Ein Jugendroman über Literatur und Liebe

Von Susanne Habel

Jaromir Konecny begann seine Autoren-Karriere in den neunziger Jahren in München. Der gebürtige Prager wuchs als lesebegeistertes Kind in Ostrava (Mährisch Ostrau) auf und war als Metallarbeiter, Schiffsmeister und Chemiker tätig.

Seine Erfahrungen als revoltierender und systemkritischer Teenager in der damals kommunistischen Tschechoslowakei fließen immer wieder in seine Bücher ein, ebenso wie seine Erlebnisse als freiwilliger Emigrant im Westen, wo er sich über Lektüre die deutsche Sprache „erlas“.

BILD: Der Autor Jaromir Konecny bei einer Lesung in München (Foto: Susanne Habel)

Seine Liebe zur Literatur und Faszination von Vortragskunst fühlt man lebendig in „Herz Slam“ schlagen, das er letzte Woche auf der Frankfurter Buchmesse 2015 vorstellte.

Konecnys fünfzehntes Buch ist ein Jugendroman über Sprache und Liebe, Freundschaft und Schüchternheit. Und die Protagonisten des Buches sind auch fantastische Identifikationsfiguren für jugendlichen Leser und Schreiber:

Die 16jährige, eher schüchterne Ich-Erzählerin Lea möchte Dichterin werden. Sie fährt mit ihrer selbstsicheren Freundin Sofie zu einer Projektwoche für Poetry Slams auf ein fränkisches Schloss. Poetry Slams sind eine Art Dichterwettstreit, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum künstlerisch vorgetragen werden. Die Zuhörer küren anschließend den oder die Sieger.

Bei dem Kurs, diese Kunst besser zu erlernen, treffen die beiden Gymnasiastinnen Lea und Sofie auf gleichgesinnte Textschreiber, die allerdings teilweise aus Hauptschulen kommen: Ein Kampf der beiden Kulturen beginnt. Moderierend eingreifen muss gelegentlich der tschechische Kursleiter Ivo – ein Alter Ego des Autors – oder das eher hilflose Lehrpersonal.

Lea verliebt sich schnell, Sofie auch; man intrigiert, arrangiert, malträtiert und verliert sich in der kleinen Schreiberschar. Es wird viel gesimst, gemailt, gelikt und gelitten, bis zum Schluss. Beim Finale in Würzburg gibt es drei Sieger und auch sonst unter den Teilnehmern nur Gewinner, die Vorurteile ablegen und an Wortgewandtheit zulegen konnten.

Für jeden Teenager ist das Buch ein Lesevergnügen. Für die ältere Generation bietet es sicher eine hilfreiche Erinnerung an die eigenen Gefühle als Backfisch, aber auch eine gute Einführung in die digitale Jugendwelt.

Buch-Daten: Jaromir Konecny: „Herz Slam“. Ravensburger-Buchverlag, Ravensburg 2015; 384 Seiten, 12,99 Euro, E-Book für Kindle 10,99 Euro. (ISBN 978-3473401314)

Unsere Autorin Susanne Habel ist Redakteurin und Journalistin; sie wohnt in München.


Missionar und Mandarin: Ein österreichischer Jesuitenpater am Hofe des Kaisers von China

Von Susanne Habel

Erich Zettl, ehemaliger Hochschullehrer in Konstanz am Bodensee und gebürtiger Egerländer, stellte in München in einem Bildervortrag einen Landsmann vor: Ignaz Sichelbarth (1708 – 1780) kam als jesuitischer Missionar nach China. Der Missionar malte 35 Jahre lang am Hof des chinesischen Kaisers und wurde dafür zum 70. Geburtstag zum Mandarin ernannt. Neudek-SIchel-9082492

„Ignaz Sichelbarth wurde wohl am 26. September 1708 als Sohn des Malers ,Thadeus Sichelbart‘ in Neudek bei Karlsbad geboren“, begann Zettl seinen Bildervortrag. Schon der Vater sei als Künstler bekannt durch sein Werk „Krönung Mariä“ in der Wenzelskirche in Elbogen von 1696 gewesen, erläuterte Zettl. 1736 trat der 28jährige Ignaz in Brünn in das Jesuitennoviziat ein. Nach dem zweijährigen Noviziat studierte er in Olmütz Theologie, betonte aber auch seine Kenntnisse als „Maler und Stecher“.

