Mainz: Mediziner-Vortrag am 20. Juni über Vorsorge und Therapie bei Leberkrebs

Der nächste Themenabend der Vortragsreihe „Medizin: Faszination Forschung” am 20. Juni widmet sich dem Thema Leberkrebs. 

Referent Junior-Professor Dr. med. Jens U. Marquardt, Leiter der Lichtenberg-Forschungsgruppe „Molekulare Hepatokarzinogenese“ an der I. Medizinischen Klinik der Universitätsmedizin Mainz, erläutert in seiner Rede neueste Erkenntnisse zur Prävention, Diagnostik und Therapie der Erkrankung.

Der Titel seines Vortrags lautet „Leberkrebs im 21. Jahrhundert – von der Lebervorsorge zur individualisierten Tumortherapie“.

Moderator des Abends ist Univ.-Prof. Dr. Wilfried Roth, Direktor des Institutes für Pathologie der Universitätsmedizin Mainz.

Die Veranstaltung der Universitätsmedizin Mainz und der Medizinischen Gesellschaft Mainz beginnt um 19.15 Uhr und findet im Hörsaal der Chirurgie der Universitätsmedizin Mainz statt (Geb. 505H, Langenbeckstraße 1 in 55131 Mainz).

Die Leberzirrhose stellt die gemeinsame Endstrecke des fortschreitenden bindegewebigen Umbaus der Leber bei allen Leberkrankheiten dar. Im Frühstadium der Leberzirrhose sind die Patienten in der Regel symptomfrei: Es sind noch keine Organkomplikationen aufgetreten und die Leberfunktion ist weitgehend erhalten. Späte Stadien sind dadurch gekennzeichnet, dass eine fortgesetzte Schädigung des Organs zu schwerwiegenden Komplikationen wie inneren Blutungen, Bauchwassersucht oder Leberkoma bis hin zur Entwicklung von Leberkrebs führt.

Obwohl die durchschnittliche Lebenserwartung von Patienten mit Leberzirrhose um zehn bis zwanzig Jahre niedriger als die der Gesamtpopulation liegt, existieren in Deutschland keine strukturierten Programme zur Frühdiagnose einer Leberzirrhose. Im Rahmen der neuen Versorgungsform zur Lebervorsorge „Strukturierte Früh-Erkennung einer Asymptomatischen Leberzirrhose (SEAL)“ überprüfen Experten derzeit in Rheinland-Pfalz und im Saarland, inwieweit sich die Frühdiagnose von Patienten mit Leberzirrhose und fortgeschrittener Leberfibrose verbessern lässt, wenn bei entsprechenden Check-Up-Untersuchungen ein bestimmter einfacher Algorithmus zum Einsatz kommt. Die Umsetzung dieser Art von Vorsorge birgt ein hohes Potential, um das Auftreten von Komplikationen zu verhindern.

Die tödlichste Komplikation einer Leberzirrhose und gleichzeitig der bedeutendste Risikofaktor ist das Leberzellkarzinom, fachsprachlich als Hepatozelluläres Karzinom (HCC) bezeichnet. Das HCC ist ein hochmaligner Tumor mit einer steigenden Inzidenz in der westlichen Welt. Angesichts der häufig zugrunde liegenden Leberzirrhose sind Therapiestrategien vor allem im fortgeschrittenen Stadium begrenzt und erfordern eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit und multimodale Behandlungskonzepte. Die größte Herausforderung für neue Therapieansätze ist die morphologische und molekulargenetische Heterogenität des HCC. Zur Verbesserung der Prognose von HCC Patienten erscheinen daher individualisierte Therapieansätze der Präzisionsmedizin unerlässlich.

Quelle: Pressemeldung der Universitätsmedizin Mainz

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Forschungsprojekt: Fette spielen eine wichtige Rolle bei psychiatrischen Erkrankungen

Wissenschaftler der Universitätskliniken Mainz und Münster haben herausgefunden, dass bioaktive Fette an neuronalen Kontaktstellen wirken und erregende Impulse im Gehirn verstärken. Infolgedessen kann es dort zu Übererregungszuständen kommen, die mit psychiatrischen Erkrankungen assoziiert werden.

Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler in ihrem vom Europäischen Forschungsrat (ERC) geförderten Projekt zeigen, dass sich die Produktion dieser Fette im Gehirn pharmakologisch hemmen lässt und so die neuronale Übererregung verschwindet. Das führt wiederum zur Rückbildung typischer Verhaltensmuster, die mit psychiatrischen Erkrankungen assoziiert sind.

Der entdeckte Hemm-Mechanismus eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten für psychiatrische Erkrankungen, soll aber auch bei neurologischen Erkrankungen wie dem Schlaganfall eine wichtige Rolle spielen. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Molecular Psychiatry veröffentlicht.

Bislang war die Rolle von bioaktiven Fettsäuren im Gehirn nicht bekannt. Auch war der Entstehungsort der Fettsäuren an den Kontaktstellen von Neuronen nicht erforscht.

PD Dr. Johannes Vogt vom Institut für mikroskopische Anatomie und Neurobiologie der Universitätsmedizin Mainz und Dr. Dr. Robert Nitsch, Professor für Translationale Neurowissenschaften an der Universität Münster, konnten nachweisen, dass spezielle Fettsäuren lokal an neuronalen Kontaktstellen im Gehirn aus Vorläuferstoffen produziert werden. Des Weiteren konnten die Wissenschaftler zeigen, dass diese Fettsäuren die Weiterleitung erregender Impulse entscheidend verstärken.

„Dadurch kann es zu Übererregungszuständen im Gehirn kommen“, unterstreicht Dr. Vogt und ergänzt: „Es ist genau die Art von Übererregungszuständen, die für verschiedene psychiatrische Erkrankungen wie der Schizophrenie kennzeichnend ist.“

Den Wissenschaftlern gelang es, die Produktion dieser Fette im Gehirn pharmakologisch zu hemmen und so einen Rückgang der neuronalen Übererregung im Gehirn zu erzielen. „Diese Ergebnisse sind von entscheidender Bedeutung, um innovative therapeutische Ansätze zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen wie der Schizophrenie zu entwickeln. Darüber hinaus zeigen unsere Daten, dass sie einen therapeutischen Nutzen bei neurologischen Erkrankungen wie dem Schlaganfall haben, dem ebenso eine neuronale Übererregung zugrunde liegt“, so Dr. Vogt.

Professor Nitsch ergänzt: „Da bisherige Therapien, die erregende Impulse beeinflussen sollten bisher zu keiner therapeutisch relevanten Medikamentenentwicklung geführt haben, sind unsere Daten als ein Durchbruch bei der Entwicklung spezifischer Therapien für diese Erkrankungen zu werten.“

Aufgrund der Ergebnisse dieses Forschungsprojekts haben Dr. Vogt und Professor Nitsch einen internationalen Patentantrag zur Behandlung von Gehirnerkrankungen, die auf einer gestörten Regulation bioaktiver Fette und der daraus folgenden erregenden Impulse reagieren, eingereicht. Des Weiteren fördert der ERC in diesem Zusammenhang ein weiteres Forschungsprojekt mit einem ERC Proof-of-Concept Grant, bei dem es um die Entwicklung eines entsprechenden Medikaments gehen soll.

Quelle: Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz


Aktives Krankenhaus: Universitätsmedizin Mainz setzt auf Bewegung der Patienten

In der Bewegung liegt die Kraft – und das Geheimnis einer früher Rehabilitation: Nach großen Operationen wie der Implantation einer Hüft- oder Knieendoprothese lassen sich Komplikationen um 30 bis 50 Prozent reduzieren, wenn der Patient sich schon ab dem Operationstag wieder selbständig bewegt. Zudem kann der Patient nach einer solcher Operation schon nach fünf bis sieben statt der sonst üblichen durchschnittlichen 12 Tagen wieder nach Hause.

Basierend auf diesem Wissen bieten das Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie und das Institut für Physikalische Therapie der Universitätsmedizin Mainz den Patienten einer Modellstation ein bewegungsförderndes Umfeld samt Bewegungsparcours

BILD: Patienten nutzen den Bewegungsparcours im Orthopädie-Zentrum der Universitätsmedizin Mainz (Foto: Peter Pulkowski)

Die Innovationen sind ein wichtiger Teilaspekt der neuen, konsequent auf frühzeitige Selbstständigkeit des Patienten ausgerichteten Behandlung des Zentrums.

