Causa Doris Wagner: Zwischen Verharmlosung und reformkatholischer Agenda

Von Felizitas Küble

Doris Wagner gehörte einst der ordensähnlichen Gemeinschaft „Das Werk“ an, fühlte sich dort sexuell und geistlich manipuliert, trat nach vielen Jahren aus dem Kloster in Thalbach (Bregenz) aus und schrieb zwei Bücher über ihre Erfahrungen, das erste ein Erlebnisbericht, das zweite –  kürzlich erschienen – eher ein Sachbuch unter dem Titel „Spiritueller Missbrauch“.

Nun signalisiert schon das Vorwort durch den progressiven Jesuitenpater Klaus Mertes, daß die Autorin einen reformkatholischen Kurs verfolgt und auch ihre persönliche „Story“ mit dazu verwendet, um ihre kirchenpolitischen Vorstellungen und einige merkwürdige „spirituelle“ Ansichten zu untermauern.

Das ist freilich nicht weiter erstaunlich, wobei die Verfasserin bei ihren grundsätzlich berechtigten Ansagen gegen „geistlichen Missbrauch“ bisweilen übers Ziel hinausschießt, etwa wenn sie es im Falle einer geistlichen Begleitung sogar ablehnt, daß z.B. der Priester eine/n Ratsuchende/n auf die Lehre der Kirche hinweist, selbst wenn der Betreffende andere „spirituelle Ressourcen“ bevorzugt usw…

Daß Frau Wagner bei ihrem „Blick zurück im Zorn“ mitunter das Kind mit dem Bade ausschüttet, geht zumindest aus ihrem zweiten Buch, das ich von A – Z gelesen habe, klar hervor. (Eine ausführliche Besprechung ist noch vorgesehen.)

Nun ist diese Reaktionsweise zwar wenig souverän und nicht gerade sachorientert, aber angesichts ihrer Erfahrungen teilweise verständlich.

Allerdings sollte das konservativ-katholische „Lager“ nun nicht in das andere Extrem verfallen und allein auf Doris Wagner ein kritisches Licht werfen, aber die Gemeinschaft „Das Werk“ allzu unbedacht verteidigen:

Auf dem charismatisch orientierten Webportal „Kath.net“ wurde gestern ein Artikel zur Causa Wagner veröffentlicht: http://www.kath.net/news/66809

Darin heißt es beispielweise, die Autorin sei „eine Ex-Schwester, die aus ihrem Leben einen Feldzug gegen die Kirche und gegen gottgeweihte Kongregationen gemacht hat“.

Dazu sei klargestellt, daß es keine „gottgeweihten“ Kongregationen gibt, auch nicht etwa „Das Werk“.

Gottgeweiht ist nicht die Organisation als solche, sondern das Leben, das die Mitglieder dort führen (sollen). Die Lebensform ist gottgeweiht, nicht etwa die ganze Organisation. Man sieht hier eine gewisse Neigung zur Glorifizierung und Übertreibung.

Danach wird zur Abschreckung der Leserschaft die kirchenpolitische Agenda und die persönliche Lebenssituation von Frau Wagner aufgelistet, wogegen an sich nichts einzuwenden ist.

Sodann heißt es: „Ihre Geschichte beginnt 2008, als sie als Schwester eine kurze sexuelle Beziehung mit einem Mitbruder, Pater B., hatte. Im Oktober 2011 verließ sie in freundschaftlicher Weise die Gemeinschaft.“

Dazu sei der Wahrheit halber klargestellt: Jener „Mitbruder“ gehörte zwar auch zum „Werk“, war aber nicht nur Klostermönch, sondern stand als Priester in der Hierarchie des „Werkes“ deutlich über ihr, erst recht als Hausoberer. Somit bestand ein Machtgefälle, das von „Kath.net“ aber nicht zur Sprache gebracht wird.  

Warum heißt es überhaupt, Frau Wagner „habe“ diese sexuelle Beziehung zu dem Mitbruder „gehabt“ –  und nicht umgekehrt? Der Pater war doch ein Verhältnis zu ihr eingegangen.

Wenngleich es sich nicht um eine Vergewaltigung handelte, was  juristisch feststeht, so trägt der Priester die größere moralische Verantwortung, zumal es naheliegend erscheint, daß er seine Stellung für diese Bettgeschichte ausgenutzt hat. (Es handelt sich hier – um das klarzustellen – nicht um Pater Geißler aus dem Vatikan  –  das ist wiederum eine andere Causa.)

