Die Gegner der Kirche sitzen in ihr selber!

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Christian Weisner, der Sprecher der „Kirchenvolksbegehrer“ mit dem bescheidenen Namen „Wir sind Kirche“, konnte in der Kirchenzeitung der Erzdiözese München (15.11.2020, Nr. 46, S. 29) auf einer ganzen Seite seine „Reformbewegung“ darstellen.

Der Anlass war das sogenannte „Kirchenvolksbegehren“ vor 25 Jahren. Das Interview trägt den Titel „Eine Kirche der Gleichen“.

BILD: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum deutscher Katholiken“

Weisner bedauert darin, dass sie „nicht in den Synodalen Weg einbezogen sind. Es gibt aber gute indirekte Kontakte, vor allem zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken… Die Synode kann auch für die Weltkirche ein Angebot sein, dass hier in Deutschland… neue Wege gefunden werden können“.

Auf die Frage des Interviewers, wie Weiser die „Querschläge… die Instruktion im Sommer und die Äußerungen der Glaubenskongregation zum Abendmahl“ einschätze, meint er: „Ich würde mir von Papst Franziskus ein noch deutlicheres Ja zum Synodalen Weg wünschen… und es wäre sehr ungut, wenn einzelne Bischöfe oder Kardinäle über Rom versuchen würden, den Synodalen Weg zu stören“.

Gefragt nach seinen „Hoffnungen und Wünschen für die nächsten 25 Jahre“ gibt Weisener von sich:

„Es geht uns letztendlich, um das, was der biblischen Botschaft von einer Kirche der gleichen und der verschiedenen Charismen entspricht. Darum, die Ständeunterschiede, die Kluft innerhalb der Kirche zwischen Klerikern, Priestern, Bischöfen, Diakonen und dem allgemeinen Kirchenvolk zu überwinden. Wenn man auf die Kirchengeschichte schaut, sieht man, dass die Tradition der klerikalen, zentralen, absolutistischen Kirche eine sehr junge Tradition ist, die eigentlich erst im 19. Jahrhundert in der Zeit des ersten Vatikanischen Konzils erfunden und installiert worden ist…

Wichtig ist doch: Wie können Gemeinden überleben und gemeinsam Gottesdienst feiern? Und da darf es nicht mehr diese große Rolle spielen, ob Mann, ob Frau, ob verheiratet oder nicht verheiratet – wie es ja auch am Anfang nicht diese große Rolle gespielt hat“.

Ob die Münchner Kirchenzeitung auch einem Kirchenrechtler die Gelegenheit gibt, diese Aussagen von Christian Weisner zurückzuweisen, wäre eine interessante Frage. In jedem Fall ist seit 25 Jahren klar, welche Kirche die Initiative „Wir sind Kirche“ will.

Als das sogenannte „Kirchenvolksbegehren“ 1995 die damals schon existierende religiöse Unwissenheit der Leute ausnützte und die Bischöfe ihre Gläubigen ins Messer laufen ließen, statt in einem gemeinsamen Hirtenbrief vor der Rattenfängerei zu warnen – jeder wusste, dass das „Kirchenvolksbegehren“ kommen würde – da stand „Wir sind Kirche“ auf dem Zenit ihrer Bedeutung.

Daraus erklärt sich auch, dass „Publik Forum“ in einem 40-seitigen Dossier (26. Januar 1996) sehr offenherzig ihre Ziele und ihre Strategie beschrieben hat.

Im Dossier heißt es z.B.: “So wird der Gehorsam gegenüber Rom zum eigentlichen Problem für einen Dialog zwischen einem demokratisch, freiheitlich gesinnten Kirchenvolk und einer hierarchischen, diktatorisch strukturierten Kirchenführung. Der Wert dieses Kadavergehorsams muss vom Kirchenvolk öffentlich infrage gestellt werden.“

Dass die Kirchenzeitung der Erzdiözese München dem Sprecher „Wir sind Kirche“ anlässlich von 25 Jahren „Kirchenvolksbegehren“ eine volle Seite zur Vorstellung einräumt, kann nicht durch naive Unwissenheit erklärt werden. Es ist die fehlende Loyalität, die sich durch ähnliche kirchliche Gazetten und Medien durchzieht. Wir sind wieder einmal bei Joseph Ratzinger mit seiner Feststellung, die Gegner der Kirche sitzen vor allem in der Kirche selbst.


Neue Ordensgründungen nur noch mit Erlaubnis des Vatikan gültig

Bisher war es nicht verpflichtend, dass der Vatikan seine Einwilligung zur Gründung eines neuen Ordens gibt. Das Kirchenrecht (can. 579) schrieb nur eine Beratung mit dem Vatikan vor. Das ändert sich jetzt.

Mit seinem Motu proprio (so heißen wichtige Dekrete des Papstes) macht Papst Franziskus solche Neugründungen von der Zustimmung des Vatikans abhängig. Das Dekret, das an diesem Mittwoch veröffentlicht wurde, tritt am 10. November in Kraft.

Der im Original lateinische Text betont zwar, dass auch künftig die Ortsbischöfe über den kirchlichen Charakter und die Vertrauenswürdigkeit neuer „Institute des geweihten Lebens“ bzw. „Gesellschaften apostolischen Lebens“ zu befinden haben. In dieser Hinsicht büßen sie also keinerlei Macht ein. Allerdings mache es sich der Vatkikan zur Aufgabe, die Bischöfe „beim Prozess der geistlichen Unterscheidung zu begleiten“.

Auch künftig wird der Ortsbischof neue Institute des geweihten Lebens „mit einem formalen Dekret einrichten“ – nur dass er dazu eben „die vorige schriftliche Erlaubnis“ aus Rom braucht, denn es müsse verhindert werden, dass „unnütze oder kraftlose Institute“ entstehen, dass es zu einer „übermäßigen Vervielfältigung von einander sehr ähnlichen Einrichtungen“ kommt oder zu einem „Zerfall in zu kleine Gruppen“.

Quelle und vollständiger Text hier: https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-11/vatikan-motu-proprio-papst-orden-gruendung-rom-kirche-recht.html


Vatikan exkommuniziert T. Vlasic, den ehem. geistlichen Leiter der Medjugorje-Seher

Der bereits im Jahre 2009 mit einem Dekret von Papst Benedikt aus dem Klerikerstand entlassene Priester Tomislav Vlasic ist nun von der Glaubenskongregation exkommuniziert worden, was die stärkste Kirchenstrafe darstellt. Dies wurde dem zuständigen Bischof am 23. Oktober 2020 vom Vatikan mitgeteilt.

Der Franziskaner, der früher die Medjugorje-Seher geistlich betreut hat, lebt schon viele Jahre in der italienischen Diözese Brescia, wo er sich weiterhin priesterlich betätigte, obwohl ihm seit seiner Laiisierung jede seelsorgliche und sakramentale Tätigkeit untersagt war.

Die Kongregation für die Glaubenslehre hatte im Jahre 2008 eine Untersuchung gegen den Medjugorje-Pater eingeleitet wegen der Verbreitung zweifelhafter Lehren, einer Manipulation des Gewissens (von Gläubigen), verdächtiger Mystik, Ungehorsam gegenüber legitimen (kirchlichen) Anordnungen und wegen sexueller Vergehen.

In einer aktuellen Erklärung der Bistumsleitung von Brescia heißt es:

„Leider hat Herr Vlasic im Laufe der Jahre die Verbote, die ihm in der kanonischen Strafvorschrift der Glaubenskongregation vom 10. März 2009 auferlegt wurden, nie eingehalten…Er hat seine apostolischen Aktivitäten mit Einzelpersonen und Gruppen sowohl durch Konferenzen als auch mit computergestützten Mitteln fortgesetzt.

Er hat sich weiterhin als Ordensmann und Priester der katholischen Kirche präsentiert und die Feier ungültiger Sakramente simuliert. Er hat zudem einen ernsthaften Skandal unter den Gläubigen ausgelöst und Handlungen ausgeführt, die die kirchliche Gemeinschaft und den Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität ernsthaft beeinträchtigen.“

Quelle und vollständige Meldung (englischsprachig) hier: https://aleteia.org/2020/10/23/former-spiritual-director-of-the-6-medjugorje-visionaries-excommunicated/

Weitere Infos zu P. Vlasic hier: https://charismatismus.wordpress.com/2012/01/15/medjugorje-und-der-denkwurdige-werdegang-von-p-tomislav-vlasic/


Vatikan-Erklärung von 2003 zur staatlichen Anerkennung von Homo-Beziehungen

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

ERWÄGUNGEN ZU DEN ENTWÜRFEN EINER RECHTLICHEN ANERKENNUNG DER LEBENSGEMEINSCHAFTEN
ZWISCHEN HOMOSEXUELLEN PERSONEN

EINLEITUNG

1. Verschiedene Fragen bezüglich der Homosexualität sind in letzter Zeit mehrmals von Papst Johannes Paul II. und den zuständigen Dikasterien des Heiligen Stuhls erörtert worden.

Es handelt sich nämlich um ein beunruhigendes moralisches und soziales Phänomen, auch in jenen Ländern, in denen es in der Rechtsordnung keine Beachtung findet. Noch bedenklicher wird es aber in den Ländern, die den homosexuellen Lebensgemeinschaften eine rechtliche Anerkennung, die in einigen Fällen auch die Befähigung zur Adoption von Kindern einschließt, bereits gewährt haben oder gewähren wollen.

Die vorliegenden Erwägungen enthalten keine neuen Lehraussagen, sondern wollen die wesentlichen Punkte zu dem Problem in Erinnerung rufen und einige Argumente rationaler Natur liefern, die den Bischöfen bei der Abfassung von spezifischeren Stellungnahmen entsprechend den besonderen Situationen in den verschiedenen

Regionen der Welt helfen können; solche Stellungnahmen werden darauf ausgerichtet sein, die Würde der Ehe, die das Fundament der Familie bildet, sowie die Stabilität der Gesellschaft, deren grundlegender Bestandteil diese Institution ist, zu schützen und zu fördern.

Diese Erwägungen haben auch zum Ziel, die katholischen Politiker in ihrer Tätigkeit zu orientieren und ihnen die Verhaltensweisen darzulegen, die mit dem christlichen Gewissen übereinstimmen, wenn sie mit Gesetzesentwürfen bezüglich dieses Problems konfrontiert werden.

Weil es sich um eine Materie handelt, die das natürliche Sittengesetz betrifft, werden die folgenden Argumente nicht nur den Gläubigen vorgelegt, sondern allen Menschen, die sich für die Förderung und den Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft einsetzen.  

I. NATUR UND UNVERZICHTBARE MERKMALE DER EHE

2. Die Lehre der Kirche über die Ehe und die Komplementarität der Geschlechter legt eine Wahrheit vor, die der rechten Vernunft einsichtig ist und als solche von allen großen Kulturen der Welt anerkannt wird. Die Ehe ist nicht eine beliebige Gemeinschaft von menschlichen Personen. Sie wurde vom Schöpfer mit einer eigenen Natur sowie eigenen Wesenseigenschaften und Zielen begründet.

Keine Ideologie kann dem menschlichen Geist die Gewissheit nehmen, dass es eine Ehe nur zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts gibt, die durch die gegenseitige personale Hingabe, die ihnen eigen und ausschließlich ist, nach der Gemeinschaft ihrer Personen streben. Auf diese Weise vervollkommnen sie sich gegenseitig und wirken mit Gott an der Zeugung und an der Erziehung neuen Lebens mit.

3. Die natürliche Wahrheit über die Ehe wurde durch die Offenbarung bekräftigt, die in den biblischen Schöpfungsberichten enthalten ist und auch die ursprüngliche menschliche Weisheit zum Ausdruck bringt, in der sich die Stimme der Natur selbst Gehör verschafft.

Das Buch Genesis spricht von drei grundlegenden Aspekten des Schöpferplanes über die Ehe. Zum einen wurde der Mensch, das Abbild Gottes, «als Mann und Frau» geschaffen (Gen 1,27). Als Personen sind Mann und Frau einander gleich, in ihrem Mann- und Frausein ergänzen sie einander. Die Sexualität gehört einerseits zur biologischen Sphäre, wird aber andererseits im menschlichen Geschöpf auf eine neue, und zwar auf die personale Ebene erhoben, wo Natur und Geist sich miteinander verbinden.

Zum anderen wurde die Ehe vom Schöpfer als die Lebensform gegründet, in der sich jene Gemeinschaft unter Personen verwirklicht, die die Ausübung der Geschlechtlichkeit einbezieht. « Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch» (Gen 2,24). Schließlich wollte Gott der Einheit von Mann und Frau eine besondere Teilhabe an seinem Schöpfungswerk geben. Deshalb segnete er den Mann und die Frau mit den Worten: «Seid fruchtbar, und vermehrt euch» (Gen 1,28).

Nach dem Plan des Schöpfers gehören also die Komplementarität der Geschlechter und die Fruchtbarkeit zum Wesen der ehelichen Institution. Darüber hinaus ist die eheliche Gemeinschaft zwischen Mann und Frau von Christus zur Würde eines Sakramentes erhoben worden. Die Kirche lehrt, dass die christliche Ehe ein wirksames Zeichen des Bundes zwischen Christus und der Kirche ist (vgl. Eph 5,32). Diese christliche Bedeutung der Ehe schmälert keineswegs den tief menschlichen Wert der ehelichen Verbindung von Mann und Frau, sondern bestätigt und bekräftigt ihn (vgl. Mt 19,3-12; Mk 10,6-9).

4. Es gibt keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn. Die Ehe ist heilig, während die homosexuellen Beziehungen gegen das natürliche Sittengesetz verstoßen. Denn bei den homosexuellen Handlungen bleibt «die Weitergabe des Lebens […] beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen».

Homosexuelle Beziehungen werden « in der Heiligen Schrift als schwere Verirrungen verurteilt… (vgl. Röm 1,24-27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10). Dieses Urteil der Heiligen Schrift erlaubt zwar nicht den Schluss, dass alle, die an dieser Anomalie leiden, persönlich dafür verantwortlich sind, bezeugt aber, dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind ».

Dieses moralische Urteil, das man bei vielen kirchlichen Schriftstellern der ersten Jahrhunderte findet, wurde von der katholischen Tradition einmütig angenommen. Nach der Lehre der Kirche ist den Männern und Frauen mit homosexuellen Tendenzen « mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen ». Diese Personen sind wie die anderen Christen gerufen, ein keusches Leben zu führen. Aber die homosexuelle Neigung ist «objektiv ungeordnet», und homosexuelle Praktiken gehören «zu den Sünden, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen».  

II. HALTUNGEN GEGENÜBER DEM PROBLEM DER HOMOSEXUELLEN LEBENSGEMEINSCHAFTEN

5. Die zivilen Autoritäten nehmen gegenüber dem Phänomen der faktisch bestehenden homosexuellen Lebensgemeinschaften verschiedene Haltungen ein: Manchmal beschränken sie sich darauf, das Phänomen zu tolerieren; manchmal fördern sie die rechtliche Anerkennung solcher Lebensgemeinschaften mit dem Vorwand, hinsichtlich einiger Rechte die Diskriminierung jener Menschen zu vermeiden, die mit einer Person des gleichen Geschlechts zusammenleben; in einigen Fällen befürworten sie sogar die rechtliche Gleichstellung der homosexuellen Lebensgemeinschaften mit der Ehe im eigentlichen Sinn, ohne die rechtliche Möglichkeit zur Adoption von Kindern auszuschließen.

Wo der Staat eine Politik der Toleranz des Faktischen betreibt, die nicht das Bestehen eines Gesetzes einschließt, das solchen Lebensformen ausdrücklich eine rechtliche Anerkennung verleiht, müssen die verschiedenen Aspekte des Problems sorgfältig unterschieden werden. Das Gewissen fordert in jedem Fall, Zeugnis abzulegen für die ganze sittliche Wahrheit, der sowohl die Billigung homosexueller Beziehungen wie auch die ungerechte Diskriminierung homosexueller Menschen widerspricht.

Deshalb sind diskrete und kluge Stellungnahmen nützlich, die zum Beispiel folgenden Inhalt haben könnten: den instrumentalen oder ideologischen Gebrauch aufdecken, den man von einer solchen Toleranz machen kann; den unsittlichen Charakter dieser Art von Lebensgemeinschaften klar herausstellen; den Staat auf die Notwendigkeit hinweisen, das Phänomen in Grenzen zu halten, damit das Gewebe der öffentlichen Moral nicht in Gefahr gerät und vor allem die jungen Generationen nicht einer irrigen Auffassung über Sexualität und Ehe ausgesetzt werden, die sie des notwendigen Schutzes berauben und darüber hinaus zur Ausbreitung des Phänomens beitragen würde.

Jene, die diese Toleranz gebrauchen, um bestimmte Rechte für zusammenlebende homosexuelle Personen einzufordern, müssen daran erinnert werden, dass die Toleranz des Bösen etwas ganz anderes ist als die Billigung oder Legalisierung des Bösen. Werden homosexuelle Lebensgemeinschaften rechtlich anerkannt oder werden sie der Ehe gleichgestellt, indem man ihnen die Rechte gewährt, die der Ehe eigen sind, ist es geboten, klar und deutlich Einspruch zu erheben.

Man muss sich jedweder Art formeller Mitwirkung an der Promulgation und Anwendung von so schwerwiegend ungerechten Gesetzen und, soweit es möglich ist, auch von der materiellen Mitwirkung auf der Ebene der Anwendung enthalten. In dieser Materie kann jeder das Recht auf Einspruch aus Gewissensgründen geltend machen.  

III. RATIONALE ARGUMENTE GEGEN DIE RECHTLICHE ANERKENNUNG HOMOSEXUELLER LEBENSGEMEINSCHAFTEN

6. Um zu verstehen, weshalb es notwendig ist, sich in dieser Weise den Instanzen entgegenzustellen, die die Legalisierung der homosexuellen Lebensgemeinschaften anstreben, bedarf es einiger spezifischer ethischer Erwägungen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen bewegen.

In Bezug auf die rechte Vernunft

Die Aufgabe des staatlichen Gesetzes ist gewiss im Vergleich zu der des sittlichen Gesetzes von begrenzterem Umfang. Das staatliche Gesetz kann aber nicht in einen Widerspruch zur rechten Vernunft treten, ohne seinen das Gewissen bindenden Charakter zu verlieren.

Jedes von Menschen erlassene Gesetz hat den Charakter eines Gesetzes, insoweit es mit dem natürlichen Sittengesetz, das von der rechten Vernunft erkannt wird, übereinstimmt und insbesondere die unveräußerlichen Rechte jeder Person achtet.

Die Gesetzgebungen zu Gunsten der homosexuellen Lebensgemeinschaften widersprechen der rechten Vernunft, weil sie der Lebensgemeinschaft zwischen zwei Personen desselben Geschlechts rechtliche Garantien verleihen, die jenen der ehelichen Institution analog sind. In Anbetracht der Werte, die auf dem Spiel stehen, könnte der Staat diese Lebensgemeinschaften nicht legalisieren, ohne die Pflicht zu vernachlässigen, eine für das Gemeinwohl so wesentliche Einrichtung zu fördern und zu schützen, wie es die Ehe ist.

Man kann sich fragen, wie ein Gesetz dem Gemeinwohl widersprechen kann, das niemandem eine besondere Verhaltensweise auferlegt, sondern sich darauf beschränkt, eine faktische Gegebenheit zu legalisieren, die dem Anschein nach niemandem Unrecht zufügt. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, vor allem den Unterschied zu bedenken zwischen dem homosexuellen Verhalten als einem privaten Phänomen und demselben Verhalten als einer im Gesetz vorgesehenen und gebilligten sozialen Beziehung, aus der man eine der Institutionen der Rechtsordnung machen möchte.

Das zweite Phänomen ist nicht nur schwerwiegender, sondern hat eine sehr umfassende und tiefgehende Tragweite und würde die gesamte soziale Struktur in einer Weise verändern, die dem Gemeinwohl widerspräche.

Staatliche Gesetze sind Strukturprinzipien des Lebens der Menschen in der Gesellschaft, zum Guten oder zum Bösen. Sie spielen «eine sehr wichtige und manchmal entscheidende Rolle bei der Förderung einer Denkweise und einer Gewohnheit».

Lebensformen und darin sich ausdrückende Modelle gestalten das gesellschaftliche Leben nicht nur äußerlich, sondern neigen dazu, bei den jungen Generationen das Verständnis und die Bewertung der Verhaltensweisen zu verändern. Die Legalisierung von homosexuellen Lebensgemeinschaften würde deshalb dazu führen, dass das Verständnis der Menschen für einige sittliche Grundwerte verdunkelt und die eheliche Institution entwertet würde.

