Fragwürdige Reproduktionsmedizin mit Einfrieren der Eizellen liegt im Trend

Von Dr. med. Edith Breburda

Der Wandel moderner Reproduktionstechniken, macht das Einfrieren von Eizellen nicht nur zu einer Art „Boutique-Erfahrung“, sondern gibt Frauen eigene Macht über ihre Zukunft.  

Im Laufe der Jahre wurde das Einfrieren von Eizellen, die man im Fachjargon Oozyte cryopreservation bezeichnet, gründlich verändert. Die in den 80iger Jahren entwickelte Methode war anfänglich dazu gedacht, kranken Frauen eine Möglichkeit der Behandlung zu geben, ohne ihre Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Sie legten buchstäblich ihre Eizellen auf Eis.

Bereits im Jahre 2012 hat die Amerikanische Gesellschaft für Reproduktive Medizin ein ursprünglich experimentelles Verfahren der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damit wurde der Weg zu einer Art „Makeover“ geebnet, der in der Gesellschaft einen starken Einklang fand. Es befreite nicht nur Frauen von ihrer tickenden biologischen Uhr, sondern machte es gleichsam zu einer alltäglichen Notwendigkeit, die fast schon zum guten Ton gehört.

Die beteiligten Pharmafirmen Kindbody, Prelude Fertility, Ova usw. haben das Einfrieren von Eizellen von einem strikt medizinischen Eingriff, der an ein klinisches Umfeld gebunden war, zu einem Boutique-Erlebnis gemacht. Es wird nicht nur bequem, sondern bietet vor allem Komfort. Darüber hinaus können Frauen nun – so die Werbung – endlich selbst bestimmen, wann und mit wem sie ihren Nachwuchs haben wollen. Notfalls shoppen sie einen begehrten Samenspender, den sie im Internet ohne weiteres finden können.

Die Vermarktung des Einfrierens von Eizellen findet in Happy-Hour- Infoveranstaltungen, exklusiven Büros bis hin zu Instagram-Anzeigen statt. Es wird das Gefühl vermittelt, dass es sich bei der Reproduktionstechnologie nicht um eine große Sache handelt. Sie sei keineswegs beängstigend und fällt nunmehr unter die Rubrik der Selbstverwirklichung und des Wellness (Wohlfühlens). [1]

Diese Reklame einer New Yorker Fruchtbarkeitsklinik (siehe Foto) verglich die Kosten des Prozedere mit dem Sparen auf eine Maniküre oder eine gefrorene Acaischale. In ihrer Werbung heißt es: Entweder gibst Du einige Dollars am Tag für eine Eisschale aus oder sparst für das Einfrieren deiner Eizellen. [2]

Andere Anbieter locken Frauen damit, dass sie die „Zukunft besitzen“, wenn sie ihre Eizellen einfrieren.

Als Valerie Landis ihre Eizellen 2015 einfrieren ließ, war sie mit 33 Jahren die Jüngste. Die vielbeschäftigte Frau, deren letzte ernsthafte Beziehung schon ein paar Jahre zurück lag, wollte sich mit dem Kinderbekommen etwas Zeit kaufen. Damals waren die Frauen mindestens 37 Jahre alt, die sich dieser Prozedur unterzogen. Heute ist das ganz anders. Man kann durchaus 25-Jährige unter der Klientel finden. Es ist dies eine neue Welle der Feministinnen. Ein Trend, der auf die Unabhängigkeit von Frauen verweist.

Gina Bartasi, die Geschäftsführerin von Kindbody, bemerkt: „So viele Gebiete in der Wellness und der eigenen Gesundheitsvorsorge sind proaktiv. Wir denken an ein ausgewogenes Essen; auf unseren Cholesteringehalt zu achten und genug Fitness zu betreiben. Dabei lassen wir unsere Fruchtbarkeit aus und warten so lange, bis das Kinderkriegen zum Problem wird.“

Die Eizellen einzufrieren erscheint als eine Art von Selbstvorsorge.

Diese Aussagte steht im Gegensatz zu dem, was Fruchtbarkeitsspezialisten darüber denken. Sie wollen nicht, dass sich junge Frauen grundlos der Prozedur unterziehen. Weder Angst noch Verharmlosung sei angebracht. Es ist zudem falsch, eine Art Hoffnung zu vermittelt, welche diese Art der Reproduktionsmedizin ganz nach dem Willen der Frau und ihrem „Zeitfenster“ ermöglichen würde.  

„Ich nenne es ganz unkonventionell DAS ABGREIFEN“, sagt Paul Lin, Geburtshelfer und Gynäkologe sowie Leiter der Gesellschaft für Reproduktionstechnologie. Es klinge ganz so wie: „Hey, du bist eine unabhängige Frau. Schnapp dir deine Fruchtbarkeit und machen es einfach.“ – Und all das geschieht mit dem Hintergedanken, dass diese lockere Art der „Reklame“ bestimmt Patienten einbringt.“

Aber eigentlich sind es ja keine Patienten, sondern Kunden. Denn Frauen, die ihre Fruchtbarkeit auf diese Weise hinauszögern, sind nicht krank!  

Eizellen für eine spätere erfolgreiche Schwangerschaft einfrieren zu lassen, hängt zudem von vielen Faktoren ab. Je mehr Eizellen gespendet werden, desto höher die Chancen einer späteren Schwangerschaft. Gerade dieser Vorgang ist jedoch nicht so einfach. Am Ende überleben nicht mal alle Eizellen den Einfriervorgang. Die „Qualität“ der Eizellen nimmt mit der Lagerung ab, und je älter sie werden, desto wahrscheinlicher haben sie genetische Anomalitäten.