Die ganzen 100 Meter von der Start- bis zur Ziellinie selbständig gehen, das operierte Bein auf eine Stufe stellen, das Bein dort beugen und dann wieder strecken, sich festhalten und dann auf seine Zehenspitzen stellen – dies sind nur einige der Übungen, mit denen ein Patient sein frisch implantiertes neues Hüft- oder Kniegelenk schon ganz früh nach der Operation aktiv nutzen kann, um entscheidend zum Behandlungserfolg beizutragen. Denn je früher Patienten mit einer Hüft- oder Knieendoprothese wieder mobil sind, umso schneller genesen sie.

Der nun eingeweihte Bewegungsparcours hilft ihnen dabei. Dem Ziel einer schnelleren Rehabilitation mittels einer aktiveren Rolle des Patienten dienen zudem digital gesteuerte, mit speziellen Sensoren ausgestattete, spielerische Bewegungsübungen.

Zu den optimierten Rahmenbedingungen des Heilungsprozesses zählt darüber hinaus das neu eingerichtete „Wohnzimmer“ der Modellstation. Es soll als Treffpunkt für die Patienten dienen, um sich beispielsweise über ihre Bewegungsfortschritte auszutauschen oder gemeinsam zu essen. Denn auch die soziale Komponente wirkt bewegungsmotivierend – statt alleine im Krankenzimmer im Bett zu liegen, hat der Patient die Option, in den Gemeinschaftsraum zu gehen.

„Wir sind auf dem Weg zum aktiven Krankenhaus. In der modernen Arzt-Patienten-Beziehung wird der Patient während der Therapie zum aktiven, mitverantwortlichen Partner. Bewegungsfördernde Umfelder, frühzeitige Selbstständigkeit des Patienten und damit kürze Liegezeiten sind eine Entwicklung, die nicht nur die Versorgungsqualität in der Universitätsmedizin Mainz weiter steigert, sondern zudem das Bild der Krankenhäuser in Zukunft grundlegend verändern werden“, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Norbert Pfeiffer

„Wir wollen erreichen, dass die Therapie praktisch keine Immobilitätsphase mehr beinhaltet. Dafür haben wir unsere Behandlung konsequent auf eine frühzeitige Selbstständigkeit des Patienten ausgerichtet. Das neu geschaffene und entsprechend gestaltete Umfeld soll den Patienten zur Bewegung motivieren. An den sechs festen Bewegungsstationen können die Patienten – anfangs angeleitet von Physiotherapeuten und dann eigenständig – jederzeit an der Bewegungsfunktion ihrer Beine arbeiten“, betont der Direktor des Institut für Physikalische Therapie, Dr. Ulrich Betz. 

Quelle (Text/Fotos): Universitätsmedizin Mainz

 


Universität Mainz: Forschungsprojekt sucht neuen Therapieansatz gegen Lungenkrebs

Proteinkinasen regulieren nahezu alle Vorgänge in der Zelle. Ist die Funktion dieser Schlüsselenzyme gestört, so entsteht häufig Krebs. Konkret stehen bestimmte mitogenaktivierte Proteinkinasen (MAPK) im Verdacht, Lungenkrebs auszulösen.

In einem neuen Forschungsprojekt will der Zellbiologe Univ.- Prof. Dr. Krishnaraj Rajalingam (siehe Foto) von der Universitätsmedizin Mainz herausfinden, welche Rolle MAPK bei der Entstehung von Tumoren haben. Auf Basis dieser Erkenntnis lassen sich möglicherweise Wirkstoffe entwickeln, die diese deregulierten Proteinkinasen hemmen.

Die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung fördert dieses Forschungsprojekt mit rund 580.000 Euro.

Auf der ganzen Welt erkranken jedes Jahr rund 1,6 bis 1,8 Millionen Menschen an Lungenkrebs. Bei Männern ist Lungenkrebs weltweit gesehen die häufigste Todesursache aufgrund einer Krebserkrankung. In Deutschland ist sie die dritthäufigste Krebserkrankung. Rauchen ist der größte Risikofaktor. Je früher Lungenkrebs diagnostiziert wird, desto höher ist die Chance auf Heilung.

