Das Leitwort des hl. Paulus: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“

Am 8. Februar 2015 hielt Kurienkardinal Walter Brandmüller, der frühere Kirchenhistoriker aus Bayern, eine aufrüttelnde Predigt bei einer heiligen Messe am Petrusgrab mit den Teilnehmern des jüngsten Journalistentreffens, zu dem das Vatican-Magazin eingeladen hatte.

Hier folgt der Wortlaut seiner Bibelauslegung:

Es geht  –  wie so oft  –  auch in diesem 9. Kapitel des 1. Korintherbriefes ums Geld, genauer  –  sagen wir es in heutigen Begriffen  –  um die Klerusbesoldung. Paulus begründet, verteidigt das Recht der Boten des Evangeliums auf Unterhalt durch die Gemeinde:  afc127c26a

Wer weidet eine Herde und trinkt nicht von ihrer Milch? Wenn wir für euch die Geistesgaben gesät haben, ist es dann zuviel, wenn wir von euch irdische Gaben ernten?“   –  „Ich aber“, fährt er fort, „habe all das nicht in Anspruch genommen.“   – Und warum?  –  „Ein Zwang liegt auf mir – Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“

Wie des Öfteren, wenn er polemisch wird, sich verteidigen muss, gibt Paulus auch hier Einblick in sein Lebensverständnis als Apostel.

Es ist offenkundig: der Zwang, der ihn zur Verkündigung treibt, ergab sich aus seinem Erlebnis von Damaskus. Von diesem Augenblick an drängt es ihn, Christus zu verkünden. Einige Tage nach seiner Taufe  –  heißt es in der Apostelgeschichte  –  blieb er bei den Jüngern in Damaskus, und sogleich verkündete er Jesus in den Synagogen und sagte: „ER ist der Sohn Gottes“.

Paulus, der Völkerapostel, angetrieben von Christus

Das Erlebnis seiner Begegnung mit dem verherrlichten HERRN hatte ihn zutiefst aufgewühlt: Es treibt ihn, über Land und Meer von Israel über die Türkei, nach Griechenland, Italien bis Spanien. Er muss mitteilen, verkünden, was er mit diesem Jesus, den er verfolgt hatte, erlebt hat. „Ein Zwang liegt auf mir“. „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“, denn es sollen ja alle durch den Glauben an jenen κύριος, dem er vor Damaskus begegnet ist, ewiges Heil erlangen. jesus in der synagoge von nazareth

Da nun spielt die Frage „Was ist mein Lohn?“ für Paulus keine Rolle mehr.

Ganz anders hatte Petrus einst gefragt: Meister, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns dafür zuteil werden?  –  Erstaunlich, dass Jesus darauf eingegangen ist und ihm jenes große Versprechen gegeben hat: Hundertfach wird er das Verlassene erhalten und das ewige Leben dazu!

Paulus hingegen stellt sich diese Frage und beantwortet sie selbst: Mein Lohn ist, dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde – von der Gemeinde will er dafür nichts.

Nun, all das galt für den Apostel der Völker, das gilt wohl auch für die Nachfolger der Apostel und ihre Helfer, die Priester. Für sie alle ist das Mit-teilen, die Verkündigung der Botschaft vom Heil in Christus, eigentliche Raison d’être, eigentlicher Lebensinhalt. Dazu sind sie geweiht und gesandt.

Die Firmung beruft uns zu Zeugen des Glaubens

Aber es geht bei diesem Auftrag zur Verkündigung nicht nur um die durch Weihe und Sendung übertragene Vollmacht zur Predigt des Evangeliums. Diese ist in der Tat Sache der Bischöfe und ihrer Priester, allenfalls der Diakone. Die von diesen empfangene Botschaft bedarf aber der Weitergabe durch jeden, der sie gehört hat und von ihr ergriffen wurde. c (46)

Es ist das Sakrament der Firmung, durch das jeder Christ zum Zeugen des Evangeliums bestellt wird. Es ist nicht in des Einzelnen Belieben gestellt, ob er diesem Auftrag entsprechen will, er ist gesandt –  und wer immer von der Gewissheit erfüllt ist, dass er in Christus sein zeitliches und ewiges Heil gefunden hat: Kann er diese beglückende Erfahrung für sich behalten? Darf er es?

