Prof. Söding in Münster: „Vater im Himmel: Führe uns nicht in Versuchung“

Von Felizitas Küble

Das Vaterunser wurde im Vorjahr heftig und langanhaltend diskutiert, nicht nur in kirchlichen Kreisen, auch in weltlichen Medien und in der weiten Öffentlichkeit.

Es ging dabei vor allem um die vorletzte Vaterunser-Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung.“ – Sogar Papst Franziskus regte eine Änderung des Wortlauts bzw. eine Neu-Übersetzung an, wobei ihm zahlreiche Theologen widersprachen und auch die deutschen Bischöfe nicht folgten.

Auch der katholische Theologe Dr. Thomas Söding hält an der wörtlichen Übersetzung aus dem griechischen Urtext fest. Der Neutestamentler hielt gestern Abend (20. März) eine Betrachtung im St.-Paulus-Dom von Münster zur Auslegung dieser „umstrittenen“ Bitte aus dem Gebet des HERRN.

Der Professor – er lehrt an der Ruhr-Universität in Bochum – sprach im Rahmen der „Geistlichen Themenabende“ zur Fastenzeit. Die Bischofskathedrale war fast vollbesetzt, Dompfarrer Hans-Bernd Köppen begrüßte die vielen Gäste unter dem Leitwort „Das Vaterunser als Quelle der Erneuerung“.

Södings Frau Christine las eingangs aus dem Matthäus-Evangelium jene Abschnitte vor, in welchem das Vaterunser von Christus verkündet wird.

Aus Mt 6,1-16 geht hervor, daß Christus die Lauterkeit der guten und frommen Werke wichtig ist: Nicht aus Eigennutz, nicht im Hinblick auf Lohn, Erfolg, Ansehen, Macht und Beliebtheit sollen wir fasten, beten und handeln, sondern aus Liebe zum Vater im Himmel und zum Nächsten.

BILD: Der Paulus-Dom gestern Abend nach der Vortrags-Andacht mit Prof. Söding

Es geht also darum, die eigene „Gerechtigkeit“ nicht zur Schau zu stellen. In genau diesem Zusammenhang lehrte Christus seine Jünger das Vaterunser.

Dr. Söding verdeutlichte, daß es das Problem der Versuchung überhaupt nur deshalb geben kann, weil Gott der HERR ist und wir seine Geschöpfe – und weil wir als Menschen anfällig sind – nicht nur für einzelne Sünden, sondern für den „Abgrund der Freiheit“, den existentiellen Mißbrauch dieser Freiheit.

Negative Eindrücke von außen können nur deshalb überhaupt eine Macht über uns ausüben, eine „Versuchung“ darstellen, weil diese Anfechtungen eine „Resonanz“ in unserem Inneren finden können. Ohne Versuchbarkeit kein Problem der Versuchung!

Der Theologe erinnerte an das Wort des HERRN, wonach derjenige sein Leben gewinnt, der es „verliert“ – darunter sei nicht allein das Martyrium zu verstehen, sondern grundsätzlich unsere Hingabebereitschaft, unser Einsatz für das Gute und unsere Übereignung an den Schöpfer.

Zugleich warne uns die Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ davor, uns selber aus eigensüchtigen Beweggründen ein eigenes, ein falsches Gottesbild zu basteln oder den Glauben zur Unterdrückung  bzw. Beherrschung anderer Menschen zu vereinnahmen. Dieser Gedankengang führt uns zum 2. Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht mißbrauchen!

Die Bitten des Vaterunsers sind zugleich auch Fürbitten für andere, denn wir beten es komplett in der Gemeinschaftsform: „uns/unser“.

Dr. Söding betonte, gerade der Wortlaut „Führe uns nicht in Versuchung“ verdeutliche, daß die Bibel nicht oberflächlich sei, daß sie kein „glattes“ Bild von Gott vermittle, sondern tiefgründig und existentiell auch die uns unverständlich erscheinenden Dimensionen Gottes zur Sprache bringe, etwa die für den Menschen so schmerzliche Frage nach seiner „Gerechtigkeit“, nach dem Sinn von Leid und Verzweiflung.

Dies wird auch in den Klagerufen des Alten Testamentes deutlich, vor allem aber in der Abrahams-Geschichte von der Opferung Isaaks und im Buch Hiob. Doch diese schmerzlichen Abgründe eröffnen zugleich den Horizont auf die Verheißungen Gottes, sie verdeutlichen, daß der Höchste auch im Tal der Tränen gegenwärtig und dem Menschen nahe ist.

Christus selbst wurde vom „Geist Gottes“ in die Wüste geführt, so heißt es im NT, „um dort versucht zu werden“, wobei natürlich nicht der himmlische Vater, sondern Satan der Versucher war.  Dies Ereignis markiert, daß unser Erlöser voll und ganz Mensch geworden ist, wie wir alle mit schweren Anfechtungen konfrontiert, die er aber sündenfrei überwunden hat.

Lieber hat Jesus in der Wüste weiter gehungert, statt Steine in Brot zu verwandeln, was ihm als Sohn Gottes ein Leichtes gewesen wäre. Aber ER verzichte auf den Einsatz seiner Wunderkraft zur Erleichterung des eigenen Lebens. Nur so konnte ER das Menschsein in allen Zügen – auch den schmerzlichen – durchleben und uns so ein lebensnahes Vorbild geben, wie auch der Hebräerbrief betont: Christus wurde wie alle Menschen versucht, doch ER sündigte nicht.

Professor Söding erläuterte weiter, bereits das aufrichtige Aussprechen der Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ entfalte seine innere Wirksamkeit, habe eine helfende und befreiende Wirkung. 

Im Garten Gethsemane habe Christus die schläfrigen Apostel noch vor seinem Leiden eindringlich aufgefordert: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet.“ (Mt 26,41)

Das Vaterunser ist ein Gebet des Vertrauens: Wir wenden uns an Gott, weil wir zuversichtlich glauben, daß sein Reich zu uns kommt, daß sein Wille geschieht, daß ER vom Bösen befreit und Schuld vergibt.

Wir tragen ihm als Geschöpfe unser Flehen vor, weil wir um unsere Schwachheit wissen und seine beschützende Kraft nötig haben.

HIER unser Artikel aus dem Jahr 2016 über die jüdischen Wurzeln des Vaterunser-Gebets: https://charismatismus.wordpress.com/2016/11/09/die-juedischen-wurzeln-des-vaterunser-gebets/