Was sodann „Das Werk“ gegenüber dem ORF zu diesem Fall erklärte, wirkt nicht nur dürftig und befremdlich, sondern zeugt von einem mangelnden Bewußtsein für Schutzbefohlene, wozu eine junge Ordensfrau in der eigenen Gemeinschaft gehört.

In der Meldung heißt es:

„Pater Alois Felder bestätigt…, dass es damals eine sexuelle Beziehung zwischen den Ordensleuten gegeben habe, nicht aber den Vorwurf der Vergewaltigung…Das sexuelle Vergehen des Mitbruders habe die Gemeinschaft aber gut aufgenommen. Die Priestergemeinschaft sei zu ihrem Mitbruder gestanden. Er habe auch Buße getan, und eine kurze Behandlung auf sich genommen. Es sei ein Ausrutscher gewesen“.

Man fragt sich, was in diesem „Werk“ für ein Geist herrscht, wenn zu den schweren Sünden des Priesters, der eine junge Nonne verführte, solch eine verharmlosende Erklärung („Vergehen“ – „Ausrutscher“) abgegeben wird?!

Zudem hätte man gerne gewußt, warum Pater Felder von dieser sog. „geistlichen Familie“ (Das Werk) zwar mitteilt, man habe zu dem „Mitbruder“ gestanden, nicht jedoch zur „Mitschwester“. Warum werden Solidarität und Mitgefühl ausgerechnet  gegenüber dem „gefallenen“ Priester derart hervorgehoben?

Wobei durchaus klar ist, daß das Verhalten des Geistlichen rein strafrechtlich betrachtet nicht relevant ist (bei einem Psychologen wäre dies hingegen der Fall, wenn er sich mit einer Ratsuchenden einläßt, weil es sich dann juristisch um einen Schutzbefohlenen-Fall handelt.)

Im konservativen Spektrum wurde früher auch der Medjugorje-gläubige neue Orden „Legionäre Christi“ vielfach hochgepriesen (leider auch von Johannes Paul II. selber), was sich erst änderte, als Papst Benedikt sich schon zu Beginn seiner Amtszeit den Missbrauchs-Gründer vorknöpfte: https://gloria.tv/article/RUBhykbBY4oU4JRzEdHPTKMoh

 


Religiöser Missbrauch durch die „Laienbeichte“

Von Felizitas Küble

Eine frühere Mitarbeiterin meines KOMM-MIT-Verlages hat mir einst Folgendes berichtet:

Sie nahm in den 90er Jahren als Neuling an einer Gebetsversammlung der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ in einer westfälischen Niederlassung des Werkes teil.

Nach viel Lobpreis-Musik und frommen Anwandlungen hieß es in Richtung der Besucherschar, man möge doch nach vorne kommen und mit einem Seligspreisungs-Mitglied gemeinsam beten und diesem dabei die eigenen Probleme eröffnen. So könnte Fürsprache gehalten und geistlicher Segen erteilt werden.

Die Aufforderung wurde mit dem Hinweis verknüpft, es gäbe ja wohl kaum jemanden, der nicht hier oder da innere Schwierigkeiten hätte und einer Gebetshilfe bedürfe.

Wie meine Freundin mir weiter mitteilte, seien  – außer ihr selber  – alle Teilnehmer doch tatsächlich nach vorne gekommen; sie blieb jedoch auf ihrem Platz, weil ihr diese Art einer „Laien-Beichte“ sehr merkwürdig vorkam. 

Wie ich meine: völlig zu Recht!

Solche Praktiken im frommen Deckmäntelchen sind ein besonders geeigneter Landeplatz für geistlichen Missbrauch. Warum dies?

  1. Weil sich hier Menschen mit ihren persönlichen Problemen „outen“, ohne daß der Hörende an ein Beichtgeheimnis gebunden wäre. Somit hat der „Bekennende“ keinerlei Gewähr dafür, daß seine Mitteilungen vertraulich gehalten werden.
  2. Weil solche „verschworenen“ Gruppen eng zusammenhalten und an weiteren Mitgliedern interessiert sind. Es besteht also die Gefahr, daß diese „Laien-Beichte“, die so freundlich als Gebetshilfe und Segens-Dienst präsentiert wurde, auch dazu benutzt wird, um die Neulinge auf die leichteste Art sehr persönlich kennenzulernen und auf diesem Wege schon einmal zu „sortieren“, ob sich der/die Teilnehmer/in für die eigene Gemeinschaft eignet – oder nicht.
  3. Wenn es sich dann auch noch um eine charismatische Gruppierung handelt, sollten erst recht alle Alarmglocken schrillen – und warum? Weil sich in diesen schwärmerischen Kreisen fast immer Leute befinden, die vorgeben, speziell geist-begnadet zu sein, eine „Seelenschau“ zu haben oder das „Wort der Erkenntnis“ von oben zu erhalten, also übernatürliche Einsprechungen des Himmels für die „besondere Situation“ desjenigen Menschen, mit dem sie gerade ihre „Seelsorge“ betreiben.

