, dass man das kirchliche Leben „der derzeitigen Logik oder jener einer bestimmten Gruppe anpasst“ (5) oder eine „Ordnung findet, die dann die Spannungen beendet, die unserem Mensch-Sein zu eigen sind und die das Evangelium hervorrufen will“ (ebd.).

„Wir dürfen nicht vergessen, dass es Spannungen und Ungleichgewichte gibt, die den Geschmack des Evangeliums haben, die beizubehalten sind, weil sie neues Leben verheißen.“ (ebd.) Die Evangelisierung sei „keine ´Retusche´, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt“ (7). Es gehe darum, „die Zeichen der Zeit zu erkennen, was nicht gleichbedeutend ist mit einem bloßen Anpassen an den Zeitgeist (vgl. Röm 12,2)“ (8).

Vieles, was im Vorfeld des Synodalen Prozesses geäußert wurde, ist geprägt von der Angst, den Anschluss an die plurale Welt nicht zu verlieren, und der Absicht, die Kluft zwischen Kirche und Lebenswirklichkeit zu schließen. Dieser Argumentation entzieht Papst Franziskus deutlich den Boden.

Vorrang der Evangelisierung zurückgewinnen

Stattdessen „ist es (…) notwendig, den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen (…), denn die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren“ (7).

Es soll „unser Hauptaugenmerk sein (…), unseren Brüdern und Schwestern zu begegnen, besonders jenen, die an den Schwellen unserer Kirchentüren, auf den Straßen, in den Gefängnissen, in den Krankenhäusern, auf den Plätzen und in den Städten zu finden sind. Der Herr drückte sich klar aus: ´Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit´ (Mt 6,33).“ (8).

„Die Heiligkeit ´von nebenan´ (…) das ist die Heiligkeit, die die Kirche vor jeder ideologischen, pseudo-wissenschaftlichen und manipulativen Reduktion schützt und immer bewahrt hat.“ (ebd.)

Als Grundhaltung verlangt der Papst dazu die „Haltung der Wachsamkeit und Bekehrung“ (12), eine „Haltung der Entäußerung“ (ebd.), und er verweist auf die „wahren geistlichen Heilmittel (Gebet, Buße und Anbetung)“ (ebd.).

Prägend sollte dabei die Freude sein: „Die Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein.“ (7)

Haben wir also in Deutschland den Primat der Evangelisierung und in Verbissenheit und Protesthaltung die Freude am Glauben verloren? Papst Franziskus legt ausführlich dar, was er unter Evangelisierung und Zugehen auf die Armen versteht, und kritisiert jegliche Verkürzung auf Anpassungen, Verwaltungsreformen und Einigelungs-Tendenzen. Er ruft damit auf, größer zu denken, aus dem eigenen Haus herauszugehen und die Frohbotschaft weiterzutragen in Wort und Tat.

Konflikte nicht mit Abstimmungen niederringen

Der Papst nimmt in seinem Brief nicht zu formal-technischen Details des Synodalen Prozesses (Statut, Abstimmungsregeln, usw.) Stellung, aber folgende Worte stimmen nachdenklich:

„Die synodale Sichtweise hebt weder Gegensätze oder Verwirrungen auf, noch werden durch sie Konflikte Beschlüssen eines ´guten Konsenses´, die den Glauben kompromittieren, Ergebnissen von Volkszählungen oder Erhebungen, die sich zu diesem oder jenem Thema ergeben, untergeordnet.“

Es gehe vielmehr um die „Zentralität der Evangelisierung und dem Sensus Ecclesiae als bestimmende Elemente unserer kirchlichen DNA“ (11).

Fünfmal gebraucht übrigens Franziskus im Brief den Begriff des „Sensus Ecclesiae“ („Kirchensinn“), den er umfassend versteht, und vermeidet den Begriff des „Sensus fidelium“ („Gläubigensinn“), der zwar theologisch und kirchlich fundiert ist, aber bisweilen als Gruppensinn oder Mehrheitsmeinung missverstanden wird.

Ein synodales Miteinander und der Sensus Ecclesiae bedeutet für Papst Franziskus offensichtlich mehr, als durch Abstimmungen und Beschlüsse oder durch Umfragen Konflikte gleichsam technisch niederzuringen oder sich auf Scheinkompromisse zu verlassen, „die den Glauben kompromittieren“.

Sind die Inhalte des Briefes überraschend?

Nicht für den, der die Äußerungen des Papstes zu den Themen, die im Synodalen Prozess bearbeitet und beschlossen werden sollen, verfolgt hat. Und nicht für den, der dem Papst zu Grundsatzfragen der Erneuerung und Evangelisierung zuhört.

Über die Weihe von Frauen zum Diakonat hat er mehrfach Zurückhaltung angemahnt, auch nach mehreren Studien: „Ich kann kein sakramentales Dekret machen ohne eine theologische, historische Grundlage“, erwiderte er den Forderern (vgl. Domradio.de, 19.5.2019).

2016 wurde er auf dem Rückflug von Schweden gefragt, ob er sich die Priesterweihe von Frauen vorstellen könnte. Seine Antwort war klar: Er bezog sich auf seinen Vorgänger Johannes Paul II., der mit seinem Nein das letzte Wort gesprochen habe. „Und das bleibt.“

Auf eine Rückfrage der Journalistin hat Papst Franziskus auf die petrinische und marianische Dimension der Kirche verwiesen und diese kurz dargelegt. (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/november/documents/papa-francesco_20161101_svezia-conferenza-stampa.html)

Vielleicht sind manchen noch seine verschiedenen Äußerungen zu den Zulassungsbedingungen für die Priesterweihe im Gedächtnis. So schließt er die Auflösung des allgemeinen Zölibats ausdrücklich aus: 

„Mir kommt der Satz des heiligen Paul VI. in den Sinn: ´Ich gebe lieber mein Leben, als das Zölibatsgesetz zu ändern.´ Das kam mir in den Sinn, und ich möchte es sagen, denn das ist ein mutiger Satz, in einer schwierigeren Zeit als dieser, die Jahre um 1968/70 herum … Ich persönlich meine, dass der Zölibat ein Geschenk für die Kirche ist. Zweitens bin ich nicht damit einverstanden, den optionalen Zölibat zu erlauben, nein. Nur für die entlegensten Orte bliebe manche Möglichkeit…“ (Rückflug von Panama, 27.1.2019). Für das Amazonas-Gebiet wird bekanntlich eine solche Ausnahme diskutiert.

BILD: Priesterweihe durch Bischof Rudolf Voderholzer (Regensburg)

Außerdem hat der Heilige Vater mehrfach homosexuelle Männer in Priesterseminaren problematisiert und eine entsprechende Regelung der zuständigen Kongregation bekräftigt, was in Deutschland zu wochenlangen, heftigen Diskussionen geführt hat.

Das Schreiben „Maschio e femmina li creó“ („Als Mann und Frau schuf er sie“) zur Gender-Problematik, das die Bildungskongregation vor kurzem veröffentlichte, bekam bisher in der deutschen Kirchenöffentlichkeit auch überwiegend Häme und Kritik.

Was bedeutet dies für den „Synodalen Prozess“?

Sicher kann es nach diesem Brief des Papstes kein „Weiter so“ geben, weder in Inhalt noch in Form. Eigentlich drängt der Brief auf eine komplette Neufassung eines solchen Prozesses, der auf Evangelisierung und geistliche Erneuerung ausgerichtet sein soll und auf „die Menschen am Rande“; einen Prozess, der nicht „macht“ oder „anpasst“, sondern auf Gott setzt, der erneuern und bekehren kann und uns die Freude des Evangeliums schenkt; und einen Prozess, der in allen Belangen mit der Gemeinschaft der katholischen Kirche geht, die Zeit und Raum umfasst.

Beim Ad-limina-Besuch schrieb uns Papst Franziskus ins Stammbuch – und damit könnte man vielleicht seinen Brief zusammenfassen:

„Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also ´dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet´ (Evangelii gaudium, 27)“.

