Körperzellen in Eizellen umwandeln: Eine neue Methode für unfruchtbare Frauen?

Von Dr. med. Edith Breburda

Ist die Biotechnologie soweit, Körperzellen zu Eizellen umzuwandeln, woraus sich letztendlich lebensfähige Babys entwickeln?  – Eine derartige Methode würde die biologische Uhr der Frau hinfällig machen. Sie wäre wie der Mann “zeitlebens“ fruchtbar.  dr-breburda1

Auf einer sehr populären Unfruchtbarkeits-Internetseite konnte man am 11. August 2014 den folgenden anonymen Eintrag finden:

„Ich bin 47 Jahre alt und lese die Webseite der Pharmafirma OvaScience. Dort wird über neue Behandlungsmethoden berichtet, die für In-Vitro-Fertilisationen benutzt werden können. Hat jemand darüber näherer Informationen?”, fragt die Frau.

In den 14 Monaten, die seitdem vergangen sind, kamen 3500 Antworten. Viele von ihnen sind voll des Lobes über die Versprechungen von OvaScience. In einer Zuschrift heißt es, eine Frau habe bereits 300.000 US-Dollars für Fruchtbarkeitsbehandlungen ausgegeben. Trotzdem will sie nochmals Geld aufnehmen, um mit OvaScience schwanger zu werden. Die Institution verspricht, primitive Zellen in Eizellen umwandeln zu können.

“Ich wette bei meinem Leben, dass ich dank dieser Methode bald ein Baby haben werde“, behauptet eine andere Frau, die ihre Renten-Ersparnisse bereits in OvaScience steckte.

Wenn Kunden so viel Vertrauen in ein Biotechnologie-Unternehmen setzen und Spender bereits 2011 und 2012 zweihundertvierzig Millionen US-Dollars für Forschungsvorhaben aufgebracht haben, muss man sich fragen, was diese Firma von anderen In-Vitro-Kliniken unterscheidet? shutterstock_114300748-140x94

OvaScience-Forscher wollten es einfach nicht hinnehmen, dass die Zahl der Eizellen, die einer Frau zur Verfügung stehen, bereits bei der Geburt festgelegt ist. Sie wollten die Biologie der Frau verändern.

„Die Möglichkeit, mehr Eizellen herzustellen, kommt einer Revolution in der Frauengesundheit gleich“, sagte der Reproduktionsbiologe Roger Gosden der New York Times bereits 2004.

Anlass war ein Artikel von Jonathan Tilly, der am 12. März 2004 in der Fachzeitschrift Science erschien. Dr. Tilly gründete OvaScience. Obwohl viele Wissenschaftler überzeugt sind, dass es keine Stammzellen in den Eierstöcken gibt, die noch nach der Geburt Eizellen produzieren, behauptet Tilly, einen Weg gefunden zu haben, genau solche Eizellen entwickeln zu können. Damals, 2004, waren Mäuse die Versuchstiere. Die zuständige US-Behörde verlangte von OvaScience, mehr Daten zu sammeln, bevor eine derartige Therapie für Menschen zugelassen wird.

Jonathan Tilly ist über die vielen Zweifler an seinen Studien frustriert. Seine Kollegen erwähnen, dass er bei Vorträgen oft schon vor der Diskussion den Saal verlässt, um lästigen Fragen aus dem Weg zu gehen.Augment

Am 29. Juli, 2005 berichtete Tilly, der damals noch an der Harvard-Universität praktizierte, im Fachmagazin Science über seine Mäuse-Experimente. Er gewann seine sogenannten Eizellstammzellen aus dem Knochenmark.

„Ich hatte damals Patientinnen, die mir erzählten, sie gehen in Boston in das Mass General Krankenhaus, um sich Knochenmarkszellen entnehmen zu lassen, aus denen dann Eizellen entstehen. Ich sagte zu ihnen, dass derartige Versuche nicht replizierbar sind. Die Frauen antworteten mir jedoch, sie würden alles tun, um ein Kind zu bekommen “, erinnert sich Dr. David Keefe, ein Fruchtbarkeitsspezialist des Langone Medical Centers der New-York- Universität.