BILD: Gedenkstein für Pater Ignaz Sichelbarth in Neudek/Nejdek 

Sichelbarth reiste von Lissabon in Portugal aus in die Mission nach China, wo er 1745 ankam. In Peking waren die Jesuiten damals seit dem ersten „Pionier der China-Mission“, Matteo Ricci (1552 – 1619), am Kaiserhof tätig. Sie durften jedoch bald nicht mehr missionieren, genossen jedoch wegen ihrer Gelehrsamkeit als Astronomen, Mathematiker, Musiker und Maler Weltruf.

Sichelbarth erhielt den chinesischen Namen Ai Qi-meng und wurde dem Kaiser von China, Qian-long, vorgestellt, der von 1736 bis 1795 regierte.

Der junge Jesuit wurde bald nach seiner Ankunft in Peking neben seinem französischen Mitbruder Jean Denis Attiret (1702 – 1768) und dem Italiener Giuseppe Castiglione (1688 – 1766) der dritte Lieblingsmaler des Kaisers Qianlong. Sichelbarth erlebte die Aufhebung des Jesuitenordens durch den Papst 1773 und starb am 6. Oktober 1780 in Peking.

Dort erinnert noch heute eine große Stele mit lateinischer und chinesischer Inschrift an den Missionar und Maler. Auch in Neudek/Nejdek wurde inzwischen eine Gedenktafel errichtet.

Gebildete Geistliche brachten neue Impulse für Kunst und Kultur

Zettl schilderte detailliert den künstlerischen Einfluß der europäischen Missionare auf die stilistische Welt am Kaiserhof in China. Die Missionare, besonders die künstlerisch aktiven Jesuiten Giuseppe Castiglione, Jean Denis Attiret und eben Sichelbarth, hätten aus dem Westen die Errungenschaften der Renaissance- und Barockmalerei mitgebracht und den Chinesen nahegebracht: Das Spiel von Licht und Schatten, auch im Gesicht von Porträtierten, die geometrische Gestaltung von Perspektive und Raum und die individuelle Darstellung besonders der Menschen sowie die Verwendung von Ölfarben seien in der chinesischen Kunst neu gewesen. Sichel-Pferd

Dort hätten zarte, quasi in der Luft schwebende Landschaftsaquarelle, kombiniert mit kalligraphischen Gedichten, Tuschezeichnungen und typisierenden flache Figurengestaltungen vorgeherrscht.

BILD: Sichelbarths Darstellung des Kaiserpferds „Leuchtende Wolke“ (1772)

Unter dem Einfluss der Missionare änderte sich dies, wie Zettl anhand von Bildbeispielen zeigte. Sichelbarth stellte, oft quasi in Koproduktion mit einheimischen Künstlern, große Bildwerke für den Kaiser her. „Die Europäer malten die naturalistischen Gesichter mit Licht und Schattierungen, die Chinesen gestalteten Kleidung und Landschaft“, so Zettl.

Pater Sichelbarth habe unter anderem den Auftrag erhalten, für eine Ruhmeshalle verdiente Kriegsherren und mongolische Fürsten zu porträtieren. Wie ein Kriegsbildreporter sollte der Jesuit auch prunkvolle Schlachtenbilder herstellen. Die Ölgemälde gefielen dem Kaiser derart gut, dass er davon auch in Paris Kupferstiche anfertigen ließ.

Auch zur Darstellung eines buddhistischen Tempels, den sich der Kaiser zu seinem 60. Geburtstag leistete, wurde Sichelbarth verpflichtet: „Der jesuitische Mönch musste den ganzen Kaiserhof als Buddhisten darstellen“, beschrieb Zettl das spirituelle Dilemma, in dem Sichelbarth während seiner ganzen Zeit am Kaiserhof steckte.

