Heimatvertriebene zwischen völkerrechtlichem Anspruch und lautloser Abwicklung

Buchbesprechung von Thomas May

Buchdaten: Alfred de Zayas, Konrad Badenheuer: 80 Thesen zur Vertreibung. Aufarbeiten statt verdrängen. – Verlag Inspiration UN Limited, London/Berlin 2019, 216 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3-945127-292. – 14,90 € (Bestellung: http://viul.de/buch/id-80-thesen-zur-vertreibung.html)

In den Jahren 1944 bis 1948 wurden 13 bis 14 Millionen Menschen aus den Gebieten Schlesiens, Pommerns, Ost- und Westpreußens sowie des Sudetenlandes gewaltsam entwurzelt. Um diesen epochalen Vorgang der Vertreibung der Deutschen ist es seit den 2000er Jahren erstaunlich still geworden; von der politischen Agenda ist er trotz der bis heute andauernden Folgen und nicht aufgearbeiteten großen Unrechtstatbestände verschwunden.

Dieser Missstand läuft nicht nur der internationalen Entwicklung zuwider, sondern ist auch psychologisch und ethisch fragwürdig.

ZIEL: Aufarbeiten statt verdrängen

Die beiden Autoren (Prof. Dr. Alfred de Zayas und Konrad Badenheuer) verstehen ihr Buch als Antithese zu Tabuisierung und Vergessen der Vertreibung seitens der bundesdeutschen Politik und der öffentlich-rechtlichen Medien. Es ist ein Plädoyer, die damaligen Geschehnisse vollumfänglich und ungeschönt zur Kenntnis zu nehmen, sie historisch (richtig) einzuordnen, völkerrechtlich zu bewerten und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Im ersten der drei Teile stellt der amerikanische Historiker und Völkerrechtler Alfred-Maurice de Zayas, bekannt durch seine Forschungen und Publikationen zum Thema „Vertreibung“ seit den 1970er Jahren und Menschenrechtstätigkeit für die UN, in 80 Thesen seine Kernaussagen vor.

Anschließend integriert sie der Berliner Publizist und Journalist Konrad Badenheuer (siehe Foto) unter Nutzung seiner Insiderkenntnisse der Vertriebenenverbände in den zeitgeschichtlichen Kontext der deutschen Vertriebenenpolitik; der dritte Teil (Anhang) beinhaltet historische Landkarten und Fotos, Entschließungen des Bundestages (1994, 2016), des Europäischen Parlaments (1995, 1999, 2000) sowie maßgebliche internationale Dokumente (1994/97, 1995) und Stimmen (1995, 2005).

GRUNDLEGUNG: Die Thesen

1986 trat de Zayas erstmals mit 22 „Thesen zur Vertreibung“ hervor, in denen er auf die „typisch deutsche“ Fehlentwicklung hinwies; 2008 waren sie auf 50 angewachsen. Mit der Neufassung 2019, in welche die völkerrechtlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland, Ostmitteleuopa und weltweit zum Thema „Flucht und Vertreibung“ eingearbeitet wurden, hat sich der Umfang des Buches vervierfacht, auch dank der Aufsätze des Verlegers und Koautors Badenheuer.

Die jetzt 80 Thesen gliedern sich in 28 historische Thesen (Fakten), 36 völkerrechtliche Thesen (Rechtsnormen) und die sich aus ihnen ergebenden Schlussfolgerungen in 16 Thesen.

Fakten

De Zayas definiert Vertreibung als „gewaltsam erzwungene[n] Verlust der Heimat unter Verlust des Eigentums“ (These 14); sie umfasst nicht nur die gewaltsamen Austreibungen des Jahres 1945, sondern auch die organisierten „Bevölkerungstransfers“ von 1946 bis 1948, ebenso die von den deutschen Behörden durchgeführten Evakuierungen ab Herbst 1944 und die Massenflucht im Frühjahr 1945 infolge des später verweigerten Rückkehrrechts und der Enteignung der Geflohenen.

Dem Autor zufolge ist die gängige Ansicht, der Zweite Weltkrieg sei die Ursache der Vertreibung der Deutschen gewesen, wissenschaftlich unhaltbar. Den Versuch mancher Historiker, sie als die natürliche Folge der deutschen Verbrechen hinzustellen, nennt er „politische Geschichtsklitterung“. Erst recht hält die Rede von der (gewollten) Bestrafung des (deutschen) „Tätervolkes“ historischer Prüfung nicht stand. (Sie verbietet sich auch wegen ihres rassistischen Charakters.)

Wesentliche Gründe waren die politischen Entscheidungen eines überschaubaren Personenkreises (wie u. a. Dokumente und Bekenntnisse tschechischer, polnischer und sowjetischer Politiker belegen), die geopolitischen Ambitionen Stalins und der Wille der Westalliierten, Deutschland nachhaltig zu schwächen. Schließlich erweist de Zayas auch die verbreitete Vorstellung, vollzogene Vertreibungen seien unumkehrbar, als historisch unzutreffend.

Als ein Schlüsseldokument präsentiert er das Telegramm des britischen Diplomaten (Sir) Geoffrey Harrison an seinen Chef John Troutbeck (Leiter der Deutschland-Abteilung) vom 1. August 1945, das er 1976 im Archiv des Foreign Office entdeckte (als Faksimile im Anhang abgedruckt).

Darin steht der markante Satz: „Sobolev [der sowjetische Vertreter im mit den ‚Bevölkerungstransfers‘ befassten Unterausschuss, welcher der Potsdamer Konferenz zuarbeitete] bezog den Standpunkt, dass der polnische und tschechoslowakische Wunsch, ihre deutschen Bevölkerungen zu vertreiben, die Erfüllung einer historischen Mission [!] sei und die sowjetische Regierung nicht Willens sei, zu versuchen, sie daran zu hindern.“

Hier scheint die panslawistische Expansionspolitik mit westlicher Stoßrichtung auf, wie sie sich im russischen geopolitischen Kalkül seit dem 16. Jahrhundert abzeichnete. Ganz auf der Linie Sobolevs meinte der tschechische Ministerpräsident Beneš wenig später, mit der Vertreibung der Sudetendeutschen seien „die Fehler eines Jahrtausends korrigiert“ worden. Harrison, Verfasser des „Vertreibungsartikels“ XIII des Potsdamer Communiqués, mit dem de Zayas nach dem Krieg Kontakt aufnahm, betonte auf Nachfrage, nie sei in der Diskussion die Vertreibung als (gerechte) Bestrafung (der Deutschen) bezeichnet worden (auch von Stalin nicht).

Das Telegramm hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck der britischen und amerikanischen Seite, die einerseits „massenhafte Transfers … nicht mögen“ (weil sie die Last für ihre Besatzungszonen begrenzen wollen) und zumindest ihre ordnungsgemäße, menschliche Durchführung sicherstellen wollen, anderseits gegen die grausame Behandlung der deutschen Bevölkerung in der Praxis nicht mehr als wirkungslose Proteste in Warschau und Prag vorbrachten und die Vertreibungen als „fait accompli“ hinnahmen.

Insgesamt kamen laut Untersuchung des Statistischen Bundesamtes (1958) über zwei Millionen Menschen durch Flucht, Vertreibung und Verschleppung um, obwohl die Maßnahmen nach Kriegsende seitens der Alliierten quasi als „Friedensakt“ angelegt waren.

Rechtsnormen

Dem Völkerrecht widerstreben Vertreibungen mehrfach. Sie verletzen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das als heute anerkanntes „zwingendes Recht“ das Recht auf die Heimat einschließt.