Alle reden heute von Neuevangelisierung. Man gründet einen eigenen päpstlichen Rat, der diese ins Werk setzen soll. Man überlegt Public-relations-Strategien, Aktionsprogramme  –  na ja!

Aber wird das Klappern des kirchlichen Apparats die Schlafenden wecken? Die Aufmerksamkeit der Vielen auf die Botschaft Christi lenken?

FORTSETZUNG der Predigt hier: http://www.vatican-magazin.de/index.php/blog/295-weh-mir-wenn-ich-das-evangelium-nicht-verkuende


Limburger Bischof Tebartz-van Elst verteidigt sich im „Vatican-Magazin“

„Ich bin gar kein Protzbischof und fühle mich als zu Unrecht Verfolgter.“  –  Das sagt der Limburger Bischof in einem Interview, das Paul Badde mit ihm führte und das im neuesten „Vatican-Magazin“ veröffentlicht ist  –  siehe hier im vollen Wortlaut: http://www.vatican-magazin.de/index.php/magazin/aktuelle-ausgabe/inhalt1_0_745851

Er fühle sich als Opfer schlechter Beratung. Es tue weh, wenn man dabei enttäuscht und verraten werde, so der Bischof. Die Zeitschrift hat das Interview bereits im Oktober geführt, als Tebartz-van Elst in Rom beim Papst vorsprach, aber erst jetzt veröffentlicht.

Er setze darauf, dass in der Diözese Limburg „auch unversöhnlich scheinende Positionen wieder zusammenfinden“, so der Bischof.

Die Alleinschuld für den Kirchenskandal weist Tebartz-van Elst von sich. Die umstrittensten Entscheidungen seien fast alle kollegial getroffen worden, auch wenn allein seine Unterschrift unter den Dokumenten stehe.

Quelle inkl. Foto: Radio Vatikan

In dieser ORF-Sendung nimmt Eva Demmerle (bis 2013 war sie Limburger Pressesprecherin) Bischof TvE gegen Falschbehauptungen in Schutz; sie äußert sich gleich zu Beginn der Talkshow dazu: http://www.kathtube.com/player.php?id=33025

 


Dr. Alexander Kissler über Dr. David Bergers Kampf gegen das eigene Vorleben

In der jüngsten Ausgabe des Vatican-Magazin (Fe-Verlag) beschreibt Focus-Autor Dr. Alexander Kissler seine Eindrücke nach der Lektüre eines der früheren, konservativ bis traditionell geprägten Bücher von Dr. David Berger.

Das heutige öffentliches Auftreten des  –  wie er sich selber nennt –  „schwulen Theologen“ Berger ist genau entgegengesetzt orientiert und zunehmend garniert mit scharfen Angriffen gegen Papst und Kirche, in den letzten beiden Monaten vor allem im Zusammenhang mit seiner Anti-kreuz.net-Kampagne.

Hier folgen nun einige Auszüge aus Dr. Kisslers Beitrag im Vatican-Magazin:

Er ist ein Traditionalist durch und durch  –  der Autor des Buches, das ich gerade lese. Thomas von Aquin und die Päpste Pius X. und Pius XII. sind seine Fixsterne. Auf die alte, die klassische, lateinische Messe lässt er nichts kommen; sie ist ihm Heimat. Er kritisiert Karl Rahner und Johann Baptist Metz scharf.

Rein gar nichts auszusetzen hat er hingegen an Joseph Ratzinger, dem er immer und ausschließlich zustimmt. Von dem heutigen Papst stammt das erste, von Gilbert Keith Chesterton das letzte Zitat in dem Buch, das ich gerade lese.

Der Autor lässt keinen Zweifel an seinem Standpunkt und an jenem der Wahrheit. Beide befinden sich dort, wo die Tradition ist. Tradition ist nachgerade ein anderes Wort für Wahrheit, zumindest im Raum der Kirche.“

Es geht hier um David Bergers Buch „Thomas von Aquin und die Liturgie“, das 1999/2000 erschien.

