Coronakrise 2020: Darf die Kirche auf ihr Grundrecht der Religionsfreiheit verzichten?

Von Dr. Heinz-Lothar Barth

Das, was im Frühjahr 2020 in Folge der Covid 19-Epidemie vorgefallen ist, hat zu Recht die Gemüter fast aller Menschen irgendwie berührt, ja oft erschüttert, wobei wir in Deutschland noch relativ glimpflich davongekommen sind.

Im folgenden wollen wir nicht im großen Stil die Maßnahmen der Politiker kommentieren, deren Radikalität in manchen anderen Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich mit totalen Ausgehverboten noch einschneidender waren. Da ist sicher aber einiges auch bei uns schiefgelaufen.

Eine kritische Vorüberlegung

Das wird schon an einem besonders auffälligen Beispiel gleichsam symbolhaft deutlich. Man betrachte nur, wie man mit den Schutzmasken umgegangen ist: „Sie waren erst schädlich, dann überflüssig, schließlich nützlich und heute sind sie unbedingt notwendig.“[1]

In einem Interview vom 17. April riet selbst Prof. Christian Drosten noch vom Tragen der Mund-Nase-Schutzmasken ab[2] (wie übrigens zuvor auch die WHO und das Robert Koch-Institut), dann aber wurden sie unter drastischen Geldstrafen für bestimmte Bereiche (Geschäfte, Busse und Eisenbahn) sogar verbindlich vorgeschrieben.

An eine Aufhebung dieser Verordnung ist nicht zu denken, obwohl der „Maulkorb“ fast immer falsch gehandhabt wird und mindestens dadurch mehr gesundheitlichen Schaden anrichtet als er nützen könnte – von Menschen mit Schwächen der Atemwege und Belastung unter großer Sommerhitze einmal ganz abgesehen.

Jüngst nahm der Bonner Virologe Prof. Hendrik Streeck, in einigen Fragen Antipode seines Kollegen Drosten, warnend zum Gebrauch der Maske Stellung. Der Bonner „General-Anzeiger“ (11./12. Juni 2010, 28) titelte: „Maske als Nährboden für Mikroben. Bonner Virologe warnt vor falschem Gebrauch“.

Da man die verantwortlichen Politiker weder als Vollidioten noch als Sadisten einschätzen möchte, drängt sich vielen Zeitzgenossen ein dringender Verdacht auf: Auf solche Weise soll offenbar  das Symbol der „Neuen Normalität“[3] (so bezeichnen Politiker wie Bundeskanzlerin Merkel die jetzige Situation, „Realität“ oder „Wirklichkeit“ scheinen nicht auszureichen) weiter stets sichtbar bleiben, die Bevölkerung an den Krisenmodus erinnern und dadurch eine gewisse Stimmung der Angst aufrecht erhalten. Wohl nicht ganz ohne Grund sprach Stefan Homburg, Professor für Finanzwissenschaften in Hannover, von der „Sklavenmaske“[4].

Das war, bei aller rhetorischen Übertreibung, schon deshalb nicht ganz unberechtigt, weil das Gesicht in besonderer Weise mit der durch Art. 1 GG geschützten Würde des Menschen zusammenhängt. Denn diese zeichnet ihn als Ebenbild Gottes aus.[5]  

Die Entstellung des Gesichts erschwert auch die so notwendige Kommunikation mit dem Nächsten, der ja seinerseits ebenso ein entsprechendes vernunft- und sprachbegabtes Geschöpf, ja Ebenbild Gottes ist. Nicht ohne Grund war ein Leserbrief von Dr. Paul Georg Fischer aus Augsburg in der katholischen Zeitschrift Die Tagespost mit der Überschrift versehen „Das Gesicht ist Ort der Gottesbegegnung“. (DT vom 4. Juni 2020)

Da mir zu einer ganz sicheren Beurteilung der getroffenen Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen aber zuverlässige naturwissenschaftliche Kenntnisse fehlen (immerhin sind sich allerdings auch die Fachleute weltweit keineswegs einig!), möchte ich mich auf diesem Gebiet eher zurückhalten. Freilich kann ich nicht gänzlich auf die eine oder andere Bemerkung verzichten, ohne die die Dramatik der kirchlichen Einschränkungen nicht in vollem Umfang zu verstehen wäre.

Die Kirche in der Coronaepidemie

Wir wollen uns in den folgenden Zeilen auf das Verhalten der staatlichen Behörden gegenüber den Kirchen[6] in Deutschland und auf die Reaktionen der katholischen Bischöfe konzentrieren, wie es sich für einen theologischen Beitrag gehört. Hier ist es zu einer Einschränkung des Kultes gekommen, die historisch ihresgleichen sucht, für die Geschichte Deutschlands in den letzten Jahrhunderten stehen die Maßnahmen jedenfalls singulär dar.

Sobald mir Mitte März 2020 die verfügten Gottesdienstverbote bekannt wurden, habe ich darauf als einer der Ersten mit einem Leserbrief an die katholische Zeitung „Die Tagespost“ reagiert, zu dem ich dann einige Zeit später aus gegebenem Anlaß einen weiteren hinzufügte.

Zunächst lege ich diese Zuschriften, die beide abgedruckt wurden (die erste am 19. 3., die zweite 14. 5.), in unwesentlich veränderter Fassung hier noch einmal vor, da sie bereits wesentliche Punkte der m. E. unbedingt notwendigen Kritik enthalten. 

Erster Leserbrief:

Nun sollen alle Gottesdienste bis zum 19. April ausfallen, also über die Karwoche und Ostern, den Höhepunkt des Kirchenjahres. Bei allem Verständnis für notwendige Schutzmaßnahmen wegen der Covid 19-Epidemie: Wieso dürfen auf der anderen Seite z. B. Baumärkte offen bleiben, wo man sich besonders nahekommt? Die Kirche hat früher in Seuchenzeiten vermehrt Gottesdienste abgehalten, so z. B. unter dem Mailänder Erzbischof Federico Borromäus im 17. Jh.; man erinnere sich an Manzonis Roman „I promessi sposi“ („Die Verlobten“ oder „Die Brautleute“). Gewisse Vorsichtsmaßnahmen wurden dabei sicher auch damals nicht mißachtet.

Es existiert in der klassischen römischen Liturgie übrigens sogar ein eigenes Meßformular „Zur Abwehr von Sterblichkeit“ („Tempore mortalitatis“), an das man sich vielleicht erinnern sollte. Der bekannte Staatsrechtler Christian Hillgruber aus Bonn schrieb mir auf meine Anfrage zur juristischen Beurteilung eines solchen Vorgehens von seiten der Politiker: „Staatliche Eingriffe in die Religionsfreiheit müssen angemessen sein; das erfordert, dass so etwas wie die ‚religiöse Grundversorgung’ gewährleistet sein muss.“

Und er schlug vor, „mehr und nicht weniger Messen zu lesen, um auf diese Weise bei gleichmäßigem Messbesuch den Abstand zwischen den Einzelnen so vergrößern zu können, dass die Ansteckungsgefahr vergleichbar niedrig gehalten wird.“ Warum wehren sich die deutschen Bischöfe auf der juristischen Ebene nicht? Wofür bezahlen wir den Klerus mit unseren Kirchensteuergeldern? In Italien waren die Bischöfe sogar mit Meßverboten vorangeprescht! – Soweit der erste Leserbrief.

Leider gilt das, so kann man ergänzen, auch für Papst Franziskus mit seinem riesigen Petersdom, wo er doch mühelos etliche Gläubige mit entsprechendem Sicherheitsabstand an den Messen hätte teilnehmen lassen können, zumal da er souveränes Staatsoberhaupt der Vatikanstadt ist und sich nicht unbedingt und in aller Radikalität an italienische Bestimmungen halten muß. Sein einsames Gebet für die ganze Welt vor dem Pestkreuz aus San Marcello und dem Marienbildnis „Salus Populi Romani“ (die leider beide durch den einsetzenden Regen leichten Schaden erlitten) auf dem Petersplatz mit anschließendem Segen „Urbi et Orbi“ war allerdings eine beeindruckende Geste.[7]

Zweiter Leserbrief

Man mag die eine oder andere Formulierung des Internetaufrufs Veritas liberabit vos von Erzbischof Carlo Maria Viganò, Kardinal Gerhard Ludwig Müller und weiteren Bischöfen, z. Auxiliarbischof Laun, kritisieren. Man müßte aber zugleich erwähnen, worum es den Verfassern vor allem geht: Sie wollen weltweit die Freiheit der Menschen allgemein und insbesondere die bedrohte Religionsfreiheit schützen, die bei uns im Art. 4 GG fixiert ist.

Hierfür setzen sich in Deutschland seit Wochen auch namhafte Verfassungsrechtler ein. Die Regierungen vieler Staaten haben Gottesdienste mit Gläubigen rigoros verboten, während sie bei anderen Veranstaltungen großzügiger waren. Gerade für die katholische Kirche entspricht die Feier der hl. Messe göttlichem Auftrag. Hierauf kann sie nicht verzichten.

Einzelnen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie verweigert sie sich natürlich nicht. Leider reagierten auch einige deutsche Bischöfe beinahe aggressiv auf den Aufruf ihrer Mitbrüder im hohen Amt. Der Grund liegt auf der Hand: Genau dieser Pflicht zum geistlichen Schutz ihrer Herde und des ihnen anvertrauten höchsten religiösen Gutes sind sie nicht im gebotenen Umfang nachgekommen. 

Soweit der zweite Leserbrief.

Unsinnige Verschwörungstheorien?

Als weiteres Zeitdokument aus dem Kampf für die Freiheit der katholischen Religion übernehmen wir mit Zustimmung der Verfasserin einen Leserbrief von Felizitas Küble aus Münster (abgedruckt in der DT vom 14.5.2020).

Unfaire Kampagne gegen Kardinal Müller

Die Angriffe vieler Medien, aber auch mancher kirchlicher Amtsträger gegen Kardinal Gerhard Müller sind ebenso unsachlich wie unfair. So schreibt die linke Tageszeitung „taz“ in einer Schlagzeile, er sei im „braunen Milieu“ angekommen – und der Generalvikar von Essen wirft dem ehem. Glaubenspräfekten wegen dessen Unterzeichnung des  Viganò-Aufrufs öffentlich „krude Verschwörungsmythen“ vor.

Sachkritik ist das eine, Diffamierung das andere. Schließlich hat der Kardinal selber –  auch im Interview mit Ihrer Zeitung  –  zu einer kontroversen Debatte über dieses Manifest aufgerufen und erklärt, er habe damit zu Nachdenklichkeit und Diskussion aufrütteln wollen. Tatsächlich sollte es doch um die Grundanliegen gehen und nicht darum, „jeden Satz auf die Goldwaage zu legen“, wobei der strittige Appell ohnehin nicht von Kardinal Müller, sondern von Erzbischof Viganò verfaßt wurde.

In Ihren Interview-Fragen wird zweimal bemängelt, das Manifest führe keine Belege für seine Aussagen an. Dabei dürfte klar sein, dass ein öffentlichkeitswirksamer Aufruf keine akademische Arbeit mit Anmerkungsapparat darstellt, sondern bestimmte Anliegen mehr oder weniger schlagwortartig auf den Punkt bringt – und das nicht selten zugespitzt, zumal bei einem „Weckruf“ zu aktuellen Fragen.

Der Vorwurf gegen den Viganò-Appell gilt vor allem seiner Warnung vor dem Streben nach einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entziehe. Diese Besorgnis ist für sich genommen kein „Verschwörungsmythos“ – und zugleich kann nüchtern beobachtet werden, dass die Forderung nach einem Weltstaat verstärkt von prominenter Seite erhoben wurde – wobei die Coronakrise teils durchaus für dieses Gedankengut vereinnahmt wird.

Der frühere britische Premierminister Gordon Brown hat die Viruspandemie im März dieses Jahres zum Anlaß genommen, um seine schon länger vertretene Forderung nach einer Weltregierung zu bekräftigen. Zur selben Zeit erklärte der langjährige „Spiegel“-Auslandskorrespondent Bernhard Zand: „Falls es der Klimawandel und die Migrationstragödien der letzten Jahre noch nicht bewiesen haben – Covid-19 beweist es uns jetzt von Tag zu Tag: Krisen wie diese bräuchten eine Art Weltregierung – so vorläufig und unvollkommen sie unter dem Druck der sich überschlagenden Ereignisse auch sein mag.“

Auch ein finanzstarker Lobbyist wie Bill Gates, der mit seiner Stiftung erheblichen Einfluss  – auch auf die Weltgesundheitsorganisation  –  ausüben kann, sehnt sich offenbar nach einem Weltstaat. Im Gespräch  mit der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte er bereits im Januar 2015 sein entsprechendes Plädoyer mit seuchenschutzpolitischen Motiven. „Gäbe es so etwas wie eine Weltregierung, wären wir besser vorbereitet“, betonte er damals.

Für ein solches Megaprojekt plädieren zudem namhafte Personen des öffentlichen Lebens, darunter der Soziologe Jürgen Habermas oder der Philosoph Richard Rorty. Auch in der Politikwissenschaft ist das Thema seit langem verankert. Meist wird dabei über eine strukturelle Stärkung der UNO mit dem Ziel eines Weltstaates debattiert, was bereits der frühere schwedische UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld anstrebte.

Es ist also legitim und durchaus keine „krude Verschwörungstheorie“, hinsichtlich des Themas Weltregierung öffentlich seine Besorgnis zu äußern  – abgesehen davon, dass von einem Weltstaat auch in der Heiligen Schrift die Rede ist (vgl. Apokalypse, Kap. 13)   – und zwar hinsichtlich einer endzeitlichen Weltherrschaft des Antichristen.

Sicherlich gibt es bei Debatten über dieses Themenspektrum auch tatsächlich wirre Köpfe und abstruse Komplott-Ideen   – aber ein Zerrbild spricht nicht gegen die Sache selbst und kann kein Tabu oder Quasi-Diskussionsverbot begründen.

Soweit der Leserbrief.

Auf Felizitas Kübles Blog Christliches Forum findet man in den Monaten Mai und Juni noch weitere Argumente, die die unfairen Angriffe gegen angebliche „Verschwörungstheoretiker“ widerlegen. Nur ein Beispiel: „ZEIT-Korrespondentin Andrea Böhm wünscht sich dringend eine Weltregierung“ (Christliches Forum vom 7. Juni 2020).

Viele derartige Stimmen betonen immer wieder, daß eine solche einheitliche Weltführung notwendig sei, um nicht nur die Gefahren von Seuchen einzudämmen, sonder auch um den (angeblichen) Klimanotstand (womit nicht bestritten werden soll, daß es durchaus massive Umweltprobleme gibt!) zu beseitigen und die weltweite Migration zu steuern.

Einen ausgewogenen Beitrag zu dieser Diskussion hat jüngst auch der katholische Politikwissenschaftler Prof. Felix Dirsch in einem Interview geleistet: Warnungen vor einer Weltregierung stellen keinen Verschwörungsmythos dar. Der von vatikanischen Würdenträgern initiierte Aufruf „Veritas liberabit vos“ hat eine faire Diskussion verdient (Kirchliche Umschau 23,6/2020, 7-12).

Freimaurerei und Welteinheitsregierung

Es möge mir gestattet sein, den zuletzt zitierten Leserbrief, der gattungsbedingt keine genauen Belege nennt, die man aber im Internet leicht finden kann, noch um einige Gedanken zu ergänzen.

Schon das II. Vatikanum hat hier einen gefährlichen Weg eingeschlagen, weil nach katholischem Glauben ein Zusammenwachsen der Menschheit nicht in irgendeinem abstrakten Humanismus, sondern nur in der Wahrheit, sprich in Jesus Christus möglich ist.

So heißt es in GS 55[8]: „Immer größer wird die Zahl der Männer und Frauen jeder gesellschaft­lichen Gruppe und Nation, die sich dessen bewußt sind, selbst Gestal­ter und Schöp­fer der Kultur ihrer Gemeinschaft zu sein. Immer mehr wächst in der ganzen Welt der Sinn für Autonomie (vgl. auch GS 36,1) und zugleich für Verantwort­lich­keit, was ohne Zweifel[9] für die geistige und sitt­liche Reifung der Menschheit von größter Bedeutung ist. Die­se tritt noch deutlicher in Erscheinung, wenn wir uns die Einswerdung der Welt und die uns auf­erlegte Aufgabe vor Augen stel­len, eine bessere Welt in Wahrheit und Gerechtigkeit aufzubauen. So sind wir Zeugen der Geburt eines neuen Humanismus, in dem der Mensch sich vor allem von der Verantwor­tung für seine Brüder und die Ge­schichte her ver­steht.“

Der erbitterte Kampf jener „aufklärerischen“ Aktivi­sten des 18. und 19. Jahrhunderts, wie sie sich besonders deutlich in den Logen artikulierten, galt sowohl der christlichen Wahrheit als auch dem Vaterland. Das er­klärte höchste Ziel war dabei letzt­lich der areli­giöse oder, so die meisten Vertreter derartiger Konzepte, eher noch der synkretistische Welt­einheits­staat.

Man lese hierzu nur einmal Lessings berühmte „Freimäu­rer­gespräche“, wo sich folgende Sätze finden, die die beiden Unterredner, Ernst und Falk, vortragen: „Nicht genug, daß die bürgerliche Gesell­schaft die Men­schen in ver­schiedene Völker und Religionen teilet und trennt.“ – „Wie, wenn es die Frei­mäurer wären, die sich mit zu ihrem Geschäfte gemacht hätten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden, so eng als möglich wieder zusammen zu ziehen?“ – „Denn allenfalls dächte ich doch, so wie du angenommen hast, daß alle Staaten einerlei Ver­fassung hätten, daß sie auch wohl alle einerlei Religion haben könn­ten. Ja ich begreife nicht, wie einerlei Staats­verfassung ohne einer­lei Religion auch nur möglich ist.“[10]

Manch einer mag vielleicht glau­ben, hier werde eine Ideolo­gie des 18. Jahrhunderts vorgetragen, die mittler­weile historisch über­holt sei. Man nehme jedoch zur Kennt­nis, daß anläßlich einer szeni­schen Darbietung des Les­singschen Dialogs das offizielle deutsche Freimaurer­magazin „Humani­tät“ im Jahre 1999 von „zeitlos gültigen Aussagen über Freimaurerei“ sprach und gerade den auch von uns oben an zweiter Stel­le angeführten Satz wörtlich zitierte.[11]

Man ver­gleiche auch fol­gen­de Aussage aus dem gültigen „Ritu­al­buch“ der deut­schen „Großloge der Alten Freien und Angenom­menen Maurer“: „Seine (d. h. des Uni­ver­sums, H-L B) irdische Ent­spre­chung ist der Tempel der Humanität, dem wir als lebendige Bausteine und Werkzeuge dienen. Er ist das Symbol einer idealen Welt, der Religion geweiht, in der alle Menschen übereinstimmen, um die Mensch­heit einem besseren und glück­licheren Leben näherzubringen.“[12]

Katholische Stellungnahmen zur Welteinheitsregierung

Solche aufklärerisch-freimaurerischen Gedan­ken lassen sich mittler­weile sogar in einer Fülle katholischer Publika­tionen nachwei­sen – womit im übrigen keineswegs behauptet werden soll, daß die entsprechenden Verfasser immer selbst Mitglieder von Logen sein müßten; vielmehr ist deren Denken heute einfach weitgehend zum Allgemeingut geworden.

Hier nur ein einziges Beispiel, das deshalb besonders aufschlußreich ist, weil der Autor seine wahren Absichten nicht verschleierte:

Fried­helm Hengsbach, damals Direktor des Oswald von Nell-Breuning Instituts für Wirtschafts- und Gesellschafts­ethik an der Philosophisch-theologi­schen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, setzte sich für eine „zukünftige Weltgesellschaft“ auf der Basis einer „dialogi­sche(n) Multikul­tur“ ein, die im Augen­blick u. a. noch von denjenigen behindert werde, „die sich an national geprägten Werten und Ordnungs­gefügen orientieren“. Mit entwaffnender Ehrlich­keit bezeichnete Hengs­bach „die jetzt noch beobachtbare kultu­relle Pluralität“ als eine bloße „Zwischenphase und Zwischenwelt“, das erstrebte Ziel sei „die eine Weltkultur“, der „Eine Welt-Kapitalismus“![13]

Man sieht, wie weit derartige Pläne des von Hengsbach vorhergesagten „Eine Welt-Kapitalismus“ vom Modell eines christlichen Univer­salismus entfernt sind, der die wahren Rechte des Individuums schützt und zugleich den Nationen mit ihren jeweiligen Kultu­ren nicht ihr Eigen­recht nimmt, alles aber in eine höhere, am dreifal­tigen Gott orien­tier­te Ordnung einbindet – eine Ordnung, von der z.B. die Re­formpläne des letzten Habsburger-Kaisers, des seligen Karls I., geprägt wa­ren.[14]

Christian Geyer dürfte den (meist wohl eher indirekten) Einfluß freimaureri­schen Gedanken­guts auf weitreichende Tendenzen innerhalb der nachkonziliaren katho­lischen Kirche nicht überbe­wertet haben, wenn er schrieb: „Schließ­lich scheint auch das einstige metaphysische Sondergut der Freimaure­rei zum religiösen Allgemeingut geworden zu sein. Zumindest sieht es so aus, als gehöre die Anerken­nung eines deistischen ‚Großen Baumei­sters aller Welten‘, die vor noch nicht allzu langer Zeit von der katholischen Kirche mit der Exkommunikation belegt wurde, inzwischen auch in kirchlichen Kreisen zum interreligiös vertretbaren Glaubens­gut, solange sich damit dem Ethos der einen Welt näher kommen und dem clash of cultures vorbeugen läßt.“[15]

Ganz auf dieser Linie liegend, erklärte der damalige Trierer Diözesan-Bischof Hermann Josef Spital in seiner Silvester­predigt zum Übergang ins Jahr 2000: „Wir bräuchten dringend eine Weltregierung – aber wir haben keine. Wie wir den unaufhaltsamen Prozeß der Globalisierung bewältigen, wissen wir nicht.“[16]      

Selbst Papst Benedikt XVI. schrieb in seiner Enzyklika Caritas in veritate (Nr. 67) Gedanken nieder, die zur Rechtfertigung einer gefährlichen politischen Entwicklung herangezogen werden könnten, wohl nicht unbedingt müßten. So forderte er zur Bewältigung internationaler Aufgaben „das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität“ („vera Auctoritas politica mundialis“); sie müsse „über wirksame Macht verfügen, um für jeden Sicherheit, Wahrung der Gerechtigkeit und Achtung der Rechte zu gewährleisten.“

Vor allem gehe es darum, „eine geeignete vollständige Abrüstung („tota armamentorum ademptio“) zu verwirklichen, die Sicherheit der Ernährung und des Friedens zu erreichen, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren („migrantium turmae ordinentur).“

Was soll die Welteinheitsregierung politisch bewirken?

Wird es also keine Kriege mehr geben können – trotz der erbsündlichen Belastung aller Menschen? Bräuchte man demnach auch keine Verteidigungsarmeen mehr aufzustellen, wie sie die Deutsche Bundeswehr ursprünglich gewesen war (Art. 26 und 87 a GG)? Soll etwa Kants utopischer Ansatz vom „ewigen Frieden“ Wirklichkeit werden? Hat das die UNO – trotz einiger nicht zu bestreitender Erfolge[17] – bisher auch nur ansatzweise geschafft? Mit welchen Maßnahmen soll der Umweltschutz durchgesetzt werden, mit vernünftigen oder mit grün-rot ideologisch aufgeladenen?[18]

Man gebe acht, daß man nicht den Vertretern des angeblichen „Klimanotstands“ in die Hände spielt und somit indirekt eine „Klimadiktatur“ mit ersatzreligiös-eschatologischem Hintergrund fördert (was Papst Benedikt sicher fern lag)![19] Und was heißt schließlich: die „Migrantionsströme zu regulieren“? Sollte dies etwa im Sinne des mittlerweile vorliegenden „globalen UN-Migrationspakts“ vom 10./11.Dezember 2018 verlaufen?

Spätestens seit diesem Datum müßte jedem Beobachter der Weltpolitik klar sein, was da auf uns zukommen kann. Stets wurde betont, dieses Abkommen binde juristisch niemanden, es verpflichte höchstens moralisch und politisch. Was sollen solche Sophistereien? Sie dienen doch nur dazu, die Kritiker mundtot zu machen! Und wenn man den ganzen Text liest, wie es durch die kommentierte und mit Markierungen versehene vollständige Veröffentlichung in der Jungen Freiheit(Nr. 47/2018) erleichtert wurde, dann entdeckt man, daß die Begriffe verpflichten und Verpflichtung mehr als 80 mal im Text vorkommen!

Die Dimensionen der Zuwanderungen, mit denen wir möglicherweise rechnen müssen, sind gigantisch: P. Stefan Frey hält es anhand einer früheren Quelle der Europäischen Kommission vom Juli 2010 für möglich, daß Deutschland mit seiner Einwohnerzahl von etwa 82,5 Millionen mehr als das Doppelte an Migranten auf Dauer gesehen aufnehmen könnte[20] Der Artikel enthält übrigens anhand der Lehre des hl. Thomas von Aquin wichtige Differenzierungen des Begriffs der christlichen Liebe, die heute bei der Migrationsfrage schmählich mißachtet werden:

Die Liebe des Wohlwollens, die allen Menschen das irdische und überirdische Heil wünscht, gilt universal; bei der affektiven Liebe des Herzens und der effektiven Liebe der Wohltätigkeit gibt es sehr wohl Abstufungen je nach verwandtschaftlicher oder geistiger Nähe zu den jeweiligen Menschen.[21] Mögen die genannten geradezu utopischen Zahlen auch sehr spekulativ erscheinen, so ist hier in jedem Fall geistiger Widerstand geboten. Denn es wird klar, in welche Richtung die Entwicklung läuft!

Jedenfalls war bereits am 25. September 2015, also im Krisenjahr der Massenimmigration vor allem nach Deutschland, auf dem UN-Gipfel in New York ein Weltzukunftsvertrag unterzeichnet worden. Er enthielt 17 Sustainable Development Goals (Nachhaltige Entwicklungsziele), zu denen ausdrücklich folgendes gehörte: „Geordnete, sichere, geregelte und verantwortete Migration und Mobilität der Völker zu erleichtern, insbesondere durch Einführung einer geplanten und gut durchgeführten Migrationspolitik“.