Ein Jahr später wurde Tilly’s Studie widerlegt (Science, 16 Juni 2006). Dann fing Tilly an, die angeblichen Eizellvorläuferzellen anstatt aus Knochenmark aus Eierstöcken zu entnehmen.

OvaScience hat seinen Hauptsitz in Waltham, Massachusetts, USA. Seit neuestem bietet die Firma außerhalb der USA Frauen die neuartige AUGMENT- Therapie für 50.000 Dollars per Zyklus an. Wissenschaftler der Firma haben ein Elixier hergestellt, das sie mit den Samenzellen vermischen und bei einer In-Vitro-Fertilisation anwenden. Aus der Außenwand der Eierstöcke gewinnen die Forscher ein Gemisch, aus denen sie angebliche Vorläufer von Eizellen entwickeln. Daraus werden Mitochondrien extrahiert, die mit den Spermienzellen bei der Befruchtung wieder eingebracht werden.

Ob es funktioniert, weiß keiner. Man arbeitet also letztendlich nur mit Substanzen, die man aus den angeblichen Eistammzellen extrahiert. Eine Stammzelle ist eine Zelle, aus der funktionstüchtige Zellen hervorgehen. Eine Eistammzelle müsste demnach selbständige Eizellen bilden.

Und trotzdem behauptet Tilly, dass er Eistammzellen gefunden hat, die er in Eizellen umwandeln kann. Skeptiker betonen hingegen, man könne erst von einer Eizelle reden, wenn die Zelle einen haploiden Chromosomensatz hat und wenn eine Befruchtung Nachkommen hervorbringt. Book

Ji Wu von der Shanghai-Jiao Tong-Universität in China schrieb 2009 in einem Artikel in Nature Cell Biology von Zellen aus Eierstöcken von neugeborenen Mäusen, die er in sterilisierte Mäuse transplantierte, die daraufhin trächtig wurden. Tilly hat die Versuche von Ji Wu nachgemacht; es dauerte jedoch neun Monate, bis er endlich Erfolg hatte. „Diese lange Zeit gibt den Skeptikern Recht, die längst vorher aufgeben“, sagt Tilly.

Evelyn Telfer von der Universität Edinburgh stellte fest: “Ich glaube es gibt doch so etwas wie Eistammzellen.“

Wissenschaftler, die versucht haben, Wu zu kontaktieren, hatten allerdings keinen Erfolg. Er reagiert weder auf Anrufe noch auf E-Mails.

Viele Forscher zweifeln an den Mäuse-Studien, die nicht nachvollziehbar sind. Vier Forschungsteams konnten keine Eistammzellen finden, egal, welche Methode sie anwendeten. „In meinem Labor konnte ich sie nicht isolieren“, sagt Prof. Kui Liu von der Universität von Gothenburg in Schweden.

Weder Dr. Kui Liu noch Lin Liu Nankai von der Universität Tianjin in China haben diese Zellen in Affen, Menschen und Mäusen gefunden. „Vielleicht sehen die Zellen unter dem Mikroskop so ähnlich aus wie Eizellen, und eventuell reagieren sie auf Hormone so wie Eizellen, aber sie teilen sich nicht und sind nicht haploid, so wie alle Eizellen. Es handelt sich um ein Wunschdenken“, sagen John Eppig und David Page, zwei Wissenschaftler von Universitäten in Massachusetts,USA.

Tilly ist zugegebenermaßen erstaunt über seine Kollegen. „Jeder der weiterhin die Existenz dieser Eistammzellen leugnet, obwohl sie so oft in der Literatur beschrieben worden sind, ist entweder naiv oder hat irgendwelche Hintergedanken, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben“, behauptet er. picture-45

Sein Kollege Hugh Clarke von der McGill-Universität in Montreal, Kanada, ist fassungslos: „Ich dachte, die Debatte ist endgültig vorbei. Hingegen schenkt man den Eistammzellen immer mehr Aufmerksamkeit. Ich kenne keinen einzigen Wissenschaftler in der Grundlagenforschung, der allen Ernstes an diese Zellen glaubt. Und plötzlich ist da diese dubiose Firma OvaScience.“

Zian Rajani, ist das erste Baby, das im April 2015 in Toronto/Kanada durch die Mithilfe der AUGMENT-Behandlung von OvaScience auf die Welt kam.