Der Kaiser besuchte den Jesuiten zum 70. Geburtstag

Pater Sichelbarth hinterließ etwa 45 bekannte Werke, so acht große Gemälde von Pferden im Museum von Peking und ein historisches Gemälde, das den Sieg der Chinesen über die Tataren 1757 darstellt. Auch zehn Bilder mit Jagdhunden stammen nachweislich von Sichelbarth. Im Nationalen Palastmuseum in Taipeh ist das große Gemälde „100 Hirsche in einer Landschaft“ verwahrt, auf dem Ignaz Sichelbarth vor einer typisch chinesischen Landschaft von Zhang Wei-bang realistisch anmutende Hirsche und andere Tiere zeigt.

An Sichelbarths 70. Geburtstag im Jahr 1777 tauchte Kaiser Qian-long bei ihm selbst auf, ernannte ihn zum Mandarin und überreichte ihm einen handschriftlichen Dank, wie der Jesuit Giuseppe Panzi berichtet.

Zettl kennt sein Forschungsthema gut: Als emeritierter Lehrbeauftragter für Chinesisch an der Hochschule Konstanz für Technik, Wirtschaft und Gestaltung hatte Zettl von 1980 bis 2008 auch mehrfach Lehraufträge für Deutsch an verschiedenen Universitäten und Gymnasien in der Volksrepublik China. Er veranstaltete Ausstellungen an Universitäten in Konstanz, Tianjin und Zürich zu den kulturellen Beziehungen zwischen Europa und China.

„Während eines Aufenthaltes in China stieß ich tatsächlich auf einen Landsmann aus Neudek, der dort gewirkt hatte: den Künstler Ignaz Sichelbarth“, so Zettl, der 1934 in Bernau bei Neudek zur Welt kam. Inzwischen sei das Interesse so groß, daß er 2005 im heutigen Nejdek eine sehr erfolgreiche Ausstellung über Sichelbarth habe zeigen können, schloss Zettl seinen spannenden Vortrag.

Buch-Daten: Erich Zettl: „Ignaz Sichelbarth. 1708–1780“. Konstanz 2014; 115 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Kostenlos erhältlich bei: Erich Zettl, Hebelstrasse 3, 78464 Konstanz, Telefon (0 75 31) 6 45 48, eMail zettl@htwg-konstanz.de

Unsere Autorin Susanne Habel ist Redakteurin und Journalistin in München; von ihr stammen auch die beiden Fotos.

 


Ausstellung über die Vernichtung jüdischer Kulturdenkmäler in Böhmen und Mähren

Von Susanne Habel

Im Sudetendeutschen Haus in München wird bis Ende September 2015 die Ausstellung „Vernichtete jüdische Denkmäler in Nordböhmen 1938–1989“ gezeigt. P8112174

Die Schau, eine Veranstaltung der Heimatpflege der Sudetendeutschen, bietet Fotographien und Texte über die Zerstörung von jüdischen Glaubensdenkmälern in Nordböhmen unter der Besetzung durch das nationalsozialistische „Dritte Reich“ und unter dem kommunistischen Regime.

BILD: Heimatpflegerin Dr. Zuzana Finger, Tomáš Hlaváček, Generalkonsul Dr. Milan Čoupek, SL-Bundesgeschäftsführer Christoph Lippert und Šárka Hlaváčková (Tochter von Hlaváček).  – Fotos: Susanne Habel

Wie umfassend die Zerstörung jüdischer Kulturgüter in den böhmischen Ländern war, erläuterte Tomáš Hlaváček, der Ausstellungskurator bei der Eröffnung am 11. August in München. Seine tschechische Ansprache wurde von Zuzana Finger, der Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, konsekutiv übersetzt.

Auch Kommunisten zerstörten Synagogen

„Zwischen 1918 und 1945 verschwanden ungefähr 87 Synagogen aus Nordböhmen, und zahllose Friedhöfe wurden zerstört“, erläuterte der Initiator der Ausstellung. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sei keineswegs besser gewesen; unter dem kommunistischen Regime ab 1948 seien etwa weitere einhundert Synagogen abgerissen worden, davon gut zwei Dutzend in Nordböhmen.

Das gleiche Schicksal habe von der Nachkriegszeit bis zur „Samtenen Revolution“ und der politischen Wende 1989 auch jüdische Gebetsräume und Friedhöfe ereilt.