Zehn Jahre später begann der medienwirksame Einsatz des einst traditionell schreibenden Autors gegen den theologischen Konservatismus der katholischen Kirche  –  und damit zugleich gegen seine eigenen,  früher so eindeutig geäußerten Überzeugungen:

„Nach typischer Renegatenart führt der ehemalige Thomist, ehemalige Traditionalist und ehemalige Religionslehrer einen Ein-Mann-Feldzug gegen das Milieu, dem er entstammt. Diesen Feldzug auf alles Kirchliche auszuweiten, im Namen des Zeitgeists und wider das Lehramt, unter Schmähung des Papstes, ist er offenbar fest entschlossen. Nichts soll mehr erinnern an die Bande, die er einst selbst knüpfte. Berger kämpft den Kampf seines Lebens gegen das eigene Vorleben. Es ist ein öffentlicher Exorzismus am Selbst.“

Quelle und vollständiger Kissler-Artikel hier:  http://www.vatican-magazin.de/index.php/magazin/aktuelle-ausgabe/inhalt/16-magazin/aktuell/weitere-artikel/146-kissler-122012


Dilemma des PRIESTERs heute: zermürbt zwischen Bischof und Rätesystem

Unter dem Titel „Kriminaltango – Der deutsche Klerus und sein Totentanz“ veröffentlichte Pfarrer Dr. Guido Rodheudt (siehe Foto) im „Vatican-Magazin“  (Nr. 1/2012) einen klarsichtigen Artikel über die besorgniserregende Situation der Priester heute.

Wir veröffentlichen hier diese treffsichere Analyse:

Monsignore Mühlich und Bischof Hemmelrath sind das, was sich ein klischeeorientiertes Fernsehpublikum von Bischöfen und ihren Sekretären wünschen.  Pfarrer Dr. Guido Rodheudt

Der Bischof ist ergraut und erhaben, in jedem Fall realitätsfremd, und sein Sekretär ist ein Intrigant. Beide Hauptrollen sind diesbezüglich in der deutschen Krimiserie „Pfarrer Guido Braun“ treffsicher besetzt.

So wie alle Bischöfe und Sekretäre in den Fernsehserien, von „Father Brown“ über „Don Camillo“ bis hin zu jenem auf Usedom exilierten bayerischen Pfarrer, unnachahmlich dargestellt von Ottfried Fischer, dessen bloße Erscheinung schon jede nordlichternde Brise bischöflicher Strafandrohungen gemütsberuhigt hinwegbarockisiert.

So wie hier sind die auf der Schleimspur den Bischöfen liebedienernden Sekretäre die regelmäßigen Antipoden der priesterlichen Protagonisten. Letztere zeichnen sich vor allem durch zwei Dinge aus: sie sind unkonventionell in ihrer Wahrnehmung und methodisch unorthodox.

Von Bischöfen und ihrem Umfeld

Heute würde man sagen: in ihnen verbinden sich Führungsfreude, Methodenklarheit und Realitätssinn. Deswegen werden sie von den Sekretären auch nicht gemocht. Denn diese sind mit sich selbst und mit den von ihnen erdachten Strukturen beschäftigt. Sie flüstern ihren Oberhirten gerne Halbwahrheiten zu und versuchen, den wackeren geistlichen Sympathieträgern die Wasser der bischöflichen Zuneigung abzugraben, sobald die Bischöfe altersmilde werden und in ihrer rügenden Machtpose einzuknicken drohen.

Am Ende des inszenierten David-Goliath-Ringens siegt dann jedoch letztlich der listige Nonkonforme. Einmal wegen der mangelnden Spannkraft seiner Gegner, meist auch wegen ihrer Dummheit, in jedem Fall aber wegen der Beharrlichkeit der detektivisch oder sonstwie ungewöhnlich selbständig arbeitenden Priester.

Diese geradezu tugendhafte Ausdauer wird gespeist aus dem Willen, sich von nichts und niemandem aus der Ruhe dessen bringen zu lassen, der weiß, daß er auf dem rechten Weg ist.

Besuche im Bischofshaus, zu denen die Camillos, Browns oder Brauns recht regelmäßig geladen werden, sind zwar immer irgendwie unangenehm, aber letztlich gehen die Zitierten siegreich aus ihnen hervor.

Insofern sind die Begegnungen mit ihren Bischöfen nicht repräsentativ für die realen Erfahrungen im deutschen Klerus.

Unter die Räder der Demokratie geraten

Denn die Zeit ist über die Klischees der romanhaften Priestergestalten hinweg gegangen. Die blasierten Bischöfe und ihre schleimigen Sekretäre sind anderen Phänotypen gewichen. Auch die Don Camillos und Father Browns existieren nur noch zwischen den Buchdeckeln. Die Zeiten und die Kirche in ihnen sind anders geworden.