Bilder des Babys mit seinen schwarzen Haaren und den geballten Fäustchen gingen um die Welt. (http://ti.me/1cnqF4E). Seine Mutter bekam einen Extrasatz Mitochondrien bei der Befruchtung injiziert. Mitochondrien sind kleine Zellorganellen, die sich in jedem Zellplasma befinden und als Energie-Lieferant der Zelle fungieren. Die Mitochondrien der Eizellen von älteren Frauen sind nicht mehr so funktionstüchtig.

Dr. Tilly sagt, er wurde durch ein Experiment der späten 90iger Jahre inspiriert. Wissenschaftler entnahmen damals Zellplasma von jungen Frauen und spritzten es in Eizellen von 30 unfruchtbaren Frauen. Dreizehn der Probanden wurden daraufhin schwanger.

Jacques Cohen von der Livingston-Universität in New Jersey, der damals die Versuche machte, beschreibt sie als Pilo- Studie, die einigen Frauen verhalf , schwanger zu werden, aber ansonsten keine sicheren Erkenntnisse lieferte.

Tilly war dennoch beeindruckt. „Es hat immerhin bei 43% funktioniert“, erklärt er. euros

Krankenhäuser in Kanada, der Türkei und den Arabischen Emiraten bieten seit 2011 die AUGMENT-Methode an. Panama, Spanien, Japan und Großbritannien werden wohl bald folgen.

Seitdem sind angeblich 17 gesunde Babys mit Hilfe von AUGMENT geboren worden. Sie hatten allerdings jüngere Mütter. „Ärzte haben eine höhere Fruchtbarkeitsrate bei Frauen festgestellt“, sagte der Direktor von OvaScience, Michelle Dipp, im September 2015. Neun von 34 Frauen werden fruchtbar, heißt es in den einschlägigen Fachzeitschriften: Journal of Fertilization, In-Vitro-IVF-Worldwide, Reproductive Medicine, Genetics & Stem Cell Biology.

Prof. Keefe, der New Yorker Spezialist für Unfruchtbarkeit, ist sehr verärgert. Er war Mitglied der US Food and Drug Administration, der Arzneimittelbehörde, die derartige Therapien auswertet

„Das, was OvaScience tut, ist völlig fehlerhaft. Die Patientinnen haben 2 – 3 erfolglose Fruchtbarkeitstherapien hinter sich. Was OvaScience veranlasst, dieses als „Null-Fertilität“ zu bezeichnen. Dann werden sie behandelt und haben eine 20-prozentige Erfolgsquote. Wenn ich eine Münze werfe und wenn sie erst beim dritten Mal auf den Kopf fällt, ist das nicht plötzlich 100 mal besser.

Daten haben gezeigt, dass die Fruchtbarkeitsrate bei 5 Zyklen 30% beträgt. Jeder möchte gerne an den Hl. Nikolaus glauben. Man zahlt immerhin 50.000 US-Dollars pro Zyklus. OvaScience kann ja weiterhin behaupten, Eistammzellen gefunden zu haben, nur glaubt das außer ihnen kein Mensch auf der Welt.“ 

Keefe fordert, dass OvaScience keine Therapien mehr anbietet, solange die Grundlagenforschung nicht stattgefunden hat.

OvaScience hat eine Niederlassung in Kanada. In den USA erwartet die FDA von OvaScience reguläre klinische Studien wie bei allen neuen Therapien. Dementsprechend ist die Konversation zwischen OvaScinece und der FDA minimal. Da jedoch AUGMENT in anderen Ländern angenommen wird, sieht sich OvaScience nicht unbedingt der FDA gegenüber verpflichtet. „Der Endmarkt ist attraktiv“, sagt Zarak Khurshid von der Firma WedBush Securities in San Francisco, der den Werdegang von OvaScience verfolgt. „Da sind sehr motivierte Kunden. Es ist ein barzahlendes Geschäft.“

AUGMENT ist erst der Anfang. Die Pharmaindustrie plant zwei weitere Therapien: OvaPrime und OvaTure benutzen Extrakte aus den sogenannten Vorläuferzellen der Eistammzellen. Die Therapie mit OvaPrime, die zwei chirurgische Eingriffe erfordert, soll Ende 2015 angeboten werden. Im Grunde handelt es sich um die gleiche Therapie wie bei der Methode von AUGMENT.