Leider weiß ich aus Berichten von Betroffenen zu viel davon, um hierüber zu schweigen.

Sogar ein Priester aus Bayern teilte mir mit, daß er das Opfer eines schwärmerischen Ordensmannes geworden ist, der angeblich die „Herzensschau“ besäße. Es hat länger gedauert, bis er diesen „spirituellen“ Machtmißbrauch durchschaute und sich loslösen konnte.

Ähnliches erfuhr ich z.B. von einer früheren Praktikantin unseres Christoferuswerks, die in Oberschwaben an charismatischen Exerzitien teilgenommen hatte und  noch Jahre später unter dem Vertrauensbruch gelitten hat, den der Seminarleiter sich erlaubte, als er ihre persönlichen Probleme vor der Gruppe bloßstellte.

Rein grundsätzlich gilt:

  1. Keinerlei vertrauliche Seeleneröffnungen gegenüber Laien, die man nicht näher kennt – und die als Nicht-Priester an kein Beichtgeheimnis gebunden sind.
  2. Sich auf keinen Fall gegenüber Personen outen  – auch wenn es sich um Geistliche handelt – die von sich behaupten, die „Seelenschau“ oder eine sonstige hellseher-ähnliche „Gabe“ zu besitzen.
  3. Sich nicht „gruppendynamisch“ zu etwas drängen lassen, nur weil „alle“ mitmachen und sich irgendeinen fromm erscheinenden Unfug aufschwatzen zu lassen  – siehe oben!

Es ist übrigens kirchenrechtlich verboten, daß Vorgesetzte außerhalb der Beichte (die durch das Beichtgeheimnis gesichert ist) von Untergebenen verlangen oder sie auch  nur dazu animieren, daß diese ihren inneren Seelen- bzw. Gewissenszustand offenbaren. Im can. 630 (§5) wird es Oberen ausdrücklich untersagt, die Ordensmitglieder „auf irgendeine Weise zu veranlassen, ihnen das Gewissen zu eröffnen.“

Damit schützt die Kirche mit ihrem CIC (Kanonischen Recht, Kirchenrecht) die Gewissensfreiheit der Gläubigen, was natürlich nicht nur innerhalb von Klöstern gilt, sondern genauso für die „neuen geistlichen Gemeinschaften“, die gerade in puncto religiöser Machtmißbrauch sehr anfällig sind, erst recht, wenn sie auch noch einem „charismatischen“ Gründer derart naiv bis fanatisch anhängen, als sei er schon zu Lebzeiten ein Heiliger….

Wer religiösen/geistlichen Missbrauch erlebt hat und Rat oder Ermutigung zum „Ausstieg“ sucht, kann sich gerne bei mir melden: felizitas.kueble@web.de   – Tel. 0251-616768

 


VORSICHT vor (un)geistlichem MISSBRAUCH

Von Felizitas Küble

Nachdem das Thema „sexueller Missbrauch“ in aller Munde ist, sowohl in wie außerhalb der Kirche, sieht es mit dem Problem des geistlichen Missbrauchs ganz anders aus. Hier ist weiterhin Totschweigen, Wegschauen und viel Nebel an der Tagesordnung.

Dabei wächst diese Giftpflanze immer stärker gerade in den „frommen“ Milieus  –  und das nicht zuletzt wegen der starken Ausbreitung sogenannter „neuer geistlicher Gemeinschaften“, die von kirchlichen Kreisen oft in allzu naiver Weise pauschal gelobt und gepriesen werden, ohne die zahlreiche Spreu vom sparsam vorhandenen Weizen zu trennen.

Der Zusammenhang ist offenkundig:

Viele dieser Gruppierungen sind teilweise sektiererisch oder charismatisch geprägt – oder beides zugleich. Häufig sind sie von einer angeblich besonders „begnadeten“ Person gegründet worden, die bisweilen durch Visionen oder „himmlische“ Einsprechungen von sich reden macht und dadurch ein besonders Maß und Ausmaß von religiöser Autorität beansprucht.

