Kritische Anmerkungen zum Charismatismus

Von Pater Dr. Martin Lugmayr

Im Hinblick auf das diesjährige Pfingstfestival in Salzburg sagte Georg Mayr-Melnhof, der Gründer der Loretto-Gemeinschaft, dass die eingeladenen 470 Leiter zur Vorbereitung das Buch „Wahre Geschichten und Wunder der Azusa Street“ lesen sollten.

Gegen Ende des Interviews betont er, „dass sich viele danach sehnen, dass Gott das, was er bei Azusa tat, jetzt wieder tut“ (DT vom 20. Mai 2021, S.15).

Was geschah damals im Jahre 1906?

Der Prediger William J. Seymour wollte in Los Angeles in kleinen Treffen, die in der Azusa-Street stattfanden, ganz neu sich dem Wirken des Geistes öffnen. Auf diesen Weg brachte ihn sein Lehrer Charles Fox Parham, der in der amerikanischen Heiligungsbewegung tätig war.

Folgende Ereignisse werden aus der Azusa-Street berichtet:

Menschen beteten laut chaotisch und ungeordnet, sprangen im Raum herum, fingen krampfhaft zu weinen oder zu lachen an, riefen unverständliche Laute aus, fielen wie ohnmächtig zu Boden.

Heute würde wohl niemand mehr davon berichten, wenn nicht Seymour am 14. April 1906 ein Zorngericht Gottes angekündigte hätte, das die Erde erbeben lassen würde. Tatsächlich erschütterte vier Tage später ein starkes Erdbeben die in der Nähe gelegene Stadt San Francisco: über 3000 Menschen starben, mehr als die Hälfte der Einwohner (etwa 225.000 von 400.000) wurden obdachlos.

Wegen dieses Zusammentreffens strömten jetzt viele Menschen in die Azusa-Street, ließen sich ganz auf die dortigen Vorgänge ein, die sie als vom Heiligen Geist bewirkt ansahen.

Im selben Jahr wurde eine Zeitschrift namens „Apostolic Faith“ (Apostolischer Glaube) mit einer Erstauflage von 5000 Exemplaren gegründet, ein halbes Jahr später waren es bereits 40.000, die in den USA und weltweit verbreitet wurden.

Die erste Nummer, die im September 1906 erschien, hatte den Titel: „Pentecost Has Come!“ (Pfingsten ist gekommen!). Als die Praktiken von Azusa 1907 auch nach Deutschland importiert wurden, führte dies zu großen Spannungen innerhalb der pietistischen „Gemeinschaftsbewegung“.

Zur Berliner Erklärung von 1909

Zur Spaltung kam es am 15. September 1909 mit der „Berliner Erklärung“, in der sich 56 Leiter von der neuen Bewegung distanzierten:

„Die sogenannte Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten; sie hat viele Erscheinun­gen mit dem Spiritismus gemein. (…) Der Geist in dieser Bewegung bringt geistige und körperliche Machtwirkungen hervor; dennoch ist es ein falscher Geist. Er hat sich als ein solcher entlarvt.

Die hässlichen Erscheinungen, wie Hinstür­zen, Gesichtszuckungen, Zittern, Schreien, widerliches, lautes Lachen usw. treten auch diesmal in Versammlungen auf. Wir lassen dahingestellt, wie viel davon dämonisch, wieviel hysterisch oder seelisch ist – gottgewirkt sind solche Erscheinungen nicht. (…)

Wir glauben, dass es nur ein Pfingsten gegeben hat, Apostelgeschichte 2. Wir glauben an den Heili­gen Geist, welcher in der Gemeinde Jesu bleiben wird in Ewigkeit, vgl. Joh. 14, 16. Wir sind dar­über klar, dass die Gemeinde Gottes immer wieder erneute Gnadenheimsuchungen des Heiligen Geistes erhalten hat und bedarf. Jedem einzelnen Gläubigen gilt die Mahnung des Apostels: „Wer­det voll Geistes!“ (Epheser 5,18).

Der Weg dazu ist und bleibt völlige Gemeinschaft mit dem gekreu­zigten, auferstandenen und erhöhten Herrn. In Ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig, aus der wir nehmen Gnade um Gnade. Wir erwarten nicht ein neues Pfingsten; wir warten auf den wieder­kommenden Herrn“.