Hugh Taylor, der Forschungsgelder von OvaScience bekommt, ist der Meinung, es wäre unethisch, eine erfolgsversprechende Behandlung nicht anzuwenden. Er hofft AUGMENT wird bald auch in den USA angeboten. „Ärzte sollen die Wirkung selber herausfinden. Grundlagenforschung ist nicht so wichtig in diesem Fall.“

Die Austragenden dieses Dramas sind die Patientinnen, die jede Behandlung ertragen; jeden Preis zahlen und sonstwohin fahren, nur mit dem Ziel, ein eigenes Baby zu bekommen.

Literatur: Jennifer Couzin-Frankel, Feature: A controversial company offers a new way to make a baby. Science Magazine, Latest News, 5. Nov. 2015BookCoverImage

Unsere Autorin Dr. med. Edith Breburda (von ihr stammt auch das Foto) ist Bioethik-Expertin und Veterinär-Medizinerin (Tierärztin); sie lebt in den USA (Bundesstaat Wisconsin). 

Weiterführende Literatur, Artikel und Bücher von Dr. Edith Breburda: http://scivias-publisher.blogspot.com/p/blog-page.html

Ediths Buch-Neuerscheinung REPRODUKTIVE FREIHEIT vom Juni 2015: https://charismatismus.wordpress.com/2015/06/20/neuerscheinungbuch-empfehlung-reproduktive-freiheit-von-dr-edith-breburda/

Dieses sachkundige und zugleich verständliche Buch “Reproduktive Freiheit” (viele bioethische und aktuelle Themen) kann portofrei für 22,30 Euro bei uns bezogen werden: felizitas.kueble@web.de (Tel. 0251-616768)

 


Es gibt ihn: einen Organismus auf Erden, der sein „unsterbliches“ Leben Stammzellen verdankt

Von Dr. med. Edith Breburda 

Dr. Edith Breburda

Forscher sind dem Geheimnis des Alterns auf der Spur. Der winzige Süßwasser-Polyp Hydra lebt „ewig“, weil er sich ausschließlich ungeschlechtlich vermehrt. Dazu muss er Stammzellen besitzen, die sich ständig teilen, sowie ein funktionierendes Immunsystem.

Ein Traum der Menschheit war es von Anbeginn, nicht altern zu müssen bzw. unsterblich zu sein.

Man denke an die Jadehemden der Chinesischen Kaiser, an die Nibelungensage und Siegfried, der im Drachenblut badete, um unverwundbar zu werden   –  oder in den 1970er und 1980er Jahren, als Frischzellen von Lämmern der „Renner“ waren. Bis man entdeckte, dass sie außer Allergien und anderer Nebenwirkungen nicht viel bewirkten. So wie das Blatt, das Siegfried bei seinem Bad anhaftete, eine Stelle für den Todesstoß war.

Nichtsdestotrotz bleibt der Traum vom ewigen Jungsein erhalten und eine Behandlung mit dem hochtoxischen Nervengift  Botox  nimmt immer mehr zu.

Es ist somit nicht verwunderlich, dass man auf die Quelle des Lebens selbst zurückgriff, auf das ungeborene Baby im Frühstadium, den Embryo.

Auch die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen hatte das Ziel, sich den Traum des ewigen Lebens und ein Ausmerzen sämtlicher Krankheiten und Leiden baldmöglichst zu erfüllen (siehe hierzu das Sachbuch „Verheißungen der neuesten Biotechnologien“, Kindle-ebook).

Um so erstaunlicher scheint es nun, dass der winzige Süßwasser-Polyp Hydra keine Alterungsprozesse zeigt und dass es auf der Welt bereits unsterbliche Lebewesen gibt.