Auf diesem Gipfel trat Papst Franziskus auf, der sich schon mehrfach in ähnlichem Sinne geäußert hat, und erklärte zu seiner Eröffnung: „Die Annahme der ‚2030-Agenda für Nachhaltige Entwicklung’ auf dem Gipfeltreffen, das noch heute beginnen wird, ist ein wichtiges Zeichen der Hoffnung.“ Ja, er hielt die „feierlich übernommenen Verpflichtungen“ für einen „mit Sicherheit notwendigen Schritt auf dem Weg zu den Lösungen“.[22]  

Wie kann ein Papst so etwas pauschal bekunden, wo doch auf jenem UN-Gipfel nicht nur besagte Migrationspolitik, sondern auch Ansätze der Genderpolitik und der modernen Sexuallehre sowie sozialistische Bildungseinrichtungen wie Gesamtschule und Ganztagsbetreuung propagiert wurden? Von nationaler Souveränität war wenig die Rede. Sie kam überhaupt nur noch im Zusammenhang mit der Wirtschaft und zu ihr gehörigen Aspekten vor.[23] Und doch müßte sie berücksichtigt werden, wenn man das grundkatholische Sozialprinzip der Subsidiarität bei Staatenbünden ernst nehmen will.[24]

Die Welteinheitsregierung – ein erstrebenswertes Ziel?

Sicherlich darf man Papst em. Benedikt XVI. für diese Entwicklung nicht  verantwortlich machen. Aber seine Gedanken, für die er sich übrigens nicht ohne Grund auf seinen Vorgänger Johannes XXIII. berief, könnten für derartige Konzeptionen herangezogen werden.

Im Augenblick sind die postulierte Klimakatastrophe, der Flüchtlings- bzw. Migrationsdruck und jetzt auch noch die weltweite Gesundheitsbedrohung die Probleme, auf die sich Politiker und etablierte Presse immer wieder berufen, um die angebliche Notwendigkeit einer Weltregierung plausibel zu machen. Die zentrale Frage, die man an ein solches Ziel  einer „One World“ mit entsprechender Regierungsmacht als katholischer Christ richten muß, lautet jedoch: Wie soll ein solcher Plan ohne christliches Fundament umgesetzt werden?[25]

Immerhin hatte der emeritierte Papst schon im Jahre 1971 im Anschluß an die Kirchenväter klar bekundet, daß sich eine wahre Einheit unter den Menschen ohne die Einheit in Christus und  Seinem Mystischen Leib nicht verwirklichen läßt.[26]

Wir sehen ja in der BR Deutschland schon seit längerem, wohin die Aufgabe christlicher Grundsätze führt – bis zur Relativierung sogar der Menschenwürde, die wie nichts anderes in der Verfassung geschützt ist! Alte jüdische Weisheit hat diese Verfallenheit an ein gottloses Denken und Handeln so erklärt: „Wer das Joch des Himmelreiches abwirft, der gerät unter das Joch irdischer Herrscher und irdischer Belange.“[27]

Das rechte, heute so oft mißachtete Verhältnis zwischen Liebe zum eigenen Vaterland und universaler Ausrichtung des katholischen Christen betonte aus aktuellem Anlaß Papst Pius XII. in seiner gegen die Diktaturen roter und brauner Prägung gerichteten Enzyklika „Summi pontificatus“ vom 20. Oktober 1939[28]:

„Man fürchte nicht, daß das Bewußtsein des umfas­senden brüderlichen Bandes, wie es die christliche Lehre nährt, und die ihr entsprechende Gesinnung in Gegensatz zur Anhänglichkeit an das Erbgut und an die Größe des eigenen Vaterlandes treten; man fürchte ebensowenig, daß dies alles sich hindernd in den Weg stellt, wenn es um die Förderung des Wohls und der berechtigten An­liegen der eigenen Heimat geht.

Dieselbe Lehre zeigt nämlich, daß es bei der Übung der Liebe eine von Gott gefügte Ordnung gibt und nach dieser muß man mit gesteigerter Liebe und mit Vorzug diejenigen umfassen und bedenken, die besonders eng mit einem verbunden sind. Auch der göttliche Meister zeigte durch sein Beispiel, daß er der Heimat und dem Vaterland in besonderer Weise zugetan war; er weinte ob der drohenden Ver­wüstung der Heiligen Stadt. Aber die begründete und rechte Liebe zum eigenen Vaterland darf nicht blind machen für die Weltweite der christlichen Liebe, die auch die andern und ihr Wohl im befriedenden Licht der Liebe sehen lehrt. Wunderbar ist diese Lehre von der Liebe und vom Frieden.“

Grundmotiv der Enzyklika war es, die Einheit des Menschengeschlechts gegen Ideologien zu sichern, die sie bestritten – wie vor allem die Nationalsozialisten mit ihrer elenden Rassenlehre.[29]

Diese universale Ausrichtung des Christen auf den Frieden ist meilenweit vom heutigen Einheitsbrei einer multikulturellen und globalisierten, hochfinanzgestützten One World entfernt! Schon Papst Benedikt XV. hatte in seinem „Motu proprio“ Bonum sane vom 25. Juli 1920 einen gottlosen, sozialistischen und diktatorischen Welteinheitsstaat aufs schärfste verurteilt.[30]

Und jene heute immer häufiger und offener verteidigte potentielle Weltregierung würde ja über Möglichkeiten der Machtausübung verfügen, an die ein Propagandaminister Josef Goebbels und das Verbrecherregime der Nationalsozialisten nicht im Traum gedacht hätten und vor denen selbst einem ganz nüchternen Menschen nur angst und bange werden kann, vor allem wenn er Christ ist und ahnt, in welchem Kontext solche Pläne geschmiedet werden. 

Welcher Bedrohung wir heute schon ausgesetzt sind, kann man vielfach belegt finden in einem aufrüttelnden Buch einer katholischen Christin, die selbst in der IT-Branche tätig ist und weiß, wovon sie spricht: Yvonne Hofstetter, Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt (2016, 2München 2018). Die Autorin führt uns die Konsequenzen eines „digitalen Imperialismus“ (63) vor Augen, der dazu führt, daß weltweit „totale Herrschaft ausgeübt werden kann“ (69).  

Gläubige haben ein Recht auf seelsorgerische Betreuung!

Kommen wir auf das Verhalten der kirchlichen Hierarchie während er Coronaepidemie noch näher zu sprechen. Sie hätte sich niemals einen solchen Eingriff in den göttlichen Kult bieten lassen dürfen: Beachtung gewisser Abstandsregeln, kein Weihwasser, Gebrauch von Desinfektionsmittel, über all so etwas kann man reden.

Derartige Vorsichtsmaßnahmen billigte auch der hl. Bischof von Mailand Karl Borromäus während der Pest in den Jahren 1576 f. und förderte sie sogar. Aber zugleich setzte er sich als Guter Hirt mit seinen Priestern in heroischer Weise pastoral für seine Schafe ein, obgleich die Bedrohung für Leib und Leben damals unverhältnismäßig größer war. So wurden auf den Straßen und Plätzen auch heilige Messen gelesen, damit möglichst viele Menschen am heiligen Opfer, wenn auch aus gewisser Entfernung, teilnehmen konnten, Bußprozessionen fanden unter großer  Anteilnahme von Klerus und Volk statt.[31]

Für die Gläubigen Wochen, ja Monate lang (in Großbritannien sogar bis zum Juli 2020), die hl. Messe zu verbieten, wie es jetzt die Kirchenfürsten duldeten, ja oft aktiv mittrugen, während alle möglichen anderen Begegnungen wieder möglich waren, wäre damals und in der gesamten Kirchengeschichte unmöglich gewesen! Dagegen hätte man sich bei uns wehren müssen. Die Bischöfe haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hingegen jämmerlich versagt. Das darf und muß man in aller Klarheit sagen.

Auch von den traditionellen Gemeinschaften hätten viele Gläubige mehr Mut und Engagement erwartet, obwohl sie es natürlich ohne Hilfe durch die Oberhirten schwer hatten und zugegebenermaßen mit ihren geringen Kräften sich vor eine ganz neue und ungewohnte Situation gestellt sahen, auf die kurzfristig zu reagieren war.

Gehorsamspflicht gegenüber dem Staat muß differenziert werden

Auf jeden Fall hätte man im kirchlichen Raum nicht einen so weitgehenden Gehorsam gegenüber den heutigen Staaten verlangen sollen. Und dafür berief man[32] sich auf verschiedene Stellen in der Hl. Schrift, nämlich besonders zum einen auf 1 Petr 2,13-17 und zum andern auf Röm 13, 1 f. Bei Paulus heißt es nun: „Jedermann ordne sich den vorgesetzten Obrigkeiten unter. Denn es gibt keine Obrigkeiten außer von Gott; die bestehenden sind aber von Gott eingesetzt. Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Ordnung Gottes.“

Wir wollen gar nicht auf die vielen Fälle in der Kirchen- und Profanhistorie, z. B. in der jüngeren Geschichte während des Nationalsozialismus, eingehen, wo diese Sätze geradezu im Sinne einer nahezu absoluten Gehorsamspflicht mißbraucht wurden. Vielmehr ist zu klären, was denn eigentlich gemeint ist und was die heiligen Worte für die politische Praxis unserer Zeit bedeuten. Die heutigen Staaten sind ja seit vielen Jahren immer mehr  vom antichristlichen und antigöttlichen Geist geprägt, wie eine Reihe von Büchern zeigt[33], weshalb hier besondere Vorsicht geboten ist.

Man hätte sich hier besser theologisch absichern sollen, indem man einschlägige Arbeiten wie die von Josef Spindelböck berücksichtigt hätte: Die Problematik der sittlichen Legitimität von Gewalt in der Auseinandersetzung mit ungerechter staatlicher Macht (St. Ottilien 1994, 75 f.; 79 f.).

Der gelehrte Autor stellt hier klare Kriterien auf, die sich aus der sicheren Lehre des Aquinaten ergeben (die gelehrten Fußnoten mit den Belegstellen übergehen wir):

In dreifacher Weise kann die Staatsgewalt nach der Lehre des heiligen Thomas von Gott stammen: 1. an und für sich genommen, d. h. was das Verhältnis der Über – und Unterordnung betrifft, 2. hinsichtlich des Erwerbs oder Ursprungs der konkreten Machtstellung und 3. hinsichtlich des Gebrauchs der obrigkeitlichen Gewalt. Während die Form der Gewalt (1.) immer von Gott kommt und darum schlechthin gut ist, ist ein zweifacher Mißbrauch hinsichtlich des 2. und 3. Aspekts möglich, der jedoch nie Gott selbst angelastet werden kann. Die Herrschergewalt kann nämlich ungerecht erworben sein und/oder ungerecht ausgeübt werden …

Die Ungerechtigkeit der Ausübung liegt in ausdrücklicher Mißachtung göttlicher Gebote und/oder in einfacher Überschreitung der Kompetenz.“ Im folgenden wird für die Reaktion der Bürger auf solche Fehlleistungen eine Differenzierung vorgenommen:

Kategorie 1 ist immer anzuerkennen. Kategorie 2, die die Herkunft der staatlichen Gewalt in Frage stellt, betrifft uns hier nicht. In der dritten Kategorie, wenn es nicht um göttliche Gebote geht, darf eine Güterabwägung zwischen Gehorsam und Ungehorsam nach Maßgaben praktischer Klugheit stattfinden. Also selbst hier wird kein absoluter Gehorsam für jeden nur möglichen Fall eingefordert. Bei der Mißachtung göttlichen Rechts durch den Staat hingegen darf man nicht nur, sondern muß sogar den Gehorsam verweigern und zumindest passiven Widerstand leisten. 

Theologische Beurteilung des Meßverbots

Zwar handelte es sich beim Meßverbot  (das übrigens in NRW sogar von der Erzdiözese Köln und nicht einmal von der Landesregierung ausging, wie Ministerpräsident Laschet betont hat) um ein positives Gesetz bzw. eine entsprechende staatliche Verordnung, der zunächst einmal scheinbar Folge zu leisten war. Ihr durfte man jedoch nicht gehorchen, falls sie sich gegen göttliches Gebot richtete. Das ist zwar bei der Sonntagspflicht nicht direkt der Fall. Die deutschen Bischöfe waren ja sogar so „großzügig“, daß sie sie ganz ausgesetzt haben, was offenbar auch für die Zeit gültig geblieben ist, wo hl. Messen mit gewissen Auflagen wieder gefeiert werden dürfen.

Man darf aber nicht vergessen, daß die Sonntagspflicht im Neuen Bund zwar „nur“ auf ein positives Gebot der Kirche zurückgeht, das, so könnte man vielleicht annehmen, nicht unter schwerem Nachteil oder bei großer Not verpflichte. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Denn die Sonntagspflicht löst die Sabbatbestimmungen des 3. Gebots vom Sinai ab, die Sonntagsheiligung führt in eine neue heilige Ordnung hinüber.[34]

Wie streng schon die AT-Bestimmungen zum Sabbat waren, mag man in Jes 58, 13 f. nachlesen. Für den Sonntag, in gewisser Hinsicht (nicht vollständig!) also den Sabbat des Neuen Bundes, gilt die Anweisung des Gottmenschen Jesus Christus: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ (siehe z. B. 1 Kor 11, 24 b) Vom Beginn der Kirche an ist man diesem göttlichen Auftrag gefolgt, wie man an dem vom hl. Paulus gefeierten Gottesdienst in Apg 20,7 ff. sehen kann.

Es liegt also der Fall einer gewissen Mischung aus einem Kirchengebot mit einem Gebot Gottes selbst vor. Man lese zu derartigen Fällen die Auskunft  der Kanonisten Ludwig Müller und Christoph Ohly: „Auch innerhalb des menschlichen Kirchenrechts gibt es ein qualitatives Gefälle, je nach der Nähe zum göttlichen Recht.“[35] Und die ist beim Sonntagsgebot sehr hoch! Insofern hätte man hier nicht bedingungslos gehorchen müssen, ja nicht einmal dürfen.

Zu Recht haben die 12 unterzeichnenden Bischöfe von „Veritas liberabit vos“ hier die Freiheit der Kirche weltweit durch antichristliche Kräfte bedroht gesehen. Rein staatsrechtlich kann man sich in der BR Deutschland für eine solche Freiheit auf den Art. 4 des Grundgesetzes berufen, wo die Religionsfreiheit garantiert ist.

Dieses wichtige Grundrecht darf nicht einfach für Wochen außer Kraft gesetzt werden, auch wenn den Politkern die Beziehung der Bürger zu Gott gleichgültig ist und sie deshalb Gottesdienste nicht als „systemrelevant“ ansehen – an sich vom religiösen Standpunkt aus ein skandalöser Irrtum! Selbst die FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg betrachtet die Kirchen als „existenzrelevant“![36]

Ihre Kollegin von der CDU, die ehemalige Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, Christine Lieberknecht, meinte, nach den negativen Erfahrungen während des „Shutdown“ der Coronakrise müsse unbedingt über die hohe Bedeutung der christlichen Kirchen für unser Land eine Debatte stattfinden.[37] Verschiedene führende Juristen haben das gleichfalls angemahnt, wie wir noch sehen werden.

Dabei hätte man zunächst einmal gar nicht direkt  ungehorsam sein müssen. Denn unser Staat ist als Rechtsstaat konzipiert, und man kann gegen seine Gesetze und Verordnungen Gerichte anrufen. Ja die Bundesrepublik kennt sogar aufgrund der Erfahrung mit dem Verbrecherregime der Nationalsozialisten ein aktives Widerstandsrecht, das in Art. 20 § 4 GG fixiert ist; zweifellos ist es eng auszulegen, damit nicht der Willkür einzelner Tür und Tor geöffnet wird.[38]

Sich hierauf zu berufen wäre aber weder angebracht noch nötig gewesen. Man hätte anders vorgehen können und müssen. Leider ist dieser Weg nur selten beschritten worden.

Propst Dr. Gerald Goesche vom traditionellen St. Afra-Institut in Berlin hat mit seiner Klage ein leuchtendes Vorbild gegeben. Zwar wurde diese zweimal bei Berliner Verwaltungsgerichten und dann beim Bundesverfassungsgericht abgewiesen. Aber immerhin brachte der Geistliche das oberste deutsche Gericht zu dem – an sich selbstverständlichen – öffentlichen Eingeständnis, „daß die Religionsfreiheit ein sehr hohes Gut ist, das nicht leichtfertig eingeschränkt werden kann.“[39]

Somit war wenigstens ein Zeichen für einen wahrhaft katholischen Widerstandsgeist gesetzt.

Ein solcher Einsatz hat nichts mit innerer Unausgeglichenheit, falschem Aktivismus, mangelnder Geduld oder gar fehlender Demut zu tun, wie ich leider schon lesen und hören mußte. Im Gegenteil, echter christlicher Mut und echte christliche Demut gehören eng zusammen. Wenn derartige rechtstaatliche Mittel, die unser Gemeinwesen ausdrücklich vorsieht, nicht fruchten und auch andere Mittel keinen Erfolg bringen sollten, wäre nach Maßgabe der praktischen Klugheit sogar Widerstand erlaubt, den einige wenige Geistliche geleistet haben, indem sie beispielsweise insgeheim in Privathäusern mit Gläubigen die hl. Messe feierten – unter Wahrung von Sicherheitsmaßnahmen.

Die Kirche als ganze hat da in der Regel nichts getan und ihre treuen Priester und Laien sogar noch im Stich gelassen, wie z. B. Propst Goesche erfahren mußte; hier und da war sogar von Abmahnungen wegen Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Diözesanbischof oder dem Ordensoberen die Rede.

Wird die Eucharistiefeier „überbewertet“?

Man hat den Eindruck gewonnen, daß manchen Apostelnachfolgern – man wagt es kaum auszusprechen, aber die Fakten sind erdrückend –  an der hl. Messe nicht sonderlich viel liegt. Das sieht man deutlich an Bemerkungen der Bischöfe Wilmer und Feige.

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer, der mit dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck immer wieder durch Kommentare von zweifelhaft katholischer Qualität auffällt, nahm zu dem Verbot aller Gottesdienste (neudeutsch/“denglisch“: lock down) während der Corona-(Covid 19)Epidemie Stellung. Manche Priester und Gläubige protestierten immerhin und retteten so die Ehre ihrer Kirche.

In deren Reaktionen, so ließ Bischof Wilmer verlauten, werde die Eucharistie „überbewertet“.

Treffender Kommentar in der katholischen Zeitschrift Die Tagespost: „Eine Kirche, die die Eucharistie und damit die Heilsrelevanz ihres Herrn für ‚überbewertet’ hält, braucht niemand mehr.“[40] Und einer seiner Mitbrüder im hohen Amt, Bischof Gerhard Feige von Magdeburg, sekundierte Exzellenz Wilmer mit der unglaublichen rhetorischen Frage: „Sind unsere Gottesdienstausfälle nicht fast Luxusprobleme?“[41]

Hatte nicht Kardinal Henri du Lubac, wahrlich kein traditioneller „Hardliner“, recht, wenn er sagte: „Um … die Kirche zu verstehen, muß man sie in der Handlung betrachten, wo sie die Eucharistie vollzieht.“[42]

Was würden orthodoxe Christen zu Äußerungen wie denen der Bischöfe Wilmer und Feige sagen? [43] Ihnen ist die Göttliche Liturgie einfach ihr Ein und Alles, alles ist gleichsam Liturgie! So  trägt ein Buch von Archimandrit Kallistratos N. Lirakis den Titel  „I orthodoxia os liturgiki paradosi“ (Athen 1990)  auf Deutsch: „Die Orthodoxie als liturgische Tradition [sic!]“. Was ist das für eine Kirche bei uns im Westen, von der offenbar so manche deutsche Bischöfe träumen, die jetzt mit Laien des ZdK zum Synodalen Weg vereinigt sind?     

Benutzt man die Corona-Krise, um progressive Forderungen durchzusetzen?

Ja manche hoffen jetzt sogar darauf, daß durch die Entwicklung der letzten Wochen und Monate das angeblich urchristliche Hauskirchenwesen wiederbelebt würde, bei dem dann offenbar auch Nichtgeweihte den Vorsitz übernehmen dürften.[44] Ein Blick in das neue Buch von Stefan Heid könnte sie belehren, daß sie einer falschen Ideologie aufgesessen sind: Stets haben Bischöfe und Priester die hl. Messe an Altären in heiligen Räumen zelebriert, die dann anfänglich natürlich auch einmal in einem Privathaus untergebracht sein konnten (Altar und Kirche. Prinzipien christlicher Liturgie, 2Regensburg 2019).

Offenbar verfolgt man in Teilen der Kirche nun auch das Ziel, die Mundkommunion zu verbieten.

So ließ der Limburger Generalvikar Rösch am 5. Juni 2020 in einer Feier des alten Ritus in Limburg verkünden, auch für die traditionelle hl. Messe sei die Austeilung der Mundkommunion verboten.[45] Besonders hervorgetan hat sich hier z. B. Kardinal Antonio Marto, der Bischof von Leiria-Fatima, der darüber hinaus auch eine vom portugiesischen Staat ermöglichte vorzeitige Wiedereröffnung der Wallfahrtsstätte Unserer Lieben Frau ablehnte.[46] Das soll wohl ebenso für den alten Ritus gelten.

Es sieht so aus, als wenn bestimmte Bischöfe den Gläubigen generell deren ehrfurchtsvolle Haltung vor dem Allerheiligsten abgewöhnen möchten. Sehr gelungen ist zu diesem Fragekomplex die im Internet greifbare Presseerklärung der Internationalen Una Voce Föderation Kommunionempfang in Pandemie-Zeiten.

Dabei ist bei der Spendung der Mundkommunion, worauf auch hier hingewiesen wird, durchaus keine größere Ansteckungsgefahr gegeben als bei der Handkommunion, wenn der Geistliche sich vorher die Finger desinfiziert und die heilige Hostie vorsichtig und ohne Berührung auf die Zunge legt. Daß letzteres möglich ist, weiß ich aus Jahrzehnte langer Praxis als Ministrant im alten Ritus, der den Priester mit der Patene begleitet.

Einschränkungen der Gottesdienste

Nachdem in beschränktem Umfang Gottesdienste wieder zugelassen waren, hat man hier teilweise, wie in Bayern, das Tragen der Schutzmaske  vorgeschrieben. War dies wirklich nötig, wenn die vorgeschriebenen Ordnungskräfte auf die gebotenen Abstände achten, was nach meiner Erfahrung effektiv geschehen kann? Der Ästhetik an heiliger Stätte ist die partielle Gesichtsverhüllung sicherlich nicht förderlich. Und war es wirklich unumgänglich, das Singen zu verbieten oder zumindest erheblich einzuschränken?

Man könnte doch für ausreichende Belüftung des Kirchenraumes, z. B. durch weites Öffnen der Fenster, sorgen! Am Sonntag gehört für den feierlichen Gottesdienst (katholisch: Hochamt) der Kirchengesang, in katholischen Gemeinden bevorzugt der des lateinischen Chorals (siehe Vaticanum II, Sacrosanctum Concilium Nr. 116), bei den Protestanten im besten Fall die deutschen Choräle, beinahe wesenhaft zum Gottesdienst und ist nicht irgendein Beiwerk, auf das man ohne Schaden auch verzichten kann!

So hielt Papst Pius X. in seinem Motu proprio vom 22. November 1903 (am 4. August war er gerade erst zum Pontifex gewählt worden, so lag ihm die Kirchenmusik am Herzen!) mit der Überschrift „Tra le sollecitudini“ (späterer lateinischer Titel „Inter pastoralis officii“) fest: „Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie.“ (Art. 1)[47]

Versuch einer Gesamtbeurteilung der Coronakrise 

1) Dystopische Verhältnisse

Wenn man die politischen Maßnahmen der vergangenen Monate insgesamt Revue passieren läßt, so wird man in erschütternder Weise durch ihre Radikalität an einen dystopischen Roman der Bonner Schriftstellerin und promovierten Juristin Juli Zeh erinnert, den diese bereits im Jahre 2009 veröffentlicht hatte.

In ihrem Werk Corpus Delicti – Ein Prozess (24Aufl., München 2010), führt sie eine staatlich verordnete Gesundheits – und Hygienediktatur vor, zu der beispielsweise das Maskentragen und das Meiden körperlicher Kontakte gehört: Durch ständige Überwachung mit elektronischen Maßnahmen (Bakterien-, Schlaf-, Ernährungs- und Sportkontrollen, S. 100) setzt der Staat die METHODE, wie es heißt, brutal durch. Wer sie bekämpft, ist ein Reaktionär, der dem Staat den Krieg erklärt  (S. 89).

Die Entwicklung zu diesem Zwangsstaat, so die Schriftstellerin, wurde durch einen radikalen Werteverfall möglich, bei dem Nation, Religion und Familie ihre Bedeutung einbüßten. (S. 88) Nur noch die Gesundheit, das physische Leben und körperliche Wohl ist als „Wert“ geblieben. Erinnert auch dieser Gesichtspunkt nicht ein wenig an die Politik der letzten Monate?

Man bedenke aber, daß der Schutz der Menschenwürde im Art. 1 unserer Verfassung, der Schutz des Lebens aber erst im zweiten Artikel steht! Wenn das nackte Leben und die unversehrte Gesundheit allem voranginge, dann müßten das Autofahren, das Rauchen, Übermaß bei Essen und Alkoholgenuß, gefährliche Sportarten usw. untersagt werden, und dieses Verbot wäre staatlich zu überwachen – ein Horrorszenario, wie es in Zehs Roman aufgebaut wird!

Ganz zu schweigen von der Tötung des ungeborenen Menschen, dessen Grundrecht auf Leben man in den meisten Staaten mittlerweile mit Füßen tritt und das in der Tat konsequent geschützt werden müßte!