Hlaváček ist Vorsitzender der „Společnost pro obnovu památek Úštěcka“ (Verein für Denkmalrenovierung im Auschauer Ländchen), einer Bürgerinitiative, die sich seit Jahren um die Instandsetzung von historischen Baudenkmälern in der Region zwischen Leitmeritz und Böhmisch Leipa bemüht.

Künftigen Vandalismus verhindern

„Zuerst sanierten wir nur mit Kindern und Jugendlichen die sakralen Kleindenkmäler bei Auscha, um ihnen die Geschichte näherzubringen und künftigen Vandalismus von Jugendlichen zu verhindern“, erklärte Hlaváček den Anfang seiner Arbeit.P8142257

Dazu erstellte man eine Datenbank und Karten und schuf zwei große Ausstellungen.

BILD: Die Tafeln zeigen die Zerstörung der jüdischen Glaubensdenkmäler in Böhmen und Mähren 

Die erste Schau über die „Zerstörten christlichen Denkmäler Nordböhmens 1945–1989“ sei inzwischen als Wanderausstellung in 25 Städten gezeigt worden, ihr Katalog habe sich 4000 Mal verkauft.

Die zweite, aktuelle Ausstellung über die „Vernichteten jüdischen Denkmäler“ werde jetzt hier zum 13. Mal gezeigt. Vom Katalog habe man schon 1800 Exemplare verkauft.

„Ich freue mich, dass sie nun im Sudetendeutschen Haus zu sehen ist!“, strahlte Hlaváček. Auch freue ihn sehr, daß Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die bei der Eröffnung leider verhindert war, die Schirmherrschaft  übernommen habe.

All dem stimmte Zuzana Finger, die Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, voll zu: „Die neue Ausstellung ist auf dem Hintergrund des gelungenen, jahrhundertelangen Zusammenlebens der Bevölkerungsgruppen in Böhmen und Mähren zu betrachten, das durch Vorurteile, Hass und Rassenwahn zerstört wurde“, sagte sie über die Schau.

Auf den dort gezeigten Tafeln wird die Geschichte der jüdischen Glaubensgemein-schaften und ihrer Bauten in allen größeren Orten Nordböhmens gezeigt:

Leitmeritz, Gablonz, Brüx, Lobositz, Lobochowitz, Reichenberg, Komotau, Eidlitz, Kaaden, Böhmisch Leipa, Aussig, Teplitz und Soborten – alle verfügten einst über blühende jüdische Gemeinden, die nun nur noch in dieser Ausstellung dokumentiert seien. Allerdings wurde auch einiges wieder hergestellt.P8112186

Alle waren ergriffen, auch der Sprecher der Sudetendeutschen, Bernd Posselt, und der Tschechische Generalkonsul in München, Milan Čoupek.

BILD: Thilo Viehrig (Geige) und Nancy Thym (Harfe) präsentierten jiddische Lieder aus Böhmen.

Der Diplomat dankte für die Präsentation der Ausstellung in der Kubin-Galerie:

„Gerade hier im Sudetendeutschen Haus wird schon seit 1989 der Weg der Versöhnung konsequent beschritten“, erklärte der Generalkonsul. „Hier kann man ,reconciliatio‘ im wahrsten Sinne des Wortes erleben!“.  – „Beratung“, was das lateinische Wort bedeute, sei die Stärke der Sudetendeutschen, eben ihre „Vermittlung durch Kommunikation“, schloss Coupek sein Grußwort.

Zum feierlich-besinnlichen Charakter des Abends trug auch die musikalische Umrahmung bei: Die amerikanische Harfenkünstlerin Nancy Thym und der Geiger Thilo Viehrig trugen jüdische Lieder aus Böhmen vor.

Ausstellung: bis Freitag, 25. September: „Vernichtete jüdische Denkmäler in Nordböhmen 1938–1989“ in München, Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8.

