Seliger Pfarrer Emilian Kowcz: Märtyrer der katholischen Ostkirche und Retter der Juden

Von Felizitas Küble

Der katholische Priester Emilian Kowcz aus der Ukraine, der am 24. April 2001 von Papst Johannes Paul II. in Rom seliggesprochen wurde, ist ein wahrer „Pontifex“, ein Brückenbauer zwischen den Völkern; als Retter vieler Juden in schwerer Zeit dient er zugleich der Verständigung zwischen Katholiken und Juden.

Außerdem gehörte der Priester (auf ukrainisch hieß er Omeljan Kowtsch) zur griechisch-katholischen Kirche des orthodoxen (ostkirchlichen) Ritus, die seit Jahrhunderten mit Rom verbunden ist (unierte Kirche).

Der am 25. März 1944 im KZ Majdanek verstorbene Geistliche wurde am 24. April 2009 in Kiew feierlich zum „Patron der Seelsorger“ für die katholisch-ukrainische Ostkirche ernannt.

Bereits 10 Jahre zuvor, am 9. September 1999, proklamierte der „Rat der Juden“ in der Ukraine den Märtyrerpriester zum „Gerechten der Ukraine“.

Katholiken und Juden sind sich einig in der Wertschätzung und Würdigung dieses vorbildlichen Pfarrers, dessen Leben und Wirken geprägt war von seinem seelsorglichen Einsatz für die katholischen Gläubigen, aber auch von seiner Wertschätzung der Juden, in denen er das „Volk des Alten Bundes“ erkannte und ihnen ihren Messias Jesus Christus nahebringen wollte.

Der am 20. August 1884 in Kosmach (Galizien, Westukraine) geborene Emilian Kowcz studierte in Lemberg und Rom. Nach erfolgreichem Abschluß kehrte er in die Ukraine zurück und heiratete, wie dies in der griechisch-katholischen Ostkirche vor der Priesterweihe üblich und kirchenrechtlich erlaubt ist; seine Ehe wurde mit sechs Kindern gesegnet.

1911 erhielt Emilian Kowcz die Priesterweihe; er war zunächst als Kaplan und danach als Militärgeistlicher tätig.

Ab 1922 wirkte er als Pfarrer in einem Lviver (Lemberger) Bezirk, wobei er mehrfach von der polnischen Besatzungsmacht verhört und verhaftet wurde. Allein von 1925 bis 1934 wurde sein Pfarrhaus ca. 40 mal nach „antipolnischem Propagandamaterial“ durchsucht, was mehrere Gefängnisaufenthalte zur Folge hatte. Die Situation wurde nicht einfacher, nachdem dieses Gebiet 1939 von den Sowjets besetzt wurde.

Die Menschen in seinem Gemeindebezirk Peremyshljany setzten sich etwa zu gleichen Teilen aus Polen, Ukrainern und Juden zusammen. Als deutsche Truppen 1942 in die Stadt einmarschierten, wurde die rote Diktatur durch eine braune ersetzt, der International-Sozialismus durch den National-Sozialismus; der Kirchenhaß blieb unter dem Hakenkreuz im wesentlichen derselbe wie unter dem Sowjetstern.

Die Nazis richteten ein Ghetto für Juden ein und führten weitere antijüdische Maßnahmen durch, womit sich Pfarrer Emilian keineswegs abfand, wobei ihm seine Furchtlosigkeit später das Leben kosten sollte.

Als die NS-Schergen ausgerechnet an einem Sabbat Sprengstoff in die mit betenden Menschen gefüllte Synagoge warfen und danach die Tür von außen verriegelten, eilten Nachbarn zu Pfarrer Emilian und schilderten ihm diese Greueltat. 

Sofort rannte der Priester mit einigen Helfern zum Tatort. Da er gut deutsch sprach, schrie er die Nazi-Aktivisten derart an, daß diese sich verunsichert von der Synagoge zurückzogen.

Zusammen mit seiner Helferschar riß er die Tür des brennenden Gebetshauses auf und rettete viele Juden vor den Flammen, auch den Rabbi von Bels. Zudem warnte er seine Gläubigen in Predigten und Exerzitien davor, sich von judenfeindlichen Parolen und Provokationen der neuen Machthaber beeinflussen zu lassen.

Die Rettungsaktion des unerschrockenen Geistlichen sprach sich bei Juden in der Region überall schnell herum. Nicht nur einzelne, sondern ganze Gruppen von Juden kamen zu ihm und wollten sich taufen lassen. Manche waren von seiner christlichen Haltung und seinem tapferen Format beeindruckt und wollten daher das Christentum dieses ungewöhnlichen Mannes kennenlernen; andere glaubten, sich durch die Taufe vor der Judenverfolgung schützen zu können.

BILD: Der leidende Christus mit einem jüdischem Gebetsschal in der Sankt-Bernhard-Kirche von Münster

Pfarrer Emilian befand sich im Dilemma: einerseits wollte er gerne Juden retten, andererseits ist die Taufe kein „Mittel zum Zweck“, um vor dem KZ zu bewahren. Auch jene Juden, die sich als innerlich aufgeschlossen für das Christentum erwiesen, bedurften immerhin einer theologischen Vorbereitung.

Nach langem inneren Ringen und einem Gespräch mit seinem griechisch-katholischen Metropoliten entschied sich der Priester für einen „mittleren Weg“, nämlich für die Taufe von Juden zu „Minimalbedingungen“: wenn diese zum Erlernen des Glaubensbekenntnisses bereit waren.

Er erklärte den taufwilligen Juden aber auch, daß der Eintritt in die Kirche sie nicht automatisch vor dem KZ bewahren wird, da die braunen Machthaber auch Judenchristen verfolgten, allerdings nicht im gleichen Ausmaß wie ungetaufte Juden.

Auch dieser Einsatz des Priesters für bedrängte Juden war der NS-Besatzung ein Dorn im Auge. Am 30. Dezember 1942 wurde Pfarrer Emilian ins Gefängnis nach Lviv (Lemberg) gebracht. Dort bot ihm ein Offizier der Gestapo (Geheime Staats-Polizei) die Freilassung an, wenn er das Taufen von Juden beende:

„Wissen Sie nicht, daß es untersagt, ist, Juden zu taufen?“
„Nein.“
„Wissen Sie es jetzt?“
„Ja.“
„Werden Sie weiter Juden taufen?“
„Natürlich.“

Daraufhin verlegte man den „Unbelehrbaren“ ins KZ Majdanek bei Lublin, das erste KZ der SS im besetzen Polen. Dort setzte er seine Seelsorge unter den Mitgefangenen fort, hörte die Beichte von Häftlingen, segnete Kranke und Leidende und feierte heimlich den Gottesdienst in der byzantinischen Liturgie. Er wollte für möglichst viele Menschen eine „Brücke in die Ewigkeit“ sein, ihnen Glaubensmut und Gottvertrauen zusprechen und die Sakramente spenden.

