Fairer Umgang mit „rechtem Christentum“

Besprechung von Thomas May

Buch-Daten: Felix Dirsch, Volker Münz, Thomas Wawerka (Hrsg.): Rechtes Christentum? Der Glaube im Spannungsfeld von nationaler Identität, Populismus und Humanitätsgedanken. – Ares Verlag, Graz 2018, 256 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-99081-004-0. – 19,90 €

Der Sammelband mit 11 Einzelbeiträgen von­ Theologen, Philosophen, Politikwissenschaftlern, Historikern und Publizisten unternimmt den Versuch, das Spektrum der politischen Rechten unter dem Aspekt der Christlichkeit zu erfassen und Legitimität, ja Folgerichtigkeit einer reflektierten Verbindung beider darzulegen.

Die Hauptkonfliktlinie verläuft dabei zwischen dem als „böse“ stigmatisierten „rechten“ Christentum bzw. Rechtskatholizismus (diffamierend auch mit „rechtsradikal“ oder „rechtsextrem[istisch]“ etikettiert) im Gegensatz zum „guten“ linken säkularisiert-universalisierten Humanitarismus, der im Zuge der Merkelschen „Flüchtlingspolitik“ für alternativlos erklärt wurde.

In der kontroversen Gemengelage ist es einigen Autoren ein unverzichtbares Anliegen, die weitgehend obsolet gewordenen, sperrigen Konzepte der (deutschen) Nation und des Vaterlandes christlich authentisch und kompatibel einzubringen.

Typologie des Rechtskatholizismus

Der katholische Theologe und Politologe Felix Dirsch entwirft in seinem Beitrag (S. 17–51) in Gegenüberstellung zu „links“ eine Typologie des „Rechten“ im Sinne des Rechtskonservativen und ermittelt anschließend die ihm innewohnenden katholischen Grundsätze und Modi.

Als erste Kategorie firmiert das Realitäts- und Erhaltungsprinzip (versus progressives Lust- und Gütervermehrungsprinzip), das vor allem im naturrechtlichen Denken sowie anknüpfend an Thomas von Aquin in der solidaristischen Doktrin der katholischen Soziallehre seinen Niederschlag findet. Die Gewährleistung des Gemeinwohls ist heute allerdings im Gefolge der Migrations- und Asylkrise durch staatlichen Kontrollverlust und soziale Distension gefährdet.

Bei dem als Zweites genannten Ordnungsprinzip (versus Auflösung) lassen sich die katholischen Linien bis Augustinus und den Aquinaten, der das Verhältnis von Gott und Mensch in einem lebendigen Bezugsrahmen darstellt, zurückverfolgen.

Die biblisch grundgelegte, dogmatisch zentrale Schöpfungsordnung erweist sich als Bastion gegenüber dem postmodern entgrenzten Linksliberalismus, der die binäre Geschlechterordnung aufsprengt und den Menschen über seine biologischen Vorgaben hinaus zum Schöpfer des eigenen Geschlechts ermächtigen will.

Offenkundig ist schließlich auch die Verbindung zwischen tendenziell pessimistischem Menschenbild (versus utopistisch-optimistisches, „gutmenschliches“) und der katholischen Lehre vom „peccatum originale“ (Ur-Sündenlehre), der wegen der geschwächten, dem Irrtum und dem Bösen zugeneigten Menschennatur ein hohes Maß an Realismus zu bescheinigen ist.

Die „rechten“ Prinzipien der ontologischen Ungleichheit (versus Gleichheit), die etwa der hierarchische Aufbau der katholischen Kirche abbildet, und der relativen Homogenität (versus individualistische Freiheitsüberhöhung) führt Dirsch nicht näher aus. 

Im Folgenden skizziert der Autor geschichtliche Ausgestaltungen des Rechtskatholizismus von der Französischen Revolution (Joseph de Maistre) bis ins 20. Jahrhundert (Carl Schmitt, Othmar Spann).

Unter veränderten Bedingungen kommt ihm in der Gegenwart durch die Vielfalt der Auflösung von staatlichen, gesellschaftlichen, sozialen, familiären und kirchlichen Ordnungen zuerst eine stabilisierende Funktion zu, etwa gegenüber dem von Linksintellektuellen propagierten individuellen Hedonismus und egalitären Menschheitskult, der die Willensträgerschaft des Volkes untergräbt.

Auch sind angesichts der Massenimmigration mit Bezug auf die katholische Soziallehre die Eintrittspflicht des Staates für das Gemeinwohl und für den Schutz des Eigenen entschieden einzufordern. Den Exponenten des patriotisch verwurzelten Rechtskatholizismus vor allem obliegt es, der Selbstdegradierung der Kirche zu einer globalen NGO mit dem Papst an der Spitze entgegenzutreten und ein organisch gewachsenes Europa kulturell verbundener Staaten zu fördern.

Entwicklung des konservativen Protestantismus nach 1945

Für die protestantische Seite geht der Theologe, Philosoph und Hochschullehrer Harald Seubert konservativen Strömungen ab 1945 nach (S. 52–74). Dem Geist der Bekennenden Kirche verpflichtete Theologen wie Helmut Thielicke und Walter Künneth konnten noch für zwei bis drei Jahrzehnte eine rege Wirksamkeit entfalten, ebenso der in der EKD einflussreiche Pastor und Publizist Alexander Evertz, der die Politisierung des Glaubens und die Nationvergessenheit der Linksprotestanten geißelte. 

Das Epochenjahr 1968 mit dem befreiungstheologischen „Politischen Nachtgebet“ Dorothee Sölles beim Essener Katholikentag markiert eine Zäsur und die Differenz der in der Folgezeit auseinanderdriftenden Allianz neomarxistischer und historisch-kritischer Kräfte einerseits und des theologisch und politisch konservativen evangelisch-lutherischen Lagers anderseits, das dramatisch an Einfluss einbüßte, obwohl es an institutionellen Gegeninitiativen wie der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ (Pfarrer Tegtmeyer), der „Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland“ (Bernt von Heiseler) oder der „Konferenz Bekennender Gemeinschaften“ (Peter Beyerhaus) nicht fehlte.

Als eine der bedeutendsten Stimmen des von der Reformation geprägten Konservatismus wirkte der Philosoph Günter Rohrmoser als Hochschullehrer, Publizist und Politikberater (Franz Joseph Strauß, Hans Filbinger) bis in die 1990er Jahre. Aus seiner Sicht musste die lutherische Zwei-Reiche-Lehre zwar tiefstes Ethos sein, durfte aber niemals direkte politische Rezeptur werden.

Evangelische Kirche in Augsburg

Auch dank der Zeitschrift „ideaSpektrum“ ist heute der Dachverband der stark evangelikal ausgerichteten „Evangelischen Allianz“ der mächtigste Widerpart des in der EKD und an den Universitäten etablierten linken Kulturprotestantismus, der seit den 1970er Jahren seinen Siegeszug über die Kirchentage angetreten hat und seither das Bild der Öffentlichkeit prägt.

Ihn bestimmen ein im Namen allgemeiner moderner Religiosität entwertetes, zum Teil eliminiertes Verständnis der Heiligen Schrift, ein vom „gefallenen“ Menschen abgerücktes, evolutionistisch-optimistisches Menschenbild sowie die Umdeutung der christlichen Liebesbotschaft in eine sozial-emanzipatorische, ökologische, humanitaristische Agenda.

Seubert rundet seinen Essay mit zwei alternativen Zukunftsszenarien ab. Das erste wäre, dass ein der Tradition verbundener, theologisch und geistlich erneuerter, von evangelikalen und klassisch evangelischen Kräften getragener Protestantismus wieder mehr Raum und Einfluss in Theologie und Kirche gewinnt; ihm fiele auch der schwierige Spagat zu, einerseits der Liebe zu Deutschland als Kultur- und Heimatraum (Patriotismus) Daseinsrecht zuzuerkennen, anderseits jenen Teil der Rechten zurückzuweisen, welcher den Glauben funktionalisiert und das „christliche Abendland“ nur als Kampfparole missbraucht.

Für wahrscheinlicher hält es Seubert jedoch, dass die neue politische Theologie des Protestantismus, die den christlichen Glauben auf Moralismus und Gefühl reduziert, die evangelische Kirche verstärkt zu einer rotgrünen Agitationseinrichtung umformen wird.

Populismus und Christentum im Zeichen des Globalismus

Der Journalist und Buchautor Martin Lichtmesz(S. 90–116) begreift den „(Rechts-)Populismus“ als Kampfbegriff der säkularen Polit-Religion des „humanitären Universalismus“ (Rolf Peter Sieferle) oder „Globalismus“, der sich geistesgeschichtlich aus liberaler „Religion“ der Menschenrechte und linkem Kulturmarxismus herleitet, zur Feindbestimmung all derer, die in Rückbesinnung auf urdemokratische Impulse Repräsentation, Partizipation und Bewahrung der Eigenen von der politisch-medialen Machtelite einfordern.  

Populisten, die sich als Demokraten und Europäer sehen, halten an der Basis der Nation fest, deren Volk durch Sprache, Abstammung, Geschichte und Kultur verbunden ist – im Gegensatz zu „Brüssel“, das die einst christdemokratische EU unter Berufung auf „Menschenrechte“ und „liberale Demokratie“ in Richtung Immigration („Migrationspakt“), Multikulturalisierung, Islamisierung und „Diversity“ steuert und die Nationalstaaten entmachtet.

Diese Politik erzwingt nach dem katholischen Theologen Martin Schelkshorn eine ideologische Synthese zwischen Christentum und Globalismus; wer sie ablehnt, verstößt gegen den „Geist der Demokratie“, die „Menschenrechte“, die „christlichen Werte“. Umgekehrt wäre eine ideologische Synthese zwischen Christentum und neorechter Ideologie „eine Pervertierung christlicher Moral“. Schelkshorns Sicht wird im Grundsatz von hohen Repräsentanten beider Kirchen geteilt, die sich dem Druck der Globalisten beugen zu müssen glauben, um gesellschaftlich relevant zu bleiben.

Lichtmesz erweist die Unrichtigkeit der schematischen Zuordnung.

Nicht nur Papst Benedikt XV. verwarf im Motuproprio „Bonum sane“ (1920) die Ideologie der „Einen Welt“, die mit einer „noch nie dagewesenen Schreckensherrschaft verbunden“ sei, auch Johannes Paul II. erinnerte in seinem Rundschreiben „Dilecti Amici“ (1985) die Jugend der Völker an ihre vaterländische Verantwortung, die die Pflicht, Volk, Stamm oder Nation zu erhalten, einschließt.

Die Weigerung der ungarischen Bischöfe, ihr Land den Angehörigen einer fremden, häretischen Religion zu öffnen, beruht auf dieser jahrhundertealten Tradition. Anhand der neuen, 2012 unter Viktor Orbán in Kraft getretenen ungarischen Verfassung fokussiert Lichtmesz auf die Korrektur der fatalen Fehlentwicklung: An erster Stelle stehen hier die nationale Identität und Besonderheit, über den Menschenrechten und über liberalen Prinzipien; die Rolle des Christentums wird explizit gewürdigt.

So ist einer Überdehnung der Menschenrechte (wie in den „pluralen“ Demokratien Westeuropas) zulasten der autochthonen Bevölkerung ein Riegel vorgeschoben.

Auf der Basis ethnokultureller Homogenität, unter Einbettung ethnischer Minderheiten in die ungarische „Leitkultur“ und in Übereinstimmung mit dem Solidaritätsprinzip der katholischen Soziallehre kann die Lehre von den „Pflichtenkreisen“ greifen, die bei Thomas von Aquin in den Prioritätenfolge Gott – Eltern (Blutsverwandte) – Vaterland (Freunde, Mitbürger) ausformuliert ist: praktische Nächsten-Liebe vor Fernsten-Liebe. Nur von hier aus ist eine Ausweitung moralischer Verantwortung auf die gesamte Menschheit möglich. Dieser globalen Erweiterungsebene trägt auch Ungarns neue Verfassung Rechnung.

Christentum und Rechtskonservatismus aus theologischer Sicht

Der ostdeutsche evangelische Pfarrer a. D. Thomas Wawerka (S. 173–189) betont die Priorität des Glaubens (Christ sein) gegenüber der konkreten politischen Willensbekundung (rechts sein) – Jesus Christus selbst scheidet beide Sphären voneinander (Mk 10,42–45; auch Mk 12,17; Joh 18,36).

Gemäß der „Ethik“ Dietrich Bonhoeffers sei das Politische zwar als ein Zuständigkeitsbereich in der Welt anzuerkennen, es ist aber nicht der einzige oder absolute; vielmehr gelten auch „Schöpfungsordnungen“ oder „Mandate Gottes“, die dem Zugriff des Politischen entzogen sind.

Als Beispiele nennt der Autor die Familie als Verbindung von Mann und Frau sowie das Volk. Demnach hat christliche Ethik die Einführung der „Ehe für alle“ ebenso als Anmaßung des Politischen zurückzuweisen wie den Umbau der gottgewollten Völker zu multikulturellen Gesellschaften.

Im Anschluss an den Soziologen Theodor Geiger (1891–1952) verwirft Wawerka eine wertefixierte Politik, da sie zwangsläufig zum (linken) totalitären Missionieren führt, das die (rechte) Gegenseite als Feind disqualifiziert und ausgrenzt.

An der Verschmelzung des Politischen mit dem Moralischen seien schon Familien, Freundschaften und Arbeitsverhältnisse zerbrochen. Absolute Werte gebe es in der christlichen Ethik jedoch nicht; Werte sind dem Herrn Jesus Christus untergeordnet, in der Vielfalt relational: dem Vaterland verpflichtet und universal, dem Frieden verpflichtet und wehrhaft. Stattdessen ist eine Politik der Interessen und des Interessensausgleichs zu praktizieren.

Wawerka verlangt eine Wende von der wertepolitischen zur ordnungspolitischen Ethik, zur Rekonstruktion der Ordnungen. Da deren Befürworter und Verteidiger eher unter dem Etikett „rechts“ auftreten, ergeben sich hier in der Tat Schnittmengen mit dem Christentum.

Umsetzung und Widerstand: AfD und IB

Volker Münz, kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, referiert die Bedeutung der Vereinigung „Christen in der AfD“ für seine Partei (S. 160–172). Seit deren Gründung (2013) suchen sich hier Christen aller Konfessionen im Gebet gegenseitig zu stärken.

Trotz seiner nur rund 500 Mitglieder ist der Einfluss der ChrAfD in die Partei hinein (ca. 30.000 Mitglieder, davon etwa 60 Prozent Christen) immens und äußert sich vor allem in der Mitgestaltung des Parteiprogramms nach christlich-konservativen Vorstellungen. Sie haben im Bekenntnis zum Schutz des ungeborenen Lebens, zur Bewahrung der traditionellen Ehe und Familie und in der Ablehnung der unchristlichen Genderideologie Eingang gefunden.

Ferner bekennt sich die AfD zur christlich-abendländischen Kultur und zum jüdisch-christlichen Menschenbild. Der Utopie der multikulturellen Gesellschaft begegnet sie mit dem Konzept der europäischen Leitkultur (nach dem Politikwissenschaftler Bassam Tibi), unter deren Fittichen der Nationalstaat des deutschen Volkes erhalten bleiben soll.

Obwohl die AfD mehr als alle anderen Parteien für eine Politik aus christlichem Ethos stehe, erfährt sie scharfe Ablehnung von meist „fortschrittlichen“ Vertretern der Amtskirchen. Während pauschal die Vorwürfe Populismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Hassrede erhoben werden, fehlt eine kirchliche Würdigung der dezidiert christlichen Positionen der Partei, zu denen Grüne und Linke, aber auch Sozial- und Christdemokraten nicht selten in Widerspruch stehen, wie etwa 2017 bei der Einführung der „Ehe für alle“ oder jüngst bei der gesetzlichen Aufweichung des Werbeverbots für Abtreibungen (§ 219a StGB).

Einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen unter Berufung auf ein universalistisch überspanntes Ethos der Nächstenliebe infolge einer sachwidrigen (theologischen) Vermengung von Individual- und Sozialethik stellt die AfD das Postulat eines auf Recht und Gesetz basierenden verantwortungsethischen Handelns entgegen, für das sie sich auf den Aquinaten und die unverkürzte katholische Soziallehre berufen kann. Ob sich Bischöfe manchmal durch „fundamentalistische“ Rechte unangenehm an das Depositum Fidei erinnert fühlen?

Mit Gegenwind hat die AfD auch vor dem Hintergrund ihrer angezweifelten Verfassungsmäßigkeit zu rechnen. Das berührt die Tätigkeit der nach den Landesschulgesetzen zu politischer Neutralität verpflichteten Lehrer. Dieser Thematik widmet sich der Zeithistoriker und Publizist Stefan Winckler (S. 75–89).

Anhand einer sachsen-anhaltinischen Schule zeigt er auf, wie Lehrkräfte, die 2017 ein „Zeichen gegen Rassismus und Intoleranz“ setzen wollten, Schüler gegen die AfD als Gesamtpartei zu indoktrinieren versuchten: irregulär, weil diesen – „überwältigt“ – keine Chance gegeben wurde, sich durch Pro-und-kontra-Diskussion ein eigenes Urteil zu bilden. 

Der Beitrag zweier Mädchen auf „journalistenwatch“, nach dem AfD-nahe Mitschüler von Lehrerseite beleidigt und bedroht wurden, wird als weiteres Beispiel unerlaubter Meinungslenkung zitiert. Lehrer wegen AfD-Mitgliedschaft mit Disziplinarmaßnahmen zu belegen, hält Winckler für ungerechtfertigt, sofern sie sich im Unterricht nicht parteiisch oder verfassungsfeindlich äußern. Hingegen sollten sie kriminelle Antifa-Aktionen gegen AfD-Politiker, deren Kundgebungen und Wahlkampfstände erörtern dürfen.

Der in den Medien zum Teil hysterisch angefeindeten Identitären Bewegung (IB) gilt der Beitrag der promovierten Philosophin und Aktivistin Caroline Sommerfeld(S. 190–203).

Die Gruppierung französischen Ursprungs wurde von dem Studenten Martin Sellner und einer kleinen Schar 2012 in Österreich und 2014 in Deutschland gegründet. Der siegreichen Schlacht des christlichen Heeres über die Türken am Kahlenberg vor Wien (1683) eingedenk, vertritt sie die Grundidee, dass Völker ein Recht auf Heimat und ethnokulturelle Identität haben. Infolge des Kampfes gegen Islamisierung und Globalismus ist die IB ins Visier des Verfassungsschutzes geraten.

Über Herkunftsidentität und Kulturchristentum hinaus beharrt die politische Jugendbewegung, die 2017 mit ihrer Aktion „Defend Europe“ zur Beobachtung von Schleusern im Mittelmeer aufhorchen ließ, auf dessen „Gründungsmythos“, auf den historischen Großerzählungen von seiner Abwehr des äußeren Feindes.

Daraus resultiert das Verständnis eines wehrhaften Christentums in der Tradition der milites christiani. Zuinnerst speist sich ihre „Identität“ aus der Heideggerschen „Existierkunst“, durch die der Einzelne in seinen historischen Handlungsauftrag gestellt ist.

Mit Bezug auf Carl Schmitt unterscheidet Sommerfeld zwischen privatem Feind (inimicus) und politischem Feind (hostis).

Der Verzicht auf individuelle Gewalt, wozu sich die IB „metapolitisch“ kämpfend bekennt, widerspricht nicht der Verteidigung Europas gegen den Islam als hostis. Die Widerstandskraft des Christentums sieht die Autorin durch den unterwürfigen nachkonziliaren christlich-muslimischen Dialog mit der dekretierten gemeinsamen Anbetung des „einen Gottes“ (Lumen gentium 16) und die Umdeutung des Liebesbegriffs geschwächt.

Das Ringen mit dem Problem der Wehrhaftigkeit wird für die IB in der Praxis wohl eine Herausforderung bleiben.

Anleihen für einen fairen Diskurs auf Augenhöhe

Ausgehend von den Folgen der „Grenzöffnung“ 2015 sucht der evangelische Pfarrer Lothar Mack (S. 204–229) die Themen „christlicher Glaube“ und „positives Nationalbewusstsein“, deren Gewissheit nach dem Zweiten Weltkrieg fragwürdig geworden war, für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Mittels theologisch-politischer Anleihen bei Autoren wie Helmut Thielicke, Hermann Rauschning oder Walter Bargatzky strebt er eine „Horizontverschmelzung“ an, aus der die Heutigen von den tastenden Antworten der Damaligen lernen können.

Deren radikale Offenheit fernab politischer Korrektheit und kirchlichen Moralisierens repräsentiert vorbildlich eine Gesprächskultur auf Augenhöhe mit dem Anderen, von welcher heute Regierende, Kirchenleitungen und ihre gesinnungsethischen Vasallen in den Medien meilenweit entfernt sind. Diese rote „Diskurshoheit“, die sich unreflektiert in eine rotbraune wandelt und das Gegenüber zum Feind verzerrt, bezeichnet Mack als „moralischen Rassismus“.

Das Bemühen, Christsein und Liebe zum Vaterland neu und tragfähig miteinander zu verbinden, ist beispielhaft in dem von dem protestantischen Adeligen Werner von Trott zu Solz herausgegebenen Sammelband „Der Untergang des Vaterlandes“ (1965) dokumentiert.

In der von ihm initiierten „Gesellschaft Imshausen“, „eine politische Gruppe 47“ („Die Zeit“), trafen sich Sozialdemokraten, Christen und Kommunisten zum vorurteilslosen, parteiübergreifenden Meinungsstreit über alle gesellschaftspolitischen Fragen. Das Programm der Gesellschaft bietet gerade heute eine Anleitung zu freiem gemeinschaftlichen Denken und Handeln angesichts existenzieller Krisen.

Zur Zukunft von Christentum und Islam

Der belgische Althistoriker David Engels (S. 145–159) versucht anhand des Vergleichs mit früheren Epochen der römischen, persischen, arabischen, chinesischen und japanischen Geschichte eine Einschätzung der Zukunftsaussichten von Christentum und Islam in Europa.

Er konstatiert eine zweifache Kluft zwischen Islam und Abendland einerseits und zwischen Liberalismus und Konservatismus anderseits, die sich beide auf „europäische Werte“ berufen (humanistisch versus christlich).

Unbestritten ist der „alte“ Kontinent von Ermüdungserscheinungen gezeichnet, wobei die neue politische Formation der EU keine Überwindung, sondern ein Symptom der Schwäche darstellt. Kurioserweise machen sich ausgerechnet linke und grüne Befürworter der Säkularisierung und Entchristianisierung der Gesellschaft zu Förderern der zunehmenden Islamisierung.

