Medjugorje und die „Seher der zweiten Generation“: Jelena und Marijana Vasilj

Von Felizitas Küble

Am 24. Juni 1981 begannen die „Marienerscheinungen“ in der Pfarrgemeinde Medjugorje in Bosnien-Herzegowina, die teils bis heute andauern. Diese Privatoffenbarungen an sechs Seher/innen sind kirchlich nicht anerkannt und  werden vom dortigen Bischof Peric abgelehnt, der damit die kritische Haltung seines Amtsvorgängers Zanic fortführt. Auch die jugoslawische Bischofskonferenz distanzierte sich von diesen Phänomenen.

Allerdings ist kaum bekannt, daß es auch eine sogenannte „Seher der 2. Generation“ gibt, wobei es sich um zwei Mädchen handelt, die schon im Alter von 10 bzw. 11 Jahren Visionen der Gottesmutter erhalten haben wollen, die Ende 1982 begonnen haben – also eineinhalb Jahre nach den „eigentlichen“ Erscheinungen von Medjugorje. Gedauert haben diese Visionen bis Mai 1998, demnach immerhin 16 Jahre hindurch.

Die damals vorpubertären Kinder wurden von der Madonna – eigenen Angaben zufolge – aufgefordert, eine Gebetsgruppe zu gründen. Diese wird als sog. „Große Gebetsgruppe von Medjugorje“ bezeichnet; nach ihrem Vorbild gibt es ähnliche Gruppen in aller Welt.

Die beiden Mädchen hatten im Unterschied zu den anderen sechs Seher/innen keine „körperlichen“ Erscheinungen erlebt, sondern sahen Maria „im Herzen“ oder hörten ihre Einsprechungen.

Es handelt sich um Jelena Vasilj-Valente und Marjana Vasilj-Juricic, beide sind seit langem verheiratete Familienmütter, die nicht mehr in Medjugorje leben.

In diesem auf englisch erschienenen Buch „Our Lady of Medjugorje“ (siehe Foto) werden Interviews mit den beiden Visionärinnen der zweiten Generation geführt.

Es gibt aber auch Infos in deutscher Sprache auf der offiziellen Medjugorje-Seite: https://www.medjugorje.de/medjugorje/seher/2-generation-erklaerung.html

Die „Botschaften“ der beiden Damen sind den üblichen Verlautbarungen aus Medju zum Verwechseln ähnlich. Es fällt lediglich auf, daß noch mehr Betonung auf dem „Beten und Fasten“ liegt, das anscheinend ein ausreichender Weg zum ewigen Heil ist.

Man fragt sich nur, warum Christus sich ausgerechnet mit den Pharisäern so stark auseinandersetzte, obwohl diese doch so viel gebetet und gefastet hatten.

Zum festen Programm dieser Ur-Gebetsgruppe, welche angeblich von der Gottesmutter selber initiiert wurde, gehören drei Stunden Gebet pro Tag und das Fasten bei Wasser und Brot am Mittwoch und Freitag.

Nun ist eine Gebetsgruppe aus Eltern, Jugendlichen oder alleinstehenden Erwachsenen aber kein Kartäuserkloster. Wie sollen die Menschen ihre normale Berufsarbeit bzw. ihre Familienpflichten vernünftig erledigen können, wenn sie ständig mit Beten und Fasten zugange sein müssen? Dazu kommt, daß es sich um ein  – noch dazu ungesundes  – Fasten bei „Wasser und Brot“ handelt, also weitaus strenger als das kirchlich gebotene Fasten am Aschermittwoch und Karfreitag (gerade mal zwei Tage im Jahr).

Keine Frage: Beten und Fasten gehört zum Christenglauben wie selbstverständlich dazu, aber es reicht alleine nicht aus. Notwendig sind auch gute Werke, Nächstenliebe und die Einhaltung der Gebote Gottes.