Doch die an Deutschen verübten Vertreibungen von 1944 bis 1948 waren schon damals illegal und verbrecherisch, weil die anzuwendende Haager Landkriegsordnung (1907) die Ehre und die Rechte der Familie, das Leben der Bürger und ihr Privateigentum schützt (Artikel 46) und Kollektivstrafen untersagt (Artikel 50). Gegen das Völkergewohnheitsrecht und die Minderheiten-Schutzverträge, die Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien verpflichteten, verstießen sie ebenfalls.

Vertreibung und Verschleppung können sogar den Tatbestand des Völkermordes erfüllen, wenn die Zerstörungsabsicht einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe vorliegt. Diese  ist im Fall der Staatschefs Josip Broz Tito und Edvard Beneš nachweisbar, was die Vertreibungen der Deutschen aus Jugoslawien und der ČSR als Genozide qualifiziert.

Daraus folgt ein internationales, zeitlich unbefristetes Anerkennungsverbot der dabei durchgeführten Enteignungen. Auf Basis der Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, der Aspekte der „ethnischen Säuberungen“, explizit das Massaker von Srebrenica, als Genozid bezeichnete, stellt de Zayas fest, dass die mit hunderttausendfachen Morden und Vergewaltigungen viel schlimmere Vertreibung der Deutschen kaum weniger als genozidisch einzustufen sei.

Schließlich haben Vertriebene völkerrechtlich Anspruch auf Wiedergutmachung, auf Rückkehr in ihre Heimat und Rückgabe des privaten Eigentums. Der Staat kann nicht stellvertretend für sie darauf verzichten. (Anders ist es bei öffentlichen deutschen Vermögen in den Vertreibungsgebieten.)

Die bundesdeutsche Rechtsposition zur Vertreibung wurde allerdings seit Mitte der 1980er Jahre geschwächt. Opfer können sich zur Verfolgung ihrer Rechte gegebenenfalls an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte oder den UNO-Menschenrechtsausschuss wenden.

Schlussfolgerungen

De Zayas wertet die unbewältigte Vertreibung der Deutschen als eines der folgenschwersten Ereignisse der neueren Geschichte Europas und als Hypothek für die Zukunft. Im unterschiedlichen Verständnis der Rechtsstaatlichkeit oder der Reichweite und Grenzen der Souveränität von Nationalstaaten geraten die Länder Ostmitteleuropas und der alten EU regelmäßig aneinander.

Es besteht ein (von Brüssel und Berlin ignorierter) innerer Zusammenhang zwischen einer national orientierten Sonderpolitik wie in Polen und der Tschechischen Republik und der gleichzeitigen Leugnung des Unrechtscharakters der Vertreibung der Deutschen. Erst deren wahrhaftige und völkerrechtlich saubere Aufarbeitung kann eine Versöhnung begründen.

Diesen Auftrag verbindet de Zayas mit dem Aufruf an die seit dem „Historikerstreit“ der 80er Jahre „eingeschüchterten“ Wissenschaftler, die Erforschung der Vertreibungsfragen tabufrei anzugehen. Die große Lücken können nur interdisziplinär unter Einbeziehung demographischer, soziologischer, psychologischer, philosophischer, juristischer, kultureller Faktoren geschlossen werden.

Den bis in die Mitte der Gesellschaft gerückten Begriff „Tätergeneration“ verweist der Autor ins „Wörterbuch des Unmenschen“: „Die Vertriebenen waren Opfer der Unmenschlichkeit der Sieger, heute sind sie Opfer der Diffamierung durch viele Medien und dem Zeitgeist verhaftete Historiker“ (These 75).

De Zayas schließt mit dem Appell, Vertreibungen überzeugend zu ächten, um künftige „ethnische Säuberungen“ zu verhindern. Um die allgemeine Geltung des Völkerrechts sichern zu helfen, sollten die deutschen Vertriebenen auf ihren Rechten bestehen, nicht wegen materieller Vorteile.

KONTEXT: Vertriebene im Räderwerk der deutschen Politik

Im umfangreichsten seiner vier Aufsätze untersucht Koautor Badenheuer die Vertriebenenpolitik der Bundesregierungen von Helmut Kohl bis Angela Merkel. Dabei nimmt er die Armenier-Resolution des Deutschen Bundestages vom 2. Juni 2016 als Ausgangspunkt und Richtschnur, weil diese der türkischen Regierung eine geduldige Politik der Aufarbeitung von Vertreibungsunrecht empfiehlt, die im Fall der eigenen Vertriebenen erkennbar nicht beherzigt wurde oder wird.

Die hinsichtlich Dimension, Grausamkeit und Nichtverjährbarkeit vergleichbaren humanitären Katastrophen der Armenier 1915/16 und der Ost- und Sudetendeutschen 1945 bis 1948 werden offenkundig mit zweierlei Maß gemessen; am eklatantesten ist der Widerspruch bei SPD, Grünen und Linken.

Regierungen Kohl

Sie verhielten sich gegenüber den Vertriebenen vor und nach 1989/90 völkerrechtlich exakt. Auch nach Unterzeichnung der deutsch-tschechischen Erklärung 1997 bezeichnete der Kanzler die Vermögensfrage weiterhin als offen. Überwiegend ist seine Politik jedoch von Unterlassungen geprägt, etwa bei der gebotenen, aber nicht veranlassten Strafverfolgung von Vertreibungsverbrechern nach 1989, als etliche Mörder noch lebten.

Sein gravierendstes Versäumnis betrifft die Umsetzung des Bundesvertriebenengesetzes, nach dem Bund und Länder Kulturgut und -leistungen der Vertriebenen zu erhalten und zu fördern haben (§ 96). Angesichts des heute faktisch weitverbreiteten Unwissens – laut einer Allensbach-Umfrage von 2002 konnten 82 Prozent der unter 30-Jährigen Schlesien auf einer Landkarte nicht auffinden – spricht Badenheuer hier von einem „kontinuierlichen bildungs- und informationspolitischen Rechtsbruch“.

Regierungen Schröder

Der historische Tiefpunkt deutscher Vertriebenenpolitik wurde wohl unter der Kanzlerschaft Schröders erreicht, als deren Anliegen durchwegs bekämpft wurden. Das Europäische Parlament hatte vor der Osterweiterung der EU 2004 in zwei Entschließungen (1999 und 2000) die Aufhebung der Beneš-Dekrete verlangt, weil eine Mehrheit der Abgeordneten den Unrechtscharakter der Vertreibung klar sah; Sorgen bereiteten auch tschechische Nationalisten, die sich zur Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen als „Quelle des Friedens“ (MP Miloš Zeman) bekannten.

Außenminister Joseph Fischer (Grüne), selbst ungarndeutscher Herkunft, gelang es, die Bestrebungen des EP und die „drohende“ Unterstützung der Anliegen der Vertriebenen erfolgreich zu torpedieren. Die Regierung Schröder hat es sogar hingenommen, dass Tschechien stattdessen die Dekrete (die wie die polnischen Bierut-Dekrete auch mit der „Universalen Erklärung der Menschenrechte“ unvereinbar sind) durch Gesetzgebungsakte und Parlamentsentscheidung noch mehrfach bekräftigte.

Regierungen Merkel

Deren Bilanz fällt gemischt aus. Hoch rechnet Badenheuer der Kanzlerin an, dass sie 2006 und 2007 die Forderungen der polnischen Regierung Kaczyński nach einem rechtswirksamen Schlussstrich unter die Rechte der Vertriebenen klar zurückgewiesen hat. Positiv  vermerkt er auch die Einführung des „Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ (ab 2015) und die Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter mit 2500 € pro Person (2015).