Der gebürtige Inder konnte mit seinen Mitarbeitern nachweisen, dass bestimmte MAPK in Gewebe von sogenannten nichtkleinzelligen Lungenkarzinomen (NSCLC) erhöht vorkommen. NSCLC machen mehr als 80 Prozent aller Lungen- und Bronchialkarzinome aus.

Vor diesem Hintergrund ist Prof. Rajalingam überzeugt, dass eine umfangreiche Analyse dieser MAPK entscheidendes Wissen über die molekularen Mechanismen der Entstehung von Lungenkrebs liefert. „Tumorzellen haben verschiedene Mechanismen entwickelt, die sie vor der Erkennung des spezifischen Immunsystems schützen. Auf diese Weise können sie sich unkontrolliert im Körper vermehren.“

Ein weitreichendes Verständnis von MAPK könnte uns in die Lage versetzen, neuartige therapeutische Ansätze zu entwickeln, die sich sowohl gegen die Tumorzellen richten als auch das Immunsystem aktivieren“, so Prof. Rajalingam.

Auch der Prodekan für Forschung der Universitätsmedizin Mainz, Univ.-Prof. Dr. Hansjörg Schild, teilt diese Überzeugung: „Dieses Forschungsprojekt hat das Potential, neue Wege bei der erfolgreichen Entwicklung von Immuntherapien gegen nichtkleinzellige Lungenkarzinome aufzuzeigen. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Patienten, die an nichtkleinzelligen Lungenkarzinomen leiden, bislang keine gute Prognose haben. Darüber hinaus ist aber auch denkbar, dass im Idealfall Patienten mit einer Immunerkrankung langfristig davon profitieren, wenn die Rolle der MAPK entschlüsselt wird.“

Prof. Rajalingam ist seit Juli 2014 Inhaber einer Heisenberg Professur für Zellbiologie und arbeitet mit seinem internationalen Team im Forschungszentrum für Immuntherapie (FZI). Er ist ebenfalls ein Fellow des Gutenberg Forschungskollegs der Johannes Gutenberg-Universität.

Kontakt: Univ.-Prof. Dr. Krishnaraj Rajalingam
Institut für Immunologie
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
Telefon 06131 – 178051 E-Mail: krishna@uni-mainz.de

Quelle: Universitätsmedizin Mainz – Foto: privat


Multiple Sklerose: Schäden der Nervenzellfortsätze sind umkehrbar

Bei der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS) kommt es zu Überreaktionen des Immunsystems. Infolgedessen werden gesunde Nervenzellen attackiert, was zu einer fortlaufenden Schädigung der Nervenzellfortsätze (im Fachjargon Axone) führt. 

Die Degeneration der Nervenzellfortsätze ist allerdings umkehrbar:

Neurowissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz haben jetzt herausgefunden, dass Interleukin-4 (IL-4), ein Botenstoff des Immunsystems, in der Lage ist, die Schädigung des Axons umzukehren. Die Forscher gehen davon aus, dass die neuronale IL-4 Behandlung möglicherweise eine neue therapeutische Strategie darstellt, um Neurodegeneration in der chronischen MS zu beheben.

Die Forschungsergebnisse wurden jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Science Translational Medicine“ veröffentlicht.

MS ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). In welchem Maße Betroffene von MS beeinträchtigt werden, hängt in hohem Maße davon ab, wie viele Axone im Krankheitsverlauf eine irreversible Schädigung davon tragen. Das wissen MS-Forscher bereits seit etwa 20 Jahren.

Konkret bewirken die entzündlichen Attacken im Gehirn von MS-Patienten krankhafte Schwellungen beziehungsweise Schädigungen der Axone, die jedoch reversibel sein können. Die Idee war somit, dass es körpereigene Faktoren geben muss, die Schädigungsprozesse in Schach halten oder gar reparieren.

Im Modellversuch konnten die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz, Univ.-Prof. Dr. Frauke Zipp, und ihr Team jetzt zeigen, dass das Immunzytokin IL-4 direkt in den Nervenzellen einen schnellen Signalweg anstoßen und die Neurodegeneration aufhalten kann.

Ferner beobachteten sie, dass sich mit Hilfe von IL-4 sogar Wachstumsprozesse der Nervenfortsätze ankurbeln lassen. Die Effekte des IL-4 stellen sich unabhängig vom Immunsystem ein – so weitere Erkenntnisse der Forscher um Prof. Zipp.