In biologischer und anthropologischer Hinsicht

7. Den homosexuellen Lebensgemeinschaften fehlen ganz und gar die biologischen und anthropologischen Faktoren der Ehe und der Familie, die vernünftigerweise eine rechtliche Anerkennung solcher Lebensgemeinschaften begründen könnten.

Sie sind nicht in der Lage, auf angemessene Weise die Fortpflanzung und den Fortbestand der Menschheit zu gewährleisten. Ein eventueller Rückgriff auf die Mittel, die ihnen durch die neuesten Entdeckungen im Bereich der künstlichen Fortpflanzung zur Verfügung gestellt werden, wäre nicht nur mit schwerwiegenden Mängeln an Achtung vor der menschlichen Würde behaftet, sondern würde diese ihre Unzulänglichkeit in keiner Weise beheben.

Den homosexuellen Lebensgemeinschaften fehlt auch gänzlich die eheliche Dimension, welche die menschliche und geordnete Form der geschlechtlichen Beziehungen ausmacht. Sexuelle Beziehungen sind menschlich, wenn und insoweit sie die gegenseitige Hilfe der Geschlechter in der Ehe ausdrücken und fördern und für die Weitergabe des Lebens offen bleiben.

Wie die Erfahrung zeigt, schafft das Fehlen der geschlechtlichen Bipolarität Hindernisse für die normale Entwicklung der Kinder, die eventuell in solche Lebensgemeinschaften eingefügt werden. Ihnen fehlt die Erfahrung der Mutterschaft oder der Vaterschaft. Das Einfügen von Kindern in homosexuelle Lebensgemeinschaften durch die Adoption bedeutet faktisch, diesen Kindern Gewalt anzutun in dem Sinn, dass man ihren Zustand der Bedürftigkeit ausnützt, um sie in ein Umfeld einzuführen, das ihrer vollen menschlichen Entwicklung nicht förderlich ist.

Eine solche Vorgangsweise wäre gewiss schwerwiegend unsittlich und würde offen einem Grundsatz widersprechen, der auch von der internationalen Konvention der UNO über die Rechte der Kinder anerkannt ist. Demgemäß ist das oberste zu schützende Interesse in jedem Fall das Interesse des Kindes, das den schwächeren und schutzlosen Teil ausmacht.

In sozialer Hinsicht

8. Die Gesellschaft verdankt ihren Fortbestand der Familie, die in der Ehe gründet. Die unvermeidliche Folge der rechtlichen Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften ist, dass man die Ehe neu definiert und zu einer Institution macht, die in ihrer gesetzlich anerkannten Form die wesentliche Beziehung zu den Faktoren verliert, die mit der Heterosexualität verbunden sind, wie zum Beispiel die Aufgabe der Fortpflanzung und der Erziehung.

Wenn die Ehe zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts in rechtlicher Hinsicht nur als eine mögliche Form der Ehe betrachtet würde, brächte dies eine radikale Veränderung des Begriffs der Ehe zum schweren Schaden für das Gemeinwohl mit sich. Wenn der Staat die homosexuelle Lebensgemeinschaft auf eine rechtliche Ebene stellt, die jener der Ehe und Familie analog ist, handelt er willkürlich und tritt in Widerspruch zu seinen eigenen Verpflichtungen.

Um die Legalisierung der homosexuellen Lebensgemeinschaften zu stützen, kann man sich nicht auf das Prinzip der Achtung und der Nicht-Diskriminierung jeder Person berufen. Eine Unterscheidung unter Personen oder die Ablehnung einer sozialen Anerkennung oder Leistung sind nämlich nur dann unannehmbar, wenn sie der Gerechtigkeit widersprechen.

Wenn man den Lebensformen, die weder ehelich sind noch sein können, den sozialen und rechtlichen Status der Ehe nicht zuerkennt, widerspricht dies nicht der Gerechtigkeit, sondern wird im Gegenteil von ihr gefordert. Auch auf das Prinzip der rechten persönlichen Autonomie kann man sich vernünftigerweise nicht berufen. Eine Sache ist es, dass die einzelnen Bürger frei Tätigkeiten ausüben können, für die sie Interesse hegen, und dass diese Tätigkeiten im Großen und Ganzen in den allgemeinen bürgerlichen Freiheitsrechten Platz haben.

Eine ganz andere Sache ist es, dass Tätigkeiten, die für die Entwicklung der Person und der Gesellschaft keinen bedeutsamen, positiven Beitrag darstellen, vom Staat eine eigene qualifizierte rechtliche Anerkennung erhalten. Die homosexuellen Lebensgemeinschaften erfüllen auch nicht in einem weiteren analogen Sinn die Aufgaben, deretwegen Ehe und Familie eine eigene qualifizierte Anerkennung verdienen. Es gibt jedoch gute Gründe zur Annahme, dass diese Lebensgemeinschaften für die gesunde Entwicklung der menschlichen Gesellschaft schädlich sind, vor allem wenn ihr tatsächlicher Einfluss auf das soziale Gewebe zunehmen würde.

In rechtlicher Hinsicht

9. Weil die Ehepaare die Aufgabe haben, die Folge der Generationen zu garantieren, und deshalb von herausragendem öffentlichen Interesse sind, gewährt ihnen das bürgerliche Recht eine institutionelle Anerkennung. Die homosexuellen Lebensgemeinschaften bedürfen hingegen keiner spezifischen Aufmerksamkeit von Seiten der Rechtsordnung, da sie nicht die genannte Aufgabe für das Gemeinwohl besitzen.

Nicht zutreffend ist das Argument, dass die rechtliche Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften notwendig wäre, um zu verhindern, dass die homosexuell Zusammenlebenden auf Grund der bloßen Tatsache ihres Zusammenlebens die wirksame Anerkennung der allgemeinen Rechte verlieren, die sie als Personen und als Bürger haben. In Wirklichkeit können sie jederzeit wie alle Bürger, ausgehend von ihrer persönlichen Autonomie, auf das allgemeine Recht zurückgreifen, um rechtliche Situationen von gegenseitigem Interesse zu schützen.

Es ist jedoch eine schwerwiegende Ungerechtigkeit, das Gemeinwohl und die authentischen Rechte der Familie zu opfern, um Güter zu erlangen, die auf Wegen garantiert werden können und müssen, die nicht für die ganze Gesellschaft schädlich sind.

IV. VERHALTENSWEISEN DER KATHOLISCHEN POLITIKER IN BEZUG AUF GESETZGEBUNGEN ZU GUNSTEN HOMOSEXUELLER LEBENSGEMEINSCHAFTEN

10. Wenn alle Gläubigen verpflichtet sind, gegen die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften Einspruch zu erheben, dann sind es die katholischen Politiker in besonderer Weise, und zwar auf der Ebene der Verantwortung, die ihnen eigen ist. Wenn sie mit Gesetzesvorlagen zu Gunsten homosexueller Lebensgemeinschaften konfrontiert werden, sind folgende ethische Anweisungen zu beachten. Wird der gesetzgebenden Versammlung zum ersten Mal ein Gesetzesentwurf zu Gunsten der rechtlichen Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften vorgelegt, hat der katholische Parlamentarier die sittliche Pflicht, klar und öffentlich seinen Widerspruch zu äußern und gegen den Gesetzesentwurf zu votieren.

Die eigene Stimme einem für das Gemeinwohl der Gesellschaft so schädlichen Gesetzestext zu geben, ist eine schwerwiegend unsittliche Handlung. Wenn ein Gesetz zu Gunsten homosexueller Lebensgemeinschaften schon in Kraft ist, muss der katholische Parlamentarier auf die ihm mögliche Art und Weise dagegen Einspruch erheben und seinen Widerstand öffentlich kundtun: Es handelt sich hier um die Pflicht, für die Wahrheit Zeugnis zu geben.

Wenn es nicht möglich wäre, ein Gesetz dieser Art vollständig aufzuheben, könnte es ihm mit Berufung auf die in der Enzyklika Evangelium vitae enthaltenen Anweisungen «gestattet sein, Gesetzesvorschläge zu unterstützen, die die Schadensbegrenzung eines solchen Gesetzes zum Ziel haben und die negativen Auswirkungen auf das Gebiet der Kultur und der öffentlichen Moral vermindern».

Voraussetzung dafür ist, dass sein «persönlicher absoluter Widerstand» gegen solche Gesetze «klargestellt und allen bekannt» ist und die Gefahr des Ärgernisses vermieden wird. Dies bedeutet nicht, dass in dieser Sache ein restriktiveres Gesetz als ein gerechtes oder wenigstens annehmbares Gesetz betrachtet werden könnte. Es geht vielmehr um einen legitimen und gebührenden Versuch, ein ungerechtes Gesetz wenigstens teilweise aufzuheben, wenn die vollständige Aufhebung momentan nicht möglich ist.  

SCHLUSS

11. Nach der Lehre der Kirche kann die Achtung gegenüber homosexuellen Personen in keiner Weise zur Billigung des homosexuellen Verhaltens oder zur rechtlichen Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften führen. Das Gemeinwohl verlangt, dass die Gesetze die eheliche Gemeinschaft als Fundament der Familie, der Grundzelle der Gesellschaft, anerkennen, fördern und schützen.

Die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften oder deren Gleichsetzung mit der Ehe würde bedeuten, nicht nur ein abwegiges Verhalten zu billigen und zu einem Modell in der gegenwärtigen Gesellschaft zu machen, sondern auch grundlegende Werte zu verdunkeln, die zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gehören. Die Kirche kann nicht anders, als diese Werte zu verteidigen, für das Wohl der Menschen und der ganzen Gesellschaft.

Papst Johannes Paul II. hat die vorliegenden Erwägungen, die in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden waren, in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten am 28. März 2003 gewährten Audienz approbiert und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 3. Juni 2003, dem Gedenktag der heiligen Märtyrer Karl Lwanga und Gefährten.

Joseph Card. Ratzinger, Präfekt
Angelo Amato, S.D.B., Titularerzbischof von Sila Sekretär

Quelle und ergänzender Anmerkungsapparat hier: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20030731_homosexual-unions_ge.html


Der Vatikan bekräftigt das moralische Verbot der Euthanasie und des assistierten Suizids

Am 14. Juli dieses Jahres erschien eine Erklärung der Glaubenskongregation unter Kardinal Ladaria, in welcher die kirchliche Ablehnung von Euthanasie und assistiertem Suizid (Selbstmord) deutlich betont, begründet und bekräftigt wird.

Wir zitieren hier aus diesem Dokument „Samaritanus Bonus“ die wesentlichen Abschnitte:

Im Rahmen ihrer Mission, den Gläubigen die Gnade des Erlösers und das heilige Gesetz Gottes zu vermitteln, das bereits in den

Bestimmungen des natürlichen Sittengesetzes wahrnehmbar ist, fühlt sich die Kirche verpflichtet, hier einzugreifen, um Unklarheiten in Bezug auf die Verkündigung des Lehramtes bzgl. Euthanasie und assistierten Suizids noch einmal auszuschließen, selbst in solchen Kontexten, in denen nationale Gesetze solche Praktiken legitimiert haben.

Insbesondere wirft die Verbreitung medizinischer Protokolle, die auf Situationen am Lebensende anwendbar sind, wie Do Not Resuscitate Order oder Physician Orders for Life Sustaining Treatment – mit all ihren Varianten in Abhängigkeit von nationalen Regelungen und Kontexten, die ursprünglich als Mittel zur Vermeidung des therapeutischen Übereifers in der Endphase des Lebens konzipiert wurden – heute ernsthafte Probleme in Bezug auf die Pflicht auf, das Leben von Patienten in den kritischsten Stadien der Krankheit zu schützen:

Einerseits fühlen sich die Ärzte tatsächlich zunehmend an die Selbstbestimmung gebunden, welche die Patienten in diesen Erklärungen zum Ausdruck bringen, und welche bereits dazu führt, die Ärzte der Freiheit und der Pflicht zu berauben, zum Schutz des Lebens zu handeln, auch dort, wo sie dies tun könnten, andererseits wirkt in einigen Kontexten des Gesundheitswesens der inzwischen breit angeprangerte Missbrauch besorgniserregend, der beim Gebrauch solcher Protokolle in der Perspektive der Euthanasie zustande kommt, wenn weder Patienten noch umso weniger ihre Familien bei der radikalen Entscheidung konsultiert werden.

Dies ist insbesondere in den Ländern der Fall, in denen die Gesetze zum Lebensende nach der Einführung der Praxis der Euthanasie viel Raum für Unklarheiten hinsichtlich der Anwendung der Fürsorgepflicht lassen.

Aus diesen Gründen ist die Kirche der Ansicht, dass sie als endgültige Lehre bekräftigen muss, dass die Euthanasie ein Verbrechen gegen das menschliche Leben ist, weil sich der Mensch mit dieser Handlung dazu entscheidet, den Tod eines anderen, unschuldigen menschlichen Lebewesens direkt herbeizuführen.

Die Definition der Euthanasie geht nicht von der Abwägung der betreffenden Güter oder Werte aus, sondern von einem hinreichend festgelegten moralischen Objekt, das heißt von der Wahl »eine[r] Handlung oder Unterlassung […], die ihrer Natur nach oder aus bewußter Absicht den Tod herbeiführt, um so jeden Schmerz zu beenden«.

»Bei Euthanasie dreht es sich also wesentlich um den Vorsatz des Willens und um die Vorgehensweisen, die angewandt werden«. Ihre moralische Bewertung und die daraus resultierenden Konsequenzen hängen daher nicht von einem Ausgleich von Grundsätzen ab, die, je nach Umständen und Leiden des Patienten, nach Ansicht einiger, die Beseitigung der kranken Person rechtfertigen könnten. Lebenswert, Autonomie, Entscheidungsfähigkeit und Lebensqualität sind nicht auf dem gleichen Niveau.

Euthanasie ist daher eine in sich schlechte Handlung, bei jeder Gelegenheit oder unter allen Umständen. Die Kirche hat in der Vergangenheit bereits endgültig festgestellt, »dass die Euthanasie eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes ist, insofern es sich um eine vorsätzliche Tötung einer menschlichen Person handelt, was sittlich nicht zu akzeptieren ist.

Diese Lehre gründet auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes, ist von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt. Eine solche Handlung setzt, je nach den Umständen, die Bosheit voraus, wie sie dem Selbstmord oder dem Mord eigen ist«.

Jedwede direkte formelle oder materielle Mitwirkung bei einer solchen Handlung ist eine schwere Sünde gegen das menschliche Leben: »Es kann ferner keine Autorität sie rechtmäßig anordnen oder zulassen. Denn es geht dabei um die Verletzung eines göttlichen Gesetzes, um eine Beleidigung der Würde der menschlichen Person, um ein Verbrechen gegen das Leben, um einen Anschlag gegen das Menschengeschlecht«.

Die Euthanasie ist daher eine mörderische Handlung, die von keinem Zweck legitimiert werden kann und die keine Form von Mittäterschaft oder Mitwirkung toleriert, weder aktiv noch passiv. Diejenigen, die Gesetze über die Euthanasie und assistierten Suizid billigen, sind deswegen Mittäter der schweren Sünde, die andere begehen werden. Sie sind auch des Ärgernisses schuldig, weil diese Gesetze dazu beitragen, das Gewissen, selbst bei den Gläubigen, zu deformieren.

Das Leben hat für jeden die gleiche Würde und den gleichen Wert: Der Respekt vor dem Leben des anderen ist der gleiche, den man seiner eigenen Existenz schuldet. Eine Person, die sich völlig frei dazu entscheidet, sich das Leben zu nehmen, bricht ihre Beziehung mit Gott und mit den anderen und verleugnet sich selbst als moralisches Subjekt.

Der assistierte Suizid erhöht dessen Schwere, da er einen anderen an seiner Verzweiflung beteiligt und ihn dazu veranlasst, den Willen nicht auf das Geheimnis Gottes mittels der theologischen Tugend der Hoffnung zu richten, folglich den wahren Wert des Lebens nicht anzuerkennen, und den Bund zu brechen, den die menschliche Familie ausmacht.

Dem Suizidenten Beihilfe zu leisten ist eine unrechtmäßige Mitwirkung bei einer unerlaubten Handlung, die der Beziehung zu Gott und der moralischen Beziehung widerspricht, welche die Menschen untereinander verbindet, damit sie die Gabe des Lebens teilen und am Sinn der eigenen Existenz teilnehmen.

Selbst wenn die Forderung nach Euthanasie aus Angst und Verzweiflung resultiert und, »obwohl in solchen Fällen die Schuld des Menschen vermindert sein oder gänzlich fehlen kann, so ändert doch der Irrtum im Urteil, dem das Gewissen vielleicht guten Glaubens unterliegt, nicht die Natur dieses todbringenden Aktes, der in sich selbst immer abzulehnen ist«.Gleiches gilt für den assistierten Suizid. Solche Praktiken sind niemals eine echte Hilfe für den Patienten, sondern eine Hilfe zum Sterben.

Es geht daher um eine immer falsche Entscheidung: »Medizinisches Personal und andere Angehörige der Gesundheitsberufe – der Aufgabe treu, „immer im Dienst des Lebens zu sein und es bis zum Ende zu unterstützen“ – dürfen sich nicht einmal auf Ersuchen des Betroffenen, und umso weniger seiner Verwandten, für die Durchführung jeglichen Euthanasieaktes zur Verfügung stellen. Tatsächlich gibt es kein Recht, willkürlich über das eigene Leben zu verfügen, so dass kein Mitarbeiter im Gesundheitswesen ein exekutiver Hüter eines nicht existierenden Rechtes werden kann«.

Deshalb sind Euthanasie und assistierter Suizid eine Niederlage für diejenigen, die sie konzipieren, die sie beschliessen und die sie praktizieren.

Daher sind die Gesetze, die Euthanasie legalisieren oder Suizid und Suizidbeihilfe rechtfertigen, schwer ungerecht, und zwar wegen des falschen Rechts, einen irrtümlich als würdig definierten Tod zu wählen, der nur deshalb würdig sein soll, weil er gewählt ist.

Solche Gesetze wirken sich auf die Grundlagen der Rechtsordnung aus: das Recht auf Leben, das jedes andere Recht trägt, einschließlich der Ausübung der menschlichen Freiheit. Die Existenz dieser Gesetze verletzt tief die menschlichen Beziehungen und die Gerechtigkeit, und bedroht das gegenseitige Vertrauen zwischen den Menschen zutiefst.

Quelle und vollständiger Text hier: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20200714_samaritanus-bonus_ge.html#1._Das_Verbot_der_Euthanasie_und_des_assistierten_Suizids


Der „Synodale Prozess“ in der Kirche schleppt sich mühsam weiter

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Warum ist der „Synodale Prozess“ so mühsam? Weil die Mehrheits- und die Minderheitsfraktion unterschiedliche Vorstellungen von Reform haben. Die Mehrheit ist an Strukturveränderungen interessiert, die Minderheit an Neuevangelisierung, ausgerichtet am Wort Gottes und der Lehre der Kirche.

BILD: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“

Pfr. Dr. Guido Rodheudt drückt das so aus: „Dass es sich nämlich bei der konkreten Verfassung und Ausrichtung des ‚Synodalen Weges‘ jenseits aller redlich bekundeten Absichten und Schönfärbungen um ein gigantisches, die katholische Kirche durch ihre Wesensverkennung schwer beschädigendes Unternehmen handelt“ (Vatikan-Magazin 8-9, 2020, S. 36).

Das Problem der sogenannten Reformvorhaben hat auch damit zu tun, dass sich der Relativismus in den Köpfen der Synodenmehrheit breit gemacht hat.

Noch einmal Dr. Rodheudt (siehe Foto):
Er zitiert zur Verdeutlichung kritisch die Pastoraltheologin Christiane Bundschuh-Schramm, Mitarbeiterin des Bischofs von Stuttgart-Rottenburg: „Die Wahrheit ist nicht unveränderlich, weil sie nicht etwas Objektives ist. Sie ist wandelbar, weil sie im Subjekt entsteht und folglich müssen wir Schluss machen mit überholten Gottesbildern und Denkmodellen“.

Mit einer solchen Geisteshaltung ist der demokratischen Mehrheit der Synodalen die Tür geöffnet und sie macht vor Abstimmungen auch über die Lehre der Kirche nicht Halt.

Diese synodale Gesinnung stieß inzwischen auf zwei Staumauern: Das Schreiben von Papst Franziskus zur Amazonassynode. Es öffnete nicht den erhofften Türspalt zum Frauendiakonat/Priesterweihe und zu den „Viri probati“.

