Die hl. Teresa von Avila (1515 – 1582): In Freundschaft mit Christus leben

Von Pfarrer Felix Evers

Teresa von Avila reformierte im 16. Jahrhundert den Karmelorden und holte Bruder Johannes vom Kreuz nach Avila.

Ein unausrottbares Missverständnis zieht sich durch die Geschichte des christlichen Glaubens: Geistliches Leben und damit Frömmigkeit sei die Zeitspanne, die man dem Gebet widmet – ein kurzer Zeitabschnitt des Tages also, der dem weitaus größeren Teil der Arbeit und der Freizeit einen religiösen Rahmen gibt.

Die Folgen zeigen sich in der uns allen bekannten Frage: „Wie finde ich bloß im hektischen Tagesablauf die Zeit für Gott?“

Teresa von Avila hat ihren Mitschwestern vorgelebt, dass sich ein geistliches Leben nicht auf die Stunden des Gebets und der Betrachtung reduzieren lässt, sondern der Alltag in seiner ganzen Breite und Fülle geistlich gelebt werden kann.

Schlüsselworte in ihren Schriften, die mir sehr geholfen haben, sind: „Beten ist wie das Verweilen bei einem Freund.“ Und: „Christus ist auch in der Küche, mitten unter den Kochtöpfen“ (Buch der Gründungen 5,8). – „Beten ist meiner Meinung nach nichts anderes als ein Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher sind, dass er uns liebt.“ (Leben 8,5) 

Sehr bekannt geworden sind auch die Worte auf einem Meditationszettel, der in ihrem Brevier gefunden wurde, und die mit dem vertrauten Ausspruch enden: „Solo Dios basta!“(Gott allein genügt)

Pater Reinhard Körner aus dem Karmelitenkloster Sankt Teresa in Birkenwerder, bei dem ich seit 20 Jahren meine Exerzitien mache, übersetzt Teresas Worte wie folgt: „Nichts muss dich ängstigen, nichts dich verstören – all das vergeht. Gott wird dir nicht untreu, geduldiges Harren sucht alles in Ihm; wer zu Gott sich hinwendet, dem fehlt nichts. Gott Seinetwegen lieben – erst das ist genug.“

Wer wie Teresa den eigenen Glauben als Leben in Beziehung versteht und in Christus einen Freund und Weggefährten sehen kann, findet wie von selbst dahin, dass das oft so profane Tagewerk nicht nur vom Gebet umrahmt, sondern auch mit Gott gestaltet sein will.

So denke ich auch heute mit der heiligen Teresa daran, dass Gott da ist – in der Küche ebenso wie in der Kirche.

Ich wende mich Gott zu, ohne etwas von ihm zu wollen, und sage einfach „Du“ zu ihm. Ich verweile bei ihm in den Zeiten des Gebets, und ich gehe mit ihm an die Arbeit, treffe meine Entscheidungen mit ihm, lache und weine mit ihm. Gott, du bist immer der große Freund meines Lebens.


Motto der hl. Edith Stein (1891 – 1942): Wie können wir an der Hand des HERRN leben?

Von Pfarrer Felix Evers

„Es ist im Grunde immer eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: Wie man es anfangen kann, an der Hand des HERRN zu leben.“ (Brief vom 28.4.1931)

Als Nesthäkchen einer großen jüdischen Familie in Breslau hatte Edith Stein eine behütete Kindheit. Nach ihrem Psychologiestudium wechselte sie an die Universität Göttingen – in einem steten Hunger nach der Wahrheit.

Die begeisterte Philosophiestudentin stieß bald an ihre Grenzen. Trotz ihrer hohen Begabung und ihres glänzenden Doktorexamens blieb ihr als Frau die berufliche Anerkennung verwehrt.

Als Edith Stein sich im Sommer 1921 nach der Lektüre der Autobiographie der heiligen Teresa von Ávila entschloss, um die Taufe in der katholischen Kirche zu bitten, wurde ihr Leben dadurch nicht leichter. Erst die judenfeindliche Gesetzgebung des Dritten Reichs, die ihr jede berufliche Tätigkeit verwehrte, öffnete ihr die Tür zum Kölner Karmel.

Aber wie litt Edith unter dem Schicksal ihres jüdischen Volkes, das auch bald das ihre werden sollte.