Die Erde schien nur mit Organismen bevölkert, die endlich sind. Und um dem zu entgehen, muss sich das Individuum fortpflanzen, um seine Art zu erhalten. Die Vermehrung des Polypen erfolgt paradoxerweise nur asexuell, ganz so, als ob darin der Schlüssel zum „ewigen Leben“ läge.

Die einfache biologische Erklärung und Voraussetzung seines Fortbestehens liegt darin, dass jeder individuelle Polyp Stammzellen enthält, die sich ständig teilen.

Gingen diese Stammzellen verloren, würde auch der Polyp das „Zeitliche segnen“.

In Lebewesen verlieren Stammzellen im zunehmenden Alter ihre Regenerierungsfähigkeit, weiterhin neue Zellen zu bilden. Der Mensch verliert an Kraft, Herzmuskelzellen können sich nicht mehr erneuern. Nervenzellen im Gehirn werden nicht mehr durchblutet und sterben ab. Zudem wird man so auch noch vergeßlich.

Versprechungen hinsichtlich des Pharmakon Viagra, welches die Durchblutung im Gehirn verbessern und somit dem Alterungsprozess entgegenwirken soll, seien dahingestellt.

Das Grundprinzip bleibt  –  und so kann die Forschung wichtige Erkenntnisse aus dem Studium eines Organismus erhalten, das voll mit aktiven Stammzellen ist.

Der Polyp erweitert das Verständnis von Alterungsprozessen bei Stammzellen allgemein.

„Auf der Suche nach dem Gen, das für die Unsterblichkeit der Hydra verantwortlich ist, sind wir unerwartet ausgerechnet auf das sogenannte FoxO-Gen gestoßen“, berichtet die Doktorandin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Anna-Marei Böhm, Autorin der Studie:FoxO is a critical regulator of stem cell maintenance in immortal Hydra

An verschiedenen genetisch veränderten Polypen untersuchte die Biologin Böhm das FoxO-Gen. Das Kieler Forschungsteam fand heraus, dass Polypen mit ausgeschaltetem FoxO-Gen weniger Stammzellen besitzen und langsamer wachsen. Gleichzeitig veränderte sich auch das Immunsystem.

Professor Philip Rosenstil vom Institut für Klinische Molekularbiologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein erläutert: „Ähnliche drastische Veränderungen des Immunsystems wie bei den genetisch veränderten Hydren kennen wir auch von Menschen im Alter“.

Professor Thomas Bosch vom Zoologischen Institut der Universität Kiel und Leiter der Hydra-Studie bestätigte:

„Unsere Forschungsgruppe konnte erstmals direkt zeigen, dass zwischen dem FoxO-Gen und der Alterung ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Da besonders aktives FoxO bereits bei über hundert Jahre alten Menschen festgestellt wurde, spielt dieses Gen mit großer Wahrscheinlichkeit eine entscheidende Rolle beim Altern – auch beim Menschen.“

Die Erkenntnisse lassen den Schluß zu, dass das FoxO-Gen entscheidend zur Neubildung von Stammzellen beiträgt und damit die individuelle Lebensspanne bestimmt. „Vom Nesseltier bis zum Menschen sind es Stammzellen und ein funktionierendes Immunsystem, die das Lebensalter bestimmen„,  berichtet die Uni Kiel am 15. November 2012.

Dr. Breburdas Webseite (sie lebt in USA): http://scivias-publisher.blogspot.de/

Aktuelle Medizin-Nobelpreise: Wird es einst Wunschkinder aus Hautzellen geben?

Von Dr. med. Edith Breburda     

Zwei Wissenschaftler werden für ihre wegweisenden Arbeiten mit dem Nobelpreis geehrt:

Dr. Edith Breburda

Dr. E. Breburda

Ausdifferenzierte Zellen, in ihrem Fall Hautzellen, konnten in pluripotente embryonalähnliche Stammzellen reprogrammiert werden.

Ein Verfahren, das Alternativen für  humane embryonale Stammzellen bietet, bei deren Gewinnung der Embryo getötet würde. Selbst routinierte Forscher benötigen zur Erzeugung einer einzigen Stammzellinie bis zu 30 Embryos.