Nach Weihnachten 1943 erkrankte er schwer und wurde ins Lager-Lazarett verlegt, wo er am 25. März 1944 verstarb, angeblich an den Folgen einer Thrombose im rechten Bein. Andere Quellen sprechen von einem Tod in der Gaskammer. Wie dem auch sei: Es war der Heimgang eines heldenmütigen katholischen Priesters und Brückenbauers zwischen den Völkern sowie zwischen Christen und Juden.

Der Märtyrer Emilian Kowcz wurde durch Papst Johannes Paul II. im Jahre 2001 in Kiew zusammen mit 26 Opfern des sowjetischen Regimes seliggesprochen; er war der einzige der 27 Kanonisierten, der von den Nationalsozialisten umgebracht wurde.
Sein kirchlicher Gedenktag ist  – wie bei den meisten Seligen oder Heiligen – sein Todestag, nämlich der 25. März.
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Erstveröffentlichung dieses Artikels in der Monatszeitschrift DER FELS (Nr. 7/2011)  –  1. Foto: Joachim Schäfer – www.heiligenlexikon.de 

Mexiko: Seliger Laienmissionar und Märtyrer Anacleto Flores wird „Schutzpatron der Laien“

Der Weihbischof von Monterrey, Alfonso Guardiola, erklärt: „Mit großer Freude verkündete die mexikanische Bischofskonferenz, dass die vatikanische Gottesdienstkongregation den Märtyrer Anacleto González Flores als Patron der mexikanischen Laien anerkennt“.

Zuvor hatte die Vollversammlung der mexikanischen Bischofskonferenz einstimmig beschlossen, den seligen Anacleto zum Schutzpatron der Laien zu erklären und am dritten Novemberwochenende  – am Fest Christkönig –  den „Tag der Laien“ zu begehen.

Der mexikanische Laie Anacleto González Flores wurde am 1. April 1927 zusammen mit drei jugendlichen Mitgliedern Katholischen Aktion ermordet –  und am 20. November 2005 in Guadalajara zusammen mit 12 anderen Märtyrern selig gesprochen. Während der kirchenfeindlichen Diktatur zwischen 1920 und 1930 gab es viele Märtyrer, die sich geweigert hatten, den katholischen Glauben zu verleugnen.

Anacleto González Flores wurde am 13. Juli 1888 als Sohn einer armen Familie in Tepatitlán, Jalisco, geboren. Er studierte Jura, wurde Pädagoge, Katechet und sozial engagierter Bürger sowie Mitglied des Drittordens der Franziskaner. Zudem beteiligte er sich in Wort und Schrift an der Verteidigung des katholischen Glaubens, wofür  ihm Papst Pius XI. das Kreuz „Pro Ecclesia et Pontifice“ verlieh.

Er war Autor zahlreicher Bücher und Artikel, treuer Ehemann und fürsorglicher Vater von zwei Kindern, Gründer einer katholischen Jugend-Vereinigung der mexikanischen Jugend und weiterer Verbände.

Er ist aber auch als „mexikanischer Gandhi“ bekannt, weil er während des Bürgerkriegs für Frieden und gewaltfreien Widerstand eintrat.

In der Morgendämmerung des 1. April 1927 wurde er von der linksfaschistischen Diktatur verhaftet und in die Colorado-Kaserne gebracht, wo er grausame Folterungen erlitt. Bevor er starb und sein Herz von einem Bajonett durchbohrt wurde, vergab er seinen Peinigern.

Quelle: Fidesdienst

 


Verschwindet das Grab des seligen Bernhard Lichtenberg aus Berlins Mitte?

In einer Pressemitteilung haben die „Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale“ Fragen und Anmerkungen zur Diskussion gestellt, die sich anlässlich der Verlegung des Grabes des seligen Bernhard Lichtenberg (siehe Foto) ergeben, welche die Bistumsleitung mit dem Radikalumbau der St.-Hedwigs-Kathedrale (2. Foto) begründet, der keine liturgischen und baulichen Gründe hat. 

Prof. Dr. Hans Joachim Meyer nimmt Stellung und weist auf Widersprüche hin, die auch in diesem Punkt die Umbau-Absichten der Leitung des Erzbistums Berlin fragwürdig erscheinen lassen:

Da die eindrucksvolle Gestaltung des Innenraums der St. Hedwigs Kathedrale zerstört wird (fälschlich als „Sanierung“ bezeichnet), musste für den bisher in der Unterkirche bestatteten Bernhard Lichtenberg, jedenfalls vorläufig, eine andere Ruhestätte gefunden werden.
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Dafür ist die Gedenkkirche Maria Regina Martyrum unstreitig ein würdiger Ort. Allerdings liegt diese Kirche, weil sie die Erinnerung an eine geschichtliche Stelle des von der national-sozialistischen Diktatur begangenen Unrechts wachhalten soll, nicht im Zentrum Berlins, sondern am Rande der Stadt, dort also, wo früher ein Gefängnis war.

Wo soll der mutige und aufrechte Glaubenszeuge künftig seine letzte Ruhe finden? In einer schwer zugänglichen Krypta, die an die Stelle der bisher den Kirchenraum mitprägenden und zu Gebet und Betrachtung einladenden Unterkirche treten soll? Oder in dem künftigen von radikalem Reduktionismus bestimmten Innenraum der Kathedrale, der kein Zeichen der Erinnerung an Vergangenes kennt?

Das ist keine Frage der Ästhetik, sondern der gegenwärtigen Wirkung von Vergangenheit.

Bisher war das öffentlich präsente Grab Bernhard Lichtenbergs in der Unterkirche eine mahnende Erinnerung an Widerstand gegen Unrecht und Verfolgung – mitten im Herzen Berlins und damit im Zentrum der deutschen Öffentlichkeit. Wo ist also sein künftiger Ort? 