2) Stimmen von Juristen

Eine Reihe von hochrangigen Juristen und auch bekannten Philosophen haben diese Verkürzung des menschlichen Daseins auf das Überleben zu Recht kritisiert. In einem Interview mit der KNA (21. 5. 2020) äußerte der ehemalige Verfassungsrichter und Bonner Juraprofessor Udo di Fabio, der prinzipiell die vom Staat ergriffenen Schutzmaßnahmen für vertretbar hält, trotzdem vorsichtige Kritik an ihnen:

KNA:„Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat unlängst gesagt, dass der Schutz des Lebens nicht automatisch Vorrang vor allen anderen Erwägungen habe. Wenn, dann genieße lediglich die Würde des Menschen einen absoluten Wert. Gibt es so etwas wie eine Rangfolge der Grundrechte? 

Di Fabio: Ich glaube, dass der Bundestagspräsident mit seiner Einschätzung richtig liegt. Absolut bedeutet: Man kann dieses Recht mit anderen Verfassungspositionen nicht abwägen. Und diesen absoluten Schutz sieht das Grundgesetz in der Tat nur für die Würde des Menschen vor.

KNA: Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit…

Di Fabio: … ist ein Höchstwert der Verfassung, aber eben nicht der Höchstwert. Das heißt: Der Staat muss das Leben schützen, aber eine freie Gesellschaft muss auch mit Risiken leben, denn es gibt weitere wichtige Grundrechte.“ Daß Art. 2 nicht absolut gelten kann, sieht man z. B. an der Wehrpflicht, die Jahrzehnte lang in der BR Deutschland grundgesetzmäßig abgesichert bestand: Der Staat verpflichtete junge Männer zum Waffendienst, bei dem sie im Verteidigungsfalle auch ihr Leben hätten verlieren können.

Manche Verfassungsrechtler drückten sich noch schärfer aus. So kann man bei JUDID – Recht verständlich machen (4. Mai 2020) lesen: „Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans Jürgen Papier sieht im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie die Freiheitsrechte in Gefahr“. Im folgenden führte er seine Bedenken im einzelnen aus.

Und das Magazin FOCUS berichtete bereits am 10. April 2020 über damals schon aufkommende Unruhe:

„Unter Verfassungsjuristen wächst der Unmut über die von Bundesregierung und Landesregierungen verfügten Einschränkungen zahlreicher Grundrechte. 

Gegenüber FOCUS sagte der Staatsrechtler und ehemalige Bundesminister Rupert Scholz[48], Teile davon seien verfassungswidrig. ‚Die Situation, in der wir leben, hat einen notstandsähnlichen Charakter angenommen’, sagte Scholz dem Focus. Eine Notstandsgesetzgebung gebe es jedoch nur für den Verteidigungsfall, nicht aber ein Virus wie Covid-19. Zudem müsse bei allen Gesetzen der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Für Scholz ist das vor allem mit Blick auf die Schließung von Hotels und Restaurants nicht der Fall.“

Für die Kirchen, so möchte ich ergänzen, wenn sie  Abstandsregeln und hygienische Maßnahmen einhalten, schon gar nicht!     

3) Die Stimme eines Philosophen

Eine der ausgewogensten und rational am besten begründeten Stellungnahmen stammt aus der Feder von Berthold Wald, emeritiertem Professor für Systematische Philosophie der Theologischen Fakultät Paderborn und gläubigem Katholiken, der übrigens den Nachlaß von Josef Pieper betreut.

In einem im Internet greifbaren Interview mit Dominik Lusser von der Stiftung Zukunft CH, das unter der Überschrift erschien Es gibt Tragödien, die durch keine Ethik zu vermeiden sind,  sagte er u. a.:

„Das oberste Rechtsgut, das zu schützen der Staat und die internationale Gemeinschaft verpflichtet sind, ist laut UNO-Charta und Grundgesetz ‚die Würde des Menschen’ und nicht die Erhaltung des Lebens um jeden Preis. Massnahmen, welche die Würde missachten und verletzen, sind unentschuldbar grundrechtswidrig und darum ungerecht, so vor allem die komplette soziale und seelsorgliche Isolation von Schwerkranken und Sterbenden.

Der Mensch ist Person und nicht bloß ein für sich und andere riskantes biologisches Substrat. Es widerspricht der Würde des Menschen, ihn darauf zu reduzieren, potentieller Virusträger  bzw. Opfer einer Viruserkrankung zu sein, das isoliert werden muss zum eigenen Schutz wie zum Schutz der anderen. Manches von dem, was hier staatlicherseits angeordnet und von den Kirchen widerspruchslos hingenommen wird, ist schweres Unrecht.“

Zu der von der Ebenbildlichkeit Gottes abgeleiteten Würde des Menschen, so darf man ergänzen, gehört unaufgebbar eben auch sein Recht auf die Gottesverehrung, ja theologisch betrachtet sogar seine Pflicht hierzu!

4) Stimmen von Geistlichen und Theologen

Immerhin haben auch – neben dem schon erwähnten Berliner Propst Goesche – einige wenige Geistliche als unmittelbar Betroffene ihre Stimme erhoben. Zu ihnen zählt z. B. Pater Justin Minkowitsch.

Die Tagespost (14. Juni. 2020,14) gab die Kritik aus seinem Büchlein Zur Theologie der Eucharistie in der Corona-Krise. Eine dogmatische Erörterung (erschienen im Eigenverlag, Türnitz 2020, 80 Seiten) folgendermaßen wieder; sein Urteil bestätigt unsere obige Einschätzung bezüglich des Sonntagsgebotes:

„Dogmatisch betrachtet seien Äußerungen, das Sonntagsgebot sei nicht unverzichtbar, ein Bruch mit  dem Willen und Auftrag des Herrn sowie mit der apostolischen Tradition. Fernseh-, Radio – und Streamingmessen seien allenfalls ein ‚äußerst fragmentarischer Ersatz’. Besonders kritisch sieht der Zisterzienser die Einschränkung der Krankensalbung.“

Auch der Ständige Diakon und Freiburger Theologe Helmut Hoping sparte nicht mir Kritik. Gernot Facius berichtete in  der Jungen Freiheit (29. Mai 2020) über ihn: „Beim Blick in leere Kirchenbänke wunderte sich im April der katholische Dogmatiker und Liturgieexperte Helmut Hoping, daß die Hirten der Kirche das polizeilich überwachte Gottesdienstverbot ‚nicht einmal im Ansatz’ hinterfragten.“

Auch die klare Stimme des Münchner Pastoraltheologen und glaubenstreuen Priesters Andreas Wollbold aus einem Interview mit Oliver Maksan wollen wir zu Wort kommen lassen (Die Tagespost vom 28. Mai 2020, 2): 

„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kirche geradezu servil alles zu 150 Prozent richtig machen wollte, was staatliche Vorgaben erwarteten. Während Eltern, Lehrer, Einzelhandel und Touristik völlig legitim die Interessen ihrer Klientel vertraten, musste man schon manchmal denken, die Kirchenverantwortlichen vertreten Interessen gegen die Wünsche ihrer Gläubigen. Da hat uns sicher die Missbrauchskrise so weichgespült, dass der Blick auf die öffentliche Wirkung den Blick auf das Seelenheil zu ersetzen schien. Dabei ist aber doch das Seelenheil bekanntlich das oberste Gesetz der Kirche.“

Und schließlich soll auch eine protestantische Stellungnahme nicht übergangen werden: „Das Selbstbild der Kirche über ihre angebliche Bedeutung in der Gesellschaft und für die Gesellschaft wurde in der Corona-Seuche ‚zerbrochen’. Das beobachtet und beschreibt der Bochumer evangelische Theologe Günther Thomas im Nachrichtenmagazin ‚Idea Spektrum’. Es zeigte sich: ‚In der Krise sind Baumärkte wichtiger als Gottesdienste, Pinsel wichtiger als Gebete.’ Die Kirchen waren bzw. sind in dieser Situation ‚weder für die Bundeskanzlerin noch für die Wissenschaftler erwähnenswert.’“[49]

Liegt in dieser selbstgewählten partiellen Bedeutungslosigkeit nicht auch einer der Gründe für das neuerlich deutliche Anschwellen der Austrittswelle aus den beiden großen christlichen Konfessionen und für den Rückgang von Spenden und Kirchensteuer?            

5) Die rein virologische Betrachtungsweise war zu einseitig   

Den Verantwortlichen ist vor allem vorzuwerfen, daß sie bei ihrer Reaktion auf Covid 19 fast ausschließlich oder ganz überwiegend immer nur die virologische Seite ins Auge faßten. Diese Unausgewogenheit gilt auch und insbesondere für die Beschränkungen der Gläubigen in ihrem Recht auf gottesdienstliche Feiern. Und dabei stützten sich die Verantwortlichen zu allem Übel noch sehr einseitig vor allem auf Aussagen von Prof.  Christian Drosten in Berlin bzw. des Robert Koch-Instituts, andere Positionen wie die der Professoren Hendrik Streeck oder Klaus Püschel (Rechtsmediziner in Hamburg) ließen sie eher unbeachtet, so daß jene auch kaum Eingang in die herrschenden Medien fanden.

Mit Recht kann man mit dem Bonner prominenten Juristen Josef Isensee hier beinahe von einer „Virokratie“ sprechen.[50] Krankenhausbetten wurden in viel zu hohem Maße für Covid 19-Patienten reserviert, andere Schwerkranke (Krebs, Herzdefekte) wurden auf die lange Bank geschoben, mit zum Teil katastrophalen Folgen für deren Gesundheit. Und dies alles geschah, obwohl man alsbald absehen konnte[51], daß bei aller Bedrohung durch das Virus, die man nicht leugnen sollte, die Todeszahlen, jedenfalls in Deutschland mit seinem im Verhältnis zu anderen Ländern, wie Großbritannien und Italien, relativ leistungsfähigen Gesundheitssystem, weit unter denen z. B. der Influenzaepidemie des Jahres 2018 bleiben würden (unter 10.000 gegenüber damals weit über 20.000[52]).

Dabei traten die weitaus meisten Todesfälle bei alten Personen, die oft die 80 Jahre überschritten hatten, oder gesundheitlich schwer Vorbelasteten auf, so daß man oft gar nicht sicher entscheiden konnte, was genau die Mortalität ausgelöst hatte.[53]

Weitgehend ausgeklammert wurden die weltweit katastrophalen Folgen für das gesamte Wirtschafts- und Finanzleben[54] Das führte – zusammen mit der menschlichen Isolation – zu schweren psychischen Problemen. Ständige Existenzängste, überhöhte Reizbarkeit, häusliche Gewalt, die sogar Scheidungen mit begünstigt hat, waren die Folge; ja nachweisbar hat sich die Selbstmordrate erhöht.[55]

Und in dieser Notlage, die viele Menschen massiv bedrückte, hielt sich die katholische Kirche (bei den Protestanten war es nicht besser!) in bedenklicher Weise mit ihren seelsorgerischen Diensten, vor allem mit der Feier öffentlich zugänglicher Gottesdienste, derartig zurück! Oft genug unterwarf man sich sogar den Quarantänebestimmungen des Staates und ließ alte und todkranke Gläubige in der Isolation, ja manchmal starben sie sogar ohne die Tröstung durch die vom Heiland eingesetzten Sakramente.

Ein solches Fehlverhalten geht natürlich neben anderen Motiven auch auf die Geringschätzung jener die göttliche Gnade bewirkenden Zeichen zurück. Wenn ich der theologischen Sicht verfallen bin, die heute stark verbreitet ist, die Sakramente seien nur äußerliche, letztlich wirkungslose Zeichen einer längst allen Menschen geschenkten Gnade, dann werde ich für ihre Spendung als Priester oder Bischof kein außergewöhnliches Opfer bringen.[56] Wer hier gefehlt hat, sollte umkehren und Buße tun!   

6) Mangelndes Urteilsvermögen der Masse

Um so erstaunlicher ist es, welche Zustimmung gerade Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Mehrzahl der Bevölkerung gefunden hatte. Ihre schwer angeschlagene CDU – nicht zuletzt durch Verlust von ihr vergraulter konservativer Wähler – nahm erheblich in der Wählergunst zu. Wenn man die Deutschen wieder in eine Diktatur führen möchte (ich spreche im Potentialis), dann müßte man so vorgehen.

Es wurde ja auch bewußt massiv Angst verbreitet, wenn man allein daran denkt, daß das „Staatsfernsehen“ der ARD fast jeden Abend nach der Tagesschau um 20.15 Uhr über viele Wochen hinweg geradezu eine Propagandasendung zur Verteidigung der Regierungsmaßnahmen brachte. Zahlen der Genesenen wurden längere Zeit verschwiegen, ohne die man sich gar kein rechtes Bild von der Ausbreitung der Epidemie machen konnte. Soweit ich sehe, wurde fast nie klar genug zwischen symptombehafteten Infektionen und reiner Bildung von Antikörpern ohne Symptome differenziert; letzterer Personenkreis scheint das Virus nach Auffassung der WHO nur sehr selten zu übertragen, was größte gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zieht, wenn es stimmen sollte.[57]

Dieser Einwand gilt jetzt auch für die fortlaufenden Tests, z. B. bei der Fleischerei Tönnies in Gütersloh, und deren Ergebnisse.  Kritische Stimmen blieben fast immer unerwähnt. Das war nachweislich eine klare Strategie, über die Andreas Rosenfelder in der WELT vom 5. Mai 2020 (S. 8) schrieb: „Das Worst-Case-Horrorszenario, von dem ein Strategiepapier der Bundesregierung zu Beginn der Krise im März ausdrücklich empfohlen hat, es der Bevölkerung einzuimpfen, ‚um die gewünschte Schockwirkung’ zu erzielen“.

Ja sogar die internationale Presse bewunderte die Bundeskanzlerin. So titelte die bekannte spanische Zeitung El Pais (26. 4. 2020): El éxito de la canciller cientifica que encadila al mundo. – Der Erfolg der Wissenschafts-Kanzlerin, der die Welt  betört.

Einen entscheidenden Grund für einen solchen Erfolg der Schocktherapie ganz allgemein nennt Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik in Dortmund und unermüdlicher Streiter für die deutsche Sprache, in seinem Buch Die Angst der Woche. Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten (München 2013, 79): „Dieser Sieg des Bauches über den Verstand ist die mit großem Abstand wichtigste Quelle irrationaler Panik überhaupt.“[58]

So kam es auch, daß der bayerische Ministerpräsident Söder mit seinen rigorosen Kontaktverboten bei der Bevölkerung in Umfragen besser abschnitt als sein großzügigerer Kollege Laschet aus Nordrhein-Westfalen. Mittlerweile werden jetzt aber im Monat Juni, in dem diese Zeilen geschrieben wurden, doch immer mehr Bevölkerungsteile unruhig, weil sie unter verschiedenen Gesichtspunkten vor dem Ruin stehen.

7) Ein Fazit des Althistorikers Egon Flaig

So spricht auch der emeritierte Rostocker Althistoriker Egon Flaig, der bei einem größeren Publikum vor allem durch sein Buch Weltgeschichte der Sklaverei (2München 2011) bekannt geworden ist, im Zusammenhang mit den Maßnahmen der Politiker gegen die Coronaepidemie von einer „Äskulapokratie“, einer Herrschaft der Ärzte, speziell der Virologen.

Ein kleiner Auszug aus seinem Essay Das Politische in der Hyperrealität (Cato – Magazin für neue Sachlichkeit Nr. 4/2020, 11-19, Zitat 19) möge zum Nachdenken über die dramatischen Ereignisse der letzten Monate und ihre weltweiten Folgen anregen:

„Welcher Staatschef oder Minister wird dem Volk offen sagen, daß die WHO eine Fehlwarnung ausgab, daß die Regierungen sich über die Realität grotesk täuschten, daß man sich von einer medial angeheizten Hyperrealität den Verstand vernebeln ließ, das Gemeinwohl einer epidemiologischen Strategie unterordnete, falsche moralische Maßstäbe gebrauchte, eine Vernichtung von Wohlstand organisierte, die sich im Ausmaß von drei Großkriegen bewegt und sieben Milliarden Menschen in finanzielle, ökonomische, soziale, edukative, familiäre und psychische Not gebracht hat – ohne Not?

Um die dramatischen Folgen dieses objektiven Irrsinns wiedergutzumachen, wollen die Regierungen Schulden in Billionenhöhe aufnehmen und die Finanzwelt des Globus in die umkehrlose Hyperrealität hineinschwimmen lassen – den Irrsinn mit einem Wahnsinn heilen, den die nächste Generation abzutragen hat.“  

8) Abschließender Aufruf an die Kirchenführer

Flaig schließt seinen Essay mit einem wichtigen Gedanken. „Die Wahrheit wird uns freimachen.“ Er meint das mehr im profanen Sinne. Für uns Christen ist die Wahrheit aber eine Person, nämlich der Gottmensch Jesus von Nazareth (Joh 8,32).

Nur Er und Seine himmlische Mutter können uns aus der bedrohlichen Lage heraushelfen, in die sich eine außer Rand und Band geratene Menschheit selbst manövriert hat. In erster Linie muß sich Sein Mystischer Leib, die hl. Kirche, wieder ihres wahren Auftrags besinnen, nämlich der Verkündigung des unverfälschten Evangeliums und nicht irgendwelcher soziologischer Modelle.

Papst und Bischöfe haben das Erbe des Heilands weltweit mutig gegen Politiker zu verteidigen, die die Freiheit der Kirche einschränken wollen, weil sie sie letztlich ablehnen, ja oft sogar hassen und am liebsten zerstören möchten.

Zur Abwehr solcher antichristlichen Aktivitäten bedarf es, auch und gerade unter den Laien, tapferer und opferbereiter Christen, die „cum metu et tremore“, mit Furcht und Zittern ihr Heil bei Gott wirken (Phil 2,12), aber furchtlos vor den Menschen agieren. Sie müssen den Jesus Christus bekämpfenden Menschen, falls diese sich nicht bekehren und von ihren bösen Machenschaften ablassen, als „milites Christi“, als „Soldaten Christi“ entgegentreten.[59]

Das, was in den letzten Monaten an falschem Gehorsam, ja an Kollaboration der Kirchenführer mit einem gottfernen Staat (trotz Präambel des Grundgesetzes und trotz der Artikel 1 – Menschenwürde – und 4  – Religionsfreiheit) zu beklagen war, darf nie mehr vorkommen. Eine solche Mahnung wiegt um so schwerer, als man damit rechnen muß, daß die Gottesleugner und Kirchenfeinde unter den Herrschenden sich durch diese Erfahrung ermutigt sehen, künftig die Christen, möglicherweise unter Mitwirkung von Kräften aus deren eigenen Reihen, noch stärker ins Abseits zu drängen.

Das Coronavirus und seine medizinisch sicher nicht zu unterschätzenden Folgen hätten den in der Kirche Verantwortlichen die Gelegenheit gegeben, innezuhalten und den falschen Weg zu korrigieren. Immer hat Gott solche Seuchen zugelassen, damit die Menschen sich ihrer Sünden besinnen, an das ewige Leben denken und umkehren. Das zeigen Zeugnisse sowohl des Alten wie des Neuen Testaments, aber auch der Kirchengeschichte in aller wünschenswerten Klarheit.

Von dieser Einschätzung der Lage darf uns auch die moderne Theologie nicht abhalten, die mit einem solchen Gedanken wenig anzufangen weiß. Denn nicht selten ist sie einem geradezu deistischen Weltbild verfallen, nach dem Gott nicht mehr Herr seiner Schöpfung ist – sofern sie überhaupt auf ihn zurückgeht. Manfred Hauke hat der heilsgeschichtlichen Komponente der Coronaepidemie einen wichtigen und überzeugenden Beitrag gewidmet.[60]

Die Führung der Kirche hätte sich weniger um die gesundheitliche Bedrohung durch das nur in relativ geringem Maße tödliche „Kronen“- (Corona-)Virus kümmern sollen. Das ist Aufgabe des Staates, und ihm ist in solchen Fällen normalerweise, aber wie wir sahen, eben keineswegs immer Folge zu leisten. Vielmehr hätte man sich mehr um die „Krone des Lebens“ bemühen sollen, auch und vor allem in der Verantwortung für die anvertraute Herde.[61]

Wie sagt es der hl. Jakobus so klar? „Selig der Mann, der in der Versuchung standhaft bleibt. Denn wenn er sich bewährt hat, dann wird er die Krone (den Kranz) des Lebens erhalten, die (den) Gott denen versprochen hat, die ihn lieben.“ (Jak 1,12)

Das gilt besonders für Zeiten, die man nur als „apokalyptisch“ bezeichnen kann, wie sie z. B. Rainer Maria Kardinal Woelki charakterisiert hat.[62]  Und wir wissen nicht, ob diese Einschätzung nur im übertragenen, allgemeinen Sinne gilt oder ob man zum Verständnis der Weltlage auch das Buch der Apokalypse, z. B. mit seinen Kapiteln 13 und 17-19, heranziehen muß. Sollte letzteres der Fall sein – ich bin kein Prophet! –  dann können wir nur hoffen und beten, daß die für die Kirche Verantwortlichen ihre wahre Aufgabe erkennen und künftig dementsprechend handeln.

Einem Staat, der sich diktatorische Vollmacht anmaßt, mag dieses Vorgehen augenblicklich zum Teil noch berechtigt erscheinen, darf man als Kirche nicht so willfährig entgegenkommen, wie dies geschehen ist, weil man vielleicht glaubt, so nicht aufzufallen und dadurch irgendwelchen Repressalien zu entgehen. Vielmehr muß man, zunächst so weit wie möglich im Rahmen der Legalität, Flagge zeigen. Sonst wird dieser Staat, weil er keinen Widerstand erfährt und sich stark fühlt, künftig noch unbedenklicher und massiver die Kirche einschränken.     

Die Pflicht zum christlichen Widerstand

Es seien mir hier ein paar Überlegungen zu diesem Thema gestattet, die aus der Erfahrung der letzten Wochen in der Coronakrise erwachsen sind. Dabei will ich nicht behaupten, daß sie direkt auf unsere Verhältnisse anwendbar wären. Aber sie sollen Gefahren skizzieren, die sich m. E. ansatzweise gezeigt haben und noch zeigen und denen man, sollten sie sich verschärfen, ggf. kompromißlos Widerstand zu leisten bereit sein muß.

Wenn man bestimmte Entwicklungen sieht, die weltweit gegen die katholische Kirche gerichtet sind, so bedarf es auf jeden Fall möglichst vieler Menschen, die sich nicht verbiegen lassen, sondern die mit Tapferkeit und Klugheit für ihre christlichen Überzeugungen eintreten, so wie es Max Pribilla S. J. in seinem Buch Mut und Zivilcourage des Christen (Frankfurt/M. 1957) beindruckend gefordert hat.

Der Autor beklagte schon damals ein „verblaßte(s), blutleeres Christentum“, das weit verbreitet sei – was würde er wohl heute sagen? Zur Abwehr einer solchen Degeneration brauche es „die Erziehung zur Tapferkeit und die Heranbildung starker Charaktere, die auf eigenen Füßen stehen können und ernstlicher Belastung gewachsen sind“ (97) – angesichts der heutigen Erziehungssituation eine Herkulesaufgabe!

Die Kardinaltugend der Tapferkeit

Wenn hier Tapferkeit gefordert wird, dann ist an die alte abendländische Tradition der dritten Kardinaltugend (zu der für einen Christen natürlich noch die entsprechende Gabe des hl. Geistes nach Jes 11,2 kommen soll[63]) zu erinnern, die Josef Pieper in seinem Meisterwerk Das Viergespann. Klugheit – Gerechtigkeit – Tapferkeit – Maß (München 1964) so beschrieben hat:

„Ohne Klugheit und Gerechtigkeit gibt es keine Tapferkeit, nur wer klug und gerecht ist, vermag auch tapfer zu sein.“ (172) Man würde sonst von „Draufgängertum“ (173) sprechen, dem mit der Feigheit korrespondierenden Extrem der anderen Seite; die Tapferkeit hält eine mittlere Position, und zwar schon nach der aristotelischen Tugendlehre.[64] Zur wahren Tapferkeit gehört dementsprechend auch die Geduld: Nichts darf überstürzt werden (181).

Alles muß ruhig und unaufgeregt abgewogen werden. Die Kirche hat dementsprechend immer davor gewarnt, sich zur höchsten Form der Tapferkeit, dem Blutzeugnis für die Wahrheit in Jesus Christus, zu drängen; schon Märtyrer wie Polykarp (2. Jh.) und Cyprian (3. Jh.) wandten sich mit entsprechenden Aufrufen hiergegen (167).

Aber auch der Untätige oder Zauderer entspricht nicht dem christlichen Ideal. Es ist ein Ausdruck der „spießbürgerlichen Meinung, daß die Wahrheit und das Gute sich ohne den Einsatz der Person ‚von selbst’ ‚durchsetzen’“ (166). Einem solchen potentiellen Irrtum mußte schon der hl. Paulus wehren (z. B. 2 Kor 7,5; 10,3).

Er betonte, daß es für die Evangelisierung der Welt der Tapferkeit und des (geistlichen) Kampfes bedürfe. Das gilt nicht minder, ja vielleicht in noch höherem Maße in unserer erschlafften Zeit für die immer wieder – an sich zu Recht – für  unsere Breiten, auch von Päpsten, angemahnte Neuevangelisierung.[65]           

Die Menschenfurcht

Der größte Feind dabei ist neben mangelnder Tiefe im Glauben, der immer wieder durch Gebet und inneren Seelenfrieden, vergleichbar der schon paganen „tranquillitas animi“, genährt werden muß, eine bestimmte, selbst in traditionell-katholischen Kreisen zu findende Gefahr: nämlich die der Menschenfurcht. 

Joseph Overath hat über diese Schwäche ein nützliches Büchlein verfaßt. Es trägt den Titel „Von der Menschenfurcht“ und erschien 1997 beim Kral-Verlag in Abensberg. Die weitaus meisten Menschen, so der geistliche Autor, können sich dieser ängstlichen, oft direkt feigen Haltung nicht versagen, nur eine kleine Minderheit ist zum Widerstand und, wenn nötig, zum Kampf bereit (39).