Dem stehen – wie bei Kohl – schwerwiegende Mängel bei der Vertretung der Belange der Vertriebenen gegenüber, angefangen vom „Totschweigen“ der serbischen Restitutionspolitik seit 2011 über die passive Haltung zu entdeckten Sammel- und Massengräbern mit deutschen Ziviltoten in Westpreußen, Polen und der ČR bis hin zur aktiven Schwächung wie durch die 2014 beschlossene Schließung des Kirchlichen Suchdiensts und seiner Heimatortskarteien.

Skeptisch sieht Badenheuer (wie de Zayas) das von Merkel 2008 angekündigte, bisher nicht eröffnete Dokumentationszentrum gegen Vertreibungen am Anhalter Bahnhof in Berlin, hinter dem die „hoch politisierte“ „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ steht: Eine Ausstellung, die historische und völkerrechtliche Fakten wahrheitsgetreu präsentiert, ist mit dem von den Bundestagsparteien präjudizierten Ergebnis, alles sei politisch „erledigt“ (das auch die Regierung Merkel wünscht), nicht vereinbar.

Richard von Weizsäcker

Besonderes Augenmerk richtet Badenheuer aufdessen Rede vom 8. Mai 1985 und den zentralen Satz: „Der erzwungenen Wanderschaft von Millionen Deutschen nach Westen folgten Millionen Polen und ihnen wiederum Millionen Russen.“

Von der verletzenden, ja zynischen Formulierung „erzwungene Wanderschaft“ ist Weizsäcker später abgerückt. Schwerer wiegt, dass seine (an den „Lebensraum“ anklingende) demographisch begründete Kompensationstheorie, deren Spuren sich bereits in der „Ostdenkschrift“ der EKD von 1965 finden, historisch haltlos ist, wie Badenheuer mittels genauer Bevölkerungszahlen, welche die gegenläufigen Bewegungen Richtung Westen und Osten berücksichtigen und in die auch Ukrainer und Weißrussen einbezogen werden, nachweist. Laut sowjetischer Volkszählung lebten 1959 im ehemaligen Ostpolen 9.583.600 Menschen, ca. zwei Millionen weniger als 1939, unter ihnen 606.800 Russen.

Im Klartext: Die „Millionen Russen“, die im Gefolge der Vertreibung der Deutschen den „Millionen Polen“ gefolgt sein sollen, sind eine freie Erfindung des Ex-Bundespräsidenten. Dieses Fallbeispiel unwahrhaftiger Geschichtspolitik, das seitens der Historiker unwidersprochen blieb, ist verhängnisvoll bedeutsam, weil es als Gelenkstück des offiziellen Narrativs der deutschen Geschichte die Vorstellung von Millionen Deutschen über die Vertreibung 1944 bis 1948 nachhaltig falsch geformt hat.

Verdienste und Mängel der BdV-Verbandspolitik

In der Bilanzierung der 70-jährigen Heimatpolitik der deutschen Vertriebenen würdigt Badenheuer, selbst mehrere Jahre für die Landsmannschaften der Sudetendeutschen und Ostpreußen aktiv, summarisch deren Verdienste. Nach 1945 haben ihre mit sehr begrenzten Mitteln aus dem Nichts aufgebauten, großen demokratischen und pro-europäisch ausgerichteten Verbände beigetragen, dass Millionen Menschen nicht an Hunger und Krankheiten zugrunde gingen.

Gleichzeitig haben sie das Gesetzeswerk des Lastenausgleichs (LAG) durchgesetzt und mitgestaltet. Schließlich verhinderten sie eine Radikalisierung in der einen oder anderen Richtung in ihren Reihen. In den 1960er Jahren entwickelten sie sogar Ansätze einer eigenen, inoffiziellen Außenpolitik.

Viel Raum nehmen Badenheuers Kritik der BdV-Verbandspolitik und die Frage der Versäumnisse ein, die sich ihm vor allem stellt, weil die rund 12 Millionen Vertriebenen als Gruppe heute fast unsichtbar geworden sind. Ihre fortgeschrittene Assimilation wird im geänderten Sprachgebrauch geographischer Begriffe, den sie widerspruchslos hin- oder aktiv übernommen haben, sofort deutlich: Unter „Ostdeutschland“ versteht man heute nicht mehr Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen, sondern Thüringen, Sachsen, Mecklenburg; „Ostbrandenburg“ bezeichnet nicht mehr ein Gebiet östlich von Frankfurt an der Oder, sondern die Region zwischen Berlin und Frankfurt a. O.

Solche begrifflichen Umprägungen sind fatal, da ein Prozess massenhafter Meinungsänderung sozusagen „weggeframed“ und das Denken und Empfinden früherer Generationen bis hin zum Verständnis nationaler Identität immer schwerer nachvollziehbar wird. Dass vertriebene Gruppen nach zwei Generationen durch Assimilation „verschwinden“, ist historisch nicht zwangsläufig, sondern wäre aus Badenheuers Sicht durch Maßnahmen des BdV – hätte man die Gefahr erkannt – vermeidbar oder zu verzögern gewesen.

Demnach hat er die Chance verpasst, im Zuge der vier (innerdeutschen) Sekundärmigrationen zwischen 1950 und den 1990ern auf die Zusammenführung der früheren Gemeinschaften und innerhalb der Bundesländer auf ein nahes Zusammenleben der alten Heimatlandschaften und Ortsgemeinschaften hinzuwirken, mit dem Ziel, sie zu festigen. Die Schlüsselfrage „Wie schaffen wir Integration ohne restlose Assimilation?“ wurde kaum gestellt.

Weitere Kritikpunkte Badenheuers am BdV sind: zu späte endgültige Konstituierung (1957) infolge des Kompetenzgerangels mit den Landsmannschaften; ungünstige Statuierung als eingetragener Verein statt als Körperschaft des öffentlichen Rechts; Blindheit gegenüber dem radikalen Kurswechsel der SPD in den 1960er Jahren; Versäumnis einer „Besserungsklausel“ im LAG, sodass der Ausgleich auch in Jahren rapide steigenden Bruttosozialprodukts statisch blieb; Verdrängung des Niedergangs der Verbandsstrukturen; weitgehender Zielverlust des Rechts auf die Heimat; übertriebene Loyalität zur Merkel-Politik („Grenzöffnung“ 2015).

Über 400.000 Vertreibungstote

Wissenschaftliches Neuland betritt Badenheuer mit seiner Untersuchung der Frage, wie viele Ost- und Sudetendeutsche nach ihrer Vertreibung durch deren Folgen – speziell hungerbedingte Krankheiten und mangelnde medizinische Versorgung – zu Tode gekommen sind. Damit füllt er eine Forschungslücke; zugleich erklärt und behebt er die Diskrepanzen zwischen den drei großen amtlichen Untersuchungen über die Zahl der Vertreibungstoten (1958, 1965, 1974).

Gestützt auf Zahlenmaterial zum Aufnahmelager Lilienstein (bei Dresden) und besonders die umfangreiche Dokumentation „Landskroner Not und Tod“ von Franz J. C. Gauglitz (Wiesentheid 1997) gelingt es ihm, nach Auswertung der langen Todeslisten und Abgleich mit weiteren Daten mittels einer transparenten Berechnung die repräsentative Quote von 3,3 Prozent Vertreibungstoten im Kreis Landskron (Sudetenland) zu ermitteln. Bezogen auf rund 12,5 Millionen Vertriebene insgesamt ergeben sich ca. 410.000 Todesfälle dieser Art. Dank neuer Untersuchungen über Aufnahmelager in Dänemark (2002, 2005), die eine Quote von 3,5 Prozent Vertreibungstoten erbrachten, darf die Größenordnung von Badenheuers Ergebnis als gut gesichert gelten.