Quelle (Text / 2. Foto): https://www.freunde-hedwigskathedrale.de/

 


Münster: Gedenkmesse für den seligen Priester und Märtyrer Gerhard Hirschfelder

Von Felizitas Küble

Am heutigen Donnerstag, dem 2. August 2018, wurde in der barocken Clemens-Kirche in Münster eine Gedächtnismesse für Kaplan Gerhard Hirschfelder gefeiert, der am 19.9.2000 im Hohen Dom zu Münster seliggesprochen wurde.

Dieser Geistliche gehört zu den hunderten von katholischen Priestern, die im KZ Dachau als Opfer der NS-Diktatur und als Märtyrer für den Glauben und die christlichen Tugenden verstorben sind. 

BILD: Porträtfoto Hirschfelders bei der Gedenkmesse vor dem Altar

Großdechant Franz Jung widmet sich seit Jahrzehnten der Seelsorge für die Katholiken aus der schlesischen Grafschaft Glatz, seien es nun ob Vertriebene oder Aussiedler bzw. deren Nachkommen. Die Grafschaft Glatz war ein besonders katholisch geprägtes Gebiet innerhalb Schlesiens.

Prälat Jung erinnerte in seiner Predigt an den herausragenden Glaubensmut von Kaplan Hirschfelder, der sich hierbei am Völkerapostel Paulus und den 12 Aposteln orientiert habe. Er würdigte besonders den Einsatz junger Katholiken, die das Gedenken an diesen Märtyrer auch durch moderne Medien wach halten.

In der liturgischen Lesung hieß es eindringlich: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ – Im Evangelium hörten wir die Christus-Worte: „Wer mich vor den Menschen bekennt, den will ich auch vor meinem Vater im Himmel bekennen!“

Beides paßte gut zum Lebensbild des schlesischen Blutzeugen Gerhard Hirschfelder, der seinen Einsatz für Gott, Jugend und Kirche 1942 mit dem Tod bezahlte.

BILD: Prälat Jung feierte die hl. Messe in der Clemens-Kirche

Wir haben bereits 2011 einen ausführlichen Beitrag über den seligen Märtyrer Gerhard veröffentlicht: https://charismatismus.wordpress.com/2011/08/06/ein-jugendbewegter-kaplan-als-martyrer-in-dachau/

Während der Gedenkmesse wurde ein gemeinsames Gebet zu Gott gesprochen, in dem es heißt: „Mit Begeisterung hat er die jungen Menschen die Liebe zu Christus und zur Kirche gelehrt und mutig den Glauben gegen seine Feinde verteidigt. Gib uns auf seine Fürbitte die Kraft, ihm in der Treue zu dir und im Ensatz für dein Reich nachzufolgen.“

Außerdem sangen die Gläubigen das Hirschfelder-Lied: „Wir ehrn zu dieser Stunde, dich, Schlesiens großen Sohn. Das Lob aus unserem Munde preist dich vor Gottes Thron….“

Bald haben die Glatzer wieder einen Grund zu feiern und zu beten: Am 24. und 25. August  – Freitag und Samstag – findet ihre traditionelle Jahres-Wallfahrt nach Telgte statt, der bekanntesten Pilgerstätte des Münsterlandes. Am Freitagabend gibt es eine eindrucksvolle Lichterprozession durch die Stadt, das Hauptprogramm läuft am Samstag mit der Festmesse um 10 Uhr.

Bei den Glatzern galt das Sprichwort: „Ein Jahr ohne Wallfahrt ist kein Jahr.“  – Wie man sieht, bleiben die Landsleute diesem Motto ihrer Vorfahren treu.

FOTO: Die Hirschfelder-Biographie, die der Priester und Professor Hugo Goeke schrieb, ist ebenso gehaltvoll wie eindrucksvoll und bewegend. Titel: „Gerhard Hirschfelder – Priester und Märtyrer“. Das fest gebundene Buch  mit 200 Seiten kostet 14,80 €. Interessierte können es beim Dialog-Verlag in Münster oder bei uns bestellen (wir liefern portofrei).

 

 

 


München: Kinofilm über den seligen Anti-NS-Prediger Pater Rupert Mayer

1987 wurde der bekannte Jesuitenpater und mutige Prediger Rupert Mayer aus München von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Dreimal wurde der süddeutsche Geistliche von den Nazis verhaftet. christus

Über das Konzentrationslager Sachsenhausen kam er bis zum Ende des 2. Weltkriegs nach Ettal. An Allerheiligen 1945 starb der unermüdliche Seelsorger an einem Schlaganfall in der Kreuzkapelle von St. Michael. Die Münchner Bevölkerung besuchte zahlreich sein Grab in Pullach, 1948 folgte die Umbettung des Sarges in die Unterkirche des Bürgersaals. 

Nun wird durch die Produktionsfirma „Munich International Pictures“ ein Kinofilm über sein Leben gedreht. Bereits im März soll das Werk bayernweit in die Kinos kommen, später soll eine DVD erscheinen.

Das Drehbuch ist aber auch mit fiktiven Elementen gespickt, um die Leistung des Widerstandskämpfers gegen das NS-Regime zu bekräftigen. Drehorte sind neben den Bavaria-Filmstudios in Geiselgasteig vor allem Original-Schauplätze: der Bürgersaal, St. Michael, das direkt an den Bayerischen Hof grenzende Palais Montgelas und Kloster Ettal. Auch in Warschau wurde gefilmt.

Hollywood-Stars wie Daryl Hannah und Stacy Keach haben Spielteile übernommen. Den Titelhelden P. Mayer verkörpert der in München lebende deutsch- italienische Schauspieler Oliver Gruber. Produzentin Nicola Mayerl spielt die fiktive Rolle der „Donna von Bayern“, die den Widerstandskämpfern als Rechtsanwältin hilft.

 


Der neue Selige Vladimir Ghikas: Prinz – Priester – Judenretter – Märtyrer

Vladimir Ghikas (siehe Foto) war ein orthodoxer Fürst, der katholisch wurde und sich großherzig für Kranke, Armen und Inhaftierte einsetzte. Papst Pius XI. bezeichnete ihn bereits als „großen apostolischen Vagabunden“. Selbst der japanische Kaiser bat ihn um einen Segen.