Engels prognostiziert für die nächsten 20 Jahre – von Unruhen, wirtschaftlichem Abstieg und staatlichem Kontrollverlust erschüttert – eine wachsende muslimische Prägung Europas, die sich mittelfristig (die nächsten 50 Jahre) durch den Einfluss von Demographie und Konversion hochrangiger Politiker zum Islam (aus Kalkül oder Überzeugung) verschärft und erst langfristig (während der nächsten 100 Jahre) religiösen Ausgleichserscheinungen weichen wird.

Die Frage des Ab- oder gar Aussterbens des Christentums in Europa sieht der Autor offen. Gute Überlebenschancen räumt er einer reformierten Kirche ein, die sich einerseits kulturell und in der Glaubenswelt auf ihre abendländischen Wurzeln besinnt und anderseits durch Zurückdrängen des Laizismus eine Generation offen zu ihren christlichen Überzeugungen stehender Politiker etabliert. Hier kommen (rechts)konservative und junge traditionalistische Kräfte als Schrittmacher ins Spiel.

Christentum zwischen Universalismus und Partikularismus

Der studierte Philosoph, Germanist und Blogger Daniel Zöllner (S. 230–247) hinterfragt die Rechtfertigung der „Grenzöffnung“ 2015 durch Angela Merkel mit dem Argument der „christlichen Vorstellung der Gotteskindschaft jedes Menschen, aus der die unverletzliche Würde jedes Einzelnen resultiert“.

Falsch daran ist – nebenbei bemerkt – jedenfalls der Begriff: „Gotteskindschaft“ kommt definitionsgemäß nur getauften Christen (nicht Muslimen) zu; „Gottebenbildlichkeit“ wäre korrekt. Im Diskurs prallen die Positionen der universalistischen (pro Grenzöffnung), gesinnungsethischen „Kosmopoliten“ und der partikularistischen (kontra Grenzöffnung), verantwortungsethischen „Kommunitaristen“ in einem „clash of morals“ unversöhnlich aufeinander.

Wider den von Bischöfen erweckten Eindruck, als Christ müsse man sich zum Universalismus bekennen und partikulare, nationale Interessen (bis zur Selbstaufgabe) hintanstellen, deckt Zöllner die geschichtliche Unhaltbarkeit der Position auf:

Dem durch den Völkerapostel Paulus gepredigten Universalismus des Glaubens widerstreitet die stets partikularistische politische Macht. Im Einklang mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre und Max Webers Essay „Politik als Beruf“ hält der Autor fest, dass Politik nicht religiös und Religion nicht politisch werden sollte; Politiker, die sich nicht „die Hände schmutzig machen“ wollen und weigern, Übel mit Machtmitteln einzuhegen, werden schuldig.  

Genau dies ist aber erforderlich, wenn die Immigration von Muslimen, deren Religion sich als umfassend geltende, alle Bereiche durchdringende Lebensordnung versteht, die pluralistische Gesellschaft bedroht.

Im Weltbild linker Universalisten nimmt der Migrant fatalerweise die Rolle des absolut unschuldigen Opfers ein; durch Identifizierung mit ihm brandmarken sie von der Warte pharisäerhafter Gutmenschen aus jeden Kritiker als „Fremdenfeind“, „Rassisten“ oder „Nazi“.

Infolge der Gefährdung von Rechts-, Sozialstaat und Demokratie sowie der Vergeudung finanzieller Ressourcen wertet Zöllner die „Flüchtlingspolitik“ der Kanzlerin mit dem Rechtsphilosophen Reinhard Merkel als „moralisches Desaster“. Sie krankt an einem entstellten Christentum, seiner zivilreligiösen Schwundform.

Das vorletzte Wort des (rechten) Christen muss – realistisch in Anerkenntnis des kreatürlichen Unvermögens des Menschen, eine vollkommene irdische Welt zu schaffen – dem Partikularismus gehören; sein letztes Wort wird – Gottes Neuschöpfung des himmlischen Jerusalems erwartend, zu dem die Völker unterwegs sind – universalistisch sein.

Gesamtbewertung des Buches

Die durchwegs soliden Beiträge des Sammelbands zeichnen sich durch hohe Informationsdichte und ein geistig ansprechendes, teilweise anspruchsvolles Niveau aus, das sich sprachlich auch in Form von längeren hypotaktischen Sätzen manifestiert.   

Statt eines geschlossenen Konzepts bieten sie dem Leser „Bausteine“ mit thematischen Schwerpunkten zur Bildung und Reflexion einer biblisch fundierten, durch die christliche Tradition gestützten, rechten oder konservativen Position. Deren Unverzichtbarkeit im heutigen Diskurs steht außer Frage.

Die Autoren bewegen sich im verfassungskonformen Rahmen; eine Nähe zu Gedankengut des sogenannten „Flügels“ um den AfD-Politiker Björn Höcke klingt nirgends an. Es gibt eine Grenze gegenüber rechtlich dubiosen oder gesetzeswidrigen Auswüchsen der rechten Szene. Seubert hat sie in seinem Buch „Der Frühling des Missvergnügens“ (2018) noch schärfer gezogen.

Die Auswahl der Autoren hat protestantische Schlagseite, was in der theologischen Argumentation (Zwei-Reiche-Lehre) stark widerhallt. Demgegenüber wäre ein alternativer oder ergänzender Beitrag seitens eines katholischen Sozialethikers wie Professor Wolfgang Ockenfels und der Piusbruderschaft (FSSPX) wünschenswert gewesen, wie schon andernorts zu Recht vermerkt wurde (vgl. „Sezession“ Nr. 87).

Als ein Plus hätte man sicher auch einen Essay des Romanciers Martin Mosebach oder des Journalisten Alexander Kissler verbucht, der das Wagnis einer Verknüpfung von Konservatismus und Moderne unternommen hat.

Anderseits bietet der nur um wenige Zeilen erweiterte (bzw. gekürzte) Auszug aus dem 2011 erschienenen Buch „Das katholische Abenteuer“ von Matthias Matussek (S. 117–144) kaum Erkenntniszuwachs, obschon die Ausgrenzung des einst gefeierten „Spiegel“- und „Welt“-Journalisten die antikatholische Verschiebung in der deutschen Medienlandschaft exemplarisch erhellt, wodurch sein mutiges persönliches Glaubenszeugnis sowie seine Bedeutung für das rechtskonservative Lager noch an Gewicht gewinnen.

Die detaillierten Literaturangaben am Ende der meisten Beiträge regen zur vertiefenden Lektüre an. Ein Personenregister für den raschen gezielten Zugriff fehlt leider.

Unser Autor Thomas May aus Sendenhorst (Münsterland) ist Religionspädagoge und Publizist

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift „Theologisches“, Nr. 7/8 2019, S. 403–412.


Grüne Abgründe: Wie Robert Habeck sich seine linke Welt zurechtfabuliert

Buchbesprechung von Thomas May

Buchdaten: Robert Habeck: Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht. – Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 128 Seiten, gebunden, 14 Euro, ISBN: 978-3-462-05307-4.

Robert Habecks poststrukturalistisch angehauchte These, die Welt sei nicht einfach schon da, sondern werde erst durch die Sprache des Menschen hervorgebracht, kennzeichnet den problematischen Ansatz des philosophisch inspirierten Autors.

Natürlich gibt es eine Welt und Wirklichkeit bereits vor und ohne uns, und die immer neue Aufgabe des handelnden Subjekts, des Homo sapiens, ist es, sie zur Sprache und zum Ausdruck zu bringen, Dinge zu benennen, zu unterscheiden, zu bewerten usw.

Daher muss Habecks Satz „Wie wir sprechen, entscheidet darüber, wer wir sind“ (S. 11) umgekehrt werden: „Wer wir sind, entscheidet darüber, wie wir sprechen“: Nicht die Art des Sprechens bestimmt den Charakter der Person, sondern der Charakter der Person bestimmt die Art und Weise, wie sie spricht. Agere (hier: loquere) sequitur esse.

Dass die in der Raum der Öffentlichkeit gestellte Sprache Wirkungen entfaltet, die ihrerseits neue Wirklichkeiten erzeugen, ist damit nicht bestritten und ergibt sich aus dem Vorigen. Und um den auf der Ebene der Politik stattfindenden Diskurs mit seinen vielfältigen Wirkungen geht es in Habecks schmalem Buch.

Selbstwidersprüche

Im Fokus seiner Kritik stehen die sogenannten „(neuen) Rechten“, der angebliche „Rechtsruck“, die „Alternative für Deutschland“ im Besonderen mit ihren Protagonisten und deren Gesinnung und Sprache, die er als verroht, menschenverachtend und totalitär brandmarkt.

Ihnen setzt er sein leidenschaftliches Plädoyer für eine „offene Demokratie“, „Vielfalt“, „Toleranz“, „Inklusion“ und  diskriminierungsfreies Sprechen entgegen, wie sie von der Partei der Grünen praktiziert würden.

Leider scheint er nicht zu bemerken, dass er dabei regelmäßig in Selbstwiderspruch gerät und sich viele seiner Statements grundsätzlicher Art oder an die Adresse politisch Andersdenkender als Bumerang erweisen. Die Zahl seiner blinden Flecken ist unübersehbar.

„Politiker sehen selten den Balken im eigenen Auge“ (S. 35) – ja, dann fangen Sie mal bei sich an, Herr Habeck!

BILD: Wahlplakat der Grünen mit zwei Habeck-Fotos und dem Spruch, Europa sei ein „verdammt guter Start“

„Wer keine Gegenreden zulässt, lässt sich in Wahrheit nicht auf die Wirklichkeit ein“ (29f) – warum versuchen dann „Aktivisten“ Ihrer Partei immer wieder, Politiker der AfD an öffentlichen Auftritten zu hindern und mundtot zu machen, indem ihre Veranstaltungen gestört oder ihre Demos zum Abbruch gezwungen werden?

„In Diktaturen gibt es keine Widerrede. Es regiert eine Orwell’sche Sprachpolizei, die bestimmte Begriffe und Worte verbannt“ (30) – wo sollen wir Sie denn dann politisch einordnen, Herr Habeck, wenn Sie „Rechten“ den Gebrauch von Wörtern wie „Systemmedien“, „Lügenpresse“, „Gleichschaltung“ „Zersetzung“ verübeln und am liebsten verbieten würden?

„Politik schwächt sich, wenn sie davon ausgeht, dass … ihre Ziele moralisch überlegen sind und sie selbst im Besitz einer höheren Wahrheit ist“ (99) – für wie schwach müssen wir die Politik Ihrer Partei halten, wenn sie bei jeder sich bietenden Streitfrage ihren Hypermoralismus wie eine Monstranz vor sich herträgt und damit ihre politischen Gegner zu „erschlagen“ versucht?

Aus den wenigen Beispielen wird bereits ersichtlich, dass Habecks Buch mit seiner Schwarz-Weiß-Malerei der guten Demokraten (das sind die linken und grünen Kräfte) und der bösen Antidemokraten (das sind alle, die „rechts“ davon stehen) die politische Wirklichkeit verzeichnet und zutiefst unredlich ist. Sein Buch lebt vom Feindbild „rechts“.

Sprachpolizei von links

Grenzen und Grenzüberschreitungen des öffentlichen politischen Diskurses legt „Sprachpolizist“ Habeck höchstpersönlich fest. Großzügig gestattet er, dass wir allesamt Begriffe wie „Heimat“, „Gemeinwohl“, „Gemeinschaft“, „Patriotismus“ „oder sogar ‚Deutschland‘ (!) verwenden dürfen“ (11f), obwohl sie „verhunzt“ oder „mindestens beschwert“ sind, weil sonst der Begriffsschatz knapp würde, wenn wir sämtliche Wörter, die einmal im Lauf der Geschichte missbraucht wurden, strichen

Damit erteilt er sich gleich selbst die Genehmigung, das durch die Nationalsozialisten verdorbene Wort „völkisch“ aufzugreifen und es den „Rechten“ um die Ohren zu hauen, wann immer es um deren Verständnis von Tradition, Werten, Kultur, Identität, Kunst geht  (z. B. 76f).

„Asyltourismus“, „Lebensraum“, „Volksverräter“, „Überfremdung“ oder „Altparteien“ hingegen darf man nicht sagen. Dass bei den Verboten unter dem Deckmantel der Political Correctness oftmals nichts anderes als eine Einheit jener von ihm zitierten diktatorischen „Orwell’schen Sprachpolizei“ am Werk ist, fällt Habeck nicht auf.

Trotz der von AfD-Politikern manchmal sprachlich grenzwertigen oder grenzüberschreitenden Äußerungen, für die Habeck mehrere Beispiele anführt (z. B. 18f), und so sehr eine sachbezogene, kultivierte Sprache in der politischen Auseinandersetzung wünschenswert und förderlich ist, muss anderseits auch festgehalten werden, dass letztlich das Strafrecht maßgebend ist und nicht die Regelungen selbsternannter „Sprach-Blockwarte“ (schon wieder so ein Tabu-Wort).

In diesem Kontext ist daran zu erinnern, dass entsprechende Ermittlungen, etwa gegen Alexander Gauland („Volksverhetzung“, „Vogelschiss“, „Özoguz nach Anatolien entsorgen“), wiederholt von den Staatsanwaltschaften eingestellt wurden.

Realitätsfremde Populismusschelte

Dem sprachlichen Populismus widmet Habeck ein eigenes Kapitel, schließlich sei er ein sehr wirksames politisches Propagandamittel, heute vornehmlich der „Rechten“. Zu den „sprachlichen Figuren des Populismus“ zählt er vor allem die „unzulässige Verallgemeinerung“ (103f).

Wann eine solche (nicht) vorliegt, weiß der grüne Vorsitzende mit Bestimmtheit zu sagen. Etwa beim Thema „Innere Sicherheit“: Wenn einzelne Frauen sich „wegen der Flüchtlinge“ abends nicht mehr auf die Straße trauen, darf daraus keinesfalls geschlossen werden, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung beeinträchtigt ist.

Überhaupt sind die Straftaten durch Flüchtlinge – inzwischen werden in Deutschland täglich, zum Teil mehrfach, Frauen durch Flüchtlinge/Asylanten/Ausländer belästigt, drangsaliert und/oder vergewaltigt – zwar „erschreckend“, aber immer nur Einzelfälle. Ebenso wie islamistische Terroranschläge: alles Einzelfälle.

Wer nicht in Habecks Einzelfallfalle geht, sondern einen staatlichen Kontrollverlust wahrnimmt, der mit der sogenannten „Grenzöffnung“ 2015 und der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zusammenhängt, und dagegen aufbegehrt, ist schon im „rechten“ Fahrwasser. Brechen sich Wut und Trauer über den/die Ermordete/n in Protestdemonstrationen Bahn wie in Kandel, Chemnitz oder Freiburg, steht der Vorwurf der politischen Instrumentalisierung von „rechts“ sofort im Raum.

Am besten wäre es wohl, wenn nicht nur die Opfer, sondern auch ihre Familien, Angehörigen und Mitbürger stumm blieben. Dann wäre die Habeck-Welt in Ordnung.

Wenn sich heute Bürger in (Ost-)Deutschland („wir“) von den Regierenden im Stich gelassen und entmündigt fühlen und auf „die da oben“ schimpfen, sind sie nach Habeck ebenfalls einer sprachlichen Verführungsfigur durch Populisten erlegen (107).

Dabei ist die tiefe Spaltung der Gesellschaft durch die Merkel-Politik (besonders in der Asylfrage), die alle Lebensbereiche und Schichten bis in Familien und Ehen hinein vergiftet hat, eine nicht zu leugnende Tatsache. Das erleben die Menschen so aus ihrem eigenen Empfinden und nicht, weil es ihnen von „rechts“ eingetrichtert worden wäre.

Immer wenn sich heute eine Differenz zwischen den linksgrün dominierten, vom Geist der politischen Korrektheit erfüllten Medien bzw. dem politischen Establishment einerseits und dem „Volk“ bzw. Teilen der Bevölkerung anderseits auftut, wird wie bei Habeck die Keule des Populismus hervorgeholt und den „Rechten“ übergezogen.

Angstdiskurs

Beim Thema der Angst (evolutionsgeschichtlich ein überlebenswichtiger Warnmechanismus) ist es nicht anders. Auch „die dominanten Angstbilder der letzten Zeit kommen von rechts“ (110). Vor allem AfD, Pegida und das „aggressive[…] Wutbürgertum“ (112) macht Habeck als Angstprediger aus: „Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Islam, Angst vor Flüchtlingen“, aber auch CDU und CSU „sind erkennbar affin für diesen Angstdiskurs“ (115).

Diese Ängste erklärt der Grünen-Vorsitzende für irrational, sie würden mittels aufgebauschter Probleme geschürt (111), und  psychologisierend versteigt er sich zu der Behauptung, Menschen zögen aus der Angst Gewinn und wollten unbedingt an ihr, sogar gegen die eigenen Interessen festhalten, weil sie „bereits viel in sie investiert [haben]“.

„Angst will überleben“ (115), lautet sein krudes Credo im Anschluss an den österreichischen Autor Clemens Setz.

Wer sich die gesellschaftliche Wirklichkeit so zurechtbiegt, dem ist schwer beizukommen.

Und noch aussichtsloser ist es, von Politikern wie Habeck Lösungen zu erwarten, wenn schon die zugrunde liegenden Probleme geleugnet werden. 

Der tägliche Irrsinn einer sich abschottenden Politikerkaste, die vom Alltagsleben der Bürger, ihren Sorgen und Problemen nur noch wenig weiß und sich unter Ausblendung von Fakten weitgehend innerhalb des eigenen Referenzrahmens bewegt, in Sitzungen, Gremien, auf Konferenzen abenteuerliche Beschlüsse fasst und Papiere verabschiedet, deren Umsetzung weder praxisnah noch nachhaltig, noch effektiv kontrollierbar ist, schafft ein Dauerklima allgemeiner, wachsender Verunsicherung, löst Befürchtungen und Verzweiflung aus, und es ist erstaunlich, dass angesichts der weltweiten Erosionen und Krisen in allen Bereichen, ob Rechtsstaatlichkeit, Wertesystem, Familie, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Religion, Kirche, Wirtschaft und Finanzen, Migration, Kriminalität, Terrorismus, Klima, nicht mehr Menschen „ausflippen“.

Hier müssen böse „Rechte“ keine Angst einflößen und schüren, im globalen Tollhaus wird sie zum Selbstläufer. Sie, wie Habeck, als „Phobien“ (33) zu diffamieren ist niederträchtig.

Volk, Deutschland, Multikulti, Kulturnation

Das Gefühl der nationalen Bedrohung wird bei vielen genährt, wenn Habeck den Begriff „Volk“ verwirft und Zweifel an Identität und Existenzberechtigung des deutschen Volkes weckt. Sein im Interview auf dem Debatten-Kanal „Informr“ im April 2018 geäußerter Satz „Es gibt kein Volk und deshalb auch keinen Verrat am Volk“ (als Antwort auf das Stichwort „Volksverräter“, vgl. 51ff) löste verständlicherweise eine heftige Debatte aus.

Dabei ist es letztlich unerheblich, wie Habeck den Begriff „Volk“ verneint haben will: ob als „ethnische, ausschließende Kategorie“ (wie ihn „rechte Parteien“ verwenden, 54) oder im Sinne von „Staatsvolk“, sämtliche Staatsangehörige umfassend (auf das Politiker ihren Amtseid schwören; 53).

Dass Habeck und maßgebliche grüne Politiker (wie Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, Claudia Roth, Jürgen Trittin, Katrin Göring-Eckart, Hans-Christian Ströbele) weder mit „Deutschen“ und „Deutschland“ noch mit „Volk“ viel anfangen können, ist hinlänglich bekannt und durch Zitate belegt. Ihre Politik folgt konsequent der deutschfeindlichen Spur. Es gibt unter Grünen und Linken sogar einen handfesten Rassismus gegen die „Bio-Deutschen“, der in der Parole „Abtreiben bis zum (deutschen) Volkstod“ auf Demo-Plakaten seinen hasserfüllten Ausdruck findet.

Im Programm des Multikulturalismus, dem Habeck mit Blick auf eine künftige „Weltdemokratie“ anhängt, ist grüne Weltanschauung grundgelegt.

Der Historiker und Soziologe Rolf Peter Sieferle hat die innere Widersprüchlichkeit dieses Konzepts aufgezeigt:

Die immanenten Figuren des Universalismus („kulturelle und materielle Homogenisierung der Menschheit“) und des Relativismus/Partikularismus („das indigene Volk [soll – ‚paradoxerweise‘ –] zugunsten anderer Volksgruppen auf seine spezifische Identität verzichten“) schließen einander aus.

„In beiden Fällen ist der Gegner des Programms der Multikulturalität das indigene Volk der Industrieländer [hier: das deutsche Volk], dessen Widerstand gegen Immigration und Überfremdung durch eine programmatische Identifikation mit Faschismus/Rassismus/Rechtsradikalismus gebrochen werden soll“ („Finis Germania“, 83f).

In diesem Licht wird mehrerlei verständlich: die Propagierung der unbegrenzten Zuwanderung von Flüchtlingen/Migranten durch Habeck und Politiker seiner Partei, um den Anteil der Deutschen zu schwächen und zu „verdünnen“; die strategische Stigmatisierung der „Rechten“, von AfD und Pegida als „faschistisch“ und „rassistisch“ („Nazis verurteilt man“, S. 42), weil diese sich der Umvolkung widersetzen; und die Infragestellung Deutschlands als einer auch künftig wünschenswerten und tragenden Kulturnation einschließlich einer deutschen Leitkultur.

Daher baut Habeck bei seinem „Parforce-Ritt durch Geschichte und Literaturgeschichte“ (63) die Antagonismen entsprechend auf und verpasst ihnen die in sein Schema passenden Zuschreibungen:

Die Idee der deutschen Kulturnation sei gleichsam das verhängnisvolle Erbe „aus dem Geist von Klassik und Romantik“, das es „uns bis heute schwer[macht], eine Sprache des demokratischen Streits der vielen zu pflegen“ (63f). Und – schwupps – schon sind wir bei den „neuen Rechten“ gelandet, die „in pervertierter Form“ daran mit „jeder Leitkulturdebatte“, mit ihrer Thematisierung von „Heimat“ anknüpfen und „Völkisches sprachlich hegemonial … machen“ (64).