Das Selbstverständliche im Amtsverständnis des Priesters ist unter die Räder der Demokratie geraten. Deswegen ist auch der Abweichler odKIGer der Nonkonformist nicht mehr unmittelbar auszumachen.

Schon im Priesterseminar weist man den Alumnen keinen eindeutigen Ort mehr zu. Sind sie nun wirklich herausgenommen aus der Masse der Gläubigen, etwas zu tun, was sie ohne Berufung und Weihe nicht tun könnten? Gibt es noch den alten Quantensprung zwischen Laien und Priestern, der durch Handauflegung und Gebet des Bischofs aus einem Mann jemanden macht, der schier unglaublich und zutiefst Heiliges zu tun vermag, obwohl er dazu völlig unwürdig ist? Braucht man noch einen Mittler, dessen ganze Kraft nicht seine Kraft ist? Die Antwort lautet: nein!

Denn dort, wo einst magisch anmutende Vollzüge die Sorge um den ewigen Tod der Seele zu nehmen vermochten, sind heute diese Fragen mit einer allumfassenden Heilsgewißheit beantwortet. Man braucht weder Medizinmann noch Priester, man braucht Psychologen und Lebensbegleiter.

Infolgedessen entspricht auch der deutsche Bischof keineswegs dem Stereotyp des gutmütigen Großvaters oder des virilen Würdenträgers. Er ist Top-Beamter.

Und sein serviler Sekretär ist ein mit den Wassern des Managers gewaschener Smartphonebenutzer. Er regiert zwar immer noch hinter den Kulissen, allerdings nicht mehr durch Einflüsterungen, sondern mittels Statistiken.

Er ist auch eigentlich gar keine Person mehr, sondern ein Stab, ein Team von Kirchenverwaltern, die ihre Regierungsgeschäfte mittels Beraterfirmen absichern. Was für Aldi gut ist, ist für die Kirche billig. „

Zusammenlegung jetzt!“ – wie sich doch die alte Stammheimparole wandeln kann! Das Heil liegt in den Strukturen. Sie werden es richten, sie sind die Form für die neue Kirche und ihres Allgemeinen Priestertums.

Statt trotz des Mangels den Priestern als Hirten vergrößerte Pfarreien zuzuordnen, soll der Priester Teamspieler in den Pastoralräumen sein. Das Team besteht aus einer Gruppe von aus- und fortgebildeten Angehörigen des „pastoralen Personals“.

Im Neu-Sprech der Strukturarchitekten der Bischöflichen Ordinariate sind damit Priester, Diakone und Laien im hauptamtlichen Pastoralen Dienst gemeint. Hinzu kommt im Team – je nach Härtegrad der Strukturreform in einem Bistum – ein Anteil von ehrenamtlichen Laien, die als gewählte Vertreter aus den Pfarreien (neu: „Gemeinden“) auch zur „Mitarbeit in der Seelsorge“ oder gar „in der Leitung“ berufen sind.

Damit ist das synodale Equipment für den Einsatz im „Seelsorgebezirk“, im „Pastoralraum“, in der „Gemeinschaft der Gemeinden“ oder in der Megafusionspfarrei bestellt.

Wie geht es nun dem Priester? Er ist zweifelsohne (noch) da. Aber er ist weder eine persona sacra, noch ein mit Leitungsvollmachten ausgestatteter Mystagoge. Seine Verantwortung ist ihm entzogen. Er braucht sich weder über die Seelen, noch um sein Auskommen zu sorgen. Alles ist synodal abgestützt, gremial verkorkt und kirchensteuerlich ausgestopft.

Profilklau bei den geweihten Priestern

Es braucht für den Priester keine besondere Kleidung, kein anderes Leben. Wenn überhaupt, ist er der vorbildhafte Gutmensch. So wie Jesus, der uns die Regeln gezeigt hat, durch deren Beachtung man Konflikte vermeidet oder löst, Ungerechtigkeiten beseitigt und gewaltfrei leben kann. Diese Regeln sind jederzeit auf die Zeit übertragbar und anpaßbar.

Im Sinne Jesu ist deswegen im Jahre 1911 Pünktlichkeit und Anstand und einhundert Jahre später Mülltrennung und Kauf von fair gehandelten Produkten angesagt. Um das zu gewährleisten, sitzen alle in einem Boot.