Das kommunistische Regime empfand ihm gegenüber eine so große Furcht, dass er im hohen Alter von fast 80 Jahren gefangengenommen wurde. Halbnackt ließ man ihn auf der Krankenstation des Gefängnisses zurück, wo er am 16. Mai 1954 verstarb. Am Samstag, den 31. August 2013, wurde in Bukarest seine Seligsprechung gefeiert.

Die Rede ist von Vladimir Ghika; der Konvertit war Priester, Beichtvater, geistlicher Berater, Wissenschaftler und Diplomat.

Sein Großvater Gregorio Ghika X. war der letzte regierende Fürst in Moldawien. Sein Vater wirkte zunächst als Verteidigungsminister und Außenminister Rumäniens und später als bevollmächtigter Minister beim Sultan in Konstantinopel, in Wien, Rom und Sankt Petersburg, Russland.

Seine Mutter Alessandrina Moret de Blaremberg war eine vornehme französische Adelige.

Vladimir erblickte am Heiligen Abend 1873 in Konstantinopel das Licht der Welt. Dort wurde er sofort in der orthodoxen Kirche getauft und gefirmt. Nach Frankreich und Rom führten ihn Reisen und Studienaufenthalte. Trotz des Drucks seitens der Familie trat er am 15. April 1902 mit 28 Jahren zur katholischen Kirche über.

Nach seinen bereits abgeschlossenen Studien der Philosophie und der Rechtswissenschaften absolvierte er noch ein Theologiestudium, um katholischer Priester werden zu können.

Kostenloses Krankenhaus gegründet

Nach seiner Rückkehr nach Rumänien widmete er sich den Werken der Barmherzigkeit. So eröffnete er das erste kostenlose Krankenhaus Bukarests, rief das Sanatorium „San Vincenzo de Paoli“ ins Leben und gründete eine Erstehilfe-Station. Während der Balkankriege des Jahres 1913 kümmerte er sich um die Kriegsverletzten und leistete den Cholerakranken Beistand.

Am 7. Oktober 1923 empfing Ghika durch Kardinal Guillaume Dubois, dem Erzbischof von Paris, das Sakrament der Priesterweihe. Kurze Zeit später erhielt er vom Papst die Genehmigung zur Messfeier nach dem byzantinischen Ritus. So erhielt er als erster Priester das Privileg, nach beiden Riten zu zelebrieren.

Ghika wurde in Paris zum Rektor der „Ausländerkirche“ ernannt und zog nach Villejuif, an den gefährlichsten Teil der Peripherie der französischen Hauptstadt. Seine Ankunft wurde von Protesten und Beschimpfungen begleitet. Er wurde geschlagen und mit Steinen beworfen, doch er ertrug alles mit Geduld und Ausdauer. 

Während des Zweiten Weltkrieges blieb er in Rumänien, um den Armen und Kranken weiterhin nahe sein zu können. Ghika besuchte die Inhaftierten des Gefängnisses an der Peripherie Bukarests. Er setzte seinen Einfluss bei den Behörden für die Rettung zahlreicher Juden vor der Deportation durch die Nazis ein. Über den Apostolischen Nuntius ersuchte er die USA während der Hungersnot von 1946 um Hilfe durch Zusendung von Lebensmitteln. Auf seine Veranlassung wurden die Hilfsgüter auch an die orthodoxen Klöster von Moldawien verteilt.

Kommunisten führten Nazi-KZs weiter

Auch nach der Einsetzung der kommunistischen Herrschaft blieb der Selige in Rumänien. Die sechs griechisch-katholischen Bischöfe wurden gefangen genommen: fünf starben im Gefängnis, nur einer überlebte die 22-jährige Inhaftierung. Dasselbe Schicksal ereilte die etwa 600 katholischen Priester. Eineinhalb Millionen Rumänen wurden verhaftet. Die von den Nationalsozialisten eingerichteten Konzentrationslager wurden unter den Kommunisten neu eröffnet.

Am 18. November 1952 wurde Msgr. Ghika im Alter von 79 Jahren verhaftet. Er wurde seiner Kleider beraubt und beinahe ein Jahr lang, lediglich seine Unterbekleidung tragend, der Kälte ausgesetzt.

Er wurde fast 80 nächtlichen Befragungen unterzogen, verlor infolge von Schlägen das Augenlicht und Gehör und erlitt Folterungen mit elektrischem Strom. Ziel war sein Verzicht auf die Einheit mit Rom. Trotz seines Alters und seiner körperlichen Schwäche blieb er stets standhaft.

In der 30 Quadratmeter großen Zelle befanden sich weitere 44 Häftlinge. Er fungierte als Zuhörer, Beichtvater und Helfer beim Gebet. Mit jedem, der dies wünschte, betete er den Rosenkranz; mit anderen ging er den Kreuzweg durch. An die Schwächsten verteilte er die Hälfte seiner kärglichen Lebensmittelration. Hunger und Kälte ausgesetzt,  zudem ohne medizinischen Beistand wurde er am 16. Mai 1954 auf die Krankenstation gebracht, wo er allein und halbnackt entschlief.

Ein Zeuge sagte über ihn: „Für ihn existierten die Gefängnismauern nicht. Er war innerlich frei, da er den Willen Gottes verwirklichte.“

Quelle: Antonio Gaspari in ZENIT.org


Am 5.11. jährt sich der 70. Todestag des seligen Bernhard Lichtenberg: Priester und Märtyrer

Von Pater Lothar Groppe SJ

Der selige Dompropst Bernhard Lichtenberg ist der erste deutsche Priester, der von der katholischen Kirche offiziell zum Märtyrer des Nationalsozialismus erklärt wurde. Am 5. November 2013 gedenkt sie seines 70. Todestages.

Der furchtlose Anwalt der Menschenrechte kann in unserer Zeit besonders allen, die in Kirche, Staat und Gesellschaft ein Amt bekleiden, in Erinnerung rufen, sich bei ihren Entscheidungen nicht von dem leiten zu lassen, was ankommt, sondern worauf es ankommt. 

P. Lothar Groppe

P. Lothar Groppe

In der dunklen Zeit des Nationalsozialismus hielt Bernhard Lichtenberg die Fackel der Menschlichkeit hoch und bezahlte die Treue zu den Geboten Gottes mit Gefängnishaft, die bei seiner Überführung in das Konzentrationslager Dachau zu seinem Tod führte.