„Gegenwärtig verfolgen die meisten Strategien zur Behandlung von MS zwei Kernziele: Entweder gilt es zu verhindern, dass körpereigene, autoaggressive Immunzellen in das zentrale Nervensystem (ZNS) eindringen. Oder es geht darum, Entzündungsprozesse im ZNS zu hemmen“, berichtet Prof. Zipp:

„Um eine neue therapeutische Strategie zu entwickeln, mit der sich die axonalen Schäden bekämpfen lassen, halten wir die neuronale IL-4-Behandlung für einen vielversprechenden Ansatz. Denn die Protektion oder gar Regeneration der Nervenbahnen könnten den chronischen Verlauf der MS erheblich verbessern.“

Nun wollen Prof. Zipp und Dr. Christina Vogelaar, die maßgeblich in das Forschungsprojekt eingebunden war, der Frage nachgehen, in welcher Form sich eine solche Therapie tatsächlich eignet, um bei MS-Patienten axonale Schäden zu beseitigen.

Neben Wissenschaftlern des Forschungszentrums Translationale Neurowissenschaften (FTN) der Johannes Gutenberg Universität Mainz (JGU) waren noch weitere Forscher an der aktuellen Forschungsarbeit beteiligt. Dazu zählen das Department of Pathology, Neuropatholgy am Albert Einstein College of Medicine in New York, das Center for Brain Immunology and Glia am Department of Neuroscience der University of Virginia und das Insitut für Translationale Neurowissenschaften der Universitätsmedizin Münster.

Originalpublikation: Christina Vogelaar, Shibajee Mandal, Steffen Lerch, Katharina Birkner, Jerome Birkenstock, Ulrike Bühler, Andrea Schnatz, Cedric S. Raine, Stefan Bittner, Johannes Vogt, Jonathan Kipnis, Robert Nitsch, Frauke Zipp. DOI: 10.1126/scitranslmed.aao2304

Quelle: Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz

 


Neuer Therapieansatz für Multiple Sklerose?

Protein EGFL7 begrenzt Einwanderung von Immunzellen ins Gehirn

Einen möglichen neuen Therapie-Ansatz bei der Behandlung von Patienten mit Multiple Sklerose haben Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz in Kooperation mit Forschern der Universität von Montreal entdeckt.

Im Modellversuch und durch Experimente an humanen Endothelzellen fanden sie heraus, dass das Protein EGFL7 die Einwanderung von Immunzellen in das Zentrale Nervensystem begrenzt, in dem es die Blut-Hirn-Schranke stabilisiert.

Nachzulesen sind diese Erkenntnisse in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten mit Behinderung einhergehende Erkrankung junger Erwachsener in den Industrienationen. Bei dieser greift das eigene Immunsystem das zentrale Nervensystem (ZNS) an: Immunzellen (T-Zellen) wandern über die Blut-Hirn-Schranke – die physiologische Barriere zwischen Blutkreislauf und ZNS – ins Gehirn und schädigen dort die schützende Hülle (Myelinschicht) der Nervenfasern.

Dadurch kommt es zu einem Abbau bzw. Funktionsverlust von Nervenzellen und in der Folge zu neurologischen, mit Behinderung einhergehenden Symptomen.

Diesen krankheitsauslösenden Mechanismus durch neue Therapien zu unterbinden, ist Ziel der MS-Forschung. Die Anwendung des Proteins EGFL7 in den Fokus ihrer Forschungsarbeiten gestellt, haben Wissenschaftler um Dr. Timo Uphaus und Prof. Dr. Frauke Zipp von der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz zusammen mit Dr. Catherine Larochelle (Universität Montreal) sowie mit Prof. Mirko Schmidt und Forscherkollegen vom Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK).

Damit haben sie sich für einen neuen, pathophysiologischen Forschungsansatz entschieden, denn üblicherweise spielt EGFL7 in der MS-Forschung keine Rolle. Aus der Tumorforschung beispielsweise zu Mammakarzinomen ist jedoch bekannt, dass EGFL7 einen Einfluss auf die Einwanderung von Immunzellen in das Tumorgewebe hat.