Dabei unterscheidet Overath verschiedene Arten der Menschenfurcht (29-35):

1) Jene um des Irenismus willen, d. h. man möchte kein Störer von Frieden und Einheit sein, mag die Ideologie des Mainstream, vorsichtig ausgedrückt, noch so exotisch anmuten. 2) Damit u. U. zusammenhängend, kann eine weitere Quelle das Gefühl sein, sich dem Zeitgeist direkt selbst verpflichtet zu fühlen. Die Angst vor Isolation kann einen dabei umtreiben.  3) „Neutralismus“, nämlich keine Werte, sondern nur Ziele und Zwecke zu verfolgen, kann ein weiterer Hintergrund dafür sein, sich nicht erklären und exponieren zu wollen.

4) Die Menschenfurcht mag Ausfluß einer falschen Autoritätsgläubigkeit sein. 5) Schließlich kann sie sich auch aus der Angst um Gesundheit und Leben speisen. 6) Öfter entspringt sie  einem übertriebenen Karrierestreben.

In jedem Fall führt der Verlust der Gottesfurcht zur Anfälligkeit gegenüber der Menschenfurcht.

„Verbürgerlichung“ des Christentums als Gefahr

Lesenswert ist in unserem Zusammenhang auch die kleine Schrift „Von der Würde des Christentums und der Unwürde der Christen“ des russischen Philosophen Nikolai A. Berdiajew (dt. Ausgabe Luzern 31936). Sie ist vor zwei Jahren unter dem Titel „Im Herzen die Freiheit – Das Bürgertum zwischen Sinnsuche und Selbstgeißelung“, mit einem Vorwort von P. Michael Weigl versehen, neu beim Renovamen-Verlag herausgegeben worden (Bad Schmiedeberg 2018).

Berdiajews Kritik gilt insbesondere dem verbürgerlichten Christentum, das sich dem Streben nach Macht, Geltung und materiellen Gütern verschreibt und sich dabei den göttlichen Mysterien und der wahren Liebe zu Gott und den Menschen nicht weit genug öffnet oder gar ganz verschließt. Hierbei spielt dann eine gewisse Anpassung an die herrschenden Verhältnisse eine nicht zu unterschätzende Rolle, selbst wenn man ihnen innerlich an sich eher kritisch gegenübersteht. So glaubt man den Anstürmen irgendwie entgehen zu können.

Aber hat der US-amerikanische orthodoxe Christ Rod Dreher nicht recht, wenn er in seinem Bestseller Die Benediktoption. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft (deutsche Ausgabe Kißlegg 22018. 146 f.) gegen solche Anpassung kritisch einwendet:

„Ein Teil des Wandels, den wir vollziehen müssen, besteht darin, zu akzeptieren, dass gläubige Christen in den kommenden Jahren möglicherweise vor der Wahl stehen werden, entweder gute Amerikaner oder gute Christen zu sein“?

Man denke nur, um wenigstens ein Beispiel zu nennen, an die vielen Kriege, die die letzten US-Präsidenten (bisher Trump ausgenommen) weltweit geführt haben und die in der Regel schwerlich von der christlichen Lehre vom bellum iustum, dem gerechtfertigten Krieg[66], gedeckt waren!

Eine gottlose Demokratie schützt nicht vor totalitären Strukturen!

Der polnische Philosophieprofessor Ryszard Legutko, der gegen das kommunistische Regime seines Landes im Untergrund Widerstand geleistet hatte und jetzt einen Lehrstuhl an der Jagellonen-Universität in Krakau innehat, warnt in seinem lesenswerten Buch „Der Dämon der Demokratie – Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften“ (Wien und Leipzig 2016, 180) vor solch einer zum Irenismus neigenden Haltung: 

„Der zweite Fehler ist zu ignorieren, daß die liberal-demokratische Ideologie[67] schon lange aufgehört hat, offen zu sein (wenn sie es je gewesen ist) und nun in eine Phase der rigiden Dogmatik eingetreten ist. Je siegreicher sie ist, umso weniger sind die Sieger bereit, Nachsicht gegenüber denen zu zeigen, die nicht zu den Siegern gehören.

Die sich in Bescheidenheit übenden Christen, die bereit sind, eine gemeinsame Grundlage im Streben nach einer besseren Welt zu suchen, haben keine Überlebenschance, egal wie weit sie in der Selbsterniedrigung gehen. Früher oder später werden sie bedingungslos kapitulieren und sich dem System anschließen, ohne Ausstiegs- und Gewissensklauseln. Und sollten sie sich plötzlich entschließen, non possumus (Wir können nicht mehr mitmachen, H-L B) zu deklarieren, werden sie sofort zu verächtlichen Feinden der liberalen Demokratie erklärt.“

Das haben wir ja auch während der Corona-Krise erlebt:

Friedliche Demonstrationen wurden als rechtextrem gebrandmarkt, obwohl sie sich aus Menschen ganz unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Richtungen zusammensetzten, die einfach um ihre Freiheitsrechte besorgt waren.

Umgekehrt wurden (übrigens weltweit organisierte!) Massendemonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern gegen angeblichen Rassismus nach Art von Vorfällen in den USA nicht nur medial allenthalben unterstützt, sondern plötzlich spielten auch angeblich doch so notwendige Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Epidemie kaum mehr eine Rolle, jedenfalls wurden sie von der Polizei nicht im selben Maße durchgesetzt, wie es zuvor bei Manifestationen zugunsten der von unsrer Verfassung garantierten Grundrechte geschehen war.

Wer bereit ist, sich um seiner Treue zu Christus und der Kirche willen gegen eine so große Übermacht  des Zeitgeistes zu wehren, der wird natürlich ins gesellschaftliche Abseits geraten. Er muß sich bewußt sein, „daß nur ein Bruchteil der großen Menschenmassen fähig ist, den mächtigen Fiktionen der Zeit zu trotzen und der Bedrohung, die sie ausstrahlen“, um die Worte Ernst Jüngers aus seinem Essay von 1951 Der Waldgang[68] zu verwenden.

In jenem lesenwerten, wenn auch nicht immer ganz einfach zu verstehenden kleinen Werk geht es um Menschen, die sich gedanklich von einer erdrückenden Mehrheit um sie herum unabhängig bewahren und bereit sind, Widerstand zu leisten, mag dessen Form auch nicht unbedingt dem katholischen Ideal entsprechen.

Aus den Untersuchungen über  die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann, der Gründerin des Meinungsforschungsinstituts INFAS am Bodensee, wissen wir, daß nur eine kleine Minderheit von vielleicht 10 % zum Widerstand gegen eine erdrückende Mehrheit fähig und bereit ist. Diese teilt sich dann meist noch einmal auf in solche, die sich schließlich an die Majorität anpassen, in andere, die sich völlig radikalisieren und eine kleine Gruppe, die einer gesunden Widerstandslinie treu bleibt.

Beten wir um die Kraft des Hl. Geistes, daß wir zu jener mittleren Gemeinschaft gehören dürfen, möge an Bedrohung auf die Kirche zukommen, was Gott auch immer zuläßt!       

DIESER ARTIKEL, den wir mit freundlicher Erlaubnis des Autors veröffentlichen, erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift THEOLOGISCHES

Anmerkungen:

[1] Fritz Söllner, Frappierende Parallelen: Zurück in die Zukunft: Rückt 1984 immer näher? Junge Freiheit vom 19. Juni 2020, 18. Der Autor, Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre an der TU Ilmenau, entdeckte erschreckende Parallelen zwischen Orwells berühmtem dystopischen Roman und der derzeitigen „Normalität“.

[2] Drostens Einlassung ist unter den angegebenen Daten im Internet zu finden.

[3] Siehe Dirk Schümer, Mein Leben als Corona-Neurotiker. Deutschland ist bisher gut durch die Pandemie gekommen. Aber die neue Normalität ist nicht normal. Mit Mundschutz ins Café… DIE WELT vom 6. Juni 2020, 2. Für die Bereitstellung dieses und einiger anderer Zeitungsausschnitte danke ich Frau Barbara Rohs aus Bonn.

[4] Siehe Carolin Amlinger-Oliver Nachtwey, Sie haben noch etwas zu sagen, FAZ vom 27. Mai 2020, 3.

[5] Kaiser Konstantin der Große gab seinem Volk ein Gesetz, nach dem ein Gladiator oder ein Missetäter, der zur Arbeit in den Bergwerken verurteilt war, nicht mehr nach überlieferter Sitte mit einem Zeichen auf dem Gesicht gebrandmarkt werden durfte. Als Grund für dieses Edikt gab Konstantin an: „Das Gesicht, das nach dem Vorbild himmlischer Schönheit gestaltet ist, darf keinesfalls geschändet werden.“ (Codex Theodosianus 9,40,2). Weiteres hierzu siehe Verf., Ursprung und Wesen der Menschenwürde, DIE NEUE ORDNUNG, Sonderheft 2018. In memoriam Joachim Kardinal Meisner, 71-117, hier 102 f. Anm. 45; der Text kann im Netz kostenlos heruntergeladen werden. Es existiert auch eine lateinische Fassung meines Beitrags in der Vox Latina (De origine et natura dignitatis humanae, 54,211/2018, 92-107; 54,212/2018, 190-207).

[6] „Die derzeit weithin übliche Verwendung des Begriffs ‚Kirchen’ bedeutet nicht nur eine oberflächliche Anpassung an den Sprachgebrauch des Zeitgeistes – in Widerspruch zum Credo und zur Erklärung Dominus Iesus -, sondern sie dürfte in vielen Fällen auch Ausdruck eines schwerwiegenden Glaubensirrtums sein, nämlich eines Neo-Nestorianismus im Kirchenverständnis.“ Johannes Stöhr, Maria, „Mutter der Einheit“, Überwinderin des Neo-Nestorianismus in der Ekklesiologie, in: Manfred Hauke (Hg.), Maria, „Mutter der Einheit“ (Mater unitatis), Mariologische Studien XXVIII, Regensburg 2020, 107-136, Zitat 122 f.) Wenn ich also hier trotzdem von „Kirchen“ im Plural spreche, so ist der Begriff rein soziologisch, nicht theologisch gemeint.

[7] Siehe „Franziskus betet auf leerem Petersplatz für Ende der Corona-Pandemie“, Vatican news vom 27. März 2020.

[8] Zitat nach LThK (2.Aufl.1968) 14,457

[9] „Ohne Zweifel“ fehlt im lateinischen Urtext und wird zu Recht in der neuen Übersetzung ausgelassen (Herders theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, 1,681).

    [10] Gotthold Ephraim Lessing, Ernst und Falk – Gespräche für Freimäurer, Werke Bd. VIII, Hanser-Aus­gabe München 1979, Lizenzausgabe Darmstadt 1996, 463; 465 f.; 462 f.

    [11] Humanität 25,1/1999, 15

    [12] Zitat nach Dieter A. Binder, Die Freimaurer – Ursprung, Rituale und Ziele einer diskreten Gesellschaft, Freiburg/B. 1998, 231.

    [13] Friedhelm Hengsbach, Wirtschaftsethik, 2Freiburg/B. 1993, 131 f.

[14] Siehe Verf., „Nostra autem conversatio in caelis est“ (Phil 3,20). Des Christen Liebe zum ewigen und zum irdischen Vaterland, CIVITAS 21/2014, 1-78, hier 69-76.

    [15] Schwarze Kassen des Geistes – Getrennte Kontenführung und die Attrappe einer Religion: Die Freimaurer werden transparent, FAZ vom 15.12.1999.

    [16] Paulinus vom 9. Januar 2000, S. 10

[17] Siehe Judith Rosen, Der Traum vom ewigen Frieden. Vor 75 Jahren wurden unter dem Eindruck eines verheerenden Weltkrieges die Vereinten Nationen gegründet und die UN-Charta unterzeichnet, General-Anzeiger vom 20./21. Juni 2020, Kulturbeilage S. 4. Rosen schließt mit dem für das Verständnis des Kantschen Ansatzes wichtigen Gedanken: „Die Verwirklichung des ewigen Friedens ist eine ‚ins Unendliche fortschreitende Annäherung’, eine ‚Pflicht’ und ‚zugleich gegründete Hoffnung’.“

[18] In der linken Tageszeitung taz wurde dementsprechend von einer der führenden Klimaaktivistinnen der radikalen „Extinction Rebellion“ – Bewegung, Luisa Neubauer, sogar schon überlegt, ob man dem „Klimanotstand“ mit demokratischen Mitteln über Wahlen überhaupt beikommen könne – und ob es da nicht anderer politischer Formen und Maßnahmen bedürfe. Die junge Dame äußerte sich dort auch zur Bevölkerungspolitik – man sieht also, wie hier alles zusammenhängt: „Ist das Kinderkriegen unseren Mitmenschen gegenüber verantwortungsvoll, da statistisch gesehen nichts einen größeren CO2-Fußabdruck hinterläßt als ein Kind?“ (Tim Sumpf, Öko-Diktatur: Klimaaktivistin Luisa Neubauer stellt demokratische Grundordnung infrage, Epoch Times vom 2. November 2019, aktualisiert am 24. Januar 2020). Auch ein absolut seriöser Gelehrter wie der ehemalige Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier warnte schon vor der „Ökodiktatur“ (Die Warnung. Wie der Rechtsstaat ausgehöhlt wird. Deutschlands höchster Richter a. D. klagt an. 2München 2019, 105-107).

[19] „Angesichts dieser Bedeutung ist es sicherlich nicht übertrieben, das CO2 als wichtigste politische Größe der Gegenwart einzustufen. Es geht um nichts weniger als die Weltherrschaft. Etwas zugespitzt erkennt man Tendenzen zur Errichtung einer ‚Klimadiktatur’. Jene einflußreichen Organisationen, die direkt oder indirekt für One-World-Vorstellungen werben, etwa viele NGO’s, benutzen dieses attraktive Betätigungsfeld, um ihre Ziele voranzutreiben.“ So Felix Dirsch, Professor für Politikwissenschaft, in seinem abwägenden und ausgewogenen Aufsatz „Klimakatastrophaler Mythos“ (Die Neue Ordnung 74,3/2020, 174-187, Zitat 178). Dirschs Anliegen war es, alle an der Diskussion Beteiligten zu mehr wissenschaftlicher Seriosität aufzufordern.    

[20] P. Stefan Frey, „Du sollst deinen Nächsten lieben!“ Zum Migrationspakt der UNO, St. Athanasius-Bote Nr. 40/März 2019, 15-18, hier 16 f. Die Quelle ist abrufbar unter folgender Adresse: ec.europa.eu: European Commission, Directorate-General Home Affairs, Final Report, July 2010: „Study on the feasibility of establishing a mechanism for the relocation of beneficiaries of international protection, 2009“. Dort findet man im Annex S. 16 eine Tabelle, aus der hervorgeht, daß Deutschland damals 82.314.906 Einwohner besaß und daß man entsprechend seinem Territorium eine mögliche Einwohnerzahl von 274.539.094 errechnet hatte.

[21] Zur abgestuften Ordnung der Liebe siehe z. B. das bereits ältere, lateinisch geschriebene Buch des Erzbischofs von Mecheln, Kardinal J. E. van Roey: De virtute charitatis. Quaestiones selectae, Mecheln 1929, v. a. 321-340 (De ordine inter diligendos). Wertvoll ist auch die umfangreiche spanische Abhandlung „Teología de la caridad“ von Antonio Royo Marin O.P., BAC, Madrid 21963, dort v. a. 357-363 (Orden de la caridad para con el prójimo).

[22] Immer wieder setzt sich Franziskus für eine weltweite Migration ein. Welches Ziel ihm u. a. dabei vorschwebt, kann man einem Interview mit dem italienischen atheistischen Journalisten Eugenio Scalfari entnehmen: „Auf diese Weise neigen die Völker unserer Spezies dazu, ein neues Volk zu schaffen, in das die Qualitäten und Mängel der Ursprungsvölker zusammenfließen, um eines zu schaffen, von dem man hofft, daß es besser ist. Das ist das Thema der Migrationen und Einwanderungen…“ (La Reppublica vom 16. Januar 2020, Zitat der deutschen Übersetzung nach: katholisches.info vom 17. Januar 2020). Kritische Überlegungen zu diesen oft unkontrollierten Migrationsbewegungen (siehe v. a. die Ereignisse in Deutschland vom Jahre 2015) sind zusammengetragen in: 1) Manfred Spieker, Die neue Völkerwanderung. Pflichten und Grenzen der Solidarität, Die Neue Ordnung 73,1/2019, 4-14. 2) Heinz-Lothar Barth, Muslimische Immigration. Hintergründe und Folgen, ebd. 15-30. Dort findet man auch kritische Stimmen führender Juristen erwähnt (24 f.). Es sind übrigens überwiegend dieselben, die jetzt auch Bedenken gegen die weitgehenden Einschränkungen der Grundrechte in Deutschland wegen der Coronaepidemie geäußert haben.

[23] Zu dem ganzen erschütternden Dokument siehe die ausgewogenen Ausführungen von Wolfgang Koch, „Unsere christliche Überzeugung verpflichtet uns“ … Naturrechtliche und religiöse Grundlagen der jungen Bundesrepublik, CIVITAS 25/2015, 67-116, hier 70-74 (Abschnitt Verpflichtung auf politische Zukunftspläne).

[24] Siehe Verf., Solidarität und Subsidiarität – Zwei Grundprinzipien der christlichen Soziallehre und ihre Mißachtung in der heutigen Politik, CIVITAS Sonderheft 1, 2008.

[25] Das ist auch die Sorge, die Erzbischof Viganò in einem Beitrag äußerte, in dem er sich kritisch mit Aspekten des II. Vatikanums und deren Auswirkungen im Rahmen der derzeitigen Kirchenkrise auseinandersetzt: „The hopes of the tower of Babel cannot be brought back to life by a globalist plan that has as its goal the cancellation of the Catholic Church, in order to replace it with a confederation of idolaters and heretics united by environmentalism and universal brotherhood. There can be no brotherhood except in Christ, and only in Christ: qui non est mecum, contra me est.“ (Maike Hickson, Abp Viganò on the ‚roots of deviation’ of Vatican II and how Francis was chosen to revolutionize the Church, LIFESITE 10. Juni 2020) Man braucht sich nicht allen von Viganò vorgetragenen Gedanken anzuschließen, die hier und da vielleicht etwas überzogen wirken, aber vieles ist doch sehr bedenkenswert. Siehe jetzt auch Taylor Marshall, Weihbischof Athanasius Schneider et alii, Infiltriert: Die Verschwörung zur Zerstörung der Kirche, erscheint Juli 2020.

[26] Joseph Ratzinger, Die Einheit der Nationen – Eine Vision der Kirchenväter (Salzburg 1971, z.B. 34)

[27] Mischna Avot 3,5, zitiert nach: Guido Baltes, Die verborgene Theologie der Evangelien. Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu, Marburg an der Lahn 2020, 118.

[28] Text im folgenden zitiert nach: Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, hg. von Emil Marmy, Freiburg/Schweiz 1945, Nr. 1304 f., S. 832                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             [29] So richtig Michael Hesemann, Der Papst und der Holocaust. Pius XII. und die geheimen Akten im Vatikan, Stuttgart 2018, 103-105. Viele Stellungnahmen hat Pius XII. dieser Thematik gewidmet. Man kann sie in deutscher Sprache nachlesen in: Von der Einheit der Welt. Das Programm Pius XII.’ für eine internationale Friedensordnung. Aus seinen Briefen, Botschaften und Ansprachen zusammengestellt und erläutert von Karlheinz Schmidthüs, Freiburg/B. 1957.

[30] Text siehe AAS XII/1920, 313-317, v. a. 314.

[31] Konrad Kirch-Adolf Rodewyk, Helden des Christentums, II. Band, (1914) 6Paderborn 1952, 325-348, v. a. 337-341 (Kap. Die Pest)

[32] Ich verfüge über entsprechende Texte, möchte aber die Namen der Autoren nicht nennen, um sie in dieser schwierigen Situation nicht bloßzustellen.

[33] Man lese nur einmal das informative Buch Europa ohne Christus von Stefan Meetschen (Kißlegg 2009), und man erkennt, wie weit die Dinge bereits im Jahr 2009 gediehen waren – so weit, daß Meetschen nicht zu Unrecht von einer immer weiter verbreiteten „Christianophobie“ spricht, einer neuen Form geradezu von (- zunächst noch „nur“? – geistiger) Christenverfolgung (10 f.). Ein ähnlicher Ausdruck, nämlich „Christophobie“, findet sich auch in einem weiteren Buch zu unserer Thematik: Andreas Püttmann, Gesellschaft ohne Gott – Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands (Asslar 2010, hier 51 ff.) Vier Jahre später ist ein weiteres höchst lesenswertes Werk erschienen, das schon im (etwas reißerischen) Titel an die Zeit des frühen Christentums erinnert: Die Löwen kommen – Warum Europa und Amerika auf eine neue Tyrannei zusteuern (Kißlegg 2014). Der Verfasser heißt Vladimír Palko und war von 2002 bis 2006 Innenminister in der Regierung der Slowakischen Republik. Hinzu nehmen könnte man auch noch das aus ernsthaft protestantischer Perspektive verfaßte Buch Quo vadis, Europa? Die Zukunft des christlichen Abendlandes, hg. von Peter Schäfer von Reetnitz,  ideaDokumentation Dillenburg 2006.

[34] Siehe hierzu Verf., Die Geschichte des Sonntags und seine Bedeutung für Kirche und Gesellschaft, CIVITAS 14/2012.

[35] Ludger Müller – Christoph Ohly, Katholisches Kirchenrecht. Ein Studienbuch, Paderborn 2018, 42.

[36] FDP-Generalsekretärin sieht Kirchen als „existenzrelevant“ – Teuteberg stellt  aber auch die Frage nach deren Zurückhaltung während der Corona-Krise, ideaSpektrum 23/2020, 30.

[37] Hat die Kirche in der Corona-Krise versagt? ideaSpektrum 22/2020, 15. Lieberknecht argumentierte in diesem Interview, das mit jeweils einem Vertreter für die Positionen PRO und CONTRA stattfand, für PRO.

[38] Peter Schade, Grundgesetz mit Kommentierung, 9Regensburg 2012, 100 f.

[39] „Es geht eigentlich alles, bloß nicht das, was Anspruch auf Wahrheit und Gültigkeit erhebt.“ Propst Dr. Gerald Goesche vom Berliner Institut St. Philipp Neri im Gespräch mit der UNA VOCE KORRESPONDENZ, UVK 50,1/2020, 11-17, Zitat 11.

[40] Siehe Simon Kajan, Kommentar um ‚5 vor 12’: Bischof Wilmer – „Überbewertet“, Die Tagespost online vom 14. April 2020.

[41] Bernhard Müller, Editorial in: PUR magazin 5/2020, 3.

[42] Zitat nach: Mons. Gilles Wach, L’ecclésiologie à travers les livres liturgiques, Divinitas 58/2015, 205-233, hier 217.

[43] Siehe den Artikel Orthodoxe Ostergottesdienste in mehreren Ländern trotz Corona, Wochenblatt – Die Zeitung für alle, online-Ausgabe vom 19.4.2020. Ein Beispiel für den dort beschriebenen Protest: „Der russische Patriarch Kirill beklagte in einer Fernsehansprache ‚die schrecklichen Krankheiten, die unser Volk befallen hat’ und sagte, die Kirchenschließungen erinnerten ihn an die Sowjetzeit, als die Menschen ‚ihre Zukunft riskierten’, wenn sie in die Kirche gingen.“ Das wird sicher seinem  Staatspräsidenten Wladimir Putin nicht sonderlich gefallen haben, der die Schließungen verfügt hatte, sonst aber an sich der orthodoxen  Kirche gegenüber sich wohlwollend verhält – aus welchen Motiven auch immer. Dessen belarussischer (weißrussischer) Kollege Präsident Alexander Lukaschenko, wahrlich kein „lupenreiner Demokrat“, handelte da demokratischer: „Ich bin nicht einverstanden mit denen, die den Menschen den Weg zur Kirche verschließen.“ So blieben in seinem Staat die Kirchen auch für die Gottesdienste geöffnet.

[44] Vom Hauskirchenwesen, auch mit Blick auf den bevorstehenden Ökumenischen Kirchentag 2021, schwärmte z. B. der scheidende Rektor der Hochschule St. Georgen in Frankfurt/M., Ansgar Wucherpfennig SJ, in der deutschen Jesuitenzeitschrift Stimmen der Zeit (5/2020).

[45] Für diese Information danke ich Dr. Dieter Fasen.

[46] Giuseppe Nardi, Bischof von Fatima empört: „Gläubige wollen noch immer die Mundkommunion“ – Coronavirus, Katholisches.info, Lissabon, 3. Juni 2020.

[47] Siehe hierzu Johannes Laas, Der hl. Pius X. und die Erneuerung der Kirchenmusik, UVK 35,3/2005, 140-158. Wertvolle Überlegungen zur Kirchenmusik, verbunden auch mit Kritik an der nachkonziliaren Situation, findet man in kleineren Beiträgen zusammengestellt in UVK 14,4/1984.

[48] Scholz gehört übrigens mit zu den Verfassern des berühmten Grundgesetzkommentars von Maunz-Dürig-Herzog-Scholz.

[49] Wenn Pinsel wichtiger sind als Gebete: Corona ohne Theologie, Christ in der Gegenwart Nr. 23/2020, 238.

[50] Josef Isensee, Virokratie. Die Normalität ist weggebrochen, die Verfassung reagiert elastisch. Keine Gesellschaft, erst recht die deutsche, hält freilich auf Dauer ein Notregime aus, FAZ vom 4. Juni 2020, 7

[51] Hätte die Bundesregierung nicht in der Vergangenheit die Notfall-Lazarette der Bundeswehr so stark reduziert und im Anschluß an die Notfallübung des Jahres 2013, wo solch eine Pandemie mit ihren potentiellen Folgen durchgespielt worden war, Vorsorge getroffen, dann hätte man über einen viel größeren Spielraum verfügt! Siehe André Uzulis, Bedingt vorbereitet. Das Coronavirus zeigt die Schwächen der deutschen Krisenvorsorge. Der Mangel an Schutzausrüstung war absehbar. Gehandelt wurde nicht – wider besseres Wissen, in: loyal – Das Magazin für Sicherheitspolitik 5/2020, 10-16.

[52] Siehe die Zahlen, die in einer Skizze von dem Finanzwissenschaftler und Statistiker  Prof. Stefan Homburg zusammengestellt wurden: Tägliche Sterbefälle in Deutschland. Quelle war das Statistische Bundesamt. (https://www.destatis.de).

