Studie belegt: Wir sehen, was wir fürchten

Wissenschaftliche Studie über Spinnen-Phobien

Psychologen vom Otto-Selz-Institut der Universität Mannheim haben herausgefunden, dass Arachno-Phobiker die Spinnen anders sehen als gesunde Menschen.

Es ist die erste Studie, die wissenschaftlich belegt: Wie die Welt für Angstpatienten aussieht, liegt im Auge des Betrachters.  Steinfeld-DSC_1769-3-3

Pro Sekunde strömen  Millionen von Sinnesreizen auf den Menschen ein. Nur einen Bruchteil davon nehmen wir bewusst wahr. Welche, entscheidet unser Gehirn, das evolutionsbedingt vor allem jene Reize herausfiltert, die für unser Überleben wichtig sind  –  wichtig sind Reize, die Gefahr signalisieren. Nur so schaffen wir es, in Gefahrensituationen blitzschnell zu reagieren.

Dieses System gilt in besonderem Maße für Menschen mit Phobien, sei es mit einer Angst vor engen Räumen, vor dem Autofahren oder vor Tieren wie großen Hunden oder Spinnen. Sie reagieren heftiger auf phobierelevante Reize als Menschen ohne diese Ängste.

Personen mit Spinnenphobie  berichten zudem häufig, dass sie die Tiere größer, beeindruckender und bedrohlicher wahrnehmen. Alles nur Einbildung?

Forscher des Otto-Selz-Instituts für Angewandte Psychologie der Universität Mannheim haben jetzt gezeigt, dass Menschen mit Spinnenangst ihre Umgebung tatsächlich anders sehen als gesunde Menschen. Wasser-008-2-4-2

„Wir können mit unserer Studie belegen, dass phobierelevante Reize die visuelle Verarbeitung im Gehirn steuern. Es handelt sich bei den Angaben der Patienten also weder um Übertreibung noch um Einbildung“, erklärt Professor Dr. Georg W. Alpers, Inhaber des Lehrstuhls für  Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Mannheim:

„Alles deutet darauf hin, dass individuelle Unterschiede zwischen Menschen – in unserem Experiment waren es zwei Personengruppen – beeinflussen, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen.“

Phobiker nehmen Spinnen früher und länger wahr

In ihrer Studie haben die Mannheimer Psychologen Dr. Antje Gerdes und Professor Alpers jeweils zwanzig Menschen mit Spinnenphobie und nichtängstliche Kontrollprobanden getestet.

Dazu haben sie mit der Methode der so genannten binokularen Rivalität gearbeitet, bei der über ein Stereoskop jeweils auf das linke und das rechte Auge zwei unterschiedliche Bilder projiziert werden. Im Experiment war es das Bild einer Spinne oder einer Blume, gepaart mit dem neutralen Bild einer geometrischen Form. 0025

„Es ist nicht möglich, dauerhaft zwei verschiedene Bilder gleichzeitig wahrzunehmen. Sie stehen in einem Wettstreit, den das Gehirn zu Gunsten eines Bildes entscheidet – ohne, dass wir darauf bewusst Einfluss nehmen können“, erklärt Professor Alpers.

Während ein Bild zeitweise dominiert, wird das andere unterdrückt und für die Wahrnehmung unzugänglich. Kurzum: Es wird nicht gesehen. Mit ausgeklügelten Methoden haben die Forscher weiter belegt, dass dem Bericht der Probanden, was sie sehen, getraut werden kann. Dazu präsentierten Sie unterschiedliche Mischbilder und simulierten damit den Wettstreit der Bilder in den eigentlichen Testdurchläufen.

Das Forschungsergebnis ist eindeutig: Menschen mit Angst nehmen das Bild der Spinne früher, länger und damit dominanter wahr als gesunde Probanden. In der Hälfte aller Durchgänge sahen die Phobiker zuerst das Spinnenbild. Das ist doppelt so oft wie bei gesunden Kontrollprobanden. Außerdem sahen sie es im Schnitt um die Hälfte länger.

Bei der Variante mit dem Blumenbild gab es bei ängstlichen und nichtängstlichen Probanden hingegen keine signifikanten Unterschiede in der Wahrnehmung.

Emotionale Bedeutung übt Einfluß aus

Die Mannheimer Wissenschaftler führen das Ergebnis auf die emotionale Bedeutung der Spinnen für die Patienten zurück: „An der Instanz im Gehirn, wo entschieden wird, welches Bild Einzug in die bewusste Wahrnehmung erhält, spielen Emotionen wie Angst offenbar eine große Rolle“, erklärt Dr. Gerdes:

„Das Spinnenbild gewinnt bei Menschen mit Phobie dadurch früher und häufiger den Wahrnehmungswettstreit gegen das neutrale Bild.“

Dies ist den Forschern zufolge die erste Studie, die belegt, dass unterschiedliche Patientengruppen relevante Merkmale der Welt unterschiedlich sehen:

Alle Probanden bekommen dieselben Bilder auf die Netzhaut projiziert. Je nachdem, welche Bedeutung sie für den Probanden haben, werden sie im Wahrnehmungsapparat jedoch unterschiedlich verarbeitet. Eine phänomenale Leistung des Gehirns“, sagt Professor Alpers.