In den meisten Botschaften der ersten Jahre wiederholt sich der ständige (einseitige!) Aufruf zum Beten und Fasten, z.B. heißt es allein im Nov. 1983:

„Wenn ihr betet und fastet, werdet ihr bekommen, was immer ihr erbittet.“
„Ich möchte euch sagen, dass ihr morgen für die Erleuchtung durch den Heiligen Geist fastet und betet.“

„Betet und fastet! Alles, was ihr für mich tun wollt, ist zu beten und zu fasten.“

Zudem verkündet die „Madonna“ folgendes: „Betet nur! Ihr seht selbst, dass ihr nur durch das Gebet gerettet werden könnt.“
Das ist theologisch falsch. Christus selber warnte uns: „Nicht jeder, der HERR HERR sagt, wird ins Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen  meines himmlischen Vaters erfüllt.“

Im Januar 1984 wird Gebet und Fasten erneut zum Allheilmittel erklärt:
„Betet und fastet. Ich möchte, dass eure Herzen vollkommen rein von Sünde seien, und eure Herzen könnt ihr nur durch Gebet und Fasten reinigen.“
„Betet und fastet, weil ihr ohne Gebet und Fasten nichts tun könnt.“

Einen Monat später wird der Gruppe von „oben“ eingeredet: „Betet und fastet. Ich möchte Demut von euch. Und demütig könnt ihr nur durch das Gebet und Fasten werden.“

Zudem wurden Jelena Gebete direkt vom Himmel diktiert, die allerdings  – neben allerlei Kitsch und Banalitäten – zum Teil theologisch recht fragwürdig sind.

So heißt es z.B. ein einem „Weihegebet“ an Maria: „Auch bitte ich Dich um die Gnade, Dir gegenüber gnädig sein zu können.“

Wie bei so vielen Erscheinungen gibt es auch hier wieder einen Extra-Rosenkranz, der allerdings kein einziges Ave Maria beinhaltet, stattdessen nach dem Credo 33 Vater-unser und 7 Ehre-sei, außerdem selbstgebastelte Betrachtungen zum Leben Jesu.

Diese Gebetsgruppe der 2. Generation wurde in den ersten Jahren von Pater Tomislav Vlasic geleitet. Der Franziskaner war von August 1981 bis 1984 Ortspfarrer von Medjugorje sowie geistlicher Leiter der dortigen „Seher“ und auch der erwähnten Gebetsgruppe.

Vlasic gehört zur Charismatischen Bewegung; er leitete schon vor Beginn der „Erscheinungen“ entsprechende „Gebetsgruppen“ und Treffen.

Am 28.2.1982 bestätigte die „Madonna“ genau diesen Geistlichen, indem sie zu den „Sehern“ sagte: „Ihr habt Tomislav viel zu verdanken, weil er euch so gut führt.“

Damals war der Pater aber bereits Vater eines fünfjährigen Sohnes, den er mit einer Nonne gezeugt hatte. Er wollte sich aber nicht um Mutter und Kind kümmern, sondern blieb weiter im Orden.

1985 setzt ihn der zuständige Bischof Zanic als Pfarrer der Gemeinde Medjugorje ab und verbietet ihm das Predigen und das Zelebrieren der hl. Messe.

Seit 1985 behauptet P. Vlasic, besondere Botschaften von Christus und der Madonna zu erhalten, wobei es um die Gründung einer männlich-weiblich gemischten Ordensgemeinschaft gehe.

1988 beginnt er in Italien mit einer Kommunität aus Männern und Frauen, die sich „Königin des Friedens“ nennt. Mit der deutschen Medju-Anhängerin Agnes Heupel lebt er in „mystischer Ehe“, die sich jedoch nicht auf platonische Freundschaft beschränkt.

Anfang 2008 reißt dem Vatikan der Geduldsfaden:

Der Generalminister der Franziskaner, Pater J.R. Cargallo, und der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal W. Levada, unterzeichnen ein Dokument, das den Franziskaner verpflichtet, jede Verbindung zur Gemeinschaft „Königin des Friedens“ aufzugeben. Das Predigten und die Ausübung der Beichtvollmacht werden ihm untersagt.

Pater Vlasic verweigert den Gehorsam und hält sich nicht an die kirchlichen Auflagen.

Im Juli 2009 wird öffentlich bekannt, daß Pater Vlasic „in den Laienstand zurückversetzt“ und aus dem Franziskanerorden entlassen wurde.

Papst Benedikt XVI. untersagt P.  Vlasic unter Androhung der Exkommunikation jede Ausübung einer seelsorglichen oder apostolatischen Tätigkeit, verfügt zudem ein striktes Verbot, Erklärungen zu religiösen Sachverhalten  – insbesondere zu den Vorgängen in Medjugorje  – abzugeben. 

Angesichts derartiger Vorgänge stellt sich schon die Frage, welchen (un)geistigen „Einflüssen“ auch die Seher der 2. Generation ausgesetzt waren?!