[53] Das hatte ja vor allem Prof. Püschel herausgefunden. Dank dem enormen Fleiß und der Kenntnis eines in den Naturwissenschaften promovierten Freundes verfüge ich über eine beeindruckende Zusammenstellung solcher Stimmen, die vom „Mainstream“ abweichen. Ich bin gerne bereit, sie Interessenten elektronisch zur Verfügung zu stellen.

[54] Ein besonders drastisches Beispiel: Andreas Boueke, Hungertod durch den Lockdown. Europas Covid 19- Strategie paßt nicht für Lateinamerika, Die Tagespost vom 4. Juni 2020, 30.

[55] Siehe z.B.: Interview Alexandra Philipsen, Ängstlich, gestresst und reizbarer. Die Direktorin der Psychiatrie an der Bonner Uniklinik spricht über Folgen der Corona-Krise, General-Anzeiger vom 16. Juni 2020, 9; Rechtsmediziner warnt vor „Corona-Selbstmorden“, ideaSpektrum 22/2020, 7.

[56] Wie weit sich die Lehre von den Sakramenten bei vielen modernen Theologen bereits der protestantischen Auffassung angenähert hat, zeigt beispielsweise die – in einem Kästchen herausgehobene und fettgedruckte – Definition von Peter Knauer SJ, Der Glaube kommt vom Hören – Ökumenische Fundamentaltheologie, 6., neubearb. und erw. Aufl., Freiburg./B. 1991, 244): „Die Sakramente sind die Zeichen des angenommenen Wortes Gottes“. Wer noch an der Intention des Autors zweifeln sollte, möge folgenden Satz hinzunehmen: „Es ergibt sich also, daß die Sakramente nichts Zusätzliches zum ‚Wort Gottes‘ sind, sondern sich in ihm selbst angelegt finden“ (253 f.). Dem katholischen Theologen Knauer wurde übrigens in einem Urteil des Hanauer Landgerichts vom 11. 12. 1979 im Prozeß um die Rückzahlung eines Darlehens durch einen seiner St. Georgener Studenten bescheinigt, daß er „häretische Thesen vertritt“ (Ein bemerkenswertes Urteil, UVK 10,2/1980, 123-134).

Hubert Jedin bezeichnete es zutreffend als die logische Konsequenz der lutherschen Sakramentenlehre – die meist weder die Neuerer des 16. Jhs. noch ihre „katholischen“ Epigonen des 20. Jhs. in dieser Radikalität gezogen haben -, daß „letztlich das im Glauben angenommene Gotteswort als einziges ‚Sakrament‘ übrigbleibt“ (Geschichte des Konzils von Trient, Bd. II, Freibg./B. 1957, 317). Ähnlich hatte zuvor schon A. Michel in seinem Artikel „Sacrements“ des „Dictionnaire de Théologie Catholique“ argumentiert, jenes Standardwerks katholischer Gelehrsamkeit (DTC 14/1939, 554).

[57] Siehe www.cnbc.com (2020/06/08).

[58] Leider versucht der Autor, der übrigens auch auf Epidemien eingeht, das, was er als oft unberechtigte Ängste der Menschen und gerade der Deutschen richtig analysiert, beinahe ausschließlich nach Darwins Vorbild aus der Evolution zu erklären. So braucht man sich nicht zu wundern, daß er den Menschen zu einem „nackten Affen“ degradiert (122). Willensfreiheit und Leistungsfähigkeit der von Gott geschenkten menschlichen Ratio kommen hier zu kurz.

[59] Für den Begriff der „militia Christi“ und die mit ihm in der Antike verbundene Konzeption ist noch immer maßgeblich die ältere Arbeit des Protestanten A. v. Harnack, Militia Christi. Die christliche Religion und der Soldatenstand in den ersten drei Jahrhunderten, Tübingen (1905). Aus späterer  Zeit wäre z. B. zu nennen: W. Rordorf, Tertullians Beurteilung des Soldatenstandes, VigChr 23/1969,130-138. Einen guten historischen Überblick über die Bedeutung der Militia Christi im Verlauf der Kirchengeschichte bietet J. Auer, Militia Christi: Dictionnaire de spiritualité 10 (1980) 1210/1223. Zur „Militia Christi“ in der Antike siehe auch Vinzenz Buchheit, Glaube gegen Götzendienst (Prud. psych. 21 ff.), RhM 133/1990, 393 f.    

[60] Manfred Hauke, Die Corona-Pandemie und die Frage nach Gott, Theologisches Mai/Juni 2020, 205-228.

[61] Ich verdanke diesen Ratschlag einer Sonntagspredigt von P. Horst Bialek.

[62] Rainer Maria Woelki, Corona ist für Christen Stunde der Bewährung, FAZ vom 28. Mai 2020, 8.

[63] Siehe Ludwig Gschwind, Heiliger Geist. Gaben, Tröstungen, Früchte, Augsburg 1998.

[64] „Dabei ist die Mitte nicht die geometrisch genau berechnete Mitte. Wenn Tapferkeit die Mitte zwischen den Extremen Feigheit und Tollkühnheit ist, dann steht sie der Tollkühnheit doch etwas näher als der Feigheit.“ (Hellmut Flashar, Aristoteles – Lehrer des Abendlandes, München 2013, 78).

[65] Siehe Giovanni Cavalcoli, La dimensione militante dell’ evangelizzazione, in: Gianni T. Battisti (ed.), Verità della fede. Che cosa credere, e a chi. I criteri di discernimento tra Magistero e teologia, Roma 2013, 139-153, zu St. Paulus 148 f.

[66] Siehe hierzu Verf., Die Haltung des Christentums zum Krieg: Antike Stimmen und spätere Entwicklung, CIVITAS 17-18/2013, 1-136.

[67] Anm. H-L B: Wir könnten auch, gerade mit Blick auf das heutige Deutschland, von der links-liberalen Demokratie, der des Kulturmarxismus sprechen. Diese ist weit entfernt von den Anfängen der BR Deutschland unter Konrad Adenauer und dem ursprünglichen Geist des Grundgesetzes. Siehe Dorothea und Wolfgang Koch, Konrad Adenauer. Der Katholik und sein Europa, 3Kißlegg 2018.

[68] Mit Adnoten von Detlev Schöttker, Klett-Cotta 2014, 39.

 


Fairer Umgang mit „rechtem Christentum“

Besprechung von Thomas May

Buch-Daten: Felix Dirsch, Volker Münz, Thomas Wawerka (Hrsg.): Rechtes Christentum? Der Glaube im Spannungsfeld von nationaler Identität, Populismus und Humanitätsgedanken. – Ares Verlag, Graz 2018, 256 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-99081-004-0. – 19,90 €

Der Sammelband mit 11 Einzelbeiträgen von­ Theologen, Philosophen, Politikwissenschaftlern, Historikern und Publizisten unternimmt den Versuch, das Spektrum der politischen Rechten unter dem Aspekt der Christlichkeit zu erfassen und Legitimität, ja Folgerichtigkeit einer reflektierten Verbindung beider darzulegen.

Die Hauptkonfliktlinie verläuft dabei zwischen dem als „böse“ stigmatisierten „rechten“ Christentum bzw. Rechtskatholizismus (diffamierend auch mit „rechtsradikal“ oder „rechtsextrem[istisch]“ etikettiert) im Gegensatz zum „guten“ linken säkularisiert-universalisierten Humanitarismus, der im Zuge der Merkelschen „Flüchtlingspolitik“ für alternativlos erklärt wurde.

In der kontroversen Gemengelage ist es einigen Autoren ein unverzichtbares Anliegen, die weitgehend obsolet gewordenen, sperrigen Konzepte der (deutschen) Nation und des Vaterlandes christlich authentisch und kompatibel einzubringen.

Typologie des Rechtskatholizismus

Der katholische Theologe und Politologe Felix Dirsch entwirft in seinem Beitrag (S. 17–51) in Gegenüberstellung zu „links“ eine Typologie des „Rechten“ im Sinne des Rechtskonservativen und ermittelt anschließend die ihm innewohnenden katholischen Grundsätze und Modi.

Als erste Kategorie firmiert das Realitäts- und Erhaltungsprinzip (versus progressives Lust- und Gütervermehrungsprinzip), das vor allem im naturrechtlichen Denken sowie anknüpfend an Thomas von Aquin in der solidaristischen Doktrin der katholischen Soziallehre seinen Niederschlag findet. Die Gewährleistung des Gemeinwohls ist heute allerdings im Gefolge der Migrations- und Asylkrise durch staatlichen Kontrollverlust und soziale Distension gefährdet.

Bei dem als Zweites genannten Ordnungsprinzip (versus Auflösung) lassen sich die katholischen Linien bis Augustinus und den Aquinaten, der das Verhältnis von Gott und Mensch in einem lebendigen Bezugsrahmen darstellt, zurückverfolgen.

Die biblisch grundgelegte, dogmatisch zentrale Schöpfungsordnung erweist sich als Bastion gegenüber dem postmodern entgrenzten Linksliberalismus, der die binäre Geschlechterordnung aufsprengt und den Menschen über seine biologischen Vorgaben hinaus zum Schöpfer des eigenen Geschlechts ermächtigen will.

Offenkundig ist schließlich auch die Verbindung zwischen tendenziell pessimistischem Menschenbild (versus utopistisch-optimistisches, „gutmenschliches“) und der katholischen Lehre vom „peccatum originale“ (Ur-Sündenlehre), der wegen der geschwächten, dem Irrtum und dem Bösen zugeneigten Menschennatur ein hohes Maß an Realismus zu bescheinigen ist.

Die „rechten“ Prinzipien der ontologischen Ungleichheit (versus Gleichheit), die etwa der hierarchische Aufbau der katholischen Kirche abbildet, und der relativen Homogenität (versus individualistische Freiheitsüberhöhung) führt Dirsch nicht näher aus. 

Im Folgenden skizziert der Autor geschichtliche Ausgestaltungen des Rechtskatholizismus von der Französischen Revolution (Joseph de Maistre) bis ins 20. Jahrhundert (Carl Schmitt, Othmar Spann).

Unter veränderten Bedingungen kommt ihm in der Gegenwart durch die Vielfalt der Auflösung von staatlichen, gesellschaftlichen, sozialen, familiären und kirchlichen Ordnungen zuerst eine stabilisierende Funktion zu, etwa gegenüber dem von Linksintellektuellen propagierten individuellen Hedonismus und egalitären Menschheitskult, der die Willensträgerschaft des Volkes untergräbt.

Auch sind angesichts der Massenimmigration mit Bezug auf die katholische Soziallehre die Eintrittspflicht des Staates für das Gemeinwohl und für den Schutz des Eigenen entschieden einzufordern. Den Exponenten des patriotisch verwurzelten Rechtskatholizismus vor allem obliegt es, der Selbstdegradierung der Kirche zu einer globalen NGO mit dem Papst an der Spitze entgegenzutreten und ein organisch gewachsenes Europa kulturell verbundener Staaten zu fördern.

Entwicklung des konservativen Protestantismus nach 1945

Für die protestantische Seite geht der Theologe, Philosoph und Hochschullehrer Harald Seubert konservativen Strömungen ab 1945 nach (S. 52–74). Dem Geist der Bekennenden Kirche verpflichtete Theologen wie Helmut Thielicke und Walter Künneth konnten noch für zwei bis drei Jahrzehnte eine rege Wirksamkeit entfalten, ebenso der in der EKD einflussreiche Pastor und Publizist Alexander Evertz, der die Politisierung des Glaubens und die Nationvergessenheit der Linksprotestanten geißelte. 

Das Epochenjahr 1968 mit dem befreiungstheologischen „Politischen Nachtgebet“ Dorothee Sölles beim Essener Katholikentag markiert eine Zäsur und die Differenz der in der Folgezeit auseinanderdriftenden Allianz neomarxistischer und historisch-kritischer Kräfte einerseits und des theologisch und politisch konservativen evangelisch-lutherischen Lagers anderseits, das dramatisch an Einfluss einbüßte, obwohl es an institutionellen Gegeninitiativen wie der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ (Pfarrer Tegtmeyer), der „Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland“ (Bernt von Heiseler) oder der „Konferenz Bekennender Gemeinschaften“ (Peter Beyerhaus) nicht fehlte.

Als eine der bedeutendsten Stimmen des von der Reformation geprägten Konservatismus wirkte der Philosoph Günter Rohrmoser als Hochschullehrer, Publizist und Politikberater (Franz Joseph Strauß, Hans Filbinger) bis in die 1990er Jahre. Aus seiner Sicht musste die lutherische Zwei-Reiche-Lehre zwar tiefstes Ethos sein, durfte aber niemals direkte politische Rezeptur werden.

Evangelische Kirche in Augsburg

Auch dank der Zeitschrift „ideaSpektrum“ ist heute der Dachverband der stark evangelikal ausgerichteten „Evangelischen Allianz“ der mächtigste Widerpart des in der EKD und an den Universitäten etablierten linken Kulturprotestantismus, der seit den 1970er Jahren seinen Siegeszug über die Kirchentage angetreten hat und seither das Bild der Öffentlichkeit prägt.

Ihn bestimmen ein im Namen allgemeiner moderner Religiosität entwertetes, zum Teil eliminiertes Verständnis der Heiligen Schrift, ein vom „gefallenen“ Menschen abgerücktes, evolutionistisch-optimistisches Menschenbild sowie die Umdeutung der christlichen Liebesbotschaft in eine sozial-emanzipatorische, ökologische, humanitaristische Agenda.

Seubert rundet seinen Essay mit zwei alternativen Zukunftsszenarien ab. Das erste wäre, dass ein der Tradition verbundener, theologisch und geistlich erneuerter, von evangelikalen und klassisch evangelischen Kräften getragener Protestantismus wieder mehr Raum und Einfluss in Theologie und Kirche gewinnt; ihm fiele auch der schwierige Spagat zu, einerseits der Liebe zu Deutschland als Kultur- und Heimatraum (Patriotismus) Daseinsrecht zuzuerkennen, anderseits jenen Teil der Rechten zurückzuweisen, welcher den Glauben funktionalisiert und das „christliche Abendland“ nur als Kampfparole missbraucht.

Für wahrscheinlicher hält es Seubert jedoch, dass die neue politische Theologie des Protestantismus, die den christlichen Glauben auf Moralismus und Gefühl reduziert, die evangelische Kirche verstärkt zu einer rotgrünen Agitationseinrichtung umformen wird.

Populismus und Christentum im Zeichen des Globalismus

Der Journalist und Buchautor Martin Lichtmesz(S. 90–116) begreift den „(Rechts-)Populismus“ als Kampfbegriff der säkularen Polit-Religion des „humanitären Universalismus“ (Rolf Peter Sieferle) oder „Globalismus“, der sich geistesgeschichtlich aus liberaler „Religion“ der Menschenrechte und linkem Kulturmarxismus herleitet, zur Feindbestimmung all derer, die in Rückbesinnung auf urdemokratische Impulse Repräsentation, Partizipation und Bewahrung der Eigenen von der politisch-medialen Machtelite einfordern.  

Populisten, die sich als Demokraten und Europäer sehen, halten an der Basis der Nation fest, deren Volk durch Sprache, Abstammung, Geschichte und Kultur verbunden ist – im Gegensatz zu „Brüssel“, das die einst christdemokratische EU unter Berufung auf „Menschenrechte“ und „liberale Demokratie“ in Richtung Immigration („Migrationspakt“), Multikulturalisierung, Islamisierung und „Diversity“ steuert und die Nationalstaaten entmachtet.

Diese Politik erzwingt nach dem katholischen Theologen Martin Schelkshorn eine ideologische Synthese zwischen Christentum und Globalismus; wer sie ablehnt, verstößt gegen den „Geist der Demokratie“, die „Menschenrechte“, die „christlichen Werte“. Umgekehrt wäre eine ideologische Synthese zwischen Christentum und neorechter Ideologie „eine Pervertierung christlicher Moral“. Schelkshorns Sicht wird im Grundsatz von hohen Repräsentanten beider Kirchen geteilt, die sich dem Druck der Globalisten beugen zu müssen glauben, um gesellschaftlich relevant zu bleiben.

Lichtmesz erweist die Unrichtigkeit der schematischen Zuordnung.

Nicht nur Papst Benedikt XV. verwarf im Motuproprio „Bonum sane“ (1920) die Ideologie der „Einen Welt“, die mit einer „noch nie dagewesenen Schreckensherrschaft verbunden“ sei, auch Johannes Paul II. erinnerte in seinem Rundschreiben „Dilecti Amici“ (1985) die Jugend der Völker an ihre vaterländische Verantwortung, die die Pflicht, Volk, Stamm oder Nation zu erhalten, einschließt.

Die Weigerung der ungarischen Bischöfe, ihr Land den Angehörigen einer fremden, häretischen Religion zu öffnen, beruht auf dieser jahrhundertealten Tradition. Anhand der neuen, 2012 unter Viktor Orbán in Kraft getretenen ungarischen Verfassung fokussiert Lichtmesz auf die Korrektur der fatalen Fehlentwicklung: An erster Stelle stehen hier die nationale Identität und Besonderheit, über den Menschenrechten und über liberalen Prinzipien; die Rolle des Christentums wird explizit gewürdigt.

So ist einer Überdehnung der Menschenrechte (wie in den „pluralen“ Demokratien Westeuropas) zulasten der autochthonen Bevölkerung ein Riegel vorgeschoben.

Auf der Basis ethnokultureller Homogenität, unter Einbettung ethnischer Minderheiten in die ungarische „Leitkultur“ und in Übereinstimmung mit dem Solidaritätsprinzip der katholischen Soziallehre kann die Lehre von den „Pflichtenkreisen“ greifen, die bei Thomas von Aquin in den Prioritätenfolge Gott – Eltern (Blutsverwandte) – Vaterland (Freunde, Mitbürger) ausformuliert ist: praktische Nächsten-Liebe vor Fernsten-Liebe. Nur von hier aus ist eine Ausweitung moralischer Verantwortung auf die gesamte Menschheit möglich. Dieser globalen Erweiterungsebene trägt auch Ungarns neue Verfassung Rechnung.

Christentum und Rechtskonservatismus aus theologischer Sicht

Der ostdeutsche evangelische Pfarrer a. D. Thomas Wawerka (S. 173–189) betont die Priorität des Glaubens (Christ sein) gegenüber der konkreten politischen Willensbekundung (rechts sein) – Jesus Christus selbst scheidet beide Sphären voneinander (Mk 10,42–45; auch Mk 12,17; Joh 18,36).

Gemäß der „Ethik“ Dietrich Bonhoeffers sei das Politische zwar als ein Zuständigkeitsbereich in der Welt anzuerkennen, es ist aber nicht der einzige oder absolute; vielmehr gelten auch „Schöpfungsordnungen“ oder „Mandate Gottes“, die dem Zugriff des Politischen entzogen sind.

Als Beispiele nennt der Autor die Familie als Verbindung von Mann und Frau sowie das Volk. Demnach hat christliche Ethik die Einführung der „Ehe für alle“ ebenso als Anmaßung des Politischen zurückzuweisen wie den Umbau der gottgewollten Völker zu multikulturellen Gesellschaften.

Im Anschluss an den Soziologen Theodor Geiger (1891–1952) verwirft Wawerka eine wertefixierte Politik, da sie zwangsläufig zum (linken) totalitären Missionieren führt, das die (rechte) Gegenseite als Feind disqualifiziert und ausgrenzt.

An der Verschmelzung des Politischen mit dem Moralischen seien schon Familien, Freundschaften und Arbeitsverhältnisse zerbrochen. Absolute Werte gebe es in der christlichen Ethik jedoch nicht; Werte sind dem Herrn Jesus Christus untergeordnet, in der Vielfalt relational: dem Vaterland verpflichtet und universal, dem Frieden verpflichtet und wehrhaft. Stattdessen ist eine Politik der Interessen und des Interessensausgleichs zu praktizieren.

Wawerka verlangt eine Wende von der wertepolitischen zur ordnungspolitischen Ethik, zur Rekonstruktion der Ordnungen. Da deren Befürworter und Verteidiger eher unter dem Etikett „rechts“ auftreten, ergeben sich hier in der Tat Schnittmengen mit dem Christentum.

Umsetzung und Widerstand: AfD und IB

Volker Münz, kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, referiert die Bedeutung der Vereinigung „Christen in der AfD“ für seine Partei (S. 160–172). Seit deren Gründung (2013) suchen sich hier Christen aller Konfessionen im Gebet gegenseitig zu stärken.

Trotz seiner nur rund 500 Mitglieder ist der Einfluss der ChrAfD in die Partei hinein (ca. 30.000 Mitglieder, davon etwa 60 Prozent Christen) immens und äußert sich vor allem in der Mitgestaltung des Parteiprogramms nach christlich-konservativen Vorstellungen. Sie haben im Bekenntnis zum Schutz des ungeborenen Lebens, zur Bewahrung der traditionellen Ehe und Familie und in der Ablehnung der unchristlichen Genderideologie Eingang gefunden.

Ferner bekennt sich die AfD zur christlich-abendländischen Kultur und zum jüdisch-christlichen Menschenbild. Der Utopie der multikulturellen Gesellschaft begegnet sie mit dem Konzept der europäischen Leitkultur (nach dem Politikwissenschaftler Bassam Tibi), unter deren Fittichen der Nationalstaat des deutschen Volkes erhalten bleiben soll.

Obwohl die AfD mehr als alle anderen Parteien für eine Politik aus christlichem Ethos stehe, erfährt sie scharfe Ablehnung von meist „fortschrittlichen“ Vertretern der Amtskirchen. Während pauschal die Vorwürfe Populismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Hassrede erhoben werden, fehlt eine kirchliche Würdigung der dezidiert christlichen Positionen der Partei, zu denen Grüne und Linke, aber auch Sozial- und Christdemokraten nicht selten in Widerspruch stehen, wie etwa 2017 bei der Einführung der „Ehe für alle“ oder jüngst bei der gesetzlichen Aufweichung des Werbeverbots für Abtreibungen (§ 219a StGB).

Einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen unter Berufung auf ein universalistisch überspanntes Ethos der Nächstenliebe infolge einer sachwidrigen (theologischen) Vermengung von Individual- und Sozialethik stellt die AfD das Postulat eines auf Recht und Gesetz basierenden verantwortungsethischen Handelns entgegen, für das sie sich auf den Aquinaten und die unverkürzte katholische Soziallehre berufen kann. Ob sich Bischöfe manchmal durch „fundamentalistische“ Rechte unangenehm an das Depositum Fidei erinnert fühlen?

Mit Gegenwind hat die AfD auch vor dem Hintergrund ihrer angezweifelten Verfassungsmäßigkeit zu rechnen. Das berührt die Tätigkeit der nach den Landesschulgesetzen zu politischer Neutralität verpflichteten Lehrer. Dieser Thematik widmet sich der Zeithistoriker und Publizist Stefan Winckler (S. 75–89).

Anhand einer sachsen-anhaltinischen Schule zeigt er auf, wie Lehrkräfte, die 2017 ein „Zeichen gegen Rassismus und Intoleranz“ setzen wollten, Schüler gegen die AfD als Gesamtpartei zu indoktrinieren versuchten: irregulär, weil diesen – „überwältigt“ – keine Chance gegeben wurde, sich durch Pro-und-kontra-Diskussion ein eigenes Urteil zu bilden. 

Der Beitrag zweier Mädchen auf „journalistenwatch“, nach dem AfD-nahe Mitschüler von Lehrerseite beleidigt und bedroht wurden, wird als weiteres Beispiel unerlaubter Meinungslenkung zitiert. Lehrer wegen AfD-Mitgliedschaft mit Disziplinarmaßnahmen zu belegen, hält Winckler für ungerechtfertigt, sofern sie sich im Unterricht nicht parteiisch oder verfassungsfeindlich äußern. Hingegen sollten sie kriminelle Antifa-Aktionen gegen AfD-Politiker, deren Kundgebungen und Wahlkampfstände erörtern dürfen.

Der in den Medien zum Teil hysterisch angefeindeten Identitären Bewegung (IB) gilt der Beitrag der promovierten Philosophin und Aktivistin Caroline Sommerfeld(S. 190–203).

Die Gruppierung französischen Ursprungs wurde von dem Studenten Martin Sellner und einer kleinen Schar 2012 in Österreich und 2014 in Deutschland gegründet. Der siegreichen Schlacht des christlichen Heeres über die Türken am Kahlenberg vor Wien (1683) eingedenk, vertritt sie die Grundidee, dass Völker ein Recht auf Heimat und ethnokulturelle Identität haben. Infolge des Kampfes gegen Islamisierung und Globalismus ist die IB ins Visier des Verfassungsschutzes geraten.

Über Herkunftsidentität und Kulturchristentum hinaus beharrt die politische Jugendbewegung, die 2017 mit ihrer Aktion „Defend Europe“ zur Beobachtung von Schleusern im Mittelmeer aufhorchen ließ, auf dessen „Gründungsmythos“, auf den historischen Großerzählungen von seiner Abwehr des äußeren Feindes.

Daraus resultiert das Verständnis eines wehrhaften Christentums in der Tradition der milites christiani. Zuinnerst speist sich ihre „Identität“ aus der Heideggerschen „Existierkunst“, durch die der Einzelne in seinen historischen Handlungsauftrag gestellt ist.

Mit Bezug auf Carl Schmitt unterscheidet Sommerfeld zwischen privatem Feind (inimicus) und politischem Feind (hostis).

Der Verzicht auf individuelle Gewalt, wozu sich die IB „metapolitisch“ kämpfend bekennt, widerspricht nicht der Verteidigung Europas gegen den Islam als hostis. Die Widerstandskraft des Christentums sieht die Autorin durch den unterwürfigen nachkonziliaren christlich-muslimischen Dialog mit der dekretierten gemeinsamen Anbetung des „einen Gottes“ (Lumen gentium 16) und die Umdeutung des Liebesbegriffs geschwächt.

Das Ringen mit dem Problem der Wehrhaftigkeit wird für die IB in der Praxis wohl eine Herausforderung bleiben.