AUSBLICK: Wiedergutmachung und Versöhnung

Anders als Polen und Tschechien haben nach dem Zusammenbruch der UdSSR einige ehemalige Mitgliedsstaaten mit Entschädigungsregelungen für die Zeit des Kommunismus Wiedergutmachung geleistet. Ein Modell für die Zukunft? In den Genuss von Estlands Wiedergutmachungsgesetz (1991), das rechtswidrige Enteignungen, Immobilien wie Vermögenswerte, umfasst, kamen auch ca. 5000 Estland-Deutsche.

Selbst wenn letztlich materielle Verluste nur sehr geringfügig ausgeglichen wurden, bleibt das Gesetz vorbildlich. Der estnische Staatspräsident lud in seiner Rede am 3. Oktober 1995 in Berlin die Estland-Deutschen ein, von ihrem Recht auf die Heimat Gebrauch zu machen.

In Ungarn hat das Parlament die Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen seit 1944 als Menschenrechtsverletzung verurteilt (1990). Wiedergutmachung erfolgte vielfach in immaterieller Form (etwa Denkmäler und Gedenktag für die Vertreibung der Deutschen), aber auch durch zwei Entschädigungsgesetze (1991, 1992), welche die gebliebenen wie auch die 1944/45 geflohenen und vertriebenen Deutschen einbeziehen. Wegen Umsetzungsmängeln haben sich die Erwartungen oft nicht erfüllt.

Modifizierungen (2003) eröffneten vielen alten, kranken und zur Zwangsarbeit verschleppten Ungarndeutschen die Chance, eine monatliche Zuwendung von 20.000 Forint (entspricht etwa 80 € im Jahr 2003) zu erhalten. Serbien hat 2011 das weitestgehende Restitutionsgesetz in Europa verabschiedet. Befristet bis 1. März 2014 waren auch die 1944 bis 1948 geflohenen und vertriebenen 350.000 Donauschwaben aus Serbien und ihre Nachkommen anspruchsberechtigt (Rückgabe oder Entschädigung für entzogenes Eigentum). Wegen penibler Nachweispflichten und geringer Bekanntheit des Gesetzes in Deutschland hatten bis Mitte/Ende 2012 von etwa 50.000 berechtigten Deutschen erst rund 1700 Alteigentümer Rückgabe beantragt.

Resümee

Mit Alfred de Zayas widmet sich einer der weltweit kompetentesten und anerkanntesten Historiker und Völkerrechtler dem Thema „Vertreibung“ seit 40 Jahren. Als US-Amerikaner mit kubanischen Wurzeln ist er eines deutschen „Nationalismus“ unverdächtig.

Seine beharrliche Forderung der redlichen Aufarbeitung der Tragödie und ihrer Folgen avanciert zur Anklage der politisch Verantwortlichen in Deutschland, welche die Belange der Heimatvertriebenen rückständig behandelt, und der Medien und Historiker, die sie ignoriert, verunglimpft oder planmäßig sabotiert haben. Dass vor allem Linke und Grüne nur selektiv im Sinne des Völkerrechts Stellung beziehen, wenn Nichtdeutsche davon profitieren, kommt einem Glaubwürdigkeitsbankrott gleich.

Die Autoren ergänzen sich nicht nur inhaltlich. Während de Zayas den geschichtlichen Rahmen absteckt und den Reichtum des Völkerrechts entfaltet (erstmals auch die Zehn Gebote einbezieht, derer nicht weniger als fünf ein Vertreibungsverbot implizieren), erscheint Konrad Badenheuer als kundiger, aufmerksamer Chronist, der mit ernüchterter Gelassenheit dem mutmaßlichen Untergang der Ost- und Sudetendeutschen als Gruppe entgegensieht, in der Langzeitperspektive hinsichtlich ihrer Anliegen jedoch optimistisch bleibt – wissend, Tatsachen wie nicht bewältigtes Unrecht wirken als solche weiter. Mit der Unberechenbarkeit von Geschichte darf man getrost rechnen.

Leider geben die historischen Karten nur einen groben Überblick der Besiedelung Ostmitteleuropas durch Reichs- und Volksdeutsche; eine Karte des polnischen Staatsgebiets mit Veränderungen der Grenzverläufe und der Bevölkerungsstruktur von 1919 bis 1990 fehlt. Ein (zusätzliches) Schaubild der Kompensationstheorie Weizsäckers hätte ihre Unhaltbarkeit „auf einen Blick“ demonstriert.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Zeitschrift „Theologisches“ (Sept./Okt. 2020).

Unser Autor Thomas May ist Lehrer i. R. – Er unterrichtete die Fächer Deutsch und Katholische Religionslehre. Der in Sendenhorst (Münsterland) lebende Autor ist ein Neffe des bekannten Prälaten und Kirchenrechtlers Prof. Dr. Georg May (Mainz).


Vor 105 Jahren begann der türkische Völkermord an den christlichen Armeniern

Von Peter Helmes

Wenn türkische Moslems die Worte „Genozid“ und „Armenier“ hören, reagieren sie meist völlig ungehalten und aggressiv. Warum diese Reaktionen so heftig sind, wird klar, wenn man die ungeheure Schuld betrachtet, welche die türkische Führung im Umgang mit den überwiegend christlichen Armeniern auf sich geladen hat.

Der Völkermord begann am 24. April 1915 mit Razzien gegen armenische Intellektuelle in Konstantinopel, die in Lager bei Ankara deportiert wurden. Der Sachlichkeit halber zitiere ich, was Wikipedia dazu schreibt:

„Der Völkermord an den Armeniern war einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Er geschah während des Ersten Weltkrieges unter Verantwortung der jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs.

Bei Massakern und Todesmärschen, die im Wesentlichen in den Jahren 1915 und 1916 stattfanden, kamen je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Tode. Die Schätzungen zur Zahl der Armenier, die während der Verfolgungen in den beiden vorangegangenen Jahrzehnten getötet wurden, variieren zwischen 80.000 und 300.000. armenien

Die Ereignisse, die von den Armeniern selbst mit dem Begriff Aghet („Katastrophe“) bezeichnet werden, sind durch umfangreiches dokumentarisches Material aus unterschiedlichen Quellen belegt. Weltweit erkennen die weitaus meisten Historiker diesen Völkermord daher als Tatsache an. Die Armenier sehen in ihm ein ungesühntes Unrecht und fordern seit Jahrzehnten ein angemessenes Gedenken auch in der Türkei. 

Dagegen bestreiten die offizielle türkische Geschichtsschreibung und die Regierung der aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen Republik Türkei, dass es sich um einen Völkermord gehandelt habe. Sie bezeichnen die Deportationen als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahmen“, die notwendig geworden seien, da die Armenier das Osmanische Reich verraten, seine damaligen Kriegsgegner unterstützt und ihrerseits Massaker an Muslimen begangen hätten. Die Todesfälle führen sie auf ungünstige Umstände und lediglich vereinzelte Übergriffe zurück.

Der Streit um die Anerkennung des Genozids als historische Tatsache belastet bis heute die Beziehungen zwischen der Türkei einerseits und Armenien sowie zahlreichen westlichen Staaten andererseits.“

Gegen heftigen Protest der Türkei hatte die französische Regierung den 24. April als Tag der „Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern“ deklariert. In unserem Nachbarland gibt es fast eine halbe Million armenische Exilanten.

Die Türkei schleppt eine Altlast mit sich herum, die ihr so peinlich ist, daß sie aggressiv reagiert, wenn man daran auch nur tippt: das Armenien-Blutbad bzw. der Völkermord.

Der Geist, der durch die türkische Regierung weht, weckt unwillkürlich Erinnerungen an den Genozid, den vor mehr als einhundert Jahren die Türken an den Armeniern verübt hatten – was die Türkei, allen voran Erdogan, zwar heftig bestreitet, inzwischen jedoch von fast allen Historikern so gesehen wird. Aber die Türkei hat sich nicht geändert:

Das dortige Regime behindert nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte die rund 20 Millionen Aleviten im Land in ihrer Religionsfreiheit. Aleviten würden ohne nachvollziehbare Rechtfertigung anders behandelt als die Mehrheit der sunnitischen Muslime, entschieden die Straßburger Richter.

Damit hatte eine Beschwerde von mehr als 200 Aleviten Erfolg. Sie wollen unter anderem erreichen, dass ihre Gebetshäuser und Gottesdienste offiziell anerkannt werden. Die Regierung in Ankara hatte ein entsprechendes Gesuch der liberal-islamischen Religionsgemeinschaft 2005 zurückgewiesen.

Die Verharmlosung dieses Genozids gehört zur Stamm-Argumentation am Bosporus. Man dreht den Spieß um und spricht zynisch vom „armenischen Aggressor“.

Schon als vor einigen Jahren die Franzosen in der Assemblée Nationale (Pendant zum Bundestag) eine deutliche Resolution zur „Armenien-Frage“ beschlossen, wurden auch in Deutschland die Forderungen nach einer deutschen Stellungnahme zum Völkermord unüberhörbar lauter: Was Völkermord war, sollte auch Völkermord genannt werden.

Es ist für unser Land also keine Ruhmestat, erst viel später einen wachsweichen Beschluß herbeigeführt zu haben.

Quelle und FORTSETZUNG des Artikels von Peter Helmes hier: https://conservo.wordpress.com/2020/04/26/105-jahrestag-des-beginns-des-tuerkischen-voelkermordes-an-den-armeniern/


Warum die „Marienbotschaften“ von Schio nicht vom Himmel stammen können

Von Felizitas Küble

Medjugorje ist nicht der einzige neuere Marienerscheinungsort, wenngleich zweifellos der bekannteste. Auch im italienischen Schio – einer mittelgroßen Stadt in der Provinz Vicenza  – bildete sich seit 1985 eine wachsende Bewegung mit zehntausenden Pilgern und vielen Anhängern auch aus Deutschland. Seit Jahrzehnten erscheint die Schio-Zeitschrift „Königin der Liebe“ in deutscher Sprache.

Mit diesem Titel „Königin der Welt und Königin der Liebe“ hatte sich die Erscheinung dem (inzwischen verstorbenen) „Seher“ Renato Baron bereits im Sommer 1985 vorgestellt.

Diese Privatoffenbarungen sind ebenso wenig kirchlich approbiert (genehmigt, gestattet, anerkannt) wie fast alle neuzeitlichen Erscheinungen, was die jeweilige Anhängerschaft aber selten stört, denn sie halten ihre eigenen subjektiven Eindrücke für maßgeblich.

Dazu kommt  – und das liegt in der Natur der Sache – daß die „Botschaften“ dieser Himmelskundgaben immer brav, glaubenskonform und „konservativ“ klingen, also den Eindruck erwecken, als könne das nur von „oben“ stammen.

Doch bei näherem Hinsehen trügt der fromme Schein. Immerhin hat schon der hl. Apostel Paulus seinerzeit daran erinnert, daß der Satan auch als „Engel des Lichts“ erscheinen kann. Zudem mag vieles der „frommen“ Fantasie der Seher/innen entspringen und entsprechen  – oder die Folge einer eher unbewußten Selbsttäuschung sein.

Wie dem auch sei, Tatsache ist jedenfalls, daß die jeweiligen Botschaften in Geist und Buchstaben dem Evangelium und der kirchlichen Verkündigung entsprechen müssen, so sie „echt“ sein sollen.

Und hier zeigt sich dann in aller Regel recht schnell der Pferdefuß  – zumindest bei genauerer Beleuchtung der Texte. Dort, wo Maria draufsteht, steckt noch lange nicht die wahre Gottesmutter dahinter, nicht selten dürfte es vielmehr der Widersacher oder eben eigene „Erleuchtungen“ sein.

Christus wird auf listige Art verdrängt 

Das gilt auch für die „Marienoffenbarungen“ von San Martino di Schio.

In dem Büchlein „Königin der Liebe“ (siehe Foto) aus dem Schweizer Parvis-Verlag werden die Botschaften der ersten Jahre chronologisch aufgelistet, beginnend mit dem 2. April 1985, dem Anfang der Visionen von Renato Baron.

Der Herausgeber, Andre Castella, schreibt in seinem Vorwort mit Recht: „Diese Botschaften müssen mit Verstand und wachem Geist gelesen werden.“ – Genau dies habe ich hier versucht, wenngleich das Ergebnis anders aussieht, als es der Intention des Buches entspricht.

Was schon bei den „Offenbarungen“ der ersten Monate auffällt, ist die fast komplette Verdrängung Christi teils durch Maria, teils durch den „Vater“.

Natürlich beten wir Christen den himmlischen Vater an, aber ebenso Christus und den Heiligen Geist, die ganze göttliche Dreieinigkeit.

In den ersten sechs Botschaften kommt Christus gleich gar nicht vor, es ist allein vom „Vater“ die Rede. So heißt es bei der ersten Erscheinung: „Wendet euch immer an den Vater, weil er allvermögend ist“.  Am 19. Juli 1985 wird verkündet: „Der Vater allein schenkt Leben“. Am 30. August sagt die vermeintliche Madonna: „Der Vater allein ist die unendliche Liebe.“ – Hier stört jeweils das Wort „allein“, als ob es Christus und den Heiligen Geist gar nicht gäbe.

Maria präsentiert sich als „verlassene Mutter“

Verstörend wirkt auch, daß sich „Maria“ mehrfach als die „verlassene Mutter“ vorstellt (z.B. am 18.4.1985). Wie darf man das verstehen?! – Die Assumpta (in den Himmel aufgenommene Madonna) ist alles andere als verlassen, lebt sie doch in der immerwährenden Gemeinschaft mit Gott wie alle Heiligen, die Gottesmutter sogar in einer herausgehobenen Weise.

Am 7. September behauptet das Erscheinungsphantom: „An hunderten Orten bin ich in diesem Augenblick in der Welt aktiv“. – Soll das heißen, daß Maria allgegenwärtig ist? – Das kann aber nicht sein, denn diese Allmacht der Allgegenwärtigkeit besitzt allein der dreieinige Gott.

Theologisch ebenso falsch sind die ständigen Bemerkungen, wonach angeblich die Madonna es ist, welche „die Welt rettet“, wobei sie öfter von sich in der dritten Person spricht, z.B. am 2.12.1985 („Maria wird die Welt retten“) oder am 26.9.: „Die Gottesmutter wird die Welt noch einmal retten, wenn die Welt erlöst werden und zum Vater zurückkehren will.“ – Was heißt hier „noch einmal“ retten? Hat Maria die Welt bereits vorher errettet?  – Wieder ist wie in den meisten Shio-Botschaften allein vom „Vater“ die Rede, der göttliche Sohn wird ins Eck gestellt.