Dieser Text, nur drei Jahre nach den Ereignissen von Los Angeles verfasst, hat nichts an Aktualität verloren.

Übrigens kam es auch in der Azusa-Street selbst bald zu Auseinandersetzungen und Spaltungen. Es entstanden unzählige Gemeinschaften, die weder theologisch noch in der Praxis eins sind.

Zu den Phänomenen von Toronto

In den 1990iger Jahren begannen in Toronto ähnliche Phänomene, die in Form des „Toron­to-Segens“ in die Welt hinausgetragen wurden. Zu den Vorfällen der Azusa-Street kamen noch hinzu das Ausstoßen tieri­scher Laute wie Brüllen, Knurren und Wolfsgeheul, krampfartiges Zucken und Zittern am ganzen Leib, schnelles Hin- und Herbewegen des Kopfes, Umfallen (gedeutet als „Ruhen im Geist“) und ein der Trunkenheit ähnlicher, tranceartiger Bewusstseinszustand.

Auch diese Vorkommnisse wurden unmittelbar mit dem Heiligen Geist in Verbindung gebracht und als Vorboten von großen Wundern gedeutet, in deren Folge viele Men­schen zum Glauben kommen würden.

Noch ein weiteres Zeichen des Pentekostalismus soll erwähnt werden, das ebenfalls direkt dem Wirken des Heiligen Geistes zugeschrieben wird, nämlich Wohlstand innerhalb einer Vision des Sieges bereits im Diesseits.

Solche Gruppierungen heißen z.B. „Victory Bible Church‟, „Jesus Breakthrough Assembly‟ oder „Tri­umphant Christian Centre‟. In den Versammlungen werden Themen behandelt wie „Ein Leben im Über­fluss‟ oder „Der Schritt zur Größe‟.

In Nigeria wurde von David Oyedepo im Jahre 1983 die „Winner’s Chapel“ gegründet. 2013 hatte diese bereits  6.000 Ableger in Nigeria, 700 in anderen afrikanischen Län­dern und 30 in Europa. Die Mutterkirche am Stadtrand von Lagos hat über 54.000 Sitzplätze. David Oyedepo soll ein Vermögen von über 150 Millionen US-Dollar besitzen.

Sein Rezept zum Erfolg: Die Abführung des Zehnten und Ga­ben an Gott (letztendlich an seinen Vertreter Oyedepo). Und so wie er Erfolg hat, werden auch seine Anhänger erfolgreich sein. Seine Aussprüche gelten als „prophetische und göttli­che Aussprü­che“.

Was geschah an Pfingsten wirklich?

Führen sich alle diese Bewegungen zu Recht auf Pfingsten zurück? Was geschah eigentlich zu Pfingsten? Welche Gaben (Charismen) sind in der Heiligen Schrift bezeugt? Wie werden sie beurteilt?

In der Apostelgeschichte lesen wir:

„Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2,4). Das Zeichen waren eben nicht unverständliche Laute, Geschrei u.ä., sondern echte Sprachen. Daher sagten auch die Menschen: „Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören“ (Apg 2,8) und der Inhalt waren die Großtaten Gottes, sein Heilswirken (Apg 2,11). Kurz: verständliche Sprachen, verständlicher Inhalt.

Nun erwähnt der hl. Paulus im 1.Korintherbrief das davon völlig verschiedene „Zungenreden“. Von einem Menschen, der dieses ausübt, sagt Paulus: „Keiner versteht ihn“ (1 Kor 14,2) – also ganz anders als zu Pfingsten! Paulus vergleicht das „Zungenreden“ mit dem Spielen unklarer Töne, um dann die Korinther direkt anzusprechen: „So ist es auch mit euch, wenn ihr in Zungen redet, aber kein verständliches Wort hervorbringt. Wer soll dann das Gesprochene verstehen? Ihr redet nur in den Wind“ (1 Kor 14,9).

„Wenn also die ganze Gemeinde sich versammelt und alle in Zungen reden und es kommen Unkundige oder Ungläubige herein, werden sie dann nicht sagen: Ihr seid verrückt?“ (1 Kor 14,23).