Montag bis Freitag 9 bis 18.30 Uhr. Entleihbar bei: Frau Kamila Hlaváčková, Email: kamila.hlavackova@seznam.cz, Handy: 00420739887130, Festnetz Büro: 00420416731455

Unsere Autorin Susanne Habel ist Journalistin und Redakteurin; sie wohnt in München


München: Ausstellung über zerstörte jüdische Denkmäler in Nordböhmen 1938-1989

Kulturforum des Sudetendeutschen Hauses in München

  • Ausstellungsdauer: 12. August bis 25. September 2015, blog1-205x130
  • Mo – Fr, 9 – 19 Uhr

Zerstörte jüdische Denkmäler in Nordböhmen 1938-1989
Ausstellung von Společnost pro obnovu památek Úštěcka o.s. / Gesellschaft für Denkmalrenovierung der Region von Úštěk / Auscha

Den Bericht von Susanne Habel in der Sudetendeutschen Zeitung vom 28.8.2015 über die Ausstellungseröffnung am 11. August 2015 können Sie hier lesen.

Die Schirmherrschaft über die Ausstellung hat die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Frau Charlotte Knobloch übernommen.

Die Veranstaltung wird durch die Sudetendeutsche Stiftung gefördert.


Zeitzeugen im Zentrum: TV-Dokumentation über die deutschen Heimatvertriebenen

Von Susanne Habel

Zum ersten bundesweiten Gedenktag für Flucht und Vertreibung am 20. Juni 2015 sendete ARD-Alpha die Dokumentation „Zwischen Verlust und Verantwortung. Die Vertriebenen und ihre Heimat“. Hier wurde das Schicksal der deutschen Vertriebenen in den 70 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs präsentiert. ST-1969

Der Zuschauer erlebte Filmsequenzen aus alten Wochenschauen und Nachrichtensendungen , die man selten oder nie zu sehen bekommt: Heimattreffen der fünfziger und sechziger Jahre und Videos von Reisen in die Tschechoslowakei während des kurzen politischen Tauwetters 1964 und kurz vor der Wende 1989 ließen die 70 Jahre seit der Vertreibung im Zeitraffer passieren.

BILD: Archivmaterial vom Sudetendeutschen Tag 1969 in Nürnberg

Als Berichterstatter kamen exemplarische Zeitzeugen zu Wort: Als Vertreter der Erlebnisgeneration und als Mitbegründer von Sudetendeutscher Landmannschaft und Sudetendeutscher Jugend erzählt Oskar Böse von der Anfangszeit, als sich die Vertriebenen im Westen in Verbänden sammelten, was die „Aussiedler“ in der späteren „DDR“ nicht durften – denn auch das Schicksal der Sudetendeutschen dort und der heimatverbliebenen Landsleute in der kommunistischen Tschechoslowakei wird angerissen.

Aus der „mittleren und jüngeren Generation“ beschrieb Günter Reichert, Ex-Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, die schwierige politische Einbindung und die gelungene Integration der Vertriebenen, die keineswegs Assimilation bedeutet habe. Fendl

Wie das sudetendeutsche Kulturerbe gepflegt wird, erläuterte Peter Becher, der langjährige Leiter des Münchener Adalbert-Stifter-Vereins. Die Pflege von Literatur, Kunst, Musik und Traditionen der böhmischen Länder verknüpft der sozialdemokratische Literaturwissenschaftler immer mit einem hohen Anspruch beim Minderheiten- und Menschenrechtsschutz.

BILD: Vorstellung des Architektenmodells für das Sudetendeutsche Museum am gleichen Ort durch Museumsbeauftragte Dr. Elisabeth Fendl im Film

In dieser Richtung äußerte sich auch Katharina Ortlepp, Landesvorsitzende der SdJ-Landesgruppe Bayern, die sich in einem Interview auf dem diesjährigen Sudetendeutschen Tag vehement für die Aufnahme der Flüchtlinge aus aller Welt in Deutschland einsetzte.

Aber nicht nur aus Böhmen, Mähren und Schlesien sind die Millionen deutscher Vertriebener gekommen. Sie stammten aus allen deutschen Ostgebieten, wie zum Beispiel die Donauschwaben, deren gut ausgestattete Heimatstube in Haar bei München im Film vorgestellt wird.

Die sudetendeutschen Heimatsammlungen dagegen drohen an Personal- und Geldnot oft zu scheitern. Und so ist es gut, dass in einem positiven Ausblick die Planung des Sudetendeutschen Museums in München vorgestellt werden konnte. Dort sollen viele heimatliche Kulturschätze einmal unterkommen. Auch in diesem Museum soll die Geschichte dann so packend nahegebracht werden wie in der Dokumentation.