Quelle: Bistum Regensburg


Warum Sr. Faustinas „Barmherzigkeits-Rosenkranz“ nicht empfehlenswert ist

Von Felizitas Küble

Die polnische Nonne Faustyna Kowalska – in Deutschland unter „Schwester Faustina“ bekannt  –  empfing eigenen Angaben zufolge jahrelang zahlreiche Visionen und Einsprechungen des Himmels. (Einiges davon haben wir bereits kritisch betrachtet: HIER)

Diese Ordensfrau lebte von 1905 bis 1938 und propagierte neben verschiedenen Andachten zum „Barmherzigen Jesus“ auch einen entsprechenden Rosenkranz, der sich vom überlieferten kirchlichen Rosenkranz deutlich unterscheidet.

Obwohl ihre Privatoffenbarungen vor dem Konzil von der vatikanischen Glaubenskongregration – damals Hl. Offizium genannt – ohne Wenn und Aber verurteilt wurden, änderte sich die kirchliche Einschätzung der Visionen mit dem Amtsantritt von Johannes Paul II. grundlegend, denn er war schon als Bischof von Krakau ein starker Verehrer dieser Ordensschwester, was dann zur Heiligsprechung von Sr. Faustina durch diesen Papst führte.

Doch diese Erhebung zur „Ehre der Altäre“ bezieht sich allein auf den persönlichen Tugendgrad, nicht jedoch auf eine Irrtumslosigkeit in theologischer oder sonst einer Hinsicht.

Bekanntlich haben sich weitaus hochrangigere Heilige gerade im Bereich von Visionen geirrt, darunter sogar die Kirchenlehrerin Katharina von Siena (mit ihrem Erscheinungserlebnis, Maria sei nicht makellos empfangen) oder der hl. Vinzenz Ferrer, der aufgrund von Privatoffenbarungen den Weltuntergang zu seinen Lebzeiten verkündete. Im gediegenen „Handbuch der Mystik“ des französischen Paters August Poulain SJ finden sich seitenlang weitere Beispiele  – das Werk wurde vom hl. Papst Pius X. ausdrücklich gewürdigt.

Es liegt also auf der Hand, daß Gläubige auch über den weitverbreiteten Barmherzigkeits-Rosenkranz nach den Visionen von Schwester Faustina kritische Überlegungen anstellen können und dürfen – was hiermit geschieht:

Zunächst sei festgehalten, daß der klassische Rosenkranz, der im späten Mittelalter schrittweise durch Ordensleute entstanden ist, seine Struktur und seinen Inhalt ganz auf biblischer Basis erhalten hat:

Die 15 Rosenkranzgeheimnisse sind fast alle der Heiligen Schrift entnommen, das Vaterunser von Christus selbst gelehrt, das Ave Maria besteht größtenteils aus den Worten des Engels bei der Verkündigung des HERRN an Maria. 

Auch die Zahl der 150 Ave-Marias beruht gleichsam auf der Hl. Schrift, da dieses sich an die 150 Psalmen des Alten Testaments (Psalterium) anlehnt, weshalb der vollständige bzw. dreifache Rosenkranz auch „Psalter“ genannt wird.

Warum nun sollte der Himmel diesen bewährten Rosenkranz grundlegend verändern?

Beim Vergleich des Faustina-Rosenkranz mit dem überlieferten Rosenkranzes ergeben sich folgende Unterschiede und Nachteile:

  1. Das Vaterunser kommt hier nur einmal vor, im klassischen Rosenkranz aber sechsmal.
  2. Das Ave Maria wird auf ein einziges Mal reduziert, so daß kaum noch von einem Rosenkranz die Rede sein kann (ein „normaler“ Rosenkranz enthält 50 Aves)
  3. Zudem entfallen die drei Aves zu Beginn mit ihrer Bitte um Glaube, Hoffnung und Liebe – immerhin die drei göttlichen Tugenden, die für unser Christenleben entscheidend sind (siehe 1 Kor 13).
  4. Bei den großen Perlen, die sonst das Vater-Unser anzeigen, wird jetzt folgende Anrufung gesprochen: „Ewiger Vater, ich opfere Dir auf den Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Deines über alles geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, zur Sühne für unsere Sünden und die Sünden der ganzen Welt.“ – Dieses Gebet enthält einen entscheidenden theologischen Fehler, denn die Gottheit Christi kann nicht aufgeopfert werden, weil ein Opfer seinem Wesen nach eine Darbringung, einen Verzicht darstellt  – und Christus kann auf seine Gottheit nicht verzichten, das ist ontologisch (von seinem Sein her) gar nicht möglich. Zudem ist es unsinnig, Gott(-Vater) die Gottheit (des Sohnes) aufzuopfern, da das Heilsopfer Christi im Leiden und Sterben seiner menschlichen Natur bestand, denn die Gottheit kann nicht sterben. Diesen entscheidenden Einwand haben wir hier bereits ausführlich biblisch und dogmatisch erläutert: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/06/korrektur-an-einem-sonder-rosenkranz-die-gottheit-christi-wurde-nicht-geopfert/
  5. Bei den kleinen Perlen des Rosenkranzes soll man beten: „Durch sein schmerzhaftes Leiden hab Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt.“  – Christus ist zwar – als Heilsangebot – für alle Menschen gestorben, aber Erbarmen kann Gott schlußendlich nur mit jenen haben, die sich im „Gnadenstand“ befinden, also im Frieden Christi heimgerufen werden. Zweifelsohne gilt zwar der „allgemeine Heilswille“ Gottes, denn der Ewige will alle Menschen zur Wahrheit und damit zur Rettung führen. Allerdings verhindert schon die erbsündliche Verfallenheit des Menschen, daß sich die gesamte Erde bekehrt – mit welcher Logik soll Gott dann „Erbarmen…mit der ganzen Welt“ haben? – Somit ist diese Anrufung zumindest fragwürdig.
  6. Am Ende soll dreimal gebetet werden: „Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott, hab Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt.“  – Hier wiederholt sich das erwähnte Problem, zudem wird Gott nur als „unsterblich“ bezeichnet, was eine Geringschätzung beinhaltet, denn Gott ist nicht „nur“ unsterblich, sondern ewig. Die Seele des Menschen ist immerhin auch unvergänglich (sie hat einen Anfang, aber kein Ende), aber Gott ist ewig, da ER auch keinen Anfang hat.
  7. Vorher oder nachher soll noch gebetet werden: „O Blut und Wasser, aus dem Herzen Jesu als Quelle der Barmherzigkeit für uns entströmt, ich vertraue auf Dich! –  Barmherziger Jesus, in dem Augenblick Deines Kreuzestodes für uns bete ich Dich an, lobpreise Dich und bitte, umfasse mit Deiner unerschöpflichen Barmherzigkeit die ganze Menschheit, besonders die armen Sünder und die Sterbenden.“ (Faustina-Tagebuch, S. 186)   Sollen wir nun etwa – siehe erste Zeile der Anrufung –  auf „Blut und Wasser“ vertrauen? So wie oben zitiert, lautet der Satz aber im Originaltext. Da klar ist, daß dies keinen Sinn ergibt, wurde bei diesem Rosenkranz später das Wort „Jesus“ eingefügt: „O Blut und Wasser…für uns entströmt, Jesus, ich vertraue auf Dich!“
  8. Was soll sodann die Einschränkung: „…in dem Augenblick Deines Kreuzestodes für uns bete ich Dich an…“  – Der historische Kreuzestod geschah vor 2000 Jahren; selbst wenn damit „nur“ die Erinnerung daran oder die sakramentale Vergegenwärtigung in der hl. Messe gemeint sein sollte: Auch dann begrenzt sich doch unsere Anbetung nicht hierauf. Zudem beten wir Christus nicht in erster Linie seines Kreuzestodes wegen an, sondern aufgrund seiner GOTTHEIT.
  9. Der visionäre Jesus soll zudem zu Faustina gesagt haben: „Derjenige, der diesen Rosenkranz betet, wird stets von großer Barmherzigkeit umgeben sein im Leben und besonders in der Todesstunde. Die Priester werden ihn den Sündern vorschlagen als letztes Mittel der Rettung.“  – Ein Sonder-Rosenkranz als letzter Rettungsanker? Wird damit nicht die Beichte verdrängt? Ist ein Leben nach den Zehn Geboten nicht mehr nötig, um das Heil zu erlangen? Genügt nun etwa dieser Extra-Rosenkranz?
  10. Abgesehen davon kommt diese neue Form natürlich der menschlichen Bequemlichkeit zugute, denn dieser Rosenkranz ist weitaus kürzer als der überlieferte. So hat man dann in höchstens zehn Minuten einen „Rosenkranz“ gebetet, wozu man sonst eine halbe Stunde benötigen würde.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den kath. KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.