Die Instruktion der Kleruskongregation beugt der Entmachtung des Pfarrers durch Teams vor, in welcher der Pfarrer einer von mehreren ist und jederzeit überstimmt werden kann. Eine Reihe von Bischöfen (Kohlgraf, Schick, Ackermann, Overbeck, Feige, Bode, Marx) übten heftige Kritik an dieser Instruktion. Andere Bischöfe (Woelki, Hanke, Ipolt, Meier, Oster, Voderholzer) halten die Instruktion für richtig, weil sie der Laienarbeit Raum bietet.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sieht durchaus Möglichkeiten, aus der Universalkirche auszuscheren. ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann meinte: Es helfe nicht, „wenn wir nur einen Einheitsbrei auf Weltkirchenebene, der für alle eine Gültigkeit hat, immer im Blick haben… Kirche ist wie alle anderen lebendigen Gemeinschaften von Ort zu Ort, von Land zu Land, von Voraussetzungen und Bedürfnissen her unterschiedlich“ (Passauer Bistumsblatt, Nr. 36, 6.9.2020, S. 3). Einen Weg, der aus der Universalkirche herausführt, werden wir nicht mitgehen!

Die Instruktion aus Rom war auch das Thema auf der Sitzung des „Ständigen Rates“ der 27 Diözesanbischöfe am 24. August 2020 in Würzburg. Die Bischöfe nahmen das Gesprächsangebot vom Präfekten der Kleruskongregation Kardinal Beniamino Stella an.

Allerdings will der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) Bätzing mit dem gesamten Präsidium des „Synodalen Prozesses“, d.h. mit seinem Stellvertreter, Bischof Bode, dem Präsidenten des ZdK Thomas Sternberg und der ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann in Rom anrücken. Das Gesprächsangebot galt aber nur den Bischöfen.

Die deutschen Bischöfe haben mehrheitlich einen lange praktizierten Anpassungskurs an die Haltung der mitgliederstarken katholischen Laienorganisationen im ZdK (KDFB, kfd, BDKJ), die von den Medien massiv unterstützt werden, toleriert. Sie haben das Heft nicht mehr in der Hand. Der bisherige Verlauf des „Synodalen Prozesses“ bestätigt das.

Das Surfen im Gegenwind von Synodenmehrheit und Medien gegenüber der o.a. römischen Instruktion zeigt Bischof Heiner Wilmer von Hildesheim in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung (AZ) vom 31.8.2020, S. 6.

Auf die Frage „In einer Vatikaninstruktion wurden Leitungs-Teams für Pfarreien aus Pfarrern und Laien ausgeschlossen. Können Sie die Verärgerung nachvollziehen?“ antwortet Wilmer: „Ich kann sie nachvollziehen, zumal die deutschen Bischöfe von der Instruktion nichts wussten“… Diese Vatikaninstruktion ruft das Kirchenrecht in Erinnerung. Sie bringt nichts Neues. Wilmer strapaziert ein Nichtwissen, das eigentlich nicht sein dürfte.

Der Interviewer: „Auch eine Reihe Ihrer Mitbrüder kritisierte das Papier, eine Art Verwaltungsanweisung, scharf als ‚wirklichkeitsfern‘. Es säe Misstrauen“. Wilmer: „Ich plädiere für eine differenzierte Betrachtung… (Papst Franziskus) geht es darum, dass das Volk Gottes der Hauptakteur der Evangelisierung sei“. Das stellt die Instruktion nicht infrage.

Interviewer: „Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz will den obersten deutschen Laienvertreter dazu (zum Gespräch in Rom) mitnehmen. Ob das Stella wohl passt?“ Zu diesem Affront bzw. Provokation antwortet Wilmer: „Ich gehe davon aus, dass sich auch die römische Behörde freut, wenn Getaufte Verantwortung übernehmen. Auch das wird von der Instruktion in keiner Weise behindert“.

Interviewer: „Was erhoffen Sie sich von dem Treffen im Vatikan?“:

Wilmer: „Ich erhoffe mir eine gute Gesprächskultur. Und ich erhoffe mir, dass wir die Umstände, in denen die Menschen jeweils leben, ernst nehmen. Die Frage ist doch: Wie können wir in Deutschland die Frohe Botschaft so leben und verkünden, dass sie uns trägt?“

Dem steht die Instruktion nicht im Wege und wenn Wilmer im weiteren Interview feststellt: „Wir sind nun einmal Kirche im Wandel“, wäre interessant, was er mit Wandel meint und wie er ihm begegnen will. Es gibt die Möglichkeit der gefügigen Anpassung an den Wandel oder einer Rückkehr zur Botschaft Jesu und zur Lehre der Kirche. Man würde Bischof Wilmer gerne zurufen: Kann es nicht etwas konkreter sein, Herr Bischof!

Nach der Generalversammlung und den Regionalkonferenzen bilanziert Regina Einig (Tagespost, 10.9.2020):
„Auf der Folie der Corona-Krise radikalisiert sich der ‚Synodale Weg‘. Weitgehende Wertungsfreiheit bestimmte den Austausch der Regionalkonferenzen. Wunschdenken, offene Häresie, unrealistische Forderungen, Analyse und dann und wann auch katholische Lehre stehen unsortiert nebeneinander. Von wenigen Ausnahmen abgesehen bleibt auch Abseitiges und Abstruses unbewertet und unkorrigiert stehen.“

Katholiken, die Reformen wollen, werden an der Seite jener Bischöfe stehen, die Maß am Wort Gottes und der Lehre der Kirche nehmen – auch wenn sie in der Minderheit sind.


Kardinal Sarah: Eine Internet-Messe ersetzt keine persönliche Teilnahme

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In einem Brief an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen bekräftigt Kardinal Robert Sarah (siehe Foto) die Notwendigkeit zur „Normalität des christlichen Lebens zurückzukehren“, wo der durch die Pandemie verursachte Gesundheitsnotstand dies zulässt:
Die Teilnahme an der Messe mit Hilfe von Medien sei nicht mit der physischen Teilnahme in der Kirche vergleichbar, so der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung.

Keine Übertragung sei mit einer persönlichen Teilnahme vergleichbar oder könne sie ersetzen.

Das Schreiben Sarahs hat den Titel „Kehren wir mit Freude zurück zur Eucharistie!“

Der Text, der an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der katholischen Kirche gerichtet ist, wurde am 3. September von Papst Franziskus gebilligt.

Die Pandemie aufgrund des neuen Corona-Virus habe nicht nur in der sozialen und familiären Dynamik, sondern auch im Leben der Kirche Umwälzungen hervorgerufen, bedauert der afrikanische Kurienkardinal.

Er erinnert daran, dass die gemeinschaftliche Dimension eine theologische Bedeutung habe. Gott rufe alle Menschen zur Beziehung zu ihm auf.

Während also „die Heiden Tempel bauten, die nur der jeweiligen „Gottheit“geweiht waren und zu denen die Menschen keinen Zugang hatten, bauten die Christen, sobald sie die Freiheit des Gottesdienstes genießen konnten, sofort Orte, die domus Dei et domus ecclesiae (Haus Gottes und Haus der Kirche) waren, wo die Gläubigen sich als eine Gemeinschaft Gottes erkennen konnten“.

Aus diesem Grund setzte „das Haus des HERRN die Gegenwart der Familie der Kinder Gottes voraus“. Die christliche Gemeinschaft habe nie die Isolation verfolgt und die Kirche nie zu einer Stadt mit geschlossenen Türen gemacht. 

Das Kirchengebäude sei das Zuhause und die Feier der Liturgie, insbesondere der Eucharistie, der „Gipfel, auf den das Handeln der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft entspringt“, zitiert Kardinal aus dem Konzilsdokument Sacrosanctum Concilium

Quelle und vollständiger Text hier: https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-09/vatikan-brief-sarah-wortlaut-deutsch-offiziell-corona.html?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=NewsletterVN-DE


Neue Sexaffäre aus dem Vatikan vor Gericht

Wegen Missbrauchsvorwürfen gegen einen hochrangigen Prälaten gab es am heutigen Montag (7.9.) eine erste kirchliche Anhörung im Bischöflichen Ordinariat Eichstätt.

Nach Informationen der BILD-Zeitung bestätigte der Eichstätter Bischof Gregor M. Hanke, es gäbe Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe (siehe hier).

Im Frühjahr dieses Jahres hatte die Staatsanwaltschaft Ingolstadt bereits ein Ermittlungsverfahren gegen den deutschen Prälaten eröffnet.

Auch die theologisch konservative Nachrichtenseite „Lifesitenews“ schreibt online am 5. September über diese Causa eines ehem. Kirchen-Diplomaten, der derzeit den „Vatikan erschüttern“ würde. Zugleich behandelt das amerikanisch-kanadische Portal, das sonst vor allem Lebensrechtsthemen aufgreift, die Frage, ob die Kurie hierbei eine Strategie der „Vertuschung“ angewandt habe oder nicht.  

Der bekannte Erzbischofs Carlo Maria Viganò soll diese Vorwürfe am 3. Juli 2006 den Vorgesetzten des vatikanischen Staatssekretariats vorgelegt und am 22. Januar dieses Jahres in einer kirchlichen Untersuchung ein Zeugnis für die ihm dazu vorliegenden Informationen gegeben haben.

Zudem habe der Erzbischof mittlerweile auch Kardinal Pietro Parolin über diese Causa unterrichtet. Viganò war einst Personalchef von Papst Benedikt und wurde weltweit bekannt, als er den Missbrauchskandal um Ex-Kardinal McCarrick aufdeckte.

Auf Lifesitenews-Anfrage habe die vatikanische Pressestelle geantwortet, die Vorwürfe hinsichtlich des Monisgnore würden inzwischen von kirchlichen und weltlichen Behörden geprüft.

 Aus Sicht der bekannten Lifesitenews-Autoren John Henry Westen und Dr. Maike Hickson handelt es sich um ernst zu nehmende Vorwürfe bezüglich eines „homosexuellen Missbrauchskandals“ innerhalb vatikanischer Mauern aus der Amtszeit von Papst Benedikt, die sich auf einen früheren Mitarbeiter  des Staatssekretariats beziehen würden.

Der erwähnte Artikel weist zudem darauf hin, daß sich Papst Johannes Paul II. einst in der Causa Marcial Maciel nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. Pater Dr. Macial war Gründer und Leiter der Legionäre Christi, der im Vatikan wohlgelitten war, auch nachdem schon jahrelang homo- und pädosexuelle Missbrauchsvorwürfe gegen ihn vorlagen. Dem Pontifex fehlte wohl die nüchterne Menschenkenntnis, zumal sich Macial „als Konservativer tarnte“, wie Lifesitenews schreibt.

Erst nach der Wahl von Benedikt XVI. wurden kirchenrechtliche Strafmaßnahmen gegen den Legionärs-Gründer verfügt und der täuschende Spuk dieses Heuchelspieles fand damit im Jahre 2006 endlich ein Ende.

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Coronakrise 2020: Darf die Kirche auf ihr Grundrecht der Religionsfreiheit verzichten?

Von Dr. Heinz-Lothar Barth

Das, was im Frühjahr 2020 in Folge der Covid 19-Epidemie vorgefallen ist, hat zu Recht die Gemüter fast aller Menschen irgendwie berührt, ja oft erschüttert, wobei wir in Deutschland noch relativ glimpflich davongekommen sind.

Im folgenden wollen wir nicht im großen Stil die Maßnahmen der Politiker kommentieren, deren Radikalität in manchen anderen Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich mit totalen Ausgehverboten noch einschneidender waren. Da ist sicher aber einiges auch bei uns schiefgelaufen.

Eine kritische Vorüberlegung

Das wird schon an einem besonders auffälligen Beispiel gleichsam symbolhaft deutlich. Man betrachte nur, wie man mit den Schutzmasken umgegangen ist: „Sie waren erst schädlich, dann überflüssig, schließlich nützlich und heute sind sie unbedingt notwendig.“[1]

In einem Interview vom 17. April riet selbst Prof. Christian Drosten noch vom Tragen der Mund-Nase-Schutzmasken ab[2] (wie übrigens zuvor auch die WHO und das Robert Koch-Institut), dann aber wurden sie unter drastischen Geldstrafen für bestimmte Bereiche (Geschäfte, Busse und Eisenbahn) sogar verbindlich vorgeschrieben.

An eine Aufhebung dieser Verordnung ist nicht zu denken, obwohl der „Maulkorb“ fast immer falsch gehandhabt wird und mindestens dadurch mehr gesundheitlichen Schaden anrichtet als er nützen könnte – von Menschen mit Schwächen der Atemwege und Belastung unter großer Sommerhitze einmal ganz abgesehen.

Jüngst nahm der Bonner Virologe Prof. Hendrik Streeck, in einigen Fragen Antipode seines Kollegen Drosten, warnend zum Gebrauch der Maske Stellung. Der Bonner „General-Anzeiger“ (11./12. Juni 2010, 28) titelte: „Maske als Nährboden für Mikroben. Bonner Virologe warnt vor falschem Gebrauch“.

Da man die verantwortlichen Politiker weder als Vollidioten noch als Sadisten einschätzen möchte, drängt sich vielen Zeitzgenossen ein dringender Verdacht auf: Auf solche Weise soll offenbar  das Symbol der „Neuen Normalität“[3] (so bezeichnen Politiker wie Bundeskanzlerin Merkel die jetzige Situation, „Realität“ oder „Wirklichkeit“ scheinen nicht auszureichen) weiter stets sichtbar bleiben, die Bevölkerung an den Krisenmodus erinnern und dadurch eine gewisse Stimmung der Angst aufrecht erhalten. Wohl nicht ganz ohne Grund sprach Stefan Homburg, Professor für Finanzwissenschaften in Hannover, von der „Sklavenmaske“[4].

Das war, bei aller rhetorischen Übertreibung, schon deshalb nicht ganz unberechtigt, weil das Gesicht in besonderer Weise mit der durch Art. 1 GG geschützten Würde des Menschen zusammenhängt. Denn diese zeichnet ihn als Ebenbild Gottes aus.[5]  

Die Entstellung des Gesichts erschwert auch die so notwendige Kommunikation mit dem Nächsten, der ja seinerseits ebenso ein entsprechendes vernunft- und sprachbegabtes Geschöpf, ja Ebenbild Gottes ist. Nicht ohne Grund war ein Leserbrief von Dr. Paul Georg Fischer aus Augsburg in der katholischen Zeitschrift Die Tagespost mit der Überschrift versehen „Das Gesicht ist Ort der Gottesbegegnung“. (DT vom 4. Juni 2020)

Da mir zu einer ganz sicheren Beurteilung der getroffenen Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen aber zuverlässige naturwissenschaftliche Kenntnisse fehlen (immerhin sind sich allerdings auch die Fachleute weltweit keineswegs einig!), möchte ich mich auf diesem Gebiet eher zurückhalten. Freilich kann ich nicht gänzlich auf die eine oder andere Bemerkung verzichten, ohne die die Dramatik der kirchlichen Einschränkungen nicht in vollem Umfang zu verstehen wäre.

Die Kirche in der Coronaepidemie

Wir wollen uns in den folgenden Zeilen auf das Verhalten der staatlichen Behörden gegenüber den Kirchen[6] in Deutschland und auf die Reaktionen der katholischen Bischöfe konzentrieren, wie es sich für einen theologischen Beitrag gehört. Hier ist es zu einer Einschränkung des Kultes gekommen, die historisch ihresgleichen sucht, für die Geschichte Deutschlands in den letzten Jahrhunderten stehen die Maßnahmen jedenfalls singulär dar.

Sobald mir Mitte März 2020 die verfügten Gottesdienstverbote bekannt wurden, habe ich darauf als einer der Ersten mit einem Leserbrief an die katholische Zeitung „Die Tagespost“ reagiert, zu dem ich dann einige Zeit später aus gegebenem Anlaß einen weiteren hinzufügte.

Zunächst lege ich diese Zuschriften, die beide abgedruckt wurden (die erste am 19. 3., die zweite 14. 5.), in unwesentlich veränderter Fassung hier noch einmal vor, da sie bereits wesentliche Punkte der m. E. unbedingt notwendigen Kritik enthalten. 

Erster Leserbrief:

Nun sollen alle Gottesdienste bis zum 19. April ausfallen, also über die Karwoche und Ostern, den Höhepunkt des Kirchenjahres. Bei allem Verständnis für notwendige Schutzmaßnahmen wegen der Covid 19-Epidemie: Wieso dürfen auf der anderen Seite z. B. Baumärkte offen bleiben, wo man sich besonders nahekommt? Die Kirche hat früher in Seuchenzeiten vermehrt Gottesdienste abgehalten, so z. B. unter dem Mailänder Erzbischof Federico Borromäus im 17. Jh.; man erinnere sich an Manzonis Roman „I promessi sposi“ („Die Verlobten“ oder „Die Brautleute“). Gewisse Vorsichtsmaßnahmen wurden dabei sicher auch damals nicht mißachtet.

Es existiert in der klassischen römischen Liturgie übrigens sogar ein eigenes Meßformular „Zur Abwehr von Sterblichkeit“ („Tempore mortalitatis“), an das man sich vielleicht erinnern sollte. Der bekannte Staatsrechtler Christian Hillgruber aus Bonn schrieb mir auf meine Anfrage zur juristischen Beurteilung eines solchen Vorgehens von seiten der Politiker: „Staatliche Eingriffe in die Religionsfreiheit müssen angemessen sein; das erfordert, dass so etwas wie die ‚religiöse Grundversorgung’ gewährleistet sein muss.“

Und er schlug vor, „mehr und nicht weniger Messen zu lesen, um auf diese Weise bei gleichmäßigem Messbesuch den Abstand zwischen den Einzelnen so vergrößern zu können, dass die Ansteckungsgefahr vergleichbar niedrig gehalten wird.“ Warum wehren sich die deutschen Bischöfe auf der juristischen Ebene nicht? Wofür bezahlen wir den Klerus mit unseren Kirchensteuergeldern? In Italien waren die Bischöfe sogar mit Meßverboten vorangeprescht! – Soweit der erste Leserbrief.

Leider gilt das, so kann man ergänzen, auch für Papst Franziskus mit seinem riesigen Petersdom, wo er doch mühelos etliche Gläubige mit entsprechendem Sicherheitsabstand an den Messen hätte teilnehmen lassen können, zumal da er souveränes Staatsoberhaupt der Vatikanstadt ist und sich nicht unbedingt und in aller Radikalität an italienische Bestimmungen halten muß. Sein einsames Gebet für die ganze Welt vor dem Pestkreuz aus San Marcello und dem Marienbildnis „Salus Populi Romani“ (die leider beide durch den einsetzenden Regen leichten Schaden erlitten) auf dem Petersplatz mit anschließendem Segen „Urbi et Orbi“ war allerdings eine beeindruckende Geste.[7]

Zweiter Leserbrief

Man mag die eine oder andere Formulierung des Internetaufrufs Veritas liberabit vos von Erzbischof Carlo Maria Viganò, Kardinal Gerhard Ludwig Müller und weiteren Bischöfen, z. Auxiliarbischof Laun, kritisieren. Man müßte aber zugleich erwähnen, worum es den Verfassern vor allem geht: Sie wollen weltweit die Freiheit der Menschen allgemein und insbesondere die bedrohte Religionsfreiheit schützen, die bei uns im Art. 4 GG fixiert ist.

Hierfür setzen sich in Deutschland seit Wochen auch namhafte Verfassungsrechtler ein. Die Regierungen vieler Staaten haben Gottesdienste mit Gläubigen rigoros verboten, während sie bei anderen Veranstaltungen großzügiger waren. Gerade für die katholische Kirche entspricht die Feier der hl. Messe göttlichem Auftrag. Hierauf kann sie nicht verzichten.

Einzelnen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie verweigert sie sich natürlich nicht. Leider reagierten auch einige deutsche Bischöfe beinahe aggressiv auf den Aufruf ihrer Mitbrüder im hohen Amt. Der Grund liegt auf der Hand: Genau dieser Pflicht zum geistlichen Schutz ihrer Herde und des ihnen anvertrauten höchsten religiösen Gutes sind sie nicht im gebotenen Umfang nachgekommen. 

Soweit der zweite Leserbrief.

Unsinnige Verschwörungstheorien?

Als weiteres Zeitdokument aus dem Kampf für die Freiheit der katholischen Religion übernehmen wir mit Zustimmung der Verfasserin einen Leserbrief von Felizitas Küble aus Münster (abgedruckt in der DT vom 14.5.2020).

Unfaire Kampagne gegen Kardinal Müller

Die Angriffe vieler Medien, aber auch mancher kirchlicher Amtsträger gegen Kardinal Gerhard Müller sind ebenso unsachlich wie unfair. So schreibt die linke Tageszeitung „taz“ in einer Schlagzeile, er sei im „braunen Milieu“ angekommen – und der Generalvikar von Essen wirft dem ehem. Glaubenspräfekten wegen dessen Unterzeichnung des  Viganò-Aufrufs öffentlich „krude Verschwörungsmythen“ vor.

Sachkritik ist das eine, Diffamierung das andere. Schließlich hat der Kardinal selber –  auch im Interview mit Ihrer Zeitung  –  zu einer kontroversen Debatte über dieses Manifest aufgerufen und erklärt, er habe damit zu Nachdenklichkeit und Diskussion aufrütteln wollen. Tatsächlich sollte es doch um die Grundanliegen gehen und nicht darum, „jeden Satz auf die Goldwaage zu legen“, wobei der strittige Appell ohnehin nicht von Kardinal Müller, sondern von Erzbischof Viganò verfaßt wurde.

In Ihren Interview-Fragen wird zweimal bemängelt, das Manifest führe keine Belege für seine Aussagen an. Dabei dürfte klar sein, dass ein öffentlichkeitswirksamer Aufruf keine akademische Arbeit mit Anmerkungsapparat darstellt, sondern bestimmte Anliegen mehr oder weniger schlagwortartig auf den Punkt bringt – und das nicht selten zugespitzt, zumal bei einem „Weckruf“ zu aktuellen Fragen.

Der Vorwurf gegen den Viganò-Appell gilt vor allem seiner Warnung vor dem Streben nach einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entziehe. Diese Besorgnis ist für sich genommen kein „Verschwörungsmythos“ – und zugleich kann nüchtern beobachtet werden, dass die Forderung nach einem Weltstaat verstärkt von prominenter Seite erhoben wurde – wobei die Coronakrise teils durchaus für dieses Gedankengut vereinnahmt wird.

Der frühere britische Premierminister Gordon Brown hat die Viruspandemie im März dieses Jahres zum Anlaß genommen, um seine schon länger vertretene Forderung nach einer Weltregierung zu bekräftigen. Zur selben Zeit erklärte der langjährige „Spiegel“-Auslandskorrespondent Bernhard Zand: „Falls es der Klimawandel und die Migrationstragödien der letzten Jahre noch nicht bewiesen haben – Covid-19 beweist es uns jetzt von Tag zu Tag: Krisen wie diese bräuchten eine Art Weltregierung – so vorläufig und unvollkommen sie unter dem Druck der sich überschlagenden Ereignisse auch sein mag.“

Auch ein finanzstarker Lobbyist wie Bill Gates, der mit seiner Stiftung erheblichen Einfluss  – auch auf die Weltgesundheitsorganisation  –  ausüben kann, sehnt sich offenbar nach einem Weltstaat. Im Gespräch  mit der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte er bereits im Januar 2015 sein entsprechendes Plädoyer mit seuchenschutzpolitischen Motiven. „Gäbe es so etwas wie eine Weltregierung, wären wir besser vorbereitet“, betonte er damals.

Für ein solches Megaprojekt plädieren zudem namhafte Personen des öffentlichen Lebens, darunter der Soziologe Jürgen Habermas oder der Philosoph Richard Rorty. Auch in der Politikwissenschaft ist das Thema seit langem verankert. Meist wird dabei über eine strukturelle Stärkung der UNO mit dem Ziel eines Weltstaates debattiert, was bereits der frühere schwedische UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld anstrebte.

Es ist also legitim und durchaus keine „krude Verschwörungstheorie“, hinsichtlich des Themas Weltregierung öffentlich seine Besorgnis zu äußern  – abgesehen davon, dass von einem Weltstaat auch in der Heiligen Schrift die Rede ist (vgl. Apokalypse, Kap. 13)   – und zwar hinsichtlich einer endzeitlichen Weltherrschaft des Antichristen.

Sicherlich gibt es bei Debatten über dieses Themenspektrum auch tatsächlich wirre Köpfe und abstruse Komplott-Ideen   – aber ein Zerrbild spricht nicht gegen die Sache selbst und kann kein Tabu oder Quasi-Diskussionsverbot begründen.

Soweit der Leserbrief.

Auf Felizitas Kübles Blog Christliches Forum findet man in den Monaten Mai und Juni noch weitere Argumente, die die unfairen Angriffe gegen angebliche „Verschwörungstheoretiker“ widerlegen. Nur ein Beispiel: „ZEIT-Korrespondentin Andrea Böhm wünscht sich dringend eine Weltregierung“ (Christliches Forum vom 7. Juni 2020).

Viele derartige Stimmen betonen immer wieder, daß eine solche einheitliche Weltführung notwendig sei, um nicht nur die Gefahren von Seuchen einzudämmen, sonder auch um den (angeblichen) Klimanotstand (womit nicht bestritten werden soll, daß es durchaus massive Umweltprobleme gibt!) zu beseitigen und die weltweite Migration zu steuern.

Einen ausgewogenen Beitrag zu dieser Diskussion hat jüngst auch der katholische Politikwissenschaftler Prof. Felix Dirsch in einem Interview geleistet: Warnungen vor einer Weltregierung stellen keinen Verschwörungsmythos dar. Der von vatikanischen Würdenträgern initiierte Aufruf „Veritas liberabit vos“ hat eine faire Diskussion verdient (Kirchliche Umschau 23,6/2020, 7-12).

Freimaurerei und Welteinheitsregierung

Es möge mir gestattet sein, den zuletzt zitierten Leserbrief, der gattungsbedingt keine genauen Belege nennt, die man aber im Internet leicht finden kann, noch um einige Gedanken zu ergänzen.

Schon das II. Vatikanum hat hier einen gefährlichen Weg eingeschlagen, weil nach katholischem Glauben ein Zusammenwachsen der Menschheit nicht in irgendeinem abstrakten Humanismus, sondern nur in der Wahrheit, sprich in Jesus Christus möglich ist.

So heißt es in GS 55[8]: „Immer größer wird die Zahl der Männer und Frauen jeder gesellschaft­lichen Gruppe und Nation, die sich dessen bewußt sind, selbst Gestal­ter und Schöp­fer der Kultur ihrer Gemeinschaft zu sein. Immer mehr wächst in der ganzen Welt der Sinn für Autonomie (vgl. auch GS 36,1) und zugleich für Verantwort­lich­keit, was ohne Zweifel[9] für die geistige und sitt­liche Reifung der Menschheit von größter Bedeutung ist. Die­se tritt noch deutlicher in Erscheinung, wenn wir uns die Einswerdung der Welt und die uns auf­erlegte Aufgabe vor Augen stel­len, eine bessere Welt in Wahrheit und Gerechtigkeit aufzubauen. So sind wir Zeugen der Geburt eines neuen Humanismus, in dem der Mensch sich vor allem von der Verantwor­tung für seine Brüder und die Ge­schichte her ver­steht.“

Der erbitterte Kampf jener „aufklärerischen“ Aktivi­sten des 18. und 19. Jahrhunderts, wie sie sich besonders deutlich in den Logen artikulierten, galt sowohl der christlichen Wahrheit als auch dem Vaterland. Das er­klärte höchste Ziel war dabei letzt­lich der areli­giöse oder, so die meisten Vertreter derartiger Konzepte, eher noch der synkretistische Welt­einheits­staat.

Man lese hierzu nur einmal Lessings berühmte „Freimäu­rer­gespräche“, wo sich folgende Sätze finden, die die beiden Unterredner, Ernst und Falk, vortragen: „Nicht genug, daß die bürgerliche Gesell­schaft die Men­schen in ver­schiedene Völker und Religionen teilet und trennt.“ – „Wie, wenn es die Frei­mäurer wären, die sich mit zu ihrem Geschäfte gemacht hätten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden, so eng als möglich wieder zusammen zu ziehen?“ – „Denn allenfalls dächte ich doch, so wie du angenommen hast, daß alle Staaten einerlei Ver­fassung hätten, daß sie auch wohl alle einerlei Religion haben könn­ten. Ja ich begreife nicht, wie einerlei Staats­verfassung ohne einer­lei Religion auch nur möglich ist.“[10]

Manch einer mag vielleicht glau­ben, hier werde eine Ideolo­gie des 18. Jahrhunderts vorgetragen, die mittler­weile historisch über­holt sei. Man nehme jedoch zur Kennt­nis, daß anläßlich einer szeni­schen Darbietung des Les­singschen Dialogs das offizielle deutsche Freimaurer­magazin „Humani­tät“ im Jahre 1999 von „zeitlos gültigen Aussagen über Freimaurerei“ sprach und gerade den auch von uns oben an zweiter Stel­le angeführten Satz wörtlich zitierte.[11]

Man ver­gleiche auch fol­gen­de Aussage aus dem gültigen „Ritu­al­buch“ der deut­schen „Großloge der Alten Freien und Angenom­menen Maurer“: „Seine (d. h. des Uni­ver­sums, H-L B) irdische Ent­spre­chung ist der Tempel der Humanität, dem wir als lebendige Bausteine und Werkzeuge dienen. Er ist das Symbol einer idealen Welt, der Religion geweiht, in der alle Menschen übereinstimmen, um die Mensch­heit einem besseren und glück­licheren Leben näherzubringen.“[12]

Katholische Stellungnahmen zur Welteinheitsregierung

Solche aufklärerisch-freimaurerischen Gedan­ken lassen sich mittler­weile sogar in einer Fülle katholischer Publika­tionen nachwei­sen – womit im übrigen keineswegs behauptet werden soll, daß die entsprechenden Verfasser immer selbst Mitglieder von Logen sein müßten; vielmehr ist deren Denken heute einfach weitgehend zum Allgemeingut geworden.

Hier nur ein einziges Beispiel, das deshalb besonders aufschlußreich ist, weil der Autor seine wahren Absichten nicht verschleierte:

Fried­helm Hengsbach, damals Direktor des Oswald von Nell-Breuning Instituts für Wirtschafts- und Gesellschafts­ethik an der Philosophisch-theologi­schen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, setzte sich für eine „zukünftige Weltgesellschaft“ auf der Basis einer „dialogi­sche(n) Multikul­tur“ ein, die im Augen­blick u. a. noch von denjenigen behindert werde, „die sich an national geprägten Werten und Ordnungs­gefügen orientieren“. Mit entwaffnender Ehrlich­keit bezeichnete Hengs­bach „die jetzt noch beobachtbare kultu­relle Pluralität“ als eine bloße „Zwischenphase und Zwischenwelt“, das erstrebte Ziel sei „die eine Weltkultur“, der „Eine Welt-Kapitalismus“![13]

Man sieht, wie weit derartige Pläne des von Hengsbach vorhergesagten „Eine Welt-Kapitalismus“ vom Modell eines christlichen Univer­salismus entfernt sind, der die wahren Rechte des Individuums schützt und zugleich den Nationen mit ihren jeweiligen Kultu­ren nicht ihr Eigen­recht nimmt, alles aber in eine höhere, am dreifal­tigen Gott orien­tier­te Ordnung einbindet – eine Ordnung, von der z.B. die Re­formpläne des letzten Habsburger-Kaisers, des seligen Karls I., geprägt wa­ren.[14]

Christian Geyer dürfte den (meist wohl eher indirekten) Einfluß freimaureri­schen Gedanken­guts auf weitreichende Tendenzen innerhalb der nachkonziliaren katho­lischen Kirche nicht überbe­wertet haben, wenn er schrieb: „Schließ­lich scheint auch das einstige metaphysische Sondergut der Freimaure­rei zum religiösen Allgemeingut geworden zu sein. Zumindest sieht es so aus, als gehöre die Anerken­nung eines deistischen ‚Großen Baumei­sters aller Welten‘, die vor noch nicht allzu langer Zeit von der katholischen Kirche mit der Exkommunikation belegt wurde, inzwischen auch in kirchlichen Kreisen zum interreligiös vertretbaren Glaubens­gut, solange sich damit dem Ethos der einen Welt näher kommen und dem clash of cultures vorbeugen läßt.“[15]

Ganz auf dieser Linie liegend, erklärte der damalige Trierer Diözesan-Bischof Hermann Josef Spital in seiner Silvester­predigt zum Übergang ins Jahr 2000: „Wir bräuchten dringend eine Weltregierung – aber wir haben keine. Wie wir den unaufhaltsamen Prozeß der Globalisierung bewältigen, wissen wir nicht.“[16]      

Selbst Papst Benedikt XVI. schrieb in seiner Enzyklika Caritas in veritate (Nr. 67) Gedanken nieder, die zur Rechtfertigung einer gefährlichen politischen Entwicklung herangezogen werden könnten, wohl nicht unbedingt müßten. So forderte er zur Bewältigung internationaler Aufgaben „das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität“ („vera Auctoritas politica mundialis“); sie müsse „über wirksame Macht verfügen, um für jeden Sicherheit, Wahrung der Gerechtigkeit und Achtung der Rechte zu gewährleisten.“

Vor allem gehe es darum, „eine geeignete vollständige Abrüstung („tota armamentorum ademptio“) zu verwirklichen, die Sicherheit der Ernährung und des Friedens zu erreichen, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren („migrantium turmae ordinentur).“

Was soll die Welteinheitsregierung politisch bewirken?

Wird es also keine Kriege mehr geben können – trotz der erbsündlichen Belastung aller Menschen? Bräuchte man demnach auch keine Verteidigungsarmeen mehr aufzustellen, wie sie die Deutsche Bundeswehr ursprünglich gewesen war (Art. 26 und 87 a GG)? Soll etwa Kants utopischer Ansatz vom „ewigen Frieden“ Wirklichkeit werden? Hat das die UNO – trotz einiger nicht zu bestreitender Erfolge[17] – bisher auch nur ansatzweise geschafft? Mit welchen Maßnahmen soll der Umweltschutz durchgesetzt werden, mit vernünftigen oder mit grün-rot ideologisch aufgeladenen?[18]

Man gebe acht, daß man nicht den Vertretern des angeblichen „Klimanotstands“ in die Hände spielt und somit indirekt eine „Klimadiktatur“ mit ersatzreligiös-eschatologischem Hintergrund fördert (was Papst Benedikt sicher fern lag)![19] Und was heißt schließlich: die „Migrantionsströme zu regulieren“? Sollte dies etwa im Sinne des mittlerweile vorliegenden „globalen UN-Migrationspakts“ vom 10./11.Dezember 2018 verlaufen?

Spätestens seit diesem Datum müßte jedem Beobachter der Weltpolitik klar sein, was da auf uns zukommen kann. Stets wurde betont, dieses Abkommen binde juristisch niemanden, es verpflichte höchstens moralisch und politisch. Was sollen solche Sophistereien? Sie dienen doch nur dazu, die Kritiker mundtot zu machen! Und wenn man den ganzen Text liest, wie es durch die kommentierte und mit Markierungen versehene vollständige Veröffentlichung in der Jungen Freiheit(Nr. 47/2018) erleichtert wurde, dann entdeckt man, daß die Begriffe verpflichten und Verpflichtung mehr als 80 mal im Text vorkommen!

Die Dimensionen der Zuwanderungen, mit denen wir möglicherweise rechnen müssen, sind gigantisch: P. Stefan Frey hält es anhand einer früheren Quelle der Europäischen Kommission vom Juli 2010 für möglich, daß Deutschland mit seiner Einwohnerzahl von etwa 82,5 Millionen mehr als das Doppelte an Migranten auf Dauer gesehen aufnehmen könnte[20] Der Artikel enthält übrigens anhand der Lehre des hl. Thomas von Aquin wichtige Differenzierungen des Begriffs der christlichen Liebe, die heute bei der Migrationsfrage schmählich mißachtet werden:

Die Liebe des Wohlwollens, die allen Menschen das irdische und überirdische Heil wünscht, gilt universal; bei der affektiven Liebe des Herzens und der effektiven Liebe der Wohltätigkeit gibt es sehr wohl Abstufungen je nach verwandtschaftlicher oder geistiger Nähe zu den jeweiligen Menschen.[21] Mögen die genannten geradezu utopischen Zahlen auch sehr spekulativ erscheinen, so ist hier in jedem Fall geistiger Widerstand geboten. Denn es wird klar, in welche Richtung die Entwicklung läuft!

Jedenfalls war bereits am 25. September 2015, also im Krisenjahr der Massenimmigration vor allem nach Deutschland, auf dem UN-Gipfel in New York ein Weltzukunftsvertrag unterzeichnet worden. Er enthielt 17 Sustainable Development Goals (Nachhaltige Entwicklungsziele), zu denen ausdrücklich folgendes gehörte: „Geordnete, sichere, geregelte und verantwortete Migration und Mobilität der Völker zu erleichtern, insbesondere durch Einführung einer geplanten und gut durchgeführten Migrationspolitik“.

Auf diesem Gipfel trat Papst Franziskus auf, der sich schon mehrfach in ähnlichem Sinne geäußert hat, und erklärte zu seiner Eröffnung: „Die Annahme der ‚2030-Agenda für Nachhaltige Entwicklung’ auf dem Gipfeltreffen, das noch heute beginnen wird, ist ein wichtiges Zeichen der Hoffnung.“ Ja, er hielt die „feierlich übernommenen Verpflichtungen“ für einen „mit Sicherheit notwendigen Schritt auf dem Weg zu den Lösungen“.[22]  

Wie kann ein Papst so etwas pauschal bekunden, wo doch auf jenem UN-Gipfel nicht nur besagte Migrationspolitik, sondern auch Ansätze der Genderpolitik und der modernen Sexuallehre sowie sozialistische Bildungseinrichtungen wie Gesamtschule und Ganztagsbetreuung propagiert wurden? Von nationaler Souveränität war wenig die Rede. Sie kam überhaupt nur noch im Zusammenhang mit der Wirtschaft und zu ihr gehörigen Aspekten vor.[23] Und doch müßte sie berücksichtigt werden, wenn man das grundkatholische Sozialprinzip der Subsidiarität bei Staatenbünden ernst nehmen will.[24]

Die Welteinheitsregierung – ein erstrebenswertes Ziel?

Sicherlich darf man Papst em. Benedikt XVI. für diese Entwicklung nicht  verantwortlich machen. Aber seine Gedanken, für die er sich übrigens nicht ohne Grund auf seinen Vorgänger Johannes XXIII. berief, könnten für derartige Konzeptionen herangezogen werden.

Im Augenblick sind die postulierte Klimakatastrophe, der Flüchtlings- bzw. Migrationsdruck und jetzt auch noch die weltweite Gesundheitsbedrohung die Probleme, auf die sich Politiker und etablierte Presse immer wieder berufen, um die angebliche Notwendigkeit einer Weltregierung plausibel zu machen. Die zentrale Frage, die man an ein solches Ziel  einer „One World“ mit entsprechender Regierungsmacht als katholischer Christ richten muß, lautet jedoch: Wie soll ein solcher Plan ohne christliches Fundament umgesetzt werden?[25]

Immerhin hatte der emeritierte Papst schon im Jahre 1971 im Anschluß an die Kirchenväter klar bekundet, daß sich eine wahre Einheit unter den Menschen ohne die Einheit in Christus und  Seinem Mystischen Leib nicht verwirklichen läßt.[26]

Wir sehen ja in der BR Deutschland schon seit längerem, wohin die Aufgabe christlicher Grundsätze führt – bis zur Relativierung sogar der Menschenwürde, die wie nichts anderes in der Verfassung geschützt ist! Alte jüdische Weisheit hat diese Verfallenheit an ein gottloses Denken und Handeln so erklärt: „Wer das Joch des Himmelreiches abwirft, der gerät unter das Joch irdischer Herrscher und irdischer Belange.“[27]

Das rechte, heute so oft mißachtete Verhältnis zwischen Liebe zum eigenen Vaterland und universaler Ausrichtung des katholischen Christen betonte aus aktuellem Anlaß Papst Pius XII. in seiner gegen die Diktaturen roter und brauner Prägung gerichteten Enzyklika „Summi pontificatus“ vom 20. Oktober 1939[28]:

„Man fürchte nicht, daß das Bewußtsein des umfas­senden brüderlichen Bandes, wie es die christliche Lehre nährt, und die ihr entsprechende Gesinnung in Gegensatz zur Anhänglichkeit an das Erbgut und an die Größe des eigenen Vaterlandes treten; man fürchte ebensowenig, daß dies alles sich hindernd in den Weg stellt, wenn es um die Förderung des Wohls und der berechtigten An­liegen der eigenen Heimat geht.

Dieselbe Lehre zeigt nämlich, daß es bei der Übung der Liebe eine von Gott gefügte Ordnung gibt und nach dieser muß man mit gesteigerter Liebe und mit Vorzug diejenigen umfassen und bedenken, die besonders eng mit einem verbunden sind. Auch der göttliche Meister zeigte durch sein Beispiel, daß er der Heimat und dem Vaterland in besonderer Weise zugetan war; er weinte ob der drohenden Ver­wüstung der Heiligen Stadt. Aber die begründete und rechte Liebe zum eigenen Vaterland darf nicht blind machen für die Weltweite der christlichen Liebe, die auch die andern und ihr Wohl im befriedenden Licht der Liebe sehen lehrt. Wunderbar ist diese Lehre von der Liebe und vom Frieden.“

Grundmotiv der Enzyklika war es, die Einheit des Menschengeschlechts gegen Ideologien zu sichern, die sie bestritten – wie vor allem die Nationalsozialisten mit ihrer elenden Rassenlehre.[29]

Diese universale Ausrichtung des Christen auf den Frieden ist meilenweit vom heutigen Einheitsbrei einer multikulturellen und globalisierten, hochfinanzgestützten One World entfernt! Schon Papst Benedikt XV. hatte in seinem „Motu proprio“ Bonum sane vom 25. Juli 1920 einen gottlosen, sozialistischen und diktatorischen Welteinheitsstaat aufs schärfste verurteilt.[30]

Und jene heute immer häufiger und offener verteidigte potentielle Weltregierung würde ja über Möglichkeiten der Machtausübung verfügen, an die ein Propagandaminister Josef Goebbels und das Verbrecherregime der Nationalsozialisten nicht im Traum gedacht hätten und vor denen selbst einem ganz nüchternen Menschen nur angst und bange werden kann, vor allem wenn er Christ ist und ahnt, in welchem Kontext solche Pläne geschmiedet werden. 

Welcher Bedrohung wir heute schon ausgesetzt sind, kann man vielfach belegt finden in einem aufrüttelnden Buch einer katholischen Christin, die selbst in der IT-Branche tätig ist und weiß, wovon sie spricht: Yvonne Hofstetter, Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt (2016, 2München 2018). Die Autorin führt uns die Konsequenzen eines „digitalen Imperialismus“ (63) vor Augen, der dazu führt, daß weltweit „totale Herrschaft ausgeübt werden kann“ (69).  

Gläubige haben ein Recht auf seelsorgerische Betreuung!

Kommen wir auf das Verhalten der kirchlichen Hierarchie während er Coronaepidemie noch näher zu sprechen. Sie hätte sich niemals einen solchen Eingriff in den göttlichen Kult bieten lassen dürfen: Beachtung gewisser Abstandsregeln, kein Weihwasser, Gebrauch von Desinfektionsmittel, über all so etwas kann man reden.

Derartige Vorsichtsmaßnahmen billigte auch der hl. Bischof von Mailand Karl Borromäus während der Pest in den Jahren 1576 f. und förderte sie sogar. Aber zugleich setzte er sich als Guter Hirt mit seinen Priestern in heroischer Weise pastoral für seine Schafe ein, obgleich die Bedrohung für Leib und Leben damals unverhältnismäßig größer war. So wurden auf den Straßen und Plätzen auch heilige Messen gelesen, damit möglichst viele Menschen am heiligen Opfer, wenn auch aus gewisser Entfernung, teilnehmen konnten, Bußprozessionen fanden unter großer  Anteilnahme von Klerus und Volk statt.[31]

Für die Gläubigen Wochen, ja Monate lang (in Großbritannien sogar bis zum Juli 2020), die hl. Messe zu verbieten, wie es jetzt die Kirchenfürsten duldeten, ja oft aktiv mittrugen, während alle möglichen anderen Begegnungen wieder möglich waren, wäre damals und in der gesamten Kirchengeschichte unmöglich gewesen! Dagegen hätte man sich bei uns wehren müssen. Die Bischöfe haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hingegen jämmerlich versagt. Das darf und muß man in aller Klarheit sagen.

Auch von den traditionellen Gemeinschaften hätten viele Gläubige mehr Mut und Engagement erwartet, obwohl sie es natürlich ohne Hilfe durch die Oberhirten schwer hatten und zugegebenermaßen mit ihren geringen Kräften sich vor eine ganz neue und ungewohnte Situation gestellt sahen, auf die kurzfristig zu reagieren war.

Gehorsamspflicht gegenüber dem Staat muß differenziert werden

Auf jeden Fall hätte man im kirchlichen Raum nicht einen so weitgehenden Gehorsam gegenüber den heutigen Staaten verlangen sollen. Und dafür berief man[32] sich auf verschiedene Stellen in der Hl. Schrift, nämlich besonders zum einen auf 1 Petr 2,13-17 und zum andern auf Röm 13, 1 f. Bei Paulus heißt es nun: „Jedermann ordne sich den vorgesetzten Obrigkeiten unter. Denn es gibt keine Obrigkeiten außer von Gott; die bestehenden sind aber von Gott eingesetzt. Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Ordnung Gottes.“

Wir wollen gar nicht auf die vielen Fälle in der Kirchen- und Profanhistorie, z. B. in der jüngeren Geschichte während des Nationalsozialismus, eingehen, wo diese Sätze geradezu im Sinne einer nahezu absoluten Gehorsamspflicht mißbraucht wurden. Vielmehr ist zu klären, was denn eigentlich gemeint ist und was die heiligen Worte für die politische Praxis unserer Zeit bedeuten. Die heutigen Staaten sind ja seit vielen Jahren immer mehr  vom antichristlichen und antigöttlichen Geist geprägt, wie eine Reihe von Büchern zeigt[33], weshalb hier besondere Vorsicht geboten ist.

Man hätte sich hier besser theologisch absichern sollen, indem man einschlägige Arbeiten wie die von Josef Spindelböck berücksichtigt hätte: Die Problematik der sittlichen Legitimität von Gewalt in der Auseinandersetzung mit ungerechter staatlicher Macht (St. Ottilien 1994, 75 f.; 79 f.).

Der gelehrte Autor stellt hier klare Kriterien auf, die sich aus der sicheren Lehre des Aquinaten ergeben (die gelehrten Fußnoten mit den Belegstellen übergehen wir):

In dreifacher Weise kann die Staatsgewalt nach der Lehre des heiligen Thomas von Gott stammen: 1. an und für sich genommen, d. h. was das Verhältnis der Über – und Unterordnung betrifft, 2. hinsichtlich des Erwerbs oder Ursprungs der konkreten Machtstellung und 3. hinsichtlich des Gebrauchs der obrigkeitlichen Gewalt. Während die Form der Gewalt (1.) immer von Gott kommt und darum schlechthin gut ist, ist ein zweifacher Mißbrauch hinsichtlich des 2. und 3. Aspekts möglich, der jedoch nie Gott selbst angelastet werden kann. Die Herrschergewalt kann nämlich ungerecht erworben sein und/oder ungerecht ausgeübt werden …

Die Ungerechtigkeit der Ausübung liegt in ausdrücklicher Mißachtung göttlicher Gebote und/oder in einfacher Überschreitung der Kompetenz.“ Im folgenden wird für die Reaktion der Bürger auf solche Fehlleistungen eine Differenzierung vorgenommen:

Kategorie 1 ist immer anzuerkennen. Kategorie 2, die die Herkunft der staatlichen Gewalt in Frage stellt, betrifft uns hier nicht. In der dritten Kategorie, wenn es nicht um göttliche Gebote geht, darf eine Güterabwägung zwischen Gehorsam und Ungehorsam nach Maßgaben praktischer Klugheit stattfinden. Also selbst hier wird kein absoluter Gehorsam für jeden nur möglichen Fall eingefordert. Bei der Mißachtung göttlichen Rechts durch den Staat hingegen darf man nicht nur, sondern muß sogar den Gehorsam verweigern und zumindest passiven Widerstand leisten. 

Theologische Beurteilung des Meßverbots

Zwar handelte es sich beim Meßverbot  (das übrigens in NRW sogar von der Erzdiözese Köln und nicht einmal von der Landesregierung ausging, wie Ministerpräsident Laschet betont hat) um ein positives Gesetz bzw. eine entsprechende staatliche Verordnung, der zunächst einmal scheinbar Folge zu leisten war. Ihr durfte man jedoch nicht gehorchen, falls sie sich gegen göttliches Gebot richtete. Das ist zwar bei der Sonntagspflicht nicht direkt der Fall. Die deutschen Bischöfe waren ja sogar so „großzügig“, daß sie sie ganz ausgesetzt haben, was offenbar auch für die Zeit gültig geblieben ist, wo hl. Messen mit gewissen Auflagen wieder gefeiert werden dürfen.

Man darf aber nicht vergessen, daß die Sonntagspflicht im Neuen Bund zwar „nur“ auf ein positives Gebot der Kirche zurückgeht, das, so könnte man vielleicht annehmen, nicht unter schwerem Nachteil oder bei großer Not verpflichte. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Denn die Sonntagspflicht löst die Sabbatbestimmungen des 3. Gebots vom Sinai ab, die Sonntagsheiligung führt in eine neue heilige Ordnung hinüber.[34]

Wie streng schon die AT-Bestimmungen zum Sabbat waren, mag man in Jes 58, 13 f. nachlesen. Für den Sonntag, in gewisser Hinsicht (nicht vollständig!) also den Sabbat des Neuen Bundes, gilt die Anweisung des Gottmenschen Jesus Christus: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ (siehe z. B. 1 Kor 11, 24 b) Vom Beginn der Kirche an ist man diesem göttlichen Auftrag gefolgt, wie man an dem vom hl. Paulus gefeierten Gottesdienst in Apg 20,7 ff. sehen kann.

Es liegt also der Fall einer gewissen Mischung aus einem Kirchengebot mit einem Gebot Gottes selbst vor. Man lese zu derartigen Fällen die Auskunft  der Kanonisten Ludwig Müller und Christoph Ohly: „Auch innerhalb des menschlichen Kirchenrechts gibt es ein qualitatives Gefälle, je nach der Nähe zum göttlichen Recht.“[35] Und die ist beim Sonntagsgebot sehr hoch! Insofern hätte man hier nicht bedingungslos gehorchen müssen, ja nicht einmal dürfen.

Zu Recht haben die 12 unterzeichnenden Bischöfe von „Veritas liberabit vos“ hier die Freiheit der Kirche weltweit durch antichristliche Kräfte bedroht gesehen. Rein staatsrechtlich kann man sich in der BR Deutschland für eine solche Freiheit auf den Art. 4 des Grundgesetzes berufen, wo die Religionsfreiheit garantiert ist.

Dieses wichtige Grundrecht darf nicht einfach für Wochen außer Kraft gesetzt werden, auch wenn den Politkern die Beziehung der Bürger zu Gott gleichgültig ist und sie deshalb Gottesdienste nicht als „systemrelevant“ ansehen – an sich vom religiösen Standpunkt aus ein skandalöser Irrtum! Selbst die FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg betrachtet die Kirchen als „existenzrelevant“![36]

Ihre Kollegin von der CDU, die ehemalige Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, Christine Lieberknecht, meinte, nach den negativen Erfahrungen während des „Shutdown“ der Coronakrise müsse unbedingt über die hohe Bedeutung der christlichen Kirchen für unser Land eine Debatte stattfinden.[37] Verschiedene führende Juristen haben das gleichfalls angemahnt, wie wir noch sehen werden.

Dabei hätte man zunächst einmal gar nicht direkt  ungehorsam sein müssen. Denn unser Staat ist als Rechtsstaat konzipiert, und man kann gegen seine Gesetze und Verordnungen Gerichte anrufen. Ja die Bundesrepublik kennt sogar aufgrund der Erfahrung mit dem Verbrecherregime der Nationalsozialisten ein aktives Widerstandsrecht, das in Art. 20 § 4 GG fixiert ist; zweifellos ist es eng auszulegen, damit nicht der Willkür einzelner Tür und Tor geöffnet wird.[38]

Sich hierauf zu berufen wäre aber weder angebracht noch nötig gewesen. Man hätte anders vorgehen können und müssen. Leider ist dieser Weg nur selten beschritten worden.

Propst Dr. Gerald Goesche vom traditionellen St. Afra-Institut in Berlin hat mit seiner Klage ein leuchtendes Vorbild gegeben. Zwar wurde diese zweimal bei Berliner Verwaltungsgerichten und dann beim Bundesverfassungsgericht abgewiesen. Aber immerhin brachte der Geistliche das oberste deutsche Gericht zu dem – an sich selbstverständlichen – öffentlichen Eingeständnis, „daß die Religionsfreiheit ein sehr hohes Gut ist, das nicht leichtfertig eingeschränkt werden kann.“[39]

Somit war wenigstens ein Zeichen für einen wahrhaft katholischen Widerstandsgeist gesetzt.

Ein solcher Einsatz hat nichts mit innerer Unausgeglichenheit, falschem Aktivismus, mangelnder Geduld oder gar fehlender Demut zu tun, wie ich leider schon lesen und hören mußte. Im Gegenteil, echter christlicher Mut und echte christliche Demut gehören eng zusammen. Wenn derartige rechtstaatliche Mittel, die unser Gemeinwesen ausdrücklich vorsieht, nicht fruchten und auch andere Mittel keinen Erfolg bringen sollten, wäre nach Maßgabe der praktischen Klugheit sogar Widerstand erlaubt, den einige wenige Geistliche geleistet haben, indem sie beispielsweise insgeheim in Privathäusern mit Gläubigen die hl. Messe feierten – unter Wahrung von Sicherheitsmaßnahmen.

Die Kirche als ganze hat da in der Regel nichts getan und ihre treuen Priester und Laien sogar noch im Stich gelassen, wie z. B. Propst Goesche erfahren mußte; hier und da war sogar von Abmahnungen wegen Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Diözesanbischof oder dem Ordensoberen die Rede.

Wird die Eucharistiefeier „überbewertet“?

Man hat den Eindruck gewonnen, daß manchen Apostelnachfolgern – man wagt es kaum auszusprechen, aber die Fakten sind erdrückend –  an der hl. Messe nicht sonderlich viel liegt. Das sieht man deutlich an Bemerkungen der Bischöfe Wilmer und Feige.

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer, der mit dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck immer wieder durch Kommentare von zweifelhaft katholischer Qualität auffällt, nahm zu dem Verbot aller Gottesdienste (neudeutsch/“denglisch“: lock down) während der Corona-(Covid 19)Epidemie Stellung. Manche Priester und Gläubige protestierten immerhin und retteten so die Ehre ihrer Kirche.

In deren Reaktionen, so ließ Bischof Wilmer verlauten, werde die Eucharistie „überbewertet“.

Treffender Kommentar in der katholischen Zeitschrift Die Tagespost: „Eine Kirche, die die Eucharistie und damit die Heilsrelevanz ihres Herrn für ‚überbewertet’ hält, braucht niemand mehr.“[40] Und einer seiner Mitbrüder im hohen Amt, Bischof Gerhard Feige von Magdeburg, sekundierte Exzellenz Wilmer mit der unglaublichen rhetorischen Frage: „Sind unsere Gottesdienstausfälle nicht fast Luxusprobleme?“[41]

Hatte nicht Kardinal Henri du Lubac, wahrlich kein traditioneller „Hardliner“, recht, wenn er sagte: „Um … die Kirche zu verstehen, muß man sie in der Handlung betrachten, wo sie die Eucharistie vollzieht.“[42]

Was würden orthodoxe Christen zu Äußerungen wie denen der Bischöfe Wilmer und Feige sagen? [43] Ihnen ist die Göttliche Liturgie einfach ihr Ein und Alles, alles ist gleichsam Liturgie! So  trägt ein Buch von Archimandrit Kallistratos N. Lirakis den Titel  „I orthodoxia os liturgiki paradosi“ (Athen 1990)  auf Deutsch: „Die Orthodoxie als liturgische Tradition [sic!]“. Was ist das für eine Kirche bei uns im Westen, von der offenbar so manche deutsche Bischöfe träumen, die jetzt mit Laien des ZdK zum Synodalen Weg vereinigt sind?     

Benutzt man die Corona-Krise, um progressive Forderungen durchzusetzen?

Ja manche hoffen jetzt sogar darauf, daß durch die Entwicklung der letzten Wochen und Monate das angeblich urchristliche Hauskirchenwesen wiederbelebt würde, bei dem dann offenbar auch Nichtgeweihte den Vorsitz übernehmen dürften.[44] Ein Blick in das neue Buch von Stefan Heid könnte sie belehren, daß sie einer falschen Ideologie aufgesessen sind: Stets haben Bischöfe und Priester die hl. Messe an Altären in heiligen Räumen zelebriert, die dann anfänglich natürlich auch einmal in einem Privathaus untergebracht sein konnten (Altar und Kirche. Prinzipien christlicher Liturgie, 2Regensburg 2019).

Offenbar verfolgt man in Teilen der Kirche nun auch das Ziel, die Mundkommunion zu verbieten.

So ließ der Limburger Generalvikar Rösch am 5. Juni 2020 in einer Feier des alten Ritus in Limburg verkünden, auch für die traditionelle hl. Messe sei die Austeilung der Mundkommunion verboten.[45] Besonders hervorgetan hat sich hier z. B. Kardinal Antonio Marto, der Bischof von Leiria-Fatima, der darüber hinaus auch eine vom portugiesischen Staat ermöglichte vorzeitige Wiedereröffnung der Wallfahrtsstätte Unserer Lieben Frau ablehnte.[46] Das soll wohl ebenso für den alten Ritus gelten.

Es sieht so aus, als wenn bestimmte Bischöfe den Gläubigen generell deren ehrfurchtsvolle Haltung vor dem Allerheiligsten abgewöhnen möchten. Sehr gelungen ist zu diesem Fragekomplex die im Internet greifbare Presseerklärung der Internationalen Una Voce Föderation Kommunionempfang in Pandemie-Zeiten.

Dabei ist bei der Spendung der Mundkommunion, worauf auch hier hingewiesen wird, durchaus keine größere Ansteckungsgefahr gegeben als bei der Handkommunion, wenn der Geistliche sich vorher die Finger desinfiziert und die heilige Hostie vorsichtig und ohne Berührung auf die Zunge legt. Daß letzteres möglich ist, weiß ich aus Jahrzehnte langer Praxis als Ministrant im alten Ritus, der den Priester mit der Patene begleitet.

Einschränkungen der Gottesdienste

Nachdem in beschränktem Umfang Gottesdienste wieder zugelassen waren, hat man hier teilweise, wie in Bayern, das Tragen der Schutzmaske  vorgeschrieben. War dies wirklich nötig, wenn die vorgeschriebenen Ordnungskräfte auf die gebotenen Abstände achten, was nach meiner Erfahrung effektiv geschehen kann? Der Ästhetik an heiliger Stätte ist die partielle Gesichtsverhüllung sicherlich nicht förderlich. Und war es wirklich unumgänglich, das Singen zu verbieten oder zumindest erheblich einzuschränken?

Man könnte doch für ausreichende Belüftung des Kirchenraumes, z. B. durch weites Öffnen der Fenster, sorgen! Am Sonntag gehört für den feierlichen Gottesdienst (katholisch: Hochamt) der Kirchengesang, in katholischen Gemeinden bevorzugt der des lateinischen Chorals (siehe Vaticanum II, Sacrosanctum Concilium Nr. 116), bei den Protestanten im besten Fall die deutschen Choräle, beinahe wesenhaft zum Gottesdienst und ist nicht irgendein Beiwerk, auf das man ohne Schaden auch verzichten kann!

So hielt Papst Pius X. in seinem Motu proprio vom 22. November 1903 (am 4. August war er gerade erst zum Pontifex gewählt worden, so lag ihm die Kirchenmusik am Herzen!) mit der Überschrift „Tra le sollecitudini“ (späterer lateinischer Titel „Inter pastoralis officii“) fest: „Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie.“ (Art. 1)[47]

Versuch einer Gesamtbeurteilung der Coronakrise 

1) Dystopische Verhältnisse

Wenn man die politischen Maßnahmen der vergangenen Monate insgesamt Revue passieren läßt, so wird man in erschütternder Weise durch ihre Radikalität an einen dystopischen Roman der Bonner Schriftstellerin und promovierten Juristin Juli Zeh erinnert, den diese bereits im Jahre 2009 veröffentlicht hatte.

In ihrem Werk Corpus Delicti – Ein Prozess (24Aufl., München 2010), führt sie eine staatlich verordnete Gesundheits – und Hygienediktatur vor, zu der beispielsweise das Maskentragen und das Meiden körperlicher Kontakte gehört: Durch ständige Überwachung mit elektronischen Maßnahmen (Bakterien-, Schlaf-, Ernährungs- und Sportkontrollen, S. 100) setzt der Staat die METHODE, wie es heißt, brutal durch. Wer sie bekämpft, ist ein Reaktionär, der dem Staat den Krieg erklärt  (S. 89).

Die Entwicklung zu diesem Zwangsstaat, so die Schriftstellerin, wurde durch einen radikalen Werteverfall möglich, bei dem Nation, Religion und Familie ihre Bedeutung einbüßten. (S. 88) Nur noch die Gesundheit, das physische Leben und körperliche Wohl ist als „Wert“ geblieben. Erinnert auch dieser Gesichtspunkt nicht ein wenig an die Politik der letzten Monate?