„Alter ist überall der limitierende Faktor für jemanden, der schwanger werden will“, sagt Dr. Josh Klein, Gründer von Extend Fertility. „Der Zusammenhang für mich war immer klar. Eizellen von jüngeren Frauen sind von Vorteil.“

2017 ließen sich 23-mal so viele Frauen ihre Eizellen einfrieren wie noch 2009. Firmen in Silicon Valley wie Facebook und Google bieten „egg freezing“ als eine Sozialleistung für ihre Mitarbeiter an. Das Attraktive dabei ist, Zeit „stehlen“ zu können, bis man den richtigen Partner findet; mit seiner Ausbildung fertig ist oder das finanzielle Umfeld stimmt.

Der Hauptgrund liegt laut Yale darin, keinen Partner zu haben. „Ein bisschen kommt auch ein gewisser sozialer Druck und Gruppenzwang dazu“, sagt Dr. Pasquale Patrizio, Leiter des Yale Fertility Center und des Fertility Präservation Programm‘s. „Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, wie wir das Einfrieren von Eizellen anbieten.“ Auch er betont: „Wir dürfen das Geschäft nicht auf Ängsten aufbauen und mit dem einzigen Hintergedanken, schnell an Geld zu kommen.“

Bartasi von Kindbody widerspricht dieser Ansicht. Es sei nichts Falsches daran, Frauen zu ermutigen, eher früher als später über ihre Fruchtbarkeit nachzudenken:

„Wir wollen einfach keine Optionen vorenthalten. Frauen sollten aufgeklärt und ermutigt werden, ihre eigene Fruchtbarkeit proaktiv zu verstehen, wenn sie noch die meisten verfügbaren Optionen haben“, sagte Bartasi. „Sobald sie diese Information haben, liegt die Wahl bei ihnen.“

Was für Gründe Frauen auch immer haben, das Einfrieren der Eizellen ist nicht gerade billig. Alles inclusive kostet es zwischen 15.000 bis 20.000 US- Dollars.

Die Erfolgsrate hängt davon ab, wieviel Eizellen man einfriert und wie alt die Frauen sind. Bei 15 eingefrorenen Eizellen liegt die Chance bei 85 Prozent, eine spätere Schwangerschaft zu haben, sofern die Frauen 35 Jahre oder jünger sind. Bei 10 Eizellen liegt die „Rate“ bei 61% und bei 5 Eizellen sind wir bei 15 %, sagen die Mediziner.

„Was für ein schreckliches Investment“, beschwert sich die Photographin und Filmproduzentin Gwen Schroeder. „Du musst $ 15.000 hinlegen, um später eine 15% Chance zu haben, ein Kind zu bekommen.“

Sie hat ihre Eizellen eingefroren, als sie 35 Jahre alt war. Sie hatte das Geld erst durch das Erbe ihres Vaters bekommen. Sechs Monate später traf sie jemanden und nun haben sie eine Tochter. Ihre entnommenen Eizellen liegen immer noch auf Eis. „Dieses Investment gibt mir ein bisschen Sicherheit“, sagt sie. „Ich will sie auf jeden Fall behalten, man weiß ja nicht, was das Leben einem noch so bietet.“

Die meisten Frauen, die sich der Prozedur unterzogen haben, werden diese Eizellen dennoch nicht nutzen. Aktuell sind es nur 3 – 9% der Frauen, die wirklich auf sie zurückgreifen.

Die ganze Angelegenheit ist alles andere als einfach, denn je jünger die Frauen sind, desto besser sind zwar die Eizellen, aber umso weniger der davon machen von ihnen Gebrauch. Je älter die Frauen wiederum sind, desto mehr greifen sie auf ihre gefrorenen Eizellen zurück, je geringer ist bei ihnen jedoch die Wahrscheinlichkeit, ein Kind zuzutragen.

Nach Dr. Patrizios Ansicht sollten Frauen ihre Eizellen zwischen 33 bis 35 Jahren einfrieren.  Ein schwieriges Unterfangen, wenn man kein Geld hat und nicht jeder eine GoFundMe-Kampagne auf dem Internet starten will, was einige der Frauen durchaus tun.

Was bleibt, ist die ethische Frage dieser Prozedur, die Frage, wer der Erzeuger des Lebens ist. Denn allzuoft geben wir diese Rolle an die Reproduktionsmedizin ab. Grob vereinfacht wird ein Embryo durch In-Vitro-Fertilisation erzeugt. Meist ist es aber nicht ein Embryo, sondern man nimmt wahrscheinlich alle Eizellen und selektiert am Ende die „Besten“ heraus, um eine Schwangerschaft zu induzieren.

Was ist, wenn die Eizellen nicht benutzt werden? Ihre Lagerung muss bezahlt werden. Sicher ist es einfacher, wenn es sich um eine Eizelle handelt als um einen Embryo. Dennoch stellt sich die Frage: würde man nichtbenutzte Eizellen der Forschung weitergeben? Diese könnten Embryos schaffen, um an ihnen zu experimentieren!  Es ist schwer genug, an menschliche Eizellen zu kommen – und in vielen Ländern sind Eizellen für Forschungszwecke begehrt. (1)

[1] Grant R.: How egg freezing got rebranded as the ultimate act of self-care. US News, 30. September 2020
[2] Sadovi K.: Wall Street greed’s latest target: fertility clinics. Take on Wall St. August 7, 2019