Einen Tag später heißt es wieder, sie sei die „verlassene Mutter“ und fährt fort: „Glaubt. Ich und der Vater werden euch nicht aufgeben.“ – Man beachte, daß hier wieder der Sohn fehlt – und daß Maria sich sogar noch vor den himmlischen Vater stellt: „Ich und der Vater…“ – Oho!

Besonders bedenklich wird es, wenn bewährte kirchliche Gebete auf listig-fromme Art geändert werden, so daß der fromme Schein zwar gewahrt, aber der Inhalt verfälscht wird. 

Das bewährte Ave Maria wird irrgeistig geändert

Dies gilt vor allem für die Botschaft vom 24. Januar 1986. Dort heißt es:

„Betet so – ein neues Gebet: „Sei gegrüßt Maria, die Gnade des Herrn ist immer bei dir. Du bist die Auserwählte unter den Frauen. Gebenedeit ist die Frucht deines Herzens, Jesus. Heilige Mutter Gottes, mit dir ist der Erlöser, den wir lieben und anbeten wollen. Amen“.

Hierzu sei folgendes angemerkt:

  1. Das klingt zwar alles recht glaubensfreundlich, ist aber theologisch irreführend. Zunächst stellt sich die grundsätzliche Frage, wozu eine Änderung des bewährten Ave Maria nötig sein sollte. Warum fehlt sodann der zweite Teil, in dem es heißt: „Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“? – Sollen die Tabu-Worte „Sünder“ und „Tod“ verdrängt werden? Stört die Erinnerung an den Tod und an die Tatsache, daß wir Sünder sind?
  2. Noch schlimmer ist der Satz: „Gebenedeit ist die Frucht deines Herzens, Jesus.“ – Eine unscheinbare, aber theologisch verhängnisvolle Änderung, denn Christus ist die Frucht ihres LEIBES, nicht ihres Herzens. Soll damit auf raffinierte Art die wahre Menschwerdung Christi geleugnet werden?! Zudem wird auch hier wiederum die wörtliche Botschaft aus der Heiligen Schrift abgeändert, denn im Lukas-Evangelium vernehmen wir die Worte der hl. Elisabeth: „…du bist gesegnet unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines LEIBES.“

Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Derselbe Apostel schreibt in 1 Joh 3: „Ein jeglicher Geist, der nicht bekennt, daß Jesus Christus ins Fleisch gekommen ist, ist nicht von Gott. Das ist der Geist des Antichrist, von welchem ihr gehört habt, daß er kommen werde  –  und er ist jetzt schon in der Welt.“

Der Antichrist selber ist zwar noch nicht in der Welt, aber sein „Geist“ bzw. Ungeist wirkt bereits vor seinem endzeitlichen Auftreten, wie Johannes klarstellt  – und das nicht zuletzt durch irreführende Erscheinungen und „Botschaften“. Auf diesem verschlungenen Wege kann nämlich das nicht selten wundersüchtige und vorwitzig-neugierige „fromme Lager“ schleichend in die Irre geführt werden.

Hier wird wieder einmal ein typisches Kennzeichen der Falschmystik deutlich, nämlich das VERDRÄNGUNGS-Prinzip. Das bedeutet: Etwas Bewährtes und Gutes wird ersetzt durch etwas weniger Gutes oder gar Fragwürdig-Bedenkliches – in diesem Fall sogar indirekt Häretisches.

Da dieser Vorgang mit viel frommem Wortschwall vonstatten geht, fällt er den Erscheinungsbewegten nicht auf und sie gehen diesem Trick von unten auf den Leim.

 


Die Amsterdamer „Erscheinungen“ und das irreführende Bild der „Miterlöserin“

Von Felizitas Küble

Am 2. September 2017 findet in Düsseldorf wieder der jährliche „Gebetstag der Frau aller Völker“ statt. Über diese sogenannten Marienerscheinungen von Amsterdam (die von 1945 bis 1959 dauerten) haben wir mehrfach kritisch berichtet (siehe HIER).

Dort wird u.a. ein Dogma von Maria als „Miterlöserin, Mittlerin und Fürsprecherin“ gefordert  –  ein Anliegen, das die Anhänger jener Visionen von Ida Peerdemann seit Jahrzehnten an die Kirchenleitung herantragen.

Während der Ehrentitel „Fürsprecherin“ für die Madonna seit jeher geläufig ist, während man auch das Wort von der „Mittlerin“ (in totaler Abhängigkeit vom eigentlichen Mittler Christus) richtig verstehen kann, ist der Titel „Miterlöserin“ kein Bestandteil der amtlichen kirchlichen Verkündigung.

Überdies ist dieser Begriff nur mit erheblicher Mühe und Relativierung glaubenskonform auslegbar – mit anderen Worten: er ist zumindest sehr auslegungsbedürftig, mißverständlich und im Grunde irreführend. (Siehe dazu auch die ablehnende Haltung von Papst Benedikt: HIER)

Diesmal werfen wir einen Blick auf das bekannte „Gnadenbild“ der Amsterdamer Erscheinungen, wie es auf der offiziellen Webseite (http://www.de-vrouwe.info/de/ein-bild-zum-nachdenken) gezeigt wird.

Dazu sei Folgendes angemerkt.