Da auch bei der MS die Einwanderung von Immunzellen in das Gehirn ein wesentlicher Einflussfaktor ist, wählten die Forscher dieses Protein und seine Wirkungen auf die Autoimmunerkrankung MS als Forschungsgegenstand. Mit Erfolg! Denn mit diesem Forschungsansatz ist es ihnen gelungen, einen möglichen neuen MS-Therapieansatz aufzeigen.

Basis dessen könnten folgende neu gewonnene Erkenntnisse sein: Ist das Nervengewebe des ZNS entzündet, herrschen im Gehirn inflammatorische Bedingungen. Erfolgt unter diesen eine vermehrte Ausschüttung von EGFL7, dann führt das dazu, dass Immunzellen an EGFL7 binden, somit festgehalten werden und eine weitere Einwanderung ins ZNS verhindert wird.

Wie die Wissenschaftler im Rahmen ihrer Forschungen herausfanden, ist EGFL7 im Gefäßsystem von MS-Patienten hochreguliert, also zahlreich vorhanden. EGFL7 wird von Endothelzellen der Blut-Hirn-Schranke abgegeben. Es bewirkt, dass die Immunzellen im perivaskulären Raum festgehalten werden.

Im nächsten Schritt beobachten die Wissenschaftler im Modellversuch, dass durch die Anwendung von EGFL7 die Blut-Hirn-Schranke weniger durchlässig wurde. EGFL7 minderte also das verstärkte Eindringen von Immunzellen in das ZNS und wirkte somit dem krankheitsauslösenden Mechanismus entgegen. Durch die stabilere Blut-Hirn-Schranke sank die Immunzellinfiltration in das ZNS, wodurch sich wiederum der gesamte klinische Verlauf verbesserte.

Im Rahmen ihrer Forschungen ist es den Wissenschaftlern zudem gelungen, diese experimentellen Ergebnisse in einem humanen Blut-Hirn-Schranken-Modell zu bestätigen: Ihre Untersuchungen zeigten auch in isolierten menschlichen Endothelzellen eine verminderte Migration von Immunzellen.

Wie die Wissenschaftler weiterhin feststellten, ist es prinzipiell möglich, die positiven Einflüsse von EGFL7 auf die Einwanderung von Immunzellen in das ZNS und die Stabilität der Blut-Hirn-Schranke für die Therapie von Multiple Sklerose nutzbar zu machen.

Quelle: Pressemitteilung der Universität Mainz


Frühkindliche Störungen sind oft ein „Hilferuf“

Von Christa Meves

Die Bewertung seelischer Störungen erweist sich nur allzu häufig als abhängig vom Zeitgeist. Als ich in der Nachkriegszeit meine Fachausbildung zur Kinder – und Jugendlichen-Psychotherapeutin begann, gehörte z. B. die Störung „frühkindliche Onanie“ zu einer Seltenheit. Heute findet man diese Störung immer häufiger.

Im Allgemeinen sind es junge Mütter, die z. B. ratlos anfragen:

„Ich habe mit meiner Dreijährigen zur Zeit eine schwierige Phase. Sie hat immer weniger Lust zum Spielen und keine Freude daran, länger dabei zu verweilen. Sie geht dann lieber wieder auf ihr Schaukelpferd, das einen schmalen Sattel hat, und schaukelt damit von links nach rechts versonnen hin und her.

Im Wohnzimmer geht sie so ähnlich auch an die Sessel. Sie reitet dann auf einer der breiten Lehnen. Davon kann ich sie gar nicht abbringen. Manchmal ist sie geradezu wie abwesend dabei. Sie hört mir gar nicht erst zu, wenn ich sie darauf anspreche. Wenn ich ungeduldig werde und sie anschreie, wird es bald eher noch schlimmer. Beim Gute-Nacht-Sagen hat sie dann auch die Hände immer unter der Decke.

Ich habe mich im Internet schlau zu machen versucht, aber nichts Hilfreiches gefunden. Ich habe unseren Hausarzt gefragt. Das sei eine harmlose, eine frühkindliche Selbstbefriedigung, hat er abgewehrt. Ich habe Vorträge mit entsprechender Thematik besucht. Allgemein herrschte hier die Ansicht vor, dass dieses Verhalten einer sehr vitalen gesunden Entwicklung entspräche.