Die Dokumentation stammt von Martin Posselt, dessen väterliche Wurzeln im nordböhmischen Gablonz liegen und der Redakteur des Bayerischen Rundfunks ist  –  und der Film ist im Internet weiter zu sehen.

Im Internet: „Zwischen Verlust und Verantwortung. Die Vertriebenen und ihre Heimat“: www.br.de/mediathek/video/video/die-vertriebenen-und-ihre-heimat-100.html

Unsere Autorin Susanne Habel ist Redakteurin und Journalistin aus München

Fotos: ARD-Alpha

 


München: Ausstellung eines böhmischen Künstlers über den hl. Nepomuk

Von Susanne Habel

In München zeigt der in Amerika tätige böhmische Künstler Prof. Dr. Walter Gaudnek (siehe Foto) eine religiöse Bilderserie. „Teutonis et Bohemis amabiles Johannes Welflin Nepomuk“ im Sudetendeutschen Haus widmet sich  Sankt Nepomuk. Gaudnek-kl

Walter Gaudnek gehört zu den Vertretern der „Pop-Art“, setzte sich in seinen Kunstwerken jedoch auch immer wieder mit religiösen Themen auseinander.

In einer 2006 in München präsentierten Ausstellung ging es beispielsweise um Engel, 2007 in Ingolstadt im Münster um die „Zehn Gebote“. Die Ausstellung „Im Schatten der Ikone – Das Heilige im Bild“ im Jahr 2011 widmete sich einem ähnlichen Thema.

Derzeit wird auch in Gaudneks eigenem Museum in Altomünster eine Schau zum Thema „Kreuze und Glyphs“ gezeigt.

Die neue Ausstellung im Sudetendeutschen Haus in München stellt eine Bilderserie vor, die 2007 in der Library Special Collection der University of Central Florida in Orlando unter dem Konzept „Homeland dedicated to Saint Nepomuk” ihren Anfang nahm.

Der Heilige mit der brennenden Zunge

Leitmotiv ist Nepomuk mit der brennenden Zunge. Der Künstler erläutert zu der neuen Schau: „Meine Nepomuk-Serie umrahmt Facetten der Angst vor Folter und Tod.“ Nepo-kl

Sankt Nepomuk wurde der Legende zufolge gemartert und von König Wenzel IV. getötet , da er als Beichtvater die Geheimnisse der böhmischen Königin, der Wittelsbacher-Prinzessin Sophie, nicht verraten wollte.

Auf den eindrucksvollen Nepomuk-Werken Gaudneks ist das verzerrte Antlitz des Heiligen und Szenen aus seinem Leben zu sehen, diesmal nicht in den für Gaudnek typischen leuchtenden Farben, sondern in schlichtem Schwarzweiß und Brauntönen.

Die hochformatigen Bilder sind oft mit Rollen versehen wie mittelalterliche Schriften. Sie führen in eine vergangene Welt der Glaubenskämpfe, die heute angesichts der Bedrohung durch terroristische Islamisten wieder sehr aktuell ist.

Mit dem Heiligen Nepomuk bewegt Walter Gaudnek sich auch wieder auf die Überlieferungswelt seiner böhmischen Heimat zu, denn er wurde 1931 in Fleyh im Kreis Dux im böhmischen Erzgebirge geboren.

Als 13jähriger Schüler wurde der Sohn eines streng katholischen Lehrers und Chorleiters 1944 von der Hitlerjugend ins Wehrertüchtigungslager Rothenhausen eingezogen; sein NS-kritischer Vater von der Gestapo erschlagen. Nepomuk-P3010143

1946 wurden die Mutter und die Kinder Walter und Ilse vertrieben und kamen in ein Lager bei Dachau nördlich von München.1951 fand die Familie im nahegelegenen Altomünster eine „neue“ Heimat.

Gaudnek erhielt nach seinem Kunststudium 1957 ein Stipendium an der University of California in Los Angeles und entschied sich, in den USA zu bleiben. Er ging nach New York und promovierte an der New York University 1968 zum Dr. phil. mit der kunstwissenschaftlichen Arbeit „Die symbolische Bedeutung des Kreuzes in der amerikanischen Malerei der Gegenwart“.