Die Arbeit des Briten Gurdon und des Japaners Shinya Yamanaka – der in dem Jahr geboren wurde, als Gurdon seine Entdeckung machte – weckt Hoffnungen, in Zukunft Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes mit Zellen des eigenen Körpers heilen zu können.

Gurdon (79 J.) und Yamanaka (50 J.) haben gezeigt, wie man pluripotente Stammzellen herstellt, ohne dass man Embryos dafür töten muss.

Weil induzierte pluripotente Zellen ethisch weitaus weniger bedenklich sind, wird ihnen eine grosse Zukunft vorausgesagt.

Trotzdem wird mit humanen embryonalen Stammzellen für Vergleichszwecke weiter geforscht. Sie bleiben der Goldstandard. Stammzellforscher hoffen, eines Tages so weit zu sein, aus pluripotenten  Stammzellen ausdifferenzierte Körperzellen  –  wie z. B. Nieren oder Nervenzellen  – herstellen zu können.

2007 hatten Yamanka und der US-Tiermediziner der Universität von  Madison, Prof. J. Thomson, unabhängig voneinander ihre Entdeckungen verkündet, Hautzellen zu Stammzellen reprogrammiert zu haben.

Man wundert sich, warum  nicht auch Thomson den Nobelpreis erhielt:

„Yamanaka machte die Entdeckung an Mäusen ein Jahr vor mir. Er hat somit einen Präzedenzfall geschaffen“, erklärte Prof.  Thomson dem Wisconsin State Journal bereits 2008.

„Gurdons und Yamanaka’s mutige Experimente fordern die wissenschaftliche Grundlagenforschung heraus“, sagte Doug Melton, Co-Direktor des Harvard-Stammzellen-Instituts in Boston.

Das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bezeichnet die Arbeiten als revolutionär, da sie das Verständnis für das Zellwachstum und die Organismenbildung selbst erweitern.

Gurdon zeigte 1962, wie man aus Froschhautzellen neue Kaulquappen klonen kann. Ein Prozeß, der 1997 angewendet wurde, um das Schaf Dolly zu klonen.

Gurdon erklärt Reportern in London gegenüber, seine Entdeckung habe damals keinen klaren therapeutischen Einfluß gehabt, sie diente auch nicht einer Behandlung. Es dauerte fast 50 Jahre, bevor ein potentieller Nutzen daraus entstand.

Erst 2007 nutzte Yamanaka und sein Team das gleiche „Rezept“ und zeigten, dass Mäuse-Hautzellen in pluripotente Stammzellen zurückgebildet werden können, aus denen nun wieder  alle verschiedene Zellarten entwickelt werden könnten (vgl. K. und M. Ritter, Nobel Prize Stem cell, cloning work take honors Wisconsin State Journal 9. Oktober 2012).

Letzte Woche berichteten Wissenschaftler aus Kyoto über Mäuse-Hautzellen, die sie so manipulierten, dass diese wieder zu Eizellen werden. Eingepflanzt in eine Leihmutter entstanden Mäuse-Babys.

Ein derartiges Verfahren könnte der Fruchtbarkeitsbehandlung zugute kommen, berichten die Zeitungen. Man bediente sich der induzierten pluripotenten Methode des Japaners Shinya Yamanaka.

Forscher entnahmen eine Hautzelle und drehten den Entwicklungsvorgang ihres Zellkerns zurück. Die ausdifferenzierte Hautzelle wurde reprogrammiert.

Hautzellen sind ausgereift und diploid. Man kann sagen, die Zeituhr im Zellkern einer Hautzelle wird einfach zurückgesetzt. Allerdings ist man bis jetzt nicht in der Lage, soweit zurück zu gehen, dass die Zellen wieder haploid werden, d.h. so haploid wie der Kern einer Ei- und Samenzelle.

Wissenschaftler der Kyoto-Universität in Japan berichteten am 4. 10. 2012 im Science Magazin online über das Mäuse-Experiment: Sie reprogrammierten Hautzellen von Mäusen bis zu dem Stadium, wo sie embryonalen Zellen ähnlich sind, d..h. den Zellen, die man einem Embryo am 5. Tag seiner Entwicklung entnimmt und ihn dabei abtötet.