Ich würde dem ja gerne zustimmen, aber ich sehe doch, dass bei meiner kleinen Anina diese Verhaltensweise immer mehr zunimmt, während Fortschritte in Aufgewecktheit immer seltener werden. Meine kleine Tochter ist auch nicht mehr so unbekümmert glücklich, wie ich sie vorher erlebte. Wie kann ich sie also von dieser Einseitigkeit wegbringen? Sie hört ja einfach nicht auf mich, und diese Störung – so muss ich das doch wohl sehen – wird immer schlimmer.“

Das sind berechtigte Beobachtungen; denn die sog. „exzessive frühkindliche Onanie“ gehört seit mehr als 60 Jahren zum Katalog der Erstsymptome seelischer Störungen im Kindesalter.

Heute aber nimmt – wie Betroffene dann erfahren – nicht nur die Häufigkeit dieses Verhaltens zu, sondern ganz offensichtlich auch der Versuch von Beratern, diese Störung als nicht beachtens- und behandlungswert herunterzuspielen. Manchmal wird dieser Beschäftigung sogar eine positive Bedeutung zuerkannt – als ein Merkmal auf dem Weg zu kraftvoller seelischer Gesundheit. Das aber entspricht nicht langjähriger praktischer Facherfahrung.

Wenn nämlich diese Verhaltensweise nicht früh als ein zu beachtender Hilferuf verstanden wird, pflegt die exzessive frühkindliche Onanie nicht selten zu einer oft lebenslänglich bleibenden Gewohnheit – dann mit Rückzug ins stille Kämmerlein – beibehalten zu werden.

Zur Behandlung kommt die Störung meist erst, wenn sie so dominant wird, dass sie andere Interessen hindert und drängend – gewissermaßen den freien Willen blockierend – in Erscheinung tritt. Dann wird diese Gewohnheit für den Betroffenen im Erwachsenenalter schließlich doch zu etwas Einschränkendem, etwas Störendem, sodass er sich davon therapeutisch befreien lassen möchte; denn zuvor hat er mit sich selbst die bekümmernde Erfahrung gemacht: Allein reicht sein eigener Wille nun nicht mehr aus, sich davon zu lösen: Das einstige „schöne Gefühl“ hat sich zu einer Sucht ausgeweitet!

Und das ist grundsätzlich so: Von eingefahrenen Süchten lässt sich kaum einmal aus eigener Kraft total befreien!

Wären eine allgemeine Information darüber und eine gute Prophylaxe also nicht besser? Insofern ist die modische positive Meinung über die frühkindliche Onanie eine Fehleinschätzung; denn diese Angewohnheit kann eine seelisch-geistig gesunde Ausgestaltung eher mindern als fördern, wie diese Mutter besorgt beobachtet hat.

Und vor allem: Die Störung lässt sich im Anfangsstadium noch vertreiben, wenn die eigentliche Ursache erst einmal erkannt und ins Blickfeld gerückt wird; denn diese Fixierung an die Selbstbefriedigung ist kein Kennzeichen einer gesunden Entfaltung des Körpers, sie ist vielmehr das Merkmal eines seelischen Mangels. Mit der Sexualität im Erwachsenenalter hat diese kindliche Verhaltensstörung oft wenig oder gar nichts zu tun. Sie ist vielmehr in der Mehrzahl der Fälle ein Trostpflaster! 

Die Verhaltensforscher sprechen dann von sog. „Übersprunghandlungen“, die einem seelischen Ungleichgewicht im Empfinden des Kindes entspringen und zufällig in den sexuellen Bereich hineingerutscht sind! Die Ursache ist z. B. oft darin zu suchen, dass das Kind innerhalb der ersten beiden Lebensjahre – häufig aus tragischen Gründen – wiederholt etwas es Ängstigendes erlitten hat.

Das kann – muss aber keineswegs – ein sexueller Missbrauch sein. Mit bewusst Sexuellem hat es, wie gesagt, hier noch gar nichts zu tun; denn die Geschlechtshormone sind im Kleinkindalter interessanterweise in den kleinen Körpern so heruntergefahren, dass ihre Sexualität spontan meist noch gar nicht für sie entdeckbar ist. Der sexuelle Reiz muss also sehr direkt und massiv sein, um in diesem Alter aktiviert werden zu können – so hat es die Hormonforschung herausgefunden. (1)

Häufig ist es bei den Kindern heute so, dass sie sich viel eher von der Mutter allein gelassen und eine Zeitlang absolut ungeborgen gefühlt haben. Das ängstigt sie, das können sie nicht aushalten. Und dann entdeckt das eine oder das andere per Zufall, dass es hier in seinem Genital ein „schönes Gefühl“ gibt, das über die Angst hinwegzutrösten vermag.

