Vorkonziliare Vielfalt in der Liturgie – Papst Pius XII. würdigte „religiösen Volksgesang“

Von Felizitas Küble

Zu Beginn der 70er Jahre wurde bekanntlich das neue Meßbuch in der katholischen Kirche eingeführt. Die überlieferte Liturgie – die sog. „alte Messe“  – schien in Vergessenheit geraten, wurde jedoch von einigen traditionellen Gemeinschaften (darunter der Pius- und der Petrusbruderschaft) weiter gefeiert.

Mit dem Indult von Johannes Paul II. und erst recht durch das liturgische Motu proprio von Papst Benedikt hat sich die überlieferte Messe wieder stärker verbreitet und ihr Heimatrecht in der Kirche zurückerhalten.

In der Debatte um die Liturgiereform wird manchmal die frühere erstaunliche Vielfalt in der Liturgie übersehen, wobei neben dem Choralamt bzw. Hochamt zum Beispiel die „stille Messe“, die deutsche Singmesse, die Gemeinschaftsmesse und die Betsingmesse geläufig waren.

Von den Singmessen ist besonders die Haydn- und die Schubert-Messe seit Jahrhunderten bekannt; auch die Betsingmesse war bereits vor 85 Jahren allgemein verbreitet – und somit der Gesang deutscher Lieder in diesen Varianten der Liturgie an der Tagesordnung.

Dieser Formenreichtum der überlieferten heiligen Messe war keine „wilde“ spezialdeutsche Angelegenheit, sondern wurde vom Vatikan gebilligt, zumal unsere Bischöfe sich damals gehorsam an römische Weisungen hielten. 

So sei z. B. an die Enzyklika „Mediator Dei“ vom 20.11.1947 erinnert, worin Pius XII. (siehe Foto) den „religiösen Volksgesang“ ausdrücklich empfiehlt.

In diesem Schreiben an die Bischöfe der Weltkirche würdigt der Papst zunächst den Gregorianischen Choral. Dann heißt es in Nr. 193 weiter, wenn zeitgenössische Musik und Gesänge gediegen seien, „so  müssen ihnen unsere Kirchen ohne weiteres Zutritt gewähren“, denn ihr Beitrag zur „Erhebung des Geistes“ und zur „Erweckung wahrer Andacht“ sei „nicht gering“.

Im nächsten Abschnitt Nr. 194 klingt die päpstliche Sprache noch eindringlicher: „Wir ermahnen euch auch, ehrwürdige Brüder, in eurer Hirtensorge den religiösen Volksgesang zu fördern. Mit Liebe und geziemender Würde gepflegt, vermag er nämlich den Glauben und die Andacht des christlichen Volkes sehr zu stärken und zu entflammen.“

Pius XII. hat damit eine kontinuierliche Entwicklung bestätigt, die schon seit Jahrhunderten ihre Bahnen zog.

Das Bischöfliche Generalvikariat Trier brachte 1892 ein amtliches „Gesangbuch“ heraus, bestehend aus 40 Seiten Choralgesängen und 400 Seiten deutschen Liedern, nicht nur für Andachten dem Kirchenjahr entlang, sondern ausdrücklich auch deutsche „Meßgesänge“ in fünf Varianten. 

Bischof Michael Felix schreibt im Vorwort: „Unsere deutschen Lieder wie unsere Weisen sind aus dem kindlich gläubigen Sinn unserer Vorfahren hervorgegangen. Sie brachten ihnen Trost im Leid, heilige Freude und Begeisterung im Dienste Gottes. Möchten sie dieselben Wirkungen bei uns hervorrufen.“

Ähnlich präsentierte sich das katholische Gebetbuch „Himmelsleiter“ von Ehrendomherr Tappehorn, das 1888 bei Laumanns im Verlag des Hl. Apstolischen Stuhles in Dülmen erschien. Darin wurde neben dem Hochamt ausdrücklich die „Deutsche Singmesse“ nach Haydn ausgebreitet (Eingangslied: „Hier liegt vor Deiner Majestät…“).

Diese im Volksmund als „Deutsches Hochamt“ bezeichnete Messe war schon Jahrzehnte vor der Einführung der Betsingmesse weit verbreitet; danach gab es beide Meßformen nebeneinander. Als Beispiel sei das Gesangbuch „Laudate“ des Bistums Münster von 1950 erwähnt: Darin wurden vier verschiedene Singmessen mit deutschen Liedern präsentiert, die zahlreichen Betsingmessen nehmen sogar über vierzig Seiten ein.

Fotos: Felizitas Küble, Archiv, Piusbruderschaft