Edith Stein wird leider allzu oft ausschließlich als intellektuell beschrieben. In ihren Briefen hingegen begegnet uns die Mystagogin – die Frau, die uns lehrt, wie man es anfangen kann, an der Hand des HERRN zu leben und im Herzen nicht mehr „solo“, sondern „wie zu zweit“ mit Gott zu sein. Denn der wohl häufigste Grund, den Glauben an Gott zu verlieren, ist die Frage nach Gott und dem Leid: „Warum, Gott, müssen wir leiden, wenn du uns doch so sehr liebst?“

Hierauf gibt Edith Stein die einzig richtige Antwort: Sie stellt Gott nicht wegen ihres Leids und Schicksals infrage, sondern stellt Gott die Leidfrage – und Gott beantwortet sie mit seinem Mitleiden in Christus.

Edith Stein vertraut auf einen „sympathischen“, also „mitleidenden“ Gott  –  und dieser Gott kommt selbst in Jesus von Nazareth, um uns zu trösten.

In der Tradition Paul Gerhardts kann deshalb auch ein Dietrich Bonhoeffer dichten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag; Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Am 28. April 1931 schreibt Edith an Schwester Adelgundis Jägerschmid: „Gott weiß, was er mit mir vorhat. Ich brauche mich darum nicht zu sorgen.“

Eine heilige Gelassenheit spricht aus diesen Worten, eine Gelassenheit, die offen bleibt für das Wirken des HERRN, an dessen Hand wir unterwegs sind.

Das lerne ich bis heute von Edith Stein: Die kleine und einfache Wahrheit, immer wieder neu – in Freud und Leid – die Hand Jesu zu ergreifen, der unsichtbar als Auferstandener meine Lebenswege treu begleitet.

 

 


Ein Leitwort des hl. Johannes vom Kreuz: GOTT sucht den Menschen

Von Pfarrer Felix Evershttps://charismatismus.files.wordpress.com/2017/04/image5.jpg

Der hl. Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz (1542 – 1591) war der geistliche Freund der heiligen Teresa von Avila: Ihn holte sie als Beichtvater und Spiritual der Ordensschwestern nach Avila in den Karmel, in dem sie selbst Priorin war.

Johannes vom Kreuz übte verschiedene Leitungsämter im Karmel aus, gründete Klöster, verfasste Schriften. 1591 wurde er aller Ämter enthoben und meldete sich für die Mission nach Mexiko. Doch die Überfahrt konnte er nicht mehr antreten: Am 14. Dezember 1591 starb er im andalusischen Úbeda.

Es kennzeichnet die Religiosität unserer Zeit, dass viel von Gotteserfahrung gesprochen wird. In ihrer Sehnsucht, Gott zu erfahren, nehmen viele Menschen große Mühen auf sich: Konzentrationsübungen, Fasten- und Diätvorschriften, Meditationskurse…

Manche meinen gar, irgendwo in Indien oder im Fernen Osten könne man viel besser als hier Gott nahekommen. Und sie geben reichlich Geld dafür aus. Hinter solchen Bemühungen steht die Vorstellung, dass man eine Erfahrung Gottes „machen“ könne, wenn man nur konsequent sei.

Die Folge solcher Art von Gottessuche sind nicht selten Rücksichtslosigkeit und Zwang und Druck gegenüber Andersdenkenden, die dem Bemühen um Gotteserfahrung im Wege stehen. Auf diese Weise wurde die Geschichte der Religionen weitgehend eine Geschichte von Rechthaberei und Intoleranz.

Johannes vom Kreuz hat mich gelehrt, dass jemand, der Gott erfahren will, nicht besondere aszetische Übungen auf sich nehmen oder in ferne Länder reisen muss. Nein, Gott ist einer, der uns sucht.

BILD: Christus als der Gute Hirte, der das verlorene Schaf sucht und findet

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn rennt der Vater seinem heimkehrenden Sohn entgegen, weil er ihn immer voller Sehnsucht erwartet hat; der Samariterin begegnet Jesus am Jakobsbrunnen als Wanderer, der auf der Suche nach dem Menschen und seinem Glauben wie erschöpft und müde geworden scheint und eine Rast einlegt; wie der Hirte sucht Gott das eine verlorene Schaf und lässt die 99 übrigen zurück. Ja, dank Johannes vom Kreuz weiß ich: „Wenn der Mensch Gott sucht – viel mehr noch sucht Gott den Menschen!“ (aus seiner Schrift „Die lebendige Liebesflamme“ 3,28)

Zudem ist Johannes vom Kreuz der Patron der „dunklen Nacht“, also all derer, die in ihren Glaubenszweifeln meinen, Gott verloren zu haben. Er deutet solche stockdunklen Nächte scheinbarer Gottesferne als notwendige Erfahrungen der Reinigung von trügerischen Gottesbildern:

Nur wer diese Nächte aushält, findet im Anbruch eines neuen Morgens wirklich zu Gott, weil er von Gottesbildern befreit wurde, die letztlich darin bestehen, von Gott immer nur etwas zu wollen – und wenn Gott unsere Wünsche nicht erfüllt, zweifeln wir an seiner Existenz.

