Der ARCHE-Skandal um die Missbrauchstäter Jean Vanier und P. Thomas Philippe

Von Felizitas Küble

Er gilt als „Pionier der Inklusion“, als Vorreiter eines gemeinsamen Lebens von Behinderten und Gesunden „auf gleicher Augenhöhe“: Jean Vanier.

Die vielfach bewunderte „Lichtgestalt“ war Gründer der weltweit ausgebreiteten ARCHE-Kommunitäten, der im Vorjahr verstarb – und der jetzt wegen sexueller Übergriffe allseits kritisiert wird, auch von der eigenen Bewegung: https://www.arche-deutschland.de/uebergreifende-inhalte-und-funktionen/newsletter/news-detail/wir-sind-tief-erschuettert/

Die ARCHE gehört zu jenen „geistlichen Gemeinschaften“, wie sie in den 70er Jahren vor allem in Frankreich in zahlreichen Varianten aus dem Boden schossen, teils motiviert durch eher mystisch-spirituelle, teils durch charismatische Anführer und Ereignisse (bisweilen wirkten auch beide – ohnehin geistesverwandten – Faktoren gemeinsam).

Zugleich gründete Vanier in Frankreich gemeinsam mit der Gleichgesinnten Marie-Hélène Mathieu die internationale ökumenische Bewegung „Glaube und Licht“.

Es fällt auf, daß gerade diese „neueren Gemeinschaften“ stark vom Problem des geistlichen und des sexuellen Missbrauchs betroffen sind.

Erinnert sei an die gerichtfeste Verurteilung von Gründern/Leitern der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“. Ähnlich erging es der etwas intellektueller geprägten „Gemeinschaft vom Hl. Johannes“, die von dem Dominikanerpater und Missbrauchstäter Marie-Dominique Philippe geführt wurde. (Näheres dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/03/07/die-st-johannes-gemeinschaft-ist-mit-sexaffaeren-ihres-gruendervaters-belastet/)

Sowohl dieser Geistliche wie auch sein leiblicher Bruder, P. Thomas Philippe (ebenfalls Ordenspriester), haben sich sexueller Nötigungen an erwachsenen Frauen schuldig gemacht.

Jener Pater Thomas Philippe war zugleich geistlicher Begleiter der ARCHE und Mentor bzw. jahrzehntelanger Seelenführer des Arche-Gründers Jean Vanier, wobei Vanier selbst kein Priester, sondern „Laie“ war, allerdings Dozent und Doktor der Theologie.

Vanier „deckte“ die Taten bzw. Untaten seines Mentors Philippe und beging auch selbst Übergriffigkeiten an Frauen bzw. Nonnen seiner geistlichen Gemeinschaft.

Wir wollen uns aber nicht in biograpische oder sonstige Details verzetteln, die man auch woanders nachlesen kann. Es geht hier eher um ein paar grundsätzliche Überlegungen:

Seit über dreißig Jahren schreibe ich kritisch über schwärmerische und pseudomystische Vorstellungen und Geschehnisse im religiösen „Lager“, auch und gerade im katholischen.

Infolgedessen melden sich bei mir seit langem immer mehr Geschädigte von spirituellen Missbrauch bzw. seelsorglichen Übergriffen (so z.B. allein gestern zwei Aussteiger aus dem Fankreis der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“).

Angesichts jahrzehntelanger Kontakte mit Betroffenen beider christlicher Konfessionen  – meist Frauen mittleren Alters –  entsteht ein immer klareres Bild von jenen „religiösen“ Gesichtspunkten, die den geistlichen Missbrauch begünstigen und die jedwede Kontrolle und Aufklärung erschweren.

Zu den Negativ-Faktoren gehört häufig eine „inspirierende“ Gründergestalt, die von den Anhängern wie ein Heiliger (oder eine Heilige) verehrt wird, vielfach verbunden mit Visionen, „übernatürlichen“ Einsprechungen, besonderen „Geistesgaben“ usw.

Damit verfügt diese „Lichtgestalt“ –  so scheint es  –  über einen direkten Draht nach oben, wird als „gottgesandt“ und „geist-erleuchtet“ gewürdigt und schon zu Lebzeiten angehimmelt.

Je stärker der Gründer/Leiter charismatisch „begnadet“ ist, um unantastbarer festigt sich sein Ruf. Gerne wird in diesen Kreisen ein Wort aus dem Alten Testament vereinnahmt und missbraucht, das da lautet: „Tastet mir meine Gesalbten nicht an und tut meinen Propheten kein Leid an!“ (1 Chro 16,22).

Vor allem in schwärmerischen Gruppen eignet sich diese Bibelstelle bestens, um jede Kritik an den selbsternannten „Propheten“ im Keime zu ersticken.

Ich weiß von mehreren Betroffenen – vor allem aus der protestantischen Pfingstler-Szene  – wie sie in ihrer Gruppe mit diesem Wort als Übeltäter angeprangert wurden, sobald sie eine kritische Haltung einnehmen wollten.