Aus diesem Grund erlaubt Paulus bei Zusammenkünften nur das Zungenreden mit Übersetzung – und es dürfen nur zwei Personen sein, höchstens drei (vgl. 1 Kor 14,27). Paulus greift also mit Autorität ein, ebenso bei den prophetisch Begabten (vgl. 1 Kor 14,29).

Er erwartet, dass diese Menschen sich an seine Anweisungen halten, also nicht sich vor anderen hervortun und sagen: „Ich bin prophetisch begabt, also lasst mich reden“. Das weist Paulus ausdrücklich mit der Begründung zurück: „Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens“ (1 Kor 14,33).

Ganz eindeutig darf in den Versammlungen der Christen nicht etwas Unverständliches wie das „Zungenreden“ sich verselbständigen, das übrigens von Paulus in 1 Kor 12 wie auch in Röm 12 als letzte der Gaben genannt wird (zusammen mit dem Übersetzen). In allen anderen Briefen wird es überhaupt nicht erwähnt.

Jedenfalls ist in der Heiligen Schrift „im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist nirgends die Rede von massenweisem Umfallen, tierischen Lauten, Schreien, Gelächter und Verlust der Selbstkontrolle“ (Andrea Strübind).

Vom Geist der Besonnenheit

Der letzte Punkt ist sehr wichtig. Die Heilige Schrift bezeugt in 2 Tim 1,7, dass der von Gott geschenkte Geist ein „Geist der Besonnenheit und Selbstbeherrschung“ ist. Von daher fällt auf, dass Paulus mehrere Gaben erwähnt, die mit dem Verstand in Beziehung stehen, nämlich die Gaben „Weisheit mitzuteilen“, „Erkenntnis zu vermitteln“, „die Geister zu unterscheiden“ (1 Kor 12).

Und es gilt von diesen wie anderen Gaben (wie der Krankenheilung, der Glaubenskraft): Jedem wir sie „geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,7). Alles soll dem Aufbau der Kirche dienen, die der Leib Christi ist (vgl. Röm 12,4-8).

Und Paulus will den Gläubigen noch einen Weg über alle Gaben hinaus zeigen:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts“ (1 Kor 13,1-3).

Für jeden ist letztlich entscheidend, ob er die Liebe hat. Von dieser gilt:

„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand“ (1 Kor 13, 4-7).

Die Liebe ist das Entscheidende, weil der Heilige Geist selbst die Liebe in Person ist, die in der Trinität den Vater und den Sohn verbindet.

In der Kirche, dem Leib Christi, schenkt der Heilige Geist grundlegende Gaben, damit jeder sich mit der Heilswirken Christi verbinden und je mehr eine Antwort der Liebe geben kann:

Das Leben der Gnade, welches vom hl.Thomas von Aquin als „Gegenwart des Heiligen Geistes“ bezeichnet wird; Glaube, Hoffnung, Liebe; vertrauensvolles Gebet; Christusbegegnung in den Sakramenten; die Ämter der Kirche, welche die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Gemeinschaft sicherstellen.

Der Heilige Geist führt nie zu einer Geist-Kirche, sondern er führt zu Christus und seiner Kirche, die auf dem Fundament der Apostel, besonders auf dem Fundament des Petrus ruht (vgl. Mt 16,18; 18,18). Und diese Kirche wurde zu Pfingsten den Menschen offenbar.


Bistum Augsburg: Bischof Konrad Zdarsa räumt in Wigratzbad auf

Kritik an schwarmgeistigen Entgleisungen

PRESSEMELDUNG des Christoferuswerks vom 4. Juni 2011:

Der Augsburger Oberhirte Konrad Zdarsa will offenbar dafür sorgen, daß fragwürdige Seminare und Praktiken im Wallfahrtsort Wigratzbad nunmehr eingestellt werden. Gewisse charismatische Ausuferungen und Übertreibungen sollen dort im Allgäu ein Ende finden.

  1. Diese Zielsetzung ergibt sich aus Bischof Zdarsas aktuellen Personalentscheidungen.charismatiker_allg_606_pr13_02_ab36d7785eEr ist Amtsnachfolger von Bischof Walter Mixa im Bistum Augsburg. Zdarsa wurde in schwerer Zeit  –  am 7. Juni 1944  –  als 7. Kind seiner Eltern in Hainichen (Sachsen) geboren.Die kürzliche Amtsenthebung des bisherigen Wigratzbader Pilgerleiters Pfr. Thomas Maria Rimmel (47 J.) hat in frommen Kreisen hohe Wellen geschlagen und teils für Empörung, teils für dankbare Zustimmung gesorgt:Charismatische oder stark erscheinungsmarianisch geprägte Katholiken äußern mitunter scharfe Kritik am Bischof (siehe etwa die  –  zum Teil sehr zornigen  –  Leserkommentare im Nachrichtenportal „kath.net“).
  2. Hingegen zeigen sich jene Katholiken erleichtert, deren Glaube sich auf Bibel, Dogma und Lehramt stützt und die für eine bodenständige Frömmigkeit eintreten.In diesem nüchtern-katholischen Spektrum, zu dem man auch die in Wigratzbad ansässige Priesterbruderschaft St. Petrus zählen kann, ist die Zufriedenheit darüber groß, daß der Bischof den 42-jährigen Pfarrer Nikolaus Maier aus Rennertshofen zum neuen Wallfahrtsdirektor bestimmt hat. Dieser Geistliche steht der klassischen Liturgie („alten Messe“) aufgeschlossen gegenüber. Dies dürfte auch ein gedeihliches, konstruktives Nebeneinander zwischen der Gebetsstätte und der traditionsorientierten Petrusbruderschaft begünstigen.
    Der scheidende Wallfahrtsleiter Thomas M. Rimmel hat sich in der jüngsten Ausgabe der Vierteljahres-Zeitschrift „Wigratzbad aktuell“ ausführlich zu den vieldiskutierten Vorgängen geäußert und dabei vor allem die starke Präsenz charismatischer Seminare in Wigratzbad zu rechtfertigen versucht; zugleich grenzte er sich deutlich gegenüber der bischöflichen Kritik ab.
    Diese letzte von Pfr. Rimmel redigierte Ausgabe von „Wigratzbad aktuell“ enthält neben langen Ausführungen sechs Fotos, auf denen er selbst abgebildet ist (inklusive Titelbild); außerdem die von ihm eingeplanten Seminartermine bis Oktober 2011, wobei starke charismatische Tendenzen erneut nicht zu übersehen sind.
    Der Konflikt um Wigratzbad begann bereits im März 2011, als das Augsburger bischöfliche Ordinariat eine Neuauflage des Buches „Sieg der Sühne“ von Alfons Sarrach in einem kirchlichen Verlag untersagte. In diesem Buch mit dem Untertitel „Marias Botschaft an die Menschen“ wird die Entstehungsgeschichte der Gebetsstätte geschildert, freilich mit starker Betonung angeblicher „Zeichen und Wundern“.   
  3. Die Kritik von Bischof Zdarsa an der bisherigen Wallfahrtsleitung entzündete sich vor allem daran, daß Pfr. Rimmel für den 8. bis 10. April.2011 einen kroatischer Priester als Referent für „Geistliche Erneuerung“ nach Wigratzbad einlud, der dort bereits im Vorjahr ein „charismatisches“ Seminar leitete: Zlatko Sudac.
    Diesem offenbar schwarmgeistigen, zur Selbstdarstellung neigenden Geistlichen wurde seitens der kroatischen Bischofskonferenz jedes Auftreten als Seminar- oder Exerzitienleiter verboten. Daher untersagte auch Bischof Zdarsa strikt den vor Ostern geplanten Auftritt des Charismatikers in Wigratzbad. Allerdings hielt sich Pilgerleiter Rimmel nicht an dieses bischöfliche Verbot; dies begründete er damit, daß er erst kurzfristig über die ablehnende Haltung der kroatischen Bischofskonferenz informiert worden sei.
    Das Exerzitienprogramm Pfr. Rimmels war allerdings seit Jahren von fragwürdigen „Charismatikern“ geprägt, denen zum Teil die kirchliche Anerkennung fehlt.So hatte Pfr. Rimmel auch für das Jahr 2011 zB. mehrfach Sr. Margaritha Valapilla als Seminarleiterin für „Geistliche Erneuerung“ bzw. „Innere Heilung“ vorgesehen. Die in Bad Soden-Salmünster ansässige Nonne leitet das Evangelisationszentrum „Haus Raphael“, dem bereits im Jahre 2004 der Titel „katholisch“ im kirchlichen Amtsblatt entzogen wurde.
  4. Diese deutliche Distanzierung des bischöflichen Ordinariats Fulda geht auf zwei ausführliche theologische Gutachten des Religionsphilosophen und Priesters Prof. Dr. Aloysius Winter zurück.Zu den weiteren umstrittenen Exerzitienmeistern, die in Wigratzbad auftraten, gehört der indische Pater J. Manjackal, bei dessen schwarmgeistigen Seminaren zahlreiche Teilnehmer rückwärts in eine Art Trance fallen, nachdem er sie mit Handauflegung „segnete“.   –   Überdies fordert Manjackal die Teilnehmer seiner „Heilungsseminare“ dazu auf, sich auch gegenseitig zwecks „Geistausgießung“ die Hände aufzulegen, wobei es ebenfalls mitunter zum quasi-ohnmächtigen Rückwärtskippen (siehe Foto) kommt.Foto: PattayablattDieses Phänomen wird von charismatischer Seite als „Ruhen im Geist“ gewürdigt, von Kritikern hingegen als irrgeistig angesehen oder. etwas flapsig auch als „Hammersegen“ bezeichnet.
  5. Zurück zum trance-artigen Rückwärtsfallen nach „charismatischer“ Handauflegung: In der protestantischen Pfingstbewegung ist diese umstrittene Manifestation seit über 100 Jahren bekannt und wird dort in jüngerer Zeit auch als „Torontosegen“ bezeichnet.  Seit ca. 20 Jahren kommt dieses Phänomen auch in schwarmgeistigen katholischen Kreisen häufiger vor, nicht allein in Wigratzbader „Heilungsseminaren“, sondern z.B. auch in dem von Sr. Margaritha Valapilla geleiteten „Haus Raphael“,  im charismatischen „Evangelisationszentrum“ Maihingen sowie im weltbekannten „Erscheinungsort“ Medjugorje.
  6. Dieser Vorgang, der im englischsprachigen Raum als „Slain in the Spirit“ (Erschlagenwerden im Geist) bezeichnet wird, ist in der Bibel nirgends als Gabe des Heiligen Geistes erwähnt. Rückwärtsfallen kennt die Hl. Schrift nur in negativen Zusammenhängen (zB. Joh 18, 6 – Jes 28,13 – 1 Sam 4,18).  Auch die 2000-jährige Kirchengeschichte weiß von keinem einzigen Beispiel, wonach es bei einer sakramentalen Eingießung des Heiligen Geistes oder seiner Gaben (etwa bei Taufe, Firmung, Priesterweihe) zu einem trance-ähnlichen „Ruhen im Geist“ gekommen wäre, wobei Menschen wie bewußtlos zu Boden fallen. Daher lehnen es viele Katholiken ab, diesen „Hammersegen“ als eine Wirkung des Heiligen Geistes anzusehen, zumal Gottes Geist den menschlichen Verstand nicht ausschaltet, sondern anregt. Der Verstand gehört ausdrücklich zu den „Sieben Gaben des Heiligen Geistes“, die durch das Sakrament der Firmung gespendet werden.
  7. Sogar Kardinal Leo Suenens  –  er stand der Charismatischen Bewegung bekanntlich sehr nahe  –  äußerte sich skeptisch über das „Ruhen im Geist“ und bezeichnete es als „parapsychologisch“.  –  Prälat Georg Gänswein, der heutige Papstsekretär, berief sich in einer Stellungnahme auf diese Kritik des belgischen Kardinals: Das Themenheft „Wunderheilung und Ruhen im Geist“ von Frau A. Mertensacker zitiert auf S. 71 aus einem Schreiben von Prälat Gänswein aus dem Jahr 2004. Damals reagierte Dr. Gänswein auf eine Anfrage nach dem „Ruhen im Geist“ und ähnlichen charismatischen Phänomenen. Er schrieb im Auftrag des damaligen Kardinal Joseph Ratzingers Folgendes:„Die von Ihnen beschriebenen Praktiken gewisser charismatischer Kreise sind in der Tat problematisch. Sie zeigen. wie richtig und wichtig die Warnungen von Kardinal Suenens waren, der übrigens vom Papst als Ratgeber der charismatischen Gruppen bestellt war und dessen Stimme deshalb auch amtlichen Charakter hat.“Befürworter dieser Phänomene weisen jedoch darauf hin, daß jene, die „im Geist ruhen“, starke religiöse Empfindungen bzw. tiefe Gefühle des Glücks erleben.
    Dem halten Kritiker entgegen, daß Religion keine bloße Wohlfühl-Sache sein kann, daß Glaube weitaus mehr als „Wellness“ bereithält, daß er vor allem alltagstauglich sein muß, indem er zur Nachfolge Christi und zur Einhaltung der göttlichen Gebote verhilft.In einem amtlichen „Brief an die Bischöfe“ zum Thema „christliche Meditation“ vom 15.10.1989 warnte der Chef der Glaubenskongregation (unser heutiger Papst) davor, „wohlige religiöse Gefühle“ als geistgewirkt zu verherrlichen.
    Der damalige Kardinal Ratzinger schrieb hierzu:
    „Einige physische Übungen erzeugen automatisch das Gefühl der Ruhe und Entspannung, Gefühle der Befriedigung, vielleicht sogar Empfindungen von Licht und Wärme, die einem geistlichen Wohlbefinden gleichen.Sie aber als echte Tröstungen des Heiligen Geistes anzusehen, wäre eine gänzlich falsche Art, sich den geistlichen Weg vorzustellen. Würde man ihnen eine für die mystische Erfahrung typische symbolische Bedeutung zuschreiben, ohne daß die sittliche Haltung der Betreffenden dem entspricht, so hätten wir eine Art geistlicher Schizophrenie vor uns, die sogar zu psychischen Störungen und zuweilen zu moralischen Verirrungen führen kann.“