Man bedenke aber, daß der Schutz der Menschenwürde im Art. 1 unserer Verfassung, der Schutz des Lebens aber erst im zweiten Artikel steht! Wenn das nackte Leben und die unversehrte Gesundheit allem voranginge, dann müßten das Autofahren, das Rauchen, Übermaß bei Essen und Alkoholgenuß, gefährliche Sportarten usw. untersagt werden, und dieses Verbot wäre staatlich zu überwachen – ein Horrorszenario, wie es in Zehs Roman aufgebaut wird!

Ganz zu schweigen von der Tötung des ungeborenen Menschen, dessen Grundrecht auf Leben man in den meisten Staaten mittlerweile mit Füßen tritt und das in der Tat konsequent geschützt werden müßte!

2) Stimmen von Juristen

Eine Reihe von hochrangigen Juristen und auch bekannten Philosophen haben diese Verkürzung des menschlichen Daseins auf das Überleben zu Recht kritisiert. In einem Interview mit der KNA (21. 5. 2020) äußerte der ehemalige Verfassungsrichter und Bonner Juraprofessor Udo di Fabio, der prinzipiell die vom Staat ergriffenen Schutzmaßnahmen für vertretbar hält, trotzdem vorsichtige Kritik an ihnen:

KNA:„Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat unlängst gesagt, dass der Schutz des Lebens nicht automatisch Vorrang vor allen anderen Erwägungen habe. Wenn, dann genieße lediglich die Würde des Menschen einen absoluten Wert. Gibt es so etwas wie eine Rangfolge der Grundrechte? 

Di Fabio: Ich glaube, dass der Bundestagspräsident mit seiner Einschätzung richtig liegt. Absolut bedeutet: Man kann dieses Recht mit anderen Verfassungspositionen nicht abwägen. Und diesen absoluten Schutz sieht das Grundgesetz in der Tat nur für die Würde des Menschen vor.

KNA: Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit…

Di Fabio: … ist ein Höchstwert der Verfassung, aber eben nicht der Höchstwert. Das heißt: Der Staat muss das Leben schützen, aber eine freie Gesellschaft muss auch mit Risiken leben, denn es gibt weitere wichtige Grundrechte.“ Daß Art. 2 nicht absolut gelten kann, sieht man z. B. an der Wehrpflicht, die Jahrzehnte lang in der BR Deutschland grundgesetzmäßig abgesichert bestand: Der Staat verpflichtete junge Männer zum Waffendienst, bei dem sie im Verteidigungsfalle auch ihr Leben hätten verlieren können.

Manche Verfassungsrechtler drückten sich noch schärfer aus. So kann man bei JUDID – Recht verständlich machen (4. Mai 2020) lesen: „Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans Jürgen Papier sieht im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie die Freiheitsrechte in Gefahr“. Im folgenden führte er seine Bedenken im einzelnen aus.

Und das Magazin FOCUS berichtete bereits am 10. April 2020 über damals schon aufkommende Unruhe:

„Unter Verfassungsjuristen wächst der Unmut über die von Bundesregierung und Landesregierungen verfügten Einschränkungen zahlreicher Grundrechte. 

Gegenüber FOCUS sagte der Staatsrechtler und ehemalige Bundesminister Rupert Scholz[48], Teile davon seien verfassungswidrig. ‚Die Situation, in der wir leben, hat einen notstandsähnlichen Charakter angenommen’, sagte Scholz dem Focus. Eine Notstandsgesetzgebung gebe es jedoch nur für den Verteidigungsfall, nicht aber ein Virus wie Covid-19. Zudem müsse bei allen Gesetzen der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Für Scholz ist das vor allem mit Blick auf die Schließung von Hotels und Restaurants nicht der Fall.“

Für die Kirchen, so möchte ich ergänzen, wenn sie  Abstandsregeln und hygienische Maßnahmen einhalten, schon gar nicht!     

3) Die Stimme eines Philosophen

Eine der ausgewogensten und rational am besten begründeten Stellungnahmen stammt aus der Feder von Berthold Wald, emeritiertem Professor für Systematische Philosophie der Theologischen Fakultät Paderborn und gläubigem Katholiken, der übrigens den Nachlaß von Josef Pieper betreut.

In einem im Internet greifbaren Interview mit Dominik Lusser von der Stiftung Zukunft CH, das unter der Überschrift erschien Es gibt Tragödien, die durch keine Ethik zu vermeiden sind,  sagte er u. a.:

„Das oberste Rechtsgut, das zu schützen der Staat und die internationale Gemeinschaft verpflichtet sind, ist laut UNO-Charta und Grundgesetz ‚die Würde des Menschen’ und nicht die Erhaltung des Lebens um jeden Preis. Massnahmen, welche die Würde missachten und verletzen, sind unentschuldbar grundrechtswidrig und darum ungerecht, so vor allem die komplette soziale und seelsorgliche Isolation von Schwerkranken und Sterbenden.

Der Mensch ist Person und nicht bloß ein für sich und andere riskantes biologisches Substrat. Es widerspricht der Würde des Menschen, ihn darauf zu reduzieren, potentieller Virusträger  bzw. Opfer einer Viruserkrankung zu sein, das isoliert werden muss zum eigenen Schutz wie zum Schutz der anderen. Manches von dem, was hier staatlicherseits angeordnet und von den Kirchen widerspruchslos hingenommen wird, ist schweres Unrecht.“

Zu der von der Ebenbildlichkeit Gottes abgeleiteten Würde des Menschen, so darf man ergänzen, gehört unaufgebbar eben auch sein Recht auf die Gottesverehrung, ja theologisch betrachtet sogar seine Pflicht hierzu!

4) Stimmen von Geistlichen und Theologen

Immerhin haben auch – neben dem schon erwähnten Berliner Propst Goesche – einige wenige Geistliche als unmittelbar Betroffene ihre Stimme erhoben. Zu ihnen zählt z. B. Pater Justin Minkowitsch.

Die Tagespost (14. Juni. 2020,14) gab die Kritik aus seinem Büchlein Zur Theologie der Eucharistie in der Corona-Krise. Eine dogmatische Erörterung (erschienen im Eigenverlag, Türnitz 2020, 80 Seiten) folgendermaßen wieder; sein Urteil bestätigt unsere obige Einschätzung bezüglich des Sonntagsgebotes:

„Dogmatisch betrachtet seien Äußerungen, das Sonntagsgebot sei nicht unverzichtbar, ein Bruch mit  dem Willen und Auftrag des Herrn sowie mit der apostolischen Tradition. Fernseh-, Radio – und Streamingmessen seien allenfalls ein ‚äußerst fragmentarischer Ersatz’. Besonders kritisch sieht der Zisterzienser die Einschränkung der Krankensalbung.“

Auch der Ständige Diakon und Freiburger Theologe Helmut Hoping sparte nicht mir Kritik. Gernot Facius berichtete in  der Jungen Freiheit (29. Mai 2020) über ihn: „Beim Blick in leere Kirchenbänke wunderte sich im April der katholische Dogmatiker und Liturgieexperte Helmut Hoping, daß die Hirten der Kirche das polizeilich überwachte Gottesdienstverbot ‚nicht einmal im Ansatz’ hinterfragten.“

Auch die klare Stimme des Münchner Pastoraltheologen und glaubenstreuen Priesters Andreas Wollbold aus einem Interview mit Oliver Maksan wollen wir zu Wort kommen lassen (Die Tagespost vom 28. Mai 2020, 2): 

„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kirche geradezu servil alles zu 150 Prozent richtig machen wollte, was staatliche Vorgaben erwarteten. Während Eltern, Lehrer, Einzelhandel und Touristik völlig legitim die Interessen ihrer Klientel vertraten, musste man schon manchmal denken, die Kirchenverantwortlichen vertreten Interessen gegen die Wünsche ihrer Gläubigen. Da hat uns sicher die Missbrauchskrise so weichgespült, dass der Blick auf die öffentliche Wirkung den Blick auf das Seelenheil zu ersetzen schien. Dabei ist aber doch das Seelenheil bekanntlich das oberste Gesetz der Kirche.“

Und schließlich soll auch eine protestantische Stellungnahme nicht übergangen werden: „Das Selbstbild der Kirche über ihre angebliche Bedeutung in der Gesellschaft und für die Gesellschaft wurde in der Corona-Seuche ‚zerbrochen’. Das beobachtet und beschreibt der Bochumer evangelische Theologe Günther Thomas im Nachrichtenmagazin ‚Idea Spektrum’. Es zeigte sich: ‚In der Krise sind Baumärkte wichtiger als Gottesdienste, Pinsel wichtiger als Gebete.’ Die Kirchen waren bzw. sind in dieser Situation ‚weder für die Bundeskanzlerin noch für die Wissenschaftler erwähnenswert.’“[49]

Liegt in dieser selbstgewählten partiellen Bedeutungslosigkeit nicht auch einer der Gründe für das neuerlich deutliche Anschwellen der Austrittswelle aus den beiden großen christlichen Konfessionen und für den Rückgang von Spenden und Kirchensteuer?            

5) Die rein virologische Betrachtungsweise war zu einseitig   

Den Verantwortlichen ist vor allem vorzuwerfen, daß sie bei ihrer Reaktion auf Covid 19 fast ausschließlich oder ganz überwiegend immer nur die virologische Seite ins Auge faßten. Diese Unausgewogenheit gilt auch und insbesondere für die Beschränkungen der Gläubigen in ihrem Recht auf gottesdienstliche Feiern. Und dabei stützten sich die Verantwortlichen zu allem Übel noch sehr einseitig vor allem auf Aussagen von Prof.  Christian Drosten in Berlin bzw. des Robert Koch-Instituts, andere Positionen wie die der Professoren Hendrik Streeck oder Klaus Püschel (Rechtsmediziner in Hamburg) ließen sie eher unbeachtet, so daß jene auch kaum Eingang in die herrschenden Medien fanden.

Mit Recht kann man mit dem Bonner prominenten Juristen Josef Isensee hier beinahe von einer „Virokratie“ sprechen.[50] Krankenhausbetten wurden in viel zu hohem Maße für Covid 19-Patienten reserviert, andere Schwerkranke (Krebs, Herzdefekte) wurden auf die lange Bank geschoben, mit zum Teil katastrophalen Folgen für deren Gesundheit. Und dies alles geschah, obwohl man alsbald absehen konnte[51], daß bei aller Bedrohung durch das Virus, die man nicht leugnen sollte, die Todeszahlen, jedenfalls in Deutschland mit seinem im Verhältnis zu anderen Ländern, wie Großbritannien und Italien, relativ leistungsfähigen Gesundheitssystem, weit unter denen z. B. der Influenzaepidemie des Jahres 2018 bleiben würden (unter 10.000 gegenüber damals weit über 20.000[52]).

Dabei traten die weitaus meisten Todesfälle bei alten Personen, die oft die 80 Jahre überschritten hatten, oder gesundheitlich schwer Vorbelasteten auf, so daß man oft gar nicht sicher entscheiden konnte, was genau die Mortalität ausgelöst hatte.[53]

Weitgehend ausgeklammert wurden die weltweit katastrophalen Folgen für das gesamte Wirtschafts- und Finanzleben[54] Das führte – zusammen mit der menschlichen Isolation – zu schweren psychischen Problemen. Ständige Existenzängste, überhöhte Reizbarkeit, häusliche Gewalt, die sogar Scheidungen mit begünstigt hat, waren die Folge; ja nachweisbar hat sich die Selbstmordrate erhöht.[55]

Und in dieser Notlage, die viele Menschen massiv bedrückte, hielt sich die katholische Kirche (bei den Protestanten war es nicht besser!) in bedenklicher Weise mit ihren seelsorgerischen Diensten, vor allem mit der Feier öffentlich zugänglicher Gottesdienste, derartig zurück! Oft genug unterwarf man sich sogar den Quarantänebestimmungen des Staates und ließ alte und todkranke Gläubige in der Isolation, ja manchmal starben sie sogar ohne die Tröstung durch die vom Heiland eingesetzten Sakramente.

Ein solches Fehlverhalten geht natürlich neben anderen Motiven auch auf die Geringschätzung jener die göttliche Gnade bewirkenden Zeichen zurück. Wenn ich der theologischen Sicht verfallen bin, die heute stark verbreitet ist, die Sakramente seien nur äußerliche, letztlich wirkungslose Zeichen einer längst allen Menschen geschenkten Gnade, dann werde ich für ihre Spendung als Priester oder Bischof kein außergewöhnliches Opfer bringen.[56] Wer hier gefehlt hat, sollte umkehren und Buße tun!   

6) Mangelndes Urteilsvermögen der Masse

Um so erstaunlicher ist es, welche Zustimmung gerade Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Mehrzahl der Bevölkerung gefunden hatte. Ihre schwer angeschlagene CDU – nicht zuletzt durch Verlust von ihr vergraulter konservativer Wähler – nahm erheblich in der Wählergunst zu. Wenn man die Deutschen wieder in eine Diktatur führen möchte (ich spreche im Potentialis), dann müßte man so vorgehen.

Es wurde ja auch bewußt massiv Angst verbreitet, wenn man allein daran denkt, daß das „Staatsfernsehen“ der ARD fast jeden Abend nach der Tagesschau um 20.15 Uhr über viele Wochen hinweg geradezu eine Propagandasendung zur Verteidigung der Regierungsmaßnahmen brachte. Zahlen der Genesenen wurden längere Zeit verschwiegen, ohne die man sich gar kein rechtes Bild von der Ausbreitung der Epidemie machen konnte. Soweit ich sehe, wurde fast nie klar genug zwischen symptombehafteten Infektionen und reiner Bildung von Antikörpern ohne Symptome differenziert; letzterer Personenkreis scheint das Virus nach Auffassung der WHO nur sehr selten zu übertragen, was größte gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zieht, wenn es stimmen sollte.[57]

Dieser Einwand gilt jetzt auch für die fortlaufenden Tests, z. B. bei der Fleischerei Tönnies in Gütersloh, und deren Ergebnisse.  Kritische Stimmen blieben fast immer unerwähnt. Das war nachweislich eine klare Strategie, über die Andreas Rosenfelder in der WELT vom 5. Mai 2020 (S. 8) schrieb: „Das Worst-Case-Horrorszenario, von dem ein Strategiepapier der Bundesregierung zu Beginn der Krise im März ausdrücklich empfohlen hat, es der Bevölkerung einzuimpfen, ‚um die gewünschte Schockwirkung’ zu erzielen“.

Ja sogar die internationale Presse bewunderte die Bundeskanzlerin. So titelte die bekannte spanische Zeitung El Pais (26. 4. 2020): El éxito de la canciller cientifica que encadila al mundo. – Der Erfolg der Wissenschafts-Kanzlerin, der die Welt  betört.

Einen entscheidenden Grund für einen solchen Erfolg der Schocktherapie ganz allgemein nennt Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik in Dortmund und unermüdlicher Streiter für die deutsche Sprache, in seinem Buch Die Angst der Woche. Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten (München 2013, 79): „Dieser Sieg des Bauches über den Verstand ist die mit großem Abstand wichtigste Quelle irrationaler Panik überhaupt.“[58]

So kam es auch, daß der bayerische Ministerpräsident Söder mit seinen rigorosen Kontaktverboten bei der Bevölkerung in Umfragen besser abschnitt als sein großzügigerer Kollege Laschet aus Nordrhein-Westfalen. Mittlerweile werden jetzt aber im Monat Juni, in dem diese Zeilen geschrieben wurden, doch immer mehr Bevölkerungsteile unruhig, weil sie unter verschiedenen Gesichtspunkten vor dem Ruin stehen.

7) Ein Fazit des Althistorikers Egon Flaig

So spricht auch der emeritierte Rostocker Althistoriker Egon Flaig, der bei einem größeren Publikum vor allem durch sein Buch Weltgeschichte der Sklaverei (2München 2011) bekannt geworden ist, im Zusammenhang mit den Maßnahmen der Politiker gegen die Coronaepidemie von einer „Äskulapokratie“, einer Herrschaft der Ärzte, speziell der Virologen.

Ein kleiner Auszug aus seinem Essay Das Politische in der Hyperrealität (Cato – Magazin für neue Sachlichkeit Nr. 4/2020, 11-19, Zitat 19) möge zum Nachdenken über die dramatischen Ereignisse der letzten Monate und ihre weltweiten Folgen anregen:

„Welcher Staatschef oder Minister wird dem Volk offen sagen, daß die WHO eine Fehlwarnung ausgab, daß die Regierungen sich über die Realität grotesk täuschten, daß man sich von einer medial angeheizten Hyperrealität den Verstand vernebeln ließ, das Gemeinwohl einer epidemiologischen Strategie unterordnete, falsche moralische Maßstäbe gebrauchte, eine Vernichtung von Wohlstand organisierte, die sich im Ausmaß von drei Großkriegen bewegt und sieben Milliarden Menschen in finanzielle, ökonomische, soziale, edukative, familiäre und psychische Not gebracht hat – ohne Not?

Um die dramatischen Folgen dieses objektiven Irrsinns wiedergutzumachen, wollen die Regierungen Schulden in Billionenhöhe aufnehmen und die Finanzwelt des Globus in die umkehrlose Hyperrealität hineinschwimmen lassen – den Irrsinn mit einem Wahnsinn heilen, den die nächste Generation abzutragen hat.“  

8) Abschließender Aufruf an die Kirchenführer

Flaig schließt seinen Essay mit einem wichtigen Gedanken. „Die Wahrheit wird uns freimachen.“ Er meint das mehr im profanen Sinne. Für uns Christen ist die Wahrheit aber eine Person, nämlich der Gottmensch Jesus von Nazareth (Joh 8,32).

Nur Er und Seine himmlische Mutter können uns aus der bedrohlichen Lage heraushelfen, in die sich eine außer Rand und Band geratene Menschheit selbst manövriert hat. In erster Linie muß sich Sein Mystischer Leib, die hl. Kirche, wieder ihres wahren Auftrags besinnen, nämlich der Verkündigung des unverfälschten Evangeliums und nicht irgendwelcher soziologischer Modelle.

Papst und Bischöfe haben das Erbe des Heilands weltweit mutig gegen Politiker zu verteidigen, die die Freiheit der Kirche einschränken wollen, weil sie sie letztlich ablehnen, ja oft sogar hassen und am liebsten zerstören möchten.

Zur Abwehr solcher antichristlichen Aktivitäten bedarf es, auch und gerade unter den Laien, tapferer und opferbereiter Christen, die „cum metu et tremore“, mit Furcht und Zittern ihr Heil bei Gott wirken (Phil 2,12), aber furchtlos vor den Menschen agieren. Sie müssen den Jesus Christus bekämpfenden Menschen, falls diese sich nicht bekehren und von ihren bösen Machenschaften ablassen, als „milites Christi“, als „Soldaten Christi“ entgegentreten.[59]

Das, was in den letzten Monaten an falschem Gehorsam, ja an Kollaboration der Kirchenführer mit einem gottfernen Staat (trotz Präambel des Grundgesetzes und trotz der Artikel 1 – Menschenwürde – und 4  – Religionsfreiheit) zu beklagen war, darf nie mehr vorkommen. Eine solche Mahnung wiegt um so schwerer, als man damit rechnen muß, daß die Gottesleugner und Kirchenfeinde unter den Herrschenden sich durch diese Erfahrung ermutigt sehen, künftig die Christen, möglicherweise unter Mitwirkung von Kräften aus deren eigenen Reihen, noch stärker ins Abseits zu drängen.

Das Coronavirus und seine medizinisch sicher nicht zu unterschätzenden Folgen hätten den in der Kirche Verantwortlichen die Gelegenheit gegeben, innezuhalten und den falschen Weg zu korrigieren. Immer hat Gott solche Seuchen zugelassen, damit die Menschen sich ihrer Sünden besinnen, an das ewige Leben denken und umkehren. Das zeigen Zeugnisse sowohl des Alten wie des Neuen Testaments, aber auch der Kirchengeschichte in aller wünschenswerten Klarheit.

Von dieser Einschätzung der Lage darf uns auch die moderne Theologie nicht abhalten, die mit einem solchen Gedanken wenig anzufangen weiß. Denn nicht selten ist sie einem geradezu deistischen Weltbild verfallen, nach dem Gott nicht mehr Herr seiner Schöpfung ist – sofern sie überhaupt auf ihn zurückgeht. Manfred Hauke hat der heilsgeschichtlichen Komponente der Coronaepidemie einen wichtigen und überzeugenden Beitrag gewidmet.[60]

Die Führung der Kirche hätte sich weniger um die gesundheitliche Bedrohung durch das nur in relativ geringem Maße tödliche „Kronen“- (Corona-)Virus kümmern sollen. Das ist Aufgabe des Staates, und ihm ist in solchen Fällen normalerweise, aber wie wir sahen, eben keineswegs immer Folge zu leisten. Vielmehr hätte man sich mehr um die „Krone des Lebens“ bemühen sollen, auch und vor allem in der Verantwortung für die anvertraute Herde.[61]

Wie sagt es der hl. Jakobus so klar? „Selig der Mann, der in der Versuchung standhaft bleibt. Denn wenn er sich bewährt hat, dann wird er die Krone (den Kranz) des Lebens erhalten, die (den) Gott denen versprochen hat, die ihn lieben.“ (Jak 1,12)

Das gilt besonders für Zeiten, die man nur als „apokalyptisch“ bezeichnen kann, wie sie z. B. Rainer Maria Kardinal Woelki charakterisiert hat.[62]  Und wir wissen nicht, ob diese Einschätzung nur im übertragenen, allgemeinen Sinne gilt oder ob man zum Verständnis der Weltlage auch das Buch der Apokalypse, z. B. mit seinen Kapiteln 13 und 17-19, heranziehen muß. Sollte letzteres der Fall sein – ich bin kein Prophet! –  dann können wir nur hoffen und beten, daß die für die Kirche Verantwortlichen ihre wahre Aufgabe erkennen und künftig dementsprechend handeln.

Einem Staat, der sich diktatorische Vollmacht anmaßt, mag dieses Vorgehen augenblicklich zum Teil noch berechtigt erscheinen, darf man als Kirche nicht so willfährig entgegenkommen, wie dies geschehen ist, weil man vielleicht glaubt, so nicht aufzufallen und dadurch irgendwelchen Repressalien zu entgehen. Vielmehr muß man, zunächst so weit wie möglich im Rahmen der Legalität, Flagge zeigen. Sonst wird dieser Staat, weil er keinen Widerstand erfährt und sich stark fühlt, künftig noch unbedenklicher und massiver die Kirche einschränken.     

Die Pflicht zum christlichen Widerstand

Es seien mir hier ein paar Überlegungen zu diesem Thema gestattet, die aus der Erfahrung der letzten Wochen in der Coronakrise erwachsen sind. Dabei will ich nicht behaupten, daß sie direkt auf unsere Verhältnisse anwendbar wären. Aber sie sollen Gefahren skizzieren, die sich m. E. ansatzweise gezeigt haben und noch zeigen und denen man, sollten sie sich verschärfen, ggf. kompromißlos Widerstand zu leisten bereit sein muß.

Wenn man bestimmte Entwicklungen sieht, die weltweit gegen die katholische Kirche gerichtet sind, so bedarf es auf jeden Fall möglichst vieler Menschen, die sich nicht verbiegen lassen, sondern die mit Tapferkeit und Klugheit für ihre christlichen Überzeugungen eintreten, so wie es Max Pribilla S. J. in seinem Buch Mut und Zivilcourage des Christen (Frankfurt/M. 1957) beindruckend gefordert hat.

Der Autor beklagte schon damals ein „verblaßte(s), blutleeres Christentum“, das weit verbreitet sei – was würde er wohl heute sagen? Zur Abwehr einer solchen Degeneration brauche es „die Erziehung zur Tapferkeit und die Heranbildung starker Charaktere, die auf eigenen Füßen stehen können und ernstlicher Belastung gewachsen sind“ (97) – angesichts der heutigen Erziehungssituation eine Herkulesaufgabe!

Die Kardinaltugend der Tapferkeit

Wenn hier Tapferkeit gefordert wird, dann ist an die alte abendländische Tradition der dritten Kardinaltugend (zu der für einen Christen natürlich noch die entsprechende Gabe des hl. Geistes nach Jes 11,2 kommen soll[63]) zu erinnern, die Josef Pieper in seinem Meisterwerk Das Viergespann. Klugheit – Gerechtigkeit – Tapferkeit – Maß (München 1964) so beschrieben hat:

„Ohne Klugheit und Gerechtigkeit gibt es keine Tapferkeit, nur wer klug und gerecht ist, vermag auch tapfer zu sein.“ (172) Man würde sonst von „Draufgängertum“ (173) sprechen, dem mit der Feigheit korrespondierenden Extrem der anderen Seite; die Tapferkeit hält eine mittlere Position, und zwar schon nach der aristotelischen Tugendlehre.[64] Zur wahren Tapferkeit gehört dementsprechend auch die Geduld: Nichts darf überstürzt werden (181).

Alles muß ruhig und unaufgeregt abgewogen werden. Die Kirche hat dementsprechend immer davor gewarnt, sich zur höchsten Form der Tapferkeit, dem Blutzeugnis für die Wahrheit in Jesus Christus, zu drängen; schon Märtyrer wie Polykarp (2. Jh.) und Cyprian (3. Jh.) wandten sich mit entsprechenden Aufrufen hiergegen (167).

Aber auch der Untätige oder Zauderer entspricht nicht dem christlichen Ideal. Es ist ein Ausdruck der „spießbürgerlichen Meinung, daß die Wahrheit und das Gute sich ohne den Einsatz der Person ‚von selbst’ ‚durchsetzen’“ (166). Einem solchen potentiellen Irrtum mußte schon der hl. Paulus wehren (z. B. 2 Kor 7,5; 10,3).

Er betonte, daß es für die Evangelisierung der Welt der Tapferkeit und des (geistlichen) Kampfes bedürfe. Das gilt nicht minder, ja vielleicht in noch höherem Maße in unserer erschlafften Zeit für die immer wieder – an sich zu Recht – für  unsere Breiten, auch von Päpsten, angemahnte Neuevangelisierung.[65]           

Die Menschenfurcht

Der größte Feind dabei ist neben mangelnder Tiefe im Glauben, der immer wieder durch Gebet und inneren Seelenfrieden, vergleichbar der schon paganen „tranquillitas animi“, genährt werden muß, eine bestimmte, selbst in traditionell-katholischen Kreisen zu findende Gefahr: nämlich die der Menschenfurcht. 

Joseph Overath hat über diese Schwäche ein nützliches Büchlein verfaßt. Es trägt den Titel „Von der Menschenfurcht“ und erschien 1997 beim Kral-Verlag in Abensberg. Die weitaus meisten Menschen, so der geistliche Autor, können sich dieser ängstlichen, oft direkt feigen Haltung nicht versagen, nur eine kleine Minderheit ist zum Widerstand und, wenn nötig, zum Kampf bereit (39).

Dabei unterscheidet Overath verschiedene Arten der Menschenfurcht (29-35):

1) Jene um des Irenismus willen, d. h. man möchte kein Störer von Frieden und Einheit sein, mag die Ideologie des Mainstream, vorsichtig ausgedrückt, noch so exotisch anmuten. 2) Damit u. U. zusammenhängend, kann eine weitere Quelle das Gefühl sein, sich dem Zeitgeist direkt selbst verpflichtet zu fühlen. Die Angst vor Isolation kann einen dabei umtreiben.  3) „Neutralismus“, nämlich keine Werte, sondern nur Ziele und Zwecke zu verfolgen, kann ein weiterer Hintergrund dafür sein, sich nicht erklären und exponieren zu wollen.

4) Die Menschenfurcht mag Ausfluß einer falschen Autoritätsgläubigkeit sein. 5) Schließlich kann sie sich auch aus der Angst um Gesundheit und Leben speisen. 6) Öfter entspringt sie  einem übertriebenen Karrierestreben.

In jedem Fall führt der Verlust der Gottesfurcht zur Anfälligkeit gegenüber der Menschenfurcht.

„Verbürgerlichung“ des Christentums als Gefahr

Lesenswert ist in unserem Zusammenhang auch die kleine Schrift „Von der Würde des Christentums und der Unwürde der Christen“ des russischen Philosophen Nikolai A. Berdiajew (dt. Ausgabe Luzern 31936). Sie ist vor zwei Jahren unter dem Titel „Im Herzen die Freiheit – Das Bürgertum zwischen Sinnsuche und Selbstgeißelung“, mit einem Vorwort von P. Michael Weigl versehen, neu beim Renovamen-Verlag herausgegeben worden (Bad Schmiedeberg 2018).

Berdiajews Kritik gilt insbesondere dem verbürgerlichten Christentum, das sich dem Streben nach Macht, Geltung und materiellen Gütern verschreibt und sich dabei den göttlichen Mysterien und der wahren Liebe zu Gott und den Menschen nicht weit genug öffnet oder gar ganz verschließt. Hierbei spielt dann eine gewisse Anpassung an die herrschenden Verhältnisse eine nicht zu unterschätzende Rolle, selbst wenn man ihnen innerlich an sich eher kritisch gegenübersteht. So glaubt man den Anstürmen irgendwie entgehen zu können.

Aber hat der US-amerikanische orthodoxe Christ Rod Dreher nicht recht, wenn er in seinem Bestseller Die Benediktoption. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft (deutsche Ausgabe Kißlegg 22018. 146 f.) gegen solche Anpassung kritisch einwendet:

„Ein Teil des Wandels, den wir vollziehen müssen, besteht darin, zu akzeptieren, dass gläubige Christen in den kommenden Jahren möglicherweise vor der Wahl stehen werden, entweder gute Amerikaner oder gute Christen zu sein“?

Man denke nur, um wenigstens ein Beispiel zu nennen, an die vielen Kriege, die die letzten US-Präsidenten (bisher Trump ausgenommen) weltweit geführt haben und die in der Regel schwerlich von der christlichen Lehre vom bellum iustum, dem gerechtfertigten Krieg[66], gedeckt waren!

Eine gottlose Demokratie schützt nicht vor totalitären Strukturen!

Der polnische Philosophieprofessor Ryszard Legutko, der gegen das kommunistische Regime seines Landes im Untergrund Widerstand geleistet hatte und jetzt einen Lehrstuhl an der Jagellonen-Universität in Krakau innehat, warnt in seinem lesenswerten Buch „Der Dämon der Demokratie – Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften“ (Wien und Leipzig 2016, 180) vor solch einer zum Irenismus neigenden Haltung: 

„Der zweite Fehler ist zu ignorieren, daß die liberal-demokratische Ideologie[67] schon lange aufgehört hat, offen zu sein (wenn sie es je gewesen ist) und nun in eine Phase der rigiden Dogmatik eingetreten ist. Je siegreicher sie ist, umso weniger sind die Sieger bereit, Nachsicht gegenüber denen zu zeigen, die nicht zu den Siegern gehören.

Die sich in Bescheidenheit übenden Christen, die bereit sind, eine gemeinsame Grundlage im Streben nach einer besseren Welt zu suchen, haben keine Überlebenschance, egal wie weit sie in der Selbsterniedrigung gehen. Früher oder später werden sie bedingungslos kapitulieren und sich dem System anschließen, ohne Ausstiegs- und Gewissensklauseln. Und sollten sie sich plötzlich entschließen, non possumus (Wir können nicht mehr mitmachen, H-L B) zu deklarieren, werden sie sofort zu verächtlichen Feinden der liberalen Demokratie erklärt.“

Das haben wir ja auch während der Corona-Krise erlebt:

Friedliche Demonstrationen wurden als rechtextrem gebrandmarkt, obwohl sie sich aus Menschen ganz unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Richtungen zusammensetzten, die einfach um ihre Freiheitsrechte besorgt waren.

Umgekehrt wurden (übrigens weltweit organisierte!) Massendemonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern gegen angeblichen Rassismus nach Art von Vorfällen in den USA nicht nur medial allenthalben unterstützt, sondern plötzlich spielten auch angeblich doch so notwendige Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Epidemie kaum mehr eine Rolle, jedenfalls wurden sie von der Polizei nicht im selben Maße durchgesetzt, wie es zuvor bei Manifestationen zugunsten der von unsrer Verfassung garantierten Grundrechte geschehen war.

Wer bereit ist, sich um seiner Treue zu Christus und der Kirche willen gegen eine so große Übermacht  des Zeitgeistes zu wehren, der wird natürlich ins gesellschaftliche Abseits geraten. Er muß sich bewußt sein, „daß nur ein Bruchteil der großen Menschenmassen fähig ist, den mächtigen Fiktionen der Zeit zu trotzen und der Bedrohung, die sie ausstrahlen“, um die Worte Ernst Jüngers aus seinem Essay von 1951 Der Waldgang[68] zu verwenden.

In jenem lesenwerten, wenn auch nicht immer ganz einfach zu verstehenden kleinen Werk geht es um Menschen, die sich gedanklich von einer erdrückenden Mehrheit um sie herum unabhängig bewahren und bereit sind, Widerstand zu leisten, mag dessen Form auch nicht unbedingt dem katholischen Ideal entsprechen.

Aus den Untersuchungen über  die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann, der Gründerin des Meinungsforschungsinstituts INFAS am Bodensee, wissen wir, daß nur eine kleine Minderheit von vielleicht 10 % zum Widerstand gegen eine erdrückende Mehrheit fähig und bereit ist. Diese teilt sich dann meist noch einmal auf in solche, die sich schließlich an die Majorität anpassen, in andere, die sich völlig radikalisieren und eine kleine Gruppe, die einer gesunden Widerstandslinie treu bleibt.

Beten wir um die Kraft des Hl. Geistes, daß wir zu jener mittleren Gemeinschaft gehören dürfen, möge an Bedrohung auf die Kirche zukommen, was Gott auch immer zuläßt!       

DIESER ARTIKEL, den wir mit freundlicher Erlaubnis des Autors veröffentlichen, erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift THEOLOGISCHES

Anmerkungen:

[1] Fritz Söllner, Frappierende Parallelen: Zurück in die Zukunft: Rückt 1984 immer näher? Junge Freiheit vom 19. Juni 2020, 18. Der Autor, Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre an der TU Ilmenau, entdeckte erschreckende Parallelen zwischen Orwells berühmtem dystopischen Roman und der derzeitigen „Normalität“.

[2] Drostens Einlassung ist unter den angegebenen Daten im Internet zu finden.

[3] Siehe Dirk Schümer, Mein Leben als Corona-Neurotiker. Deutschland ist bisher gut durch die Pandemie gekommen. Aber die neue Normalität ist nicht normal. Mit Mundschutz ins Café… DIE WELT vom 6. Juni 2020, 2. Für die Bereitstellung dieses und einiger anderer Zeitungsausschnitte danke ich Frau Barbara Rohs aus Bonn.

[4] Siehe Carolin Amlinger-Oliver Nachtwey, Sie haben noch etwas zu sagen, FAZ vom 27. Mai 2020, 3.

[5] Kaiser Konstantin der Große gab seinem Volk ein Gesetz, nach dem ein Gladiator oder ein Missetäter, der zur Arbeit in den Bergwerken verurteilt war, nicht mehr nach überlieferter Sitte mit einem Zeichen auf dem Gesicht gebrandmarkt werden durfte. Als Grund für dieses Edikt gab Konstantin an: „Das Gesicht, das nach dem Vorbild himmlischer Schönheit gestaltet ist, darf keinesfalls geschändet werden.“ (Codex Theodosianus 9,40,2). Weiteres hierzu siehe Verf., Ursprung und Wesen der Menschenwürde, DIE NEUE ORDNUNG, Sonderheft 2018. In memoriam Joachim Kardinal Meisner, 71-117, hier 102 f. Anm. 45; der Text kann im Netz kostenlos heruntergeladen werden. Es existiert auch eine lateinische Fassung meines Beitrags in der Vox Latina (De origine et natura dignitatis humanae, 54,211/2018, 92-107; 54,212/2018, 190-207).

[6] „Die derzeit weithin übliche Verwendung des Begriffs ‚Kirchen’ bedeutet nicht nur eine oberflächliche Anpassung an den Sprachgebrauch des Zeitgeistes – in Widerspruch zum Credo und zur Erklärung Dominus Iesus -, sondern sie dürfte in vielen Fällen auch Ausdruck eines schwerwiegenden Glaubensirrtums sein, nämlich eines Neo-Nestorianismus im Kirchenverständnis.“ Johannes Stöhr, Maria, „Mutter der Einheit“, Überwinderin des Neo-Nestorianismus in der Ekklesiologie, in: Manfred Hauke (Hg.), Maria, „Mutter der Einheit“ (Mater unitatis), Mariologische Studien XXVIII, Regensburg 2020, 107-136, Zitat 122 f.) Wenn ich also hier trotzdem von „Kirchen“ im Plural spreche, so ist der Begriff rein soziologisch, nicht theologisch gemeint.

[7] Siehe „Franziskus betet auf leerem Petersplatz für Ende der Corona-Pandemie“, Vatican news vom 27. März 2020.

[8] Zitat nach LThK (2.Aufl.1968) 14,457

[9] „Ohne Zweifel“ fehlt im lateinischen Urtext und wird zu Recht in der neuen Übersetzung ausgelassen (Herders theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, 1,681).

    [10] Gotthold Ephraim Lessing, Ernst und Falk – Gespräche für Freimäurer, Werke Bd. VIII, Hanser-Aus­gabe München 1979, Lizenzausgabe Darmstadt 1996, 463; 465 f.; 462 f.

    [11] Humanität 25,1/1999, 15

    [12] Zitat nach Dieter A. Binder, Die Freimaurer – Ursprung, Rituale und Ziele einer diskreten Gesellschaft, Freiburg/B. 1998, 231.

    [13] Friedhelm Hengsbach, Wirtschaftsethik, 2Freiburg/B. 1993, 131 f.

[14] Siehe Verf., „Nostra autem conversatio in caelis est“ (Phil 3,20). Des Christen Liebe zum ewigen und zum irdischen Vaterland, CIVITAS 21/2014, 1-78, hier 69-76.

    [15] Schwarze Kassen des Geistes – Getrennte Kontenführung und die Attrappe einer Religion: Die Freimaurer werden transparent, FAZ vom 15.12.1999.

    [16] Paulinus vom 9. Januar 2000, S. 10

[17] Siehe Judith Rosen, Der Traum vom ewigen Frieden. Vor 75 Jahren wurden unter dem Eindruck eines verheerenden Weltkrieges die Vereinten Nationen gegründet und die UN-Charta unterzeichnet, General-Anzeiger vom 20./21. Juni 2020, Kulturbeilage S. 4. Rosen schließt mit dem für das Verständnis des Kantschen Ansatzes wichtigen Gedanken: „Die Verwirklichung des ewigen Friedens ist eine ‚ins Unendliche fortschreitende Annäherung’, eine ‚Pflicht’ und ‚zugleich gegründete Hoffnung’.“

[18] In der linken Tageszeitung taz wurde dementsprechend von einer der führenden Klimaaktivistinnen der radikalen „Extinction Rebellion“ – Bewegung, Luisa Neubauer, sogar schon überlegt, ob man dem „Klimanotstand“ mit demokratischen Mitteln über Wahlen überhaupt beikommen könne – und ob es da nicht anderer politischer Formen und Maßnahmen bedürfe. Die junge Dame äußerte sich dort auch zur Bevölkerungspolitik – man sieht also, wie hier alles zusammenhängt: „Ist das Kinderkriegen unseren Mitmenschen gegenüber verantwortungsvoll, da statistisch gesehen nichts einen größeren CO2-Fußabdruck hinterläßt als ein Kind?“ (Tim Sumpf, Öko-Diktatur: Klimaaktivistin Luisa Neubauer stellt demokratische Grundordnung infrage, Epoch Times vom 2. November 2019, aktualisiert am 24. Januar 2020). Auch ein absolut seriöser Gelehrter wie der ehemalige Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier warnte schon vor der „Ökodiktatur“ (Die Warnung. Wie der Rechtsstaat ausgehöhlt wird. Deutschlands höchster Richter a. D. klagt an. 2München 2019, 105-107).

[19] „Angesichts dieser Bedeutung ist es sicherlich nicht übertrieben, das CO2 als wichtigste politische Größe der Gegenwart einzustufen. Es geht um nichts weniger als die Weltherrschaft. Etwas zugespitzt erkennt man Tendenzen zur Errichtung einer ‚Klimadiktatur’. Jene einflußreichen Organisationen, die direkt oder indirekt für One-World-Vorstellungen werben, etwa viele NGO’s, benutzen dieses attraktive Betätigungsfeld, um ihre Ziele voranzutreiben.“ So Felix Dirsch, Professor für Politikwissenschaft, in seinem abwägenden und ausgewogenen Aufsatz „Klimakatastrophaler Mythos“ (Die Neue Ordnung 74,3/2020, 174-187, Zitat 178). Dirschs Anliegen war es, alle an der Diskussion Beteiligten zu mehr wissenschaftlicher Seriosität aufzufordern.    

[20] P. Stefan Frey, „Du sollst deinen Nächsten lieben!“ Zum Migrationspakt der UNO, St. Athanasius-Bote Nr. 40/März 2019, 15-18, hier 16 f. Die Quelle ist abrufbar unter folgender Adresse: ec.europa.eu: European Commission, Directorate-General Home Affairs, Final Report, July 2010: „Study on the feasibility of establishing a mechanism for the relocation of beneficiaries of international protection, 2009“. Dort findet man im Annex S. 16 eine Tabelle, aus der hervorgeht, daß Deutschland damals 82.314.906 Einwohner besaß und daß man entsprechend seinem Territorium eine mögliche Einwohnerzahl von 274.539.094 errechnet hatte.