Anleihen für einen fairen Diskurs auf Augenhöhe

Ausgehend von den Folgen der „Grenzöffnung“ 2015 sucht der evangelische Pfarrer Lothar Mack (S. 204–229) die Themen „christlicher Glaube“ und „positives Nationalbewusstsein“, deren Gewissheit nach dem Zweiten Weltkrieg fragwürdig geworden war, für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Mittels theologisch-politischer Anleihen bei Autoren wie Helmut Thielicke, Hermann Rauschning oder Walter Bargatzky strebt er eine „Horizontverschmelzung“ an, aus der die Heutigen von den tastenden Antworten der Damaligen lernen können.

Deren radikale Offenheit fernab politischer Korrektheit und kirchlichen Moralisierens repräsentiert vorbildlich eine Gesprächskultur auf Augenhöhe mit dem Anderen, von welcher heute Regierende, Kirchenleitungen und ihre gesinnungsethischen Vasallen in den Medien meilenweit entfernt sind. Diese rote „Diskurshoheit“, die sich unreflektiert in eine rotbraune wandelt und das Gegenüber zum Feind verzerrt, bezeichnet Mack als „moralischen Rassismus“.

Das Bemühen, Christsein und Liebe zum Vaterland neu und tragfähig miteinander zu verbinden, ist beispielhaft in dem von dem protestantischen Adeligen Werner von Trott zu Solz herausgegebenen Sammelband „Der Untergang des Vaterlandes“ (1965) dokumentiert.

In der von ihm initiierten „Gesellschaft Imshausen“, „eine politische Gruppe 47“ („Die Zeit“), trafen sich Sozialdemokraten, Christen und Kommunisten zum vorurteilslosen, parteiübergreifenden Meinungsstreit über alle gesellschaftspolitischen Fragen. Das Programm der Gesellschaft bietet gerade heute eine Anleitung zu freiem gemeinschaftlichen Denken und Handeln angesichts existenzieller Krisen.

Zur Zukunft von Christentum und Islam

Der belgische Althistoriker David Engels (S. 145–159) versucht anhand des Vergleichs mit früheren Epochen der römischen, persischen, arabischen, chinesischen und japanischen Geschichte eine Einschätzung der Zukunftsaussichten von Christentum und Islam in Europa.

Er konstatiert eine zweifache Kluft zwischen Islam und Abendland einerseits und zwischen Liberalismus und Konservatismus anderseits, die sich beide auf „europäische Werte“ berufen (humanistisch versus christlich).

Unbestritten ist der „alte“ Kontinent von Ermüdungserscheinungen gezeichnet, wobei die neue politische Formation der EU keine Überwindung, sondern ein Symptom der Schwäche darstellt. Kurioserweise machen sich ausgerechnet linke und grüne Befürworter der Säkularisierung und Entchristianisierung der Gesellschaft zu Förderern der zunehmenden Islamisierung.

Engels prognostiziert für die nächsten 20 Jahre – von Unruhen, wirtschaftlichem Abstieg und staatlichem Kontrollverlust erschüttert – eine wachsende muslimische Prägung Europas, die sich mittelfristig (die nächsten 50 Jahre) durch den Einfluss von Demographie und Konversion hochrangiger Politiker zum Islam (aus Kalkül oder Überzeugung) verschärft und erst langfristig (während der nächsten 100 Jahre) religiösen Ausgleichserscheinungen weichen wird.

Die Frage des Ab- oder gar Aussterbens des Christentums in Europa sieht der Autor offen. Gute Überlebenschancen räumt er einer reformierten Kirche ein, die sich einerseits kulturell und in der Glaubenswelt auf ihre abendländischen Wurzeln besinnt und anderseits durch Zurückdrängen des Laizismus eine Generation offen zu ihren christlichen Überzeugungen stehender Politiker etabliert. Hier kommen (rechts)konservative und junge traditionalistische Kräfte als Schrittmacher ins Spiel.

Christentum zwischen Universalismus und Partikularismus

Der studierte Philosoph, Germanist und Blogger Daniel Zöllner (S. 230–247) hinterfragt die Rechtfertigung der „Grenzöffnung“ 2015 durch Angela Merkel mit dem Argument der „christlichen Vorstellung der Gotteskindschaft jedes Menschen, aus der die unverletzliche Würde jedes Einzelnen resultiert“.

Falsch daran ist – nebenbei bemerkt – jedenfalls der Begriff: „Gotteskindschaft“ kommt definitionsgemäß nur getauften Christen (nicht Muslimen) zu; „Gottebenbildlichkeit“ wäre korrekt. Im Diskurs prallen die Positionen der universalistischen (pro Grenzöffnung), gesinnungsethischen „Kosmopoliten“ und der partikularistischen (kontra Grenzöffnung), verantwortungsethischen „Kommunitaristen“ in einem „clash of morals“ unversöhnlich aufeinander.

Wider den von Bischöfen erweckten Eindruck, als Christ müsse man sich zum Universalismus bekennen und partikulare, nationale Interessen (bis zur Selbstaufgabe) hintanstellen, deckt Zöllner die geschichtliche Unhaltbarkeit der Position auf:

Dem durch den Völkerapostel Paulus gepredigten Universalismus des Glaubens widerstreitet die stets partikularistische politische Macht. Im Einklang mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre und Max Webers Essay „Politik als Beruf“ hält der Autor fest, dass Politik nicht religiös und Religion nicht politisch werden sollte; Politiker, die sich nicht „die Hände schmutzig machen“ wollen und weigern, Übel mit Machtmitteln einzuhegen, werden schuldig.  

Genau dies ist aber erforderlich, wenn die Immigration von Muslimen, deren Religion sich als umfassend geltende, alle Bereiche durchdringende Lebensordnung versteht, die pluralistische Gesellschaft bedroht.

Im Weltbild linker Universalisten nimmt der Migrant fatalerweise die Rolle des absolut unschuldigen Opfers ein; durch Identifizierung mit ihm brandmarken sie von der Warte pharisäerhafter Gutmenschen aus jeden Kritiker als „Fremdenfeind“, „Rassisten“ oder „Nazi“.

Infolge der Gefährdung von Rechts-, Sozialstaat und Demokratie sowie der Vergeudung finanzieller Ressourcen wertet Zöllner die „Flüchtlingspolitik“ der Kanzlerin mit dem Rechtsphilosophen Reinhard Merkel als „moralisches Desaster“. Sie krankt an einem entstellten Christentum, seiner zivilreligiösen Schwundform.

Das vorletzte Wort des (rechten) Christen muss – realistisch in Anerkenntnis des kreatürlichen Unvermögens des Menschen, eine vollkommene irdische Welt zu schaffen – dem Partikularismus gehören; sein letztes Wort wird – Gottes Neuschöpfung des himmlischen Jerusalems erwartend, zu dem die Völker unterwegs sind – universalistisch sein.

Gesamtbewertung des Buches

Die durchwegs soliden Beiträge des Sammelbands zeichnen sich durch hohe Informationsdichte und ein geistig ansprechendes, teilweise anspruchsvolles Niveau aus, das sich sprachlich auch in Form von längeren hypotaktischen Sätzen manifestiert.   

Statt eines geschlossenen Konzepts bieten sie dem Leser „Bausteine“ mit thematischen Schwerpunkten zur Bildung und Reflexion einer biblisch fundierten, durch die christliche Tradition gestützten, rechten oder konservativen Position. Deren Unverzichtbarkeit im heutigen Diskurs steht außer Frage.

Die Autoren bewegen sich im verfassungskonformen Rahmen; eine Nähe zu Gedankengut des sogenannten „Flügels“ um den AfD-Politiker Björn Höcke klingt nirgends an. Es gibt eine Grenze gegenüber rechtlich dubiosen oder gesetzeswidrigen Auswüchsen der rechten Szene. Seubert hat sie in seinem Buch „Der Frühling des Missvergnügens“ (2018) noch schärfer gezogen.

Die Auswahl der Autoren hat protestantische Schlagseite, was in der theologischen Argumentation (Zwei-Reiche-Lehre) stark widerhallt. Demgegenüber wäre ein alternativer oder ergänzender Beitrag seitens eines katholischen Sozialethikers wie Professor Wolfgang Ockenfels und der Piusbruderschaft (FSSPX) wünschenswert gewesen, wie schon andernorts zu Recht vermerkt wurde (vgl. „Sezession“ Nr. 87).

Als ein Plus hätte man sicher auch einen Essay des Romanciers Martin Mosebach oder des Journalisten Alexander Kissler verbucht, der das Wagnis einer Verknüpfung von Konservatismus und Moderne unternommen hat.

Anderseits bietet der nur um wenige Zeilen erweiterte (bzw. gekürzte) Auszug aus dem 2011 erschienenen Buch „Das katholische Abenteuer“ von Matthias Matussek (S. 117–144) kaum Erkenntniszuwachs, obschon die Ausgrenzung des einst gefeierten „Spiegel“- und „Welt“-Journalisten die antikatholische Verschiebung in der deutschen Medienlandschaft exemplarisch erhellt, wodurch sein mutiges persönliches Glaubenszeugnis sowie seine Bedeutung für das rechtskonservative Lager noch an Gewicht gewinnen.

Die detaillierten Literaturangaben am Ende der meisten Beiträge regen zur vertiefenden Lektüre an. Ein Personenregister für den raschen gezielten Zugriff fehlt leider.

Unser Autor Thomas May aus Sendenhorst (Münsterland) ist Religionspädagoge und Publizist

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift „Theologisches“, Nr. 7/8 2019, S. 403–412.


Führende Experten widerlegen einen „Zusammenhang“ von Zölibat und Missbrauch

Von Felizitas Küble

In der erneut aufgeflammten Debatte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche wird der Zölibat vielfach direkt oder indirekt als Ursache für pädosexuelle Verfehlungen angesehen; zumindest wird die priesterliche Ehelosigkeit mit Hinweis auf diverse Vorfälle infrage gestellt, teils auch von Kirchenvertretern.

Diese Würdenträger sollten den Fokus stattdessen auf die mangelnde Wahrnehmung der bischöflichen Aufsichtspflicht richten.

BILD: Katholische Priester bei der Feier einer hl. Messe

Die Frage steht gleichwohl im Raum: Gibt es ein Ursache-Wirkung-Verhältnis oder besteht zumindest ein konkreter Zusammenhang zwischen dem Zölibat und den entsetzlichen Vorfällen von Kinderschändungen durch Kleriker?

Von fachlicher Seite – zumal von Gerichtspsychiatern  –  wird dieser Kontext schon seit längerem bestritten; hierzu einige Beispiele:

Dr. Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen, erklärte am 23. August 2010 gegenüber dem „Deutschlandradio“, niemand werde durch den Zölibat pädosexuell geprägt, zumal diese Neigung bereits während der Pubertät entstehe, das Zölibatsversprechen hingegen erst viel später erfolge.

Daher sei es „nicht sonderlich einleuchtend“, überhaupt einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch herzustellen.

Dr. Leygraf widersprach zudem der Auffassung, dass abnorme Formen der Sexualität unter kath. Priestern überdurchschnittlich stark vertreten seien: „Irgendwelche Studien, die belegen würden, dass sie besonders häufig Leute mit einer abnormen Sexualität wären, gibt es nicht.“

(Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-sind-ja-ueberwiegend-altfaelle.1008.de.html?dram:article_id=163438)

Evangelischer Forensiker: Zölibat keine Ursache für Missbrauch

Der bekannte Forensiker Prof. Dr. Hans-Ludwig Kröber erklärte bereits  zu Beginn der öffentlichen Missbrauchsdebatte im Februar 2010, dass katholische Priester gerade wegen ihrer geistigen Grundhaltung weitgehend davor geschützt seien, zu Missbrauchstätern zu werden.

Der evangelische Kriminal-Psychiater Kröber ist Mitherausgeber des Standardwerkes „Handbuch der Forensischen Psychiatrie“ und Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Seinen Studien zufolge ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein kath. Priester zum Missbrauchs-Täter wird, 36 mal geringer als bei Männern, die nicht zölibatär leben.

BILD: Kardinal Müller weiht einen jungen Mann zum Priester

In einem Artikel der Tageszeitung „Die Welt“ vom 3.4.2010 heißt es, die Lebensform Zölibat habe „mit dem Missbrauch von Kindern nichts zu tun.“ Als Beleg wird Professor Kröber zitiert: „Statistisch gesehen wird man eher vom Küssen schwanger, als vom Zölibat pädophil.“ 

(Quelle: https://www.welt.de/debatte/article7038687/Der-Zoelibat-ist-eine-Liebesbeziehung.html)

Ähnlich argumentiert der katholische Publizist und Psychotherapeut Manfred Lütz, Direktor eines Psychiatrischen Krankenhauses in Köln, in der FAZ vom 11.2.2010:

„Den Zölibat in diesem Zusammenhang (Kindesmissbrauch) zu nennen, ist besonders verantwortungslos. Auf einer Tagung 2003 in Rom erklärten die international führenden Experten – alle nicht katholisch – es gebe keinerlei Zusammenhang dieses Phänomens mit dem Zölibat.“

Bei der erwähnten Tagung handelte es sich um einen kompetenten Fachkongress: er dauerte eine Woche und versammelte international führende Forensische Psychiater, Mediziner und Sexualwissenschaftler zum Thema Missbrauch.

Prof. Nedopil: Beherrschung reduziert das Verlangen

Auch Prof. Dr. Norbert Nedopil wies im März 2010 in diversen Talksendungen die weitverbreiteten Unterstellungen gegen den Zölibat zurück. Der Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie der Universität München (LMU) erklärte, die religiös begründete, freiwillige Ehelosigkeit senke das Risiko, zum Sexualtäter zu werden: „Wenn man Sexualität einschränkt, dann sinkt auch das Verlangen danach.“

Prof. Dr. Christian Pfeiffer nimmt den Zölibat ebenfalls gegen den Vorwurf der Begünstigung pädosexueller Taten in Schutz: Der evangelische Kriminologe und frühere SPD-Justizminister von Niedersachsen ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

In einem Gastbeitrag für die linksliberale „Süddeutsche Zeitung“ stellte er klar, dass der statistische Anteil der Priester an den Missbrauchsfällen exakt 0,1 % beträge, also 1 Promille. Obwohl es überall Dunkelziffern gibt, rechnet er bei Priestern „für alle Fälle“ eine dreifach so hohe Dunkelziffer wie sonst, was dann 0,3% ergäbe, folglich drei Promille.

Auch dieser Experte stellt fest, dass selbst bei hochgerechneter Dunkelziffer der Priester-Anteil im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt sehr gering sei, ein Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch daher nicht erkennbar.

(Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/missbrauch-in-der-katholischen-kirche-drei-promille-aller-taeter-1.24359)

„Zartbitter“-Chefin: Anti-Zölibats-Debatte kontraproduktiv

Neben Gerichtspsychiatern haben sich auch Fachleute aus dem Beratungsspektrum zu dieser strittigen Frage zu Wort gemeldet.

Das Problem von Missbrauchstätern in eigenen Reihen betrifft nach Meinung der Kölner Expertin Ursula Enders beide großen Kirchen in Deutschland in gleich starker Weise:

„Die evangelische Kirche hat sich lange Zeit in Sicherheit gewiegt und geglaubt, `bei uns doch nicht, das liegt ja am Zölibat`“ sagte die Therapeutin bei der Fachtagung „Missbrauch in Institutionen“ Anfang Juni 2012 in Hamburg. Das sei jedoch ein Mythos: „Missbrauch hat mit Zölibat wenig zu tun“, so die Leiterin von „Zartbitter“, einer Einrichtung gegen sexuellen Missbrauch in Köln. 

Enders betonte, ihrer Beobachtung zufolge komme das Problem in der evangelischen Kirche nicht seltener vor. Nachdem diese lange die Augen vor dem Thema verschlossen habe, würden jetzt verstärkt Fälle in protestantischen Einrichtungen bekannt. 

Die Kirchen seien vom Thema sexualisierte Gewalt nicht stärker betroffen als etwa Sportvereine, Schulen oder das familiäre Umfeld, sagte die Expertin.

Zu den Risikofaktoren zähle, dass Täter häufig die Maske des sozial Engagierten trügen. Gerade in sozialen Einrichtungen gebe es den Typus des „Dauerjugendlichen“, erklärte Enders: „Das ist niemals gut für Kinder.“ Diesen Typus habe sie vor allem in evangelischen Kirchengemeinden erlebt.

(Quelle: https://www.kath.ch/newsd/deutsche-therapeutin-missbrauch-hat-wenig-mit-zoelibat-zu-tun/)

Ergänzend dazu folgen Äußerungen von Ursula Enders aus ihrer diesbezüglichen Stellungnahme vom 15. März 2010 speziell zum Dauerbrenner Zölibat:

„So kritisch man dem Zölibat gegenüberstehen mag, die breite Erfahrung von Zartbitter entlarvt die Reduzierung der Täterschaft auf zölibatäre katholische Priester als Mythos, der zu einer grundlegenden Vernachlässigung eines ausreichenden Schutzes von Mädchen und Jungen vor sexuellen Grenzverletzungen führen kann.

Eine allzu einseitige Diskussion über das Zölibat lenkt ab von dem großen Ausmaß der sexuellen Ausbeutung von Kindern in Schulen, Einrichtungen der Jugendhilfe, Sportvereinen, kommerziellen Angeboten für Kinder und Jugendliche (Ballett, Ferienreisen, Musikunterricht).

Folglich ist die mit großer Heftigkeit geführte aktuelle Diskussion über das Zölibat im Sinne des Kinderschutzes kontraproduktiv.

Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften (zum Beispiel der evangelischen Kirche, den Zeugen Jehovas, dem Islam) verkünden häufig mit einem trügerischen Seufzer der Erleichterung: „Bei uns sind die Geistlichen verheiratet und unsere Kinder somit vor Missbrauch durch Geistliche sicher“.  – Derart „naive“ Gläubige werden nicht selten mit der bitteren Realität konfrontiert, dass ein vermeintlich ungefährlicher, heterosexuell lebender Geistlicher oder Laienhelfer Mädchen und/oder Jungen missbraucht hat!

Die Beratungsarbeit von Zartbitter Köln in den letzten 25 Jahren hat deutlich gemacht, dass auch der Missbrauch innerhalb kirchlicher Institutionen vorrangig von heterosexuell lebenden Tätern und Täterinnen verübt wird, die sich in kirchlichen Institutionen als Gemeindereferenten, Diakone, Gruppenleiterinnen, Jugendbetreuer, jugendlichen Messdienerführer, Koch auf Ferienfreizeiten etc. engagieren.“

(Quelle: http://www.zartbitter.de/gegen_sexuellen_missbrauch/Fachinformationen/6510_mythos_zoelibat.php)

Fakten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Im Jahre 2012 wurde in Medien berichtet, laut polizeilicher Kriminalstatistik hätten in Deutschland die Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern wieder deutlich zugenommen.

Allgemein stieg damals die Zahl der registrierten Sexualdelikte um 5%, der Besitz von Kinderpornografie sogar um dramatische 23%.

Dazu schrieb die Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ (Nr. 42/2012, Seite 2):

„Während die Kirchen das Thema in den vergangenen Jahren stark aufgegriffen haben und die Fälle, die fast alle aus der Vergangenheit stammen, aufarbeiten, ändert sich in der „weltlichen“ Bevölkerung am sexuellen Missbrauchsverhalten offenbar gar nichts. Das aufklärerische Vorbild der sonst so viel gescholtenen Kirche und die damit medial aufgebauschte Debatte haben auf das allgemeine gesellschaftliche Verhalten da offenbar überhaupt keinen reinigenden Einfluss.“

Zum Thema „aufgebauschte“ Debatte gehört auch der ständige Vorwurf gegen den Zölibat in vielen Medien.

Interessanterweise hat hierzu die staatliche „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“  –  die ansonsten nicht gerade für „konservative“ Äußerungen bekannt ist – Stellung bezogen.

Unter dem Titel „Sexueller Missbrauch in Fallzahlen der Kriminalstatistik“ wird in einem Internet-Bericht klargestellt, dass der Zölibat weder direkt noch indirekt als Ursache für sexuelle Übergriffe anzusehen sei.

Im Kapitel „Risikofaktor Zölibat?“ heißt es darin, in der Öffentlichkeit sei „der Eindruck entstanden, dass katholische Kinder, die in ihren Kirchengemeinden beispielsweise als Ministranten tätig sind, ein besonders hohes Risiko haben könnten, Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester zu werden. Verschiedentlich wurde die These aufgestellt, der Zölibat sei mitverantwortlich für einen sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und Ordensangehörige.“

Die erwähnte Ausarbeitung kommt nun auf die Fakten zu sprechen:

„Die bisher bekannt gewordenen Fakten scheinen allerdings nicht dafür zu sprechen, dass diese Einschätzungen zutreffen. So hat der „Spiegel“ Anfang Februar 2000 bei allen 27 Diözesen Deutschlands nachgefragt, wie viele Priester oder kirchlich angestellte Laien in ihrem jeweiligen Amtsgebiet seit 1995 als Tatverdächtige oder Verurteilte dieses Deliktes registriert worden sind. 24 Diözesen haben geantwortet. Stellt man die dort ermittelten Zahlen den polizeilich ermittelten Tatverdächtigen des sexuellen Kindesmissbrauchs für die Jahre 1995-2009 gegenüber, so entfiele auf die katholischen Priester ein Anteil von 0,1%.“

In der betreffenden Fußnote wird zudem angemerkt:

„Wenn man die dort benannten sieben Laien streicht, ergeben sich 117 verdächtige Priester – im Durchschnitt pro Bistum also 4,9. Unterstellt man ferner für die drei fehlenden Bistümer sicherheitshalber jeweils eine doppelt so große Zahl, also 30 weitere Personen, errechnet sich eine Gesamtzahl von 147 Priestern, die in den 15 Jahren bundesweit von der Polizei als Tatverdächtige registriert worden sind. Dem steht gegenüber, dass in Deutschland zwischen 1995 und 2008 die Zahl der polizeilich erfassten Tatverdächtigen des sexuellen Kindesmissbrauchs insgesamt 128.946 betrug. Rechnet man für 2009 den Durchschnittswert dieser 14 Jahre hinzu, ergibt sich für die 15 Jahre eine Gesamtzahl von rund 138.000.“

Außerdem stellt diese Analyse klar, dass die Theorie, wonach zwischen Zölibat und Kindesmissbrauch ein Zusammenhang bestände, auch rein psychologisch gesehen nicht haltbar sei, weil die pädophile Prägung  – also die sexuelle Orientierung an Kindern – weitaus früher ansetzt als eine im Erwachsenenalter erfolgte Entscheidung für den Zölibat. Hierzu heißt es:

„Zweifel ergeben sich ferner an der These, dass katholische Priester durch den Zölibat ein deutlich erhöhtes Risiko hätten, Täter des Missbrauchs zu werden. Gegen diese Annahme spricht zunächst, dass es sich bei einem Teil der Täter um pädophile Männer handeln müsste, also um Personen, deren sexuelle Präferenz sich zeitlebens auf Kinder richtet. Bei ihnen kann die spätere Entscheidung, als Priester eine Keuschheitsverpflichtung einzugehen, ihre sexuelle Grundorientierung also nicht befördert haben.“

(Quelle: http://forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1348)

Feministische Historikerin verteidigt den Zölibat

Die weitverbreitete Vorstellung von einem angeblichen Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch erhielt zudem Widerspruch von feministischer Seite. So wendet sich die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog, Autorin der wissenschaftlichen Studie „Die Politisierung der Lust“, ausdrücklich gegen die Verdächtigung dieser Lebensweise. index

Das „Deutschlandradio“ führte am 14. März 2010 ein ausführliches Gespräch über „Pädophilie und Pädagogik“ mit der Autorin aus New York, die in ihren Forschungen vor allem den Umgang mit Missbrauchsverbrechen in den USA und Irland untersuchte.

Frau Prof. Herzog wurde in dem Interview gefragt, was sie von der Ansicht des Hamburger Weihbischofs Jaschke halte, wonach der Zölibat eine Anziehungskraft für sexuell Fehlgeleitete ausübe.

Die Antwort der Historikerin: „Ich finde, daß das falsch ist.“ –  Es gäbe schließlich zahllose Männer, die mit dem Zölibat gut klarkämen.

Sexuelle Übergriffe kämen zudem auch in Familien und im linken Spektrum vor, wobei sie an die Odenwaldschule erinnerte: Dort habe man sich sogar bewußt die antiken Zeiten Griechenlands mit ihrem Päderastentum bzw. der sog. „Knabenliebe“ zum Vorbild genommen.

Die Geschichtswissenschaftlerin widersprach überdies jener vulgärpsychologischen „Dampfkessel-Theorie“, die besagt, eine Unterdrückung sexueller Triebe führe zu Fehlformen, krankhafter Sexualität, Machtrausch und Aggressionen  –  eine These, die nicht zuletzt auf Wilhelm Reich zurückgeht, einen Vordenker der „sexuellen Befreiung“.

Dagmar Herzog weist diese These zurück, denn sie sei falsch und gerade durch die NS-Diktatur widerlegt: Damals habe eine  –  im Vergleich zur Zeit davor – größere sexuelle Freizügigkeit geherrscht, gleichzeitig gab es aber auch eine Zunahme an Machtgier und Aggressionen. Die Sexual-„Moral“ der Nazis sei insgesamt nicht konservativ, sondern liberal gewesen.

Hierüber verfasste die feministische Autorin 2005 eine faktenreiche Studie mit dem Titel „Die Politisierung der Lust“ (Siedler-Verlag), worin sie analysiert, dass die NS-Zeit zu einer „Fortschreibung, Ausweitung und Intensivierung der bereits vorhandenen liberalisierenden Tendenzen“ führte. So haben die kirchenfeindlichen Nationalsozialisten z. B. die Strafbarkeit des Ehebruchs reduziert und voreheliche Sexualität propagiert.

Diese Stellungnahmen von Expertenseite  – seien es Psychiater, Historiker, Forensiker oder Therapeuten  –  widerlegen die in vielen Medien und bisweilen auch in kirchlichen Kreisen aufgestellte These, der Zölibat sei eine oder gar die maßgebliche Ursache für Missbrauch bzw. es bestehe ein erkennbarer Kontext zwischen beiden Aspekten.

Erstveröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift „Theologisches“ vom Oktober 2018

Weiteres Info hierzu: https://charismatismus.wordpress.com/2018/10/02/sogar-zdk-praesident-sternberg-stellt-klar-kein-zusammenhang-von-zoelibat-und-missbrauch/


John Knox: Der radikalste Prediger und Kirchengründer des Protestantismus

Von Felizitas Küble

Dieser Beitrag unserer CF-Redaktionsleiterin ist in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Theologisches“ (Juni 2017) erschienen – dort unter dem Titel: „John Knox: Vom katholischen Priester zum Wegbereiter der Reformation in Schottland“:

Wenn im Zuge des Reformationsgedenkens von den großen Gestalten des frühen Protestantismus die Rede ist, wird meist auf Luther, Calvin und Zwingli verwiesen, weniger auf den wortgewaltigen Prediger John Knox aus Schottland (siehe Foto: Buchtitelbild).

Der theologische Widersacher der katholischen Regentin Maria Stuart gilt als entscheidender Wegbereiter und Organisator der calvinistisch orientierten Reformation in Schottland.

Knox starb vor 450 Jahren, am 24. November 1572 in der bekannten schottischen Stadt Edinburgh. Das Online-Portal „Ökumenisches Heiligenlexikon“ verweist auf seinen Gedenktag am 24. November im evangelischen liturgischen Kalender. In seiner schottischen Wirkungsstätte Edinburgh erinnert eine Statue in der St.-Giles‘-Kathedrale an diese streitbare Schlüsselfigur der Reformation.

In Genf, wo sich Knox jahrelang aufhielt, wird er in einem Relief bzw. Reformationsdenkmal als markante Steinfigur verewigt: Es zeigt den vom katholischen Glauben abgefallenen Geistlichen predigend vor dem Hofstaat Maria Stuarts, deren tragisches Leben von viel Pech und Pannen geprägt war. In Deutschland ist das glücklose Schicksal dieser Herrscherin vor allem durch Schillers bewegendes Drama „Maria Stuart“ bekannt geworden   –  man kann wohl sagen, dass der schwäbische Dichter sie dadurch zur „Königin der Herzen“ etablierte.

Der rabiate Protestant, dessen Geburtsjahr nicht sicher feststeht (die Spekulationen reichen von 1505 bis 1514), wurde in der Nähe der schottischen Stadt Haddington als Sohn einer Handwerkerfamilie geboren. Nach dem Studium von Theologie und Kirchenrecht wurde er 1530 zum Priester geweiht. Er arbeitete zunächst als Hauslehrer in verschiedenen Adelsfamilien; wandte sich aber Anfang der 1540er Jahren mit zunehmendem Eifer und Übereifer einem rigiden Protestantismus zu.

Bereits 1547 erklärte er in Predigten, der Papst in Rom sei das dämonisch inspirierte „Tier“ und der Gegenspieler Gottes, wobei er sich auf seine Auslegung der Johannes-Apokalypse und des alttestamentlichen Buches Daniel berief.

Prof. Dr. Ronald G. Asch schreibt in der populärwissenschaftlichen historischen Zeitschrift „Damals“ (Nr.5/2017) über diesen Reformator: „Er ließ sich in der Schärfe seines Antikatholizismus von niemandem überbieten. Seine militante Haltung wurde noch gesteigert durch sein persönliches Schicksal.“

Tatsächlich kam der Prediger im Jahre 1547, als französische Truppen die schottische Garnison St. Andrew besetzten, für zwei Jahre als Galeerenhäftling auf ein Kriegsschiff. Nach seiner Freilassung wurde er Pfarrer in Berwick, einer englischen Stadt in der Grenzregion zu Schottland. Dort vertiefte er sich weiter in seine theologischen Studien und sah sich zunehmend in der Rolle eines alttestamentlichen Propheten, der dazu auserwählt war, „Götzendienst “und gottlose „Greuel“ radikal auszurotten, wozu er die heilige Messe und die katholische Marien- und Heiligenverehrung rechnete.

Der wachsende Einfluss des rigiden Reformators

Er gehörte zu den  –  von Martin Luther noch klar abgelehnten  –  „Bilderstürmern“ und rief dazu auf, religiöse Statuen und Gemälde in den katholischen Gotteshäusern zu zerstören, was vor allem im Süden Schottlands von einer aufgebrachten Volksmenge auch häufig durchgeführt wurde und natürlich zur künstlerischen Verarmung jener Gegenden führte. (Die nördlicheren schottischen Berglande, die sog. „Highlands“, wurden nicht so stark in den Strudel der Reformation hineingezogen; das dortige bodenständige Kirchenvolk hielt länger am katholischen Glauben fest – teils bis heute.)

Seine Predigten und Schriften blieben nicht ohne Wirkung auch auf die englische Krone. Während der König Heinrich VIII. weniger aus religiösen Gründen, sondern vor allem deshalb von der katholischen Kirche abfiel, weil er sich wegen Ehebruch und Ehescheidung im Konflikt mit dem Papst befand, wurde in der Folgezeit das Bekenntnis zum Protestantismus auch theologisch bekräftigt, wobei der Einfluss von John Knox, der mittlerweile zum Hofkaplan aufstieg, auf den jungen König Eduard VI. nicht zu unterschätzen ist.

Nach der Thronbesteigung der katholischen Maria Tudor war sein Wirken in London beendet. Knox floh nach Frankfurt und Zürich, reiste zwischendurch in seine frühere Gemeinde Berwick zurück, bis er sich ab 1559 für längere Zeit als Prediger in Genf niederließ.

Dort fand er in dem rigiden Reformator Johannes Calvin (1509 – 1564) einen inspirierenden Vor- und Weiterdenker, wobei er dessen radikale Prädestinationslehre bzw. das Dogma vom „doppelten Ausgang“ übernahm, wonach das jenseitige Schicksal jedes Menschen durch Gott von Ewigkeit her festgelegt und vorherbestimmt sei. Knox wirkte entscheidend an der sog. „Genfer Bibel“ (einer englischen Bibelübersetzung) mit, später gehörte er zu den maßgeblichen Verfassern der „Confessio Scotica“, einer schottischen Bekenntnisschrift, die 1560 vom dortigen Parlament verabschiedet wurde. Dieses Ereignis gilt als definitive Weichenstellung und Gründungsurkunde der reformierten „Church of Scotland“.

Knox ist der theologisch entschiedenste Widerpart der katholischen Königin Maria Stuart, die er vor allem deshalb verabscheute, weil sie persönlich an der katholischen Messe festhielt und sie weiterhin in ihrer Privatkapelle besuchte, wenngleich die Monarchin in ihrer amtlichen Regierungspolitik auf Toleranz und konfessionellen Ausgleich bedacht war; sie versuchte, im Sinne eines „Religionsfriedens“ zu wirken, um eine konfliktreiche Spaltung ihrer Untertanen und die Gefahr eines Bürgerkriegs zu verhindern.

Allerdings stand damals in Schottland auf Betreiben von Knox und weiteren protestantischen Eiferern allein schon auf den Besuch der heiligen Messe die Todesstrafe  –  daher der Zorn auf die Königin, weil diese sich in ihrem Privatleben über dieses Verbot hinwegsetzte.

Selbst das amtliche evangelische Internetportal „Evangelisch.de“ weiß nicht nur Positives über Knox zu berichten. Im dortigen Artikel „Die wichtigsten Reformatoren: John Knox“ heißt es beispielsweise: „John Knox ist unbeugsam und radikal. So predigt er heftig gegen Maria Stuart und fordert gar ihren Tod.“

Stefan Zweig: Fanatische Demagogie bei John Knox

Das Portal erinnert sodann an den jüdischen Dichter Stefan Zweig und dessen bekannte Romanbiographie über die katholische Regentin:

„Wohl deshalb beschreibt ihn der Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Roman über Maria Stuart als einen „Meister der religiösen Demagogie“ und den „vielleicht vollendetsten Typ des religiösen Fanatikers, den die Geschichte kennt. Knox sei „der eisenköpfigste, zelotischste, unbarmherzigste aller Kirchengründer und seinen eigenen Lehrer Calvin an Unerbittlichkeit und Unduldsamkeit noch übersteigend.“

Man muß freilich nüchtern sehen, dass die Einführung der calvinistischen Reformation in Schottland und damit die Gründung der presbyterianischen Konfession (die auch in den USA weite Verbreitung fand) nicht ohne Mitschuld von katholischer Seite erfolgt ist. Der zunehmende Verfall kirchlicher Sitten und Strukturen war unübersehbar:

In jener Zeit befand sich der moralische Level und die Bildung des Klerus vielfach auf einem erbärmlichen Niveau, manche Geistliche konnten nicht einmal lesen und schreiben; die Kirchenpolitik der schottischen Hierarchie agierte von nachlässig bis machtgierig. Auch die rückschrittlichen sozialen Verhältnisse bargen eine revoluzzerische Sprengkraft in sich.

Dazu gehörten auch die halb-anarchischen Clan-Strukturen im Schottland des 16. Jahrhunderts, die vor allem die Hochlandregionen unsicher machten. Die katholischen Monarchen, seien sie weiblich oder männlich, waren in der vorreformatorischen Zeit meist schwache Figuren, viele starben eines gewaltsamen Todes.

Nicht selten wurden sie schon im kindlichen Alter in ihre königliche Rolle hineingedrängt und waren hoffnungslos überfordert; sie konnten sich gegen einflußreiche Adelscliquen und eigenmächtige Clanchefs nicht durchsetzen. Freilich erleichterte gerade dieses Feudalsystem zugleich die Einführung des Protestantismus, zumal viele Fürsten sich gerne am Kircheneigentum bereicherten und sich auch dort theologische Anliegen mit weltlichen Interesse verknüpften.

Die beiden katholischen Monarchinnen mit dem Vornamen „Mary“ sah John Knox als eine Art Wiedergeburt der Jesebel an, jener aus dem heidnischen Phönizien stammenden Königin aus dem Alten Testament, welche im alten Israel den Götzendienst wieder einführen wollte und den Propheten Elias bzw. Elija verfolgte. Er steigerte sich gleichsam in die Sendung eines neuen „Elias“ hinein, der Maria Stuart und ihrer königlichen Mutter Mary die „prophetische“ Stirn bieten musste, zumal ihm der Katholizismus als neuheidnische Greuelreligion erschien.

Daher sah er in einem Aufstand gegen von ihm als „frevelhaft“ empfundene Herrscher nicht nur kein Problem, sondern eine vom Himmel auferlegte Verpflichtung und erklärte: „Die Propheten Gottes lehren manchmal Verrat an Königen – und doch sündigt weder der Prophet gegen Gott,  noch derjenige, der seinem Wort gehorcht, das er im Namen Gottes gesprochen hat.“ 

Für eine moderate Haltung im Sinne eines erträglichen Konfessionsfriedens hatte er nichts übrig; er warnte stattdessen seine Anhänger: „Der Bund zwischen Gott und uns wird nicht unversehrt bleiben, wenn wir Götzendiener gutheißen, uns ihnen anschließen oder nachsichtig mit ihnen umgehen.“ (Quelle: Knox, Works, III. Band, S. 184,187).

Knox ließ sich selbst von dem ansonsten rigiden Johannes Calvin nicht mäßigen, der ihm in dieser Angelegenheit mehr Besonnenheit und Realitätssinn empfohlen hatte.

Zelotischer Aufruf gegen Frauen als Herrscherinnen

Wie wenig er bereit war, seinen vermeintlich „prophetischen“ Feuereifer zu zügeln, zeigte sodann sein nächster und zugleich bekanntester Paukenschlag, nämlich eine extrem frauenfeindliche Streitschrift mit dem Titel „The first blast of the Trumpet against the monstrous regiment of women“  –  zu deutsch: „Der erste Trompetenstoß gegen die entsetzliche Herrschaft der Frauen“ von 1558. 

Das rabiate Pamphlet war selbst für die damalige patriarchalisch geprägte Gesellschaft der frühen Neuzeit sehr gewöhnungsbedürftig, gab es doch seit Jahrtausenden – und zudem auch im Alten Testament – weibliche Regentinnen in nicht geringer Zahl, etliche davon wurden von der katholischen Kirche heilig gesprochen oder als Selige verehrt.

Knox ereiferte sich in seinem Rundumschlag grundsätzlich gegen die, wie er schrieb, „unnatürliche Herrschaft“ bzw. „schändliche Gynäkokratie“ von Frauen, denen weder „Vernunft“ noch „Besonnenheit, ihre Gefühle zu mäßigen“ eigen sei; er stritt ihnen den nötigen Verstand, die charakterliche Reife und alle Führungsqualitäten rundweg ab. Der Autor rief in diesem Falle sogar unverhohlen zum gewaltsamen Widerstand, ja zum „Tyrannenmord“ auf.

Sein Angriff auf die Monarchinnen zielte zwar in erster Linie gegen katholische Königinnen der Stuarts, richtete sich aber in seiner „theologischen“ Kampfansage prinzipiell gegen jede weibliche Regentschaft mit der Begründung, Frauen, die über Männer regieren, seien ein „Ungeheuer der Natur“.

Natürlich war die mächtige anglikanische Königin Elisabeth I. von diesem martialischen Werk wenig „amused“. Wenngleich sie mit Knox die katholische Kirche und das Papsttum zu Rom ablehnte, sägte der schottische Reformator mit dieser Streitschrift auch an dem Ast, auf dem sie immerhin selber sass. Zudem ging ihre Ära als „goldenes Zeitalter“ in die Geschichte ein  –  mag es sich dabei teils um ein verklärtes Bild im nachhinein handeln, so bewies die letzte Tudor-Königin jedenfalls, dass den Frauen die nötigen Regierungstalente durchaus nicht abgehen.

Knox hingegen war nicht zu bremsen, er wetterte weiter gegen die hl. Messe als „allerteuflischsten Götzendienst“ und rief in seinem „Trompetenstoß“ sogar zur Ermordung nicht „nur“ der Stuart-Monarchinnen, sondern aller katholischer Priester und aktiver „papistischer“ Laien auf:

„Ich scheue mich nicht zu bekräftigen, dass es die Pflicht der Adligen, Richter, Herrscher und des Volkes gewesen wäre, nicht nur Mary Widerstand zu leisten, jener Isebel, die sie ihre Königin nennen, sondern sie auch mit allen ihren Götzenpriestern mit dem Tod zu bestrafen, zusammen mit all denen, die ihr zu der Zeit Hilfe geleitet haben, als sie das Evangelium unterdrückten…“   (Quelle: Knox, Works, Band IV., S. 507).

Bei aller berechtigten Kritik an Knox soll freilich nicht übersehen werden, dass seine Reformation auch einige positive Wirkungen zeitigte, etwa jene „Bildungsoffensive“, die nicht zuletzt aus dem Knox-Aufruf zur persönlichen Bibellektüre entstand. Dadurch wurden zahlreiche Volksschulen errichtet und die Alphabetisierung der Bevölkerung vorangetrieben.

Im Vergleich zu manchen diesbezüglich stark zurückgebliebenen katholischen Regionen wie etwa Portugal war dies zweifellos ein zivilisatorischer Fortschritt. Zugleich begünstigte sein presbyterianisch geprägtes Kirchentum (Kirchengemeinden werden von den durch die Gläubigen gewählten Ältesten bzw. „Presbytern“ geleitet) die Beliebtheit demokratischer Prozesse auch im politischen Bereich. 

Sodann zur berühmten und teils als Geiz karikierten Sparsamkeit der Schotten: Diese dürfte nicht allein auf äußeren Notwendigkeiten beruhen (z.B. der Kargheit der Böden des Berglandes oder einer wenig ausgeprägten Stadtkultur), sondern auch mit jenem calvinistischen Arbeitsethos zusammenhängen, das auch den Protestantismus in den USA vielfach geprägt hat. Johannes Calvin sah den Arbeitseifer als strikte Pflicht aller Gläubigen an, Verschuldung wurde als Schande und Sparsamkeit als wichtige Tugend betrachtet. Bekanntlich begünstigte diese Haltung den Geist des Kapitalismus mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass es sich bei Knox zweifellos um den am  meisten fanatischen Theologen der Reformation handelt, der in seiner Wut und seinem Wahn nicht einmal vor einer extrem frauenfeindlichen Streitschrift und massenmörderischen Appellen zurückschreckte. Angesichts dessen erstaunt es nicht wenig, dass der evangelisch-kirchliche Kalender diesen militant denkenden Polemiker  – wie eingangs erwähnt –  mit einem eigenen Gedenktag am 24. November würdigt.

Felizitas Küble, Münster –  Mail: felizitas.kueble@web.de


Dyba-Gedenkband: eine gelungene Würdigung des „Löwen von Fulda“

Von Uwe C. Lay

Buchdaten: Der Löwe von Fulda. Ökumenische Würdigung eines guten Hirten. 33 Autoren schreiben über Erzbischof Johannes Dyba. Herausgegeben von Felizitas Küble, KOMM-MIT-Verlag Münster, 208 Seiten, erschienen 2015, Preis 14,80 € Fürs CF verwenden

Erzbischof Dyba war das „Entfant Terrible“ der Deutschen Bischofskonferenz:

„Der Fuldaer Bischof führte als gebürtiger Berliner in seinem bischöflichen Wappen keinen Teddy, sondern einen Bären und erwies sich oft genug als solcher. In der Bischofskonferenz galt er manchen als ‚enfant terrible‘, die zugleich froh waren, dass er sagte, was sie so deutlich nicht zu sagen wagten; anderen galt er als das Salz in der Suppe. Für die Medien gab es kein Thema, zu dem sie neben, ja oft sogar vor dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz nicht auch Johannes Dyba hören wollten.“

So würdigt das Internetlexikon Wikipedia den vor 15 Jahren so plötzlich verstorbenen Bischof Dyba, hierbei die katholische Kirchenzeitung des Erzbisstums Berlin zitierend.

Auch der „Spiegel“ markiert in seinem Nachruf deutlich, warum dieser Bischof kein Liebling der Medien war:

„Als der Vatikan-Diplomat […] 1983 Bischof von Fulda wurde, war er bereits als ironisch-bissiger Kirchen-Fundi europaweit bekannt. Diese Linie  –  es gilt nur das päpstliche Wort  –  behielt er konsequent bei. Mit griffigen Sprüchen machte der gebürtige Berliner alles nieder, was in Deutschland altbackener katholischer Theologie und Moral widersprach: Abtreibung und Beratungsschein, Gays und Grüne, kritische Theologen und zögerliche Bischöfe, selbstbewusste Laien und jeglichen Demokratieversuch der Kirche.“

Mit Bischof Dyba verbindet sich zu allererst sein großer Kampf gegen die durch katholische Beratungsstellen ausgestellten Lizenzen zum Töten von Ungeborenen. Gerade sein Engagement für den Schutz des Lebens machte ihn dann auch zu einem Oberhirten, der weit über die Katholische Kirche hinaus Freunde und Bewunder fand.

Er stand und steht für das Bewahren der kirchlichen Lehre in Zeiten, in denen viele die Anpassung an den Zeitgeist für die wichtigste Aufgabe der Kirche ansehen. Daß er deshalb oft angefeindet wurde und wird, verwundert nicht.

Wer mehr über diese beeindruckende Bischofsgestalt erfahren möchte, ist gut aufgehoben in dem jetzt neu publizierten Buch „Der Löwe von Fulda“, herausgegeben von Felizitas Küble  –  mit dem Untertitel: Ökumenische Würdigung eines guten Hirten.

33 Autoren, katholische wie evangelische, zeichnen ihr Bild von diesem Bischof. Eingeleitet wird das Buch durch ein Geleitwort seines Nachfolgers, des Bischofs Algermissen (Fulda). Es entsteht durch die Polyphonie der einzelnen Beiträge so ein vielseitiges, diesem Bischof gerecht werdendes Portrait in den schweren Zeiten des heutigen Glaubens- und Sittenverfalles.

Es entsteht das Bild eines fest im katholischen Glaubens Stehenden, der mutig und unerschrocken die Fehlentwicklungen innerhalb der Kirche im Zeitgeist der 68er kritisierte und ihnen entgegentrat. Viel Erfolg war diesem Rufer in der Wüste nicht beschieden, auch wenn er maßgeblich an dem Ausstieg der Kirche aus der Praxis der Ausstellung von Tötungslizenzen beteiligt war.  Auch das verheimlichen die Autoren nicht.

So ist sein Werk kein abgeschlossenes, auf das der Leser nun beruhigt zurückblicken kann, sondern ein Auftrag zum Weiterwirken in seinem Geiste. Gerade dies verdeutlichen die vielen facettenreichen Beiträge. In einem Wort: eine gelungene Würdigung eines großen Streiters Jesu Christi.

Der Autor Uwe C. Lay ist Theologie und Konvertit; er war vor seinem Übertritt in die katholische Kirche als evangelischer Vikar tätig. Sein Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 1/2016)

 


Wir trauern um einen Freund und Mitstreiter: Prof. Dr. Walter Hoeres

Von Felizitas Küble

Schon seit Anfang der 80er Jahre  kennen und schätzen wir den katholischen Philosophen Dr. Walter Hoeres aus Frankfurt am Main. Der Professor hielt damals Vorträge zu philosophisch-theologischen Grundsatzfragen für Jugendliche und junge Erwachsene, die von dem Schweizer Bankier und Autor Adolf Povel organisiert wurden. 2

Bereits damals bewunderte ich das Talent dieses charakterlich vornehmen und humorvollen Gelehrten, anspruchsvolle Inhalte auch dem „Laien“, ja sogar einem jugendlichen Publikum verständlich und anschaulich zu vermitteln. Er kannte grundsätzlich keine „dummen“ Fragen, sondern reagierte auf alle Einwände und Rückfragen freundlich und manchmal etwas verschmitzt.

Professor Hoeres, der sich auch im Rundfunk zu philosophischen Themen äußerte, ist am gestrigen Donnerstag, den 14. Januar 2016, im hohen Alter von 87 Jahren plötzlich und unerwartet verstorben.

Als der Gründer unseres KOMM-MIT-Verlages und des Christoferuswerks, Günter Stiff, mit 86 Jahren von Gott in die Ewigkeit heimgerufen wurde, kam von Prof. Hoeres ein besonders positiver und bewegender Kondolenzbrief: er schrieb derart begeistert über unseren Verlagsleiter, daß er sogar die kirchliche Seligsprechung für ihn erhoffte. 

Bekannt und geschätzt war der an der Hochscholastik bzw. an Thomas von Aquin orientierte Philosoph auch durch seine regelmäßigen Beiträge und Glossen in der Zeitschrift „Theologisches“, die sich bisweilen kritisch mit innerkirchlichen Zerfallserscheinungen befaßten. Er gehörte zugleich der Fördergemeinschaft an, welche das „Theologische“ herausbringt.

Schon 1969 hatte der tiefgläubige Familienvater u.a. mit Pfarrer Hans Milch die „Bewegung für Papst und Kirche“ gegründet, die sich vor allem gegen den Progressismus in der Theologie wandte und die zeitlosen Fundamente des kath. Glaubens betonte. Aus dieser Initiative entstand die Monatszeitschrift „Der Fels“, die seit längerem und bis heute von unserem Autor, Prof. Dr. Hubert Gindert, geleitet wird.

In Leserbriefen äußerte sich Prof. Hoeres auch zu aktuellen Problemen, beispielsweise hier zur Flüchtlingsdebatte: https://charismatismus.wordpress.com/2015/10/26/naechstenliebe-kommt-vor-fernstenliebe-zuerst-den-verfolgten-christen-helfen/

Der scharfsinnige und tiefgründige Philosoph war Autor profunder wissenschaftlicher Werke, veröffentlichte aber auch Bücher, die nichtakademische Leser gut verstehen konnten, etwa über liturgische Fragen. Zudem veröffentlichte er seine fundierten Artikel auch in nicht-katholischen Zeitschriften, zB. im Kulturmagazin CICERO: http://www.cicero.de/weltb%C3%BChne/wohin-wollt-ihr-mit-eurem-fortschritt/40239

„Einer der ganz großen Philosphen des 20. Jahrhunderts“

Auf seinen Tod hin erhielt er auch Würdigungen von protestantischer Seite. So schildert uns zB. der evangelische Publizist Ulrich Motte seine Eindrücke:

„Ich traf Prof. Walter Hoeres öfter in meiner Jugend. Ein sehr freundlicher, sehr gebildeter, sehr konservativer Katholik im Streit mit der großen Mehrheit seiner Glaubensgenossen.  Ein kultivierter Herr ohne jeden Snobismus.“  Konrad_Badenheuer

Der evangelische Verlagsleiter und Journalist Konrad Badenheuer (siehe Foto) schreibt über Prof. Hoeres: „Er war einer der ganz Aufrichtigen im Land und dazu ein bedeutender Denker. RIP!“

Ähnlich positiv äußert sich der Berliner Publizist und Theologe Dr. David Berger:

„Hoeres war wirklich einer der ganz großen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er hat meine Jugend und meinen ganzen späteren Werdegang geprägt, keines meiner Fachbücher, das er nicht positiv besprochen hätte. Er war ein hochintelligenter, konsequenter Denker und ist trotzdem immer Mensch geblieben – mit ganz viel Humor und Empathie.

Auch wenn er meinen späteren Weg nicht verstehen konnte, hoffe ich, dass es nicht pietätlos ist, wenn ich ihm mit den Worten jener Sprache, die er so sehr liebte, wünsche: In paradisum deducant te angeli.“ (Mögen die Engel dich ins Paradies geleiten.)

Den Angehörigen des Verstorbenen gilt unsere herzliche Anteilnahme  – und ihm selbst unser Gebet. Möge der Ewige ihm seine immerwährende Freude und Herrlichkeit schenken!

Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Hoeres-Foto: http://www.spes-unica.de/

 

 


Auch mir war die „alte“ Kirche lieber!

Der folgende Beitrag von Günter Mayer bezieht sich auf das Buch des Augsburger em. Weihbischofs Max Ziegelbauer „Die alte Kirche ist mir lieber“.    index

Günter Mayer aus Kaiserlautern war Rechtspfleger und Dozent an der FH Schwetzingen, einer Hochschule für Rechtspflege; Mayer schreibt Rechts-Ratgeber für verschiedene Lebenslagen sowie Erzählungen für die Jugend.