Kardinal Müller erinnert an die heilige Agnes

„Es ist besser, für Christus zu sterben, als den Glauben zu verraten“, sagt Kardinal Gerhard Müller. Sein Blick richtet sich auf eine Darstellung der heiligen Agnes, einer Blutzeugin aus dem 3. Jahrhundert. Am Ort ihres Martyriums hat man ein Gotteshaus zu ihrem Gedenken errichtet; sie ist Kardinal Müllers Titelkirche in Rom.

Die barocke Kirche Sant’Agnese in Agone liegt im Herzen der Stadt, direkt an der Piazza Navona. Für Kardinal Müller ist besonders wichtig, dass sie einer Märtyrerin geweiht ist: „Das Blut der Märtyrer ist der Hinweis auf Christus, auf das ewige Leben, das uns hoffentlich im guten Sinn, nämlich im Himmel bevorsteht.“

Der hl. Agnes wird am 21. Januar gedacht. Sie war noch ein junges Mädchen, als sie das Martyrium erlitt. Wer heute die ihr geweihte Kirche besucht, kann zentrale Etappen ihres Lebens nachvollziehen.

Vor ihrem Reliquienschrein wird Kardinal Müller nachdenklich: „Viele denken, es kommt allein auf das irdische Dasein an.“ Glaube aber heiße mehr, „seine ganze Hoffnung, sein ganzes Leben, den ganzen Ernst seines Daseins auf Jesus Christus zu setzen.“ 

Auch heute wird eine große Zahl an Christen verfolgt, gibt Kardinal Müller zu bedenken. Da gibt es einerseits physische Bedrohung, z.B. in islamisch oder kommunistisch geprägten Ländern wie auch in Diktaturen, die eine totalitäre Herrschaft über den Menschen beanspruchen.

Aber auch in Europa gebe es Diskriminierung von Christen, nämlich immer dann, wenn ein Mensch „für seine christliche Überzeugung an den Pranger gestellt wird.“ – Insofern sind Märtyrer wie Agnes wichtige Vorbilder: „Sie ermuntern uns im Glauben“, sagt der Kardinal.

Quelle und vollständiger Artikel von Julia Wächter hier: https://de.catholicnewsagency.com/story/zum-festtag-der-heiligen-agnes-kardinal-muller-fuhrt-durch-seine-titelkirche-santagnese-4184


Israels Staatschef vom Papst empfangen

Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin ist gestern Abend zu einem Staatsbesuch in Italien und im Vatikan eingetroffen.

Heute traf er mit Papst Franziskus zusammen (siehe Foto). Er schrieb dazu auf seiner Facebook-Seite:

„Ich bin sehr aufgeregt, hier im Vatikan zu Gast zu sein, einem historischen Ort, der für das Christentum von enormer Bedeutung ist. Die Beziehungen zwischen dem Staat Israel und dem Vatikan sind sehr wichtig für beide Staaten, und ich erwarte, dass wir sie noch stärken und vertiefen werden. Ich danke sehr für den herzlichen Empfang!“

Quelle: Israelische Botschaft – Foto: ©GPO/Kobi Gideon


Jugendsynode: Soll sich die Kirche ändern?

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

In Rom ging die fast vierwöchige Bischofssynode über die Jugend zu Ende. Guido Horst gab seinem Artikel den Titel „Was die Bischöfe lernen sollten“ (Tagespost vom 31.10.18).

Er fasste zusammen: „Nicht die Jugend soll sich ändern, sondern der Stil der Kirchenführung“. Das ist jedenfalls der Wille von Papst Franziskus.

Was sollten die Bischöfe auf der Synode lernen? „Das Zuhören“!  – Konkreter: „Die 270 Bischöfe sollten darauf achten, was ihnen der Heilige Geist durch die 36 unter 30 Jahre alten jugendlichen Auditoren der Synode in der Aula sagt“ (so Horst).

Papst Franziskus äußerte: „Mit dieser Grundhaltung des Zuhörens hatten die Synodalen versucht ‚die Realität zu lesen, die Zeichen der Zeit zu erfassen,…um pastorale Entscheidungen zu treffen, die der Realität entsprechen‘“.

In der Abschlussmesse wandte sich Franziskus mit den Worten an die Jugendlichen: „Ich möchte den jungen Menschen im Namen von uns Erwachsenen sagen: Verzeiht uns, wenn wir euch oft kein Gehör geschenkt haben, wenn wir, anstatt euer Herz zu öffnen, eure Ohren vollgeredet haben“. Die Bischofssynode suchte nach pastoralen Wegen, um die Jugend über das gegenseitige aufeinander hören zu erreichen.

Diese Bischofsversammlung hatte das Thema: Jugend, den Glauben und das Erkennen der Berufung.

Horst äußerte in einem früheren Kommentar (Tagespost vom 18.10.18), das Wort „Veränderung (stand) von Anfang wie ein Leitwort über der Versammlung“. Es ging also nicht nur um das „Zuhören“. Die Wünsche nach „Veränderung“ betrafen u.a. die Sexualmoral der Kirche, die Bewertung der Homosexualität, den Zugang von Frauen zu Leitungsämtern.

Das gegenseitige Zuhören gab die Möglichkeit, nicht nur darüber zu sprechen, warum z.B. die Sexualmoral geändert, die Homosexualität neu bewertet, der Zugang für Frauen zur Diakonen- und Priesterweihe geöffnet werden sollen, sondern auch darüber, was solchen Änderungen im Wege steht. Wurde die Chance dazu genutzt?

Der schottische Erzbischof Leo Cushley von St. Andrews u. Edinburgh äußerte nach der Jugendsynode:

„Die jungen Menschen, die ich vor der Synode traf, wollten, dass ich den Synodenvätern mitteile, dass sie etwas über den katholischen Glauben lernen wollen. Sie wollten nicht, dass ich ihn für sie leichter mache. Sie wollten nicht, dass ich für sie etwas schön färbe“. In einem Brief an den Erzbischof haben sich außerdem hundert junge Katholiken an ihn gewandt und ihren Wunsch nach rechtgläubiger Lehre, heiligen Priestern und schöner Liturgie geäußert (Kath.net vom 2.11.18).

Ob nicht diese Jugendlichen die Zukunft der Kirche repräsentieren?

Die wahrgenommene Berufung in Kirche und Welt setzt eine persönliche, tragfähige Christusbeziehung und einen unverkürzten und unverfälschten Glauben an ihn voraus.

Die Botschaft Christi gibt die Kraft zum Zeugnis, nicht nur in einer pluralistischen Welt, sondern auch in einer, die dem Christentum feindlich gegenüber steht. Während der Bischofssynode wurden fünf Männer und zwei Frauen heiliggesprochen. Einer von ihnen war der Erzbischof Oskar Romero. Dieser wurde wegen seines Eintretens für die Unterdrückten in El Salvador am Altar erschossen.

Während die 270 Bischöfe und die 36 Jugendlichen in Rom tagten, wurden Christen weltweit drangsaliert. Sie sitzen in Gefängnissen und werden wegen ihres Glaubens verfolgt. Sie können in radikaler Weise das Wort Jesu auf sich beziehen: „Haben sie mich verfolgt, werden sie auch euch verfolgen“. Auch diese Glaubenszeugnisse dürfen bei den Fragen nach der Berufung nicht verschwiegen werden.


