Nebel hat den Wald verschlungen…

HERBST

Schon ins Land der Pyramiden
flohn die Störche übers Meer;
Schwalbenflug ist längst geschieden,
auch die Lerche singt nicht mehr.

Seufzend in geheimer Klage
streift der Wind das letzte Grün;
und die süßen Sommertage,
ach, sie sind dahin, dahin!

Nebel hat den Wald verschlungen,
der dein stillstes Glück gesehn;
ganz in Duft und Dämmerungen
will die schöne Welt vergehn.

Nur noch einmal bricht die Sonne
unaufhaltsam durch den Duft,
und ein Strahl der alten Wonne
rieselt über Tal und Kluft.

Und es leuchten Wald und Heide,
daß man sicher glauben mag,
hinter allem Winterleide
lieg‘ ein ferner Frühlingstag.

Theodor Storm (1817 – 1888)


WEIHNACHTSLIED von Theodor Storm

Weihnachtslied

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte                       
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre ferne Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Theodor Storm


„Frühlingsankunft“ von Theodor Storm

Frühlingsankunft

„Was rauscht und brauset vor der Tür?
Was singt so süße Melodien?
Herein, wer draußen ist! Herein!“
„Ich bin’s! Der Frühling ist dafür!
Ich warte nur auf Sonnenschein,
da komm‘ ich gleich zu dir herein.

Und sieh, die Sonne taucht empor;
und wie sie freundlich scheint und lacht,
da schmilzt das letzte Eis der Nacht.
Und hastig auf mit Tür und Tor!
„Herein in meine Arme schnell,
willkomm‘, du blühender Gesell!“

Da muß die Lerch‘ im hellen Schein
den ersten Gruß entbieten,
da stürmt der Frühling hinterdrein
mit hunderttausend Blüten.

Theodor Storm


Herbstgedicht von Theodor Storm

Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
unchristlich oder christlich,
ist doch die Welt, die schöne Welt,
so gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz –
stoß an und laß es klingen!
Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz
ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
und ehe sie verfließen,
wir wollen sie, mein wackrer Freund,
genießen, ja genießen!

Theodor Storm