Von der Jugendbewegung bis zu Papst Benedikt: „Die Kirche erwacht in den Seelen“

Von Felizitas Küble

Papst em. Benedikt ist offensichtlich geradezu fasziniert von einem berühmten Satz des großen Theologen und Priesters Romano Guardini: „Die Kirche erwacht in den Seelen.“

Er hat diese Aussage an entscheidenden Stellen öffentlich zitiert:

Zunächst in seiner Abschieds-Ansprache an die Kardinäle vom 28.2.2013, dem letzten Tag seiner Amtszeit  – ein höchst trauriger Anlaß freilich, was gerade bei den Irrungen und Wirrungen im Pontifikat des jetzigen Papstes Franziskus immer deutlicher wird.

Die Vatikanzeitung Osservatore Romano hat diesen Satz Guardinis damals sogar als Titel ausgewählt:  http://www.osservatoreromano.va/de/news/die-kirche-erwacht-in-den-seelen

Benedikt sagte in dieser Rede, die Kirche sei „keine erfundene Institution…, sondern eine lebendige Wirklichkeit… Die Kirche lebt durch die Zeit weiter …und ihr Herz ist Christus.“ – Der Heilige Geist belebt die Kirche, so daß sie „wirklich aus der Kraft Gottes lebt“.

Die Kirche sei „in der Welt, aber nicht von der Welt“. Er fügte hinzu: „Deshalb ist auch die andere Formulierung von Guardini wahr und beredt: ‚Die Kirche erwacht in den Seelen.‘“ 

Stirbt die Kirche in den Seelen?

Der ehemalige Pontifex erwähnte diesen Leitsatz Guardinis auch in seinem kürzlich veröffentlichten Grundsatzartikel zur Missbrauchskrise: https://charismatismus.wordpress.com/2019/04/13/papst-benedikt-zu-ursachen-des-missbrauchs/

Darin heißt es über das Geheimnis der Kirche:

„Unvergessen bleibt der Satz, mit dem vor beinahe 100 Jahren Romano Guardini die freudige Hoffnung ausgesprochen hat, die sich ihm und vielen anderen damals aufdrängte: „Ein Ereignis von unabsehbarer Tragweite hat begonnen; die Kirche erwacht in den Seelen.“

Er wollte damit sagen, daß Kirche nicht mehr bloß wie vorher ein von außen auf uns zutretender Apparat, als eine Art Behörde erlebt und empfunden wurde, sondern anfing, in den Herzen selbst als gegenwärtig empfunden zu werden – als etwas nicht nur Äußerliches, sondern inwendig uns berührend.

Etwa ein halbes Jahrhundert später fühlte ich mich beim Wiederbedenken dieses Vorgangs und beim Blick auf das, was eben geschah, versucht, den Satz umzukehren: „Die Kirche stirbt in den Seelen.“

In der Tat wird die Kirche heute weithin nur noch als eine Art von politischem Apparat betrachtet. Man spricht über sie praktisch fast ausschließlich mit politischen Kategorien, und dies gilt hin bis zu Bischöfen, die ihre Vorstellung über die Kirche von morgen weitgehend ausschließlich politisch formulieren.“

Damit hat Benedikt XVI. seine große Sorge um die Kirche zum Ausdruck gebracht: Stirbt sie in den Seelen?

Zugleich kritisiert er Tendenzen „bis hin zu Bischöfen“, die Kirche als „eine Art von politischem Apparat“ zu betrachten. Wenn diese oberflächliche Mentalität, die Kirche nicht als Werk des HERRN zu sehen, sondern eher als weltliche Einrichtung mit religiösem Anstrich, nicht überwunden wird, dann erstirbt die Kirche tatsächlich immer mehr in den Seelen.

Jugendbewegung und liturgische Erneuerung

Dabei waren die Zeiten auch nicht rosig, als der katholische Religionsphilosoph Guardini diesen berühmt gewordenen Satz formulierte. Die Phase nach dem 1. Weltkrieg war z.B. von wirtschaftlichen Nöten und politischen Turbulenzen geprägt.

Auch in der Kirche gab es gewisse Auflösungstendenzen infolge des theologischen Modernismus, der vielfach nur formal überwunden wurde. Zugleich gab es auf der anderen innerkirchlichen Seite manche Erstarrungen in äußere Formen und Gewohnheiten.

Die katholische Jugendbewegung versuchte eine Verinnerlichung und Durchgeistigung des kirchlichen Glaubens und Lebens. Führend war dabei der Schülerbund „Neudeutschland“ und die stark von Guardini geprägten „Quickborn“-Gruppen.

Auch der seliggesprochene Karl Leisner  –  ein junger Priester und Märtyrer der NS-Zeit  – lebte aus dem Geist der Jugendbewegung und dem damit verbundenen „Erwachen der Kirche in den Seelen“: http://www.karl-leisner.de/karl-leisners-beschaftigung-mit-dem-grosen-religionsphilosophen-romano-guardini/

Zugleich strebte die „Liturgische Erneuerung“ eine Vertiefung der eucharistischen Frömmigkeit an; sie betonte die „liturgische Haltung“, womit vor allem die bewußte innere und äußere Wertschätzung und Teilnahme an der hl. Messe gemeint war. Die kirchliche Liturgie sollte das Zentrum der persönlichen Spiritualität bilden.

Professor Romano Guardini bildete eine lebendige Brücke zwischen der Liturgischen Erneuerung und der kath. Jugendbewegung.