In katholischen Kreisen werden Skeptiker in den eigenen Reihen hingegen gerne mit dem Vorwurf einer „Sünde gegen den Heiligen Geist“ eingeschüchtert, die sie angeblich auf sich laden, wenn sie „begnadete“ Personen und himmlisch „erwählte“ Seher/innen nicht als glaubwürdig betrachten.

Wichtig ist daher, daß sich Christen grundsätzlich von der irrigen Vorstellung lösen, unser Glaube beruhe auf außergewöhnlichen Phänomenen, Visionen, Erscheinungen, „Sühneseelen“ und vermeintlichen „Botschaften“ von oben.

Vielmehr gründet der katholische Glaube auf der Heiligen Schrift und der apostolischen Überlieferung, die nicht von „Seher/innen“ und Sonder-Begnadeten ausgelegt wird, sondern seit jeher vom Lehramt der Kirche.

Wer dies grundsätzlich erkennt, anerkennt und ernst nimmt, ist weitaus besser gewappnet gegenüber (un)geistlichen  – und auch sexuellen  –  Übergriffen. Zwischen dem spirituellen und dem sexuellen Missbrauch gibt es ohnehin fließende Übergänge.

Dies wird beispielhaft bei diesem Erlebnisbericht von Cordula Mohr deutlich, die nach erschütternden Erfahrungen aus der katholisch-charismatischen Szene ausgestiegen ist: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/31/missbrauch-der-beichte-was-ich-einst-im-zimmer-eines-indischen-paters-erlebte/

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 


Missbrauch: Überzogene Summen bei Opferentschädigungen sind kontraproduktiv

Von Felizitas Küble

Laut Vorschlag einer Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz soll künftig pauschal jedes Opfer von sexuellem Missbrauch eine Entschädigung von 300.000 Euro erhalten. Zu dieser Kommission gehören auch Bischöfe – ebenso wie Betroffene.

Derart hohe Beträge kennt man sonst nur aus den USA, die ein grundsätzlich anderes Schadensersatzrecht haben als wir Deutschland und Europa.

Bislang erhält ein Opfer von der Kirche 5000 Euro oder mehr – bei den Regensburger Domspatzen waren es bis zu 20.000 Euro.

Die geplante Entschädigungssumme ist nicht zuletzt deshalb problematisch, weil sie indirekt zu Falschanzeigen ermutigt. Daß solche unwahren Beschuldigungen gegen Priester immer wieder vorkommen, ist längst eindeutig erwiesen und liegt in der Natur der Sache. Durch solche Falschanzeigen leidet aber auch das Ansehen der tatsächlichen Opfer – und genau hier liegt das Problem!

Dieser Einwand gilt ebenso für den zweiten Vorschlag der Arbeitsgruppe, je nach Schwere des Übergriffs zwischen 40.000 und 400.000 Euro zu zahlen. 

Der staatliche Entschädigungsfond, den der „Runde Tisch“ beschlossen hat, sieht höchstens 10.000 Euro vor – und dies normalerweise nur als Sachleistung (Therapiekosten usw).

Das Netzwerk B  –  eine  “Initiative Betroffener von sexualisierter Gewalt” – kritisierte in seinem Positionspapier vom 24.2.2012, daß die Höchstgrenze staatlicher Entschädigungszahlungen lediglich bei 10.000 € liegt.

Hingegen hat zum Beispiel das Kloster Ettal meist 10.000 und bisweilen bis zu 20.000 € Entschädigung pro Opfer von Missbrauch oder körperlichen Misshandlungen (Schlägen usw.) ausgezahlt. (Siehe hierzu diese Ettaler Stellungnahme: https://charismatismus.wordpress.com/2011/09/06/freiwillige-hohe-entschadigungszahlungen-durch-kloster-ettal/

Nun zum früheren Hätschelkind der Linken und Grünen, nämlich der Odenwaldschule, die immerhin eine UNESCO-Modellschule war:

Dieses hessische Landschul-Internat entschädigte seine 132 Missbrauchsopfer zunächst mit einer Gesamtsumme von 50.000 €, wie die Wochenzeitung “Die Zeit” vom 11.4.2011 berichtete   –  also weit unter 400 Euro pro Person. Später wurden durch die nahestehende Stiftung „Brücken bauen“ insgesamt 300.000 € an die 132 Geschädigten ausgezahlt.

Somit liegt der jetzt kirchlich vorgeschlagene Betrag je Opfer fünfzig-mal über der staatlichen Höchst-Summe von 10.000; noch größer ist der Abstand zur Odenwaldschule.

Dazu kommt das Problem, dass diese Entschädigungsleistungen  – zumindest teilweise  –  aus der Kirchensteuer-Kasse entnommen werden, was sich bei dieser Höhe gar nicht vermeiden läßt.

Es ist aber nicht leicht einzusehen, dass die „Solidargemeinschaft“ der Kirchenmitglieder überhaupt für die Geschädigten aufkommen soll (dazu könnte auch ein Fond aus Beiträgen hoher Geistlicher – vor allem Bischöfe  –  errichtet werden). Dies gilt erst recht für derart hohe Beträge, die weit über das hinausgehen, was der Staat oder andere Institutionen wie die Odenwaldschule bereitstellen.