Auf solchen Sumpfblüten im religiösen Gewande blüht dann neben dem (un)geistlichen nicht selten auch der sexuelle Missbrauch – wir erinnern z.B. an die charismatisch-erscheinungsbewegte Vereinigung „Gemeinschaft der Seligpreisungen“, deren führende Gestalten sich für vorzüglich geistbegabt hielten – und zugleich sexuell an ihren Schutzbefohlenen versündigten: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/05/philipp-madre-und-seine-charismatische-fixierung-auf-das-wort-der-erkenntnis/

Aber auch ohne derartige Übergriffe ist der geistliche Missbrauch als solcher schon eine verheerende Gefahr für das seelisch-geistige Leben der Geschädigten.

Seit Jahrzehnten melden sich bei mir  – nicht zuletzt aufgrund meiner kritischen Berichterstattung über Charismatik und Esoterik  –  die Opfer irrgeistiger bzw. fanatischer Gruppierungen bzw. schwarmgeistiger „Heilungsprediger“.

Manche Menschen begleite ich jahrelang durch Zuspruch, Trost und Rat, weil es immer wieder neuer Ermutigungen bedarf, damit sich diese „Aussteiger“ psychisch völlig freischwimmen und auch theologisch eine klare Sicht erhalten. Wenn es gewünscht wird, verbinde ich diese gebeutelten Menschen mit nüchternen und bodenständigen (!) Seelsorgern.

In der Regel handelt es sich bei den Geschädigten um Gläubige, die sich in schwärmerische Bewegungen verstrickt haben und einen Ausweg suchen.

Gerade in extrem-charismatischen Kreisen gibt es nicht selten Personen, die von sich behaupten, eine angebliche „Seelenschau“ zu besitzen oder durch übernatürliche Einsprechungen einen direkten „Draht nach oben“ zu besitzen.

Wenn diese vermeintlich „Begnadeten“ dann jemanden aus den eigenen Reihen für besessen erklären, den sie aus verschiedenen Gründen ablehnen oder einfach infolge ihrer wahnhaften Verblendung mißdeuten, dann ist der nächste Schritt fast immer ein Quasi-Exorzismus, der gerne als „Befreiungsgebet“ bezeichnet wird.

Das ist aber keine Hilfe für die Betroffenen, sondern das genaue Gegenteil, denn dadurch wird doch die (verfehlte!) „Diagnose“ der Besessenheit zusätzlich bestätigt.

Es gibt freilich auch weniger grobschlächtige, eher subtilere, feiner wirkende Formen von spiritueller Abhängigmachung und Vereinnahmung unter den Deckmantel der „Seelsorge“ oder geistlicher Leitung.

Eine frühere Mitarbeiterin trat z.B. vor längerer Zeit in die Gemeinschaft „Das Werk“ ein, die 1938 von der „visionär“ begabten Julia Verhaege gegründet wurde.

Wir schickten unserer Ex-Praktikantin einige Monate nach ihrem Eintritt auf den Rat eines befreundeten Priesters hin einen kritischen Zeitungsartikel über diese merkwürdige katholische Vereinigung, damit sie „beide Seiten“ erfährt, eben auch die skeptische, um sich ein objektiveres Urteil bilden zu können.

Schon wenige  Tage später wurden wir zuerst von einem uns wohlbekannten Priester, der zugleich Theologie-Professor war, danach von einem katholischen Kardinal (!) angerufen und scharf kritisiert, was uns einfalle, über dieses ausgezeichnete „Werk“ herzufallen.

Wir wußten überhaupt nicht, wie uns geschah, da wir doch unserer Freundin einfach nur persönlich einen freundlichen Brief mit dem Zeitungsbericht zur Info geschickt hatten – noch dazu auf Empfehlung eines ebenso konservativen wie bodenständigen Jesuitenpaters. Offensichtlich ist ihre Post also vom „Werk“ kontrolliert worden!

Als es einige Zeit später zu einem Telefonat mit unserer ehem. Praktikantin kam, bemerkten wir an dem zurückhallenden Ton, daß das Gespräch auf Lautstärke gestellt wurde, unsere Freundin also gar nicht alleine mit uns reden konnte. Unter diesen Umständen war es im Grunde zwecklos, eine vernünftige Unterredung zu führen. 

Grundsätzlich gilt für jeden von uns das Prinzip:

Größte Vorsicht vor allen Personen, die sich als besonders „geistbegnadet“ präsentieren, die aufgrund vermeintlicher Visionen vorgeben, direkte Anweisungen „von oben“ zu empfangen oder die in sonst einer Weise versuchen, andere Gläubige in (un)spiritueller Weise von sich abhängig zu machen.

BETROFFENE von geistlichem Missbrauch können sich weiterhin gerne an mich wenden: felizitas.kueble@web.de  – oder per Tel. 0251-616768