In seinem 1922 erschienenen Buch „Vom Sinn der Kirche“ heißt es daher gleich eingangs: „Ein religiöser Vorgang von unabsehbarer Tragweite hat eingesetzt: Die Kirche erwacht in den Seelen.“

 


Die heutige Abschiedsrede des Papstes vor den Kardinälen und Erzbischöfen des Vatikan

An seinem heutigen letzten Amtstag hat sich Papst Benedikt persönlich von allen in Rom anwesenden Kardinälen und Kurien-Erzbischöfen in der vatikanischen „Sala Clementina“ verabschiedet.

In seiner Ansprache dankte er dem Kardinalskollegium für die  Zusammenarbeit und rief die Kirchenmänner zum Gebet, zur Einheit und Harmonie auf.

Hier folgt der vollständige Wortlaut dieser kurzen, aber tiefsinnigen Papstrede: 1_0_669025

Verehrte Brüder!

Mit großer Freude empfange ich euch und grüße jeden von euch ganz herzlich. Ich danke Kardinal Angelo Sodano, der wie immer die richtigen Worte für das gesamte Kardinalskollegium findet, Cor ad cor loquitur. Ein herzliches Dankeschön, Eminenz!

Ich möchte euch sagen, und ich beziehe mich dabei auf die Emmaus-Jünger, dass es auch für mich eine Freude war, mit euch in diesen Jahren im Lichte der Gegenwart des auferstanden HERRN zu gehen. Wie ich gestern vor den tausenden Pilgern gesagt habe, die den Petersplatz füllten, waren mir eure Nähe und euer Rat eine große Hilfe in meinem Amt.

In diesen acht Jahren haben wir im Glauben wunderbare und lichte Augenblicke in der Kirche erlebt, zusammen mit einigen Momenten, in denen sich Wolken am Himmel zeigten.

Wir haben versucht, Christus und seiner Kirche zu dienen mit tiefer und totaler Liebe, die unser Amt belebt. Wir haben Hoffnung geschenkt, die von Christus kommt, Hoffnung, die allen den Weg erleuchten kann.

Das Kardinalskollegium sei wie ein harmonisches Orchester

Zusammen können wir dem HERRN danken, der uns in der Gemeinschaft hat wachsen lassen  –  und ihn zusammen bitten, uns zu helfen, weiter in dieser tiefen Einheit zu wachsen, damit das Kardinalskollegium wie ein Orchester ist, in dem die unterschiedlichen Ausdrucksformen der Weltkirche immer in eine höhere und einstimmige Harmonie einstimmen.

Ich möchte euch einen einfachen Gedanken hinterlassen, der mir sehr am Herzen liegt, einen Gedanken über die Kirche und ihr Amt, der für uns alle  –  so kann man sagen  –  die Vernunft und die Leidenschaft des Lebens bedeutet.

Ich lasse mir von einer Beobachtung von Romano Guardini helfen, die er in jenem Jahr schrieb, als das Zweite Vatikanische Konzil die Konstitution Lumen Gentium billigte. Es ist eine persönliche Widmung am Ende seines letzten Buches, auch an mich  –  deshalb sind mir diese Worte besonders teuer.

„Christus ist das Herz der Kirche“

Guardini sagt: „Die Kirche ist keine erfundene Institution, die am Tisch erschaffen wurde, sondern eine lebendige Realität. Sie lebt entlang dem Lauf der Zeit auf die Zukunft gerichtet, wie jedes Lebewesen; sie verändert sich –  und doch bleibt sie immer dieselbe, ihr Herz ist Christus.“

Die Erfahrung von gestern auf dem Petersplatz hat mir gezeigt, dass die Kirche ein lebendiger Leib ist, der vom Heiligen Geist inspiriert ist und der wirklich von der Kraft Gottes lebt. Die Kirche ist in der Welt, aber nicht von der Welt  –  sie ist von Gott, vom Hl. Geist.

Deshalb ist auch die andere Formulierung von Guardini wahr und redlich: „Die Kirche erwacht in den Seelen.“

Die Kirche lebt, wächst, erwacht in den Seelen, die wie die Jungfrau Maria das Wort Gottes aufnehmen und es als Werk des Heiligen Geistes verstehen, die Gott ihr eigenes Fleisch anbieten und die gerade in der eigenen Armut und Demut dazu fähig werden, Christus heute in der Welt zu zeugen.

Durch die Arbeit der Kirche bleibt das Geheimnis der Fleischwerdung für immer. Christus geht weiter durch alle Zeiten und Orte.

Bleiben wir vereint, liebe Brüder, in diesem Geheimnis, im Gebet, besonders in der täglichen Eucharistie. So dienen wir der Kirche und der gesamten Menschheit. Das ist unsere Freude, die niemand uns wegnehmen kann.

Bevor ich euch persönlich grüße, möchte ich euch sagen, dass ich euch weiter mit dem Gebet nahe sein werde, vor allem in den nächsten Tagen, bis ihr den Heiligen Geist bei der Wahl des neuen Papstes spürt.

Möge der HERR euch zeigen, was er von euch will. Schon heute verspreche ich dem neuen Papst meine bedingungslose Ehrerbietung und meinen bedingungslosen Gehorsam.

Deshalb gebe ich euch von Herzen meinen Apostolischen Segen.“

Quelle (Text/Foto): Radio Vatikan