Gegenwärtige Pastoralkonzepte in den deutschen Diözesen überschlagen sich zuweilen mit der Beteuerung, daß das Entscheidende für die Kirche der Zukunft, die Teilnahme aller Gläubigen am Allgemeinen Priestertum sei. So habe es das Zweite Vaticanum, Haupt und Mutter aller Konzilien, vermeldet.

Daß jedoch nach der dort formulierten Auffassung die Gläubigen „ihr Priestertum im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe“ (II. Vat. LG 10) und nicht durch Profilklau bei den Angehörigen des Weiheamtes ausüben, ist mittlerweile im Nebel der Deutungsgeschichte des Pastoralkonzils verschwunden.

Also muß sich die Wirklichkeit priesterlicher Existenz mit dem Umstand abfinden, daß es den Priester in der klassischen Sicht nicht mehr braucht. Wenn, dann braucht es ihn als „Moderator“, als „Vorsteher“ oder als „Koordinator“, aber es braucht ihn nicht mehr als Hirten („pastor“) und schon einmal gar nicht als Vicarius Christi.

Denn damit man „am Ort auch künftig Menschendienst und Gotteslob praktizieren kann“ (Leitlinien der Pastoral im Bistum Aachen, S. 5), ist die persona sacra nur von mittelbarer Bedeutung. Wer will, kann auch ohne Priester selig werden.

Dies belegen die vielfach ohne wirkliche Not flächendeckend praktizierten Wortgottesfeiern, die – je nach Landstrich und Reformeifer des Bischofs – schon mindestens einer Generation den Wert und den Sinn der Hl. Messe und damit die Sehnsucht nach dem für sie konstitutiven Priester aberzogen haben.

Folglich schwindet auch das Bewußtsein für den Wert des Priestertums. An seine Stelle tritt anderes hauptamtliches „Pastoralpersonal“ aus Laien. Sie können und tun (fast) alles, was der Priester tut: Reden, Erziehen, Predigen, Beerdigen, Gremien leiten, Prozesse initiieren. Denn: „Alle in der Kirche haben Anteil am Heiligen, Lehren und Leiten“ (Leitlinien der Pastoral im Bistum Aachen, S. 8).

Aha! Also ist der Priesterberuf nur noch etwas Zeremonielles? Nein, auch hier haben die Laien nachgerüstet: sie dürfen Gottesdienste feiern und andere paraliturgische Funktionen ausüben. Wozu sehnt sich die Feuerwehr denn dann noch nach einem Priester zum Segnen des neuen Einsatzfahrzeugs, wenn die Mitarbeiterin in der Notfallseelsorge es auch kann?

Und wozu machen sich immer noch eine Reihe unverdrossene junge Männer auf den Weg zur Priesterweihe, die sie am Ende mit hohen Ansprüchen und Einschränkungen beglückt, wenn deren einzige Begründung, nämlich einen zum zentralen Kult, zur kirchlichen Verkündigung und zur Leitung der Gläubigen notwendigen Amtsträger zu erschaffen und auszurüsten, in der Wirklichkeit des kirchlichen Alltags durchgängig bestritten wird?

Eigentlich kaum zu verstehen. Aber hier sind wahrscheinlich die schismatischen Verwerfungen in der deutschen Nationalkirche noch nicht manifest genug, damit man diese Schizophrenie einsieht.

So weit nun die Auswirkungen der ins Strukturelle hinein mutierten Sekretärsallüren. Was aber ist mit den Bischöfen? Auch sie agieren gerne und vornehmlich als Konferenz. Da wo sich Bischof Hemmelrath hinter dem Schreibtisch verschanzt, verbergen sich die deutschen Oberhirten hinter Kommissionen und einem Ständigen Rat. Und dieser wiederum erfreut sich einer stabilen Dompteursgenossenschaft, die ihm sagt, wie die Welt funktioniert.