Bernhard Lichtenberg war ein Zeitgenosse des seligen Pater Rupert Mayer, der sich gleich diesem für die Rechte Gottes und der Menschen engagierte.

Er wurde am 3. Dezember 1875 im schlesischen Ohlau als ältester von vier Brüdern geboren. Eine Schwester starb bald nach ihrer Geburt.

Der Vater, dessen Familie aus Böhmen stammte, betrieb in Ohlau ein Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft. Er hatte keinen leichten Stand in dem überwiegend protestantischen Städtchen, denn den evangelischen Beamten und Angestellten  war es verboten, bei einem Katholiken zu kaufen. Dieser Schaden wurde allerdings dadurch gemindert, dass die treukatholische Landbevölkerung der Umgebung zu seinen Stammkunden zählte.

Die Mutter stammte aus Schlesien. Beide Eltern waren fest im katholischen Glauben verwurzelt und diese Atmosphäre hat den jungen Bernhard ebenso nachhaltig geprägt wie seine Geschwister.

Auf dem Ohlauer Gymnasium erwarb sich Bernhard durch seinen anständigen Charakter und beharrlichen Fleiß die Hochachtung seiner Lehrer, obwohl er keineswegs Primus, sondern nach damaligen Begriffen eher ein guter Durchschnittsschüler war. Freilich dürfen wir nicht übersehen, dass die damaligen Anforderungen eines Gymnasiums erheblich über denen der Gegenwart lagen.

So hat der „Gefangene im HERRN“, wie sich Prälat Lichtenberg in seinen Briefen aus dem Gefängnis bisweilen bezeichnete, 147 lateinische Hymnen des Breviers ins Deutsche übertragen, obwohl er in Latein im Abiturzeugnis nur ein „genügend“ erhielt.

Nach dem Abitur im März 1895 ging Bernhard für ein Semester an die Universität  Innsbruck. Anschließend wechselte er in sein Heimatbistum Breslau über, wo er bis zu seiner Priesterweihe am 21. Juni 1899 studierte.  

Bernhard Lichtenberg

Bernhard Lichtenberg

Seine erste Kaplansstelle war Neiße, das „schlesische Rom“. 1900 wurde er in den Berliner Raum versetzt. Damals gehörten die Mark Brandenburg, Berlin und Pommern noch zur Fürstbischöflichen Delegatur Breslau.

Auf seiner Fahrt nach Innsbruck hatte der junge Student auch München kennengelernt und nach Hause geschrieben, er werde sich wohl niemals in einer Großstadt wohlfühlen. Am Ende seines Lebens  meinte er jedoch, Berlin sei ihm zur zweiten Heimat geworden.

Nach mehreren Kaplansjahren wurde Lichtenberg im September 1905 zum Kurat In Friedrichsfelde-Ost, 5 Jahre später in Berlin-Pankow ernannt. 1913 wurde er Pfarrer der Gemeinde Herz Jesu in (Berlin-)Charlottenburg, wo er bereits als Kaplan gewirkt hatte.

Es war eine Riesenpfarrei mit 36.000 Seelen. Die Kirche hatte aber nur 467 Sitzplätze. Dem neuen Pfarrer war klar, dass bei dieser Größe keine intensive Seelsorge möglich war.

Als Seelsorger ein unermüdlicher Arbeiter

Deshalb gründete er im Lauf der nächsten Jahre 5 Kuratien. Für sie bettelte er große Geldbeträge zusammen, damit sie eigene Gotteshäuser bauen konnten. Mehrmals erhielt er bayerische Strafmandate von 3 Reichsmark, ersatzweise 1 Tag Haft, da es einem Preußen nicht gestattet sei, in Bayern zu betteln. Lichtenberg war Seelsorger mit Leib und Seele, ein unermüdlicher Arbeiter.

Trotz seiner vielfältigen Aufgaben in der Pfarrei gab er noch zahllose Stunden Religionsunterricht in Volksschulen und höheren Schulen. Er hatte ein Herz für seine Schüler und diese verehrten ihren Lehrer über ihre Schulzeit hinaus. Nie wurde über ihn abfällig geredet und selbst der Spitzname, den er von einigen Schülern erhielt, drückte ihre Wertschätzung aus. Sie nannten ihn den „Papst“.

Beim Pfarrer von Herz- Jesu artete die Arbeit nie in Aktivismus aus, sondern stets stand die Seelsorge im Vordergrund. Mit der Ernennung zum Pfarrer von Herz Jesu wurde Lichtenberg  mit der Seelsorge für die katholischen Soldaten des Gardegrenadierregiments 3 in Charlottenburg betraut.

Eifer für den Religionsunterricht

Von seinem Elternhaus wußte Lichtenberg um die Bedeutung der religiösen Erziehung. Deshalb setzte er alle Hebel in Bewegung, dass alle katholisch  getauften Kinder auch katholischen Religionsunterricht bekamen. Sein Prinzip war: Wo es auch nur ein katholisches Kind gibt, muß es auch katholischen Religionsunterricht geben.

Ein solcher Eifer dürfte in unseren Tagen manchen Religionslehrer und Seelsorger zur ernsten Gewissenserforschung mahnen, zumal das religiöse Wissen zumeist erschreckend gering ist.

Eines Tages wurde eine Abordnung polnischer Gläubiger, die etwa ein Drittel seiner Gemeinde ausmachten, bei ihm mit Sonderwünschen vorstellig. Pfarrer Lichtenberg gab ihnen zur Antwort: „Ich bin von meinem Bischof hierher gesandt, weder um  zu  germanisieren, noch um zu polonisieren, sondern um zu pastorisieren.“

Im Februar 1919 wurde Lichtenberg mit Genehmigung seines Bischofs Mitglied der Stadtverordneten- bzw. Bezirksversammlung von (Berlin-)Charlottenburg. Dieses Amt bekleidete er bis 1931.

Als einmal behauptet wurde, die Kirche habe im Krieg Waffen gesegnet, brachte Lichtenberg bei der nächsten Sitzung ein Rituale (kirchliches Segensbuch) mit und forderte seine Kollegen auf, zu prüfen, ob es eine Waffensegnung gebe.