Wohin führt Papst Franziskus die Kirche?

Rezension von Thomas May
zur Neuerscheinung „Der Diktator Papst

Marcantonio Colonnas gründlich und umfassend recherchierter Report über den zum Papst Franziskus aufgestiegenen argentinischen Jesuiten Jorge Mario Bergoglio ist ein „Lesehammer“, der das durch die Medien vermittelte Bild eines menschenfreundlichen, reformfreudigen Oberhirten zunichtemacht und hinter der einer „erfolgreiche[n] Beschönigungskampagne“ (S. 248) geschuldeten Maske das Gesicht eines charakterlich zwielichtigen Machtmenschen freilegt.

Der Autor, der sein vatikanisches Insider-Wissen einfließen ließ, untermauert seine Darlegungen und zum Teil pikanten Enthüllungen über das katholische Kirchenoberhaupt mit einer Unzahl von Quellen (darunter aufschlussreiche Aussagen von Zeugen aus dem persönlichen Umfeld Bergoglios), meist aus dem italienischen, latein- und angloamerikanischen Raum, wobei er auch Material der beiden wichtigsten Bergoglio-Biographen  –  Austen Ivereigh: The Great Reformer, New York 2014 (wohlwollend) und Omar Bello: El Verdadero Francisco, Buenos Aires 2013 (kritisch)  –  eingebracht und ausgewertet hat.

Von langer Hand vorbereitet

Im ersten Kapitel wird nachgezeichnet, wie es, vorbereitet von langer Hand, dazu kam, dass Bergoglio 2013 von einer liberalen „Mafia“ zum Papst gewählt wurde.

Die Rede ist von der Gruppe St. Gallen, einem Bündnis progressiver Bischöfe und Kardinäle, das sich auf Einladung des Ortsbischofs seit 1996 jährlich im Schweizer Kanton St. Gallen traf. Geeint wurde es durch den gemeinsamen Widerstand gegen Kardinal Joseph Ratzinger, der seit 1982 als Präfekt der Glaubenskongregation amtierte.

BILD: Titelseite des Buches aus dem Renovavem-Verlag: https://renovamen-verlag.de/

Die Mitglieder wollten das Programm einer „viel modernen“ katholischen Kirche vorantreiben, das mit den Schlagwörtern „Dezentralisierung“, „Kollegialität“, „pastorale Kirche“ (gemeint war die Entfernung von der klassischen Morallehre) umrissen wird. Bei „Mafia“ handelt es sich keineswegs um eine Verleumdung von Verschwörungstheoretikern, sondern um die Selbstbezeichnung seitens eines der Köpfe der Gruppe, des belgischen Kardinals Godfried Danneels, der in einem Fernsehinterview 2015 bereitwillig über deren Aktivitäten Auskunft gab.

Unbestrittene Führungsgestalt war der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini, lange aussichtsreichster Kandidat des liberalen Flügels für die Papstnachfolge; dazu gesellten sich als einflussreiche Persönlichkeiten Kardinal Walter Kasper und der Mainzer Kardinal Karl Lehmann aus Deutschland sowie der englische Kardinal Cormac Murphy-O’Connor.

Laut Danneels favorisierte die Gruppe nach dem Tod Johannes Pauls II. schon im Konklave 2005 Bergoglio, damals Erzbischof von Buenos Aires, als ihren Mann für die Papstnachfolge, nachdem der an Parkinson erkrankte Martini nicht mehr infrage kam.

Diesen hatte Erzbischof Bergoglio 2001 bei der Bischofssynode in Rom näher kennen und bewundern gelernt und sich zunehmend als Gesinnungsfreund des liberalen Flügels zu erkennen gegeben. Bekanntlich wurde Ratzinger Papst, und die Gruppe St. Gallen zog sich zurück, ohne allerdings ihren Einfluss einzubüßen.

Nachdem Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 seinen Amtsverzicht angekündigt hatte (bereits Mitte 2012 wussten Kurien-Insider von dem beabsichtigten Schritt, und es ist unwahrscheinlich, dass der bestens vernetzte Bergoglio davon nicht Kenntnis erhalten haben sollte), entfalteten die drei „St. Gallener“ Kardinäle Kasper, Lehmann und Danneels, unterstützt von Murphy-O’Connor, fieberhafte Aktivitäten, um diesmal im „Team Bergoglio“ ihren Wunschkandidaten (der selbst kein Mitglied der Gruppe St. Gallen war, aber Zustimmung signalisiert hatte) durchzusetzen.

Entscheidend für seine Wahl zum Papst war schließlich, dass es gelang, im Konklave taktisch geschickt die Stimmen der nordamerikanischen Kardinäle für den Argentinier zu gewinnen.

Die Rechtmäßigkeit der Wahl Bergoglios wird aus zwei Gründen angezweifelt. Der Apostolischen Konstitution „Universi Dominici gregis“ (1996) von Johannes Paul II. zufolge sind den Kardinälen im Konklave Verhandlungen, Absprachen, Versprechen, Verpflichtungen zugunsten oder zulasten eines Kandidaten ausdrücklich verboten (vgl. Nr. 81). Zuwiderhandlungen, auch die Einwilligung eines Aspiranten, ziehen automatisch die Strafe der Exkommunikation nach sich.

Sowohl Ivereighs Version einer offenen Kampagne der vier „St.-Gallen“-Kardinäle als auch Murphy-O’Connors auskunftsfreudige Interviews mit dem „Independent“ (Juli 2013) und dem „Catholic Herald“ (Ende 2013) erhärten den Verdacht, dass es sich um mehr als einen zulässigen „Gedankenaustausch“ handelte.

Als zweiter Nichtigkeitsgrund ist die nicht eingehaltene Verfahrensregel von maximal vier Wahlgängen pro Tag von Belang; der fünfte, in dem Bergoglio mit 95 von 115 Stimmen gewählt wurde, sei damit (so der italienische Journalist Antonio Socci nachdrücklich) ungültig gewesen. Abschließend werden diese Frage nur gestandene Kirchenrechtler klären können – repressionsfrei.

Ein Peronist im Wandel

Ziel des zweiten Kapitels ist es, einen Überblick über Bergoglios persönliche Entwicklung und  berufliche Stationen bis 2013 zu geben. Nach Ansicht Colonnas ist der Sohn eines Buchhalters ohne die Tradition der argentinischen Politik nicht zu verstehen, die in der Person des Präsidenten Juan Perón (4. Juni 1946 bis 21.September 1955, 12. Oktober 1973 bis 1. Juli 1974) und in der nach ihm benannten Bewegung des Peronismus für ihn prägend geworden ist.

Peróns auffallendster Charakterzug war sein zynischer Opportunismus, mit dem er rechte und linke politische Kräfte für sich nutzte und gegeneinander ausspielte. Der ihm anhängende junge Bergoglio wurde sein gelehriger Schüler: Der Autor bezeichnet ihn als „Juan Perón in kirchlichen Gewändern“ (S. 48).

Bergoglios Karriere kam, mit einem Knick von 1986 bis 1992, als er bei seinem Orden in Ungnade fiel und unter anderem zur Promotion nach Deutschland abgeschoben wurde, stetig voran:

1958 Eintritt ins Ordensnoviziat der Jesuiten, 1969 Priesterweihe, 1973 – 1979 Jesuitenprovinzial für Argentinien, 1980 – 1986 Theologieprofessor und Rektor des Kollegiums von San Miguel und seiner Fakultäten für Philosophie und Theologie, 1992 Weihbischof und 1998 Erzbischof von Buenos Aires, 2001 Kardinal, 2005 – 2011 Vorsitzender der Argentinischen Bischofskonferenz.

Vehement bekämpfte der frühzeitig politisch interessierte und rührige Bergoglio als Mann des Volkes und rechtsgerichteter Peronist in seiner Funktion des Provinzials die von Intellektuellen propagierte, marxistisch inspirierte „Befreiungstheologie“, die den Jesuitenorden in Argentinien unterwandert hatte.

Er unterstützte die peronistische Guardia de Hierro („Eiserne Garde“) und unterhielt später persönliche Beziehungen zum argentinischen Militärregime (1976 – 1983), deren Art und Beurteilung bis heute umstritten sind, schwankend zwischen Fürsorge um die eigenen Leute und Verrat von Ordensangehörigen wie den linksradikalen Patres Yorio und Jalics an die Machthaber.

Zumindest den „allgegenwärtige[n] Eindruck von Doppelzüngigkeit“ (S. 247) drängen die damaligen Umstände auf, die der Autor im Anhang nochmals aufgreift.

Die gegen Bergoglio erhobenen Anschuldigungen der Kollaboration und Korruption, welche eine 2005 veröffentlichte Biographie widerlegen sollte, waren es auch, die ihn im Bemühen um Distanzierung folgerichtig nach links rücken ließen, ein sich seit 2001 beschleunigender Prozess, der ihn bei seinen ehemaligen konservativen Mitstreitern, denen er als Verfechter katholischer Werte gegolten hatte, verdächtig machte und zugleich der liberalen Seite empfahl, sodass er schließlich als „Speerspitze“ der Gruppe St. Gallen in Stellung gebracht wurde.

Außer persönliche Strenge und Bedürfnislosigkeit im Alltäglichen werden aus Bergoglios Umfeld für einen Zeitraum von über 50 Jahren keine günstigen Charaktereigenschaften bezeugt. Streben nach Macht, Behandlung der Untergebenen als Marionetten, Zwang zur Loyalität ihm gegenüber, Misstrauen gegenüber Menschen, Kontrollbesessenheit werden als Merkmale genannt.

„Dieser Mensch [Bergoglio] manipuliert mit Gefühlen. Du denkst, er ist dein Vater, und dabei führt er dich an der Nase herum“ (zit. 46), sagt ein ehemaliger Priester-Mitarbeiter; ein im Vatikan tätiger Kleriker konstatiert: „Bergoglio ist eine Person, die vor allem Angst zu schüren versteht“ (zit. 58).

Gefürchtet wird Bergoglio auch wegen seiner Vergeltungsaktionen gegen Amtskollegen, die nicht auf seiner Linie lagen/liegen oder ihm sonstwie quer stehen. (Berüchtigtes Beispiel ist seine Fehde mit dem Opus-Dei-Bischof Rogelio Ricardo Livieres Plano von Ciudad del Este in Paraguay, die mit dessen Absetzung 2014 ohne Angabe von Gründen endete.)

Anderseits versuchte Bergoglio besonders seit 2001 durch (intransparente) Geldzahlungen und durch den Aufbau eines persönlichen Netzwerkes von Informanten und Günstlingen Einfluss auf die Kurienpolitik zu nehmen.

Die „vernichtendste Charakterstudie über Jorge Bergoglio“ (43) stellt das Zeugnis seines Oberen P. Peter Kolvenbach dar, das Erzbischof Quarracino 1991 anlässlich der beabsichtigten (und davon unbeeindruckt vollzogenen) Ernennung Bergoglios zum Weihbischof anforderte.

Da dieses Dokument nach seiner Wahl zum Papst aus den Archiven verschwand und noch existierende Kopien vom Betroffenen weitgehend „eingesammelt“ wurden, beruhen die von Colonna wiedergegebenen Details auf der Darstellung eines Priesters, der Zugang dazu hatte.

Demnach hielt Kolvenbach dem (von den Jesuiten damals angefeindeten) Bischofskandidaten zahlreiche Defizite vor, „die von regelmäßigem Fluchen und Hinterhältigkeit, Ungehorsam unter dem Deckmantel der Demut bis hin zu fehlender psychischer Ausgeglichenheit reichten“ (44). Seine „spaltende Persönlichkeit“ lasse ihn für das vorgesehene Amt ungeeignet erscheinen. Die im Zeugnis erwähnten Mängel verdienen es, im Licht des Franziskus-Pontifikats erneut betrachtet zu werden.

Der Scheinreformer

Das dritte Kapitel befasst sich mit der sogenannten Kurien- und Finanzreform des Vatikans sowie der Umsetzung der Null-Toleranz-Linie bei sexuellem Missbrauch durch Priester, drei Problembereiche, die der Papst aus Argentinien von seinem Vorgänger geerbt hatte und deren entschlossene Bewältigung von ihm erwartet wurde.

Dank seiner spektakulären, mit der Tradition brechenden Gesten, seiner geschickt inszenierten Situationsdemut und vor allem seiner allzeit guten öffentlichen Laune hatte er die Herzen der Gläubigen im Sturm erobert und das Wohlwollen der Medien gewonnen, die ihm, wie schon in Buenos Aires, zum „Schoßhund“ (66) wurden und das Image eines großen Reformers verpassten. Allerdings ist, wie Colonna anmerkt, das Phänomen des „Franziskus-Effekts“ auch nach fünfjährigem Pontifikat auf die Berichterstattung beschränkt.

Der „Vatileaks“-Skandal und das von Benedikt XVI. veranlasste Dossier der Kardinäle Herranz, De Giorgi und Tomko über die Hintergründe hatten das Bild einer vom Papst unabhängig handelnden Vatikanmaschinerie und verbreiteter moralischer Korruption mit Details eines Netzwerks von Homosexuellen im Vatikan ergeben.

Daher war vor allem eine Reform des für die Verweltlichung des Klerus maßgeblich verantwortlichen, übermächtigen Staatssekretariats dringend geboten. Doch auch nach 18 Zusammenkünften bis Juni 2017 hat der vom Papst zur Steuerung des Reformprozesses gebildete Kardinalsrat (K9-Rat) kaum Nennenswertes zuwege gebracht. „… die Reform hat bisher bestenfalls Falten ausgebügelt. Es wurden einige Räte zusammengefasst, aber der Einfluss auf die großen Körperschaften des Vatikans ist gleich null“ (73), bilanziert Colonna nüchtern.

Personelle Veränderungen, wie die Absetzung Kardinal Burkes als Präfekt der Apostolischen Signatur, sind eher ideologisch motiviert. Bedenklich ist die führende Rolle des honduranischen Kardinals Maradiaga, der mit den Vorwürfen finanzieller Korruption und der Vertuschung sexuellen Missbrauchs in seiner Diözese belastet ist, als Koordinator des K9-Rates und „Vizepapst“. Nicht nur hier zeigt sich die Vorliebe des Papstes für moralisch schwache und somit besser kontrollierbare Persönlichkeiten in seinem Umfeld.

Hinzu kommen mangelnde Eignung und Erfahrung der K9-Mitglieder für Verwaltungsaufgaben, was umso schwerer wiegt, als der Papst sich selbst als „sehr unorganisiert“ (zit. 74) bezeichnet, eine Umschreibung für „abschweifend“ und „chaotisch“. Infolge der leichtfertigen Streichung der regelmäßigen Gesprächstermine der Vorsitzenden der Dikasterien ist deren Zugang zum Papst erschwert; das Staatssekretariat dient als „Filter“ zwischen Papst und Kurie und ist mächtiger als zuvor. Reform?

Im Zuge seiner Null-Toleranz-Politik hatte Benedikt XVI. mehr als 800 Missbrauchspriester suspendiert oder laisiert. Er ging zudem aktiv daran, die Schuldigen aufzuspüren und zu bestrafen, die sie gedeckt hatten; im Monatsschnitt setzte er so zwei bis drei Bischöfe ab.

Ferner erließ er strenge Richtlinien für die Ausbildung zukünftiger Priester und Ordensleute, die den Ausschluss von Männern mit homosexuellen Tendenzen vorsahen; der John-Jay-Report (2004) hatte ergeben, dass zu über 80 Prozent männliche Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren Opfer überwiegend schwuler Missbrauchstäter geworden waren. 

Papst Franziskus dagegen brach unter dem Motto der „Barmherzigkeit“ mit Benedikts Programm und reduzierte dessen Bestrafungen pädophiler Priester mehrfach. Im Vatikan machte sich ein Klima der Laxheit im Umgang mit sexuellen Verfehlungen breit, was mit dazu beitrug, dass sich die Umtriebe der Homo-Lobby verschlimmerten.

Der Papst selbst setzte dabei Signale, die von ihr als Ermunterung verstanden werden konnten, indem er praktizierende Homosexuelle, wie den Prälaten Battista Ricca (so der Journalist Sandro Magister im „L’Espresso“ 2013), in seiner Umgebung gewähren lässt.

Beim sexuellen Missbrauchsskandal in Chile verlegte sich der Papst auf eine rein defensive Salami-Taktik: immer nur zugeben, was nicht mehr zu leugnen ist. Angesichts neuer Skandale in US-amerikanischen Bistümern und in Honduras sowie aufgrund ihn belastender Zeugenaussagen verfestigt sich der Verdacht, dass der Pontifex nicht nur gelogen hat, sondern selbst in die Vertuschung involviert ist.

Auch die über Jahrzehnte wiederholt von Korruptionsfällen gebeutelten Finanzabteilungen des Vatikans – Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls (APSA), „Vatikanbank“ (IOR), Governatorat der Vatikanstadt, unterstellt dem Staatssekretariat – wurden unter dem neuen Papst keinem effektiven Umbau unterzogen.

Der Versuch, mit dem „Päpstlichen Rat für die Wirtschaft“ ein übergeordnetes „Finanzministerium“ zu schaffen, ist in der Praxis weitgehend misslungen. Ausschlaggebend dafür war, dass der ihm vorstehende australische Kardinal Pell, der seine Aufgabe forsch angepackt hatte, durch die Opposition von vier Kardinälen, die ihre „Reviere“ und Interessen verteidigten, neutralisiert wurde: Domenico Calcagno (APSA), Giuseppe Versaldi (vatikanische Wirtschaftspräfektur), Giuseppe Bertello (Governatorat), Pietro Parolin (Staatssekretariat).

Dem Wirtschaftssekretariat anfangs eingeräumte weitgehende Befugnisse nahm der Papst wieder zurück, den die alte Garde geschickt für ihre Manöver einzuspannen wusste; die beschlossene externe Finanzprüfung durch PricewaterhouseCoopers wurde von Erzbischof Angelo Becciu, dem Substitut des Staatssekretariats, abgesagt, dessen Machenschaften der 2017 spektakulär entlassene oberste Rechnungsprüfer Libero Milone gefährlich nahegekommen zu sein schien.

Die Verantwortung des strippenziehenden Papstes für diesen Schritt ist unstrittig, ebenso für die einhergehende Lähmung des vatikanischen Rechtssystems. Am Schluss wird man – so die Prognose Colonnas – dem durch die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs geschwächten und wohl bald eliminierten Kardinal Pell das Scheitern der Finanzreform zuschieben. Die Frage bleibt, wie lange noch italienische Richter Steuerhinterziehung und Geldwäsche über vatikanische Konten und Kanäle dulden werden.

Auf krummen Touren

Das vierte Kapitel widmet sich der kirchlichen Annäherung an die modernen (Sexual-) Moralvorstellungen unter dem Pontifikat Papst Franziskus‘. Im Mittelpunkt steht der von ihm manipulierte Prozess von der Außerordentlichen Familiensynode (Oktober 2014) über die Ordentliche Synode (Oktober 2015) zur Apostolischen Exhortation „Amoris laetitia“ (März 2016).

Gesichert wurde der „Erfolg“ unter anderem durch seine frühe Propagierung des sogenannten Kasper-Vorschlags der Zulassung zu Beichte und Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, durch Gefolgsleute auf den Synoden wie den sie leitenden Kardinal Lorenzo Baldisseri, der durch Verfahrenstricks die Abläufe im Sinn des vom Papst gewünschten Ergebnisses lenkte, oder den homofreundlichen Erzbischof Bruno Forte bzw. durch die gezielte Schwächung des die bestehende Lehre verteidigenden Generalrelators Kardinal Péter Erdö, nicht zu vergessen sein persönliches Eingreifen mittels zum Teil nicht vorgesehener Redebeiträge, mit denen Franziskus die versammelten Synodenväter einschüchterte.

Als die erforderliche Zweidrittelmehrheit gemäß der von ihm selbst festgelegten Regel in der Relatio Synodii (2014) für die Paragraphen 52, 53 und 55 nicht erreicht wurde, setzte sich der Papst über sie hinweg und sorgte dafür, dass der Kasper-Vorschlag auf der Agenda der Ordentlichen Synode blieb. Legendär geworden sind Franziskus‘ Wutanfall und seine Entlassungsdrohung, als sich 13 Kardinäle im Oktober 2015 in einem Brief über den „vorherbestimmten“ Ausgang der Familiensynode beschwerten.

Mit AL gelang ihm schließlich ein arglistiges Meisterstück, indem er in Paragraph 305 mit der Fußnote 351 ein Einfallstor schuf, nicht enthaltsam lebenden wiederverheirateten Geschiedenen (entgegen der klassischen Lehre) die Zulassung zur Kommunion zu gewähren, eine Interpretationsmöglichkeit, die etwa von der liberalen Argentinischen Bischofskonferenz ergriffen und vom Papst gutgeheißen wurde, während er konträre Auslegungen wie durch die Polnische Bischofskonferenz nicht beanstandete. Das ist Peronismus pur!

Auf den Punkt bringt es ein in anderem Kontext geäußerter Satz eines Jesuiten: „Seine [Bergoglios] Art, Unklarheit zu erzeugen, ist meisterhaft“ (zit. 247) – das Gegenteil der biblischen Regel „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein!“ (Mt 5,37).

Dem Wunsch nach Klärung der Zweideutigkeiten im Dokument, den vier Kardinäle in Form von fünf „Dubia“ in einem Brief an den Papst herantrugen, hat dieser bis heute nicht entsprochen. Die seither herrschende globale Verwirrung in der Ehelehre nimmt er in Kauf.

Die Aufweichung der Glaubens- und Morallehre wurde durch zahlreiche Personalentscheidungen Papst Franziskus‘ flankiert. Vor allem die Berufung des als Förderer der Homosexuellenbewegung in Erscheinung getretenen, skandalträchtigen, linksstehenden Erzbischofs Vinzenco Paglia zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben (PAV) und (unter Missachtung der Richtlinien) zum Großkanzler des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie, eines Hüters der klassischen Morallehre gemäß „Familiaris consortio“, bedeutete einen Bruch mit der Tradition.

Mit der Erstellung neuer Statuten für das PAV, Neubesetzung des Mitgliedergremiums (auch Nichtkatholiken) Richtung „harte Naturwissenschaften“ und weniger Pro-Life-Wissenschaft und der Abschaffung des Treueeids zur katholischen Lehre ging eine schwammige Sprache einher, die den Stellenwert des Lebensschutzes relativierte; der neu ernannte Anglikaner Nigel Biggar hatte sich schon 2011 und 2013 in Interviews als Abtreibungsbefürworter geoutet.

Gesäubert, gestutzt und „pastoral“ neu ausgerichtet wurde auch das Institut Johannes Paul II.; führende Mitglieder, die  die neue Linie der „Weiterentwicklung“ der kirchlichen Morallehre ablehnten, mussten gehen.

Zerschlagung und Enthauptung

Mit der Zerschlagung der Franziskaner der Immakulata (FFI), eines 1970 in Frigento (Italien) gegründeten und 1998 von Johannes Paul II. als „Institut des geweihten Lebens päpstlichen Rechts“ anerkannten Ordens, dessen besondere Marienverehrung in der Spiritualität des hl. Maximilian Kolbe wurzelte, gibt Colonna im fünften Kapitel weiteren Einblick in die „neue Methode“ des Papstes, hier als „päpstliche Verfolgung eines blühenden Ordens“ (169) bezeichnet.