Seit 1970 ist Gaudnek Professor an der University of Central Florida in Orlando. Oft kam er in den vergangenen Jahren nach Eu­ropa zu Vortragsreisen und Ausstellungseröffnungen, meist nach München, Dachau oder Altomünster. Dort hatte Gaudnek 1999 das Gaudnek European Museum (GEM) gegründet.

Daten: Bis Donnerstag, 2. April 2015 „Walter Gaudnek Teutonis et Bohemis amabiles Johannes Welflin Nepomuk“ in München, Sudetendeutsches Haus, Hochstraße 8. Montag bis Freitag 9 – 19  Uhr. Bis Donnerstag, 30. April 2015: „Walter Gaudnek: Kreuze und Glyphs“ in Altomünster/Obb., Gaudnek European Museum (GEM), Sandizellergasse 3.

Unsere Autorin Susanne Habel ist Redakteurin und Journalistin in München; auch die Fotos stammen von ihr; die beiden letzten Bilder zeigen Ansichten aus der Ausstellung mit Gemälden aus der Nepomuk-Serie.


Biblische Kunstwerke im Grenzgebiet: Marc trifft Mark in Markt Eisenstein

Von Susanne Habel

„Marc trifft Mark“ könnte man die aktuelle Doppelausstellung in den „Kuns(t)räumen“ in Markt Eisenstein betiteln.

Mit Marc Chagall und Mark Angus ist Weltkunst zu Gast in dem direkt an der deutsch-tschechischen Grenze gelegenen Ausstellungshaus, das sich derzeit biblischer Kunst widmet.  4 Mark Angus Jakob ringt mit dem Engel2

Marc Chagall (1887–1985) zählt zu den weltweit bekanntesten und beliebtesten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Immer wieder beschäftigte er sich in seinem Werk mit der Bibel und mit biblischen Themen. Bis heute berührt er mit diesen Arbeiten die Menschen.

BILD: Gemälde von Mark Angus: Der Patriarch Jakob ringt mit dem Engel

Die Galerie „Kuns(t)räume“ zeigt seine 1956 und 1960 als Farblithographien entstandenen Illustrationen zur Bibel, die zu seinen populärsten Werken zählen. Inspiriert durch seinen jüdischen Glauben und angeregt von der Mythen seiner weißrussischen Heimat schuf sich Chagall in Frankreich einen eigenen Zugang zur biblischen Bildwelt.

Die strahlenden Farben und schwerelos schwebende Figuren und Formen schaffen eine faszinierende Optik, die die emotionale Tiefe der biblischen Erzählungen betont. Auch einige von Chagalls Darstellungen aus der griechischen Mythologie werden gezeigt.2 Chagall - David u Betsabe_kl

Passend zu seinen Bibel-Motiven gibt es einen Ausblick auf eine der kommenden Ausstellungen, die sich dem Thema der Bibel in der Kunst widmen wird, setzten sich doch zahlreiche bedeutende Künstler mit der Heiligen Schrift auseinander.

BILD: Gemälde von M. Chagall: König David und Bethsabe (Batseba)

Einen Vorgeschmack auf diese Sonderschau geben Original-Werke von Albrecht Dürer und Rembrandt.

Harmonisch ergänzt wird die aktuelle Ausstellung mit Arbeiten des 1949 in Südengland geborenen Mark Angus, der sich ebenfalls oft biblischen Themen widmet. Der Künstler beschäftigt sich mit Vorliebe mit der Ausgestaltung von Kirchenräumen mit farbigen Fenstern.

Gleichermaßen beeindruckend sind seine hinterleuchteten Glasbilder und seine Malerei auf Papier, die er in den „Kuns(t)räumen“ unter dem Titel „Der Sprung“ zeigt.

Ausstellung bis 12. April: „Marc Chagall – Die Bibel und andere Illustrationen“ in „Kuns(t)räume grenzenlos“, Bahnhofstraße 52 in 94252 Bayerisch Eisenstein. Telefon 09925/18297-52.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 10.30 – 17.30 Uhr. Führungen durch die Ausstellung jeden Samstag und Sonntag um 14.15 Uhr.

Text: Susanne Habel (Redakteurin aus München) / Fotos: Sven Bauer