Der katholische Jurist war 30 Jahre bei der KJG (Kath. Jugend Gemeinde) ehrenamtlich als Leiter tätig; von der Jungschargruppe bis zur Diözese.

Mayers folgender Artikel wurde in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 5-6/2015) veröffentlicht:

Das wirklich lesenswerte Buch des Weihbischofs em. Max Ziegelbauer hat mich bewogen, meine Erinnerungen an die „alte“ Kirche und meine Erlebnisse mit der „neuen“ Kirche aufzuschreiben.

Ich bin in einem liberalen Elternhaus aufgewachsen; meine Eltern gingen kaum zum Gottesdienst. Meine viel älteren Geschwister waren zeitbedingt Kirchengegner. Nur eine fromme Tante weckte bei dem Jungen erstes Interesse an Gaube und Kirche.

Damals war es üblich, dass der entsprechende Grundschul-Jahrgang „geschlossen“ zum Kommunionunterricht von der Schule aus angemeldet wurde. Für meine Eltern war dies selbstverständlich  –  das gehört sich so  –  und ich habe auch keine Erinnerung an eine Behinderung durch die Nazi-Partei.

Nun ergab es sich aber, dass meine Schule nicht in meiner Heimatpfarrei lag und dass ich der einzige Schüler war, der deshalb nicht zusammen mit den Klassenkameraden zum Kommunionunterricht gehen durfte, sondern in die Pfarrei des Wohnsitzes „abgeschoben“ wurde. media-FZMqzvujo1V-2

Dort kannte ich niemand, was für einen neunjährigen Jungen kein leichtes Erlebnis war. Aber es war ein Glücksfall! Ich traf dort einen Pfarrer, der nicht nur die Kinder von Herzen liebte sondern auch sonst ein Charisma ausstrahlte, wie ich es nie mehr später erlebt habe. [1]

Auch nachdem ich durch die Kriegswirren in eine andere Pfarrei umziehen musste, habe ich immer nur seinen Gottesdienst besucht und habe ihm jahrelang wöchentlich – ohne jede Vergütung, das verstand sich damals so – die Pfarrzeitung ausgetragen.

Dort bin ich also am 2. Mai 1943 zur ersten hl. Kommunion gegangen. Wir sangen damals: „Unserm Herzen soll die Stunde, ewig unvergessen sein; mit dem Herzen, mit dem Munde schwören wir, Gott treu zu sein. Dieses Tages, dieser Pflicht wollen wir vergessen nicht“ [2].

Dieses Lied hat mich so beeindruckt, dass ich mich heute noch lebhaft an den damaligen Tag erinnere. Vielleicht auch, weil die Not der Kriegszeit keine Ablenkung durch eine Fete ermöglichte und es für mich keine Geschenke außer Blumen gab; davon aber ein ganzes Haus voll.  afc127c26a

Im Gymnasium hatten wir einen hervorragenden Religionsunterricht, denn es waren nur drei Schüler aus zwei Jahrgängen der Oberstufe katholisch und der Unterricht an Hand des neuen Testamentes fand „am runden Tisch“ statt. Inzwischen war ich Mitglied der Pfarrjugend in meiner neuen Pfarrei und Gruppenführer einer Bubengruppe.

Wie es der Kalender will, war der 50. Jahrestag (also der 2.Mai 1993) wieder ein Sonntag und ich wollte an diesem Tag die hl. Messe in der damaligen Kirche feiern.

Den dortigen Pfarrer kannte ich aus seiner Kaplanszeit, denn ich hatte inzwischen ein überpfarrliches Leitungsamt im Jugendverband und hatte mich mit ihm gestritten; nicht um Glaubensfragen, sondern um die korrekte Geldverwaltung seiner KJG und weil er zwei tüchtige Gruppenführer verjagt hatte, die nicht mit allem einverstanden waren. (Ich habe diese dann in andere Pfarreien vermittelt; einer von ihnen ist später Priester geworden).

Vielleicht hatte ich erwartet, dass er dieses Jubiläum irgendwie erwähnen würde. Tat er nicht. Seine Predigt ging über die Größe des Ozonloches! Na ja, es gibt eben überall große und kleine Löcher!

Vorher schon war ich schon einmal in seinem Sonntagsgottesdienst. Was er damals predigte, verursacht mir heute noch Bauchschmerzen, weshalb ich ihn nach so vielen Jahren wörtlich zitieren kann:

„Gott kann den Golfkrieg [3] nicht beenden, er hat nicht die Macht dazu. Hätte er die Macht dazu und würde ihn nicht sofort beenden, wäre er nicht besser als Saddam Hussein! Weil also Gott den Golfkrieg nicht beenden kann, ist auch das persönliche Gebet (um dessen Beendigung) nutzlos, ja eine Beleidigung Gottes, weil man ihm zutraue, er könne den Krieg beenden und täte es nicht…“

Anschließend musste er ja sagen, was man nach seiner Ansicht tun könne. Dies kam ihm nur sehr wenig konkret über die Lippen, aber man konnte durchaus zum Ergebnis kommen, dass er Demonstrationen meinte. P1020947

Kurz vor seinen Ruhestand war ich dort nochmals bei der Sonntagsmesse. Das Evangelium vom „Kommen des Menschensohnes“ (Mk 24-27). Seine Erläuterung: „All dies wird nicht geschehen! Die Sterne können nicht auf die Erde fallen. Vielmehr wird Christus am letzten Tag alle Menschen an sich ziehen!“. Machen wir doch gleich den Karnevals-Schlager „Wir kommen alle, alle in den Himmel…“ zum modernen Kirchenlied.

Aber auch anderswo war man vor Überraschungen nicht gefeit. Statt einer Predigt betrat ein Redakteur –  kein Priester  –  die Kanzel (!) und warb für den Bezug der diözesanen Kirchenzeitung. Auf meine Beschwerde beim zuständigen Pfarrer – den ich sehr schätze – wurde mir kleinlaut erklärt, er habe damit – eigentlich gegen seinen Willen – dem Wunsch des Bischofs entsprochen.

An einem späteren Sonntag predigte dort ein überpfarrlich tätiger Priester, dem man auf Grund seiner Aufgabe besondere Kenntnisse zutrauen konnte. Als das Evangelium „Ankündigung der Zerstörung des Tempels“ (Lk 21.5 f) gelesen war, begann er: „Als Lukas diese Zeilen niederschrieb, war der Tempel bereits zerstört!“. Die theologische Brisanz dieser Zeitfrage ist bekannt.

Selbst wenn man die zunehmend vertretene Ansicht über die Frühdatierung der Evangelien nicht zur Kenntnis nehmen will oder ablehnt, ist eine Aussage in dieser absoluten Form wissenschaftlich unredlich, weil sie dergestalt verstanden werden muss (und soll), dies sei eine erwiesene Tatsache. Und sie ist arrogant gegenüber dem „Kirchenvolk“, wobei der Prediger davon ausgeht, dass es keiner der Hörer besser weiß! Ein ähnliches Ärgernis statt Erbauung empfand ich später noch mehr als einmal.

Ein Kaplan meiner Heimatpfarrei, inzwischen im Laienstand, hatte als Predigtthema „Bemüht euch..“ und wollte dazu gleich drei Vorschläge unterbreiten: Fair gehandelter Kaffee kaufen, kein Tropenholz verwenden und das 3-Liter-Auto.

Dazu mein Gedanke: Ich kaufe gelegentlich diesen Kaffee weil er mir schmeckt; Tropenholz mag ich nicht, meine Decken sind aus forstwirtschaftlich gewonnenem Holz und einen Mercedes kann ich mir nicht leisten. Also bin ich gerechtfertigt – oder kommt es doch vielleicht weniger auf den Nutzen als auf die Gesinnung an? Duccio

Der gleiche Priester  –  Präses der Kolpingsfamilie  –  erleichterte sich bei einer hl. Messe für diese seine Ausführungen zum Evangelium vom Feigenbaum (Lk 13.6 f), indem er den letzten Satz wegließ. Und der „ungetreue Verwalter“ war für ihn Christus, der damit seine Ablehnung überkommener Lehren zum Ausdruck bringen wollte!

Ende des vergangenen Jahres sah die Leseordnung einen Text aus dem 3. Kapitel des Kolosserbriefes vor. Nun war dies 1953 Thema meines mündlichen Vortrages im Abitur und der Text ist mir noch recht geläufig. Mit Befremden musste ich feststellen, dass man aus dem vorgesehenen Text drei Verse ausließ, die offenbar die zeitgemäße Interpretation erschwerten.

Meine schriftliche Reklamation beim Pfarrer blieb unbeantwortet. Beim Evangelium von der „heidnischen Frau“ (Mt 15.21) konnte er wohl seine ständige Rede vom barmherzigen Jesus mit diesem Text nicht vereinbaren. Deshalb war dieser für ihn eine Erfindung des Evangelisten, der damit eine Aussage machen wollte (chic!), die man dann leicht interpretieren konnte. Dass auch Markus (Mk 7.24) das Ereignis schildert, wird das „dumme Kirchenvolk“ ja nicht wissen.

So wird bei fast jeder Predigt den Gläubigen vorenthalten, dass es ein Gericht gibt und man die Annahme der Gnade des HERRN auch kraft des eigenen Willens beharrlich verweigern kann.

Ich bin weder Theologe noch Altsprachler und kann daher zum Thema „für viele“ oder „für alle“ mit wissenschaftlicher Kompetenz nichts beitragen. Mein juristisch geschulter Verstand sagt mir aber: Wenn in einer Kirche in einem zentralen Augenblick der Priester auf Duldung oder gar Verlangen seines Bischofs ein Christuswort anders formuliert als es im Neuen Testament oder im diözesanen Gesangbuch steht, dann ist gegen die Verkündigung dieser Kirche Misstrauen angesagt.

  • [1] Und ich habe nach dem Krieg mehrere Kapläne erleben dürfen, die ich in bester Erinnerung behalten werde!
  • [2] Wäre heute eine Neufassung angebrachter? (aus dem Pfarrbrief Höxter 2012): „Unserm Herzen soll die Stunde, ewig unvergessen sein; denn sie brachte frohe Kunde für das Konto und das Sparschwein. Gäb’ es diese Fete nicht, blieb ich wohl ein armer Wicht.“
  • [3] Es war die Zeit des ersten Golfkrieges, also 1990 – 1991.

Sachbücher und Jugendliteratur von Günter Mayer:

Die folgenden Bücher können alle portofrei bei unserem KOMM-MIT-Verlag (felizitas.kueble@web.de) bestellt werden:

Aufsichtspflicht, Haftung und Versicherung für Jugendgruppenleiter. Ein unentbehrliches Handbuch für alle, die in der Kirche oder im Verein Verantwortung für Kinder und junge Leute übernehmen oder andere damit betrauen. Es macht Mut zum Ehrenamt, denn wer das Risiko kennt, kann es beherrschen. Damit dem Gruppenleiter, dem Vereinsvorstand oder dem Pfarrer „nichts passiert, wenn was passiert!“  – 6. Auflage. – Preis 16,50 € index

Die Jungen von Nain. Ein Buch zum Neuen Testament. Zwei Jungen begegnen Jesus und erleben die Passion, die Auferstehung und die Ausbreitung der jungen Kirche. Zum Vorlesen (ab ca 8 Jahren) und zum Selbstlesen (ab ca 10 Jahren). Ideales Geschenk zu allen Anlässen, besonders aber zur Erstkommunion. Nur 9,95 €

Geht nicht nach Berchidda. Die abenteuerliche Fahrt einer Jungengruppe nach Sardinien. Wer schrieb die alte Chronik? Was weiß der Fremdenlegionär? Steckt hinter allem Angela oder ist das Geheimnis auf dem alten Friedhof begraben? Zum Vorlesen und Selbstlesen (ab etwa 10 Jahren). Aber auch Erwachsene finden das Buch spannend.  – Nur 9,95 €

Steffens letzte Ferien. Kaum jemand kann sich heute noch vorstellen, wie die „sexuelle Revolution“ der „68er“ gerade auf Jugendliche in der Pubertät gewirkt hat. Alles, was Eltern, Schule und Kirche bisher verboten hatten, galt in den Medien plötzlich als erlaubt und sogar wünschenswert. Kein Wunder, dass man das ausprobieren wollte! Alles, was junge Leute dem Verfasser an Erlebnissen erzählt haben, ist in diese erfundene Geschichte eingeflossen. Mag dies auch zunächst befremden; bald merkt man, dass hier doch ein „frommes Buch“ geschrieben wurde. (Für Jugendliche ab ca. 16 Jahren und Erwachsene). 12,5o €

Der Franzosenstein. 16 Kurzgeschichten und ein Märchen zum Erzählen und Vorlesen in der Familie oder Jugendgruppe. Dazu Tipps für die Gruppenarbeit (Spiele, Quiz, Kochrezepte). Dieses Buch sollte in keiner Jugendgruppe fehlen. Ebenfalls 9,95 €

Sachbücher für besondere Lebenslagen:

Richtig handeln im Trauerfall. Auch junge Leute sehen ganz alt aus, wenn sie plötzlich einen Trauerfall (Eltern, Großeltern) abwickeln müssen. Umgang mit Behörden, dem Gericht, den Banken, den Versicherungen, dem Finanzamt, den Miterben usw.; Beerdigung, Grabpflege Erbschein, Erbteilung, Pflichtteil und manches mehr. Natürlich mit dem neuen Erbschaftssteuer-Recht und dem neuen Erbrecht. 6. Aindexxxuflage – Preis nur 9,95 €

Soll ich mein Haus übertragen? Wer zu Lebzeiten sein Haus auf Kinder oder Enkel übergeben will und nicht vorher dieses Buch liest, ist selbst schuld, wenn er plötzlich auf der Straße sitzt. Spart man so wirklich Steuern? Meist nicht! Und außerdem: Die Sicherung des eigenen Lebensabends geht steuerlichen Überlegungen vor. Ohne Grundwissen verstehen viele die Notar-Beratung nicht. Zunächst Grundwissen erwerben (Buch), dann beraten lassen, dann erst entscheiden! Nicht drängen lassen! Natürlich mit dem neuen Schenkungssteuer-Recht und mit Hinweisen auf das neue Erbrecht.  – 6. Auflage –  Preis 11,50 €

Immobilien günstig ersteigern. Zunächst einmal für alle, die gerne ein Haus, einen Bauplatz, eine Eigentumswohnung ersteigern möchten. Aber auch für jene, die nach Erbschaft oder Ehescheidung gegen ihren Willen in eine Versteigerung verstrickt werden. 12. (!) Auflage  –  Preis 9,95 €

 


Warum die katholische Kirche gegenüber „Privatoffenbarungen“ vorsichtig ist

Die Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“ veröffentlichte in ihrer Ausgabe Nr. 13/2005 eine Zeitschriftenkritik bzw. Besprechung von „Theologisches“ unter dem Titel „Offenbarung oder Täuschung?“. Theologisches

Werner Olles befaßt sich darin auch mit der grundsätzlichen Haltung der katholischen Kirche gegenüber Erscheinungen, Visionen, „Botschaften“, also sog. Privatoffenbarungen. Wir veröffentlichen nachfolgend die entsprechenden Abschnitte, die das Thema fundiert und zutreffend beleuchten:

Die (…) katholische Monatsschrift „Theologisches“ befaßt sich in einem aktuellen Sonderheft mit der Thematik „Neuere Marienerscheinungen“. Weil gerade unter traditionsverbundenen Katholiken die Tendenz, sich bestimmten Marienerscheinungen und Privatoffenbarungen zuzuwenden, stark anstieg, warnte der Kanonist (Kirchenrechtler) Hans Barion bereits zu Beginn der siebziger Jahre vor der Unart „naiver Anti-Progessisten“, sich auf das Gebiet der „Muttergotteserscheinungen abdrängen zu lassen“.

Diese spezielle Frömmigkeit sei dabei, die dringend notwendige geistige Auseinandersetzung mit der als bedrückend empfundenen Glaubenskrise zu ersetzen.

Inzwischen verschwimmen gar esoterische Themen und Thesen mit Visionen und Privatoffenbarungen und haben längst Eingang in die Verlagsprogramme einstmals gut katholischer Verlage gefunden.  media-372515-2

Und in Internetpublikationen wird nicht nur für Medjugorie und Heroldsbach, zwei kirchlicherseits nicht anerkannte Erscheinungsorte, sondern auch für Salzkristall-Lampen und ähnlichen Esoterik-Tand geworben.

Zwar besagt die grundlegende theologische Lehre, daß private Offenbarungen, marianische Erscheinungen und wunderbare Heilungen, aber auch Erscheinungen Jesu Christi und mit ihnen verbundene Zeichen möglich sind, das Grundproblem ist jedoch die Frage nach ihrer Authentizität. Massensuggestion und die Kraft des Unterbewußtseins machen es oft nicht leicht, eine wahre Erscheinung von einer Illusion oder Täuschung zu unterscheiden.

Dabei läßt sich die Kirche von dem Prinzip leiten, daß bei Privatoffenbarungen die übernatürliche Wirkung nicht vorausgesetzt werden darf, sondern nach strengen Regeln überprüft werden muß.

Bis heute sind von der (vatikanischen) Ritenkongregation nur Lourdes, La Salette, Fatima und Guadalupe als echte marianische Erscheinungen anerkannt worden.

Um jegliche Autosuggestion, Sinnestäuschung und subjektive Wahrnehmungsphänomene auszuschließen, die beispielsweise durch das Eindringen des Charismatismus in die Kirche zugenommen haben, werden inzwischen bei Privatoffenbarungen auch Psychiater und Mediziner eingeschaltet. Halluzinationen, Simulationen, Hysterie und Geltungssucht können so besser dargestellt werden, ohne sich damit verengte materialistische Denkweisen zu eigen zu machen oder vorschnell von „religiösem Wahn“ zu sprechen.

Quelle und vollständiger Text hier:  http://jungefreiheit.de/service/archiv/


Rezension von Werner Olles über die katholische Zeitschrift „Theologisches“

Unter dem Titel „Dialog mit der Welt“ erschien in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ vom 18. Juli 2014 (Nr. 30/2014) folgende Besprechung von Werner Olles über die katholische Zeitschrift „Theologisches“:

Es sind die ethischen Prinzipien, die einen katholischen Journalismus grundlegend von der Sensationsmentalität und politisch-kulturellen Korrektheit der üblichen „Qualitätsmedien“ unterscheiden.  Theologisches

Manfred Hauke, Herausgeber der von Wilhelm Schamonie begründeten und inzwischen im 44. Jahrgang erscheinenden katholischen Monatsschrift „Theologisches“ beschreibt im Editorial des diesjährigen Sommerheftes (Juli/August 2014), wie wichtig dabei „eine Kultur der Begegnung und die Achtung vor der Wahrheit“ sind.

Dabei erzwinge engagierter katholischer Journalismus geradezu die Nowendigkeit, sich mit der Funktionsweise der neuesten Medien auszukennen, „um einen erfolgreichen Dialog mit der  Welt aufzunehmen und für diese Welt zum Wegweiser zu werden“, wie Robert Necek, Fachmann für Medien und soziale Kommmunikationi sowie Pressesprecher des Erzbistums Krakau, in seinem Beitrag betont.

Als Beispiel bringt Necek die einschlägigen Äußerungen von Papst Franziskus ein, der anläßtlich des fünfzigsten Jahrestages des Dekretes über die sozialen Kommunikatonsmitel, „inter mirifica“, hervorhob, daß das Medienmilieu zu einer Entwicklung „für eine glückliche, mit der menschlichen Gemeinschaft verbundene Zukunft“ oder aber auch „zu einer allmählichen Desorientierung und einer tragischen Zukunft voller Spaltungen und Mißverständnisse“ beitragen könne. 

In diesem Sinne sei das Konzilsdekret „Inter mirificia“ ein immer noch aktuelles Dokument, das zum Nachdenken anrege.

Ihre „Eindrücke vom Katholikentag in Regensburg“ schildert Felizitas Küble in dem gleichnamigen Beitrag. Nachdem si012_9e als 17-jährige Schülerin ersten ihren Katholikentag 1978 in Freiburg erlebte, mit riesigen Teilnehmermassen und einer glaubensfrohen Stimmung, wurde ab Anfang der 1980er Jahre aus dem „beschwingten Kirchenfestival“ zunehmend ein „Tummelplatz reformkatholischer Initiativen und linkslastiger Protestgruppen“.

FOTO: Infostand des theologisch konservativen Christoferuswerks auf dem diesjährigen Katholikentag in Regensburg

Der auch in den Medien vorherrschende rot-grüne Trend färbte auf Programm und Gestaltung des Katholikentages ab, konservative und romtreue Gruppierungen erhielten trotz mehrfacher Anmeldung keinen Infostand, während ultralinken Gruppen eindeutig bevorzugt wurden.

Auf dem 99. Deutschen Katholikentag Ende Mai dieses Jahres bekamen glaubenskonservative Persönlichkeiten und besonders Sprcher und Initiativen aus der Lebensrechtsbewegung endlich deutlich mehr Gewicht und waren bei öffentlchen Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und auf der sogenannten „Katholikentagsmeile“ gut vertreten.

Zwar folgten wütende und plemisierende Kommentare von betont linker Seite, die Autorin versteht die Empörung des Gegners jedoch als Kompliment und kommt bei aller Detailkritik zu dem Schluß, daß es sich um den „vergleichsweise besten Katholikentag der letzten Jahrzehnte“ handelte.

Beiträge unter anderem über den „Kreuzestod Jesu unter medizinischen Gesichtspunkten“, „Erlösung im Zeitalter der Autonomie“ und „Irrwege des Genderismus“ vervollständigen das wie immer lesenswerte Heft.

Kontakt: Verlag nova & vetera, Estermannstr. 71 in 53117 Bonn
http://www.theologisches.net

Quelle: http://www.jungefreiheit.de


Buch-TIP: Dr. Edith Breburdas profunde Neuerscheinung zu bioethischen Themen

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 5-6/2014) wurde folgende Buchbesprechung von Felizitas Küble unter dem Titel „Kenntnisreiches und sittlich einwandfreies Sachbuch zu gentechnischen und bioethischen Themen“ veröffentlicht:

BUCH-Daten: Globale Chemisierung. Vernichten wir uns selbst? – Dr. Edith Breburda. Neuerscheinung vom 28.2.2014, Taschenbuch: 254 Seiten, Preis 15,79 €, Scivias-Verlag, ISBN-10: 0615926657 / ISBN-13: 978-0615926650 GC vernichten wir uns

Diese Neuerscheinung zu allen denkbaren Fragen der Gentechnik, Biotechnologie und Bioethik fasziniert in dreifacher Weise:

1. Die deutsch-amerikanische Autorin Dr. Edith Breburda (siehe Foto) ist Veterinärmedizinerin und kommt vom Fach; sie hat bereits mit ihrem ersten, im Christina-Verlag erschienenen Sachbuch („Verheißungen der neuesten Biotechnologien“) gezeigt, daß ihr die gesamte diesbezügliche Themenpalette geläufig ist. In diesem Werk wird sie diesem Anspruch noch gründlicher gerecht.

2. Das Buch ist sehr geschickt in Romanform geschrieben: es wirkt teils wie ein Thriller, so daß es nicht nur sprachlich gut verständlich rüberkommt, sondern wegen der wechselnden Dialoge und interessanten Geschehnisse auch lebendig und anschaulich wirkt.

3. Die Verfasserin vertritt in allen relevanten Aspekten uneingeschränkt die sittliche Lehre der katholischen Kirche, auch bei heißen Eisen wie Abtreibung, Nidationshemmung bzw. „Pille danach“, künstliche Befruchtung, Euthanasie, Klonen etc. Dr. Breburda

Dieses grundsolide und präzise Sach-Buch der katholischen Bioethikerin besitzt den einzigartigen Vorteil, daß es aktuelle Herausforderungen der Gentechnik (an Mensch, Tier und Pflanzen) ebenso gehaltvoll wie unkompliziert darstellt.

So wird der Leser in komplexe Fachthemen der industriellen Biotechnologie (Weiße Gentechnik), der medizinischen Biotechnologie (Rote Gentechnik) und der Pflanzenbiotechnologie (Grüne bzw. Agro-Gentechnik) eingeführt und erhält einen fundierten Überblick über die wesentlichen Gesichtspunkte.

Gentechnik und neue Biotechnologien greifen immer mehr in unser Leben ein. Das Buch setzt sich durchweg kritisch, aber ohne jeden Fanatismus mit den vielfältigen Herausforderungen auseinander, die differenziert und präzise dargestellt werden.

Anhand plastischer Beispiele verdeutlicht die Verfassering die medizinischen, sozialen, ökologischen und moralischen Gefahren einer zum Teil irreversiblen Technologie.

Das Buch umfaßt ein sehr weites Spektrum. Behandelt werden die Schädigung der Umwelt, der Verlust an natürlichen Ressourcen, ökologischen Systemen und der Artenvielfalt, Eingriffe in die Landwirtschaft, genveränderte Pflanzen und Tiere, Bioethanolproduktion und weltweite Nahrungsnot. Umweltbelastung durch Plastikmüll, Chemikalien, Antibiotika, Hormone, Östrogen, Testosteron, Schimmelpilze, Insektizide, Bienenverluste, Herbizide, Nitrate, Phosphate, Versauerung der Meere durch CO2 und ihre Folgen.

Es geht sodann um Eingriffe in das Erbgut der Menschen, IVF bzw. künstliche Befruchtung, Klonen, Stammzellen, Besamung von Tieren, Eizellenspenden, Feminisierung, Kontrazeptiva, Alzheimer, Prionen, Chronic Wasting Disease, TSE etc.

Die ethischen und gesundheitlichen Probleme und Grenzen werden ausführlich erläutert.

Es bringt nichts, später zu sagen „Wir hätten es wissen müssen“, wenn wir heute die Gelegenheit nicht nutzen, uns mit Hilfe dieses kenntnisreichen Buches umfassend zu informieren. Es ist eine hochaktuelle Lektüre zu den bioethischen Herausforderungen heute und morgen.

DIESES BUCH mit über 250 Seiten kann für 15,80 € portofrei bei uns bestellt werden: felizitas.kueble@web.de (Tel. 0251-616768)