Schon finden wir uns auf dem Boden der starren, zementierenden Diktaturen wieder, die „ein bestimmtes Gesellschaftsgefüge ein[frieren]“ und natürlich eine „totalisierende Sprache“ pflegen, „eine, die ausschließt, um möglichst wenig Veränderung zuzulassen“ (66f).

„Multikulti“ dagegen heißt herausgeforderte Demokratie in Höchstform, indem ihre Sprache „Verbindungen zwischen Menschen und ihren Ansichten [schafft], um sich möglichst häufig und intensiv berühren, irritieren und verändern zu lassen“ (67). Statt „völkische[r] Kunst“ (77) regiert die subversive „Majestät des Absurden“ (Paul Celan, zit. 76).

Habecks „Demokratie“ meint eine radikale „Kultur der Anerkennung“: der unterschiedlichsten Lebensläufe, Lebenserfahrungen, Lebensstile, jenseits der Zugehörigkeit zu Klasse, Schicht, Milieu, Volk. Das „hoch individualisierte[..] Subjekt[…]“ will und soll „in seinem individuellen Sein erkannt und anerkannt … werden“ (72).

Da wird es für die „deutsche Mehrheitsgesellschaft“ schwierig, von den Zugewanderten noch zu verlangen, „dass sie unsere Sprache, Rechtsnormen und kulturellen Paradigmen erlernen“ (69). An die Stelle des homogenen „völkischen Wir“ (108) tritt das Diktat der Heterogenität. Es gilt „einen politischen Raum [zu] schaffen, in dem Verschiedenheit und Andersheit (aus)gelebt werden können“ (71) – total, totalitär.

Vielseitigkeit wird durch Intoleranz ersetzt

In der Praxis ist es mit Habecks „Anerkennungskultur“ allerdings nicht weit her. Die von ihm  beschworene „Vielfalt“ und „Toleranz“ beschränkt sich auf den Kreis von seinesgleichen, auf den genau vermessenen linksgrünen Gesinnungskorridor. Was „rechts“ davon liegt, wird gnadenlos ausgegrenzt und verworfen. Exklusion statt Inklusion.

Besonders hier wird der durchwegs widersprüchliche Charakter seines Buchs deutlich. Sein Plädoyer für eine „offene, demokratische Kommunikation“ (125) verkümmert zum leeren Geschwätz.

Zur Nagelprobe der Glaubwürdigkeit von Demokraten kommt es immer dort, wo sie Andersdenkende nicht nur gelten lassen (müssen), sondern deren konträre, unbequeme politische Ansichten auch als Bereicherung des Gesamten aufgreifen, wertschätzen (können) und integriert wissen wollen. Erst dann kann man „das Gemeinsame, Verbindende schaffen“ (73).

Habeck tut das Gegenteil: Seine „neue Res publica“ (73) weiß keinen Platz für „Rechte“, für AfD und Pegida-Bewegte. Die sind einfach nur „illiberal“, „totalitär“, „rassistisch“, „faschistisch“, „völkisch“, „Nazis“, bestenfalls auf der „verzweifelten Suche nach Anerkennung“ (125); als Ausgeburt des in sich Schlechten haben sie kein Existenzrecht.

Den „Konservativen“, die Habeck in der Sackgasse sieht, ergeht es kaum besser: Die von ihnen vertretenen dauerhaft gültigen „Werte“ und „Traditionen“ verfallen seinem Verdikt als „Handelshemmnisse“ (124f). Die gilt es im globalen Zeitalter bekanntlich zu beseitigen.

Auch hier fallen die Verwerfungen des Autors auf ihn und seine Partei zurück.

In keiner zweiten politischen Partei Deutschlands gibt es so ausgeprägte totalitäre Tendenzen wie bei den Grünen. Deren Drang, allgemein verbindlich den Bürgern vorschreiben oder verbieten zu wollen, in welchen Bahnen sie zu denken und zu fühlen haben, was sie sprachlich korrekt (noch) sagen dürfen, wie sie im Namen eines instrumentalisierten Umwelt- und Klimaschutzes leben und sich ausbreiten dürfen, einschließlich Ernährung und Fortbewegungsmittel, ist allgegenwärtig. Gegenüber der „Alternative für Deutschland“ ist die Grenze des kontroversen Diskurses zur tatkräftigen Bekämpfung mit dem Ziel der politischen Auslöschung dieser Partei längst überschritten.

BILD: Die Lambertikirche von Münster unweit des historischen Rathauses der Stadt

Das im westfälischen Münster aktive „antifaschistische“ Bündnis „Keinen Meter den Nazis“, in dem die Grünen kräftig mitmischen und als deren Sprecher ein Ratsherr der GAL fungiert, sagt in seiner Internet-Präsentation unmissverständlich: „Wir werden Neonazis und Rassist_innen zeigen, dass wir sie weder in Münster noch anderswo dulden!“

Wobei mit „Neonazis“ und „Rassist_innen“ praktisch die AfDler gleichgesetzt werden, unbeschadet weiterer „rechter“ Gruppierungen. Hier werden unverhohlen Grundrechte wie das Versammlungsrecht (Art. 8 GG) und das Aufenthaltsrecht (Art. 11 GG) missachtet und außer Kraft gesetzt.

Systematisch versucht das „Bündnis“ jede Ansammlung von AfD-Mitgliedern und -Anhängern zu unterbinden. Inzwischen gibt es in der westfälischen Metropole keinen Veranstalter mehr, der einen Versammlungsraum zur Verfügung stellt; mehrmals sprangen Wirte nachträglich ab, als sie unter Druck gesetzt wurden.

Die AfD sei in Münster „unerwünscht“, man wolle eine „AfD-freie“ Stadt. Der Jargon klingt vertraut – von der rassischen zur politischen Hygiene ist es nur ein kleiner Schritt. Anerkennungskultur? Vielfalt? Toleranz? Offener Diskurs? Demokratie? Die politische Realität entlarvt die Rede des Grünen-Vorsitzenden schonungslos als Ansammlung verlogener Phrasen.

„Modrige Pilze“

Was im Duktus geistigen Tiefgangs, im Gewand sprachphilosophischer Nachdenklichkeit daherkommt, stellt sich näher betrachtet oftmals als rhetorische Schaumschlägerei anhand geschickt über das Buch verstreuter Gedankensplitter dar.

Zu Habecks unlauteren Mitteln zählen u. a. bewusstes Missverstehen des Anderen (z. B. Uwe Tellkamps nicht „erwünschte“ Meinung in einem inhaltlichen Sinn, nicht als Akt an sich, wie von ihm gemeint, 33f), verzerrte oder verkürzte Darstellung der Position des Anderen, um ihn lächerlich zu machen (z. B. AfD-Wähler würden argumentieren: „Weil es private Seenotrettung gibt, kommen die Flüchtlinge“, 105), Übertreibungen, um den Anderen als demagogisch hinzustellen (z. B. „Rechte“ würden suggerieren, „Deutschland sei eine Diktatur wie in der Nazizeit“, 48; Thilo Sarrazin vermittle den Eindruck, „alle 68 Millionen Flüchtlinge, die es laut UNHCR zurzeit gibt, [wollten] zu uns nach Deutschland kommen“, 110) und verdummende Kurzschlusslogik (z. B. die „politische Existenz“ der AfD sei der schlagende Gegenbeweis dafür, dass „der öffentliche Diskurs zensiert wird“ und es überhaupt „Systemmedien“ gibt, 35).

Was Habeck jedoch am meisten fehlt, ist der selbstreflexive Sprachzweifel, den man von einem promovierten Germanisten hätte erwarten dürfen.

Hugo von Hofmannsthal hat in seinem berühmten Chandos-Brief (1902) – stellvertretend für die (Wiener) Moderne – seine Generalkritik der Sprache als Ausdrucksmittel mit dem Satz „ … die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“ in eine zeitlos gültige Form gegossen. Persönliche Sprachzweifel nagen am selbstgefälligen Habeck nicht.

So zerfallen nicht wenige seiner (urteilsbehafteten) Sätze, seiner (Schein-)Argumentationen, seiner bizarren Gedankenläufe, seiner schillernden Begriffe und Konstrukte in der Tat wie „modrige Pilze“. Und es sind giftige Pilze, welche unsere Gesellschaft weiter spalten.

Wer wir sein könnten? Hoffentlich nicht alle wie Robert Habeck. Das wäre dann doch zu viel.

Unser Autor Thomas May aus Münster ist katholischer Religionspädagoge und publiziert u.a. in der Zeitschrift „Theologisches“; in der aktuellen Ausgabe dieser Zeitschrift wurde dieser Beitrag zuerst veröffentlicht.


Wohin führt Papst Franziskus die Kirche?

Rezension von Thomas May
zur Neuerscheinung „Der Diktator Papst

Marcantonio Colonnas gründlich und umfassend recherchierter Report über den zum Papst Franziskus aufgestiegenen argentinischen Jesuiten Jorge Mario Bergoglio ist ein „Lesehammer“, der das durch die Medien vermittelte Bild eines menschenfreundlichen, reformfreudigen Oberhirten zunichtemacht und hinter der einer „erfolgreiche[n] Beschönigungskampagne“ (S. 248) geschuldeten Maske das Gesicht eines charakterlich zwielichtigen Machtmenschen freilegt.

Der Autor, der sein vatikanisches Insider-Wissen einfließen ließ, untermauert seine Darlegungen und zum Teil pikanten Enthüllungen über das katholische Kirchenoberhaupt mit einer Unzahl von Quellen (darunter aufschlussreiche Aussagen von Zeugen aus dem persönlichen Umfeld Bergoglios), meist aus dem italienischen, latein- und angloamerikanischen Raum, wobei er auch Material der beiden wichtigsten Bergoglio-Biographen  –  Austen Ivereigh: The Great Reformer, New York 2014 (wohlwollend) und Omar Bello: El Verdadero Francisco, Buenos Aires 2013 (kritisch)  –  eingebracht und ausgewertet hat.

Von langer Hand vorbereitet

Im ersten Kapitel wird nachgezeichnet, wie es, vorbereitet von langer Hand, dazu kam, dass Bergoglio 2013 von einer liberalen „Mafia“ zum Papst gewählt wurde.

Die Rede ist von der Gruppe St. Gallen, einem Bündnis progressiver Bischöfe und Kardinäle, das sich auf Einladung des Ortsbischofs seit 1996 jährlich im Schweizer Kanton St. Gallen traf. Geeint wurde es durch den gemeinsamen Widerstand gegen Kardinal Joseph Ratzinger, der seit 1982 als Präfekt der Glaubenskongregation amtierte.

BILD: Titelseite des Buches aus dem Renovavem-Verlag: https://renovamen-verlag.de/

Die Mitglieder wollten das Programm einer „viel modernen“ katholischen Kirche vorantreiben, das mit den Schlagwörtern „Dezentralisierung“, „Kollegialität“, „pastorale Kirche“ (gemeint war die Entfernung von der klassischen Morallehre) umrissen wird. Bei „Mafia“ handelt es sich keineswegs um eine Verleumdung von Verschwörungstheoretikern, sondern um die Selbstbezeichnung seitens eines der Köpfe der Gruppe, des belgischen Kardinals Godfried Danneels, der in einem Fernsehinterview 2015 bereitwillig über deren Aktivitäten Auskunft gab.

Unbestrittene Führungsgestalt war der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini, lange aussichtsreichster Kandidat des liberalen Flügels für die Papstnachfolge; dazu gesellten sich als einflussreiche Persönlichkeiten Kardinal Walter Kasper und der Mainzer Kardinal Karl Lehmann aus Deutschland sowie der englische Kardinal Cormac Murphy-O’Connor.

Laut Danneels favorisierte die Gruppe nach dem Tod Johannes Pauls II. schon im Konklave 2005 Bergoglio, damals Erzbischof von Buenos Aires, als ihren Mann für die Papstnachfolge, nachdem der an Parkinson erkrankte Martini nicht mehr infrage kam.

Diesen hatte Erzbischof Bergoglio 2001 bei der Bischofssynode in Rom näher kennen und bewundern gelernt und sich zunehmend als Gesinnungsfreund des liberalen Flügels zu erkennen gegeben. Bekanntlich wurde Ratzinger Papst, und die Gruppe St. Gallen zog sich zurück, ohne allerdings ihren Einfluss einzubüßen.

Nachdem Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 seinen Amtsverzicht angekündigt hatte (bereits Mitte 2012 wussten Kurien-Insider von dem beabsichtigten Schritt, und es ist unwahrscheinlich, dass der bestens vernetzte Bergoglio davon nicht Kenntnis erhalten haben sollte), entfalteten die drei „St. Gallener“ Kardinäle Kasper, Lehmann und Danneels, unterstützt von Murphy-O’Connor, fieberhafte Aktivitäten, um diesmal im „Team Bergoglio“ ihren Wunschkandidaten (der selbst kein Mitglied der Gruppe St. Gallen war, aber Zustimmung signalisiert hatte) durchzusetzen.

Entscheidend für seine Wahl zum Papst war schließlich, dass es gelang, im Konklave taktisch geschickt die Stimmen der nordamerikanischen Kardinäle für den Argentinier zu gewinnen.

Die Rechtmäßigkeit der Wahl Bergoglios wird aus zwei Gründen angezweifelt. Der Apostolischen Konstitution „Universi Dominici gregis“ (1996) von Johannes Paul II. zufolge sind den Kardinälen im Konklave Verhandlungen, Absprachen, Versprechen, Verpflichtungen zugunsten oder zulasten eines Kandidaten ausdrücklich verboten (vgl. Nr. 81). Zuwiderhandlungen, auch die Einwilligung eines Aspiranten, ziehen automatisch die Strafe der Exkommunikation nach sich.

Sowohl Ivereighs Version einer offenen Kampagne der vier „St.-Gallen“-Kardinäle als auch Murphy-O’Connors auskunftsfreudige Interviews mit dem „Independent“ (Juli 2013) und dem „Catholic Herald“ (Ende 2013) erhärten den Verdacht, dass es sich um mehr als einen zulässigen „Gedankenaustausch“ handelte.

Als zweiter Nichtigkeitsgrund ist die nicht eingehaltene Verfahrensregel von maximal vier Wahlgängen pro Tag von Belang; der fünfte, in dem Bergoglio mit 95 von 115 Stimmen gewählt wurde, sei damit (so der italienische Journalist Antonio Socci nachdrücklich) ungültig gewesen. Abschließend werden diese Frage nur gestandene Kirchenrechtler klären können – repressionsfrei.

Ein Peronist im Wandel

Ziel des zweiten Kapitels ist es, einen Überblick über Bergoglios persönliche Entwicklung und  berufliche Stationen bis 2013 zu geben. Nach Ansicht Colonnas ist der Sohn eines Buchhalters ohne die Tradition der argentinischen Politik nicht zu verstehen, die in der Person des Präsidenten Juan Perón (4. Juni 1946 bis 21.September 1955, 12. Oktober 1973 bis 1. Juli 1974) und in der nach ihm benannten Bewegung des Peronismus für ihn prägend geworden ist.

Peróns auffallendster Charakterzug war sein zynischer Opportunismus, mit dem er rechte und linke politische Kräfte für sich nutzte und gegeneinander ausspielte. Der ihm anhängende junge Bergoglio wurde sein gelehriger Schüler: Der Autor bezeichnet ihn als „Juan Perón in kirchlichen Gewändern“ (S. 48).

Bergoglios Karriere kam, mit einem Knick von 1986 bis 1992, als er bei seinem Orden in Ungnade fiel und unter anderem zur Promotion nach Deutschland abgeschoben wurde, stetig voran:

1958 Eintritt ins Ordensnoviziat der Jesuiten, 1969 Priesterweihe, 1973 – 1979 Jesuitenprovinzial für Argentinien, 1980 – 1986 Theologieprofessor und Rektor des Kollegiums von San Miguel und seiner Fakultäten für Philosophie und Theologie, 1992 Weihbischof und 1998 Erzbischof von Buenos Aires, 2001 Kardinal, 2005 – 2011 Vorsitzender der Argentinischen Bischofskonferenz.

Vehement bekämpfte der frühzeitig politisch interessierte und rührige Bergoglio als Mann des Volkes und rechtsgerichteter Peronist in seiner Funktion des Provinzials die von Intellektuellen propagierte, marxistisch inspirierte „Befreiungstheologie“, die den Jesuitenorden in Argentinien unterwandert hatte.

Er unterstützte die peronistische Guardia de Hierro („Eiserne Garde“) und unterhielt später persönliche Beziehungen zum argentinischen Militärregime (1976 – 1983), deren Art und Beurteilung bis heute umstritten sind, schwankend zwischen Fürsorge um die eigenen Leute und Verrat von Ordensangehörigen wie den linksradikalen Patres Yorio und Jalics an die Machthaber.

Zumindest den „allgegenwärtige[n] Eindruck von Doppelzüngigkeit“ (S. 247) drängen die damaligen Umstände auf, die der Autor im Anhang nochmals aufgreift.

Die gegen Bergoglio erhobenen Anschuldigungen der Kollaboration und Korruption, welche eine 2005 veröffentlichte Biographie widerlegen sollte, waren es auch, die ihn im Bemühen um Distanzierung folgerichtig nach links rücken ließen, ein sich seit 2001 beschleunigender Prozess, der ihn bei seinen ehemaligen konservativen Mitstreitern, denen er als Verfechter katholischer Werte gegolten hatte, verdächtig machte und zugleich der liberalen Seite empfahl, sodass er schließlich als „Speerspitze“ der Gruppe St. Gallen in Stellung gebracht wurde.

Außer persönliche Strenge und Bedürfnislosigkeit im Alltäglichen werden aus Bergoglios Umfeld für einen Zeitraum von über 50 Jahren keine günstigen Charaktereigenschaften bezeugt. Streben nach Macht, Behandlung der Untergebenen als Marionetten, Zwang zur Loyalität ihm gegenüber, Misstrauen gegenüber Menschen, Kontrollbesessenheit werden als Merkmale genannt.

„Dieser Mensch [Bergoglio] manipuliert mit Gefühlen. Du denkst, er ist dein Vater, und dabei führt er dich an der Nase herum“ (zit. 46), sagt ein ehemaliger Priester-Mitarbeiter; ein im Vatikan tätiger Kleriker konstatiert: „Bergoglio ist eine Person, die vor allem Angst zu schüren versteht“ (zit. 58).

Gefürchtet wird Bergoglio auch wegen seiner Vergeltungsaktionen gegen Amtskollegen, die nicht auf seiner Linie lagen/liegen oder ihm sonstwie quer stehen. (Berüchtigtes Beispiel ist seine Fehde mit dem Opus-Dei-Bischof Rogelio Ricardo Livieres Plano von Ciudad del Este in Paraguay, die mit dessen Absetzung 2014 ohne Angabe von Gründen endete.)

Anderseits versuchte Bergoglio besonders seit 2001 durch (intransparente) Geldzahlungen und durch den Aufbau eines persönlichen Netzwerkes von Informanten und Günstlingen Einfluss auf die Kurienpolitik zu nehmen.

Die „vernichtendste Charakterstudie über Jorge Bergoglio“ (43) stellt das Zeugnis seines Oberen P. Peter Kolvenbach dar, das Erzbischof Quarracino 1991 anlässlich der beabsichtigten (und davon unbeeindruckt vollzogenen) Ernennung Bergoglios zum Weihbischof anforderte.

Da dieses Dokument nach seiner Wahl zum Papst aus den Archiven verschwand und noch existierende Kopien vom Betroffenen weitgehend „eingesammelt“ wurden, beruhen die von Colonna wiedergegebenen Details auf der Darstellung eines Priesters, der Zugang dazu hatte.

Demnach hielt Kolvenbach dem (von den Jesuiten damals angefeindeten) Bischofskandidaten zahlreiche Defizite vor, „die von regelmäßigem Fluchen und Hinterhältigkeit, Ungehorsam unter dem Deckmantel der Demut bis hin zu fehlender psychischer Ausgeglichenheit reichten“ (44). Seine „spaltende Persönlichkeit“ lasse ihn für das vorgesehene Amt ungeeignet erscheinen. Die im Zeugnis erwähnten Mängel verdienen es, im Licht des Franziskus-Pontifikats erneut betrachtet zu werden.

Der Scheinreformer

Das dritte Kapitel befasst sich mit der sogenannten Kurien- und Finanzreform des Vatikans sowie der Umsetzung der Null-Toleranz-Linie bei sexuellem Missbrauch durch Priester, drei Problembereiche, die der Papst aus Argentinien von seinem Vorgänger geerbt hatte und deren entschlossene Bewältigung von ihm erwartet wurde.

Dank seiner spektakulären, mit der Tradition brechenden Gesten, seiner geschickt inszenierten Situationsdemut und vor allem seiner allzeit guten öffentlichen Laune hatte er die Herzen der Gläubigen im Sturm erobert und das Wohlwollen der Medien gewonnen, die ihm, wie schon in Buenos Aires, zum „Schoßhund“ (66) wurden und das Image eines großen Reformers verpassten. Allerdings ist, wie Colonna anmerkt, das Phänomen des „Franziskus-Effekts“ auch nach fünfjährigem Pontifikat auf die Berichterstattung beschränkt.

Der „Vatileaks“-Skandal und das von Benedikt XVI. veranlasste Dossier der Kardinäle Herranz, De Giorgi und Tomko über die Hintergründe hatten das Bild einer vom Papst unabhängig handelnden Vatikanmaschinerie und verbreiteter moralischer Korruption mit Details eines Netzwerks von Homosexuellen im Vatikan ergeben.

Daher war vor allem eine Reform des für die Verweltlichung des Klerus maßgeblich verantwortlichen, übermächtigen Staatssekretariats dringend geboten. Doch auch nach 18 Zusammenkünften bis Juni 2017 hat der vom Papst zur Steuerung des Reformprozesses gebildete Kardinalsrat (K9-Rat) kaum Nennenswertes zuwege gebracht. „… die Reform hat bisher bestenfalls Falten ausgebügelt. Es wurden einige Räte zusammengefasst, aber der Einfluss auf die großen Körperschaften des Vatikans ist gleich null“ (73), bilanziert Colonna nüchtern.

Personelle Veränderungen, wie die Absetzung Kardinal Burkes als Präfekt der Apostolischen Signatur, sind eher ideologisch motiviert. Bedenklich ist die führende Rolle des honduranischen Kardinals Maradiaga, der mit den Vorwürfen finanzieller Korruption und der Vertuschung sexuellen Missbrauchs in seiner Diözese belastet ist, als Koordinator des K9-Rates und „Vizepapst“. Nicht nur hier zeigt sich die Vorliebe des Papstes für moralisch schwache und somit besser kontrollierbare Persönlichkeiten in seinem Umfeld.