Deswegen lobt Johannes die Weisheit Gottes, sich scheinbar zu entziehen, und vergleicht diese „weise Pädagogik Gottes“ mit einer Mutter, die ihr Kind irgendwann loslässt, damit es selbst zu laufen beginnt.

 


Theresia von Avila warnt vor dem Wunsch nach „außergewöhnlichen Gnaden“

Die Ordensreformerin und heiliggesprochene Kirchenlehrerin Theresia von Avila hat eindringlich davor gewarnt, sich nach besonderen Charismen bzw. Gnadengaben Gottes zu sehnen. Das Verlangen danach hält sie für eine gefährliche Versuchung. 

Hierzu folgender Auszug aus ihrem Buch „Innere Burg“  (9. Kap., Abschnitte 14-16; vgl. auch Kap. 8), wobei sie sich vor allem an ihre Ordensschwestern wendet:

„Ich will euch sehr darauf hinweisen, dass ihr Gott niemals darum bitten noch von ihm wünschen solltet, euch auf diesem Weg zu führen, falls ihr erfahrt oder hört, dass Gott den Seelen diese (besonderen) Gnaden erweist.  PAX

Auch wenn dieser Weg euch genau richtig vorkommen mag, und man ihn auch hochachten und in Ehren halten soll, so ist das aus folgenden Gründen doch nicht angebracht:

Erstens, weil es ein Mangel an Demut wäre, wenn ihr wolltet, dass euch gegeben wird, was ihr niemals verdient habt, und von daher glaube ich, dass wer immer sich das wünscht, nicht viel davon hat.(…) Denn wie wird einer, der solche Gedanken hegt, in Wahrheit erkennen, dass ihm eine sehr große Gnade schon dadurch zuteil wird, da er nicht in der Hölle gehalten wird?

Zweitens, weil es ganz sicher ist, dass er sich einem Betrug oder doch großer Gefahr aussetzte, da der Böse nicht mehr braucht als nur eine kleine Tür offen zu sehen, um uns tausenderlei Dinge vorzugaukeln.

Drittens, die eigene Einbildung, also die Person selbst, bringt sich, wenn ein starker Wunsch da ist, in ihrem Erkennen so weit, dass sie sieht und hört, was sie sich wünscht, genauso wie es denen, die tagsüber mit Lust auf etwas umhergehen und viel daran denken, passiert, dass es ihnen im Traum unterkommt.

Viertens ist es eine große Dreistigkeit, wenn ich den Weg wählen wollte, ohne zu wissen, welcher mir mehr zusagt, statt es dem HERRN  – der mich ja kennt  –  zu überlassen, mich auf dem, der zu mir passt, zu führen, damit ich in allem seinen Willen tue.

Meint ihr vielleicht, fünftens, dass diejenigen, denen der HERR solche Gnaden erweist, nur wenige Prüfungen zu erleiden hätten? Nein, riesengroße und von vielerlei Art! Was wisst ihr, ob ihr fähig seid, sie zu ertragen?

Sechstens, dass ihr nicht durch eben das, wodurch ihr zu gewinnen meint, verliert wie Saul, obwohl er König war (1 Sam 15,10f.).

Glaubt mir, Schwestern, dass es am sichersten ist, nur zu wollen, was Gott will, der uns besser kennt als wir selbst und uns liebt. Geben wir uns in seine Hände, damit sein Wille an uns geschehe, und wir werden nicht irren können, wenn wir mit entschlossenem Willen uns immer daran halten.

Ihr solltet auch bedenken, dass man deshalb, weil man viele solcher Gnaden empfangen hat, keine größere Herrlichkeit verdient, denn dafür ist man mehr verpflichtet zu dienen, weil man ja mehr empfängt.“

Quelle http://invenimus.blogspot.de/2014/03/uber-den-wunsch-nach-besonderen-gnaden.html?m=1