  1. Die sofort ins Auge springende theologische Dreistigkeit besteht darin, daß sich jene „Maria“ direkt vor das Kreuz ihres göttlichen Sohnes stellt und ihn damit komplett nicht nur verdrängt, sondern verdeckt und somit unsichtbar macht. Im Neuen Testament heißt es, daß die Gottesmutter mit dem  Apostel Johannes neben dem Kreuz stand; man sieht sie in kirchlichen Darstellung bisweilen auch unter dem Kreuz, aber nie direkt vor dem Kreuz, den HERRN versteckend.
    Es stellt sich damit die Frage, ob die Madonna auf diesem häretischen „Gnadenbild“ nicht nur  –  wie per „Amsterdam“ gefordert  –  als „Miterlöserin“, sondern indirekt
    (nämlich von der Bildgestaltung her) sogar als die eigentliche Erlöserin präsentiert wird.
  2. Daß von den Händen Mariens Lichtstrahlen ausgehen, kennt man zwar auch von anderen frommen Devotionalien, allerdings nicht wie hier mit durchbohrten Händen. Auch auf diese Weise werden Attribute, die allein Christus zukommen, auf seine Mutter übertragen, während ER selber hier gar nicht mehr zu sehen ist.  – Dies hängt zusammen mit der Amsterdamer Erscheinung vom 31.5.1951. Dort erkannte die „Seherin“ Ida Peerdemann „mitten in den Händen Mariens etwas, als ob dort eine Wunde gewesen“ sei.
    Am 22. Juni 2002 hielt der führende Amsterdam-Apologet Pater Paul
    Sigl in Köln einen Lichtbilder-Vortrag, der unter dem vielsagenden Motto stand: „Die leuchtende und durchbohrte Hand der Miterlöserin.“  (Näheres dazu HIER)
  3.  Äußerst problematisch ist auch die Deutung des Tuches, das um ihre Taille gebunden ist. Dazu erklärte die „Madonna“ bei ihrer vermeintlichen Erscheinung am 15.4.1951: „Dies ist wie das Lendentuch des Sohnes. Ich stehe ja als die Frau vor dem Kreuz des Sohnes.“  – Auch hier findet eine Gleichstellung mit Christus bei gleichzeitiger Verdrängung seiner Präsenz statt.
  4. Die Frauengestalt steht selbstherrlich auf einer Weltkugel, darunter zahllose Schafe, die wohl die Weltbevölkerung symbolisieren sollen. (Das Visionsphämomen bezeichnet sich selbst mit dem neuen Titel einer „Frau aller Völker“.)  Bei den in der Kirche sonst verbreiteten Darstellungen der Madonna auf dem Globus sieht man sie stattdessen, wie sie der Schlange (dem Satan) den Kopf zertritt; dieser steht meist auf einer Mondsichel (Symbol des Heidentums und des Islam).
    Hier aber wird die sog. „Frau aller Völker“ fast wie eine kosmische Erdgöttin oder Weltenherrscherin im Strahlenglanz präsentiert.  – Dazu paßt die Amsterdamer „Botschaft“ vom 31.5.1951: „Meine Füße habe ich fest auf die Erdkugel gesetzt, weil mich der Vater und der Sohn in diese Zeit, in diese Welt bringen will als die Miterlöserin, Mittlerin und Fürsprecherin“.   –  Der Heilige Geist fehlt interessanterweise in dieser Aufzählung. Zudem fragt man sich, warum der Himmel denn angeblich eine neue Sonderform Mariens „in diese Zeit“ bringen will?
  5. Am 1.4.1951 erklärte das Erscheinungsphantom etliche Merkwürdigkeiten: „Ich stehe vor dem Kreuz mit Kopf, Händen und Füßen wie von einem Menschen. Mein Leib ist wie von  Geist…Mein Leib ist aufgenommen gleich dem Sohn. Jetzt stehe ich opfernd vor dem Kreuz. Fürwahr, ich habe mit meinem Sohn seelisch und vor allem auch körperlich gelitten.“  – Hierzu sind wohl folgende Richtigstellungen angebracht: Die Madonna ist keineswegs „aufgenommen gleich dem Sohn“, vielmehr ist Christus als Gott aktiv aufgefahren in den Himmel, aus eigener Vollmacht nämlich; Maria hingegen wurde als Geschöpf von Gott  „aufgenommen“ in die ewige Herrlichkeit  –  ein wohlgemerkt nicht nur gradueller, sondern wesentlicher Unterschied.
    Zudem erschließt sich nicht, warum Maria mit ihrem Sohn „vor allem auch körperlich“ gelitten haben soll. Sodann ist die Formulierung „Mein Leib ist wie von Geist“ zumindest mißverständlich. 
  6. Theologisch gerade absurd erscheint überdies folgende „Botschaft“ vom 31.5.1954: „Wenn das Dogma ausgesprochen ist, dann wird die Frau aller Völker der Welt den Frieden, den wahren Frieden schenken.“  –  Hier wird unser Erlöser erneut völlig an den Rand gedrängt; ER ist der wahre Friedefürst, denn „Christus ist unser Friede“ (Eph 2,14), sagt das Neue Testament unmißverständlich. Zudem findet sich in der Hl. Schrift nirgendwo eine Verheißung für einen künftigen irdischen Weltfrieden.
    Überdies hätte man gern gewußt, warum die „Frau aller Völker“ bereits ein Jahr nach der 1950 erfolgten Dogmatisierung der Assumpta
    (Aufnahme Marias in den Himmel) ein weiteres (und noch dazu unsinniges) Dogma fordert.

Irritierend wirkt daher auch dieses Foto (http://www.de-vrouwe.info/de/duesseldorf-2017), zumal hier ein halbes Dutzend hoher kirchlicher Würdenträger vor dem Amsterdamer „Gnadenbild“ knien, auf dem unser Erlöser komplett verdrängt und durch eine Erscheinungs-„Maria“ ersetzt wird, mag auch das Kreuz im Hintergrund teilweise noch zu sehen sein. (Wobei nicht sicher ist, ob es sich um ein Kreuz handelt –  da man nur den oberen Teil erkennen kann; es könnte auch ein umgedrehtes Tau-Zeichen sein, wie es in esoterischen Kreisen weit verbreitet ist.)

Zu dem oft gehörten Einwand, jene Amsterdamer Privatoffenbarungen seien kirchlich „anerkannt“, sei klargestellt:

Die zuständigen Bischöfe von Haarlem-Amsterdam haben diese Erscheinungen über Jahrzehnte hinweg abgelehnt, ebenso die römische Glaubenskongregation bis einschließlich der Amtszeit von Kardinal Ratzinger als Präfekt (siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2015/01/19/vatikan-glaubenskongregation-hat-amsterdamer-erscheinungen-1974-abgelehnt/)

Der holländische Bischof Josef Maria Punt, dessen Mutter ebenfalls zur Schar der begeisterten Peerdemann-Anhängern gehört, hat sich über diese konstanten kirchlichen Entscheidungen hinweggesetzt und am 10.6.2002 zur vielfachen Überraschung den Kult um die „Frau aller Völker“ genehmigt.

Der Vatikan hat diese Entscheidung nie bestätigt, aber eine gewisse Notbremse gezogen und wenigstens jenes Anrufungswort der Frau aller Völker „die einst Maria war“ untersagt. (Näheres dazu: https://charismatismus.wordpress.com/2017/03/03/jungfrau-maria-oder-frau-aller-voelker/)

Zudem hat die Glaubenskongregation ihr striktes Urteil, es „steht fest“, daß die Amsterdamer Erscheinungen „nicht übernatürlich“ seien, im Jahre 2006 erneut veröffentlicht und damit bekräftigt  – auch gegenüber der bischöflichen „Anerkennung“.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den katholischen KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.


Warum die Beichte für uns so wichtig ist

Von Christa Meves

Zur Freude in der katholischen Kirche gereicht mir gerade das scheinbar so unmoderne Sakrament der Buße. Psychotherapeutische Praxis macht erfahrbar: Christa Meves

Nur durch eine begrenzte Zeit läßt sich Schuld unbeschadet verdrängen. Wer dann weiter die Stimme des Gewissens unter Verschluß zu halten sucht, wird krank – oft psycho­somatisch, oft auch psychisch: durch freiflottierende Angstanfälle, durch Zwangshandlungen, durch Phobien etc.

Und die Nöte sind erst zu bannen, wenn die vom Gewissen schuldig gesprochenen Taten oder Gedanken wiedergutgemacht und ausgesprochen worden sind.

Frei­lich hat sich die Vorstellung Sigmund Freuds, daß so langfristig Ruhe in die Seele einkehre, meist als trügerisch erwiesen. Das Wegreden des Therapeuten durch ein Relativieren von Schuld als „Übergewissenhaftigkeit« trifft nicht in denjenigen Fällen, in denen das Gewissen es besser weiß. Es meldet sich erneut durch die Rückkehr und Resistenz der Symptome.

Auch die jungianische Ziel­vorstellung, den Menschen in der Therapie dahin zu führen, sich samt all der schwarzen Seelenanteile in Gelassenheit anzunehmen und zu ertragen, funktioniert in der Praxis lange nicht so herrlich wie in den anweisen­den Schriften; denn der Mensch möchte nicht jämmer­lich schlecht sein; er hat ein Bedürfnis nach Bereinigung, nach Verbesserung im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Sakrament der Buße berücksichtigt viel fundamen­taler diese seelische Bedürftigkeit des Menschen. Es ermöglicht in der Beichte das Aussprechen des sittlich Ungeordneten gegenüber einem Menschen, der ermäch­tigt ist, von Schuld und Sünde loszusprechen  – und der zudem im Fall schwer drückender Sündenlast dem Beich­tenKreuzkuppelden Bußpflichten auferlegen kann.

Die Chance, so wirklich frei zu werden, ist selbst psychologisch wesent­lich wahrscheinlicher als das Absegnen und Tolerieren des Nicht-Tolerierbaren durch einen atheistischen Psy­chotherapeuten.

Daß dennoch heute der Zulauf zu die­sen Seelenärzten groß ist, während die Beichtstühle leer bleiben, hat mit einer Verführung der Menschen zu tun, die ihm vorgaukelt, sich heutzutage selbst erlösen zu kön­nen oder der Erlösung gar nicht mehr bedürftig zu sein.

Manchmal hat diese traurige Abkehr von einem Sakra­ment höchster psychohygienischer Kompetenz auch etwas mit Ungeschicklichkeit, mit Machtanmaßung oder allzu großer psychologischer Unkenntnis des Priesters zu tun.

Es ist heute, wo Seelenkrankheiten verschiedenster Art boomen, nötig zu wissen, wie sie sich ausdrücken, um im Beichtstuhl hilfreich reagieren zu können. Hier wäre gewiß Fortbildung auf den Priesterseminaren durch katholische Fachleute nötig; aber solange die Zahl gläubi­ger katholischer Fachleute so verschwindend gering ist, ist es besser, dergleichen zu unterlassen, statt die Schafe den Wölfen auszuliefern. prolifeusa

Auch hier mag die zu weit gehende Öffnung der evangelischen Diakonie für jede ‚Menge atheistischer Psychologen als Vorbilder und die oft destruktiven Auswirkungen solchen Procedere als War­nung stehen. Besser eine priesterliche Ungeschicklichkeit als eine seichte Legitimierung des ungeordneten Verhal­tens, die den Hilfesuchenden bedrängt.

Meine Freude an der Beichte geht über die Erkenntnis des heilsamen Wertes des Bußsakraments noch hinaus. Ich selbst genieße geradezu die so viel bescholtene stren­gere Moral der katholischen Kirche, besonders auch ihre nachdrückliche Weisung, die Zehn Gebote einzuhalten.

Ich habe die Forderung des Zeitgeistes nach liberalisti­scher „Autonomie‘ als eine gefährliche Anmaßung, ja als eine verführerische Lüge erlebt. Wir sind nicht mit abso­luter, sondern mit eingeschränkter Freiheit begabt. Wer die Grenzen, die der geschöpfliche Gottesgehorsam setzt, mißachtet, gerät leicht mit Devisen wie „Erlaubt ist, was gefällt“ und „Der Zweck heiligt die Mittel“ in diabolisches Fahrwasser.

Ich schätze das strenge Reglement der Kirche allein schon deshalb, weil es mich auffordert, einen legeren Umgang mit mir selber in Frage stellen zu können. Dank­bar akzeptiere ich, daß die Kirche lehrt, unnachsichtiger gegen vielerlei Schlendrian zu sein, in der Erkenntnis, daß ich jenseits des Todes mit einem gerechten Gott rechnen darf.

Aber jeglicher christlich-therapeutische Umgang mit der Beichte schuldbelandener Menschen muss ja einen End-und Höhepunkt haben: Die Verheißung auf den am Kreuz hingeopferten HERRN JESUS CHRISTUS, als den Befreier bußfertiger Menschen von jeglicher Gewissensqual.


Verdrängte Wahrheit: Die Ursachen des Rentendilemmas werden ausgeklammert

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Die Augsburger Allgemeine Zeitung behandelt in drei Beiträgen „Studie facht Streit um Rentenalter an“, „Baustelle Rente“, „Ohne Sorgen alt werden“ der Ausgabe vom 14. Juni 2016 das Thema Rentenalter. Foto von Elstrud Consoir

In keinem wird die Ursache, nämlich die zu geringe Zahl der geborenen Kinder als Grund der Misere angesprochen. Die verdrängte Wahrheit schreckt auf. Die Hartnäckigkeit der Tabus verhindert ein Umdenken.

Der Verschiebebahnhof führt zu einer Inflation an Vorschlägen: „Rente mit 70“, „Rente mit 67+“ etc. Der AZ-Beitrag „Studie facht Streit um Rentenalter an“ sagt:

Die Rente mit 67 ist möglicherweise nur eine Etappe auf dem Weg zu deutlich längeren Arbeitszeiten: Ohne weitere Reformen droht nach einer Studie des Prognos-Instituts im Auftrag der Deutschen Versicherungswirtschaft bis zum Jahr 2040 ein Anstieg der Beitragssätze von gegenwärtig 18,7 auf 23,7% und ein weiteres Absinken des Rentenniveaus von 48,1 auf nur noch 41,7% eines Durchschnittslohns.

In der „vergreisten“ Republik ist ein Rentenniveau von wenigstens 43% nur bis zum Jahr 2030 sicher. Ehrentraut vom Prognos-Institut nennt indirekt die Ursache des Problems, wenn er sagt: „Je länger wir die geburtenstarken Jahrgänge im Erwerbsleben halten, umso besser ist das für das System“, d.h. uns fehlen Geburten. Es fehlen die nicht geborenen Kinder!

Warum wird diese Tatsache ausgeklammert? Weil dahinter jene Tabus stehen, die, würden sie ausgesprochen werden, die Republik erschüttern müssten. Die Ursache der Misere sind

  • die Politiker, die eine Abtreibungsregelung beschlossen haben, die nach den offiziellen Zahlen – und das seit mehr als 20 Jahren  –  100.000 Abtreibungen pro Jahr ermöglicht  –  gesetzwidrig, aber straffrei. Fachleute schätzen die Zahl sogar auf 200.000 abgetriebene Kinder pro Jahr.
  • die Politiker, die zu feige sind, das Abtreibungsgesetz auf den Prüfstand zu stellen, obwohl das Bundesverfassungsgericht das bei der Einführung des Gesetzes gefordert hatte
  • die Politiker, die eine Familienpolitik betreiben, welche die kinderreiche Familie nicht fördert, sondern auseinanderreißt, damit die Frau möglichst bald das Kind in der Krippe abgibt und für den Arbeitsprozess zur Verfügung steht
  • die Medien, die diese Familienpolitik nicht auf den Prüfstand stellen und vor den Folgen nicht gewarnt , sondern die Situation forciert haben
  • jene Ehepaare, die sich von den Sirenengesängen der Konsumwelt nach mehr Freiheit, Wohlstand, „unbeschwertem“ Urlaub davon abbringen ließen, auch die schönen Seiten zu entdecken, die nur eine Familie mit Kindern bietet.

Alle werden die Zeche bezahlen. Die Grünen und die Linke fordern das Niveau der gesetzlichen Rente generell bei 46 bzw. 48% zu stabilisieren. Das erinnert an zornige Kinder, die bei einer Fehltat ertappt werden und mit dem Fuß auf den Boden stampfen.

Die Forderung der Grünen und Linken ist unredlich, weil sie wissen, dass diese Stabilisierung nur mit höheren Beiträgen, einem höheren Rentenalter oder einem höheren Steuerzuschuss zu finanzieren ist.

Der einzige Ausweg auf lange Sicht besteht darin, sich endlich der Wahrheit zu stellen und eine wirkliche Förderung kinderreicher Familien in die Wege zu leiten. Dazu ist es schon sehr spät. Aber alles andere gleicht der Weiterfahrt der Titanic in Richtung Untergang.

Unser Autor Prof. Dr. Hubert Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“ und die Monatszeitschrift DER FELS