In Anlehnung an die Ideale des Konzils hatten strengste Armut, intensives Gebetsleben und eine missionarische Aufgabe dem Orden weltweiten Aufschwung beschert. Neben dem Neid anderer, schrumpfender Orden wurde den wachsenden FFI und ihrem Schwesternzweig vor allem zum Verhängnis, dass sie nach dem „Summorum pontificum“ (2007) Benedikts XVI. beschlossen hatten, intern den alten Ritus einzuführen (in ihren Pfarreien zelebrierten sie weiterhin den Novus Ordo), woraufhin sie (zu Unrecht) der Ablehnung des II. Vatikanums und finsterer Umtriebe verdächtigt wurden.

Der von der Ordenskongregation per Dekret im Juli 2013 eingesetzte Apostolische Kommissar Fidenzio Volpi (ein Kapuziner) übernahm die Kontrolle der FFI – sein Regime war gnadenlos: Das Generalkapitel wurde aufgelöst, der Ordensgründer P. Stefano Manelli praktisch unter Hausarrest gestellt, das Ordensseminar dichtgemacht, mindestens 15 FFI-Niederlassungen mussten schließen. 60 Brüder baten um Entbindung von den Gelübden, andere mussten gehen; die Annahme von Berufungen kam infolge der „Krise“ zum Erliegen. Ferner wurden die Ordensregeln geändert, Privatgelübde abgeschafft, Feiern der alten Messe untersagt. Der Orden löste sich nach 2015 schrittweise auf.

Den Prozess wegen Hinterziehung und Veruntreuung vor weltlichen Gerichten gewann Manelli gegen Volpi; dieser musste nicht nur das beschlagnahmte Vermögen im Wert von zirka 30 Millionen Euro an die Laienorganisation des Ordens zurückzahlen, sondern auch 20.000 Euro Schadensersatz wegen Verleumdung an die Familie des Gründers leisten.

Doch selbst die Verurteilung des eigenen Kommissars durch die weltliche Rechtsprechung entlockte dem Papst kein Wort, an dessen Absegnung des radikalen Vorgehens nicht zu zweifeln ist. Von kanonischer Seite wurde niemals Anklage gegen Manelli erhoben. Kein Gericht verurteilte ihn wegen irgendeines Fehlverhaltens.

Das detailliert beschriebene Geflecht von Intrigen, die zur Entmachtung des Malteserordens führten, ist ein Highlight des Buches. Hier schöpft der Autor, selbst Mitglied der Malteser (nach seiner Enttarnung als der Historiker Henry J. A. Sire vom Orden suspendiert), aus dem Vollen seiner Verbindungen und Quellen.

Die Winkelzüge der Kontrahenten, ihrer Verbündeten, ihre Motive sowie die Umstände des wachsenden Zeitdrucks, unter dem das „Projekt“ aus Sicht der „Rebellen“ stand, im Einzelnen nachzuzeichnen, ist hier in Kürze nicht möglich. Als Ergebnis kann festgehalten werden: Es ging nur vordergründig um unerlaubt verteilte Kondome, in der Hauptsache vielmehr um 30 Millionen Euro aus einem Schweizer Treuhandfonds für den Malteserorden, dessen Freigabe der vom Papst zum Rücktritt gezwungene englische Großmeister Fra‘ Matthew Festing blockierte.

Daher musste er seinem deutschen Widerpart Albrecht Freiherr von Boeselager weichen, der die Abwicklung des Geschäfts sicherstellte, inklusive der Übertragung von 100.000 Schweizer Franken an die Stiftung des Apostolischen Nuntius in Genf, Erzbischof Silvano Tomasi.

Gleichzeitig nutzte der Papst die Chance, Festings Verbündeten Kardinal, Raymond Leo Burke, Mitunterzeichner der „Dubia“, in seiner Funktion als Kardinalpatron des Ordens zu suspendieren und anstelle des Großmeisters seinen Erzbischof Becciu als Sonderbeauftragten zur Leitung des Ordens einzusetzen, was praktisch das Ende seiner Souveränität bedeutete.

Damit machte er eine Niederlage wett, die der Heilige Stuhl 1952/1953 in einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Malteserorden erlitten hatte, als dessen eigene Jurisdiktion und die Souveränität des Ordens als politische Einheit bestätigt wurden. Ferner konnte Bergoglio eine noch offene „Rechnung“ mit dem argentinischen Politiker und Malteserritter Esteban Caselli begleichen, der 1997 (vergeblich) seine Wahl zum Koadjutorerzbischof von Buenos Aires zu verhindern versucht hatte.

Ironischerweise hat der „volksnahe“ Papst mit seiner Parteinahme zugunsten der deutschen Mitglieder des Ordensrates um Freiherr von Boeselager die aristokratische Fraktion gestärkt (deren Moral seiner liberalen Linie sicher mehr entspricht), während die nichtadeligen Vertreter in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Big Brother des Vatikans

Im letzten Kapitel nimmt Colonna den Führungsstil des Papstes in den Blick, der von nicht wenigen Vatikanmitarbeitern als autokratisch und herrschsüchtig charakterisiert wird. Ein Priester, der als Franziskus-Fan begann, meint: „Bergoglio teilt die Kirche in jene, die mit ihm sind, und jene, die gegen ihn sind – und wenn er vermutet, dass man sich unter den Letzteren befindet, dann wird er sich rächen“ (zit. 213). 

So praktiziert er ein System von Bestrafungen, denen nicht nur die Kardinäle Gerhard Ludwig Müller (siehe Foto) und Raymond Burke zum Opfer fielen (Kardinal Robert Sarah wurde durch den Austausch seines Mitarbeiterstabes isoliert), sondern auch „widerständische“ Weggefährten aus argentinischer Zeit, wie der abgesetzte Erzbischof von Rosario José Luis Mollaghan oder der zum Rücktritt veranlasste Bischof Oscar Sarlinga von Zarate.

Dem entspricht ein an „peronistische Vetternwirtschaft“ (209) erinnerndes Günstlingssystem, dessen sich etwa der päpstliche Zeremoniar Guillermo Karcher, der persönliche Sekretär Fabián Pedacchio, aber auch höhere „Tiere“ wie der (schon genannte) „willige […] Handlanger“ Erzbischof Becciu, „der Mann für die Drecksarbeit des Papstes“ (211), erfreu(t)en, nicht zu vergessen der „Kriecher“ Kardinal Coccopalmerio, das „Schlitzohr“ Kardinal Calcagno oder Kardinal Baldisseri, der „gewiefte […] Manipulator der ‚Barmherzigkeit‘ während der Familiensynode“ (212).

Der Kontrolle dient dem Papst sein Einzug in die (für zwei Millionen Euro umgerüsteten) Räume des Gästehauses Santa Marta, wo er die Kardinäle in seiner Nähe hat, im öffentlichen Speiseraum zu Mittag isst und dabei Informationen aus den einzelnen Abteilungen des Vatikans erhält. Durch Zurechtweisung, (drohende) Entlassung oder Schmälerung des Einflusses hält er seine Mitarbeiter vom Kardinal bis zum Monsignore auf Trab.

Im Gefolge der „Dubia“ und wachsender Vorbehalte gegenüber AL wurden Kritiker der päpstlichen Sicht abgebürstet und zum Schweigen gebracht. Erzbischof Vito Pinto (Rota-Dekan) regte den Entzug der Kardinalswürde an; Kardinal Cupich von Chicago verlangte, die Kardinäle müssten sich „bekehren“; Erzbischof Fisichella schlug bei der Eröffnung des „Jahres der Barmherzigkeit“ gar die Exkommunikation von Papstkritikern vor.

Dozenten und hochrangige Mitarbeiter mussten ihren Stuhl räumen. In Rom überwacht eine „Beobachterinitiative“ Lehrbetrieb und Veröffentlichungen des Instituts Johannes Paul II. auf deren Kompatibilität mit AL hin. Methoden der Observierung wurden ruchbar, als im März 2015 eine größere Abhöraktion in Autos, Büros und Privatwohnungen von Klerikern aufflog. Kurienangestellte sind sich sicher, dass ihre Telefone abgehört und ihre E-Mails systematisch ausspioniert werden. Ein Kardinal resümiert: „Im Vatikan fürchtet jeder Papst Franziskus, niemand respektiert ihn, von Kardinal Parolin an abwärts“ (zit. 221).

Nicht nur sinkende Popularitätswerte (die ihn am empfindlichsten treffen) scheinen dem Papst bewusst zu machen, dass er an Grenzen stößt. Sein Satz „Es ist nicht unmöglich, dass ich in die Geschichte eingehen werde als derjenige, der die katholische Kirche gespalten hat“(zit. 225) zeigt ein bemerkenswertes Maß an Selbsterkenntnis.

Aber zieht er auch die Konsequenzen daraus? Und wenn ja, welche?   

Als politischster Papst „seit Jahrhunderten“ (225), der gern als moralischer Führer des südamerikanischen Kontinents hervortreten wollte (Ivereigh), muss er einsehen, dass er mit Barack Obama seinen „Schirm“ auf Weltebene verloren hat. Statt der von ihm favorisierten Hilary Clinton (deren Wahlkampagne er über die APSA mitzufinanzieren angeordnet hatte) wurde Donald Trump US-Präsident, der sich als sein künftiger Gegenspieler zu etablieren beginnt.

Und der hat gute Karten gegen ihn in der Hand – die (im Detail noch nicht enthüllte) Überwachung des Konklaves 2013 durch die CIA soll der Kurie Alpträume bereiten. Ungemach droht ihr auch wegen der kriminellen Finanzstrukturen einschließlich Geldwäsche und Steuerbetrug, die jederzeit Anlass zur Intervention von staatlicher Seite bieten. Seit Jahresbeginn mehren sich die Anzeichen, dass der Papst selbst in Korruption und Vertuschung von sexuellen Missbräuchen verstrickt ist.

Verstörende Bilanz: Wohin steuert Papst Franziskus die Kirche?

Im Ganzen hinterlässt das Buch beim Leser einen verstörenden Eindruck. Die Fülle der gesammelten Fakten, unterfüttert mit zum Teil kompromittierenden Zeugenaussagen, fügt sich zum bedrückenden Bild eines Kirchenoberhaupts, das seiner Verantwortung in keiner Weise gerecht wird. Das trifft ihn umso härter, als es so gar nicht zu dem von den Medien präsentierten lächelnden, verständnisvollen, „pastoral“ den Menschen zugewandten Pontifex passt.

Im Lauf des Buches durchschaut er, dass das mediale Franziskus-Bild einer vorgeprägten Sicht entspringt: Mit seinem (aus dem Kontext gerissenen) Satz „Wer bin ich, dass ich (ver)urteile“, der von der Homosexuellenbewegung vereinnahmt wurde, schien er deren „Gleichstellungs“-Forderung und einem weitverbreiteten Bedürfnis der säkularen Gesellschaft nach moralischer Selbstrelativierung der katholischen Kirche entgegenzukommen; in der Praxis erwies er sich als „Killer“ jedweden Anspruchs und Maßstabs.

Ebenso entspricht er mit der Fokussierung auf Umwelt- und Klimaschutz, seinem (rhetorischen) Einsatz für die „Ränder“, Arme und Migranten der Zeitgeist-Agenda, den Vorstellungen der politischen Klasse und des globalen Establishments.

Bestürzend wirken vor allem charakterlichen Defizite: Vulgäre Sprache, Wutausbrüche, gezielte Täuschung, Vergeltungsbedürfnis, Verschlagenheit, ungerechte Behandlung der Mitarbeiter, üble Machtspiele qualifizieren nicht für ein vorbildliches Pontifikat.

Geradezu auf den Kopf gestellt wird vom Papst die (katholische) Moral mit der neuen Maxime der absolut gesetzten „Barmherzigkeit“ Gottes, die jeden Sünder freispricht, ihm keine Anstrengung der Besserung auferlegt (und ihn daher auch nicht zur Umkehr bewegt), vielmehr geeignet ist, sein lasterhaftes „Ich will so bleiben, wie ich bin“ zu verstetigen.

Umgekehrt werden die um Erfüllung der göttlichen Gebote Bemühten zurechtgewiesen und des Pharisäertums, des Legalismus, der Herzensverhärtung, der Engstirnigkeit geziehen, wenn sie diese selbstverständlich als allgemeingültigen Maßstab verstanden wissen wollen; so wird das Streben nach Sittlichkeit entmutigt.

Lehrmäßig hat der Papst mit AL die Unauflöslichkeit der Ehe infrage gestellt, den deutschen Streit um Kommunionzulassung evangelischer Partner in Mischehen lässt er weiterschwelen. Anderseits wecken sein Nichteinschreiten als höchste Lehramtsautorität angesichts von Bischöfen, Priestern und Theologen offen vertretener Häresien und seine Duldung der sich weltweit beschleunigenden Disziplinlosigkeit in der Kirche Zweifel, inwieweit er auf diesen Feldern noch steuern möchte.

Mit Sorge erfüllt sein unbekümmerter Umgang mit führenden klerikalen Homo-Aktivisten bis hin zu (praktizierenden) homosexuellen Bischöfen/Kardinälen, deren er sich zu seinem Vorteil bedient. Wann diese einflussreiche Gruppe auch eine Änderung der kirchlichen Lehre erreichen wird, scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Gleichgültigkeit bekundet er in der Liturgie (soweit es den Novus Ordo betrifft, der alte Ritus gilt als obsolet); Zeichen mangelnder Ehrerbietung vor dem Allerheiligsten nähren den Argwohn hinsichtlich seines persönlichen Glaubens.

Am vielleicht erschreckendsten ist das Ausmaß, in dem sich der „Stellvertreter Christi“ von seiner Verantwortlichkeit gegenüber den Menschen und Gott gelöst hat. Dem „Geruch der Schafe“, ein  „aufgetragenes Duftwasser“ (50), entwöhnt, ist er in eine Eigenwelt entstiegen, in der er niemandem für nichts (mehr) Rechenschaft zu schulden glaubt.

Sein Satz „Ich bin der Papst, ich brauche keine Gründe für meine Entscheidungen anzugeben“ (zit. 213) hat eine gefährliche Dynamik entwickelt, die vor nichts haltzumachen scheint: Verletzung von Gesetzen und Regeln, Despotie, Missachtung von Missbrauchsopfern, eigenmächtige Änderung der Lehre und des Katechismus (Todesstrafe), Eingriff ins Vaterunser (6. Bitte?)… Für wen hält sich Papst Franziskus?

Als gravierende Mängel des Buches sind einzig die äußere Form mit Grammatikfehlern, nicht (korrekt) zu Ende geführten Satzkonstruktionen sowie jeder Menge fehlender Komas und die schwache, zum Teil unklare bis fehlerhafte Übersetzung erwähnenswert, was nicht selten von der Übernahme nicht bedeutungsgleicher Fremdwörter ins Deutsche herrührt. (Statt „Approbation der Affäre“ z. B. muss es heißen „Billigung der Angelegenheit/des Vorgangs/Vorgehens“; vgl. 183.)

Da empfiehlt es sich, das englische Original gegenzulesen, wie dem Verlag auch für weitere Auflagen ein Nachlektorat anzuraten ist. Die Erzählweise dagegen ist spannungsreich und fesselnd, wobei ein Grundwissen der Materie das Verstehen erleichtert.

Von einigen polemischen Spitzen abgesehen, ist der Schreibstil Colonnas meist sachlich, gelegentlich anklagend. Dank des überreichen „Beweismaterials“ hat er es nicht nötig, den Leser in eine Richtung zu drängen. Dieser weiß am Schluss die richtigen Schlüsse selbst zu ziehen.