„Spiegel“-Journalist kritisiert evangelische Kirche: Jenseits ist wichtiger als politische Rhetorik

„Evangelischer Kirchentag wie ein Parteitag der Grünen“

Die evangelische Kirche sollte mehr über Himmel und Hölle predigen. Diese Ansicht vertritt „Spiegel“-Autor Jan Fleischhauer in einem Interview mit der evangelischen Nachrichtenagentur IDEA.

Nach seinen Worten hat sich die evangelische Kirche ihrer Kompetenz beraubt, nämlich auskunftsfähig über das Jenseits zu sein. Dagegen lebe das kirchliche Führungspersonal auf, wenn es gegen Atomkraft, Klimawandel und Rüstung gehe. Die Kirche müsse sich fragen, ob es ihr gut bekomme, wenn sie sich in Konkurrenz zu weltlichen Erweckungsbewegungen begebe.  slider3-640x360

Der Buchautor erklärt hierzu:

„Gehen Sie heute auf einen Kirchentag, müssen sie den Eindruck gewinnen, sie seien versehentlich auf einem Parteitag der Grünen gelandet. Um die Umwelt kümmern sich auch andere, aber eine Antwort auf die Frage, wie es denn aussieht mit Himmel und Hölle, die kann nur die Kirche geben.“

Die katholische Kirche scheine gegen diesen Trend zur Selbstverharmlosung deutlich stärker immun zu sein. Zudem habe die evangelische Kirche ein Problem mit der Sprache: „Statt das kraftvolle Lutherdeutsch zu benutzen, befleißigen sich die Pastoren einer merkwürdigen Sozialarbeitersprache.“

Selbstverweltlichung des Protestantismus

Er hoffe, dass er im Weihnachtsgottesdienst von „Einlassungen zur politischen Lage“ verschont bleibe, so Fleischhauer. Wenn sich kirchliche Vertreter zu politischen Fragen äußerten, bestehe leicht die Gefahr, dass es „schrecklich naiv“ werde.

Die Kirche habe sich in ihrem Bemühen, nicht abschreckend oder autoritär zu wirken, so gründlich selbstsäkularisiert, dass sich viele Leute fragten, warum sie eigentlich noch in die Kirche gehen sollten, so Fleischhauer, der 2005 aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist.

Besonders in Krisen und bei existenziellen Leidenserfahrungen werde die Kirche gebraucht. Fleischhauer hierzu: „Bei einem Priester oder Pastor darf ich vermuten, dass er über den Tod und den Sinn des Lebens genauer nachgedacht hat als andere.“

Evgl. Kirche ist „spirituell kahl geworden“

Die Kirche verschenke oft die Chance, die Sehnsucht der Menschen nach Gott aufzunehmen:

„Es ist ja nicht wahr, dass die Leute heute weniger interessiert an Transzendenz sind. Sie suchen sie nur immer weniger an den Orten, die eigentlich dafür prädestiniert wären, Antworten auf ihre Fragen zu liefern. Stattdessen blühen die parareligiöse Bewegungen von Yoga-Retreat bis Tantra-Kurs und Ayurveda-Kur.

Ich halte dieses Neuheidentum für Hokuspokus, in mal mehr und mal weniger schädlicher Ausformung. Das Wachstum der Esoterik kann ich mir nur dadurch erklären, dass die Traditionskirche spirituell kahl geworden sind. Es ist mitnichten so, dass der Glaube abstirbt, er sucht sich nur andere Wege.“

Der 51-Jährige arbeitet seit 1989 in wechselnden Positionen beim „Spiegel“. Bekannt wurde er zudem durch sein 2009 erschienenes Buch „Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ (Rowohlt Verlag).

Quelle: http://www.idea.de


„Spiegel“-Autor kritisiert EKD-Papier zum „erweiterten“ Ehe- und Familienverständnis

Jan Fleischhauer: „EKD betreibt Verweltlichung von innen

Der einstmals linksorientierte, heute aber bürgerlich-konservativ denkende „Spiegel“-Redakteur Jan Fleischhauer befaßte sich in einer am 20. Juni 2013 in „Spiegel-online“ veröffentlichen Kolumne mit der sog. „Orientierungshilfe“ der EKD (Evang. Kirche in Deutschland) zu Ehe und Familie, die zwar nicht im „Stuhlkreis“ (oder doch?) entstand, aber im Rahmen dreijähriger Beratungen einer 14-köpfigen „Expertenkommission“…

Ausgerechnet in einem „Spiegel“-Artikel wird diesem umstrittenen „Leitfaden“ der EKD nun der „spektakuläre Versuch“ einer „Verweltlichung von innen“ vorgeworfen, der einzigartig in der Religionsgeschichte sei. 120505209_B_July und Mike

Für den Autor steht fest:  Die Selbstsäkularisierung der Protestanten strebt einem neuen Höhepunkt zu.“

Die Heilige Schrift ist für den Rat der EKD offenbar nicht mehr verbindlich, wie dieses modernistische Grundsatzpapier zu Ehe und Familie belegt. Hierzu heißt es in der „Spiegel“-Kolumne:

„Alles, was an den biblischen Texten zu streng oder bevormundend wirkt, hat sie soweit entschärft, dass man sich von ihr heute völlig unbesorgt ein Kerzlein aufstecken lassen kann. Man sollte im Gegenzug nur nicht mehr erwarten, dass man weiterhin auch zu den Fragen verlässlich Auskunft bekommt, für die sie bislang das Privileg besaß – also alle, die über das Diesseits hinaus weisen.“

Überall waltet eines weichgespülte Kuschel-Theologie ihres Amtes, die alles versteht und nichts und niemanden verurteilt  – mit Ausnahme der Unternehmer natürlich, wie Fleischhauer zutreffend erläutert:

„Genau besehen gibt es nur einen Bereich, in dem die Kirche noch für sich in Anspruch nimmt, den Sündern heimzuleuchten, und das ist die Wirtschaft. Wer zu den sogenannten Leistungsträgern zählt und damit irgendwie zu den Reichen, kann auf keine Nachsicht hoffen. Da wird selbst der sanfte Nikolaus Schneider, der Käßmann im Amt des EKD-Ratsvorsitzenden nachfolgte, ganz alttestamentarisch. Die Reichen müssten endlich begreifen, dass weniger mehr sei, donnert es dann von der Kanzel.“

Zudem kritisiert der Verfasser, daß bei allem demonstrativem Mitgefühl für Geschiedene von den „seelischen Kosten einer Scheidung für die Kinder“ nur am Rande die Rede sei.

Abschließend heißt es dann mit leichter Ironie:

„Die beruhigende Nachricht ist: Wenn man Heranwachsende nach ihren Zukunftsträumen fragt, steht die Ehe ganz weit oben. Gegen die romantische Natur hat auch die kahle Rationalität der EKD keine Chance.“

Wenn eine Kirche nicht einmal mehr die natürliche Lebensordnung hochhält, von einer fälligen Wertschätzung der göttlichen Schöpfungsordnung, der Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe ganz schweigen, dann sägt sie den Ast ab, auf dem sie sitzt  – falls sie überhaupt noch drauf sitzt.

Martin Luther hat zwar die Ehe bereits als „weltlich Ding“ bezeichnet und ihren sakramentalen Charakter bestritten, doch als bürgerliches Leitbild blieben Ehe und Familie auch im Protestantismus noch erhalten  –  diese Zeit scheint nun vorbei. Die EKD paßt sich dem Zeitgeist nicht nur an (wie seit Jahrzehnten dort üblich), sie rennt ihm sogar voraus.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster