Unfaire Kampagnen gegen Lebensrechtler

Von Felizitas Küble

Zwischen die marxistische Tageszeitung JUNGE WELT  – einst Organ der SED-Jugendorganisation FDJ  – und die Linkspartei paßt wahrscheinlich kein Blatt, jedenfalls kein ideologisches.

So nimmt es nicht wunder, daß die Zeitung aus Berlin in ihrer Ausgabe vom 16. März einen Genossen von der Linkspartei an Land zieht und ihn nach der Lebensrechtler-Prozession in Münster befragt, wobei natürlich gleich alles „rechts“ oder gar „Nazi“ ist, was nicht auf der tiefroten Welle mitschwimmt.

So weiß Hannes Draeger aus Münster zu berichten, beim 1000-Kreuze-Gebetszug handle es sich um eine Aktion „radikaler“ Abtreibungsgegner. Die Veranstalter-Organisation EuroProLife sei ein „Sammelsurium aus ultrakonservativen und christlich-fundamentalistischen Gruppen“.

Soweit handelt es sich um das übliche Sprücheklopfen von links, aber dann geht der Mann von der Linkspartei in die Vollen und behauptet munter drauflos, „Nazischläger“ seien früher „gern gesehene Teilnehmer dieser Aufmärsche“ gewesen.

Erstens handelt es sich dabei um eine wilde Verleumdung, zumal sich an dieser Prozession noch nie „Nazischläger“ beteiligten, geschweige wären sie dort „gern gesehen“.

Zweitens handelt es sich nicht um einen „Aufmarsch“, sondern um einen komplett friedlichen Gebetszug, was man freilich von den Gegendemonstranten nicht behaupten kann, wobei sich an  den Randalen auch die Linkspartei beteiligte. Diesmal gab es sechs Polizei-Anzeigen gegen Vermummte bzw. Chaoten, die am 16. März gegen die Lebensrechtler agitierten und deren Mahnwache auf dem Domplatz lautstark störten.

In ähnlicher Weise agitierte die SPD-nahe „Frankfurter Rundschau“ am 7. März 2019 gegen die Mahnwachen „40 Tage für das Leben“, die vor abtreibungsfreundlichen Pro-Familia-Beratungsstellen stattfinden.

Natürlich werden auch hier die Lebensrechtler schon in der Überschrift als „radikal“ diskreditiert: https://www.fr.de/frankfurt/mahnwachen-frankfurt-musik-laerm-gegen-gebete-11830404.html

Wie in linken Kreisen üblich, ist sodann ironisch von „selbsternannten Lebensschützern“ die Rede, wogegen man den Ausdruck „selbsternannte Umweltschützer“ in der Mainstreampresse vergeblich sucht. Auch das angeblich hohe Alter der Teilnehmer wird negativ gegen sie ins Feld geführt, später ist gar von einer „Gebetsorgie“ die Rede.  
Der Publizist und Theologe Uwe C. Lay hat sich den Artikel noch genauer vorgeknöpft: http://pro-theol.blogspot.com/2019/03/kampf-dem-lebensschutz-eine-politisch.html

In den Glauben der Kirche hineinwachsen: Kritik an These 1 von „Mission Manifest“

Kürzlich erschien im Herder-Verlag das Buch „Mission Manifest“ von Dr. Johannes Hartl (Gründer des „Gebetshauses Augsburg“), dem Zisterzienser-Pater Karl Wallner und dem kath. Schriftsteller Bernhard Meuser, das „Zehn Thesen“ enthält.

Vor allem durch die vielbeachtete MEHR-Konferenz Anfang dieses Jahres sind auch diese 10 Thesen in aller Munde, zumal der Leiter dieser charismatischen Mega-Veranstaltung, Dr. Hartl, zugleich Autor jener Thesen ist.

Der ehemalige evangelische Vikar, Publizist und katholische Konvertit Uwe C. Lay hat sich auf seinem Blog „Nachtgedanken“ mit der folgenden These 1 befaßt:

These 1: Uns bewegt die Sehnsucht, dass Menschen sich zu Jesus Christus bekehren. Es ist nicht mehr genug, katholisch sozialisiert zu sein. Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben. Sie ist ja weniger eine Institution oder Kulturform als eine Gemeinschaft mit Jesus in der Mitte. Wer Jesus Christus als seinem persönlichen Herrn nachfolgt, wird andere für eine leidenschaftliche Nachfolge Jesu entzünden.

Aus der Antwort Lays veröffentlichen wir einige Auszüge:

Es reicht also nicht, katholisch sozialisiert zu sein, ich muß mich zudem Jesus übergeben. Nur: wo im deutschsprachigen Raum – und für ihn sind diese 10 Thesen produziert worden  –  ereignet sich denn noch eine katholische Sozialisation?
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Das setzte ja eine in der Familie gelebte Religiösität voraus, auf die dann der Religionsunterricht aufbauen könnte. Das offenkundige Problem ist doch, daß es weitestgehend keine katholische Sozialisation mehr in den Familien gibt  – und daß dies Defizit auch in keiner Weise durch die kirchliche Jugendarbeit kompensiert wird. (Schweigen wir höflichkeitshalber über die Qualität der Jugendarbeit des BDKJ und anderer kirchlicher Träger!) 
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Aber was soll man von einer plumpen Gegenüberstellung von der Kirche als Institution mit der Vorstellung einer „Gemeinschaft mit Jesus in der Mitte“ halten?
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Christus hat die Kirche mit ihrer hierarchischen Ordnung geschaffen und erhält sie so auch. Der christliche Kultus verlangt auch eine Organisiertheit, die den Vollzug des Kultes ermöglicht, Tag für Tag, Woche für Woche.
Spontanistische Bewegungen mögen punktuell erlebnisintensiver sein als der geregelte, immer gleich währende Gottesdienst, aber das gerade macht das Wesen des religiösen Kultes aus.
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Wie aber in einer Institution geistliches Leben wachsen kann  – wie etwa die Bildung in einer Schule  –  so ist auch Mutter Kirche, ohne die niemand Gott zum Vater haben kann, eine Schule des geistlichen Wachsens – das sollte sie zumindest sein.
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Warum die Kirche das nicht mehr ist, das ist eine nicht leicht respondierbare Frage. Aber nur weil sie jetzt das, was sie zu leisten hat, eine Bildungsanstalt des christlichen Glaubens zu sein, durch die der Einzelne in den Glauben der Kirche hineingeführt wird, nicht erbringt, nun die Institution als unwesentlich zu disqualifizieren und in das Pathos des Sichentscheidens zu flüchten, hilft nicht weiter. Das Wachsen in den christlichen Glauben hinein kann keine „Entscheidung für Jesus“ ersetzen! 
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„Leidenschaftliche Nachfolge“ klingt gut, das verheißt intensives Leben. Aber ist das nicht ein Stil religiösen Lebens, das immer nur für wenige Auserwählte vorgesehen ist? Machen wir eine Probe darauf: Was, wenn jeder wie der Apostelfürst Paulus sein ganzes Leben in den Dienst Jesu Christi stellte? Leidenschaftlich, intensiv….!
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Lebten alle Christen die Nachfolge wie dieser Apostel, sich an Jesu Leben ausrichtend, das Christentum stürbe in Bälde aus, weil dann alle um des Herrn willen enthaltsam leben würden.
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BILD: Titelseite eines Buches unseres Gastautors Uwe C. Lay: „Der zensierte Gott“
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Wo aber die Leidenschaft der Nachfolge mit den Notwendigkeiten eines Familien- und Berufslebens konfrontiert wird, da muß sich das Leidenschaftliche abkühlen und das religiöse Leben wird sich in gemäßigten Temperaturen abspielen. Die radikale Nachfolge ist eben – gut katholisch  – dem Mönchsstand vorbehalten. 
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Und: Es fehlt dieser ersten These das rechte Verständnis der christlichen Religion – da entscheidet man sich nicht einfach für Jesus und lebt dann leidenschaftlich mit ihm.
Meinem individuellen Glauben geht stets der Glaube der Kirche voran  –  und wie kein Mensch sprechen könnte, gäbe es nicht eine bestimmte Sprache als System, so glaubt auch niemand individuell, wenn nicht durch sein Partizipieren am Glauben der Kirche.
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So wie es keine Privatsprache gibt, sondern nur meine individuelle Nutzung einer allgemeinen Sprache, etwa des Deutschen in meinem Falle, so kann es auch keinen reinen Privatglauben geben.
In den Glauben der Kirche kann man nur hineinwachsen  – und so lange wir auf Erden weilen, werden wir immer nur Schüler im Glauben sein können.
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Quelle und vollständiger Text hier: http://pro-theol.blogspot.de/2018/01/mission-manifest-die-zehn-thesen.html

Dyba-Gedenkband: eine gelungene Würdigung des „Löwen von Fulda“

Von Uwe C. Lay

Buchdaten: Der Löwe von Fulda. Ökumenische Würdigung eines guten Hirten. 33 Autoren schreiben über Erzbischof Johannes Dyba. Herausgegeben von Felizitas Küble, KOMM-MIT-Verlag Münster, 208 Seiten, erschienen 2015, Preis 14,80 € Fürs CF verwenden

Erzbischof Dyba war das „Entfant Terrible“ der Deutschen Bischofskonferenz:

„Der Fuldaer Bischof führte als gebürtiger Berliner in seinem bischöflichen Wappen keinen Teddy, sondern einen Bären und erwies sich oft genug als solcher. In der Bischofskonferenz galt er manchen als ‚enfant terrible‘, die zugleich froh waren, dass er sagte, was sie so deutlich nicht zu sagen wagten; anderen galt er als das Salz in der Suppe. Für die Medien gab es kein Thema, zu dem sie neben, ja oft sogar vor dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz nicht auch Johannes Dyba hören wollten.“

So würdigt das Internetlexikon Wikipedia den vor 15 Jahren so plötzlich verstorbenen Bischof Dyba, hierbei die katholische Kirchenzeitung des Erzbisstums Berlin zitierend.

Auch der „Spiegel“ markiert in seinem Nachruf deutlich, warum dieser Bischof kein Liebling der Medien war:

„Als der Vatikan-Diplomat […] 1983 Bischof von Fulda wurde, war er bereits als ironisch-bissiger Kirchen-Fundi europaweit bekannt. Diese Linie  –  es gilt nur das päpstliche Wort  –  behielt er konsequent bei. Mit griffigen Sprüchen machte der gebürtige Berliner alles nieder, was in Deutschland altbackener katholischer Theologie und Moral widersprach: Abtreibung und Beratungsschein, Gays und Grüne, kritische Theologen und zögerliche Bischöfe, selbstbewusste Laien und jeglichen Demokratieversuch der Kirche.“

Mit Bischof Dyba verbindet sich zu allererst sein großer Kampf gegen die durch katholische Beratungsstellen ausgestellten Lizenzen zum Töten von Ungeborenen. Gerade sein Engagement für den Schutz des Lebens machte ihn dann auch zu einem Oberhirten, der weit über die Katholische Kirche hinaus Freunde und Bewunder fand.

Er stand und steht für das Bewahren der kirchlichen Lehre in Zeiten, in denen viele die Anpassung an den Zeitgeist für die wichtigste Aufgabe der Kirche ansehen. Daß er deshalb oft angefeindet wurde und wird, verwundert nicht.

Wer mehr über diese beeindruckende Bischofsgestalt erfahren möchte, ist gut aufgehoben in dem jetzt neu publizierten Buch „Der Löwe von Fulda“, herausgegeben von Felizitas Küble  –  mit dem Untertitel: Ökumenische Würdigung eines guten Hirten.

33 Autoren, katholische wie evangelische, zeichnen ihr Bild von diesem Bischof. Eingeleitet wird das Buch durch ein Geleitwort seines Nachfolgers, des Bischofs Algermissen (Fulda). Es entsteht durch die Polyphonie der einzelnen Beiträge so ein vielseitiges, diesem Bischof gerecht werdendes Portrait in den schweren Zeiten des heutigen Glaubens- und Sittenverfalles.

Es entsteht das Bild eines fest im katholischen Glaubens Stehenden, der mutig und unerschrocken die Fehlentwicklungen innerhalb der Kirche im Zeitgeist der 68er kritisierte und ihnen entgegentrat. Viel Erfolg war diesem Rufer in der Wüste nicht beschieden, auch wenn er maßgeblich an dem Ausstieg der Kirche aus der Praxis der Ausstellung von Tötungslizenzen beteiligt war.  Auch das verheimlichen die Autoren nicht.

So ist sein Werk kein abgeschlossenes, auf das der Leser nun beruhigt zurückblicken kann, sondern ein Auftrag zum Weiterwirken in seinem Geiste. Gerade dies verdeutlichen die vielen facettenreichen Beiträge. In einem Wort: eine gelungene Würdigung eines großen Streiters Jesu Christi.

Der Autor Uwe C. Lay ist Theologie und Konvertit; er war vor seinem Übertritt in die katholische Kirche als evangelischer Vikar tätig. Sein Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift „Theologisches“ (Nr. 1/2016)

 


Warum Johannes, Paulus und der HERR fürs moderne Priesterseminar ungeeignet sind…

Glosse von Uwe C. Lay

Was neulich in unseren Priesterseminaren geschah

Vorspiel im Himmelsetagen: Die allenthalben hörbare Klage „O Gott, schenke uns Priester!“ fand Gehör in den höchsten Himmelsetagen. Der Kirchennotrat tagte und Gott fragte: Wen soll ich schicken?  cropped-buxheim-dsc_1168-2-2.jpg

Betretendes Schweigen: „Zu diesem halsstarrigen Volke….“  – Nur die Kühnsten wagen sich dahin.

Johannes der Täufer: Sende mich, ich bin bereit!

Im Priesterseminar, 1. Teil:

Johannes steht im Büro eines deutschsprachigen Priesterseminares (der genaue Ort wird diskret verschwiegen).

Skeptisch schaut der Regens auf diesen neuen Bewerber. Die Kleidung läßt sehr zu wünschen übrig; hippymäßig-megaout. Aber KIGWesentlicheres beunruhigt den Regens:

Herr Johannes, was haben Sie sich dabei gedacht, die Ehe unseres wertgeschätzten Königs Herodes zu kritisieren? Es sei eine unerlaubte Ehe. Das ist vorkonziliarer Rigorismus! Ihnen fehlt es an Empathie. Sehen Sie nicht das Glück dieser Ehe? Wie können Sie trennen wollen, was Liebe verband!

Zudem sind Publikumsbeschimpfungen ala „ihr Otterngezücht“ inakzeptabel. Und dieser dauernde Ruf: „Kehrt um, tut Buße!“ –  das geht so nicht! Jeder ist ein von Gott Geliebter, übrigens auch König Herodes. Nein, Ihnen fehlt das fundamentale Verständnis von Gottes Liebe, vom barmherzigen Vater, der jeden liebt, so wie er ist.

Nein, einen fanatischen Fundamentalisten wie Sie können wir nicht ins Priesterseminar aufnehmen!

Neuer Beschluß im Himmel:

Den hl. Johannes wollte das Seminar in Deutschlands nicht; da rief Paulus tapfer: Sende mich, o HERR, ich bin der rechte Mann für dies Kommando.

Im Priesterseminar, 2. Teil: 

So sehen wir nun den Apostel Paulus vor dem Regens, der sogleich ausruft:  slider5-640x360

O, Paulus, Sie großer Dogmatiker. Dunkel und unbegreiflich sind Ihre Briefe! Aber wir sind zu klein geraten, um sie noch zu verstehen. Doch das schlimmste: Ihre Missionspredigt: „Fürchtet euch vor dem Zorne Gottes. Nur Christus kann dich retten im Endgericht Gottes.“

Also Herr Paulus, das ist schlimmstes, finsterstes Mittelalter. So nicht!

Das ist unzumutbar und intolerant den anderen Religionen gegenüber.  Paulus, das ist Fundamentalismus!

Und Ihr magisches Eucharistieverständnis, ich denke an den angeblich „unwürdigen“ Empfang: „Der ißt und trinkt sich das Gericht!“  – Also das ist Drohbotschaft statt Frohbotschaft.

Im Himmel  –  der rettende Einfall:

Wen soll ich nun noch schicken, wenn sie Johannes den Täufer und selbst meinen liebsten Apostel Paulus nicht wollen?  –  Jesus trat in die Mitte: Schicke mich, deinen einzigen Sohn. Mich werden sie nehmen, wenn ich in ein Priesterseminar meiner Kirche eintrete.

Im Priesterseminar, 3. Teil:

 Jetzt sehen wir Christus selbst im Empfangszimmer eines Priesterseminares.kleines-rituale

Der Regens: Aha, Jesus, ich erkenne Sie wohl, auch wenn Sie ein wenig incognito erscheinen. Ich bringe es auf den Punkt: Sie können bei uns nicht Priester werden! Bleiben Sie im Himmel und stören uns nicht in unserer Kirchenreform, im Dialogprozeß und der Demokratisierung.

Warum Sie ungeeignet sind, fragen Sie?

Da kommt ein Multimillionär zu Ihnen. Er fragte Sie einst, was er tun soll, um das ewige Leben zu gewinnen. Das Resultat: Der reiche Mann geht „betrübt“ von dannen. Dieses triste Resultat Ihrer Seelsorge beweist eindeutig, daß Sie kein erfolgreicher Pfarrer werden können.

Zudem sind Ihre Erkenntnisse in moderner Dogmatik ungenügend.  – Richtig hätten Sie dem Jüngling antworten müssen: Gott liebt dich, so wie du bist. 

Zudem sind Sie letztlich auch kirchen(steuer)feindlich: Wenn der Multimillionär doch nur 0,1 Prozent Kirchensteuer bezahlt hätte…aber Sie unerbittlicher Rigorist verlangen, daß er alles den Armen abzugeben habe!

Und ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität haben Sie wohl auch, indem Sie sagen, Ihre Mutter sei eine immerwährende Jungfrau….unzumutbarer Aberglaube!

Herr Jesus, so geht das nicht mit Ihnen. Diese vielen Drohbotschaften, das Gerede von Gericht und Verdammnis. Da sagen Sie am Schluß: Wer glaubt und getauft ist, wird gerettet, wer nicht glaubt, wird verdammt werden, ja so heißt es in Mk 16, 16.

Wie viel Schweiß und Mühe hat es uns gekostet, diese schauderhafte Rede aus der Welt zu schaffen.

Und jetzt kommen Sie vom Himmel daher und wollen diesen alten Unsinn Ihrer Verkündigung fortsetzen! Niemals. 

Die Regentenkonferenz stellt fest: Keine Bewerber, leere Seminare  – Hurra! Hurra! Jetzt fordern wir Reformen, jetzt kann uns niemand mehr widersprechen, denn die Seminare sind leer!  Wollen wir jetzt endlich verheiratete Männer als Priester oder das Frauenpriestertum einfordern? Aber hoffentlich kommt uns dieser unzeitgemäße Jesus nicht wieder in die Quere!

Uwe C. Lay ist katholischer Publizist; er war evangelischer Theologe und Vikar, bevor er zur kath. Kirche konvertierte


Die Eucharistie: eine „Arznei zur Unsterblichkeit“ – kein Heilmittel für jeden

Uwe C. Lay zur Debatte um Geschieden-Wiederverheiratete

Wer Kinder zuhause hat, der schließt sein Medikamentenschränkchen sorgfältig ab. Was für ein Unglück, wenn die Kleinen  –  „Schau die bunten Smarties und die vielen Säfte in so niedlichen Fläschleins!“ –  den Schrank ausräubern. Medikamente sind keine Süßigkeiten, aber wenn das die Kleinen merken, könnte es schon zu spät sein: Vergiftung, vielleicht sogar eine tödliche. 

Foto: E. Gründler

Foto: E. Gründler

Eine Medizin ist etwas Gesundmachendes, wenn es richtig angewendet wird. Das eine Mittel, gemäß der Vorschrift des Arztes eingenommen, entfaltet eine heilende Wirkung  –  aber unsachgemäß eingenommen kann es schlimmste Folgen zeitigen.

Je wirksamer ein Medikament ist, desto destruktiver ist es auch, falls es vorschriftswidrig eingenommen wird. Die in einer Medizin schlummernde Kraft kann sich also zum Positiven wie zum Negativen realisieren: Schwache Medizin setzt wenig Kraft frei (sei es zum Positiven wie Negativen), starke hingegen viel Kraft.

Es soll nun von der stärksten auf Erden bekannten Medizin die Rede sein: der „Arznei zur Unsterblichkeit“.

In der frühen Kirche verkündete man es so: Jesus Christus hat für uns kranke/sündige Menschen die beste aller denkbaren Heilmethoden bereitet, sein geopfertes Fleisch und Blut, auf daß wir gesunden und von der Krankheit zum ewigen Tode befreit werden!

Gottes Medizin für unser Heil

Das Sakrament des Altares ist die Medizin Gottes für uns Kranke – und die Kirche ist die Apotheke, in der dies Heilmittel ausgeteilt wird. Diese Medizin muß wie jedes Medikament nach Vorschrift eingenommen werden, damit sie wirklich eine Heilung hervorbringt, denn unsachgemäß eingenommen bewirkt sie Unheil. 5d56a7150a

Erschüttert muß der hl. Völkerapostel Paulus feststellen (vgl. 1.Kor 11, 17-34), daß in der korinthischen urchristlichen Gemeinde die Eucharistie nicht gemäß dem Willen des Heilandes gefeiert wird.

Ja, Christen starben (den geistlichen Tod) infolge eines unsachgemäßen Umganges mit der Eucharistie: sie starben sozusagen an Eucharistievergiftung, wie Menschen auch an einer Tablettenvergiftung sterben können. Energisch wird der Ton des Apostels: er muß die Gemeinde zur rechten Ordnung zurückrufen.

Was ist die rechte Ordnung für die Spendung des Altarsakramentes?

Diese Frage muß die Kirche verbindlich beantworten, damikleines-ritualet diese Medizin namens Altarsakrament den Empfängern nicht zum Unheil gereicht. Sie bewahrt diese sakramentale Medizin im Tabernakel auf und teilt sie nur so aus, daß sie zum Heil und nicht zum Unheil wirkt.

Heil oder Unheil, Segen oder Fluch

Ja, man kann sich in der Eucharistie  –  wird sie sakrilegisch als „Gottesraub“ empfangen  –  wahrlich in die Hölle kommunizieren. So wirksam ist die Kraft dieses Sakramentes zum Unheil, denn recht empfangen eröffnet sie uns ja das Tor zum Himmel.    

Wem darf die Kirche also, um solches Unheil zu verhindern, dieses Heilssakrament nicht spenden?

Eindeutig lehrt hier die Kirche, daß Geschieden-Wiederverheiratete die hl. Kommunion nicht erhalten dürfen, weil sie diese nur zum Unheil empfangen könnten. Es wäre verrückt, einer Mutter, die ihren Kindern nicht ihre Herztabletten zum Naschen austeilen will, einen Mangel an Liebe zu ihren Kindern vorzuhalten.

Aber unserer Mutter Kirche werfen Gläubige landauf-landab einen Mangel an Barmherzigkeit vor, wenn sie Menschen, um sie vor einer Eucharistievergiftung zu bewahren, dieses Heilssakrament nicht spendet!

Ohne im Rahmen dieses Beitrags die katholische Lehre zum Sakrament der Ehe entfalten zu können, ist eines doch klar:

Es gibt keine legitime Scheidung einer sakramental gültig geschlossenen Ehe. Wer sich durch ein weltliches Gericht scheiden läßt, gilt vor den Augen des Staates als geschieden. In den Augen Gottes besteht das Eheband aber weiter.

Wer als Geschiedener wieder heiratet, geht eine unerlaubte (Zivil-)Ehe ein. Er lebt so im permanenten Ehebruch gegen die immer noch gültige (erste) Ehe. 120505184_B_July und Mike draussen

Jenen Katholiken, die im dauernden Ehebruch leben und keine Bereitschaft zur Beendigung dieser schweren Sünde erkennen lassen, darf die Kirche keine Eucharistie austeilen, weil diese Menschen sie für sich nur zum Unheil empfangen könnten. 

Das Bußsakrament als Ausweg aus diesem Problem ist hier versperrt, weil zur gültigen Beichte unbedingt die Absicht gehört, die betreffenden schweren Sünden künftig zu meiden. Wo aber jemand hartnäckig darauf beharrt, kann er nicht losgesprochen werden.

Aus Liebe zu solch sündigenden Kindern versperrt Mutter Kirche ihnen daher den Zugang zum Tisch des HERRN, wie jede liebende Mutter ihren Kindern den Medizinschrank verschließt.

Oder sollten wir sagen, daß jeder selbst zu entscheiden könne, ob er dieses heilige Sakrament empfangen dürfe? Man stelle sich vor, der Staat erklärte, daß jeder, unabhängig davon, wie viel Alkohol er konsumiert hat, selbst zu entscheiden hätte, ob er noch fahrtüchtig ist. Das sei ferne! Es gibt eben objektive Kriterien, ab wann jemand nicht mehr fahrfähig ist.

Ähnlich ist es auch mit der Eucharistie: wer in der Sünde des Ehebruchs lebt,  ist objektiv nicht befähigt, das Altarsakrament zu seinem Heil zu empfangen. Das Gewissen kann sich dabei sehr wohl irren  – wie auch Alkoholisierte ihr Fahrvermögen völlig irreal einschätzen können.

Aber um des Heiles der Seelen willen muß die Kirche ihren Gläubigen, die sich im Stand der schweren Sünde befinden, die hl. Kommunion verweigern, denn: „Wer also unwürdig von dem Brot ißt und aus dem Kelch des HERRN trinkt, der macht sich schuldig am Leib und Blut des HERRN“, schreibt auch für uns heute der Völkerapostel Paulus.

Uwe Christian Lay ist katholischer Publizist, Konvertit und früherer evangelischer Vikar


Unser BUCH-Tip: „Ich warne vor Goethe“ von Max Lackmann

Von Uwe C. Lay

Dem Humanismus wird man wohl erst gerecht, wenn man diese Aussage, daß der Mensch noch nicht „ist“, sondern erst noch zu „werden“ hat, begreift.

Die alte metaphysische Frage nach den Übeln der Welt, warum sie so arg ist, wie sie ist, erfährt so eine radikal humanistische Wendung: weil der Mensch noch nicht Mensch ist.   –  Aber wie kann der Mensch Mensch werden?

Das sei die Kontroverse gewesen zwischen dem Dichterfürsten Goethe und seinem Freund und Kritiker Lavater. 50236_m

Dieser Auseinandersetzung widmet Max Lackmann seine Studie: „Ich warne vor Goethe“.

Ein hundertjährig wütender Religionskrieg in Europa, die Schrecken der Französischen Revolution mit ihrer Guillotine bilden den Hintergrund dieses Konfliktes. Es ist der Konflikt zwischen dem goethischen Humanismus, dem Jesus gerade als wahrer Mensch das Vorbild gelebter Humanität ist  –   und einem christologisch fundierten Humanismus, dessen Vertreter Lavater ist.

Lackmann führt in diese historische Kontroverse ein als ein an Karl Barth geschulter, protestantischer Christozentriker, dem es aber darum geht, die Aktualität dieser Grundsatzfrage humanistischen Denkens aufzuzeigen.

Die Frage der Humamität des Menschen und der Möglichkeit einer Humanisierung der Welt steht und fällt nach Lackmann mit der Frage: christologischer oder säkularer Humamismus?

Und in dem Dichterfürsten Goethe den Anfang der Fehlentwicklung eines nur menschlichen Humanismus zu entdecken, ist das genuine Anliegen dieses Buch. Sehr gewagt wird dabei eine Linie von Goethe bis zu Adolf Hitler ausgezogen  –  eine sehr provokante These, die es aber lohnt, bedacht zu werden.

Unser Autor Uwe C. Lay war evangelisch-reformierter Vikar, konvertierte und ist katholischer Theologe und Publizist

Dieses fundierte Buch kann zum Sonderpreis und im Inland portofrei für nur 5 Euro bei uns bezogen werden: felizitas.kueble@web.de, Tel. 0251-616768

Ergänzendes Info zu diesem Buch aus der Verlags-Beschreibung:

Der 33-jährige Lavater besucht in Frankfurt den 25-jährigen Goethe. Lavater erkennt in Goethe den grössten Genius seiner Zeit. Goethe bewundert in Lavater das Spiegelbild eines geordneten, göttlichen Kosmos, ein Christsein, das nicht verklemmt, sondern befreit.

Die Freundschaft bleibt nicht an der Oberfläche, sie wird zu einem zähen, faszinierenden Ringen um Christus. Der Autor des Buches  –  ein in Europa und in den USA durch zahlreiche Bücher bekannter evangelischer Theologe, inoffzizieller Beobachter am Zweiten Vatikanischen Konzil  –  beschreibt in diesem Buch den Verlauf und die Hintergründe dieses Kampfes.

Lavater kam nach Jahren harten Ringens zum Schluss, der ‚allgemeine Glaube‘ Goethes müsse folgerichtig zum Anti-Christentum und Atheismus führen. Die hier vorgelegten Belege sind unzweideutig.

Lackmann, als Gegner des antichristlichen Nationalsozialismus bereits zur Studienzeit von deutschen Universitäten ausgeschlossen, seinen Schweizer Lehrern Karl Barth und Eduard Thurneysen den Abschluss des Studiums an der Universität Basel verdankend, wegen seiner Verkündigung ins KZ Dachau verbannt, ist gewohnt, eine deutliche, die Dinge beim Namen nennende Sprache zu sprechen.


JA zu Christus: Die „radikale“ und die bürgerliche Gestalt der Nachfolge Jesu

Von Uwe C. Lay

Für Freunde der Schwarz-Weiß-Malerei empfiehlt sich ein Gasthöreraufenthalt in kirchengeschichtlichen Vorlesungen der heutigen deutschen Universitätstheologie.

Da gab es demzufolge einen wunderbaren Urzustand des Christentums, der spätestens mit dem Anfang des Staatschristentums unter Kaiser Konstantin sein Ende fand, bis dann die Kirche aus ihrer „babylonischen Gefangenschaft“ (Luther) durch das 2. Vaticanum befreit worden wäre, hätten sich nicht reaktionäre Kräfte nach dem Konzil gegen den Geist des Konzils verschworen, um so fast alle positiven Reformimpulse des Konzils zu hintergehen, so daß es neben der Finsternis der vorkonziliaren auch die Verfinsterung der nachkonziliaren Kirche gäbe, nur unterbrochen vom Lichte des Konzils und ein paar Leuchten in der Kirchengeschichte. 

Dr. Bernd F. Pelz

Foto: Bernd Pelz

So einfach kann man sich die Geschichte des Christentums zurecht legen. Zu dieser Mär gehört dann auch die Vorstellung eines ursprünglichen reinen Liebes-Christentums gelebter radikaler Nachfolge Jesu, das spätestens seit dem unseligen Thron und Altar-Bund  –  mit Kaiser Konstantin anhebend  –  sein Ende fand: aus basisdemokratischen Urgemeinden wurde dann eine hierarchische Kirche mit Priestern und Bischöfen und einem Papst, ein verweltlichtes, verbürgerlichtes Christentum.

Es ist das große Verdienst von G. Theißen in seiner soziologischen Studie über das Urchristentum [1], vielleicht ganz unbeabsichtigt gegen seine protestantische Intention, sozusagen als Kollateralschaden seiner Studie, diese Mär destruiert zu haben!

Von Anfang an: „radikale“ und bürgerliche Variante des Glaubensvollzugs

Im Zentrum seiner Studie steht nämlich die schlichte These der Gleichursprünglichkeit einer radikalen und einer bürgerlichen Nachfolgepraxis Christi.

Nicht daß sich die eine aus der anderen entwickelt hätte, also daß das verbürgerlichte Christentum eine Folge der Abkühlung der ersten Liebe gewesen wäre, sozusagen das Christentum der in der Liebe lau Gewordenen, denen die Liebesleidenschaft der ersten Christen gegenüberzustellen wäre  –  nein: beide Ausgestaltungen seien gleichursprünglich und beide auch so von Jesus Christus gewollt.

Die radikale Nachfolge Christi ist die der  Nachfolge im wörtlichen Sinne: man zog mit dem Wanderprediger Jesu los, man rief nicht wie Johannes der Täufer die Menschen zu sich, sondern ging zu ihnen, um sie aufzufordern, mitzugehen. Das Ethos dieser Wanderprediger ist das der Heimatlosigkeit, der Familienlosigkeit und Besitzlosigkeit.

Aus dem schlichten Mitgehen ergab sich dieses Ethos von selbst: man verließ seine Heimat, Wohnort, Familie und allen Besitz, weil jede Art von Besitz und jede Art von Familienbindung immobil machte. Alles, was ein bürgerliches Leben ausmacht, Familie, Beruf und Besitz und einen Ort, wo man ansässig ist  –  die Seßhaftigkeit ist die conditio sine qua non jeder Kulturentwicklung  –  ließen die radikalen Nachfolger im wörtlichen Sinne hinter sich, indem sie mit Jesus durch Israel zogen.

Die Radikalität urchristlicher Nachfolgeaufforderungen hat da seinen Sitz im Leben: wer erst seine Eltern beerdigen möchte, bevor er Jesus nachfolgen will, kann ihm nicht nachfolgen, denn nach der vollzogenen Beerdigung ist die Gruppe der Wanderprediger längst weiter weggezogen, so daß der Nachfolgewillige nicht mehr nachfolgen kann.

Jede Art von inmobilen Besitz (die bequem bei sich tragbare Kreditkarte gab es noch nicht) verunmöglichte so ein Mitgehen, jede Art von Familienbindung verunmöglichte es, ganz nur noch mit Jesus zu leben.

Konsequente Nachfolge: alles hinter sich lassen

Nur wer alles, was er hatte, hinter sich ließ, konnte Jesu so nachfolgen – und konnte dann auch das radikale Ethos der Bergpredigt leben: „Widerstrebe nicht dem Bösen“, das kann der allein auf sich gestellte Wanderprediger leben, ein Familienvater nicht: wird seine Familie angegriffen, muß er sie gegen das Böse verteidigen – er kann nicht alles den Armen geben und dann Jesus nachfolgen, denn um des Lebens seiner Familie willen muß er für den Unterhalt sorgen und darf nicht alles  aufopfern. media-401265-2

Wer gar um des Himmelreiches willen enthaltsam lebt, darf seinen Nachfolgestil nicht zum Gesetz für alle machen, denn dann würde die Menschheit in Bälde aussterben. Das ist gewiß nicht der Wille Gottes: der Tod des Menschen durch sein Aussterben in Folge radikaler Nachfolge Jesu.

Darum gab es zugleich die bürgerliche Form der Nachfolge: Theißen spricht hier von den Sympathisanten in den Ortsgemeinden. Natürlich darf hier die antikatholische Intention nicht überlesen werden: daß aus Gemeinden als Depravationsgestalt sich die Kirche herausentwickelte: die Gemeinden verstünden sich als Glied des Judentums und erst das hellenistische Christentum ließ dann daraus Kirche werden als sich vom Judentum abgrenzendes organisiertes Christentum.

Die Nachfolge-Normen der Wanderprediger mußten also umgeformt werden für diese Sympathisantengruppen: „Bei den Verhaltensnormen mußten sich in den Ortsgemeinden die domestizierenden Auswirkungen von Beruf, Familie und Nachbarschaftskontrolle bemerkbar machen…“ [2]

Das führe zu einem Nebeneinander von radikaleren und gemäßigteren Nachfolgeregelungen in den Evangelien. „Es gab also ein abgestuftes Ethos für Wandercharismatiker und ortsansässige Sympathisanten.“ [3]

Es gibt Sondergebote für Vollkommene bzw Menschen, die vollkommen sein wollen und Nachfolgeregeln für jeden.

Vollkommenenheit zugunsten der Kirche

In soteriologischer Hinsicht ist diese Unterscheidung von nicht zu übersehbaren Bedeutung: keineswegs meinte man im Urchristentum, daß nur die Vollkommenen eingehen könnten in das Reich Gottes; es war aber vorstellbar, daß Menschen eine vollkommene Nachfolge lebten und so – um es in ganz unzeitgemäßer Terminologie auszudrücken – verdienstliche Werke aufweisen konnten, die über das Maß der Zulassung zum Eintritt ins Reich Gottes hinausgingen. Sie bereicherten so den Gnadenschatz der Kirche, der dann anderen zu Gute kommen konnte. Aber das nur als kleine Ausschweifung in soteriologischer Hinsicht.

Wesentlicher ist, daß die Gruppe der Wanderprediger ihre radikale Nachfolge nur leben konnten, weil sie von den Seßhaften unterstützt wurden. Jene, die auf allen Besitz verzichteten um des Himmelreiches willen, bekamen das Lebensnotwendige gerade von den Ortsansässigen.

Als Wunderheiler und Prediger zogen sie zu den sich heranbildenden Gemeinden und erhielten als Lohn dort ihren Unterhalt. Der Apostelfürst Paulus bildete da eine Ausnahme, insofern er sich seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit erwirtschaftete. Die „Radikalen“ gaben ihre geistigen Güter und die sie Empfangenen gaben dafür ihnen die materiellen Güter, so daß sie ihr Leben ganz in den Dienst Christi stellen konnten.

Das konnten sie aber nur, weil es neben der radikalen Nachfolge die domestizierte gab, in der der christliche Glaube in Einklang zu bringen war mit den Sozialverpflichtungen von Familie, Beruf und Heimat.

Was ist damit im Sinne Theißens gemeint: Der besitzlose Wanderprediger kann wohl leben nach der Devise, sorge dich zuerst um die Gerechtigkeit vor Gott, das Lebensnotwendige wird dir der Himmel schon geben (Euch aber muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben: Mt. 6, 33), der Familienvater muß aber um seiner Familie willen täglich für das Lebensnotwendige sorgen, denn täte er das nicht, verstieße er gröblich gegen seine Pflichten als Familienvater.

Zweifache Existenzweise der Nachfolge

Christliche Religion wurde so von Anfang an domestiziert gelebt neben der radikalen Nachfolgepraxis der Besitzlosigkeit und Heimatlosigkeit und Familienlosigkeit. Nicht ein Abfall vom wahren Glauben, nicht ein Abkühlen der ersten Liebe, also lau gewordene Christen erfanden das bürgerlich domestizierte Christentum – sondern die zweifache Gestalt der Nachfolge gab es – von Jesus Christus selbst gewollt: gleichursprünglich als sich wechselseitig bedingende und nur in ihrer Einheit das Christentum darstellende Sozialform. kt2012-p1110153

Theißen stellt nun selbst fest, daß dieses radikale Nachfolge-Christentum in Bälde verschwand und sich die Kirche herausbildete, in der die einstig anerkannten Wanderprediger zu Randfiguren degradiert wurden.

Als Protestanten fehlt ihm natürlich der Blick für die Geburt des Mönchstums aus dem Geiste der radikalen Nachfolge Christi, in der Ehelosigkeit und Besitzlosigkeit nun gelebt wurden und der Weg in die Wüste die gelebte Heimatlosigkeit wurde. Wo er nur melancholisch das Ende des Weges der radikalen Nachfolge sieht, gilt es, die Prolongierung dieser Nachfolge im gelebten Mönchtum zu erkennen.

Das Christentum konnte sich ohne Identitätsverlust bürgerlich gestalten, weil es immer das „Andere“, die radikale Nachfolge Christi in der Sozialgestalt der Wanderprediger und später der Mönche mit sich trug. Problematisch wurde es, wenn versucht wird, diese zwei Formen der Nachfolge auf eine für alle Christen verbindliche zu reduzieren.

Zur Veranschaulichung: Wenn Jesus sagt: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand…“, so kann dies der allein auf sich gestellte Wanderprediger so leben, die Mutter, dessen Kind von jemanden angegriffen wird, wird selbstverständlich, so weit es ihr möglich ist, ihr Kind auch mit Gewaltanwendung vor einem Kinderschänder schützen. Aber damit leistet sie dem Bösen Widerstand. Familie, Beruf, Beheimatetsein in einer sozialen Gemeinschaft müssen notwendigerweise ein anderes Ethos in sich tragen als jenes von Wanderpredigern.

Wenn Jesu radikale Nachfolge die Entäußerung jedes eigenen Besitzes fordert und damit echte Armut, so formte sich dieses Ethos für die Seßhaften um in die Maxime, die stoisch-paulinische, die da lautet: besitzen, als besäße man nicht.

Das „als ob nicht“ spiritualisiert dann die für die Radikalnachfolge wörtlich gemeinte Regel des völligen Besitzverzichtes. Die Einsicht in die Gleichursprünglichkeit und Gleichlegitimität der beiden Formen der Nachfolge kann uns dann vor solchen Harmonisierungs-Versuchen bewahren, in denen immer einer Gestalt zu Lasten der anderen aufgelöst wird.

Hermann Hesse über das „Ideal des Heiligen“

Es ist hier nicht der Ort, Hermann Hesse als großen Schriftsteller zu würdigen. Hesses „Tractat vom Steppenwolf“ in seinem Roman: „Der Steppenwolf“ soll statt dessen hier für diese Erwägung der Verhältnisbestimmung von radikaler Nachfolge und bürgerlichem Christentum fruchtbar gemacht werden. 

„Der Mensch hat die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Geistigen, dem Annäherungsversuch ans Göttliche hinzugeben, dem Ideal des Heiligen. Er hat umgekehrt auch die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Triebleben, dem Verlangen seiner Sinne hinzugeben und sein ganzes Streben auf den Gewinn von augenblicklicher Lust zu richten. Der eine Weg führt zum Heiligen, zum Märtyrer des Geistes, zur Selbstaufgabe an Gott. Der andre Weg führt zum Wüstling, zum Märtyrer der Triebe, zur Selbstaufgabe an die Verwesung.“ [4]  

Die bürgerliche Existenz sei nun gekennzeichnet durch den Versuch, beide Extreme zu vermeiden und eine wohltemperierte Mitte zu finden und zu leben. Hesse charakterisiert dies wohltemperierte Leben des Bürgers so:

„Nie wird  er sich aufgeben, sich hingeben, weder dem Rausch noch der Askese, nie wird er Märtyrer sein, nie in seine Vernichtung willigen – im Gegenteil, sein Ideal ist nicht Hingabe, sondern Erhaltung des Ichs, sein Streben gilt weder der Heiligkeit noch deren Gegenteil, Unbedingtheit ist im unerträglich, er will zwar Gott dienen, aber auch dem Rausch, will zwar tugendhaft sein, es aber auch ein bißchen gut und bequem auf Erden haben.“  [5] 

Einfacher gesagt: der Wille zugleich, sein Leben ganz auf das Reich Gottes ausrichten zu wollen und zugleich Weltmensch zu sein, führt zu einer Melange, in der alles Radikale sich auflöst und ein wohltemperiertes maßvolles Leben sich generiert.

Aber  –  und das ist nun Hesses zum Weiterdenken anregende These: dieser Durchschnittsmensch lebt nur, indem er immer wieder Impulse von den Extremen, den Außenseitern in sich aufnimmt und aus ihnen lebt.

So ist der Bürger eingespannt in das Widereinander vom Heiligen und Unheiligen, den beiden Extremen und lebt nur so, inwieweit er Impulse vom nichtbürgerlichen Leben rezipiert. Das bürgerliche Christentum braucht die Impulse radikal gelebter Nachfolge in der Sozialgestalt der Wanderprediger oder der Mönche, um sie aufnehmend maßvoll dann christlich zu leben.

Wo das „Radikale“ fehlt, geht auch das Maßvolle zugrunde

Wo das Radikale verloren geht, da geht auch das Maßvolle zugrunde oder öffnet sich einseitig den Impulsen des Unheiligen, dem Extrem des Wüstlings der Triebe. Und wem dies nun eine bloße blutleere Phantasterei erscheinen mag, der solle auf einem Katholikentag einmal auf die Omnipräsenz des Themas Sexualität und Homosexualität achten. Hat das Reformchristentum noch ein anderes Thema als: mehr Sex?

Der Weltpriester ist nun gerade  im bürgerlich-christlichen  Gemeindeleben der Repräsentant des Nichtbürgerlichen. Er lebt familienlos, hat statt ein Zuhause eine Dienstwohnung und lebt berufslos, insofern unter dem bürgerlichen Beruf immer mitverstanden wird die Dualität von Familienleben und Berufsleben, daß eben der Beruf nur eine der Lebensphären des Bürgers ist, wohingegen der Priester ganz Priester ist und nicht etwa nur, wenn er seinen Beruf ausübt, um dann noch Familienmensch und Staatsbürger zu sein.

Sich ganz für etwas hinzugeben, ist dem Bürger nicht möglich, er ist immer zersplittert in verschiedene Sphären  –  der Priester aber ist ganz und gar, ungeteilt nur Priester.

Luthers Erfolg war und ist nun nicht nur die Abschaffung des Mönchstums als radikale Sozialform der Nachfolge Christi, sondern auch die völlige Verbürgerlichung des Pfarrers: er wird zu einem Beruf wie jeder andere auch, einer wie jener der Weltmenschen, die arbeiten und darin ihre Pflicht erfüllen, um dann in der Familie zu leben.

Der katholische Weltgeistliche dagegen gehört in den Raum der radikalen Nachfolge Christi – darum lebt er in der Tradition dieser Nachfolge familienlos und ehelos. Und gerade so bildet er ein Ferment, das das bürgerliche Gemeindeleben der Christen lebendig erhält.

Das gemeinsame und das besondere Priestertum

Das 2. Vaticanum lehrt:

„Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das amtliche bzw. hierarchische Priestertum unterscheiden sich zwar dem Wesen nach und nicht bloß dem Grade nach; dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt auf je besondere Weise am einen Priestertum Christi teil. Der Amtspriester nämlich bildet kraft der heiligen Vollmacht, derer er sich erfreut, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die Gläubigen aber wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der Darbringung der Eucharistie mit und üben es aus im Empfang der Sakramente, im Gebet und in der Danksagung, durch das Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe.“

Was hier unter dem Wesensunterschied begriffen wird, das ist auch subsumierbar unter die Differenz von radikaler und gemäßigter Nachfolge Christi. Indem der Priester das Opfer Christi im heiligen Meßopfer darbringt, lebt er eine radikale Nachfolge Christi, die es so anderen Christen ermöglicht, bürgerlich christlich zu leben.

Friedrich Nietzsche schreibt in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ den bedenkenswerten Satz: „…denn es ist eine Opferung, ein Priester ist und bleibt ein Menschenopfer…“ [6]

Wenn man sich den Weg vom idealistischen Wanderprediger über den Mönch zum Weltgeistlichen vor Augen führt als Ausdifferenzierung des Typos radikal gelebter Christusnachfolge, dann wird man diesem Votum zustimmen müssen.

Wo für Hesse das Herz bürgerlicher Existenz schlägt, im Willen zur Selbsterhaltung  –  und die Religion nur so weit lebbar ist, wie sie dem nicht zuwiderläuft, da übersteigt die radikale Nachfolge das bürgerliche Leben, denn hier wird das ganze Leben in den Dienst Gottes gestellt und dafür auch geopfert.

Dem Katholizismus steht so im Protestantismus ein völlig verbürgerlichte Christentum gegenüber, das nur noch melancholisch gestimmt an die Zeiten der ersten Liebe mit ihrer radikalen Christusnachfolge denken kann  –  aber wenn ihm so die Impulse dieses heiligen Extremes zur Verlebendigung fehlen – von wo her zieht es dann noch Vitalität?

Hesse deutet es an: im negativen Idealbild des Märtyrers der Triebe.

Das mag übertrieben klingen, aber ist nicht die völlige Abschaffung einer christlichen Sexualmoral im Protestantismus ein Indiz dafür, daß man sich hier in domestizierter Form von diesem Extrem influenzieren läßt, weil das andere Ideal, das eines heiligen Lebens, völlig abhanden gekommen ist?

Solange der Katholizismus noch sein Ideal des heiligen Lebens in sich trägt in der Gestalt radikal gelebter Nachfolge, wird es diesen Versuchungen widerstehen können – verbürgerlicht es, dann wird es schnell fallen, weil das bürgerliche Leben ohne die Impulse der Extreme keine Lebenskraft in sich selbst trägt – so die mehr als bedenkenswerte These Hermann Hesses.

Anmerkungen:
[1]    Theißen, Gerd, Sozoiologie der Jesusbewegung. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums, 7. Auflage 1977
[2]    Theißen, G. Soziologie der Jesusbewegung, 7. Auflage 1997 S. 22
[3]    Theißen, S. 23
[4]    Hesse, Hermann, Der Steppenwolf, 1974, S. 68
[5]    Hesse, S. 69
[6]    Nietzsche, F., Fröhliche Wissenschaft, 5. Buch, S. 351
 

Unser Autor Uwe C. Lay ist katholischer Theologe und Publizist

Erstveröffentlichung dieses Beitrags im „Theologischen“ (Ausgabe Mai/Juni 2013)