Privatoffenbarungen sind weder eine Basis noch ein Stützpfeiler des Glaubens

Von Felizitas Küble

Wie Radio Vatikan kürzlich mitteilte, hat Papst Franziskus den polnischen Erzbischof von Warschau, Henryk Hoser, zu seinem Sonderbeauftragten für den umstrittenen Erscheinungsort Medjugorje ernannt.

Papst Franziskus, so heißt es weiter, wolle auf diesem Wege Genaueres über die pastorale Situation und die Bedürfnisse der Pilger erfahren.Foto Michaela Koller

In Medjugorje soll nach Seherangaben seit über 35 Jahren die Gottesmutter erscheinen, einigen Visionären sogar täglich. Die zuständigen Ortsbischöfe von Mostar (zunächt Zanic, dann sein Nachfolger Peric) äußern sich ablehnend über die Echtheit der Phänomene, die jugoslawische Bischofskonferenz gab sich in den 80er Jahren mehrfach zurückhaltend-distanziert  —  und der Vatikan errichtete eine Untersuchungskommission, die der Glaubenskongregation zuarbeitet, weil dieses Gremium (nach dem jeweiligen Diözesanbischof) für die Beurteilung von Privatoffenbarungen zuständig ist.

Doch welchen Stellenwert haben kirchlich genehmigte Erscheinungen in der katholischen Kirche?

Warum spricht man von ‪„Privatoffenbarungen“, obwohl sich viele Botschaften nicht nur an einzelne Personen oder Zielgruppen richten, sondern an die ganze Kirche, so etwa in Lourdes oder Fatima?

Der Ausdruck ‪„Privatoffenbarungen“ bezieht sich nicht auf den jeweiligen Empfängerkreis, sondern auf die geringe Verbindlichkeit von Erscheinungen im Vergleich zur amtlichen bzw. ‪„öffentlichen“ Offenbarung.

Bibel und Tradition bezeugen die Offenbarung Gottes

Darunter versteht die kath. Kirche die Offenbarung Gottes, die in der Heiligen Schrift und der apostolischen Tradition bezeugt wird. Über die Reinerhaltung und Bewahrung dieser Offenbarung Gottes wacht das kirchliche Lehramt. Der katholische Glaube beruht gleichsam auf einem einzigen Fundament (Offenbarung Gottes), zwei Säulen (Bnikolausibel, Überlieferung) und einem schützenden Dach, dem Lehramt der Kirche.

Privatoffenbarungen sind weder eine Basis noch ein Stützpfeiler des Glaubens, denn die göttliche Offenbarung ist laut katholischer Lehre mit dem Tod des letzten Apostels bzw. dem Ende der apostolischen Zeit abgeschlossen.

Es handelt sich bei dieser Aussage um ein Axiom, also eine Denkvoraussetzung und Grundlegung für weitere Lehrsätze. Erscheinungen und Visionen sind daher nicht verbindlich für die Gläubigen, auch dann nicht, wenn sie die kirchliche Approbation erhalten haben.

Approbation bedeutet Genehmigung oder Erlaubnis

Der deutsche Begriff ‪„Anerkennung‪“ wirkt etwas mißverständlich, weil er leicht den Eindruck erwecken könnte, als würde die Kirche mit einer ‪„Anerkennung“ die übernatürliche Herkunft der betreffenden Privatoffenbarung bestätigen. Das tut sie aber keineswegs. Vielmehr geht es bei einer Approbation — also einer Erlaubnis, Genehmigung, Billigung — um die Feststellung, daß der Inhalt jener ‪„Botschaft‪“ nicht dem Glauben der Kirche widerspricht, weshalb es dem Katholiken ‪„gestattet“ ist, dem Geschehen seine Zustimmung zu schenken.

Freilich soll dies ohne jeden Fanatismus geschehen, weshalb Papst em. Benedikt das Kirchenvolk in seinem Apostolischen Schreiben ‪„Verbum Domini“ ermahnte, einen solchen Glauben in einer ‪„klugen Weise“ auszuüben, denn auch eine kirchlich genehmigte Erscheinung ist kein ‪„fünftes Evangelium“.