[21] Zur abgestuften Ordnung der Liebe siehe z. B. das bereits ältere, lateinisch geschriebene Buch des Erzbischofs von Mecheln, Kardinal J. E. van Roey: De virtute charitatis. Quaestiones selectae, Mecheln 1929, v. a. 321-340 (De ordine inter diligendos). Wertvoll ist auch die umfangreiche spanische Abhandlung „Teología de la caridad“ von Antonio Royo Marin O.P., BAC, Madrid 21963, dort v. a. 357-363 (Orden de la caridad para con el prójimo).

[22] Immer wieder setzt sich Franziskus für eine weltweite Migration ein. Welches Ziel ihm u. a. dabei vorschwebt, kann man einem Interview mit dem italienischen atheistischen Journalisten Eugenio Scalfari entnehmen: „Auf diese Weise neigen die Völker unserer Spezies dazu, ein neues Volk zu schaffen, in das die Qualitäten und Mängel der Ursprungsvölker zusammenfließen, um eines zu schaffen, von dem man hofft, daß es besser ist. Das ist das Thema der Migrationen und Einwanderungen…“ (La Reppublica vom 16. Januar 2020, Zitat der deutschen Übersetzung nach: katholisches.info vom 17. Januar 2020). Kritische Überlegungen zu diesen oft unkontrollierten Migrationsbewegungen (siehe v. a. die Ereignisse in Deutschland vom Jahre 2015) sind zusammengetragen in: 1) Manfred Spieker, Die neue Völkerwanderung. Pflichten und Grenzen der Solidarität, Die Neue Ordnung 73,1/2019, 4-14. 2) Heinz-Lothar Barth, Muslimische Immigration. Hintergründe und Folgen, ebd. 15-30. Dort findet man auch kritische Stimmen führender Juristen erwähnt (24 f.). Es sind übrigens überwiegend dieselben, die jetzt auch Bedenken gegen die weitgehenden Einschränkungen der Grundrechte in Deutschland wegen der Coronaepidemie geäußert haben.

[23] Zu dem ganzen erschütternden Dokument siehe die ausgewogenen Ausführungen von Wolfgang Koch, „Unsere christliche Überzeugung verpflichtet uns“ … Naturrechtliche und religiöse Grundlagen der jungen Bundesrepublik, CIVITAS 25/2015, 67-116, hier 70-74 (Abschnitt Verpflichtung auf politische Zukunftspläne).

[24] Siehe Verf., Solidarität und Subsidiarität – Zwei Grundprinzipien der christlichen Soziallehre und ihre Mißachtung in der heutigen Politik, CIVITAS Sonderheft 1, 2008.

[25] Das ist auch die Sorge, die Erzbischof Viganò in einem Beitrag äußerte, in dem er sich kritisch mit Aspekten des II. Vatikanums und deren Auswirkungen im Rahmen der derzeitigen Kirchenkrise auseinandersetzt: „The hopes of the tower of Babel cannot be brought back to life by a globalist plan that has as its goal the cancellation of the Catholic Church, in order to replace it with a confederation of idolaters and heretics united by environmentalism and universal brotherhood. There can be no brotherhood except in Christ, and only in Christ: qui non est mecum, contra me est.“ (Maike Hickson, Abp Viganò on the ‚roots of deviation’ of Vatican II and how Francis was chosen to revolutionize the Church, LIFESITE 10. Juni 2020) Man braucht sich nicht allen von Viganò vorgetragenen Gedanken anzuschließen, die hier und da vielleicht etwas überzogen wirken, aber vieles ist doch sehr bedenkenswert. Siehe jetzt auch Taylor Marshall, Weihbischof Athanasius Schneider et alii, Infiltriert: Die Verschwörung zur Zerstörung der Kirche, erscheint Juli 2020.

[26] Joseph Ratzinger, Die Einheit der Nationen – Eine Vision der Kirchenväter (Salzburg 1971, z.B. 34)

[27] Mischna Avot 3,5, zitiert nach: Guido Baltes, Die verborgene Theologie der Evangelien. Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu, Marburg an der Lahn 2020, 118.

[28] Text im folgenden zitiert nach: Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, hg. von Emil Marmy, Freiburg/Schweiz 1945, Nr. 1304 f., S. 832                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             [29] So richtig Michael Hesemann, Der Papst und der Holocaust. Pius XII. und die geheimen Akten im Vatikan, Stuttgart 2018, 103-105. Viele Stellungnahmen hat Pius XII. dieser Thematik gewidmet. Man kann sie in deutscher Sprache nachlesen in: Von der Einheit der Welt. Das Programm Pius XII.’ für eine internationale Friedensordnung. Aus seinen Briefen, Botschaften und Ansprachen zusammengestellt und erläutert von Karlheinz Schmidthüs, Freiburg/B. 1957.

[30] Text siehe AAS XII/1920, 313-317, v. a. 314.

[31] Konrad Kirch-Adolf Rodewyk, Helden des Christentums, II. Band, (1914) 6Paderborn 1952, 325-348, v. a. 337-341 (Kap. Die Pest)

[32] Ich verfüge über entsprechende Texte, möchte aber die Namen der Autoren nicht nennen, um sie in dieser schwierigen Situation nicht bloßzustellen.

[33] Man lese nur einmal das informative Buch Europa ohne Christus von Stefan Meetschen (Kißlegg 2009), und man erkennt, wie weit die Dinge bereits im Jahr 2009 gediehen waren – so weit, daß Meetschen nicht zu Unrecht von einer immer weiter verbreiteten „Christianophobie“ spricht, einer neuen Form geradezu von (- zunächst noch „nur“? – geistiger) Christenverfolgung (10 f.). Ein ähnlicher Ausdruck, nämlich „Christophobie“, findet sich auch in einem weiteren Buch zu unserer Thematik: Andreas Püttmann, Gesellschaft ohne Gott – Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands (Asslar 2010, hier 51 ff.) Vier Jahre später ist ein weiteres höchst lesenswertes Werk erschienen, das schon im (etwas reißerischen) Titel an die Zeit des frühen Christentums erinnert: Die Löwen kommen – Warum Europa und Amerika auf eine neue Tyrannei zusteuern (Kißlegg 2014). Der Verfasser heißt Vladimír Palko und war von 2002 bis 2006 Innenminister in der Regierung der Slowakischen Republik. Hinzu nehmen könnte man auch noch das aus ernsthaft protestantischer Perspektive verfaßte Buch Quo vadis, Europa? Die Zukunft des christlichen Abendlandes, hg. von Peter Schäfer von Reetnitz,  ideaDokumentation Dillenburg 2006.

[34] Siehe hierzu Verf., Die Geschichte des Sonntags und seine Bedeutung für Kirche und Gesellschaft, CIVITAS 14/2012.

[35] Ludger Müller – Christoph Ohly, Katholisches Kirchenrecht. Ein Studienbuch, Paderborn 2018, 42.

[36] FDP-Generalsekretärin sieht Kirchen als „existenzrelevant“ – Teuteberg stellt  aber auch die Frage nach deren Zurückhaltung während der Corona-Krise, ideaSpektrum 23/2020, 30.

[37] Hat die Kirche in der Corona-Krise versagt? ideaSpektrum 22/2020, 15. Lieberknecht argumentierte in diesem Interview, das mit jeweils einem Vertreter für die Positionen PRO und CONTRA stattfand, für PRO.

[38] Peter Schade, Grundgesetz mit Kommentierung, 9Regensburg 2012, 100 f.

[39] „Es geht eigentlich alles, bloß nicht das, was Anspruch auf Wahrheit und Gültigkeit erhebt.“ Propst Dr. Gerald Goesche vom Berliner Institut St. Philipp Neri im Gespräch mit der UNA VOCE KORRESPONDENZ, UVK 50,1/2020, 11-17, Zitat 11.

[40] Siehe Simon Kajan, Kommentar um ‚5 vor 12’: Bischof Wilmer – „Überbewertet“, Die Tagespost online vom 14. April 2020.

[41] Bernhard Müller, Editorial in: PUR magazin 5/2020, 3.

[42] Zitat nach: Mons. Gilles Wach, L’ecclésiologie à travers les livres liturgiques, Divinitas 58/2015, 205-233, hier 217.

[43] Siehe den Artikel Orthodoxe Ostergottesdienste in mehreren Ländern trotz Corona, Wochenblatt – Die Zeitung für alle, online-Ausgabe vom 19.4.2020. Ein Beispiel für den dort beschriebenen Protest: „Der russische Patriarch Kirill beklagte in einer Fernsehansprache ‚die schrecklichen Krankheiten, die unser Volk befallen hat’ und sagte, die Kirchenschließungen erinnerten ihn an die Sowjetzeit, als die Menschen ‚ihre Zukunft riskierten’, wenn sie in die Kirche gingen.“ Das wird sicher seinem  Staatspräsidenten Wladimir Putin nicht sonderlich gefallen haben, der die Schließungen verfügt hatte, sonst aber an sich der orthodoxen  Kirche gegenüber sich wohlwollend verhält – aus welchen Motiven auch immer. Dessen belarussischer (weißrussischer) Kollege Präsident Alexander Lukaschenko, wahrlich kein „lupenreiner Demokrat“, handelte da demokratischer: „Ich bin nicht einverstanden mit denen, die den Menschen den Weg zur Kirche verschließen.“ So blieben in seinem Staat die Kirchen auch für die Gottesdienste geöffnet.

[44] Vom Hauskirchenwesen, auch mit Blick auf den bevorstehenden Ökumenischen Kirchentag 2021, schwärmte z. B. der scheidende Rektor der Hochschule St. Georgen in Frankfurt/M., Ansgar Wucherpfennig SJ, in der deutschen Jesuitenzeitschrift Stimmen der Zeit (5/2020).

[45] Für diese Information danke ich Dr. Dieter Fasen.

[46] Giuseppe Nardi, Bischof von Fatima empört: „Gläubige wollen noch immer die Mundkommunion“ – Coronavirus, Katholisches.info, Lissabon, 3. Juni 2020.

[47] Siehe hierzu Johannes Laas, Der hl. Pius X. und die Erneuerung der Kirchenmusik, UVK 35,3/2005, 140-158. Wertvolle Überlegungen zur Kirchenmusik, verbunden auch mit Kritik an der nachkonziliaren Situation, findet man in kleineren Beiträgen zusammengestellt in UVK 14,4/1984.

[48] Scholz gehört übrigens mit zu den Verfassern des berühmten Grundgesetzkommentars von Maunz-Dürig-Herzog-Scholz.

[49] Wenn Pinsel wichtiger sind als Gebete: Corona ohne Theologie, Christ in der Gegenwart Nr. 23/2020, 238.

[50] Josef Isensee, Virokratie. Die Normalität ist weggebrochen, die Verfassung reagiert elastisch. Keine Gesellschaft, erst recht die deutsche, hält freilich auf Dauer ein Notregime aus, FAZ vom 4. Juni 2020, 7

[51] Hätte die Bundesregierung nicht in der Vergangenheit die Notfall-Lazarette der Bundeswehr so stark reduziert und im Anschluß an die Notfallübung des Jahres 2013, wo solch eine Pandemie mit ihren potentiellen Folgen durchgespielt worden war, Vorsorge getroffen, dann hätte man über einen viel größeren Spielraum verfügt! Siehe André Uzulis, Bedingt vorbereitet. Das Coronavirus zeigt die Schwächen der deutschen Krisenvorsorge. Der Mangel an Schutzausrüstung war absehbar. Gehandelt wurde nicht – wider besseres Wissen, in: loyal – Das Magazin für Sicherheitspolitik 5/2020, 10-16.

[52] Siehe die Zahlen, die in einer Skizze von dem Finanzwissenschaftler und Statistiker  Prof. Stefan Homburg zusammengestellt wurden: Tägliche Sterbefälle in Deutschland. Quelle war das Statistische Bundesamt. (https://www.destatis.de).

[53] Das hatte ja vor allem Prof. Püschel herausgefunden. Dank dem enormen Fleiß und der Kenntnis eines in den Naturwissenschaften promovierten Freundes verfüge ich über eine beeindruckende Zusammenstellung solcher Stimmen, die vom „Mainstream“ abweichen. Ich bin gerne bereit, sie Interessenten elektronisch zur Verfügung zu stellen.

[54] Ein besonders drastisches Beispiel: Andreas Boueke, Hungertod durch den Lockdown. Europas Covid 19- Strategie paßt nicht für Lateinamerika, Die Tagespost vom 4. Juni 2020, 30.

[55] Siehe z.B.: Interview Alexandra Philipsen, Ängstlich, gestresst und reizbarer. Die Direktorin der Psychiatrie an der Bonner Uniklinik spricht über Folgen der Corona-Krise, General-Anzeiger vom 16. Juni 2020, 9; Rechtsmediziner warnt vor „Corona-Selbstmorden“, ideaSpektrum 22/2020, 7.

[56] Wie weit sich die Lehre von den Sakramenten bei vielen modernen Theologen bereits der protestantischen Auffassung angenähert hat, zeigt beispielsweise die – in einem Kästchen herausgehobene und fettgedruckte – Definition von Peter Knauer SJ, Der Glaube kommt vom Hören – Ökumenische Fundamentaltheologie, 6., neubearb. und erw. Aufl., Freiburg./B. 1991, 244): „Die Sakramente sind die Zeichen des angenommenen Wortes Gottes“. Wer noch an der Intention des Autors zweifeln sollte, möge folgenden Satz hinzunehmen: „Es ergibt sich also, daß die Sakramente nichts Zusätzliches zum ‚Wort Gottes‘ sind, sondern sich in ihm selbst angelegt finden“ (253 f.). Dem katholischen Theologen Knauer wurde übrigens in einem Urteil des Hanauer Landgerichts vom 11. 12. 1979 im Prozeß um die Rückzahlung eines Darlehens durch einen seiner St. Georgener Studenten bescheinigt, daß er „häretische Thesen vertritt“ (Ein bemerkenswertes Urteil, UVK 10,2/1980, 123-134).

Hubert Jedin bezeichnete es zutreffend als die logische Konsequenz der lutherschen Sakramentenlehre – die meist weder die Neuerer des 16. Jhs. noch ihre „katholischen“ Epigonen des 20. Jhs. in dieser Radikalität gezogen haben -, daß „letztlich das im Glauben angenommene Gotteswort als einziges ‚Sakrament‘ übrigbleibt“ (Geschichte des Konzils von Trient, Bd. II, Freibg./B. 1957, 317). Ähnlich hatte zuvor schon A. Michel in seinem Artikel „Sacrements“ des „Dictionnaire de Théologie Catholique“ argumentiert, jenes Standardwerks katholischer Gelehrsamkeit (DTC 14/1939, 554).

[57] Siehe www.cnbc.com (2020/06/08).

[58] Leider versucht der Autor, der übrigens auch auf Epidemien eingeht, das, was er als oft unberechtigte Ängste der Menschen und gerade der Deutschen richtig analysiert, beinahe ausschließlich nach Darwins Vorbild aus der Evolution zu erklären. So braucht man sich nicht zu wundern, daß er den Menschen zu einem „nackten Affen“ degradiert (122). Willensfreiheit und Leistungsfähigkeit der von Gott geschenkten menschlichen Ratio kommen hier zu kurz.

[59] Für den Begriff der „militia Christi“ und die mit ihm in der Antike verbundene Konzeption ist noch immer maßgeblich die ältere Arbeit des Protestanten A. v. Harnack, Militia Christi. Die christliche Religion und der Soldatenstand in den ersten drei Jahrhunderten, Tübingen (1905). Aus späterer  Zeit wäre z. B. zu nennen: W. Rordorf, Tertullians Beurteilung des Soldatenstandes, VigChr 23/1969,130-138. Einen guten historischen Überblick über die Bedeutung der Militia Christi im Verlauf der Kirchengeschichte bietet J. Auer, Militia Christi: Dictionnaire de spiritualité 10 (1980) 1210/1223. Zur „Militia Christi“ in der Antike siehe auch Vinzenz Buchheit, Glaube gegen Götzendienst (Prud. psych. 21 ff.), RhM 133/1990, 393 f.    

[60] Manfred Hauke, Die Corona-Pandemie und die Frage nach Gott, Theologisches Mai/Juni 2020, 205-228.

[61] Ich verdanke diesen Ratschlag einer Sonntagspredigt von P. Horst Bialek.

[62] Rainer Maria Woelki, Corona ist für Christen Stunde der Bewährung, FAZ vom 28. Mai 2020, 8.

[63] Siehe Ludwig Gschwind, Heiliger Geist. Gaben, Tröstungen, Früchte, Augsburg 1998.

[64] „Dabei ist die Mitte nicht die geometrisch genau berechnete Mitte. Wenn Tapferkeit die Mitte zwischen den Extremen Feigheit und Tollkühnheit ist, dann steht sie der Tollkühnheit doch etwas näher als der Feigheit.“ (Hellmut Flashar, Aristoteles – Lehrer des Abendlandes, München 2013, 78).

[65] Siehe Giovanni Cavalcoli, La dimensione militante dell’ evangelizzazione, in: Gianni T. Battisti (ed.), Verità della fede. Che cosa credere, e a chi. I criteri di discernimento tra Magistero e teologia, Roma 2013, 139-153, zu St. Paulus 148 f.

[66] Siehe hierzu Verf., Die Haltung des Christentums zum Krieg: Antike Stimmen und spätere Entwicklung, CIVITAS 17-18/2013, 1-136.

[67] Anm. H-L B: Wir könnten auch, gerade mit Blick auf das heutige Deutschland, von der links-liberalen Demokratie, der des Kulturmarxismus sprechen. Diese ist weit entfernt von den Anfängen der BR Deutschland unter Konrad Adenauer und dem ursprünglichen Geist des Grundgesetzes. Siehe Dorothea und Wolfgang Koch, Konrad Adenauer. Der Katholik und sein Europa, 3Kißlegg 2018.

[68] Mit Adnoten von Detlev Schöttker, Klett-Cotta 2014, 39.

 


Vatikan-Dokument zum Exorzismus und charismatischen „Befreiungsgebeten“

Kongregation für die Glaubenslehre

Schreiben an die Ortsbischöfe
bezüglich der Normen zum Exorzismus

29. September 1985

Eure Exzellenz,

seit einigen Jahren nimmt in gewissen kirchlichen Kreisen die Zahl von Gebetsversammlungen zu, die den Zweck verfolgen, die Befreiung vom Einfluss böser Geister zu erlangen, wobei es sich nicht um Exorzismen im eigentlichen Sinne handelt. Diese Versammlungen finden unter der Leitung von Laien statt, auch wenn ein Priester anwesend ist.

Da nun bei der Kongregation für die Glaubenslehre angefragt wurde, was von dieser Tatsache zu halten sei, erachtet es dieses Dikasterium für notwendig, den Bischöfen Folgendes mitzuteilen:

1. In Kanon 1172 des Codex des Kanonischen Rechtes wird erklärt, dass niemand rechtmäßig Exorzismen über Besessene aussprechen kann, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat (§ 1), und dass der Ortsordinarius diese Erlaubnis nur einem Priester geben darf, der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet (§ 2). Die Bischöfe sind daher dringend aufgefordert, sich streng an diese Vorschriften zu halten.

2. Aus besagten Vorschriften ergibt sich, dass es den Gläubigen nicht erlaubt ist, die Exorzismus-Formel gegen den Satan und die abtrünnigen Engel aus dem Exorzismus zu verwenden, der auf Anordnung von Papst Leo XIII. veröffentlicht wurde; und noch weniger dürfen sie den vollständigen Wortlaut dieses Exorzismus verwenden. Den Bischöfen obliegt es, die Gläubigen im Bedarfsfall darauf hinzuweisen.

3. Aus denselben Gründen werden die Bischöfe schließlich gebeten, auch in Fällen, in denen eine echte teuflische Besessenheit auszuschließen ist, darüber zu wachen, dass niemand ohne die entsprechende Vollmacht Versammlungen leitet, bei denen Befreiungsgebete gesprochen werden, in deren Verlauf die Dämonen direkt befragt werden, um ihre Namen zu erfahren.

Der Verweis auf diese Normen darf die Gläubigen jedoch keineswegs davon abhalten, darum zu beten, von dem Bösen erlöst zu werden, wie es uns Jesus gelehrt hat (vgl. Mt 6,13). Darüber hinaus können die Bischöfe diese Gelegenheit nutzen, um an das zu erinnern, was uns die Tradition der Kirche bezüglich der besonderen Rolle lehrt, die die Sakramente und die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Engel und der Heiligen im geistigen Kampf der Christen gegen die bösen Geister spielen.

Hochachtungsvoll,

in Christus Ihr

Joseph Card. Ratzinger, Präfekt

+ Alberto Bovone, Sekretär

Quelle: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19850924_exorcism_ge.html