Hinzu kommen mangelnde Eignung und Erfahrung der K9-Mitglieder für Verwaltungsaufgaben, was umso schwerer wiegt, als der Papst sich selbst als „sehr unorganisiert“ (zit. 74) bezeichnet, eine Umschreibung für „abschweifend“ und „chaotisch“. Infolge der leichtfertigen Streichung der regelmäßigen Gesprächstermine der Vorsitzenden der Dikasterien ist deren Zugang zum Papst erschwert; das Staatssekretariat dient als „Filter“ zwischen Papst und Kurie und ist mächtiger als zuvor. Reform?

Im Zuge seiner Null-Toleranz-Politik hatte Benedikt XVI. mehr als 800 Missbrauchspriester suspendiert oder laisiert. Er ging zudem aktiv daran, die Schuldigen aufzuspüren und zu bestrafen, die sie gedeckt hatten; im Monatsschnitt setzte er so zwei bis drei Bischöfe ab.

Ferner erließ er strenge Richtlinien für die Ausbildung zukünftiger Priester und Ordensleute, die den Ausschluss von Männern mit homosexuellen Tendenzen vorsahen; der John-Jay-Report (2004) hatte ergeben, dass zu über 80 Prozent männliche Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren Opfer überwiegend schwuler Missbrauchstäter geworden waren. 

Papst Franziskus dagegen brach unter dem Motto der „Barmherzigkeit“ mit Benedikts Programm und reduzierte dessen Bestrafungen pädophiler Priester mehrfach. Im Vatikan machte sich ein Klima der Laxheit im Umgang mit sexuellen Verfehlungen breit, was mit dazu beitrug, dass sich die Umtriebe der Homo-Lobby verschlimmerten.

Der Papst selbst setzte dabei Signale, die von ihr als Ermunterung verstanden werden konnten, indem er praktizierende Homosexuelle, wie den Prälaten Battista Ricca (so der Journalist Sandro Magister im „L’Espresso“ 2013), in seiner Umgebung gewähren lässt.

Beim sexuellen Missbrauchsskandal in Chile verlegte sich der Papst auf eine rein defensive Salami-Taktik: immer nur zugeben, was nicht mehr zu leugnen ist. Angesichts neuer Skandale in US-amerikanischen Bistümern und in Honduras sowie aufgrund ihn belastender Zeugenaussagen verfestigt sich der Verdacht, dass der Pontifex nicht nur gelogen hat, sondern selbst in die Vertuschung involviert ist.

Auch die über Jahrzehnte wiederholt von Korruptionsfällen gebeutelten Finanzabteilungen des Vatikans – Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls (APSA), „Vatikanbank“ (IOR), Governatorat der Vatikanstadt, unterstellt dem Staatssekretariat – wurden unter dem neuen Papst keinem effektiven Umbau unterzogen.

Der Versuch, mit dem „Päpstlichen Rat für die Wirtschaft“ ein übergeordnetes „Finanzministerium“ zu schaffen, ist in der Praxis weitgehend misslungen. Ausschlaggebend dafür war, dass der ihm vorstehende australische Kardinal Pell, der seine Aufgabe forsch angepackt hatte, durch die Opposition von vier Kardinälen, die ihre „Reviere“ und Interessen verteidigten, neutralisiert wurde: Domenico Calcagno (APSA), Giuseppe Versaldi (vatikanische Wirtschaftspräfektur), Giuseppe Bertello (Governatorat), Pietro Parolin (Staatssekretariat).

Dem Wirtschaftssekretariat anfangs eingeräumte weitgehende Befugnisse nahm der Papst wieder zurück, den die alte Garde geschickt für ihre Manöver einzuspannen wusste; die beschlossene externe Finanzprüfung durch PricewaterhouseCoopers wurde von Erzbischof Angelo Becciu, dem Substitut des Staatssekretariats, abgesagt, dessen Machenschaften der 2017 spektakulär entlassene oberste Rechnungsprüfer Libero Milone gefährlich nahegekommen zu sein schien.

Die Verantwortung des strippenziehenden Papstes für diesen Schritt ist unstrittig, ebenso für die einhergehende Lähmung des vatikanischen Rechtssystems. Am Schluss wird man – so die Prognose Colonnas – dem durch die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs geschwächten und wohl bald eliminierten Kardinal Pell das Scheitern der Finanzreform zuschieben. Die Frage bleibt, wie lange noch italienische Richter Steuerhinterziehung und Geldwäsche über vatikanische Konten und Kanäle dulden werden.

Auf krummen Touren

Das vierte Kapitel widmet sich der kirchlichen Annäherung an die modernen (Sexual-) Moralvorstellungen unter dem Pontifikat Papst Franziskus‘. Im Mittelpunkt steht der von ihm manipulierte Prozess von der Außerordentlichen Familiensynode (Oktober 2014) über die Ordentliche Synode (Oktober 2015) zur Apostolischen Exhortation „Amoris laetitia“ (März 2016).

Gesichert wurde der „Erfolg“ unter anderem durch seine frühe Propagierung des sogenannten Kasper-Vorschlags der Zulassung zu Beichte und Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, durch Gefolgsleute auf den Synoden wie den sie leitenden Kardinal Lorenzo Baldisseri, der durch Verfahrenstricks die Abläufe im Sinn des vom Papst gewünschten Ergebnisses lenkte, oder den homofreundlichen Erzbischof Bruno Forte bzw. durch die gezielte Schwächung des die bestehende Lehre verteidigenden Generalrelators Kardinal Péter Erdö, nicht zu vergessen sein persönliches Eingreifen mittels zum Teil nicht vorgesehener Redebeiträge, mit denen Franziskus die versammelten Synodenväter einschüchterte.

Als die erforderliche Zweidrittelmehrheit gemäß der von ihm selbst festgelegten Regel in der Relatio Synodii (2014) für die Paragraphen 52, 53 und 55 nicht erreicht wurde, setzte sich der Papst über sie hinweg und sorgte dafür, dass der Kasper-Vorschlag auf der Agenda der Ordentlichen Synode blieb. Legendär geworden sind Franziskus‘ Wutanfall und seine Entlassungsdrohung, als sich 13 Kardinäle im Oktober 2015 in einem Brief über den „vorherbestimmten“ Ausgang der Familiensynode beschwerten.

Mit AL gelang ihm schließlich ein arglistiges Meisterstück, indem er in Paragraph 305 mit der Fußnote 351 ein Einfallstor schuf, nicht enthaltsam lebenden wiederverheirateten Geschiedenen (entgegen der klassischen Lehre) die Zulassung zur Kommunion zu gewähren, eine Interpretationsmöglichkeit, die etwa von der liberalen Argentinischen Bischofskonferenz ergriffen und vom Papst gutgeheißen wurde, während er konträre Auslegungen wie durch die Polnische Bischofskonferenz nicht beanstandete. Das ist Peronismus pur!

Auf den Punkt bringt es ein in anderem Kontext geäußerter Satz eines Jesuiten: „Seine [Bergoglios] Art, Unklarheit zu erzeugen, ist meisterhaft“ (zit. 247) – das Gegenteil der biblischen Regel „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein!“ (Mt 5,37).

Dem Wunsch nach Klärung der Zweideutigkeiten im Dokument, den vier Kardinäle in Form von fünf „Dubia“ in einem Brief an den Papst herantrugen, hat dieser bis heute nicht entsprochen. Die seither herrschende globale Verwirrung in der Ehelehre nimmt er in Kauf.

Die Aufweichung der Glaubens- und Morallehre wurde durch zahlreiche Personalentscheidungen Papst Franziskus‘ flankiert. Vor allem die Berufung des als Förderer der Homosexuellenbewegung in Erscheinung getretenen, skandalträchtigen, linksstehenden Erzbischofs Vinzenco Paglia zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben (PAV) und (unter Missachtung der Richtlinien) zum Großkanzler des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie, eines Hüters der klassischen Morallehre gemäß „Familiaris consortio“, bedeutete einen Bruch mit der Tradition.

Mit der Erstellung neuer Statuten für das PAV, Neubesetzung des Mitgliedergremiums (auch Nichtkatholiken) Richtung „harte Naturwissenschaften“ und weniger Pro-Life-Wissenschaft und der Abschaffung des Treueeids zur katholischen Lehre ging eine schwammige Sprache einher, die den Stellenwert des Lebensschutzes relativierte; der neu ernannte Anglikaner Nigel Biggar hatte sich schon 2011 und 2013 in Interviews als Abtreibungsbefürworter geoutet.

Gesäubert, gestutzt und „pastoral“ neu ausgerichtet wurde auch das Institut Johannes Paul II.; führende Mitglieder, die  die neue Linie der „Weiterentwicklung“ der kirchlichen Morallehre ablehnten, mussten gehen.

Zerschlagung und Enthauptung

Mit der Zerschlagung der Franziskaner der Immakulata (FFI), eines 1970 in Frigento (Italien) gegründeten und 1998 von Johannes Paul II. als „Institut des geweihten Lebens päpstlichen Rechts“ anerkannten Ordens, dessen besondere Marienverehrung in der Spiritualität des hl. Maximilian Kolbe wurzelte, gibt Colonna im fünften Kapitel weiteren Einblick in die „neue Methode“ des Papstes, hier als „päpstliche Verfolgung eines blühenden Ordens“ (169) bezeichnet.

In Anlehnung an die Ideale des Konzils hatten strengste Armut, intensives Gebetsleben und eine missionarische Aufgabe dem Orden weltweiten Aufschwung beschert. Neben dem Neid anderer, schrumpfender Orden wurde den wachsenden FFI und ihrem Schwesternzweig vor allem zum Verhängnis, dass sie nach dem „Summorum pontificum“ (2007) Benedikts XVI. beschlossen hatten, intern den alten Ritus einzuführen (in ihren Pfarreien zelebrierten sie weiterhin den Novus Ordo), woraufhin sie (zu Unrecht) der Ablehnung des II. Vatikanums und finsterer Umtriebe verdächtigt wurden.

Der von der Ordenskongregation per Dekret im Juli 2013 eingesetzte Apostolische Kommissar Fidenzio Volpi (ein Kapuziner) übernahm die Kontrolle der FFI – sein Regime war gnadenlos: Das Generalkapitel wurde aufgelöst, der Ordensgründer P. Stefano Manelli praktisch unter Hausarrest gestellt, das Ordensseminar dichtgemacht, mindestens 15 FFI-Niederlassungen mussten schließen. 60 Brüder baten um Entbindung von den Gelübden, andere mussten gehen; die Annahme von Berufungen kam infolge der „Krise“ zum Erliegen. Ferner wurden die Ordensregeln geändert, Privatgelübde abgeschafft, Feiern der alten Messe untersagt. Der Orden löste sich nach 2015 schrittweise auf.

Den Prozess wegen Hinterziehung und Veruntreuung vor weltlichen Gerichten gewann Manelli gegen Volpi; dieser musste nicht nur das beschlagnahmte Vermögen im Wert von zirka 30 Millionen Euro an die Laienorganisation des Ordens zurückzahlen, sondern auch 20.000 Euro Schadensersatz wegen Verleumdung an die Familie des Gründers leisten.

Doch selbst die Verurteilung des eigenen Kommissars durch die weltliche Rechtsprechung entlockte dem Papst kein Wort, an dessen Absegnung des radikalen Vorgehens nicht zu zweifeln ist. Von kanonischer Seite wurde niemals Anklage gegen Manelli erhoben. Kein Gericht verurteilte ihn wegen irgendeines Fehlverhaltens.

Das detailliert beschriebene Geflecht von Intrigen, die zur Entmachtung des Malteserordens führten, ist ein Highlight des Buches. Hier schöpft der Autor, selbst Mitglied der Malteser (nach seiner Enttarnung als der Historiker Henry J. A. Sire vom Orden suspendiert), aus dem Vollen seiner Verbindungen und Quellen.

Die Winkelzüge der Kontrahenten, ihrer Verbündeten, ihre Motive sowie die Umstände des wachsenden Zeitdrucks, unter dem das „Projekt“ aus Sicht der „Rebellen“ stand, im Einzelnen nachzuzeichnen, ist hier in Kürze nicht möglich. Als Ergebnis kann festgehalten werden: Es ging nur vordergründig um unerlaubt verteilte Kondome, in der Hauptsache vielmehr um 30 Millionen Euro aus einem Schweizer Treuhandfonds für den Malteserorden, dessen Freigabe der vom Papst zum Rücktritt gezwungene englische Großmeister Fra‘ Matthew Festing blockierte.

Daher musste er seinem deutschen Widerpart Albrecht Freiherr von Boeselager weichen, der die Abwicklung des Geschäfts sicherstellte, inklusive der Übertragung von 100.000 Schweizer Franken an die Stiftung des Apostolischen Nuntius in Genf, Erzbischof Silvano Tomasi.

Gleichzeitig nutzte der Papst die Chance, Festings Verbündeten Kardinal, Raymond Leo Burke, Mitunterzeichner der „Dubia“, in seiner Funktion als Kardinalpatron des Ordens zu suspendieren und anstelle des Großmeisters seinen Erzbischof Becciu als Sonderbeauftragten zur Leitung des Ordens einzusetzen, was praktisch das Ende seiner Souveränität bedeutete.

Damit machte er eine Niederlage wett, die der Heilige Stuhl 1952/1953 in einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Malteserorden erlitten hatte, als dessen eigene Jurisdiktion und die Souveränität des Ordens als politische Einheit bestätigt wurden. Ferner konnte Bergoglio eine noch offene „Rechnung“ mit dem argentinischen Politiker und Malteserritter Esteban Caselli begleichen, der 1997 (vergeblich) seine Wahl zum Koadjutorerzbischof von Buenos Aires zu verhindern versucht hatte.

Ironischerweise hat der „volksnahe“ Papst mit seiner Parteinahme zugunsten der deutschen Mitglieder des Ordensrates um Freiherr von Boeselager die aristokratische Fraktion gestärkt (deren Moral seiner liberalen Linie sicher mehr entspricht), während die nichtadeligen Vertreter in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Big Brother des Vatikans

Im letzten Kapitel nimmt Colonna den Führungsstil des Papstes in den Blick, der von nicht wenigen Vatikanmitarbeitern als autokratisch und herrschsüchtig charakterisiert wird. Ein Priester, der als Franziskus-Fan begann, meint: „Bergoglio teilt die Kirche in jene, die mit ihm sind, und jene, die gegen ihn sind – und wenn er vermutet, dass man sich unter den Letzteren befindet, dann wird er sich rächen“ (zit. 213). 

So praktiziert er ein System von Bestrafungen, denen nicht nur die Kardinäle Gerhard Ludwig Müller (siehe Foto) und Raymond Burke zum Opfer fielen (Kardinal Robert Sarah wurde durch den Austausch seines Mitarbeiterstabes isoliert), sondern auch „widerständische“ Weggefährten aus argentinischer Zeit, wie der abgesetzte Erzbischof von Rosario José Luis Mollaghan oder der zum Rücktritt veranlasste Bischof Oscar Sarlinga von Zarate.

Dem entspricht ein an „peronistische Vetternwirtschaft“ (209) erinnerndes Günstlingssystem, dessen sich etwa der päpstliche Zeremoniar Guillermo Karcher, der persönliche Sekretär Fabián Pedacchio, aber auch höhere „Tiere“ wie der (schon genannte) „willige […] Handlanger“ Erzbischof Becciu, „der Mann für die Drecksarbeit des Papstes“ (211), erfreu(t)en, nicht zu vergessen der „Kriecher“ Kardinal Coccopalmerio, das „Schlitzohr“ Kardinal Calcagno oder Kardinal Baldisseri, der „gewiefte […] Manipulator der ‚Barmherzigkeit‘ während der Familiensynode“ (212).

Der Kontrolle dient dem Papst sein Einzug in die (für zwei Millionen Euro umgerüsteten) Räume des Gästehauses Santa Marta, wo er die Kardinäle in seiner Nähe hat, im öffentlichen Speiseraum zu Mittag isst und dabei Informationen aus den einzelnen Abteilungen des Vatikans erhält. Durch Zurechtweisung, (drohende) Entlassung oder Schmälerung des Einflusses hält er seine Mitarbeiter vom Kardinal bis zum Monsignore auf Trab.

Im Gefolge der „Dubia“ und wachsender Vorbehalte gegenüber AL wurden Kritiker der päpstlichen Sicht abgebürstet und zum Schweigen gebracht. Erzbischof Vito Pinto (Rota-Dekan) regte den Entzug der Kardinalswürde an; Kardinal Cupich von Chicago verlangte, die Kardinäle müssten sich „bekehren“; Erzbischof Fisichella schlug bei der Eröffnung des „Jahres der Barmherzigkeit“ gar die Exkommunikation von Papstkritikern vor.

Dozenten und hochrangige Mitarbeiter mussten ihren Stuhl räumen. In Rom überwacht eine „Beobachterinitiative“ Lehrbetrieb und Veröffentlichungen des Instituts Johannes Paul II. auf deren Kompatibilität mit AL hin. Methoden der Observierung wurden ruchbar, als im März 2015 eine größere Abhöraktion in Autos, Büros und Privatwohnungen von Klerikern aufflog. Kurienangestellte sind sich sicher, dass ihre Telefone abgehört und ihre E-Mails systematisch ausspioniert werden. Ein Kardinal resümiert: „Im Vatikan fürchtet jeder Papst Franziskus, niemand respektiert ihn, von Kardinal Parolin an abwärts“ (zit. 221).

Nicht nur sinkende Popularitätswerte (die ihn am empfindlichsten treffen) scheinen dem Papst bewusst zu machen, dass er an Grenzen stößt. Sein Satz „Es ist nicht unmöglich, dass ich in die Geschichte eingehen werde als derjenige, der die katholische Kirche gespalten hat“(zit. 225) zeigt ein bemerkenswertes Maß an Selbsterkenntnis.

Aber zieht er auch die Konsequenzen daraus? Und wenn ja, welche?   

Als politischster Papst „seit Jahrhunderten“ (225), der gern als moralischer Führer des südamerikanischen Kontinents hervortreten wollte (Ivereigh), muss er einsehen, dass er mit Barack Obama seinen „Schirm“ auf Weltebene verloren hat. Statt der von ihm favorisierten Hilary Clinton (deren Wahlkampagne er über die APSA mitzufinanzieren angeordnet hatte) wurde Donald Trump US-Präsident, der sich als sein künftiger Gegenspieler zu etablieren beginnt.

Und der hat gute Karten gegen ihn in der Hand – die (im Detail noch nicht enthüllte) Überwachung des Konklaves 2013 durch die CIA soll der Kurie Alpträume bereiten. Ungemach droht ihr auch wegen der kriminellen Finanzstrukturen einschließlich Geldwäsche und Steuerbetrug, die jederzeit Anlass zur Intervention von staatlicher Seite bieten. Seit Jahresbeginn mehren sich die Anzeichen, dass der Papst selbst in Korruption und Vertuschung von sexuellen Missbräuchen verstrickt ist.

Verstörende Bilanz: Wohin steuert Papst Franziskus die Kirche?

Im Ganzen hinterlässt das Buch beim Leser einen verstörenden Eindruck. Die Fülle der gesammelten Fakten, unterfüttert mit zum Teil kompromittierenden Zeugenaussagen, fügt sich zum bedrückenden Bild eines Kirchenoberhaupts, das seiner Verantwortung in keiner Weise gerecht wird. Das trifft ihn umso härter, als es so gar nicht zu dem von den Medien präsentierten lächelnden, verständnisvollen, „pastoral“ den Menschen zugewandten Pontifex passt.

Im Lauf des Buches durchschaut er, dass das mediale Franziskus-Bild einer vorgeprägten Sicht entspringt: Mit seinem (aus dem Kontext gerissenen) Satz „Wer bin ich, dass ich (ver)urteile“, der von der Homosexuellenbewegung vereinnahmt wurde, schien er deren „Gleichstellungs“-Forderung und einem weitverbreiteten Bedürfnis der säkularen Gesellschaft nach moralischer Selbstrelativierung der katholischen Kirche entgegenzukommen; in der Praxis erwies er sich als „Killer“ jedweden Anspruchs und Maßstabs.

Ebenso entspricht er mit der Fokussierung auf Umwelt- und Klimaschutz, seinem (rhetorischen) Einsatz für die „Ränder“, Arme und Migranten der Zeitgeist-Agenda, den Vorstellungen der politischen Klasse und des globalen Establishments.

Bestürzend wirken vor allem charakterlichen Defizite: Vulgäre Sprache, Wutausbrüche, gezielte Täuschung, Vergeltungsbedürfnis, Verschlagenheit, ungerechte Behandlung der Mitarbeiter, üble Machtspiele qualifizieren nicht für ein vorbildliches Pontifikat.

Geradezu auf den Kopf gestellt wird vom Papst die (katholische) Moral mit der neuen Maxime der absolut gesetzten „Barmherzigkeit“ Gottes, die jeden Sünder freispricht, ihm keine Anstrengung der Besserung auferlegt (und ihn daher auch nicht zur Umkehr bewegt), vielmehr geeignet ist, sein lasterhaftes „Ich will so bleiben, wie ich bin“ zu verstetigen.

Umgekehrt werden die um Erfüllung der göttlichen Gebote Bemühten zurechtgewiesen und des Pharisäertums, des Legalismus, der Herzensverhärtung, der Engstirnigkeit geziehen, wenn sie diese selbstverständlich als allgemeingültigen Maßstab verstanden wissen wollen; so wird das Streben nach Sittlichkeit entmutigt.

Lehrmäßig hat der Papst mit AL die Unauflöslichkeit der Ehe infrage gestellt, den deutschen Streit um Kommunionzulassung evangelischer Partner in Mischehen lässt er weiterschwelen. Anderseits wecken sein Nichteinschreiten als höchste Lehramtsautorität angesichts von Bischöfen, Priestern und Theologen offen vertretener Häresien und seine Duldung der sich weltweit beschleunigenden Disziplinlosigkeit in der Kirche Zweifel, inwieweit er auf diesen Feldern noch steuern möchte.

Mit Sorge erfüllt sein unbekümmerter Umgang mit führenden klerikalen Homo-Aktivisten bis hin zu (praktizierenden) homosexuellen Bischöfen/Kardinälen, deren er sich zu seinem Vorteil bedient. Wann diese einflussreiche Gruppe auch eine Änderung der kirchlichen Lehre erreichen wird, scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Gleichgültigkeit bekundet er in der Liturgie (soweit es den Novus Ordo betrifft, der alte Ritus gilt als obsolet); Zeichen mangelnder Ehrerbietung vor dem Allerheiligsten nähren den Argwohn hinsichtlich seines persönlichen Glaubens.

Am vielleicht erschreckendsten ist das Ausmaß, in dem sich der „Stellvertreter Christi“ von seiner Verantwortlichkeit gegenüber den Menschen und Gott gelöst hat. Dem „Geruch der Schafe“, ein  „aufgetragenes Duftwasser“ (50), entwöhnt, ist er in eine Eigenwelt entstiegen, in der er niemandem für nichts (mehr) Rechenschaft zu schulden glaubt.

Sein Satz „Ich bin der Papst, ich brauche keine Gründe für meine Entscheidungen anzugeben“ (zit. 213) hat eine gefährliche Dynamik entwickelt, die vor nichts haltzumachen scheint: Verletzung von Gesetzen und Regeln, Despotie, Missachtung von Missbrauchsopfern, eigenmächtige Änderung der Lehre und des Katechismus (Todesstrafe), Eingriff ins Vaterunser (6. Bitte?)… Für wen hält sich Papst Franziskus?

Als gravierende Mängel des Buches sind einzig die äußere Form mit Grammatikfehlern, nicht (korrekt) zu Ende geführten Satzkonstruktionen sowie jeder Menge fehlender Komas und die schwache, zum Teil unklare bis fehlerhafte Übersetzung erwähnenswert, was nicht selten von der Übernahme nicht bedeutungsgleicher Fremdwörter ins Deutsche herrührt. (Statt „Approbation der Affäre“ z. B. muss es heißen „Billigung der Angelegenheit/des Vorgangs/Vorgehens“; vgl. 183.)

Da empfiehlt es sich, das englische Original gegenzulesen, wie dem Verlag auch für weitere Auflagen ein Nachlektorat anzuraten ist. Die Erzählweise dagegen ist spannungsreich und fesselnd, wobei ein Grundwissen der Materie das Verstehen erleichtert.

Von einigen polemischen Spitzen abgesehen, ist der Schreibstil Colonnas meist sachlich, gelegentlich anklagend. Dank des überreichen „Beweismaterials“ hat er es nicht nötig, den Leser in eine Richtung zu drängen. Dieser weiß am Schluss die richtigen Schlüsse selbst zu ziehen.


Bewegende Kurzporträts über katholische Märtyrer und Bekenner in Diktaturen

Rezension von Thomas May

Buch-Daten: Eduard Werner, Helden und Heilige in Diktaturen. – Media Maria Verlag, Illertissen 2017, 256 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-9454013-0-9. – 17,99 Euro

Über Jahre veröffentlichte der promovierte Historiker Eduard Werner in der katholischen Monatsschrift „Der Fels“ auf der letzten Seite Lebensskizzen von Persönlichkeiten, die in den Diktaturen des Nationalsozialismus und des Kommunismus des 20. Jahrhunderts als Zeugen ihres christlichen Glaubens in Erscheinung traten.

Jetzt sind die bewegenden Kurzporträts gesammelt als Buch erschienen. Unter den 108 bekannten, kaum bekannten oder unbekannten Gestalten finden sich Märtyrer („Heilige“, „Selige“), die für ihre Glaubenstreue mit dem Leben bezahlten, aber auch tapfere Männer und Frauen, welche die Verfolgun­gen ihrer Peiniger überlebt haben und heute als „Bekenner“ und Helden verehrt werden.

WARNUNGEN VOR DER NS-IDEOLOGIE

Schon in der Einleitung tritt der Autor dem immer wieder zu Unrecht erhobenen klischeehaften Vorwurf, Papst, Bischöfe und Kirche hätten vor Hitler und der NS-Diktatur versagt und sich insbesondere für die verfolgten Juden zu wenig eingesetzt, mit Verweisen auf gewichtige amtliche Verlautbarungen und Gegeninitiativen entgegen.

So verwarf das Heilige Offizium (Glaubenskongregation) bereits 1928 die widergöttliche Ideologie des Rassismus; noch vor der „Machtergreifung“ verkündeten die katholischen Bischöfe Deutschlands einstimmig, dass Katholiken die NSDAP nicht wählen dürften; 1934 setzte der Vatikan Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, die „Bibel“ der Nazis, auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher, gefolgt von der katholischen Gegenschrift „Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts“, in welcher die Rassenlehre des Autors wissenschaftlich begründet zurückgewiesen wurde; schließlich das Weltrundschreiben „Mit brennender Sorge“ Papst Pius‘ XI. 1937 gegen das NS-Un­rechtsregime.

Dass die Verurteilung der nationalsozialistischen Weltanschauung von „oben“ auch im katholischen Kirchenvolk „ankam“ und entschiedenen Widerstand bis zur Ge­fährdung des eige­nen Lebens hervorrief, belegt die facettenreiche Sammlung praktischer Glaubenszeugnisse von Klerikern und Laien.

SKIZZIERUNG DER PERSONEN

Unterteilt nach Kriegsdienst- und Befehlsverweigerern, Juden und Judenhelfern, Opfern des Kommunismus (Sowjetunion, Weißrussland, Estland, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, Tschechoslowakei, Albani­en, DDR, Vietnam, Korea), Priestern im Widerstand und katholischen Lai­en im Widerstand, wird das Profil jeder Person auf zirka zwei Seiten erstellt.

Zu Beginn steht meist ein ins Zeitgeschehen oder in das nähere Umfeld einführender „Aufhänger“, gelegentlich unterfüttert mit Grundinformationen zum „Dritten Reich“, am Schluss ein nicht selten im Hinblick auf die heutige Wohlstandsgesellschaft und den „Zeitgeist“ kritisches oder mahnendes Resümee, das zum Nachdenken anregt.  

Genannt werden in der Regel die Lebensdaten, Geburtsort, Heimat, Ausbildung sowie beruflicher Werdegang. Den Schwerpunkt bilden Schlüsselerlebnisse mit den Nazis und die verschiedenen Formen des Widerstands bzw. Einzelaktionen, die Gründe der Verhaftung durch die Gestapo von „Feindradiohören“ über Verstöße gegen das „Heimtückegesetz“ und „Wehrkraftzersetzung“ bis zu streng verbotenen Formen der Seelsorge, welche oft Priestern zum Verhängnis wurden. Zur Sprache kommen auch Methoden der Überwachung, Verfolgung, des In-die-Falle-Lockens, Schwere der Folter, Drangsalierung und Peinigung, ebenso Art und nähere Umstände der Hinrich­tung oder im Überlebensfall das weitere Wirken nach Kriegsende einschließlich Sterbedatum.

Als besonders einprägsam erweisen sich wörtlich wiedergegebene Sätze der Todgeweihten, welche die Persönlich­keit und ihr Schicksal noch einmal wie in einem Lichtkegel erfassen.

HOHER BLUTZOLL DER PRIESTER

Unter den Glaubenszeugen ragen die Priestergestalten heraus. Da sie im Unterricht, in der Predigt und in der Seelsorge viel eher Farbe bekennen mussten als Menschen in anderen Berufen, gerieten sie auch schneller mit den Nazis in Konflikt; vor allem beliebte, wortgewaltige Jugendseelsorger (unter anderem Kurt Habich, Alexander Alef, Gerhard Hirschfelder, Bernhard Wensch), die junge Menschen für ein Leben aus dem katholischen Glauben zu begeistern wussten, waren für die Einpeitscher der Hitlerjugend eine lästige, gefährliche Konkurrenz, die es auszuschalten galt.

Anderer­seits mussten sie als Zölibatäre keine Rücksicht auf eine Familie nehmen und waren daher risikobe­reiter. Auch die vergleichsweise geringere Nähe der katholischen Kirche zum Staat machte sie „frei­er“. Der entscheidende Grund für den hohen Blutzoll dieser Berufsgruppe (ca. 4.000 Ermordete) dürfte in der Liturgie zu finden sein: Der Opfercharakter der heiligen Messe – so sieht es Werner –, der in vorkonziliarer Zeit noch im Vordergrund stand und dem der Priester bei der täglichen Zelebration „ausgesetzt“ war, ließ die Einsatzbereitschaft für den Nächsten und die totale Hingabe als etwas Selbstverständliches er­scheinen.

Verhaftet, gefoltert und hingerichtet wurden Priester unter anderem, weil sie in ihren Sonntagspredigten die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und katholischem Glauben hervorhoben und Rechtsverletzungen, Akte der Gewalt, Einschrän­kungen der Glaubensfreiheit und Religionsausübung kritisierten, Juden zur Flucht verhalfen, mit Verschwörern gegen das NS-Regime in Verbindung gebracht wurden sowie im Rahmen der Sakramentenspendung mit staatlichen Verboten kollidierten:

So stand auf Seelsorge, insbesondere die Einbeziehung von Polen, auf Taufe und Beichte in den Konzentrationslagern die Todesstrafe; in Einzelfällen bezahlten Priester wegen des gegenüber der Gestapo gewahrten Beichtgeheimnisses mit Haft und Misshandlungen (Josef Averesch, Emil Kiesel, Johann Steinmayr). Als extrem brutal ist die Hinrich­tung des Tiroler Pfarrers Otto Neururer dokumentiert, der im KZ Buchenwald an den Füßen am Fenstergitter aufgehängt wurde, bis nach 34 qualvollen Stunden der Tod eintrat.

TODESMUTIGE FRAUEN

Demgegenüber nimmt sich die Zahl der Laien – für die Gruppe der Männer seien stellvertretend der Südtiroler Eidverweigerer Josef Mayr-Nusser, der deutsche Oberst der Wehrmacht und „Judenretter“ Rudolf Graf von Marogna-Redwitz, der konvertierte württembergische Schriftsteller und Kulturkritiker Theodor Haecker genannt – und vor allem der 16 in das Buch aufgenommenen Frauen geringer aus; in ihrem furchtlosen Glaubenszeugnis, ihrer Entschlossenheit und Leidensbereitschaft stehen sie den Klerikern kaum nach.  

Während sich im Lehrerberuf die Männer auffallend anfällig für die neue Ideologie mit ihren sportlichen (Olympiade 1936) und wirtschaftlichen Erfolgen sowie technischen Neuerungen zeigten, verhielten sich ihre Kolleginnen in Deutschland und im seit 1938 „angeschlossenen“ Österreich weitgehend kirchentreu, manchmal sogar widerständisch gegenüber dem Nationalsozialismus.

BILD: Prälat H. Moll spricht über die katholisch-jüdische Märtyrerin Edith Stein

Für die katholische Seite stehen beispielhaft die promo­vierte Dozentin am Fürsorge-Seminar in Berlin-Friedenau Margarete Sommer, die als uner­schrockene „Judenretterin“ später mit dem Yad-Vashem-Titel „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurde, die schlesische Volksschullehrerin Charlotte Holubars, die Heppenheimer Re­ligionslehrerin Katharina Katzenmaier oder die Grundschullehrerin Änne Meier aus dem Saarland; die drei Letztgenannten wurden ins berüchtigte Frauen-KZ Ravensbrück (Provinz Brandenburg) deportiert, wo sie bestialischen Behandlungen durch die SS-Leute, aber auch perversen und kriminellen Mithäftlingen ausgesetzt waren.

Dort war ebenfalls Dr. Gertrud Luckner inhaftiert, die beim Deutschen Caritasverband im Auf­trag des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber unter anderem politisch oder rassisch Verfolgten un­terzutauchen und zu fliehen geholfen hatte; für ihr Lebenswerk wurde sie nach dem Krieg mehrfach ausgezeichnet.

Als „Engel“ von Konzentrationslagern sind wegen ihres unter Lebensgefahr geleisteten übermenschlichen Einsatzes in Form von Versorgung mit Essensra­tionen, Medikamenten, Tröstung der Mithäftlinge und Pflege der Kranken, Schmuggel- und Nachrichtendienst die Klosterschwester Angela Maria Autsch (Ravensbrück, Auschwitz), die Krankenschwester Maria Stromberger (Auschwitz) und die Klosterkandidatin Josefa Mack (Dachau) in dankbarer Erinnerung geblieben.

Viele Frauen, häufig Ordens­frauen, wurden ermordet, weil sie sich einer Vergewaltigung widersetzten, deren Anzahl der Hambur­ger Professor für Verfassungs- und Völkerrecht, Ingo von Münch, für die Jahre 1944/45 im Osten Deutschlands mit geschätzten 1,4 bis 1,9 Millionen angibt.

Zu ihnen zählt die in der Krankenpflege und Kinderfürsorge tätige „Graue Schwester“ M. Paschalis (Magdalena) Jahn, die als Zeugin der Menschenwür­de ein „Reinheitsmartyrium“ erlitt, als sie sich einem sowjetrussischen Soldaten mit den Worten „Erschießen Sie mich, Christus ist mein Bräutigam, nur ihm gehöre ich!“ verweigerte und von die­sem niedergestreckt wurde.

UNERSCHÜTTERLICHER GLAUBE

Was machte die Kriegsdienstverweigerer, Widerstandskämpfer, Judenretter, Saboteure des NS-Unrechtsstaats, Zeugen der Mitmenschlichkeit, Verteidiger christlicher Prinzipien und der Menschen­würde so stark, dass sie sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten?

Zweifellos handelten sehr viele von ihnen aus einem gefestigten Glauben heraus, der ihnen zur damaligen Zeit noch von den kirchlichen Autoritäten und in der familiären Erziehung unverkürzt und geduldig ver­mittelt wurde. Papst, Bischöfe, Priester – die Front der Ablehnung der Rassenideologie und des menschenverachtenden Regimes war nahezu einhellig, wenn auch im praktischen Einzelfall die Vorgehensweise oder Reaktion unterschiedlich ausfallen konnte; das geschlossene katholische Milieu gewährleistete in­neren Halt.

Zu der für Nachgeborene sehr schwer zu beurteilenden Frage, wann öffentliche Bloßstellung und Verurteilung staatlicher Gewalt und Willkürmaßnahmen oder taktisches „Stillschweigen“ und Agieren im Verborgenen das richti­ge Mittel war, sei auf eine im Buch erwähnte Episode aus dem Leben des Clemens August Kardinal Graf von Galen verwiesen: Nach der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November 1938 bot der Müns­teraner Oberhirte dem Rabbiner der dortigen Gemeinde an, auf die Kanzel zu gehen, um die gegen Juden verübten Gräueltaten öffentlich anzuprangern. Erst auf dessen inständige Bitte hin „Tun Sie’s nicht, sonst wird es ja noch schlimmer!“ verzichtete von Galen darauf.

BILD: Menora (siebenarmiger Leuchter) in der Synagoge von Münster

Auch die Tatsache, dass von 25.000 Priestern in Deutschland nur 0,34 Prozent als nazihörig einzustufen sind, während mehr als 12.000 von ihnen unter ständiger Überwachung durch die Geheimpolizei standen, spricht für sich. Bischö­fe wie der Berliner Konrad Graf von Preysing predigten den Gläubigen: Der einzelne Mensch darf niemals in der Rasse, im Volk, im Staat ganz aufgehen, weil er als Einzelner eine unsterbliche Seele hat. Solche Rede verfehlte ihre Wirkung nicht.

Wie sehr sich dessen nicht wenige Märtyrer im Angesicht des Todes vor ihrer Hinrichtung bewusst waren, bezeugen auf erschütternde Weise Abschiedsbriefe an Angehörige (meist Ehefrau, Kinder, Mutter), aus denen im Buch mehrfach zitiert wird: Die felsenfeste, versöhnte Gewissheit, im nächsten Augenblick vor Gott zu stehen und dass es ein freudiges Wiedersehen mit denen geben werde, die man jetzt im Leid zurücklassen muss, ist atemberaubend (Franz Jägerstätter, Josef Ruf, Wilhelm Paul Kempa, Rudolf Graf von Maro­gna-Redwitz, Anton Schmid, Karoline Maria Redler u. a.).

Sie hatten die Worte der Heiligen Schrift von Gottes Gericht und von der Verheißung, dass ihre guten wie schlechten Werke eine Ewigkeit lang gelten, verinnerlicht. Und vor allem: dass der Mensch im Ernstfall Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.

„ANREGER“ ZUR VERTIEFENDEN LEKTÜRE

Eduard Werners sprachlich leicht verständliches, überlegt gegliedertes Buch würdigt mit seiner Sammlung nicht zuletzt in der öffentlichen Wahrnehmung unbekannt gebliebene Helden und Heldinnen, hinter deren Namen sich oftmals ein bewegendes Schicksal verbirgt.

Die umrisshaften Lebensbilder gehen verständlicherweise nicht in die Tiefe, sondern sind in erster Linie „Anreger“: Sie machen betroffen und laden dazu ein, sich anhand weiterer Literatur mit Leben, Kämpfen, Leiden und Sterben der fast ausnahmslos katholischen Glaubenszeugen eingehender zu befassen. Soweit es sich dabei um inzwischen hei­lig- oder seliggesprochene Personen handelt, wird man in dem von Professor Helmut Moll im Auf­trag der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen (mit 100 Euro allerdings recht teuren) zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ fün­dig.

Für die „Bekenner“, welche die Verfolgungen der Nazi-Diktatur überlebt haben, ist die Literatur kaum überschaubar. Im Literaturverzeichnis des Buches selbst sind Titel von einigen Opfern (zum Beispiel Jean Bernard, Theodor Haecker, Marianne Hapig, Theolinde Katzenmaier, Hermann Scheipers, Josef Spieker) und wichtigen Zeitzeugen (zum Beispiel Pinchas Lapide, Johannes Neuhäusler) aufgeführt.

Darüber hinaus geben die einzelnen Lebensschicksale dem Leser Anstöße, sich mit seinem eigenen Glaubenszeugnis zu konfrontieren und über Erscheinungsformen des Totalitarismus und der Diktatur in der Welt von heute nachzudenken. Enthauptet, aufge­hängt oder erschossen für sein Bekenntnis zum christlichen Glauben und sein konsequentes Handeln danach wird in Deutschland keiner mehr; die Methoden der Beseitigung politisch oder gesellschaftlich missliebiger Personen sind raffinierter und subtiler geworden. Soziale Vernichtung und mediale Hinrichtung sind nur zwei davon.

Eine Erstveröffentlichung (gekürzte Version dieser Besprechung von Thomas May) erschien im katholischen PUR-Magazin (Fe-Verlag, Kisslegg)

 

 


Engagiertes Plädoyer für die Mundkommunion

Rezension von Thomas May

Buchdaten: Wilhelm Schallinger. Das Lamm in Menschenhand. Geleitwort: Bischof Dr. Athanasius Schnei­der. – Patrimonium Verlag 2016, 2. Auflage 2017, 135 Seiten, kartoniert, ISBN-10: 3864170699 / ISBN-13: 978-3864170690. – 14,80 €

Das jetzt in 2. Auflage erschienene, 135 Seiten „starke“ Buch mit dem doppelsinnigen Titel „Das Lamm in Menschenhand“ des 1941 im ober­bayerischen Traunstein geborenen Priesters Wilhelm Schallinger ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine kostbare Rarität auf dem katholischen Büchermarkt.

Thema ist die historisch be­deutsame Zulassung der Handkommunion in Deutschland durch Papst Paul VI. ab dem Jahr 1969, die nicht nur aus Sicht des Autors erheblich zum Schwund des katholischen Glaubens und zum anhaltenden Niedergang der katholischen Kirche beigetragen hat. Kaplan Schallinger positioniert sich bereits früh, im Herbst 1974, in einem persönlichen Ge­wissensentscheid gegen die Handkommunion, die er – selbst unter massivem Gegen­druck seitens der kirchli­chen Oberen und einzelner Gläubiger – bis auf den heutigen Tag nicht mehr austeilen wird.

Gründe gegen die Handkommunion

Schallinger präsentiert die Gründe für seinen ablehnenden Gewissensentscheid einleuchtend und nach­vollziehbar. Die Handkommunion hat „zu einer verheerenden Ehrfurchts- und Glaubenslosigkeit hin­sichtlich der realen Gegenwart des Herrn in der Eucharistie geführt“ (S. 24); ihre illegale Einführung in Holland zuvor ging „bereits mit der offenen Leugnung der wirklichen Gegenwart Jesu in der Eucharis­tie“ (S. 25) einher.

Demzu­folge kann die Handkommunion beiderlei sein: Folgeerscheinung eines schon vorhandenen Unglaubens wie auch Ursache des nachfolgenden, oft unmerklich schleichenden Verlustes der Ehrfurcht und des Glaubens. Der Autor verweist auf den mit der Handkommunion erst ermöglich­ten, unbestreitbaren massenhaften Hostienfre­vel einschließlich Hostienraub, der im Fall eines ungläubi­gen Kommunikaten, der sich bei einer Papstmesse in Rom die Hostie in die Hand hatte geben lassen und sie später zur Versteigerung im Internet anbot, weltweites Aufsehen erregte (vgl. S. 112).

Auch aus seiner seelsorglichen Praxis als Kaplan weiß Schallinger Beispiele des missbräuchlichen Um­gangs mit dem Leib Christi zu nennen, wobei keineswegs immer böse Absicht im Spiel ist, sondern auch Unbedarft­heit, Gedankenlosigkeit oder Ungeschicklichkeit zugrunde liegen kann: „…Das Böse liegt … in der fortdau­ernden Fahrlässigkeit, daß der am Boden zertreten werden kann, der nach der kla­ren Lehre der Kirche auch im kleinsten Partikel anwesend ist, ‚mit Leib und Blut, mit seiner Seele und seiner Gottheit‘ (Konzil v. Trient)“ (S. 27 f.). 

Die Abwärtslinie setzt sich fort in der verderblichen Um­deutung des realen Leibes Christi zum (heili­gen) Brot, das – wie der Geistliche aus Gesprächen vor al­lem mit Jugendlichen erfährt – „nur [noch als] ein an Jesus erinnerndes Zeichen der Einheit im Gottes­volk“ (S. 25) verstanden wird, oder noch eine Spur „entkern­ter“: „Die Hostie in der Hand als Symbol der Weltverbrüderung“ (S. 109). Hier ist das Zerstörungsprogramm der Freimaurerloge, wie es 1968 in der Pariser Zeitschrift „L’Humanisme“ bzw. 1976 in der französischen Zeitschrift „Vers demain“ fixiert worden war, an sein Ziel gekommen (S. 26f.).

Aufgrund dieses negativen Befundes und seiner persönlichen Erfahrungen kommt Schallinger zu dem Schluss: Die Frage der Handkommunion ist nicht eine Frage der Form, sondern eine Frage des Glau­bens. Fol­gerichtig fordert er die Rückkehr zur ehrfürchtigen knienden Mundkommunion (während heute manche genau umgekehrt die Mundkommunion für nicht mehr zeitgemäß halten).

Bei aller Würdigung der Argumente des Autors erscheint der folgende Einwand angebracht:

Die Fülle des „be­lastenden Materials“ gegen die Praxis der Hand­kommunion ist so überwältigend, dass es schon deshalb nicht er­forderlich gewesen wäre, zum zusätzlichen „Be­weis“ der Verunehrung des Allerheiligst­en „Privatoffenba­rungen“ geltend zu machen, welche von der Kir­che nicht aner­kannt sind (Pierina Gilli, Franziska Sen­ninger, Prof. Albert Drexel, Marguerite in Belgien; vgl. den Abschnitt „Stimmen des Him­mels in der Wüste“, vgl. S. 33–36).

Für Schallinger persönlich mögen Visionen oder Einsprechungen von aus seiner Sicht begnadeten Perso­nen eine wichtige Bestätigung und Bestärkung seines „Son­derweges“ gewe­sen sein; andererseits büßt seine Veröffentlichung da­durch vom Standpunkt der katholischen Glau­benslehre aus an Seriosität und Nüchternheit ein.

Theologisch unzureichend gebildete oder für Schwär­merei anfällige Leser, die sich auf diesen Punkt ka­prizieren, könnten sich bestätigt fühlen und somit durch umstrittene Privatoffenbarungen spirituell leicht in ein irreführendes Fahrwasser geraten. Aller­dings nehmen diese kritikwürdigen Passagen insgesamt kei­nen bestim­menden Platz in Schallingers Ge­samtargumentation ein.

Vorgeschichte der Handkommunion

Ein weiteres Verdienst des Autors ist es, dass er die heute nur noch wenig bekannte Vorgeschichte der Hand­kommunion, die näheren Umstände ihrer zunächst regional begrenzten Einführung, ihre kritische Bewertung durch hohe Repräsentanten der Kirche und schließlich ihren Siegeslauf zur Sprache bringt und mit Dokumen­ten belegt.

­Die Erlaubnis der Handkommunion musste Papst Paul VI. abgerungen werden. Die damaligen Kar­dinäle Juli­us Döpfner (München-Freising) und Lorenz Jäger (Paderborn) konnten trotz dreimaligen Vor­sprechens beim Heiligen Vater in dieser Frage ihn zunächst nicht zur Zustimmung bewegen (vgl. S. 38, FN 4).

Das Ergebnis der Umfrage an die Bischöfe der Weltkirche vom 12. März 1969, in welcher der Papst seine Sorge um „Ver­minderung der dem Heiligsten Sakrament schuldigen Ehrfurcht, ja Entwei­hung und Verfälschung der Glau­benslehre“ (zit. S. 26) zum Ausdruck brachte, war eindeutig: Eine über­wältigende Mehrheit von 1233 Bischö­fen (bei 56 Zustim­mungen und 315 Zustimmungen unter Vorbe­halt) lehnte die Einführung der Handkommuni­on ab.

Dennoch gab der unter Druck gesetzte Papst schließlich nach und erlaubte im Juni 1969 die Handkom­munion in Deutschland (später in weiteren Ländern), die schon „vorwegnehmend“ praktiziert worden war, un­ter der Auf­lage, dass „jede Gefahr der Ehrfurchtslosigkeit gegenüber der Eucharistie vermie­den we­rde[..­.]“ (z­it. S.­ 25). ­

Dass d­iese Anforder­ung n­icht e­rfüllt­ wurde­, wie ­nicht ­nur Ka­plan S­challi­nger i­n sein­er seelsorgli­chen ­Praxis­ bald erfahr­en mus­ste, i­st der­ entsc­heiden­de Aus­löser ­für se­ine Ge­wissen­sentsc­hei­du­ng, di­e Hand­kommunion ni­cht me­hr aus­zuteil­en.­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­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Die Handkommunion nach ihrer Einführung

Hochinteressant sind in diesem Zusammenhang die vom Autor angeführten späteren Bewertungen hoher Wür­denträger, vor allem derer, welche die Einführung der Handkommunion ursprünglich befürwortet hatten. Kar­dinal Carmel Heenan von Westminster ordnet 1972 die Beendigung der Handkommunion für England an, nachdem er sich noch kurz zuvor für sie eingesetzt hatte (vgl. S. 28).

Vom Mainzer Bischof Hermann Volk, dem Vorgänger Kardinal Lehmanns auf dem Bischofsstuhl, ist der Satz überliefert: „Ich leide sehr darunter, dass ich zur Handkommunion meine Zustimmung gegeben habe“ (zit. S. 57).

Gera­dezu einen Offenbarungseid leistet der Münchner Kardinal Döpfner: „Der mit ihm befreundete Univer­sitätsprofessor Richard Egenter [ka­tholischer Moraltheologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München 1945–1968; T. M.] bezeugt seine Äußerung: ‚Zwei Jahre habe ich um die Handkommunion gekämpft. Ich würde es nicht mehr tun, weil ich die Folgen sehe. Aber nun weiß ich keinen Weg, das wieder rückgängig zu machen!’“ (zit. S. 38).

Ein fei­nes De­tail, das die grundsätzliche Frage nach der Ratlosigkeit und Verantwortung von Bischöfen aufwirft, die Irrwe­ge in ihrer Diözese oder in der Kirche durchaus erkannt haben mögen, aber keinen Weg zurück mehr wissen und sie weiter in den Abgrund treiben lassen.

Gegenläufige Entwicklung: Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

Im Weiteren macht Schallinger auf die gegensätzliche persönliche Entwicklung aufmerksam, welche die bei­den Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in der Frage der Handkommunion genommen ha­ben.

Der Pole ist nach seiner Wahl zum Pontifex zunächst Hoffnungsträger derjenigen Priester und Gläubigen, die sich eine Rücknahme der Handkommunion wünschen.

Bei seinen Apostolischen Reisen ignoriert er die Praxis der Handkommunion in Ländern, wo sie üblich geworden ist; der Frau des fran­zösischen Staatspräsidenten reicht er bei einer Messe in Notre-Dame im Mai 1980 trotz deren ausge­streckter Hände die Mundkommunion (vgl. S. 61); bei seinem Deutschlandbesuch im November 1980 wird in Köln und Osnabrück auf seine persönliche Ablehnung der Handkommunion zunächst Rücksicht genommen, doch in Mainz legt man ihn schlicht herein, indem er durch provokative Jugendliche gegen seine Überzeugung zur Spendung der Handkommunion genö­tigt wird (vgl. S. 62, 109) – der „Bann“ ist gebrochen.

In der Folge rückt Papst Johannes Paul II., der noch in sei­nem Gründonnerstagsbrief 1980 „Über das Geheimnis und die Verehrung der heiligsten Eucharistie“ ent­schieden gegen die Praxis der Handkommunion Stellung bezogen hatte (vgl. S. 48f.), auch verbal in relativie­renden Äußerungen da­von ab; damit entzieht er „Widerständlern aus Gewissensgründen“ wie Kaplan Schal­linger „jeglichen kirchenrechtlichen und moralischen Schutz“ (S. 110).

Gegenläufig ist die Entwicklung bei Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI.:

Während der Erzbischof von München und Freising den widerborstigen Jungpriester anfangs noch streng ins Gebet nimmt, sei­nen „Starr­sinn“, seine „Rechthaberei“ in Sachen Handkommunion tadelt (S. 43ff.) und den Einsatz sei­ner ungeteilten Arbeitskraft als Priester anmahnt, beginnt er langsam „zurückzurudern“, als der Unbeug­same mit Verweis auf den erwähnten Gründonnerstagsbrief des neuen Papstes frische Argumente für die erneute Bekräftigung seines ablehnenden Gewissensentscheids geltend machen kann.

Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Joseph Ratzinger dann seine ursprüngliche Befürwortung der Handkommuni­on revidiert. Sein kniender Mundkom­munionempfang in dieser Zeit ist durch P. Fidelis Stöckl O.R.C. bezeugt (vgl. S. 115).

Mit seinem Motupro­prio „Summorum Pontificum“ vom 7. Juli 2007 rehabilitiert Benedikt XVI. die Tridentinische Messe und da­mit die kniende Mundkommunion. Ab dem Fronleich­namsfest und dem Weltjugendtag in Sydney 2008 spen­det das Oberhaupt der katholischen Kirche das Allerheiligste nur noch in dieser Form. Welch glänzende Bestä­tigung und nachträgliche Rechtfertigung (vielleicht auch Genugtuung) für den Priester Wilhelm Schallinger, der schon als „kleiner“ Kaplan auf der gottgefälligen Spur war und sie gehalten hat!

GOTT mehr gehorchen als den Menschen

Schallingers 1974 getroffene, unwiderrufliche Gewissensentscheidung, den Gläubigen keine Kommuni­on mehr in die Hand zu spenden, ist nicht nur der roten Faden, der das Buch durchzieht. Sie bestimmt auch seine „gesamte priesterliche Existenz und Zukunft“ (S. 23).

In dieser schwierigen Zeit, die er als „vierzigjährige Wüstenwanderung“ erlebt, muss er seinen wechselnden Oberhirten Rede und Antwort stehen: Kardi­nal Döpfner, Kardinal Ratzinger und Kardinal Wetter. Zu deren Ehre sei gesagt, dass sie schließlich alle drei die strikte Weigerung ihres Mitbruders respektieren und nach Möglichkeit mit ihrer Autorität schützen, wobei der liberale ehemalige Moderator des Zweiten Vatikanischen Konzils menschlich gesehen am besten abschnei­det.

Die umfangreichen Schriftwechsel zwischen Vorgesetzten und Untergebenem, die im Wortlaut wiederge­geben sind, erweisen sich als unschätzbare Zeitdo­kumente, welche die Heftigkeit, den Ernst, die Leidenschaft des damaligen Ringens um die angemessene Form des Kommunionempfangs widerspiegeln – eine wissen­schaftlich noch auszuwertende Fundgrube.

Hierbei ist dem „kleinen“ Kaplan nicht selten eine argumentative Überlegenheit zu bescheinigen. Letzt­lich ist die ihn bindende Gewissensentscheidung durch keine Macht der Welt umzustoßen, wenn er mit Blick auf die bei der Handkommunion auf den Boden fallenden und zertretenen Partikel schreibt:

„Für mich gilt darum ana­log zum Zweiten Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren – Du sollst den Leib des Herrn nicht ver­unehren! Im Bereich eines göttlichen Gebotes aber hat eine gegenteilige Forderung keinerlei Verbindlich­keit. ‚Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!‘ (Apg 5,29)“ (Brief an Ratzinger vom 1. Mai 1980, S. 48).

Damit beherzigt er einen Leitsatz des 1943 von den Nazis hingerichteten und 2007 von Papst Benedikt XVI. seliggesprochenen österreichischen Widerstands­kämpfers Franz Jägerstätter, dem der Autor das Schluss­kapitel widmet (S. 124–132).

Lebhaft schildert Schallinger Pflichttermine mit den Vorgesetzten: seine Befind­lichkeiten, Versuchungen, seine Ratlosig­keit, das Hadern mit seiner Verwegenheit bis hin zur Taktlosigkeit (vgl. S. 48), seine Stoßgebete, seinen inneren Kampf um Gehorsam gegenüber dem Erzbischof oder einer „göttlichen Macht“ (S. 38).

Der Preis des Gewissens

Der Preis, den der Geistliche Schallinger für das unbeirrbare Festhalten an seinem Gewissensentscheid zahlen muss, ist sehr hoch: Es kostet ihn praktisch jede Möglichkeit einer innerkirchlichen „Karriere“; er sieht sich an den Rand gedrängt, verfemt, ins Zwielicht gesetzt, lächerlich gemacht, von einem Mon­signore sogar als irren­hausreif abgefertigt (vgl. S. 114).

Dankbar ist er, dass er 14 Jahre als Lang­zeit-Hilfspriester in der Wallfahrts­pfarrei St. Maria-Thalkirchen am Münchner Tierpark wirken kann. Der Diözesanleitung und den „Herren Prä­laten des Erzbischöflichen Ordinariats“ (S. 57) ein Dorn im Auge, darf er schließlich ab 1993 im Dekanat Ra­mersdorf/Perlach bei München zelebrieren und wird als Aus­hilfe, besonders bei Begräbnisfeiern, eingesetzt.

Heute feiert er die tägliche heilige Messe nur noch in seiner kleinen Hauskapelle. Geblieben ist ihm die „Ge­betsgemeinschaft Mariensäule“, mit der er seit über 45 Jahren jeden Samstag an der Münchner Mariensäule den Rosenkranz betet.

Von Anfang an ist es ihm verwehrt, Pfarrer zu werden, weil „er sich für den Fall der Übernahme einer Pfarrei bereit erklären muß, Gläubigen, die die Handkommunion wünschen, diese nicht zu verweigern…“ (Brief Rat­zingers an den Oberregierungsrat Schlebusch vom 28. Juli 1979, zit. S. 55), erst recht, als er sich auch gegen die „Spendung der Handkommunion durch eine andere beauftragte Person in seinen Gottesdiensten“ sperrt (Antwortschreiben des Stellvertretenden Generalvikars Haringer an einen Gebetsteilnehmer vom 20. Septem­ber 1993, zit. S. 86), womit wohl Laienkommunionhelfer ge­meint sind.

In diesem Zusammenhang wird ihm vom Ordinariatsvertreter entgegengehalten, auch die Gläubigen träfen eine „Gewissensentscheidung“ zwi­schen Hand- und Mundkommunion, die es zu re­spektieren gelte (vgl. S. 79). Diese Behauptung ist allerdings theologisch unhaltbar.

Kein Geringerer als der damalige Glaubenspräfekt Kardinal Šeper, bei dem Kaplan Schallinger im Rah­men seiner von 243 deutschen Priestern unterschriebenen Petition zur Abschaffung der Handkommuni­on im deut­schen Sprachraum vorstellig wird (die nach einem erfolgversprechenden Auftakt vom Glau­benspräfekten noch im selben Jahr aus unbekannt gebliebenen Gründen zurückgewiesen wurde), erklärt am 2. April 1979 im Ge­spräch mit ihm:

„Ich glaube, daß hier für die Priester eine echte Gewissensfrage besteht. Nicht begreife ich je­doch, wenn die Gläubigen eine daraus machen. Niemand kann wohl sein Gewissen anführen, das ihm gebietet [!], Handkommunion zu verlangen“ (zit. S. 79 u. S. 97).

Dieser punktgenaue Satz beleuchtet wie nebenbei den Missstand, wie oberflächlich und leichtfertig heutzutage innerhalb der Kirche das „Gewissen“ oft in Anspruch genommen wird, wo es im Grunde doch eher um Unwilligkeit, Bequemlichkeit oder Mitläufertum geht.

Hand- oder Mundkommunion: eine Abwägung

Seit der Einführung der Handkommunion in Deutschland durch Papst Paul VI. ist fast ein halbes Jahr­hundert vergangen. Die heftigen Auseinandersetzungen um diese folgenschwere „Reform“ vor allem in den 70er und 80er Jahren können heute die meisten Katholiken nicht mehr nachvollziehen.

Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass vielfach Gespür und Wertschätzung für das Heilige, das Allerheiligste gelitten haben oder verloren­gegangen sind, von der auch „normalen“ Gläubigen fremd gewordenen Anbetung Gottes ganz zu schweigen. Damit verknüpft ist die weitverbreitete Leugnung der Realpräsenz Jesu Christi unter der Gestalt des Brotes durch Laien wie durch Kleriker oder die indifferente Ansicht, „dass das nicht so wichtig ist“.

Wer in der Hos­tie nur noch ein Stück profanes Brot sieht, tut sich leichter, es einfach so in die Hand zu nehmen. Warum sollte man ehrfürchtig sein?

Jenseits manch merkwürdigen, unangemessen anmutenden Gebarens (vom schlendernden Gang bis zu hinter dem Rücken verschränkten Händen beim Anstehen) vor dem Kommunionempfang ist  festzuhal­ten und anzuerkennen, dass zahlreiche Gläubige die Handkommunion ehrfürchtig und würdig empfan­gen.

Das daraus abgeleitete Argu­ment, die Form des Empfangs sei nicht entscheidend, auf die innere Haltung komme es an, greift jedoch zu kurz. Der schwerwiegende und letztlich durchschlagende Ein­wand, dass trotz Umsicht bei der Spendung in die Hand Partikel herunterfallen und verlorengehen kön­nen, in denen der Heiland gegenwärtig ist, kann nicht ent­kräftet werden.

Dagegen ist man bei der Mund­kommunion mit Patene auf der „sicheren Seite“, die zudem dem Ausdruck und der Haltung des Empfan­gens näherkommt; wer das nicht mehr „zeitgemäß“ findet, sollte vielleicht in sich gehen und sein per­sönliches Verhältnis zu Gott/Christus überprüfen oder grundsätzlich das der Kreatur zu ihrem Schöpfer reflektieren (Partner? Auf Augenhöhe?).

Außerdem darf der Zusammenhang zwischen äußerer Form und innerer Haltung nicht unbeachtet bleiben: Der Empfang der Hostie in die Hand verleitet viel eher zu mangelnder Ehrfurcht als die Mundkommunion, weil bei Ersterem nicht unterschieden wird von der Art, „wie man gewöhnlich Nahrung berührt und sie sich dem Munde selbst zuführt“ (so Weihbi­schof Atha­nasius Schneider im Geleitwort S. 12), also eine heilsame Differenzierung entfällt.

Zurückzuweisen ist das Argument, wer sowieso entschlossen sei, die Hostie zu missbrauchen, benötige dazu nicht die äußere Form der Handkommunion, also könne man diese auch zulassen. Nach derselben Logik könn­te man einem Hauseigentümer anraten, künftig auf jedwede Sicherungsmaßnahmen zu ver­zichten, da ein zum Einbruch bereiter Täter ohnehin einen Weg finden werde, ins Haus zu gelangen.

Auch die gern herangezoge­ne, dem Cyrill von Jerusalem (313 – 386 n. Chr.) zugeschriebene mystagogische Ka­techese, die Anweisungen zum richtigen Empfang der Handkommunion enthält, erweist sich bei näherer Betrachtung als wenig brauchbar, weil die Si­tuation der frühen Kirche nicht einfach auf die heutige übertragbar ist; schon Cyrill, der die „Hal­tung der An­betung und Ehrfurcht“ sichergestellt wissen will, warnt, wie Papst Paul VI. Jahrhunderte später, vor der glei­chen Gefahr des Partikelverlustes: „Denn was du zugrunde gehen läßt, sollst du so betrachten, als ginge eines deiner Glieder verloren“ (zit. S. 28).

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Unter Anlegung des Maßstabes, dass das Aller-Heiligs­te das Aller-Höchste ist, lässt sich kein zwingendes Argument zugunsten der Handkommunion vorbrin­gen. Weihbi­schof Schneider führt aus:

„Alle Menschen verteidigen gewissenhaft und mit größter Vor­sicht die eigenen Wertgegenstände und kostbaren Schätze. Unser Herr Jesus Christus unter der Gestalt der kleinen konsekrierten Hostie ist mehr wert als alle Schätze auf dieser Erde. Wir müssen folglich die Heilige Kommunion aufs Höchste schützen und verteidigen. … Jeder, der an unseren Eucharistischen Herrn wahrhaft glaubt und Ihn brennend liebt, darf sich nicht an den Zustand der Handkommunion gewöhnen und muss alles, was in seiner Kraft steht, unternehmen, um diesem elenden Zustand abzuhelfen“ (S. 12f.).

In diesem Zusammenhang ist es allerdings unerlässlich, eine wichtige Unterscheidung anzumahnen. Es ist das eine, die Einführung der Handkommunion mit ihren schädlichen Folgen für eine Katastrophe zu halten und, wie Weihbischof Schneider, Abhilfe des „elenden Zustand[es]“ zu verlangen; ein anderes ist es, noch weitergehend die Praxis der Handkommunion grundsätzlich als „gottwidrig“ zu brandmarken, wie Schallinger es tut (S. 22 u. Rückseitentext).

Hier ist Widerspruch anzumelden. Mit dieser Zuspit­zung schießt der Geistliche im Eifer für die Mundkommunion übers Ziel hinaus und erweist seinem An­liegen auch keinen guten Dienst. Wie schwerwiegend und erschütternd die beschriebenen Folgen auch sein mögen – die Handkommunion an sich ist mitnichten gegen Gott gerichtet, andernfalls wäre die Möglichkeit ihres würdigen, gottesfürchtigen Empfangs von vornherein ausgeschlossen. Dem ist aber keineswegs so.

An diesem Punkt scheint der Autor den Pfad seiner eigenen Argumentation zu verlassen: Er selbst rekurriert wiederholt auf die inakzeptablen negativen Begleitumstände der Handkommunion, welche die sittliche Verwerflichkeit erst hervorrufen, wenn er beispielsweise die „fortdauernde […] Fahr­lässigkeit“ (S. 27) im Umgang mit der geweihten Hostie anprangert, womit ja keine Zwangsläufigkeit festgeschrieben, sondern eine korrigierbare „innere Einstellung des Täters gegenüber dem von ihm verwirklichten Tatbestand“ (Wikipedia, Stichwort „Fahrlässigkeit“) impliziert ist.

Angemerkt sei auch noch, dass Ausübung von „moralischem“ Druck auf die Kommunikanten in dieser Frage kon­traproduktiv wirkt.

Auf dem Weg zur Mundkommunion

Wie Weihbischof Schneider kann freilich nur einer aus der Tiefe seines Glaubens sprechen und Korrek­turen anmahnen. Statt peripherer und meist wenig zielführender „Strukturdebatten“ in der Kirche ist die Frage des angemessenen, Gott geschul­deten Kommunionempfangs tatsächlich ein Feld, auf dem sich konkret Ursachen und Folgen des Niedergangs der nachkonziliaren katholischen Kirche in Deutschland nachweisen – und beheben! – lassen.

Es wäre an der Zeit, dass kirchliche Würdenträger, insbesondere Bischöfe, die Konsequenzen aus den schon frühzeitig nach Einführung der Handkommunion erkannten schlimmen Folgen der Sakrilege, des Verlustes von Partikeln, der Verminderung der Ehrfurcht und der Verfälschung des Glaubens ziehen, zur Mundkommunion zurücklenken und das gläubige Volk auf die­sem Weg „mitnehmen“.

Ein erster Schritt wäre die Wiedereinführung von Kom­munionbänken oder zu­mindest (beweglichen) Kniebänken, um dem bei passender Gelegenheit gern für mün­dig erklärten Laien tatsächlich die kniende Mundkommunion stressfrei zu ermöglichen, statt ihn zu bevormun­den und zur stehenden Handkommunion zu nötigen. In Kirchen, wo Reste von Kniegelegenheiten erhalten ge­blieben sind, zeigt sich schon heute durchaus nicht selten, dass diese zum Kommunionempfang auch genutzt werden. Flankierend könnten Priester einen wesentlichen Beitrag leisten, indem sie den Gläubigen emp­fehlen, die kniende Mundkommunion zu praktizieren.

Auch die außerordentliche Spendung der Kommunion durch Laien wäre zu überden­ken, gemäß den Worten Papst Johannes Pauls II.: „Die heili­gen Gestalten zu berühren und mit eigenen Händen auszuteilen, ist ein Vorrecht der Geweihten…“ (Gründonnerstagsbrief 1980, zit. S. 49). Eine exklusive Han­d-Habung schärft grundsätzlich den ehr­fürchtigen Sinn des Volkes Gottes für das Allerheiligste.

Es ist das große Verdienst des Münchner Kurats Wilhelm Schallinger, dass er mit seinem Buch in leicht ver­ständlicher Sprache und dokumentarisch vielfältig belegt eine entscheidende, auf breiter Basis dis­kussionswürdige Ursache für die Erosion der deutschen Kirche nach dem Zweiten Vatikanum ins Be­wusstsein hebt, die viele nicht (mehr) auf dem „Schirm“ haben.

Sein mutiges Glaubenszeugnis des Wi­derstands gegen den inner­kirchlichen Zeitgeist und dessen mächtige Repräsentanten, sein geduldiges, auf Gott vertrauendes Verharren in der Wahrheit, seine persönlichen Opfer, insbesondere der Verzicht auf eine „Karriere“ als Preis für den unbe­irrbar durchgehaltenen Gewissensentscheid, fordern zu Hoch­achtung, Dank und Unterstützung seiner „Sache“ heraus: nach je eigenem Vermögen und Platz in der Kirche die Praxis der Handkommunion einzudämmen, um schließlich die vollständige Rückkehr zur Mundkommunion zu erwirken.

Unser Autor Thomas May ist katholischer Religionspädagoge und lebt in Sendenhorst (Münsterland).  –  Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 1 – 2/2018)


Der Bestseller eines Pfarrers segelt voll im Trend einer Zeitgeist-Kirche

Rezension von Thomas May

Buchdaten: Pfarrer Rainer M. Schießler. Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten. – Kösel-Verlag 2016, 15. Auflage, 256 Seiten, gebunden, ISBN-10: 3466371473 / ISBN-13: 978-3466371471.  – 19.99 €

Der inzwischen in 15. Auflage seit 2016 im Kösel Verlag erscheinende Bestseller „Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten“ des Pfarrers Rainer Maria Schießler hat über Bayern hinaus Aufmerksamkeit und Beachtung gefun­den.

Auf 256 Seiten gibt der Leiter der Münchener Pfarreien Sankt Maximilian und Heilig Geist einen Rückblick auf seinen persönlichen und beruflichen Werdegang vom kleinen Ministranten zum stadt- und landbekannten Geistlichen mit Promi-Status als Kellner auf dem Oktoberfest und ei­gener Talksendung im Bayerischen Fernsehen und breitet dabei, unterfüttert mit anschaulichen Beispielen aus seiner pastoralen Praxis, seine gesammelten, zumeist konträren Ansichten über die katholische Kirche aus, mit der er hart ins Gericht geht.

DOGMA und LEHRE

Um ein verlässliches Urteil über Buch und Autor zu gewinnen, wird man ihn zuerst an den „Vorgaben“ der Kirche messen, in deren Namen er zu sprechen und zu verkündigen vorgibt („meine Kirche“) – wie sie im Depositum fidei (in der „Glaubenshinterlage“) verbindlich festgelegt sind.

Gleich zu Beginn macht Pfr. Schießler gegen den „Anspruch auf ab­solute Wahrheit“ (S. 21) Front, der von der katholischen Kirche als integraler Bestandteil seit jeher vertreten wird und der die Heilsuniversalität Jesu Christi (also die ausnahmslose Gültigkeit der Wahr­heit und des Evangeliums Christi für alle) meint.

Relativierend erklärt der Geistliche den katholischen Weg als einen von vielen – und natürlich habe Christus keinesfalls „an die Grün­dung einer Amtskirche oder die Formulierung eines Katechismus oder an Enzykliken und Synoden gedacht“.

Damit stellt der Autor das Wesensverständnis der Kirche als göttliche Stiftung in Frage. Gegen seine alberne wie geschichtsunkundige Polemik ist einzuwenden, dass es die katho­lische Kirche längst nicht mehr gäbe, wenn sie sich nicht von Anfang an über die Jahrhunderte durch feste Glaubensformeln, Bekenntnisse, Dogmen und deren „Aufbereitung“ in dem Volk ver­ständlichen Katechismen ihres Fundaments und ihrer Gemeinschaft vergewissert hätte.

Entschieden lehnt der Autor die kirchliche Lehre von der „ewigen jungfräulichen Unversehrtheit Mariens“ (S. 195) ab, wegen eines „möglichen“ Übersetzungsfehlers („junge Frau“ statt „Jungfrau“), der den ahnungslosen Gläubigen verschwiegen werde und über den „nur ganz wenige Priester, die das studiert haben“ informiert seien. Selbstverständlich gehört der Autor zur Elite der Einge­weihten.

Überdies versucht er, dem Leser klarzumachen, wie diskriminierend dieses Dogma sei: „In ihrem Beharren auf der Jungfräulichkeit stempelt die Kirche Generationen von Frauen als zweit­klassig ab, die den durchaus göttlichen Prozess einer natürlichen Geburt durchlaufen und Kinder auf die Welt bringen“ (S. 196).

Zugegeben: Auf ein so abwegiges Gedankenkonstrukt muss man erst mal kommen. Grund­sätzlich gilt: Wer an der Jungfräulichkeit Mariens rüttelt, bringt auch die Zwei-Naturen-Lehre Jesu Christi (wahrer Mensch – wahrer Gott) zu Fall und beraubt die christliche Erlösung ihrer verbürgten Grundlage und Glaubwürdigkeit.

Mit der kirchlichen Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe und der katholischen Sexualmoral insgesamt steht Pfr. Schießler ebenfalls auf Kriegsfuß. Das Scheidungsverbot Jesu (z. B. Mt 19,6) ist zwar unmissverständlich, hindert den Autor aber nicht daran, „den geregelten ‚Exit'“ (S. 202) zu befürworten, frei nach seinem Motto „Du hast das Recht, zweimal geboren zu werden“ (S. 186).

Nachdruck verleiht der Autor seiner Forderung mit dem „schönen Satz“: „Eine erste Ehe kann viel­leicht nicht mehr zu retten sein – während die zweite Ehe oft ein Leben rettet“ (S. 202). So liest sich das „Evangelium nach Schießler“.

(HOMO-)SEXUALITÄT

Gleichgeschlechtliche Paare sind dem Münchener Pfarrer, der seit 23 Jahren „in einem der größten Schwulenviertel Deutschlands“ (S. 188) wirkt, besonders ans Herz gewachsen. 

Obwohl von der kirchlichen Lehrtradition und zuletzt von Papst Franziskus in „Amoris laetitia“ betont wurde, dass es „keinerlei Fundament dafür [gibt], zwischen den homosexu­ellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen“ (251), scheut sich Pfr. Schießler nicht, die Ringe gleichgeschlechtlicher Paare als Zeichen der „Liebe und Treue“ in seinen „Gottes­diensten“ zu segnen und ihnen damit einen quasi-ehelichen Status zuzubilligen.

So tief beeindruckt ist er von deren „respektvollem Umgang miteinander“, dass sich auch das ein oder andere „heterosexuelle Ehepaar“ ein Beispiel daran nehmen sollte (S. 190), eine Art „Nachhilfe“ von Homos für Heteros also. Für das Schneckentempo seiner Kirche entschuldigt sich der Pfarrer gar bei den „Paaren“: „Habt Geduld mit uns. Habt Geduld mit der Kirche.  Es dauert nur no a bisserl“ (S. 191). Zu dumm auch, dass es so viele Volltrottel im Bischofs- und Papstgewand gab und gibt, die noch immer nicht auf den Dreh gekommen sind!

Bei seiner Gleichschaltung aller Formen sexueller Betätigung kommt Pfr. Schießler das Spezifische des „sexu­ellen Akts“ (S. 189 f.) völlig abhanden: Dieser meint nach katholischem Verständnis die körperliche Vereinigung von Mann und Frau durch Penetration. Daher kann der Begriff naturgemäß nicht als Bezeichnung für Techniken gleich­geschlechtlicher Lusterzeugung in Anspruch genommen werden. Unsaubere Begrifflichkeit findet man in Pfr. Schießlers Buch auch an anderen Stellen.

ZÖLIBAT

Für die Öffnung des Zölibats (S. 228 ff.), den Pfr. Schießler nach seinen Worten persönlich einhält, steuert er über die ermüdend wiederholten Argumente hinaus nichts stichhaltiges Neues bei, im Gegenteil. Es ist mit Blick vor allem auf die Erfahrungen der evangelischen Kir­chen ein offenkundiges Märchen, mit Verheirateten sei der aktuelle Priestermangel nach­haltig zu beseitigen.

1. Der Behauptung, das Zölibat würde „viele andere, fähige, potenzielle Pries­terkandidaten“ (S. 228) abschrecken, somit also die Kirche um die Früchte ungenutzter Talente im priesterlichen Dienst gebracht, ist entgegenzuhalten, dass gerade die Bereitschaft für ein eheloses Leben um des Himmelreiches willen zu den Schlüsselqualifikationen des Priesters gehört. Wer im Extremfall sein Leben für seine „Schafe“ hergeben soll, sollte der nicht zumindest eine Neigung bezwingen können?

2. Entgegen den Fakten bestreitet Pfr. Schießler, dass die Ehelosigkeit den Priester von zeitraubenden familiären Aufgaben entlastet und ihn vollständig für den Dienst an der Gemeinde freistellt, mit der er „verheiratet“ ist (S. 187 f.). Die Zeit, die man sich nimmt oder nicht nimmt, ist eben nicht, wie der Stadtpfarrer behauptet, nur eine Frage „der inneren Einstellung“, sondern abhängig davon, welches Zeitbudget grundsätzlich zur Verfügung steht.

FRAUENPRIESTERTUM

Für das Priestertum der Frau zu streiten (S. 230 f.) ist müßig, da die Frage durch das Apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ (1994) von Johannes Paul II. lehramtlich entschieden wurde. Was bezweckt der Autor also, wenn er den Gläubigen vorgaukelt, hier könne sich (noch) etwas bewegen?

Aus der „Weiheunfähigkeit“ (wie es im Kirchenrecht heißt) der Frau abzuleiten, die Kirche würde damit „die Hälfte der Gläubigen – nämlich Frauen – aus der Verkündigung ausblenden“ (S. 230), ist Unfug, da die Befugnis zu verkündigen jedem getauften und gefirmten „Laien“ zusteht. An anderer Stelle deckt der Autor seinen Selbstwiderspruch auf, wenn er (zu Recht) von der „herausragende[n] Verkündigungs­aufgabe“ der Eltern (S. 219) spricht.

BIOZENTRISMUS

Schließlich ist Pfr. Schießler auch beim Thema „Mensch, Tier und Schöpfung“ auf dem Holz­weg, wenn er schreibt: „Wir müssen hin zu einem biozentrischen Schöpfungsverständnis, in dem sich nicht mehr alles um den Menschen als ‚Krone der Schöpfung‘ dreht – sondern jede [!] Form von Leben in der Schöpfung gleichberechtigt [!] neben der anderen steht“ (S. 237).

Ausgerechnet Papst Franziskus, auf den sich Pfr. Schießler gern beruft, wenn es ihm zupasskommt, widerspricht ihm in seiner Enzyklika „Laudato si“ entschieden:

„Ein fehlgeleiteter Anthropozentrismus darf nicht notwendigerweise ei­nem ‚Biozentrismus‘ den Vortritt lassen, denn dies würde bedeuten, ein neues Missverhältnis einzu­bringen, das nicht nur die Probleme nicht lösen, sondern auch andere hinzufügen würde. Man kann vom Menschen nicht einen respektvollen Einsatz gegenüber der Welt verlangen, wenn man nicht zugleich seine besonderen Fähigkeiten der Erkenntnis, des Willens, der Freiheit und der Verantwort­lichkeit anerkennt und zur Geltung bringt“ (118).

LITURGIE und SAKRAMENTE

Im liturgisch-pastoralen Bereich sind es vor allem die traditionellen Erwartungen der „normalen“ Gläubigen an einen Gemeindepriester, die Pfr. Schießler enttäuscht. Gegen seinen wieder­holt beschworenen Leitsatz „Liturgie darf nicht wehtun“ verstößt er, wenn man die Beispiele aus seinen „Gottesdiensten“ zugrunde legt, selbst in so extremer Weise, dass ihm die „Liturgiefähigkeit“ (im Sinne Romano Guardinis) rundweg abgesprochen werden muss. 

Pfr. Schießler meint in seiner Lesart mit „nicht wehtun“ vor allem, dass ein Priester seine Gläubigen nicht langweilen darf. Das tut er nun beileibe nicht, aber was Ohren und Augen des Besuchers seiner One-Man-Show alles aushalten müssen, gleicht einer Schmerzensorgie.

Nicht nur steigern sich seine Predigten mit suggestiven Verdre­hungen und Entstellungen rasch zur irreführenden Indoktrination, eine Zumutung sind auch seine optischen „Einlagen“, wenn es beispielsweise anlässlich des Christophorusfestes heißt: „Dann fahre ich schon mal im Messgewand auf Inlineskatern durch die Kirche zum Altar oder mit meinem Motorrad in voller Messmontur um die Kirche“ (S. 205).

Messe als Mordsgaudi. Da kriegt man die Kirche schon voll. Nichts von heiliger Handlung, in welcher das Kreuzesopfer Jesu Christi unblutig vergegenwärtigt wird. So tief kann „Liturgie“ stürzen!

Als Höhepunkt seiner liturgischen Entgleisungen schildert Pfr. Schießler eine Christmette, in der „zehn Mülltonen hintereinander hingestellt [wurden] mit der Aufforderung: Müll trennen! Auf den Mülltonnen stand jeweils ein Wort: HETZE, UNGERECHTIGKEIT, MISSTRAUEN, EIFER­SUCHT, NEID – die ganzen Todsünden. Jeder Besucher sollte im Gottesdienst ein Symbol seines Gedankenmülls mitbringen und in ’seiner‘ Tonne entsorgen“ (S. 205).

Was für eine erhebende, feierliche Inszenierung zum Weihnachtsfest, ökologisch korrekt und kreativ sogar noch in der Erfindung neuer Todsünden! Von der holden Appetitlichkeit ganz zu schweigen, wenn „Gott sich mitten in meinen ganzen Müll des Lebens rein[legt](S. 206).

Der Seelsorger ist von seinem „Gottesdienst“ so begeistert, dass er ihn als eine „Lehrstunde im Glauben für die ganze Familie“ (S. 207) rühmen lässt.

Das wahre Urteil über solche „Aktionen“ wird, ohne dass der selbstgefällige Autor und die schwärmenden Eltern es bemerken, wie nebenbei gesprochen, wenn es heißt, „sie wären mit ihren Kindern kaum noch nach vorne zu der eigentlichen [!] Krippe gekommen, weil ihre Kinder in jede der Mülltonnen schauten.“ (S. 206).

Genau hier liegt einer der wunden Punkte, der für die gesamte Schießler-„Pastoral“ symptomatisch ist: Vor lauter „Action“, Klamauk, Gags, Spektakel, Aufmerksamkeit heischender Projektgeilheit bleibt sie allzu häufig an der Oberfläche haften, dringt sie nicht mehr zum Eigentlichen, Wesentlichen, zum Kern vor, führt sie nicht in die Tiefe und zur Fülle des Glaubens.

Auch andere hehre Leitsätze Pfr. Schießlers sind zurechtzurücken. „Du musst die Leute mögen“ (S. 186 u. a.) – klar, aber das müssen auch Politiker, Ärzte, Lehrer, eigentlich jeder, der in seinem Beruf mit Menschen zu tun hat; daran ist nichts Besonderes, Originelles. „Sakramente musst du spüren“ – klar, aber die Leute müssen auch geistig erfassen, worum es in dem Sakrament jeweils geht, indem es ihnen katechetisch fundiert nahegebracht wird und nicht indem man Erstkommu­nionkindern (S. 214 ff.) oder Firmlingen (S. 222 ff.) die Organisation ihrer Vorbereitungskurse in ausschließlicher Ei­genverantwortung überlässt, ohne erkennbare Vergewisserung, ob die zum Verständnis führenden Glaubensinhalte auch angeeignet und verinnerlicht wurden.

FREIWILLIGKEIT und GLAUBENSANNAHME

Geradezu widersinnig ist es, wenn der Autor regelmäßig versucht, Eigenverantwortung und Freiwilligkeit gegen Regeln und Pflichten (oder „Dekrete“) auszuspielen. Es gibt keinen „Glaubenszwang“; dass in der pastoralen Praxis gelegentlich mit „sanftem Druck“ nachgeholfen wurde und wird, ist menschlicher Schwäche geschuldet.

Die Aneig­nung des Glaubens kann immer nur in Freiheit geschehen; gleichzeitig ist es Kernauf­gabe der Kirche und ihres Lehramts, den Inhalt des Glaubens, Glaubenswahrheiten, Glaubenssätze zu formulieren und den Gläubigen in möglichst verständlicher, zeitgemäßer Sprache zu vermitteln.

Wenn ich als Gläubiger in dem ein oder anderen Punkt oder vielleicht in vielen Punkten konträr dazu ste­he, ist es in erster Linie mein Part, mich um Annäherung an die Glaubenswahrheit zu be­mühen und Übereinstimmung zu erreichen.

Geistlichen Rat hierfür in Anspruch zu nehmen, ist sinnvoll, oft unausweichlich. Im äußersten Fall bleibt mir das Eingeständnis, dass ich mit der Kirche nicht „kann“ (das muss ich dann so hinnehmen und für mich daraus die Konsequenzen ziehen)  –  oder die Demut, mich in Gehorsam dem zu beugen, was die Kirche mit Hilfe des ihr zugesagten Beistands des Heiligen Geistes als wahr erkannt hat.

Keinesfalls kann ich jedoch erwarten, dass die Kirche den feststehenden Glauben inhaltlich verändert, anpasst oder schmälert, weil ich damit nicht klar­komme. Ich kann von der Kirche nicht verlangen, dass sie ihren Glauben um es mir und anderen recht zu machen „verbilligt“, frisiert oder gar verleugnet.

Hier manifestiert sich ein gravierender Irrtum der „Postmoderne“. Nicht „die Kirchenführung“ verabschiedet sich, wie Pfr. Schießler argwöhnt, „von ihren unbotmäßigen Gläubigen“ (S. 185); es sind vor allem „postmoderne“ Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, die nicht mehr bereit sind, den von ihr verkündigten Glauben anzunehmen, weil sie  –  vom „aufgeklärten“ Zeitgeist infiziert und nicht selten von Pfarrern „kritisch“ und aufsässig gemacht  –  der völlig vermessenen Ansicht sind, sie hätten darüber mitzubestimmen, was ih­nen als „Glaube“ zugemutet werden darf und was gefälligst über Bord zu werfen ist, weil es angeb­lich nicht (mehr) „zeitgemäß“ oder schlicht anstrengend und unbequem ist. 

Dass viele von ihnen ein „Bedürfnis nach Glauben“ (S. 186), nach „Heimat“ in einer Glaubensgemeinschaft haben, wie Pfr. Schießler bei seinen Gesprächen mit Austrittswilligen und Ausgetretenen erfährt, mag schon sein, nur ist es in der Regel nicht der unverrückbare Glaube der katholischen Kirche, nach dem sie sich sehnen – und Oberhirten wie Priester begeben sich auf den Teufelspfad der Dekadenz, wenn sie hier einknicken, sich anbiedern und um jeden Preis, auch den der Glaubensverwässerung, -verkürzung oder gar -preisgabe, die abwandernden „Schafe“ (vorzugsweise mit allerlei „Service“) korrumpieren und auf ihrer „Weide“ halten wollen.

SÜNDE

Ein höchst verqueres Verhältnis offenbart Pfr. Schießler zur Sünde. Mehrmals wiederholt er den populären Satz: „Die größte Sünde ist das ungelebte Leben“ (S. 186). Natürlich ist das falsch, weil undifferenziert, denn ein mit allen erdenklichen Lastern, Bösartigkeiten und moralischen „Schweinereien“ angefülltes, ausgeschöpftes, „gelebtes“ Leben dürfte keineswegs Gottes Wohlgefallen finden, ist also verwerflich. Ein sol­ches Leben überhaupt nicht gelebt zu haben, wäre ausnahmslos besser. 

Mit unerbittlicher Schärfe fällt der Münchener Pfarrer über die Autoren des Jugendkatechismus „Youcat“ her, weil sie es als „eine große Sünde“ bezeichnen, „am Sonntag nicht in die Kirche zu gehen“ (S. 133 f.). Bissig fragt er: „Woher wissen die das? Hat etwa Gott ihnen das geflüstert?“ (S. 134). Das ist nun wirklich unverfroren. Die angesprochenen „Autoren“ geben hier nichts anderes wieder als die „Sonntagspflicht“, eines der fünf Kirchen­gebote.

Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ (1992) heißt es dazu: „Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde“ (2181). Im „Youcat“ erklären die Autoren anhand des Vergleichs von „Sonn­tagspflicht“ für Gläubige und „Kusspflicht“ für Liebende sogar noch sehr einleuchtend, warum die Beachtung des Sonntagsgebots eine Selbst­verständlichkeit sein sollte.

Die Zehn Gebote als Normenkatalog für Christen kommen in Pfr. Schießlers Buch allerdings erst gar nicht zur Sprache. Nach ihm dient die Rede von der Sünde nur dazu, Menschen (immer noch) Angst vor Hölle und Ver­dammnis einzuflößen. Dem Herrn Pfarrer fehlt völlig das Grundverständnis, dass „Sünde“ die Grenze zieht zwischen gottgefällig und gottfeindlich, zwischen gut und böse. Die Grund-Sünde ist daher, wenn man die Sünde als Sünde nicht mehr (an)erkennen und wahrhaben will, sie nicht bekennt und nicht bereut.

FAZIT und AUSBLICK

Zusammenfassend bleibt festzuhalten:
Die zweifellos mitreißende, teilweise ergreifende sprachliche Darstellung (z. B. Tod der Mutter S. 81 ff. und des Vaters S. 174 ff.) oder gelegentliche Lichtblicke wie fein gezeichnete Milieus (z. B. Münchener Nachtleben S. 109 ff., Bad Kohlgrub in Oberbayern S. 118 ff.) machen die schwerwiegenden inhaltlichen Mängel in theologischen und Glau­bensfragen nicht wett; Pfr. Schießlers Art der „Verkündigung“ erweist sich für katholische Christen nicht nur als ein Ärgernis, sondern auch als eine Gefahr für ihr (Seelen-)Heil, weil sie verwirrt, verfälscht und unkatholische Glau­bens- und Moralvorstellungen propagiert.

Es ist ein Skandal, dass der Münchener Seelsorger mit Duldung seiner kirchlichen Oberen diesen Etiketten­schwindel in den Pfarrgemeinden Sankt Maximilian und Heilig Geist betreiben darf.

Was sind Wiedereintritte, was ist sein volles Gotteshaus wert, wenn Leute aufgrund einer unseriösen, verzerrenden „Light“-Version von katholisch die Bänke füllen? Oder weil sie von einem kernigen Selbstdarsteller, einer original bayeri­schen „Rampensau“ unterhalten werden wollen, die bestimmt wieder „a drum Watschn“ (verbal) für die  unverschämt rückständige Amtskirche auf Lager hat?

Wirklich fest im Sattel sitzt der Stadtpfarrer nicht. Die Amtsenthebung seines Vorgängers wegen Turbulenzen innerhalb der Pfarrgemeinde (S. 166) lässt aufhorchen. Auch Pfr. Schießler scheint sich seiner weiteren Sache keineswegs sicher zu sein.

Zwar hat er mit seinem Diplom als „installierter Pfarrer“ vorgebaut, stolz betrachtet er die Pfarrgemeinde Sankt Maximilian als seinen „Besitz“, sein festes „Lehen“ (S. 174), in dem er „so gut wie unkündbar“ (S. 173) seine bizarre Show abziehen kann.

Doch die Spannungen zwischen den Vorgesetzten und dem „Rebell“ (S. 240) ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Eigentlich überflüssig von ihm zu betonen, dass er sich für eine „Karriere nach unten“ entschieden habe – eine nach oben, womöglich „in vollem Ornat als Bischof“ (S. 185), hätte man ihm höheren Orts wohl kaum zugestanden.

Als publicitytaugliches Zirkuspferd im ramponierten „Stall“ Kirche lässt man ihn an der ungemütlichen „Basis“ gewähren. Zum Glück hat Pfr. Schießler ein zweites Standbein als Taxifahrer, falls man einmal den „Missliebigen aus Sankt Max[imilian] entfernen“ (S. 174) sollte.

Vorsorglich hat er seinen während der Studentenzeit erworbenen Taxischein, seine „‚Überlebensversicherung‘ für ein unabhängiges Leben in der Großstadt“ (S. 116), regelmäßig verlängert, der derzeitige „ist bis 2019 gültig“ (S. 115).

Ja, warum eigentlich nicht wieder Taxi fahren, Herr Pfarrer?

Unser Autor Thomas May aus Sendenhorst bei Münster ist katholischer Religionspädagoge – Seine E-Mail: thw53may@aol.de

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Zeitschrift „Theologisches“ (Sept.-Okt. 2017)


Antwort an die CDU-Politikerin Benning zu ihrer Erklärung pro „Ehe für alle“

Sybille Benning (siehe Foto: Wahlplakat) ist CDU-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Münster; sie gehört zur Minderheit jener Unions-Parlamentarier, die zugunsten der Homo-Ehe bzw. sog. „Ehe für alle“ abstimmten, was dem CDU-Parteiprogramm widerspricht.

Freilich gibt es in unserem Land kein „imperatives Mandat“: Das heißt, daß der Abgeordnete laut GG „allein seinem Gewissen verantwortlich“ ist und nicht den Beschlüssen seiner Partei unterworfen  – und das ist sicherlich grundsätzlich auch gut so.

Diese rein formale Ebene beantwortet aber nicht die inhaltliche Frage, wie Vertreter einer Partei mit dem hohen „C“ ihr Einverständnis mit der rotgrünen Forderung nach Einführung der Homo-Ehe begründen. Ganz abgesehen von den verfassungsrechtlichen Bedenken, denn das Grundgesetz (GG) bekennt sich in Art. 6 zum besonderen Schutz von Ehe und Familie –  was sich selbstverständlich auf die klassische Ehe von Mann und Frau bezieht.

Frau Benning hat ihr  –  von der Parteilinie abweichendes  –  Abstimmungsverhalten mit einer öffentlichen „Erklärung“ vom 30. Juni 2017 erläutert: http://sybille-benning.strehse.eu/files/blog/150/attachments/Persoliche_Erklarung__Offnung_der_staatlichen_Ehe_59576aa4e42c1.pdf

Der katholische Religionspädagoge Thomas May (siehe Foto) reagierte auf diese Stellungnahme mit einem kritischen Brief an die CDU-Abgeordnete. Frau Benning hat bislang auf sein Schreiben nicht reagiert. Wir veröffentlichen hier den vollständigen Brief unseres Gastautors aus Münster: 

Sehr geehrte Frau Benning,

leider haben Sie bei der Abstimmung des Deutschen Bundestages über den Gesetzentwurf zur „Ehe für alle“ am 30. Juni mit Ja votiert und damit ein für das Gemeinwohl schädliches Vorhaben mit weitreichenden Folgen befördert, obwohl zahlreiche Bürger – wie auch ich – mit persönlichen Zu­schriften Sie von diesem Schritt abzuhalten versucht haben.

In Ihrer „Persönlichen Erklärung zum Entwurf eines Gesetzes zur Einführung des Rechts auf Ehe­schließung für Personen gleichen Geschlechts“ vom 30. Juni haben Sie Ihre Entscheidung zu recht­fertigen versucht und „Respekt“ für sie eingefordert.

Weder überzeugt Ersteres  –  noch verdient sie Letzteres.

Im Gegenteil: Begründung und Argumentation sind auf ganzer Linie missraten, sodass man gar nicht weiß, wo zuerst zu einer Entgegnung ansetzen. Erschwe­rend treten Mängel grundsätzlicher Art zutage, vor allem wenn Sie Ihre Religionszuge­hörigkeit ins Spiel bringen. Ich be­schränke mich auf die markantesten Punkte.

Erstens: Ihr Unverständnis der zivilen Ehe

Sie unterscheiden – im Ansatz zutreffend – zwischen Ehe (von Mann und Frau) als Sakrament und zivi­ler Ehe (gemäß Grundgesetz). Während jene auch nach der Entscheidung des Bundestages für Sie zweifelsfrei fortbestehe – es ist wirklich rührend, dass Sie ein Sakrament der katholischen Kir­che nicht in Frage stellen, das überhaupt nicht zur Debatte stand und über das zu befinden Ihnen gar nicht zusteht – , halten Sie es für nicht vertretbar, „dieses katholische Verständnis von Ehe gesetzlich für alle vor[zu]schreiben“. Man muss kurz innehalten, um Ihre pseudotolerant verpackte Themaver­fehlung zu begreifen, die Ihnen als Parlamentarierin ein schlechtes Zeugnis aus­stellt.

Offenkundig haben Sie ein Problem mit der Begrifflichkeit. Bei der zivilen Eheschlie­ßung ist es noch nie darum gegangen, den ehewilligen Partnern das katholische Eheverständnis von Mann und Frau vorzuschreiben. Genau deshalb wird ja zwischen ziviler und kirchlicher Eheschlie­ßung unter­schieden.

Auch dem Begriff der zivilen Ehe ist die Ausschließlichkeit der Verbindung von Mann und Frau seit jeher eigen, sie ist vor- und überkonfessionell, wie die vielhundertjährige Ge­schichte aller großen Kulturen der Welt –  auch nichtchristlicher – bezeugt. Der Ehe an sich ist von Natur, vom Wesen her die Zweigeschlechtlichkeit „eingeschrieben“.

Deshalb haben auch der deutsche Gesetzgeber und die deutsche Rechtsprechung die zivile Ehe im­mer als ausschließliche Verbindung von Mann und Frau behandelt  – und für die Väter und Mütter des Grundgesetzes lag das abenteuerliche Konstrukt einer gleichgeschlechtlichen „Ehe“ so außerhalb je­der Vorstellbarkeit, dass sie eine Definition der zivilen Ehe als ausschließliche Verbindung von Mann und Frau nicht für notwendig erachteten.

In diesem Sinn versteht das Bundesverfassungsge­richt die zivile Ehe bis heute; im Urteil des Ersten Senats vom 17. Juli 2002 heißt es: „Allerdings kann die [zivile] Ehe nur mit einem Partner des jeweils an­deren Geschlechts geschlossen werden, da ihr als Wesensmerkmal die Verschiedengeschlechtlichkeit der Partner inne­wohnt“. Ich hoffe, dass hiermit das korrekte Verständ­nis der zivilen Ehe sichergestellt ist.

Zweitens: Ihre irreführende Fokussierung auf „Verantwortung“

„Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ (Art 6 GG), sind also rechtlich privilegiert. Ihre Beschränkung auf einen Mann, eine Frau und nach Möglichkeit leib­liche Kinder ist der Erkenntnis geschuldet, dass in dieser Verbindung (als Familie) gezeugte Kinder am ehesten beschützt aufwachsen und dem Staat an einer Förderung des Nachwuchses zu seinem Selbsterhalt gelegen sein muss.

Sie fokussieren jedoch anhand des Eherechts auf den „Grundgedanke[n] dauerhafter Verantwortung füreinander“, der sich Ihrer Meinung nach „auch auf gleichgeschlechtliche Paare anwenden“ lasse.  Dauerhafte Verantwortung füreinander konstituiert aber noch keine Ehe. 

Vielmehr ist dieses Kriteri­um zu deren Begriffsbestimmung unzureichend, sogar gefährlich, wenn man es konsequent entfal­tet. Sei­ne Untauglichkeit erhellt der daraus folgende Satz: „Ehe ist da, wo dauerhafte Verantwortung für­einander übernommen wird“ (ähnlich dem ebenfalls zu kurz gedachten Satz: „Familie ist da, wo Kinder sind“).

Erst die Zweigeschlechtlichkeit der Partner, welche die Realisierung des Fortpflan-zungsauftrags auf natürlichem Wege ermöglicht, macht die Ehe zur Ehe. Nicht unerheblich kommt es mit dem im Bundestag verabschiedeten Gesetz zu einer schädlichen Erweiterung des bis­her gel­tenden Ehebegriffs, die Sie mit Ihrem Votum mitzuverantworten haben.

Drittens: Ihre widersinnige Schlussfolgerung

Sachlich korrekt verweisen Sie darauf, dass „die rechtlichen Regelungen von Ehe und Lebenspart­nerschaft aneinander bereits angeglichen“ sind. Daraus ziehen Sie den Schluss, dass es „keinen Grund [gibt], diese Beziehung anders zu nennen“, also auch die Lebenspartnerschaft als Ehe zu be­zeichnen. Das ist völlig unlogisch.

Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts war – nicht zuletzt um der gesellschaftlichen Befriedung willen – in der Vergangenheit darum bemüht, einerseits den besonderen Charakter und Schutz der Ehe und Familie zu gewährleisten, anderseits aber gleichgeschlechtliche Partner zu ge­setzlich geregelten Rechten kommen zu lassen.

Dieser Maxime diente die begriffliche Unterschei­dung von verschiedengeschlechtlicher Ehe und dem neu eingeführten Rechtsinstitut der gleichge­schlechtlichen Lebenspartnerschaft. In dem erwähnten Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 17. Juli 2002 heißt es: „Gleichgeschlechtlichen Paaren bleibt auch nach dem LPartDisBG die Ehe ver­schlossen. Ihnen wird für eine dauerhafte Bindung als Rechtsinstitut allein die eingetragene Le­benspartnerschaft eröffnet“.

Nachdem nun, wie Sie sagen, „in der materiellen Ausgestaltung der bisherigen eingetragenen Le­benspartnerschaft keinerlei Unterschied zur zivilen (!) Ehe mehr besteht“, also weitestgehende Rechtsgleichheit hergestellt ist, gibt es überhaupt keine Notwendigkeit (mehr), auch noch den Na­men zu ändern (abgesehen davon, dass dies aufgrund einander ausschließender Wesensmerkmale unmöglich ist, ebenso wenig wie man „Stuhl“ in „Tisch“ umbenennen kann) – es hat sich er­übrigt.

Spätestens an diesem Punkt hätten Sie stutzig werden müssen. Was soll die „Ehe für alle“ denn nun bezwecken? Rechtliche Gleichstellung oder doch mehr?

Hier enthüllt sich der ideologische Kern: Es geht letztlich nicht, zumindest nicht erschöpfend, um rechtliche Angleichung, son­dern darum, den klassischen Ehebegriff zu „kapern“ – mit weitreichenden Ab­sichten und Fol­gen.

Sie schwadronieren vom „konservativen Wert“ dauerhafter Verantwortung und merken gar nicht, wie Sie sich zur „nützlichen Idiotin“, zur Erfüllungsgehilfin der neomarxistischen Gender-Agenda machen lassen, deren erklärtes Ziel es (unter anderem) ist, die traditionelle bürgerliche Ehe und Fa­milie zu untergraben und abzuschaffen.

Zu den Gender-Strategien gehört die „Dekonstruktion“ der „Zwangsheteronor­mativität“, und mit der soeben beschlossenen Erweiterung des Ehebegriffs im Sinne der „sexuellen Vielfalt“ gelingt sie vortrefflich. Ideologisch umdefinierte Begriffe, eine neue, die Wirklichkeit verfälschende Sprache, ein neues, deformiertes Bewusstsein, eine neue, Glo­bal-Governance-gesteuerte totalitäre Gesellschaft, in der alle „binären Relationen“ ausgelöscht sind – die Mitwirkung an dieser Agenda macht Ihr Votum zugunsten der „Ehe für alle“ besonders bit­ter und ver­werflich.

Und natür­lich wird – entgegen Ihrer Behauptung – mit dem neu installierten Ehe­begriff der „besondere Schutz von Ehe und Familie gemäß Artikel 6 des Grundgesetzes“ relati­viert und die eheliche Insti­tution herabgewürdigt.

Viertens: Ihre Missachtung des Katholischen

„Für mich als Katholikin…“ – an dieser Stelle Ihrer „Persönlichen Erklärung“ muss man tief durch­atmen. Sie haben tatsächlich die Dreistigkeit, sogar Ihre katholische Konfessionszugehörigkeit in die Waagschale zu werfen. Dabei kommt man nicht umhin, Ihnen beträchtliche Unkenntnis der Glau­bensgrundlagen und Prinzipien Ihrer Religion zu bescheinigen.

Es hilft nicht, wenn Sie sich auf die „christliche Ehe“ als „Sakrament“ beschränken wollen und die zivile Ehe für die Homo-Erweiterung preisgeben. Sakramentale Ehe und profane bzw. zivile Ehe sind aufeinander bezogen.

„Es gibt nach katholischem Verständnis neben der sakramentalen Ehe auch die Naturehe. Die christliche Ehe setzt sie voraus und baut auf ihr auf. Auch sie wird zwischen Mann und Frau in der Offenheit auf Nachwuchs geschlossen… Katholiken können deshalb die na­türliche Ehe nicht aufgeben und sich auf das Sakrament zurückziehen, weil sie damit auch letzteres beschädigen würden“ (Oliver Maksan in der „Deutschen Tagespost“ vom 30. Juni). Damit bricht Ihre Argumentation zusammen.

Eine „Homo-Ehe“ liegt außerhalb ka­tholischer Vorstellung. Papst Fran­ziskus betont in seinem Nachapostolischen Schreiben „Amoris laetitia“, dass es „keiner­lei Funda­ment dafür [gibt], zwi­schen den homosexu­ellen Lebensgemein­schaften und dem Plan Got­tes über Ehe und Familie Analo­gien herzustellen“ (Nr. 251).

Nach katholischem Verständnis ist die Ehe heilig, während gleichge­schlechtliche Beziehungen dem natürlichen Sittengesetz widersprechen und sich auf das soziale Ge­füge nachteilig auswirken. Homosexuelle Handlungen „entspringen nicht ei­ner wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu bil­ligen“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2357).

Daher ist ein wie auch immer bemühtes „katholisches“ Votum zugunsten der „Ehe für alle“ ausgeschlossen. Auch kön­nen Sie sich nicht eben mal von Ih­rer katho­lischen Kon­fession ver­abschieden, im Bundestag für die „Ehe für alle“ stim­men  –  und hinterher sind Sie wieder katholisch.

Sofern Sie nicht nur nominell katholisch sein wollen, ist es Ih­nen prinzi­piell auferlegt, in jeder Si­tuation, bei jeder Entscheidung katholisch zu sein. Ka­tholischsein ist un­teilbar. Dass Sie mit Ihrer Sicht zu allen Verlautbarungen der in der ka­tholischen Kirche maßgeblich Ver­antwortlichen (Papst, Bischöfe, Prä­sident des ZdK…) im Gegensatz ste­hen, unterstreicht die Untrag­barkeit Ihres ka­tholisch nicht zu rechtfertigenden Abstimmungsverhalt­ens.

Fünftens: Die sittliche Verwerflichkeit Ihres Votums

Ihre antikatholische Fehlentscheidung hat sittliche Relevanz. Dies scheint Ihnen nicht bewusst zu sein: Die katholische Kirche legt Politikern für ihre parlamentarische Arbeit verbindliche Maß­stäbe vor. Im Fall der rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften bzw. der Homo-Ehe hat sich der Präfekt der Glau­benskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, schon 2003 sehr präzi­se geäußert:

„Die rechtliche Anerken­nung homosexueller Lebensgemeinschaften oder de­ren Gleichsetzung mit der Ehe würde bedeuten, nicht nur ein abwegiges Verhalten zu billigen und zu ei­nem Modell in der gegenwärtigen Gesell­schaft zu machen, sondern auch grundlegende Werte zu verdunkeln, die zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gehören. Die Kirche kann nicht anders, als diese Werte zu verteidigen, für das Wohl der Menschen und der ganzen Gesellschaft“  (Quelle: „Erwä­gungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Aner­kennung der Lebensgemeinschaften zwischen ho­mosexuellen Personen“, Nr. 11).

Daher verlangt der Glaubenspräfekt vom „ka­tholischen Politiker“ ein hohes Maß an Verant­wortung:

„Wird der gesetzgebenden Versammlung … ein Gesetzentwurf zu Gunsten der rechtlichen Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaf­ten vorgelegt, hat der katholische Parlamentarier die sittliche Pflicht, klar und öffentlich seinen Wi­derspruch zu äußern und gegen den Gesetzentwurf zu votieren. Die eigene Stimme einem für das Ge­meinwohl der Gesellschaft so schädlichen Geset­zestext zu geben, ist eine schwerwiegend unsitt­liche Handlung“ (ebenda Nr. 10).

Diese Bewertung gilt umso mehr für die Zu­stimmung zu einem Gesetzentwurf, der die Homo-Ehe mit der Ehe gleichstellt. Ihr Votum zu­gunsten der „Ehe für alle“ am 30. Juni ist daher als schwer­wiegend unsittlich anzusehen.

Dies erklärt auch, warum ich Ihrer Entscheidung keinen Respekt entgegenbringen kann, sondern sie scharf missbillige. Für einen Katholiken gibt es keinen Respekt vor Unsittlichkeit und Sünde. Auf Ihr Gewissen können Sie sich nicht berufen, selbst wenn, wie Sie geltend zu machen versuchen, „die Entscheidung ausdrücklich als Gewissensentscheidung anerkannt ist“.

Wer soll diese Entschei­dung als „Gewissensentscheidung“ anerkannt haben? Ausdrücklich? Mit welcher Befugnis für wen? Abgesehen davon, dass bei dieser Abstimmung vielfach eher eine (auf Leugnung des Essentialis­mus und einer positivistisch verengten Weltanschauung beruhende) intellektuelle Fehl­leistung vor­liegt (die ins Kapitel „Postmoderne Geistesverirrungen“ gehört), ist das Gewissen nach katholi­schem Verständnis keineswegs das Organ der Selbstbestimmung des Einzelnen, die keiner äu­ßeren Norm unterliegt, wie Sie fälschlich anzunehmen scheinen.

Der Gewissensentscheid des katholi­schen Christen ist an das (schon erwähnte) Sittengesetz gebunden; im Sittengesetz findet das Ge­wissen die Norm für sein Handeln, aber es erfindet sie nicht.

Da die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen für die Vernunft erkennbar in der Schöpfungsordnung grundgelegt ist und aus­schließlich Mann und Frau, als Abbild Gottes, bipolar und komplementär als „ein Fleisch“ auf die Ehe hinge­ordnet sind, kann es für Katholi­ken keine legitime konträre „Gewissensentscheidung“ geben, wel­che gleichge­schlechtlichen Bezie­hungen den Status der Ehe zuspricht.

Aufgrund Ihres Votums zugunsten der „Ehe für alle“ sind Sie für mich keine wählbare Wahlkreis­kandidatin bei der Bundestagswahl im September. Dies sehen zahlreiche Gläubige in den katholi­schen Pfarrgemeinden Münsters ebenso. Nach der Devise „Keine katholische Stimme für Sybille Benning!“ werde ich mit ihnen zusammen an der „Basis“ Überzeugungsarbeit leisten.

Bei der Ehe geht es schließ­lich um „Eingemachtes“. Wir wollen geistig wache, charakterfeste Abgeordnete im Deutschen Bun­destag, die in ihrem Reden und Handeln als glaubenskonforme Katholiken wahr­nehmbar sind. Da­bei ist es unerheblich, ob Ihre politischen Hauptkonkurrenten, die wir für noch un­geeigneter halten, einen Vorteil daraus ziehen oder nicht. Eine Alternative gibt es immer.

Wie die Auseinandersetzung um die „Ehe für alle“ künftig vor dem Bundesverfassungsgericht und/oder im Deutschen Bundestag auch weitergehen mag – mit Joseph Kardinal Ratzinger tei­len wir die Zuversicht:

„Keine Ideologie kann dem menschlichen Geist die Gewissheit nehmen, dass es eine Ehe nur zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts gibt, die durch die gegen­seitige personale Hingabe, die ihnen eigen und ausschließlich ist, nach der Gemeinschaft ihrer Per­sonen streben“ (ebenda Nr. 2).

Mit freundlichen Grüßen
Thomas May