Gegen Abtreibung und sexuelle Verirrungen

Schon damals spielte die Abtreibung eine große Rolle. Hierzu bezog Lichtenberg am 15. Mai 1929  Stellung: imagesCA2YAIGF

„Die Bekämpfung der Abtreibung muß als eine der wichtigsten sozialhygienischen  Aufgaben der Gegenwart bezeichnet werden… Nicht zur Empfangsverhütung darf das Volk erzogen werden, um es vor der Abtreibung zu bewahren, nicht durch Beelzebub darf der Teufel ausgetrieben werden, sondern durch Erziehung zur Selbstbeherrschung, zur absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit vor und außerhalb der Ehe und zur vernünftigen Abstinenz in der Ehe.“

Natürlich stießen solche Worte damals ebenso auf Ablehnung wie heute.

Doch Lichtenberg war kein utopischer Schwärmer, sondern betonte gleichzeitig, man müsse mit den sittlichen Grundsätzen die soziale Tat verbinden, konkret, es müßten familiengerechte Wohnungen gebaut werden. Der Kirchenvorstand seiner Gemeinde habe auf einem der Pfarrei gehörenden Grundstück einen Plan für 300 Siedlungshäuser entworfen, um einen Beitrag zur Behebung der Wohnungsnot zu leisten.

Lichtenberg ging häufig in politische Versammlungen der verschiedenen Parteien, um den katholischen Standpunkt zu vertreten. Eines Abends zog er nach der Andacht mit einer Schar seiner Getreuen zu einer Veranstaltung des Ludendorffschen Tannenbergbundes.

Es ging dort um die angebliche „unheilige Allianz von Juden, Freimaurern und Jesuiten“. Lichtenberg hörte aufmerksam zu und machte sich etliche Notizen. Als der Redner geendet hatte, meldete er sich zu Wort und widerlegte dessen Ausführungen Punkt für Punkt. Die Versammlung endete mit einem begeistert gesungenen „Fest soll mein Taufbund immer stehen!“

Erste Konflikte mit Nationalsozialisten

1931 kam es zum ersten Zusammenstoß mit den Nazis. Lichtenberg, der zum Vorstand des „Friedensbundes deutscher Katholiken“ gehörte, lud gemeinsam mit Pater Stratmann zur Aufführung des Films „Im Westen nichts Neues,“  nach dem Roman von Erich Maria Remarque ein.

Da  der Berliner Gauleiter der NSDAP, der spätere Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels, gegen diesen Film eine heftige Kampagne inszenierte hatte, wurde dieser zunächst verboten. Einige Monate später wurde er jedoch in überarbeiteter Fassung für die Aufführungen in geschlossenen Veranstaltungen freigegeben. Im Kampfblatt des Herrn Goebbels, „Der Angriff“, wurde Lichtenberg hierauf der „viehischen Totenschändung“ geziehen.

Durch seine Einladung zur Filmvorführung habe er die Gefallenen verhöhnt und sei „so abgründig gemein, dass nur sein Alter ihn davon schützen kann, nach dem Gesetz in die Zwangspension geschickt zu werden …. Das deutschbewußte Berlin läßt sich eine so freche Provokation nicht gefallen, es erhebt millionenfach den Ruf:  „Raus, zum Tor hinaus mit Monsignore Lichtenberg!“

Nach der „Machtergreifung“ blieb Lichtenberg seiner antinazistischen Haltung treu, hatte er doch, im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen, Hitlers Buch „Mein Kampf“ gründlich studiert und mit kritischen Glossen versehen. Bei seiner späteren Verhaftung fand man dieses Exemplar und sah in Lichtenbergs Randbemerkungen nicht zu Unrecht einen unüberbrückbaren Gegensatz zur Weltanschauung des Nationalsozialismus.

Judenfeindliche Maßnahmen des NS-Regimes

Nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 begann die erste Welle antisemitischer Maßnahmen des Regimes. Ihren ersten Höhepunkt erreichten die Aktionen mit dem von NSDAP und SA organisierten Boykott gegen jüdische Geschäfte, Waren, jüdische Ärzte und Rechtsanwälte als Vergeltung für die Stimmungsmache von Juden in England und den USA. So  schrieb der „Daily Express“ am 24.3.1933 in Schlagzeilen: „Judea  declares war on Germany. – Jews of all the world unite in action – Boycott of German goods.”

Der Münchner Kardinal Faulhaber bat am 30.März 1933 die Kardinäle von New York und Chicago, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, „dass die Demonstrationen  gegen die deutsche Regierung aufhören, um damit dem deutschen Judenboykott den Boden zu entziehen.“

Da Lichtenberg bereits vor 1933 mit den Nazis die Klingen gekreuzt hatte, behielten sie ihn nach der „Machtergreifung“ im Auge. Im Sommer 1933 kam es zur ersten Haussuchung  und Verwarnung durch die Gestapo. Noch 6 x bis zu seiner Verhaftung wurde er von ihr vorgeladen. Bei seinen Verhören ging es um folgende Konfliktbereiche:

Die Wahrnehmung politischer Verantwortung während der Weimarer Republik (politischer Katholizismus), den Einsatz für die vom nationalsozialistischen Alleinvertretungsanspruch bedrohten katholischen Vereine (die durch das Reichskonkordat garantiert waren), die Abwehr der Bedrohung im Kernbereich kirchlichen Lebens und die Verteidigung der Menschenrechte verfolgter Juden, nichtarischer Katholiken und sog. „lebensunwerten Lebens.“

In Vertretung des Berliner Kapitularvikars Steinmann ordnete Lichtenberg die Verlesung eines Artikels im „Osservatore Romano“ über „Konkordatsfragen in Deutschland“ von allen Kanzeln der Diözese für den 21. Juli 1935 an. In ihm ging es um die zahlreichen Rechtsbrüche der Nazis, die in deutschen Zeitungen nicht behandelt werden konnten.

Hierauf ersuchte das Geheime Staatspolizeiamt am 24. Juli 1935 den Reichskirchenminister  –  allerdings vergeblich  –  gegen Lichtenberg Strafanzeige wegen Landesverrats, Kanzelmißbrauchs und Verstoßes gegen das Heimtückegesetz zu stellen. Im gleichen Sommer protestierte Lichtenberg gegen die Verbreitung des Devisenschieber-Liedes, da es die Volksgemeinschaft zersetze und das religiöse Empfinden verletze.

In den Jahren 1935/36 fanden vor dem Landgericht Berlin etwa 40 Devisenprozesse gegen katholische Priester und Ordensleute wegen angeblicher oder tatsächlicher Verstöße gegen die rigorosen Devisenschutzbestimmungen statt.

Den Anschuldigungen lagen meist finanzielle Verpflichtungen zugrunde, ausländische Schulden zu tilgen oder im Ausland befindliche Ordensangehörige finanziell zu unterstützen. Diese Motive wurden von der NS-Propaganda systematisch verfälscht, um die Glaubwürdigkeit der Kirche zu untergraben. Am 4. Oktober 1935 wurde vom Reichsinnenministerium Verbreitung und öffentlicher Vortrag dieses Liedes tatsächlich untersagt.

Lichtenbergs Protest gegen die Propagierung des „Pfaffenspiegels“ bei seinem „Pfarrkind“ Adolf Hitler  –  das Regierungsviertel lag im Bereich der Dompfarrei, zu deren Leitung  Pfarrer Lichtenberg 1932 ernannt worden war  –  blieb allerdings ohne Antwort.

Hilfe für Katholiken jüdischer Herkunft

1938 wurde Lichtenberg mit der Leitung des „Hilfswerkes beim Bischöflichen Ordinariat“ für die katholischen „Nicht-Arier“ (Katholiken jüdischer Herkunft) betraut, das er bis zu seiner Verhaftung innehatte. Neben seinen vielfältigen anderen Verpflichtungen  –  er war am 18. Januar 1938 von Papst Pius XI. zum Berliner Dompropst ernannt worden – war Lichtenberg unermüdlich tätig, um die pastorale und materielle Notlage der katholischen Nichtarier zu lindern.

Schon vor der Errichtung des Hilfswerkes hatte er im Paulus-Bund, der Vereinigung nichtarischer Christen, mitgearbeitet und am 16. August 1936 in der Hedwigskathedrale für schwer notleidende nichtarische Katholiken sammeln lassen.

Am 9. November 1938 kam es dann zu den Ausschreitungen gegen die Juden, die als „Reichskristallnacht“ unrühmlich in die deutsche Geschichte eingegangen sind. Als „Vergeltung“ für das Attentat des Juden Herschel Grynszpan auf den Legationssekretär Ernst vom Rath in der deutschen Botschaft zu Paris, wurde von Goebbels „spontane Volkswut“ gegen die Juden inszeniert.

Bei diesem Pogrom wurden 91 Juden ermordet, rund 250 Synagogen angezündet oder verwüstet, 7500 jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert. Lichtenberg war zutiefst erschüttert, als er die brennende Synagoge sah.

„Lasset uns beten für die Juden“

Am Abend des 9. November hielt er wie gewohnt die tägliche Andacht und gedachte der erschreckenden Ereignisse dieses Tages:

„Lasset uns beten für die verfolgten nichtarischen Christen            accumulator_default_img
und für die Juden.
Was gestern war, wissen wir.
Was morgen ist, wissen wir nicht.
Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt:
Draußen brennt der Tempel.
Das ist auch ein Gotteshaus.“

Obwohl höchstwahrscheinlich auch an diesem Abend Spitzel der Gestapo anwesend waren, geschah – nichts. Nach Kriegsbeginn erweiterte Dompropst Lichtenberg seine abendlichen Fürbitten.

Zunächst gedachte er der verwundeten, gefangenen und gefallenen Soldaten hüben wie drüben. Dann betete er für den Frieden und den Geist des Friedens, für die bedrängten getauften Juden, für die verfolgte Juden, für die Häftlinge, besonders für seine Amtsbrüder in den Konzentrationslagern.

Am 28. August 1941 schrieb er einen Brief an den „Reichsärzteführer“ Dr. Conti. In ihm griff er die Predigt des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, auf, die dieser am 4. August 1941 über die Ermordung der Geisteskranken gehalten hatte.

In Lichtenbergs Schreiben heißt es:

„….Wenn diese Behauptung unwahr wäre, hätten Sie, Herr Reichsärzteführer, den bischöflichen Prediger schon längst als  Verleumder  öffentlich gebrandmarkt und gerichtliche Klage gegen ihn angestrengt, oder die Geheime Staatspolizei hätte sich seiner bemächtigt. Das ist nicht geschehen.

Sie geben also die Richtigkeit dieser Behauptung zu. Wenn auch die heiligen zehn Gebote Gottes öffentlich ignoriert werden, so hat doch das RStGB (Reichsstrafgesetzbuch) noch Gesetzeskraft. § 211 des RStGB  bestimmt: „Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung mit Überlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft.“

§ 139 bestimmt: „Wer von dem Vorhaben eines Verbrechens wider das Leben…glaubhafte Kenntnis erhält, und es unterläßt, der Behörde oder dem Bedrohten hiervon zur rechten Zeit Anzeige zu machen, wird …. bestraft.“

Wenn die mit der Strafverfolgung und Strafvollstreckung betraute staatliche Behörde hier keinen Anlaß einzugreifen erkennt, muß jeder deutscher Bürger, den Gewissen und das Amt dazu drängen, sich zu Worte melden. Ich tue es hiermit…

Auf meiner priesterlichen Seele liegt die Last der Mitwisserschaft an den Verbrechen gegen das Sittengesetz und das Staatsgesetz. Aber wenn ich auch nur einer bin, so fordere ich doch von Ihnen, Herr Reichsärzteführer, als Mensch, Christ, Priester und Deutscher Rechenschaft für die Verbrechen, die auf Ihr Geheiß oder mit Ihrer Billigung geschehen, und die des HERRN über Leben und Tod Rache über das deutsche Volk herausfordert.

Ich gebe von diesem Brief der Reichskanzlei, den Reichsministerien und der Geheimen Staatspolizei Kenntnis.“

Am Abend nach Absendung dieses Briefes betete Lichtenberg wieder bei der Andacht: „Lasset uns nun  beten für die Juden und für die armen Gefangenen in den Konzentrationslagern, vor allem für meine Amtsbrüder.“

Zwei evangelische Studentinnen aus dem Rheinland, die aus purer Neugier in die Kathedrale gekommen waren , verließen „empört“ die Kirche und meldeten den Vorfall. Ein unbekannter SS-Führer erstattete am 9.4.41 Anzeige wegen „bolschewistischer Propaganda“.