Foto: Radio VatikanZudem heißt es in ‪„Verbum Domini“ grundsätzlich über die göttliche Offenbarung:

„Der Wert der Privatoffenbarungen ist wesentlich unterschieden von der einer öffentlichen Offenbarung: Diese fordert unseren Glauben an, denn in ihr spricht durch Menschenworte und durch die Vermittlung der lebendigen Gemeinschaft der Kirche hindurch Gott selbst zu uns….Die Privatoffenbarung ist eine Hilfe zu diesem Glauben, und sie erweist sich gerade dadurch als glaubwürdig, dass sie auf die eine öffentliche Offenbarung verweist…Eine Privatoffenbarung kann neue Akzente setzen, neue Weisen der Frömmigkeit herausstellen oder alte vertiefen.“

Papst Benedikt erklärte in seinem Apostolischen Schreiben ebenfalls, was eine Approbation wirklich beinhaltet:

„Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt daher im wesentlichen an, dass die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken.“

„Nichts anderes als eine Erlaubnis zur Veröffentlichung“

Diesen bewährten kirchlichen Standpunkt erwähnte bereits Kardinal Prosper Lambertini, der spätere Papst Benedikt XIV., in seinem 1734 – 1738 erschienenen Klassiker über die Selig- und Heiligsprechungen:media-377708-2

„Man muss wissen, dass diese Billigung (von Visionen und Offenbarungen) nichts anderes ist als eine Erlaubnis …, sie nach reiflicher Überprüfung zu Belehrung und Nutzen der Gläubigen zu veröffentlichen.‪“

Im Unterschied zu den unfehlbaren „Offenbarungen, wie sie den Aposteln und Propheten zuteil wurden“, besitzen die späteren, von der Kirche genehmigten Privatoffenbarungen lediglich einen Wahrscheinlichkeits-Charakter.

Der katholische Dogmatiker Prof. Dr. Joseph Schumacher (siehe Foto) erläutert ebenfalls, daß Privatoffenbarungen von der Kirche ‪„niemals als Gegenstand allgemeiner Glaubenspflicht‪“ vorgelegt werden.

Keine Glaubensverpflichtung für Katholiken

Ihre kirchliche Approbation besage nur, dass in den Botschaften nichts zu finden ist, was dem Glauben und der Sitte widerspreche, daß sie daher veröffentlicht und geglaubt werden dürfen; ihre übernatürliche Verursachung wird nicht sicher gelehrt, sondern vernünftigerweise („fide humana“) angenommen, schreibt der Freiburger Theologe Joseph-Schumacherdazu.

Er fährt fort: ‪„Die Approbation gehört nicht in den Bereich des Lehramtes, sondern des Hirtenamtes. Daher sind auch approbierte Privatoffenbarungen für die Gläubigen nicht verpflichtend. Die Kirche könnte sie gar nicht verpflichtend machen, selbst wenn sie es wollte, denn ihre Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf die Bewahrung und Interpretation der öffentlichen Offenbarung.“

Aus diesem Grunde ist es Katholiken gestattet, kirchlich ‪„anerkannte“  bzw. approbierte Erscheinungen sachkritisch zu bewerten, freilich soll dies ohne Polemik erfolgen. Prof. Schumacher dazu: ‪„Maßvolle Kritik an den Privatoffenbarungen und ihre begründete Ablehnung sind möglich und durchaus mit dem Glauben zu vereinbaren, wenn sie nur mit der gebotenen Bescheidenheit, vernünftig und ohne Mißachtung vorgetragen werden.“

Weitere ausführliche Hinweise zu diesem Themenfeld bietet Joseph Schumacher in seiner Neuerscheinung ‪„Die Mystik im Christentum und in den nichtchristilchen Religionen“ (Patrimonium-Verlag 2016).