Egal ob in Bildung, Katechese, Jugendpastoral, Pfarreiseelsorge, Mißbrauchsdebatten, Neuevangelisierung, Liturgie, Strukturreformen, Kirchensteuerfragen oder beim Versuch einer scheinbar notwendigen Entwelt(bild)lichung sind sie selten dabei zu beobachten, wie sie aus eigenem Antrieb und mit der Glaubwürdigkeit des erfahrenen Hirten, der sich schon vor seiner Beförderung zum Oberhirten die Schwielen des mühsamen Hütens und Leitens zugezogen hat, das Heft für ihre Herde in die Hand nehmen. Statt dessen befleißigen sie sich der Arbeit von Pressesprechern, die die Sekretariatsentwürfe zur Zukunftsfähigkeit wie prosperierende Aktien feilbieten.

Wenn das Synodale das Sakramentale ablöst

Niemand weiß, wohin die Reise des Strukturwandels in Deutschland gehen wird. Aber man hat sich entschieden, die Leinen loszumachen und ins offene Meer hinauszusegeln.

Das einzige, was als Sicherheit bleibt, ist das Wissen um die Zeitgeistkompatibilität des Reformismus: streng demokratisch, synodal und antihierarchisch, optimistisch gegen jedes Strukturlamento und vor allem „zukunftsfähig“.

Dabei ist gerade das Letztere eine der gefährlichen Vermutungen, an denen schon viele Systeme gescheitert sind, die den Kern ihrer Botschaft vergessen oder verleugnet haben. Denn zukunftsfähig ist nur eine herkunftsgewisse Reform. Und das ist die Reform der Pastoralstrukturen in Deutschland am wenigsten.

Alles, was sie zu bieten hat, sind die nach dem Vorbild der Bildungsreform angestoßenen Evaluationsprozesse zur Analyse des Ist- Zustands. Darin stellt man fest: weniger Priester, weniger Gläubige, weniger gesellschaftliche Akzeptanz und vor allem: weniger Geld!

Woraufhin eine auf diese Faktenlage amorph reagierende Strukturdebatte anhebt, in der völlig unklar bleibt, was nun Kirche ist und was nicht, was folglich der Priester ist und was nicht und was die Aufgabe der Laien sein soll. Ende vom Lied sind allerorten bischöflich abgesegnete und mit dem ganz großen Tamtam partikularer Normen, Dekrete und Anordnungen aufgezogenen potemkinschen Kulissen einer „zukunftsfähigen“ Kirche vor dem Hintergrund einer sterbenden Volkskirche mit Pfarreien, die keine mehr sein können, weil sie zu aus fünfstelligen Seelenzahlen bestehenden Pastoraluniversen aufgeblasen wurden.

Zurück bleibt eine neue Kirche mit Priestern, die in diesen Räumen nur noch auf marginalen Umlaufbahnen vorbeischwirren, um „Eucharistie sicherzustellen“, Berufskatholiken, deren profilneurotische Amts- und Chefsesselbegierde mit allerlei neuen Erfindungen befriedigt wird, wenn man ihnen Jobs wie „Gemeindeleitung im Team“, „Koordinator in der Seelsorge“, „Wortgottesdienstleiter“ oder Mitgliedschaften in „Leitungsorganen“ wie dem Aachener Modell eines pastoralen Politbüros mit dem sowjetoiden und in schönstem DDR-Genitiv formulierten Namen „Rat der Gemeinschaft der Gemeinden “ anbietet.

All das entwickelt sich ungebremst hin zu einer protestantischen Form christlicher Gemeinschaft, in der das Synodale das Sakramentale ablöst. Bei den Bischöfen, die sich bei aller Vielbeschäftigung des Reisens und Repräsentierens den Optimismus trotz der gegenwärtigen volkstürmischen Untergangszeiten nicht nehmen lassen mögen, ist das offenbar kein ernstzunehmendes Problem.

Weshalb sie auch geflissentlich immer dann weghören, wenn der Papst mehr als einmal und mit erstaunlicher Deutlichkeit davor warnt, auf den Priestermangel mit Methoden zu reagieren, die am Ende den Priester überflüssig machen. So am 16. März 2009 bei seiner Ankündigung des Internationalen Jahres des Priesters:

„Die Zentralität Christi bringt die richtige Wertung des Amtspriestertums mit sich, ohne das es keine Eucharistie und erst recht keine Sendung, ja selbst die Kirche nicht gäbe. In diesem Sinne ist es notwendig, darüber zu wachen, daß die »neuen Strukturen« oder pastoralen Einrichtungen nicht für eine Zeit gedacht sind, in der man ohne das Weiheamt »auskommen« muß, wobei von einem falschen Verständnis der rechten Förderung der Laien ausgegangen wird. In diesem Fall würde man nämlich die Voraussetzungen schaffen für eine noch größere Verwässerung des Amtspriestertums, und die angeblichen »Lösungen« würden sich in dramatischer Weise decken mit den eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen Problematiken, die mit dem Amt verbunden sind.“

Strukturen regieren, nicht Bischöfe

Auch in der nüchternsten Betrachtung muß man sich nach diesen päpstlichen Warnungen im klaren sein, daß die Deutschen Bischöfe in ihrer Mehrheit wenig bis nichts davon in ihre Strukturreformen einbezogen haben. Denn aus denen spricht landauf landab nichts von der Wertschätzung der Notwenigkeit des Priesters.

Und folglich stimmt auch das Verhältnis der Bischöfe zu ihren Priestern in den seltensten Fällen. In der Regel sind die Bischöfe für ihre Priester nicht oder nur mit Mühe erreichbar.

Die Zeiten Don Camillos sind lange vorbei. Guaresci müßte seinen Roman um- und den Bischof rausschreiben. Ihn gäbe es nicht. Wozu auch?

Die wahren Entscheidungsorte sind auf einer anders Ebene. In den Bistümern sind das die Diözesangremien und die hinter ihnen agierenden Bistumstheologen und Ordinariatsmitarbeiter.Personelle Querverbindungen und Seilschaften zu „Kirche von unten“ oder zur „KirchenVolksbewegung“ sind zuweilen offene Geheimnisse. Dementsprechend stark ist die Laienlobby, die schon rein zahlenmäßig dem Priester und seinem Stand überlegen ist.

Die strukturellen Veränderungen, die den Priester durch eine neue Verfassung des kirchlichen Lebens – zum Teil in offenem, zum Teil in subkutanem Widerspruch zum geltenden Recht – marginal bis überflüssig machen, werden nicht von den Bischöfen ersonnen, sondern von ihren Referaten, die in erster Linie dazu da sind, kirchliche Wirklichkeiten zu entwerfen, in denen sie selbst niemals werden arbeiten müssen.

Unter dem euphemistisch bis zynischen Stichwort der „Kooperativen Pastoral“ wird suggeriert, in Zeiten zurückgehender personeller und materieller Ressourcen, sei die Neubewertung der Rollenverständnisse das Gebot der Stunde. Damit aber verläßt die Kooperative Pastoral den Boden des Pragmatischen und bekommt einen deutlich reformatorischen Charakter.

Es geht um eine neue Kirche, in der alle Priester sind und in der nicht mehr der Kult, sondern eine „Pastoral“ Mittelpunkt ist, hinter der sich nichts anderes als ein flaches und religiös verbrämtes bürgerschaftliches Engagement verbirgt.

Es entspricht der Neuen Welt der Kooperativen Pastoral, daß Priester im Gesichtsfeld der Bischöfe nicht mehr wirklich vorkommen. Schon in den Werbeorganen der meisten Diözesanstellen für Geistliche Berufe   –  heute: „Informationsstellen Berufe der Kirche“  –  rangiert der Priester irgendwo zwischen Ärzten, Krankenschwestern, Lehrern, Gemeinde- und Pastoralreferenten als der Beruf mit dem unklarsten Profil.

Was soll man dem jungen Interessenten über seine künftigen Aufgaben im “Pastoralraum“ sagen? Wird er jemals die Dimensionen seiner Weihevollmachten ausüben können. Wird er m.a.W. jemals ohne demokratische Legitimation Hirte sein können? Nein, sicher nicht!

Entsprechend mager sind auch die Anmeldezahlen in den Priesterseminaren. Als Gradmesser für den Stand der Begriffsverwirrung kann ohne weiteres gelten, daß die Priesternachwuchszahlen desto besser sind sind, je klarer ein Bischof sich für die Berufungen vor und nach der Weihe engagiert und je besser die Aussichten für den Kandidaten sind, später als Priester in all seinen Wesenzügen gefordert zu sein und nicht nur als „Sakramentenkasper“.

Hinzu kommt die Nähe des Bischofs zu seinen Priestern. Dort, wo der Bischof ein Ohr und Zeit für seine Priester hat – und zwar auch ganz individuell – ist es auch um den Priesternachwuchs besser bestellt. In der Regel aber ist es anders.

Beispiel: Bischöfliche Visitationen. Klitzekleine feigenblatthafte Zeitfenster werden hier für persönliche Gespräche zwischen Bischof und Priester eingeräumt. Den Löwenanteil an Zeit investiert man für Spaziergänge durch die Gremienlandschaft. Dialog gilt weniger für´s Vis-à-vis der Einzelnen als für die Gruppe.

Priester unter Generalverdacht

Wäre es anders, gäbe es die wirkliche Sorge der Deutschen Bischöfe in ihrer Mehrheit um ihre Priester, wären spontane Begegnungen zwischen Priester und Bischof nicht nur für jene Fälle reserviert, wo Priester alkoholkrank geworden sind oder Kinder gezeugt haben, dann wäre es auch sicherlich nicht zu jenem Husarenritt der Deutschen Bischofskonferenz gekommen, ihre Priester innerhalb eines kriminologischen Forschungsprojekts methodisch unter den Generalverdacht des sexuellen Mißbrauchs zu stellen und damit den wilden Tieren eines hysterisierten Öffentlichkeitszirkus ausgerechnet jenen Teil ihres „Pastoralpersonals“ vorzuwerfen, um den sie sich bis auf wenige rühmliche Ausnahmen sonst so gut wie nicht kümmern.

Nur ein geradezu pathologischer Mangel an Erdhaftung und die Unkenntnis der Gesetze medialer Strukturen kann hier dazu geführt haben, daß sich die Prälaten von den Ideengebern aus dem Umfeld des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz die Öffnung der Personalarchive und sogar der Bischöflichen Geheimarchive, die zum Schutz der Person strengster kanonischer Versiegelung unterliegen, als einen Freispruch vom Generalverdacht des sexuellen Mißbrauchs von Minderjährigen haben verkaufen lassen.

Daß damit unversehens die Spitze des Mißverhältnisses von Priestern und Bischöfen erreicht ist, haben sie offenbar nicht gesehen, was umgekehrt genau dies bestätigt: es gibt keinen Korpsgeist mehr im deutschen Klerus! Die Verwässerung der Sakramentalität der Kirche und die faktische Verbrennung des katholischen Priestertums auf den Altären einer synodal weichgespülten Wir-sind-Kirche-Reformation haben dafür gesorgt, daß das Immunsystem eines funktionierenden kirchlichen Organismus vollends zusammengebrochen ist.

Wo in den Zeiten des Nationalsozialismus und der moralischen Schauprozesse gegen Priester die Bischöfe sich generaliter hinter ihren Klerus stellten und damit auch eine Geschlossenheit in den Reihen der Gläubigen bewirkten, sind es heute die Bischöfe selbst, die die Priester solitär unter Absehung von allen anderen „kirchlichen Berufen“, die sie dem Forschungsvorhaben merkwürdigerweise nicht aussetzen, inkriminieren. Sieger sind in jedem Fall jene Kräfte aus dem Vorzimmer, die schon dem klassischen Filmpriester von Father Brown bis Don Camillo das Leben schwer gemacht haben.

Anders als dort arbeiten sie allerdings offenbar nicht nur an der Behinderung einzelner Priester, sondern gleich an der Vernichtung eines ganzen Standes.

Der Kriminaltango, den die Deutschen Bischöfe von ihren Klerikern durch das Forschungsprojekt zum Kindesmißbrauch auf öffentlicher Bühne zu tanzen verlangen, ist dabei kein Sonderfall. Im Gegenteil!

Er fügt nur dem Tanz auf dem Vulkan einer priesterfeindlichen Heterodoxie eine neue Spielart hinzu, passend zum Totentanz, den der deutsche Klerus schon seit langem vollführt.

Einzige Rettung: die Standfestigkeit des Pfarrers Guido Braun gegen Monsignore Mühlich. Sie allein wird vielleicht Bischof Hemmelrath überzeugen, daß er den Rezepten aus seinem Vorzimmer nicht länger blind vertrauen darf.

Quelle: Newsletter des Netzwerks katholischer Priester

Wir empfehlen zu diesem Themenfeld das fundierte Buch des Kirchenrechtlers Dr. Wolfgang Rothe, das wir hier rezensiert haben:

https://charismatismus.wordpress.com/2011/06/24/keine-pastoral-ohne-pastor/