    Damit hat Kardinal Joseph Ratzinger für klare theologische Orientierung gesorgt.

    Im übrigen hat die Kirche auch in früheren Zeiten vor schwarmgeistigen und gnostisch-irrgeistigen Sonderpraktiken gewarnt, etwa in der Ablehnung der Schwärmersekte der Montanisten (2. Jahrh.) oder der neugnostischen Katharer im Hochmittelalter. Auch bei den leibfeindlichen Katharern, die ein Verbot der Ehe einführten, wurde eine charismatische „Geist-Taufe“ mit Handauflegung vollzogen, das sog. Consolamentum, das den Eintritt in die Gemeinschaft der Katharer markierte und zu ekstatischen „Geisterfahrungen“ führte. Auch damals wurden die „nüchternen“ Sakramente der Kirche durch erlebnisbetonte Praktiken ersetzt, die jene Sektierer dem Heiligen Geist zuschrieben.

    Beim „Hammersegen“ handelt es sich also um einen Vorgang, den die katholische Kirche seit Jahrtausenden nicht kennt, der hingegen aus dem Bereich der Sekten oder heidnischer Religionen wohlbekannt ist. Dieses Phänomen gab es z.B. in schwärmerischen Sekten des Mittelalters (Bogomilen, Flagellanten, Brüder vom freien Geist), in protestantischen Randgruppen (Quäker, Methodisten, Täufer, Zwickauer Propheten, Spiritualisten) und seit Anfang des 20. Jahrhunderts in der evangelischen Pfingstbewegung.

    Der „Hammersegen“ existiert unter dem Namen „Shakti Pat“ auch im Hinduismus (er geschieht meist bei der Handauflegung eines „erleuchteten“ Yogis). Zudem ist das Phänomen aus dem magisch-ekstatischen Voodokult bekannt – gewiß sehr weit entfernt vom Heiligen Geist und seinen Gaben.

    Felizitas Küble, Vorsitzende des Christoferuswerks eV in Münster

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