Da man aber nicht weiss, wie man derartige pluripotente Zellen, die man entweder einem Embryo entnimmt oder zurück programmiert, wieder neu entwickelt,  bedient man sich eines Tricks:

Die Wissenschaftler von Kyoto vermischten die reprogrammierten Zellen mit Mäuse-Eierstockzellen und implantierten dieses Gemisch in den Eierstock von Mäusen. Nach 4 Wochen entnahmen sie das Eierstock-Gewebe wieder und hatten so unreife Eizellen gewonnen.

Diese liess man im Labor nachreifen, mit Samenzellen von Mäusen befruchten und in ein surrogates Muttertier einpflanzen. 3 Mäuse-Babys wurden so gewonnen. Diese wiederum wurden normal befruchtet und warfen dementsprechend Jungtiere.

Ein derartiges Verfahren macht man sich generell zunutze, damit sich aus pluripotenten embryonalen oder induzierten Stammzellen verschiedene Zelltypen entwickeln.

Vereinfacht gesagt: Wenn man z.B. eine Nierenzelle haben will, implantiert man humane embryonale Stammzellen in die Niere einer Maus und läßt das umgebende Organ die Arbeit tun (siehe das Buch „Verheißungen der neuesten Biotechnologien“, Kindle E-Book). 

Dr. Katsuhiko Hayashi, ein Mitarbeiter der japanischen Studie räumt ein, dass das Verfahren viel zu mühselig und ineffizient ist, um bei Menschen angewandt zu  werden.

Von der Maus zum Menschen ist ein langer Weg. Man weiss, dass Verfahren, die erfolgreich bei der Maus wirken, nicht beim Menschen arbeiten – oder dort gerade das Gegenteil bewirken (vgl. „Promises of New Biotechnologies“, ISBN, Ean 13 0615548288 / 9780615548289).

„Das Ganze bleibt wahrscheinlich nur eine Vision der Technik“, sagt Dr. Hayashi: 

„Die biologischen Unterschiede werden wir nie überwinden. Auch wenn wir als Ausgansmaterial Hautzellen nehmen und diese zurückentwickeln, müssen wir generell mehr darüber wissen, wie Eizellen gebildet werden  – und das ist immer noch ein Mysterium“.

Die Schwierigkeiten sind sehr groß. Viele Wissenschaftler zweifeln, ob sie diese jemals überwinden können. Andere sind wiederum optimistischer –  oder utopischer?

Man spekuliert, dass man auf diese Weise Millionen von Frauen zum eigenen Kind verhelfen könnte. Der biologischen Uhr der Frau, wie auch ihrer Unfruchtbarkeit könnte man damit entgegenwirken. Technische wie auch ethische Gründe lassen allerdings daran zweifeln, ob ein derartiges Verfahren in naher Zukunft realisiert werden kann.

Dr. Greely, Juraprofessor in Standford, glaubt, dass wir in 20 bis 40 Jahren soweit sind:

„Ehepaare, die bestimmte Eigenschaften in ihren Kindern haben wollen, müssen sich nicht mehr der gefahrvollen Prozedur der eigenen Eizellgewinnung unterziehen, sondern nehmen lieber eine Hautzelle. In Zukunft werden so Eizellen gewonnen und auf genetische Defekte analysiert. So wird man viel besser wählen können, welches Kind man sich einpflanzen läßt. Auch erwünschte Eigenschaften wie blaue Augen oder sportliche Talente könnten ausgewählt werden“.

Debra Mathews vom bioethischen Institut John Hopkins Berman bezweifelt, dass jemals ein Markt für derartige Verfahren vorzufinden sein wird:

„Und die Menschen werden auch nicht aufhören, Geschlechtsverkehr zu haben. Ich würde die Sicherheit der Methode in Frage stellen“, gibt Lawrence Goldstein, Direktor des Stammzellforschungs-Programms der Universität von Kalifornien in San Diego zu bedenken. „Es sieht aus, als würden wir an solchen Kindern herumexperimentieren“.

Dr. Breburdas Webseite (sie lebt in USA): http://scivias-publisher.blogspot.de/

Fotos: Dr. E. Breburda, Mathias von Gersdorff