Nun war das Maß voll. Am 23. Oktober 41 wurde Prälat Lichtenberg  von der Gestapo verhaftet. Gleichzeitig fand eine Haussuchung statt. Hierbei fanden die Beamten eine für Sonntag vorbereitete Vermeldung, die folgenden Wortlaut hat:

„In Berliner Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird behauptet, dass jeder Deutsche, der aus angeblicher falscher Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, und sei es auch nur durch ein freundliches Entgegenkommen, Verrat an seinem Volk übt. Laßt Euch durch diese unchristliche Gesinnung nicht beirren,  sondern handelt nach dem strengen Gebot Christi: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Man brachte Lichtenberg, der als „Pfaffenschwein“ tituliert wurde, ins Hauptquartier der Gestapo. Auf die Frage des vernehmenden Kommissars, was er von den Predigten des Bischofs von Münster halte, gab er zur Antwort: „Mir ist jedes Wort aus der Seele gesprochen.“

Bei seiner Verhaftung war Lichtenberg bereits ein schwerkranker Mann. Seine Beschwerde gegen seine Verhaftung wurde abgewiesen.

Die „Freunde“ der Kirche behaupten immer wieder, es habe zwar in der katholischen Kirche vereinzelt Bekenner und Martyrer gegeben, aber die Bischöfe hätten sie alleingelassen. Nun läßt sich gerade am Beispiel von Dompropst Lichtenberg anhand mehrerer Dokumente beweisen, dass solche Vorwürfe zu Unrecht erhoben werden. Bischof Graf von Preysing richtete mehrere Gesuche um Haftverschonung an die Gestapo . Sie wurden abgewiesen.

Dann bat er um die Verlegung Lichtenbergs in eine Spezialklinik, was sogar vom Staatsanwalt und Gefängnisarzt befürwortet wurde. Jedoch das Justizministerium lehnte ab. Mehrmals besuchte Preysing seinen Dompropst im Gefängnis und bat für ihn um die Genehmigung, in seiner Zelle privat zelebrieren zu dürfen. Doch auch dies wurde abgelehnt.

Am 2. November 41 legte Graf von Preysing in der Hedwigskathedrale eine Fürbitte für den Gefangenen ein. Am 25. Oktober berichtete er Papst Pius XII. von der Verhaftung Lichtenbergs.

Desgleichen informierte Nuntius Orsenigo Kardinalstaatssekretär Maglione über die Verhaftung. Bei Staatssekretär von Weizsäcker intervenierte er zu Gunsten Lichtenbergs. Alles war vergebens.

Nach mehrmonatiger Untersuchungshaft  wurde Dompropst Lichtenberg am 22. Mai 1942 vom Sondergericht I beim Landgericht Berlin wegen „Kanzelmißbrauchs“ und Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ zu einer Gesamtstrafe von 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.

In der Urteilsbegründung heißt es u.a.:

„Indem der Angeklagte in seinen Gebeten ausdrücklich für die Juden und die Gefangenen in den Konzentrationslagern eintrat, befaßte er sich öffentlich mit den gegen die genannten Personengruppen eingeleiteten stattlichen Maßnahmen……..  Er hat also in Ausübung seines Berufes in einer Kirche vor mehreren Personen Angelegenheiten des Staates zum Gegenstand seiner Verkündigung gemacht. Dies geschah in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise…“

Der Brief Lichtenbergs an Reichsärzteführer Dr. Conti wurde aus durchsichtigen  Gründen nicht zum Gegenstand der Anklage gemacht, obwohl man ja wegen Ausschlusses der Öffentlichkeit „unter sich“ war.

Nach der Urteilsverkündigung wurde der Dompropst in das Strafgefängnis Tegel überführt, in dem sich unter 2500 bis 3000 Gefangenen zahlreihe politische Häftlinge befanden. Bei ihnen erfreute sich  Lichtenberg der größten Hochachtung.

Als Strafgefangener mußte er auch arbeiten. Wegen seiner schweren Erkrankung wurde das Arbeitspensum auf die Hälfte der üblichen Norm reduziert. Mehrmals wurde er ins Gefängnislazarett eingeliefert, aber eine Haftentlassung kam für die Gestapo nicht in Frage.

Am 28. Oktober 1943 verfügte das Reichssicherheitshauptamt, Lichtenberg nach Verbüßung der Gefängnisstrafe in das Konzentrationslager Dachau zu überführen. Beim Zwischenaufenthalt des Gefangenentransports dorthin starb Dompropst Lichtenberg am Abend des 5. November 1943 im Stadtkrankenhaus Hof.

Wider Erwarten gestattete die Gestapo die Überführung des Leichnams nach Berlin, wo Bischof Graf von Preysing für seinen Dompropst ein Pontifikalrequiem feierte und ihn unter großer Anteilnahme von tausenden Gläubigen  auf dem St. Hedwigs-Friedhof zur letzten Ruhe geleitete. Schon jetzt herrschte die Überzeugung, dass man einem Heiligen die letzte Ehre erwiesen habe.

Bernhard Lichtenberg wurde als Martyrer seliggesprochen, obwohl er nicht, wie Alfred Delp am Galgen, oder wie Pfarrer Max Josef Metzger unter dem Fallbeil gestorben, sondern friedlich im Bett eines Krankenhauses gestorben war. Für gewöhnlich verstehen wir unter Martyrium das Blutzeugnis für Christus. Aber schon in der alten Kirche verehrte man auch solche Zeugen Christi als Martyrer, die nicht ein blutiges Ende fanden, sondern, wie etwa die Heiligen Pontian und Hippolyt an den Entbehrungen der Haft starben.

Der Diener Gottes Bernhard Lichtenberg ist unbestreitbar wegen seines Eintretens für die Juden verhaftet worden und zu Tode gekommen. Aus den vorliegenden Dokumenten und Zeugenaussagen wurde ersichtlich, dass er bei seinem unbeirrbaren Einsatz für Menschenrecht und Menschenwürde einem besonderen Gnadenanruf Gottes gefolgt ist.

Sein lebenslanges Tugendstreben befähigte  ihn, diesen Weg ohne Rücksicht auf seine persönliche Gefährdung zu gehen, der schließlich zu seinem Martyrium führte. Zu Recht stehen auf seinem Grabstein die Worte:

„Er liebte die Gerechtigkeit und haßte das Unrecht.“ 

Wir alle wollen in unseren Tagen den Seligen um seinen Beistand anrufen, dass sein tatkräftiger Glaube und sein rastloser Einsatz für den Nächsten  auch unseren Glauben stärke und uns zu tätiger Nächstenliebe Kraft schenke.