Deshalb ist es jetzt von größter Wichtigkeit, diesem Mangelgefühl entgegenzuwirken. Selbst Dreijährige sollten dann noch eine Zeitlang nahe bei der Mutter gehalten werden: auf dem Schoß, im Blickfeld, mit gemeinsamem Bilder-Besehen, gemeinsamen Spielen und gemeinsamen Erlebnissen. Ballspiele und Vorlesen als häufige Beschäftigungen sind dabei besonders gut als Laientherapeutikum geeignet. Aber dieses muss auch bereits hier in der Anfangsphase der Störung langfristig geschehen.

Dann lässt sich allerdings die beglückende Erfahrung machen, dass Mütter, die in dieser Weise die Selbstbefriedigung bei ihren Kleinen zu mindern suchen, nach einigen Wochen beste Erfolge zu verzeichnen haben: Die Kinder werden fröhlicher, unbekümmerter, aufgeschlossener, neugieriger. Kürzlich berichtete eine Mutter beglückt: „Es ist so, als wenn das Lebensboot meiner kleinen Tochter nun wieder gut im Wind steht.“

Gelingen kann dieses so erfreuliche Nachholen eines lebenswichtigen Bedürfnisses von Kleinkindern aber nur, wenn die Mutter es sich strikt verbietet, das Kind zu ermahnen – oder schlimmer noch: es dafür zu beschimpfen. Am besten ist es, das Problem überhaupt nicht zu thematisieren. Vorwürfe und Befragungen sind ohnehin nicht altersgemäß, und die direkte Beschäftigung mit dem Thema fixiert eher darauf, als dass sich die Not wieder verflüchtigt.

Wie bedauerlich: Zwar wird nun heute von Müttern die Onanie ihrer Kleinen immer häufiger als eine ihnen missliche Beschäftigung beklagt, aber wenn sie sich dann auf die Suche nach Hilfe begeben, stoßen sie nicht selten sogar auf eine Reihe von Beschwichtigern dieser Störung; sie wird manchmal sogar als eine Art Entfaltungsstimulanz eingeschätzt.

Wird die sich ausweitende Angewohnheit, die später vom Erwachsenen dann nur allzu oft selbst als ungut beklagt wird, von der Moderne nun also in einer leichtfertigen Weise geradezu gefördert? Hat hier vielleicht sogar durch den vor vierzig Jahren eingesetzten Trend zur „Entfesselung der Sexualität“ auch in diesem Fachbereich eine Ideologisierung stattgefunden? Wird hier die Gefahr einer Wucherungsmöglichkeit der Natur im Menschen altersentsprechend noch hinreichend beachtet? Kann das dann nicht geradezu einer unterlassenen Hilfeleistung gleichkommen?

Zwar ist das gewiss noch nicht allgemein der Fall, aber mir scheint: Es ist dringend an der Zeit, dass wir uns um die echten, natürlichen Voraussetzungen zu seelischer Gesundheit unserer Kinder kümmern, statt Gepflogenheiten nachzugehen, die von Ideologen erdacht worden sind.

Die Großmacht Sexualität in Kinderstuben als ein willkürliches Spielzeug in Händen von Theoretikern zu verwenden, ist jedenfalls leichtfertig, ja unter Umständen ungut, weil Spielraum-mindernd und suchterzeugend. Die Geschlechtskraft hat gewichtige, ernste, ja, heilig-schöne Aufgaben im Leben mündiger Erwachsener – vorab in der Ehe.

In der Erziehung müssen wir ebenso sorgsam wie angemessen und damit echt natürlich umgehen, wenn wir unserer Verantwortung gerecht werden wollen.

(1) Eliot, Lise: Wie verschieden sind sie, Berlin 2010, S. 141

Christa Meves ist Psychagogin und Bestseller-Autorin; sie leitet den Verein „Verantwortung für die Familie“, bei dem sich weitere Infos und Artikel finden: http://www.vfa-ev.de/newsl.htm