Dieser Befund sei auch für die therapeutische Praxis von großer Bedeutung, fügt Dr. Gerdes hinzu:

„Unsere Ergebnisse können Therapeuten dabei helfen, ein größeres Verständnis für diese Krankheit aufzubringen. Die Patienten übertreiben nicht, wenn sie davon berichten, wie bedrohlich sie Spinnen wahrnehmen. Wir haben in unserer Studie gezeigt: Wenn ein Mensch sich vor etwas fürchtet, hinterlässt das bei ihm eine andere Wahrnehmung.“

Kontakt-Daten:
Prof. Dr. Georg W. Alpers
Lehrstuhl für Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie der Universität Mannheim
L13,15-17 in 68131 Mannheim
E-Mail: alpers@uni-mannheim.de

Quelle: Pressemitteilung vom 2.1.2014

Fotos oben: Dr. Bernd F. Pelz


Laos: weltweit erste Riesenkrabbenspinne ohne Augen entdeckt

Ein Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Frankfurt hat in Laos die erste augenlose Riesenkrabbenspinne der Welt entdeckt. Die zugehörige Studie ist im Fachjournal Zootaxa erschienen.

Mit nur sechs Zentimetern Beinspannweite und einer Körpergröße von etwa zwölf Millimetern zählt die Spinne Sinopoda scurion sicherlich nicht zu den größten Vertretern der Riesenkrabbenspinnen. Doch sie ist weltweit die erste augenlose Spezies dieser über 1100 Arten fassenden Gattung.

„Ich habe die Spinne in einer Höhle in Laos gefunden, etwa 100 Kilometer von der bekannten Xe Bang Fai-Höhle entfernt“, berichtet Peter Jäger, Leiter der Sektion Arachnologie am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt:

„Spinnen dieser Gattung waren uns schon aus anderen Höhlen bekannt, aber sie hatten immer Augen und eine komplette Pigmentierung. Sinopoda scurion ist die erste Riesenkrabbenspinne ohne Augen.“

Die Zurückentwicklung der Augen sei auf das dauerhafte Leben ohne Tageslicht zurückzuführen, so Jäger.  Diese Anpassung konnte auch bei weiteren höhlenlebenden Spinnenarten der Gattung beobachtet werden.

„Die von mir beschriebenen Sinopoda-Arten zeigen alle möglichen Übergänge zur Höhlenanpassung – von acht funktionierenden Augen über Formen mit sechs, vier und zwei Linsen bis hin zu blinden Spinnen“, erklärt Jäger.

Die Spinnen sind dabei in guter Gesellschaft: In den Höhlen von Laos wurden bereits an Höhlen angepaßte Fische, Skorpione und Krabben entdeckt.

Insgesamt hat der Frankfurter Spinnenforscher neun neue Arten der Gattung Sinopoda beschrieben. Daß alle Arten in Höhlen gefunden wurden, bestätigt die Vorliebe der Tiere für unterirdische Lebensräume.

Anhand der nur kleinräumig vorkommenden Spinnenarten kann die Anpassung an den Lebensraum Höhle untersucht werden  –  durch die Anzahl der vorhandenen Augen und das Sehvermögen können möglicherweise Aussagen über den Zeitpunkt der Besiedlung getroffen werden.

„Außerdem können die Spinnen als Indikator für die Gefährdung ihrer Habitate herangezogen werden. Nicht selten sind diese durch Tourismus oder Abbau der Kalkfelsen für die Zementgewinnung in Gefahr“, sagt Jäger.

Die augenlose Riesenkrabbenspinne wurde nach der Schweizer Firma für Höhlen-Stirnlampen „Scurion“  benannt.

„Sinopoda scurion ist die erste Art, die ich im Biopatenschaftenprogramm für eine Firma beschreibe“, erläutert der Forscher:

„Die Stirnlampen von Scurion helfen mir auf meinen Höhlentouren, die dunkelsten Winkel auszuleuchten, und so Gefahren wie giftige Schlangen und Skorpione rechtzeitig zu erkennen, aber auch ganz kleine Organismen aufzuspüren.“

Mit einer einmaligen Spende an den gemeinnützigen Verein BIOPAT kann man einen Namen seiner Wahl „verewigen“ lassen, indem man eine neu entdeckte Tier- oder Pflanzenart „taufen“ lässt (www.biopat.de).

Quelle: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen (idw)