Erstveröffentlichung des Artikels durch die internationale katholische Nachrichtenagentur ZENIT: https://de.zenit.org/articles/welchen-stellenwert-haben-privatoffenbarungen-in-der-katholischen-kirche/


Was bedeutet die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung genau?

„Es ist gestattet, daran zu glauben“

Von den tausenden „Privatoffenbarungen“ (Erscheinungen, Visionen, „Botschaften“ etc) hat die katholische Kirche sehr wenige (unter 1%) kirchlich „anerkannt„, wie es im deutschen Sprachgebrauch meist formuliert wird. kleines-rituale

Der deutsche Ausdruck „Anerkennung“ klingt allerdings mißverständlich bis irreführend:

Der kirchenamtliche lateinische Begriff heißt „Approbation„, wofür die sprachlich und inhaltlich zutreffendste Übersetzung „Genehmigung“ oder „Billigung“, „Erlaubnis“ wäre. (Anerkennung heißt „Aestimation“, das Verb „anerkennen“ im Lateinischen „laudare“ oder „agnoscere“. Bestätigen heißt „confirmere“.)

Wenn die Kirche also eine Privatoffenbarung „approbiert“, dann „anerkennt“ sie diese nicht etwa in dem Sinne, als ob sie dafür eine lehramtliche „Bestätigung“ bieten könne oder wolle; sie lehrt damit auch keineswegs verbindlich die übernatürliche Herkunft einer „Erscheinung“; es geht vielmehr darum, daß sie dem Kirchenvolk den Glauben daran gestattet, daß sie ihn „billigt“.

Es handelt sich also keineswegs um eine Verpflichtung („Du mußt!“), nicht einmal um eine lehramtliche Empfehlung („Du sollst!“), sondern lediglich um eine Genehmigung („Du darfst!“).

Es geht  – um einem Mißverständnis zu wehren  –   bei der Approbation einer Privatoffenbarung nicht um eine Anerkennung in der Weise, wie manche Gläubige dies auslegen, als hier ob das unfehlbare Lehramt der Kirche sprechen würde und verbindlich entschieden hätte.

Für die Approbation einer Erscheinung ist laut Kirchenrecht ohnehin nicht der Papst zuständig, sondern der Ortsbischof – und gegebenenfalls die Glaubenskongregation, falls der betreffende Bischof die Angelegenheit nach Rom weiterreicht bzw. jene Privatoffenbarung eine weit überregionale Bedeutung erlangt.

Bei der Beurteilung einer Erscheinung ist zudem nicht so sehr das „Lehramt“ des Bischofs gefragt, sondern vor allem sein „Hirtenamt“, denn der Inhalt von Privatoffenbarungen gehört nicht zum Glaubensgut der Kirche, auch nicht im Falle einer Approbation, also einer sogenannten „Anerkennung“. (Dies bekräftigt auch der katholische Weltkatechismus ausdrücklich.

Das sog. „depositum fidei“ (das hinterlegte, überlieferte Glaubensgut) beruht auf der göttlichen Offenbarung (die mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist) und auf der lehramtlichen Verkündigung der Kirche.

Zu dieser „öffentlichen“, amtlichen Verkündigung gehören aber grundsätzlich keine „Botschaften“ aus Privatoffenbarungen (auch nicht aus „anerkannten“).

Die Approbation von Erscheinungen ist im wesentlichenvergleichbar mit einer kirchlichen Druckerlaubnis (Imprimatur): auch diese verpflichtet niemanden, das betreffende Buch zu lesen, sondern gestattet dies lediglich.023_20A

Diese Auslegung bestätigt Kardinal Prosper Lambertini, der spätere Papst Benedikt XIV. (siehe Grafik); er schrieb in seinem 1734 erschienenen Klassiker über die Selig- und Heiligsprechungen:

„Man muss wissen, dass diese Billigung (von Visionen und Privatoffenbarungen) nichts anderes ist als eine Erlaubnis…, sie nach reiflicher Überprüfung zu Belehrung und Nutzen der Gläubigen zu veröffentlichen.“  

(Quelle: Prosper Lambertini, De Servorum Dei Beatificatione et Beatorum Canonizatione II, 32, 11; III, cap. ult., 15)

Papst Benedikt in VERBUM DOMINI

Papst Benedikt XVI. hat sich in seinem „Apostolischen Schreiben“ VERBUM DOMINI vom 30. September 2010 im 14. Kap. (b) ausdrücklich mit dem Thema göttliche Offenbarung und – im Unterschied dazu –  den sog. Privatoffenbarungen befaßt: 

In diesem „nachsynodalen“ (nach einer Bischofssynode in Rom herausgegebenen) päpstlichen Dokument heißt es (Linien von uns markiert):

„Folglich hat die Synode empfohlen, „den Gläubigen zu helfen, das Wort Gottes von Privatoffenbarungen zu unterscheiden“. Diese „sind nicht dazu da, die endgültige Offenbarung Christi … zu „vervollständigen“, sondern sollen helfen, in einem bestimmten Zeitalter tiefer aus ihr zu leben“. 1_0_668126

Der Wert der Privatoffenbarungen ist wesentlich unterschieden von der einer öffentlichen Offenbarung: Diese fordert unseren Glauben an, denn in ihr spricht durch Menschenworte und durch die Vermittlung der lebendigen Gemeinschaft der Kirche hindurch Gott selbst zu uns.

Der Maßstab für die Wahrheit einer Privatoffenbarung ist ihre Hinordnung auf Christus selbst. Wenn sie uns von ihm wegführt, dann kommt sie sicher nicht vom Heiligen Geist, der uns in das Evangelium hinein- und nicht aus ihm herausführt.

Die Privatoffenbarung ist eine Hilfe zu diesem Glauben, und sie erweist sich gerade dadurch als glaubwürdig, dass sie auf die eine öffentliche Offenbarung verweist. 

Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt daher im wesentlichen an, dass die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken. Foto: Kloster Ettal

Eine Privatoffenbarung kann neue Akzente setzen, neue Weisen der Frömmigkeit herausstellen oder alte vertiefen. Sie kann einen gewissen prophetischen Charakter besitzen (vgl. 1Thess 5,19-21) und eine wertvolle Hilfe sein, das Evangelium in der jeweils gegenwärtigen Stunde besser zu verstehen und zu leben; deshalb soll man sie nicht achtlos beiseite schieben. Sie ist eine Hilfe, die angeboten wird, aber von der man nicht Gebrauch machen muss. Auf jeden Fall muss es darum gehen, dass sie Glaube, Hoffnung und Liebe nährt, die der bleibende Weg des Heils für alle sind.“

Damit wird erstens bestätigt,

A. daß die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung lediglich eine „Erlaubnis“ beinhaltet, die den Gläubigen die Zustimmung dazu „gestattet“

B. daß jene freiwillige Zustimmung der Gläubigen, falls sie erfolgt, zudem in einer „klugen Weise“ geschehen soll.

Unklug wäre es nämlich, wenn man einer Privatoffenbarung in einer übereifrigen Weise zustimmen würde, etwa so, als ob sie zum Glaubensgut der Kirche gehöre oder gar ein Dogma sei  –  oder als ob sie etwa der „Maßstab des Katholischen“ sei, als ob man damit gar das „Katholischsein“ anderer Menschen bemessen könnte.

Auch kirchlich genehmigte Erscheinungen sind kein „fünftes Evangelium“  –  geschweige gar das erste.

Sie sind vielmehr ein Angebot der Kirche für jene, denen eine solche Privatoffenbarung helfen kann, ihren Glauben zu vertiefen. An kirchlich nicht genehmigten Erscheinungen soll man hingegen nicht hängen, erst recht nicht an jenen, die eindeutig abgelehnt wurden (zB. Heroldsbach).

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster