Der ARCHE-Skandal um die Missbrauchstäter Jean Vanier und P. Thomas Philippe

Von Felizitas Küble

Er gilt als „Pionier der Inklusion“, als Vorreiter eines gemeinsamen Lebens von Behinderten und Gesunden „auf gleicher Augenhöhe“: Jean Vanier.

Die vielfach bewunderte „Lichtgestalt“ war Gründer der weltweit ausgebreiteten ARCHE-Kommunitäten, der im Vorjahr verstarb – und der jetzt wegen sexueller Übergriffe allseits kritisiert wird, auch von der eigenen Bewegung: https://www.arche-deutschland.de/uebergreifende-inhalte-und-funktionen/newsletter/news-detail/wir-sind-tief-erschuettert/

Die ARCHE gehört zu jenen „geistlichen Gemeinschaften“, wie sie in den 70er Jahren vor allem in Frankreich in zahlreichen Varianten aus dem Boden schossen, teils motiviert durch eher mystisch-spirituelle, teils durch charismatische Anführer und Ereignisse (bisweilen wirkten auch beide – ohnehin geistesverwandten – Faktoren gemeinsam).

Zugleich gründete Vanier in Frankreich gemeinsam mit der Gleichgesinnten Marie-Hélène Mathieu die internationale ökumenische Bewegung „Glaube und Licht“.

Es fällt auf, daß gerade diese „neueren Gemeinschaften“ stark vom Problem des geistlichen und des sexuellen Missbrauchs betroffen sind.

Erinnert sei an die gerichtfeste Verurteilung von Gründern/Leitern der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“. Ähnlich erging es der etwas intellektueller geprägten „Gemeinschaft vom Hl. Johannes“, die von dem Dominikanerpater und Missbrauchstäter Marie-Dominique Philippe geführt wurde. (Näheres dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/03/07/die-st-johannes-gemeinschaft-ist-mit-sexaffaeren-ihres-gruendervaters-belastet/)

Sowohl dieser Geistliche wie auch sein leiblicher Bruder, P. Thomas Philippe (ebenfalls Ordenspriester), haben sich sexueller Nötigungen an erwachsenen Frauen schuldig gemacht.

Jener Pater Thomas Philippe war zugleich geistlicher Begleiter der ARCHE und Mentor bzw. jahrzehntelanger Seelenführer des Arche-Gründers Jean Vanier, wobei Vanier selbst kein Priester, sondern „Laie“ war, allerdings Dozent und Doktor der Theologie.

Vanier „deckte“ die Taten bzw. Untaten seines Mentors Philippe und beging auch selbst Übergriffigkeiten an Frauen bzw. Nonnen seiner geistlichen Gemeinschaft.

Wir wollen uns aber nicht in biograpische oder sonstige Details verzetteln, die man auch woanders nachlesen kann. Es geht hier eher um ein paar grundsätzliche Überlegungen:

Seit über dreißig Jahren schreibe ich kritisch über schwärmerische und pseudomystische Vorstellungen und Geschehnisse im religiösen „Lager“, auch und gerade im katholischen.

Infolgedessen melden sich bei mir seit langem immer mehr Geschädigte von spirituellen Missbrauch bzw. seelsorglichen Übergriffen (so z.B. allein gestern zwei Aussteiger aus dem Fankreis der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“).

Angesichts jahrzehntelanger Kontakte mit Betroffenen beider christlicher Konfessionen  – meist Frauen mittleren Alters –  entsteht ein immer klareres Bild von jenen „religiösen“ Gesichtspunkten, die den geistlichen Missbrauch begünstigen und die jedwede Kontrolle und Aufklärung erschweren.

Zu den Negativ-Faktoren gehört häufig eine „inspirierende“ Gründergestalt, die von den Anhängern wie ein Heiliger (oder eine Heilige) verehrt wird, vielfach verbunden mit Visionen, „übernatürlichen“ Einsprechungen, besonderen „Geistesgaben“ usw.

Damit verfügt diese „Lichtgestalt“ –  so scheint es  –  über einen direkten Draht nach oben, wird als „gottgesandt“ und „geist-erleuchtet“ gewürdigt und schon zu Lebzeiten angehimmelt.

Je stärker der Gründer/Leiter charismatisch „begnadet“ ist, um unantastbarer festigt sich sein Ruf. Gerne wird in diesen Kreisen ein Wort aus dem Alten Testament vereinnahmt und missbraucht, das da lautet: „Tastet mir meine Gesalbten nicht an und tut meinen Propheten kein Leid an!“ (1 Chro 16,22).

Vor allem in schwärmerischen Gruppen eignet sich diese Bibelstelle bestens, um jede Kritik an den selbsternannten „Propheten“ im Keime zu ersticken.

Ich weiß von mehreren Betroffenen – vor allem aus der protestantischen Pfingstler-Szene  – wie sie in ihrer Gruppe mit diesem Wort als Übeltäter angeprangert wurden, sobald sie eine kritische Haltung einnehmen wollten.

In katholischen Kreisen werden Skeptiker in den eigenen Reihen hingegen gerne mit dem Vorwurf einer „Sünde gegen den Heiligen Geist“ eingeschüchtert, die sie angeblich auf sich laden, wenn sie „begnadete“ Personen und himmlisch „erwählte“ Seher/innen nicht als glaubwürdig betrachten.

Wichtig ist daher, daß sich Christen grundsätzlich von der irrigen Vorstellung lösen, unser Glaube beruhe auf außergewöhnlichen Phänomenen, Visionen, Erscheinungen, „Sühneseelen“ und vermeintlichen „Botschaften“ von oben.

Vielmehr gründet der katholische Glaube auf der Heiligen Schrift und der apostolischen Überlieferung, die nicht von „Seher/innen“ und Sonder-Begnadeten ausgelegt wird, sondern seit jeher vom Lehramt der Kirche.

Wer dies grundsätzlich erkennt, anerkennt und ernst nimmt, ist weitaus besser gewappnet gegenüber (un)geistlichen  – und auch sexuellen  –  Übergriffen. Zwischen dem spirituellen und dem sexuellen Missbrauch gibt es ohnehin fließende Übergänge.

Dies wird beispielhaft bei diesem Erlebnisbericht von Cordula Mohr deutlich, die nach erschütternden Erfahrungen aus der katholisch-charismatischen Szene ausgestiegen ist: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/31/missbrauch-der-beichte-was-ich-einst-im-zimmer-eines-indischen-paters-erlebte/

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

 


Mutter Meera und ihr esoterischer Segen, den ihre Anhänger auf Knien empfangen

Von Felizitas Küble

Wenn Mutter Meera – eine indisch-deutsche „Erleuchtete“ – die Menschen mit ihrem Lichtsegen beglückt bzw. wohl eher hypnotisiert, dann gibt sie ihnen einen „Darshan“, also gleichsam Anteil an ihrer „göttlichen“ Inkarnation (Avatara) bzw. als „Lichtbringerin“.

Aber erst der Reihe nach: Die „Avatara“ wurde 1960 in Indien mit dem Namen Kamala Reddy geboren. Ein Onkel meinte, in ihr jene „göttliche Mutter“ erkannt zu haben, die ihm durch Visionserlebnisse gezeigt wurde. Er brachte sie in den Ashram, zu dem er selber gehörte. 

Immer mehr Anhänger wollten ihren „Darshan“ erhalten; sie wurde auch im Ausland eingeladen, gab mehrfach Audienzen in Kanada. Seit 1982 lebt sie im Westerwald und heiratete einen Deutschen.

Auf Schloß Schaumburg finden in einem Nebengebäude ihre abendlichen Segensveranstaltungen statt, zu dem nicht nur in Deutschland lebende Hindus oder Esoteriker, sondern auch Christen einströmen, oft mehrere hundert Besucher.

Ihre Darshan-Abende sind völlig stumm, sie spricht kein einziges Wort. Stattdessen schaut sie den Teilnehmern, die erst die Schuhe ausziehen und dann auf Knien zu ihr nach vorne rutschen, tief in die Augen und berührt sie an den Schläfen – was stark an Hypnose erinnert. Diese wird dadurch begünstigt, daß die Verehrer/innen ständig einen „göttlichen“ Namen wie ein Mantra wiederholen sollen.

Daß man sich der Erleuchteten auf Knien nähern soll, scheint ihren Fanclub nicht zu stören, im Gegenteil.

Auf der esoterischen Seite „Dimensionssprung“ lesen wir eine begeisterte Schilderung des Darshan-Segens der „göttlichen Mutter“:  https://www.dimensionssprung.de/verzeichnis-4-48,Mein_Besuch_bei_Mutter_Meera.html

Darin heißt es u.a.:

„Als sie ihren Platz auf dem Podest, auf dem mittleren Stuhl eingenommen hatte, begannen die Diener eine Reihe nach der anderen auf dem Gang aufzustellen, niederknien zu lassen…Und der Darshan begann, Reihe um Reihe, Mensch um Mensch wurde aufgestellt, kniete nieder, bewegte sich kniend auf das Podest zu, empfing den Segen und nahm in Stille wieder seinen Platz ein…

Als ich den Podest erreichte, schlug mir das Herz bis zum Hals. Ich kniete vor Mutter Meera, beugte meinen Kopf, so dass sie ihn leicht mit ihren Händen berühren konnte. Sie legte ihre Finger oberhalb der Ohren seitlich links und rechts und hielt dies einige Sekunden. Lichtvolle Energie durchfloß mich, am ersten Abend bis etwa auf Höhe der Brustwirbelsäule, am zweiten Abend bis hinunter zum Steißbein.

Wie geschrieben, hob ich meinen Kopf, als sie ihre Hände von mir nahm und sah sie an. Ihr in die Augen. Ihr Lieben, ich habe niemals in meinem bewußten Leben solche Augen gesehen. Es ist als wenn Du in die Ewigkeit schaust, unendliche Liebe, kein Ego darin zu erkennen. Es ist schlicht wunderschön, dieser Blick bleibt Dir im Geiste verankert, Du siehst diese Augen immer wieder.“

Manchen Teilnehmern kann es freilich auch anders ergehen. Eine Betroffene berichtete mir, daß sie Bedenken bekam, als sie an dieser Veranstaltung teilnahm. Sie bat Gott um innere Hilfe, bevor sie auf dem Teppich nach vorne rutschte.

Der Blick der 59-Jährigen, den sie erlebte, sei alles andere als freundlich gewesen. Sie wurde danach von Ordnern quasi eingekreist und nach draußen „geleitet“.

 


Kann MARIA als Priesterin verehrt werden?

Von Felizitas Küble

In der Kunstgeschichte gibt es vereinzelt Abbildungen, in denen die Madonna mit priesterlichen oder bischöflichen Insignien bzw. Kennzeichen (Stola, Kasel bzw. Meßgewand oder Pallium) dargestellt wird (wie dies auch unser erstes Foto andeutet). 

Auf Gloria-TV hat eine erscheinungsbewegte Leserin gar eine Kitsch-Darstellung mit Maria als Päpstin (sie trägt eindeutig die frühere dreifache Papstkrone) gepostet: https://gloria.tv/article/RiQr6Rzw1iEd3tfyXu7EQGKG6

Aus einigen mißverständlichen Bemerkungen, die einige marianische Theologen in ihrem Überschwang äußerten, versucht nun eine Initiative, die Forderung nach Einführung eines Frauenpriestertums zu begründen: Die Verehrung Mariens als Priesterin sei angeblich eine „latente Tradition“ in der katholischen Kirche  – und daraus ergäbe sich, daß Frauen zu Priestern geweiht werden könnten: http://www.womenpriests.org/de/mrpriest/m_gen.asp

Diese Verknüpfung eines bestimmten Marienkultes mit dem Frauenpriestertum ist kein neues Phänomen.

Bereits in der früheren Christenheit gab es die Sekte der Marianiten bzw. Philomarianiten (Freunde bzw. Lieblinge Mariens), welche die Madonna geradezu vergöttlicht haben, ihr Brot-Opfer darbrachten und Priesterinnen kannten. Frühchristliche Häresiologen (Kritiker der Irrlehren) haben sich mit dieser Abspaltung befaßt und deren überzogenen  bis blasphemischen Marienkult ebenso zurückgewiesen wie das weibliche Priestertum. 

Nicht identisch, aber damit verwandt sind die Mariaviten in Polen und Frankreich. Diese Abspaltung von der katholischen Kirche betreibt einen ausufernden Madonnenkult (wenngleich vor einer Vergöttlichung Mariens noch Halt gemacht wird) und hat sowohl das Priestertum wie das Bischofsamt für Frauen geöffnet. Die Sekte ist vor allem in Polen sehr aktiv, auch mit eigenen Kirchen und Bildungszentren.

Bei einer Verknüpfung von Maria und Priestertum werden ein paar wichtige Gesichtspunkte übersehen:

  1. Es gibt ohnehin ein allgemeines Priestertum der Gläubigen, wie sowohl die Bibel wie die Kirche seit jeher verkündet. Daran hat die Gottesmutter selbstverständlich den höchsten Anteil von allen Geschöpfen; sie ist insofern aber die „Erste unter Gleichen“. Aus dieser hervorgehobenen Stellung läßt sich kein sakramentales Priestertum ableiten
  2. Maria hat als Fürsprecherin eine gewisse „vermittelnde“ Funktion zwischen den Gläubigen und Christus. Sie ist aber nicht die Mittlerin zu Gott-Vater (dies ist Christus allein), sondern sie führt die Gläubigen zum Gottmenschen Jesus Christus hin; ihre Fürsprache ist weitaus bedeutsamer und wirkungsmächtiger als die Fürbitte der anderen Heiligen. Man kann sie auch als unseren Beistand bzw „Anwältin“(Advocata) bei Jesus ansehen. Marias Mittlerschaft ist freilich völlig abhängig von Christus und ihm wesentlich untergeordnet.
  3. Der eigentliche und einzige Mittler  – nämlich zum Vater – ist unser Erlöser allein. Die Madonna kann aber durch ihre Fürsprache und Gnadenvermittlung als „Mediatrix“ (Mittlerin) bezeichnet werden, wobei es sich hierbei nicht um ein Dogma (unfehlbaren Glaubenssatz) handelt, aber um einen in der Kirche geläufigen Ehrentitel für Maria. Diese Mittlerschaft hat eine gewisse besondere priesterliche „Note“, ist aber gleichwohl nicht identisch mit dem sakramentalen, also dem besonderen, amtlich geweihten Priestertum, das Männern vorbehalten bleibt.
  4. Maria wird oft in der kirchlichen Kunst mit einem Buch oder Schriftrollen in der Hand dargestellt, nicht allein bei der Verkündigungs-Szene, sondern z. B. auch im Wochenbett oder auf dem Esel sitzend auf der Flucht nach Ägpyten. Völlig zu Recht wird die Belesenheit und Bibelfrömmigkeit der Madonna hervorgehoben, denn wie schon ihr Magnificat (Lobgesang) zeigt, lebte sie ganz aus den Psalmen und Hymnen des Alten Testaments und kannte sicher große Teile davon auswendig. Aber aus dieser Weisheit und Gelehrtheit läßt sich kein Schluß in Richtung Amtspriestertum ziehen.

Aus der Tatsache, daß die katholische Kirche jene Darstellungen Mariens mit priesterlichen Insignien bzw. in einem liturgisch-amtlichem „Ornat“ bis zum Jahre 1913 nicht ausdrücklich verboten hat, läßt sich nicht ableiten, daß die Kirche eine Verehrung der Gottesmutter als Priesterin (im sakramentalen Sinne) gewünscht oder auch nur erlaubt habe.

Abgesehen davon, daß auch die Kirche eine gewisse „Freiheit der Kunst“ respektierte, ist Maria tatsächlich Priesterin im Sinne des allgemeinen Priestertums (dies sogar in höchster Vollendung) und im speziellen bzw. erweiterten Sinne hinsichtlich ihrer vermittelnden Fürsprache.

Zugleich ist klar, daß Christus der einzige Hohenpriester des Neuen Bundes ist, wie wir im Hebräerbrief nachlesen können. Der einzigartige Charakter des Priestertums Christi wird ausführlich erläutert. Dieses Hohenpriestertum Christi ist  „unteilbar“, ebenso wie sein Erlösungsopfer ein vollkommenes und unteilbares ist. Daß Maria auf geschöpflicher Ebene als herausragende Mithelferin beim Heilswerk Christi verehrt werden kann, das ist nicht dieselbe Ebene bzw. dies steht auf einem anderen Blatt. 

Als Anfang dieses Jahrhunderts Bestrebungen in Richtung Frauenpriestertum zunahmen (vor allem im Protestantismus), hat die römische Glaubenskongregation (damals als „Hl. Offizium“ bezeichnet) im Jahre 1913 entschieden, daß Maria nicht mehr in spezieller Priesterkleidung dargestellt werden darf. Dieser Beschluß wurde allerdings erst drei Jahre später veröffentlicht. 1926 ist dann zusätzlich jede Verehrung Mariens mit der Anrufung „priesterliche Jungfrau“ untersagt worden.

Ausführlich nimmt Bischof Epiphanius von Salamis (4. Jh.) zum Thema Frau als Priesterin Stellung. In seiner Schrift „Adversus haereses“ schreibt er über die charismatische Sekte der Montanisten: „In einer ungesetzlichen und gotteslästerlichen Zeremonie ordinieren sie Frauen und bringen durch sie im Namen Marias Opfer dar. Das bedeutet, dass die ganze Sache gottlos und frevelhaft ist … “.

Erinnert sei auch an die frühchristlichte Sekte der Kollyridianerinnen, die sich als „Priesterinnen der Maria“ verstanden und an einem für sie bestimmten Festtag in einer feierlichen Prozession ihre gebackene Kuchen herumführten und der so verehrten Maria „opferten“. Das war im Grunde eine heidnische Vergöttlichung Mariens, ein verkappter Göttinnenkult im scheinbar christlichen Gewand. Die damaligen Kirchenlehrer bzw. Häresiologen (Darsteller, Kritiker von Irrlehren) haben sich deutlich von dieser Sondergruppe distanziert.

Damals wie heute gilt: Bleiben wir bei der Marienverehrung auf der biblischen und kirchlichen Spur – und verfallen nicht in Verstiegenheiten, wie dies eine Verehrung Mariens als „Priesterin“ bedeuten würde.


Glaubensinhalte, sinnenfroher Kult und Symbole verschmelzen zu einer Symbiose

Ich hatte das Glück, an einer Universität mit zwei theologischen Fakultäten zu studieren und nutzte neben den katholischen Vorlesungen auch die Chance, einige ausgewählte interessante Vorlesungen der evangelischen Schwesterfakultät zu hören.

Es gab auch einen ökumenischen Gesprächskreis, in dem ich mich engagierte. Dort gab es allerlei kuriose Begebenheiten. Zum Beispiel wurde ein Ikonen-Malkurs angeboten. Ja, ich weiss, es heisst eigentlich „Ikonen schreiben“, aber das nur am Rande.

Für meine evangelischen Schwestern (Brüder gab es dort im Kurs keine, so weit ich mich erinnere) war von vornherein klar: „Nichts mit Maria“!

Da wurden dann Engel in sämtlichen Varianten „geschrieben“, natürlich auch der „Herr Jesus“, aber um Himmels Willen nicht die Madonna, denn das sei zu katholisch und das ging ja nun gar nicht!

In letzter Zeit ist mir meine katholische Heimat wieder näher gekommen, nachdem ich eine Zeit lang Schwierigkeiten mit so manchen Themen hatte. Ich entdeckte und entdecke Interessantes: die katholische Volksfrömmigkeit ist alles andere als weltfremd, ein Vorwurf, der ja gerade bei Schlagwörtern wie Zölibat, Frauenordination (die gibt es im Protestantismus auch noch nicht so lange!), Pille usw gern gemacht wird.

Weihrauch, Öle, Wasser, Riten und Zeremonien sprechen alle Sinne an und damit den ganzen Menschen. Jede/r von uns kennt liebe Menschen, von denen wir gerne bestimmte Gegenstände aufheben, manchmal ganz unscheinbare Dinge. Da gibt es die obligatorischen Bilder, auch Briefe, kleine Geschenke, Erinnerungen.

Nichts anderes praktiziert der Katholizismus, wenn er den Gläubigen Reliquien zur freiwilligen Verehrung darbietet (ohne dass hierzu eine Verpflichtung bestände).

Apropos: die Christenheit hat interessanterweise niemals Knochen  –  und das sind immer die „ersten“ Reliquien gewesen, dann erst kamen auch Stoffe und andere Dinge hinzu  – von Maria zur Verehrung gehabt, das zeigt das hohe Alter des kirchlichen Glaubens, dass Maria wirklich mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.

Kult und Glaubensinhalte verschmelzen zu einer Symbiose  – und dafür bin ich der Kirche dankbar!

Unser Gastautor stammt aus Baden-Württemberg und ist Diplom-Theologe; er ist unserer Redaktion persönlich bekannt


MARIA in BRASILIEN: Broschüre über Herkunft und Legenden zu APARECIDA

Besprechung von Felizitas Küble

Das Marienheiligtum zu Aparecida ist das größte in Brasilien. Dort wird seit Jahrhunderten eine kleine schwarze Madonnenstatue verehrt. Voriges Jahr wurde in dem lateinamerikanischen Land mit großer Begeisterung die 300-Jahr-Feier der Wallfahrtsstätte begangen. 

Über die Herkunft dieser „schwarzen Madonna“ gehen die Meinungen auseinander. Am wahrscheinlichsten ist wohl jene Geschichte, wonach arme Fischer erst den Rumpf einer Marienstatue und dann ihren Kopf aus dem Wasser zogen, was sie noch mehr begeisterte als ein großer Fischfang – der dann hinterher ebenfalls eintrat. Das Ereignis soll sich am 17. Oktober 1717 zugetragen haben.

Die 50-seitige Broschüre „Maria in Brasilien: Aparecida“ von Paul Baldauf erzählt in bewegenden Worten und anschaulicher Weise diese Entstehungsgeschichte – und ergänzt sie danach mit einigen Legenden über Heilungen und wundersame Gebetserhörungen.

Vor allem die unterdrückte schwarze Bevölkerung nahm in großer Not seine Zuflucht zur Madonna von Aparecida. Dies zeigt auch das Titelbild: Ein schwarzer Sklave bittet die Gottesmutter verzeifelt um Hilfe – und seine Ketten fallen wunderbar auseinander.

Das Marienheiligtum wurde ab 1734 zunächst in einer kleinen Kapelle untergebracht  – und etwa hundert Jahre später, als die Volksverehrung weiter wuchs, ist eine Kirche errichtet worden, die später zur „Basilica minor“ (kleinen Basilika) ernannt wurde.

Prinzessin Isabella überreichte der Statue im Jahre 1888 einen blauen Mantel und eine schöne Krone. 1929 ernannte Papst Pius XI. die hl. Jungfrau (Senhora Aparecida) zur Schutzpatronin Brasiliens. 1884 erklärten die Bischöfe des Landes den Wallfahrtsort zum katholischen Nationalheiligtum.

Die Buchbroschüre schildert diverse Traditionen und Legenden um Aparecida sehr lebendig und spannend.  Auch die Zeichnungen der Künstlerin Manon Massari wirken recht ansprechend.

Statt der  – sicherlich ergreifenden  –  Wundererzählungen wäre eine stärkere historisch orientierte Darlegung allerdings insgesamt sinnvoller gewesen. Trotzdem mag die Publikation aus dem Mediatrix-Verlag als Einstieg zum Thema hilfreich sein.

Die Broschüre kostet 5,90 € und kann hier direkt bestellt werden: https://www.mediatrix-verlag.at/Buecher/Glaube—Heilige/APARECIDA—MARIA-IN-BRASILIEN.html

 


Münster: Seher Mario D´Ignazio aus Brindisi präsentierte eine „Live-Erscheinung“

Von Felizitas Küble

Am heutigen Samstag, dem 28. Oktober, war der Versammlungssal im Marienhaus von Münster prall gefüllt mit rund 200 Besuchern, unter ihnen überwiegend Frauen, etwa ein dutzend Ordensschwestern und auffällig viele Menschen indischer Herkunft.

Der rege Andrang dürfte mit der Ankündigung zusammenhängen, wonach Mario D´Ignazio aus dem süditalienischen Brindisi eine waschechte Marienerscheinung erleben wird, an dem die Gäste gewissermaßen beteiligt sind, wenngleich sie selber nichts sehen, hören oder auf sonstige Weise wahrnehmen.

Der junge Italiener (siehe 3. Foto), der in Turnschuhen und auch sonst ziemlich leger gekleidet auftrat, erlebt  – eigenen Angaben zufolge – neben privaten Visionen seit Jahren immer wieder öffentliche Marienerscheinungen, wobei sich die (angebliche) Madonna als „Jungfrau der Versöhnung“ vorstellt.

Er tourt derzeit wieder einmal durch Deutschland  – von Westfalen über die Mosel bis zum Bodensee.

Das vom Seher in Auftrag gegebene Erscheinungs-Bildnis wurde im Saal überlebensgroß präsentiert (siehe 1. und 2. Foto).

Es zeigt eine lieblich-kindlich bis kitschig wirkende Gestalt mit weißem Kleid und Schleier sowie einem hellblauen Mantel und goldenen Gürtel  –  vor ihrer Brust ist eine Taube als Symbol des Hl. Geistes erkennbar.

Diesmal hielt sich die Himmelsbotschafterin allerdings nicht an die vorgesehene Tagesordnung:

Angekündigt war nämlich in der schriftlichen Einladung zum „Heilungsgebetstag“, daß sie Mario D´ Ignazio nach dem Rosenkranz erscheine. Das Ereignis fand jedoch schon vor diesem Gebet statt  –  die „Madonna“ schien es heute eilig zu haben. Fast alle Anwesenden knieten sich während der „Erscheinung“ hin, als ginge es um eine eucharistische Anbetung….

Danach wurde den Versammelten die Marien-Botschaft vorgelesen, wobei es offenbar (wie in solchen Fällen üblich) um Gebetsaufrufe, Rosenkranz-Empfehlung und (angelehnt an Fatima) um die Verehrung ihres Unbefleckten Herzens ging  –  insofern gab es keine „aufregenden“ Inhalte.

Der Seher verkündete den Gläubigen außerdem, dass die himmlische Jungfrau sie bei ihrer Live-Erscheinung alle angeschaut und gesegnet habe. Mir wurde diese „Gnade“ freilich nicht zuteil, da ich erst später gekommen war. Den erwähnten Ablauf erfuhr ich auf Nachfrage von einigen Bekannten.

Der Visionär Mario hielt eine ebenso lange wie fromme Ansprache, die in Abschnitten jeweils von seinem Übersetzer, der neben ihm saß, verdeutscht wurde (siehe letztes Foto).

Dabei wurde mehrfach auf die große Spendenbox verwiesen, die seitlich vom Vortragstisch aufgestellt war. Vor allem in der zweiten Hälfte der Veranstaltung kamen öfter Teilnehmer nach vorne, um einen Schein in die Box einzustecken.

Die Verehrung, die dem „Seher“ durch etliche Besucher zuteil wurde, war beträchlich. Es gab sogar Teilnehmerinnen, die aus unerfindlichen Gründen eine Kniebeuge machten, wenn sie nach vorne gingen  –  und das nicht vor dem seitlich rechts aufgestellten Kreuz (siehe erstes Foto), sondern vor dem Tisch mit Mario und seinem Übersetzer.

Nach dem „Heilungsgebetstag“ ließen sich einige Leute, vor allem junge Frauen, mit ihm fotografieren oder von ihm segnen (siehe vorletztes Foto).

Immerhin erteilte er keinen „charismatischen“ Segen mit Handauflegung (samt dem dann oftmals folgenden „Ruhen im Geist“ bzw. dem Hammersegen in Trance), sondern zeichnete den Betreffenden katholisch-traditionell ein Kreuz auf die Stirn, wogegen rein prinzipiell nichts einzuwenden ist. 

Ingesamt hatte die Veranstaltung zwar einen leicht schwarmgeistigen, „pfingstlerischen“ Anstrich, doch hielt sich diese Tendenz noch in gewissen Grenzen.

Stattdessen war eine kuriose Wundersucht umso ausgeprägter. Ständig ging es um wundersame Zeichen und Mirakel des begnadeten und angeblich sogar stigmatisierten Mario. Vor allem am Informationstisch wimmelte es nur so von „Wunder-Fotos“, (Blut-)Tränen-Madonnen etc.

Der Visionär gab eine klare Botschaft an die Seinen, was in diesen schweren Zeiten zu tun ist: „Immer an die Madonna und an Gott denken, das genügt.“  – Man beachte übrigens die Reihenfolge…

Grundsätzlich loben muß man aber  – und das kommt auf solchen öffentlichen Live-Erscheinungen eher selten vor – daß etwa eine halbe Stunde Zeit für Fragen an den „Seher“ gewährt wurde.

Ich stellte ihm meinen Standpunkt kurz folgendermaßen dar:

Unser Glaube beruht auf der Heiligen Schrift, der apostolischen Überlieferung und dem Lehramt der Kirche, nicht etwa auf Zeichen und Wundern.

Paulus schreibt daher, daß wir auf Erden im Glauben leben, nicht im Schauen. Und Christus erklärte jene für selig, die nicht sehen und doch glauben.

Daher halte ich es für eine innere Gefährdung der Katholiken, wenn sie sich auf außergewöhnliche Vorgänge bzw. angebliche Wunder stützen oder sich auf Visionen, Erscheinungen und dergleichen fixieren.

Der Angesprochene reagierte recht geschickt. Er stimmte mir zunächst durchaus zu: Manchmal würden Leute wunderbare Ereignisse erleben und trotzdem später ungläubig werden. Viele wünschten von ihm ein Zeichen als Beweis für die Echtheit der Erscheinungen: „Aber wenn wir sehen, bedeutet das noch nicht, daß wir glauben.“ 

Nun kam das typische Ja, aber:  In unserer Zeit wachsenden Unglaubens helfe der Himmel den Menschen durch Visionen und Botschaften; er komme ihrem Bedürfnis gleichsam großzügig entgegen  –  etwa nach der Devise: Je schlechter die Zeiten, desto stärker der Bedarf nach Zeichen und Wundern…

Eine FORTSETZUNG dieses Berichts über diese Veranstaltung folgt demnächst in einem weiteren Artikel.

Info-HINWEIS: Wir haben im CHRISTLICHEN FORUM bereits vor über zwei Jahren über diesen „Seher“ berichtet: https://charismatismus.wordpress.com/2015/10/08/italien-neuer-seher-mario-aus-brindisi-tourt-bald-durch-deutschland/


Das Ave-Josefs-Gebet ist kirchlich abgelehnt

Von Felizitas Küble

Schon seit mindestens 150 Jahren gibt es in einigen frommen Kreisen, welchen die Verehrung des hl. Josef wichtig ist (wogegen an sich nichts einzuwenden wäre), eine Ave-Josefs-Gebet, das auf mehreren Webseiten zu finden ist, sogar auf dieser noch relativ gemäßt wirkenden Sammlung von Gebeten und Andachten mit dem Titel „Zeit zu beten“: https://zeitzubeten.org/gebete/gebete-zu-muttergottes-und-hl-josef/gebete-zum-hl-josef/  Radio Vatikan

Diese Anrufung des Nährvaters Christi existiert in leicht veränderten Abwandlungen („Wir grüßen dich“ oder „Gegrüßet seist Du“), aber stets kommt nach dem Namen Josefs der Lobpreis „Voll der Gnade“  –  und das geht offensichtlich entschieden zu weit.

Um dies zu wissen, benötigt man kein sonderliches theologisches Wissen. Es müßte schließlich bekannt sein, daß die Heilige Schrift allein die Gottesmutter Maria als die Gnadenvolle („voll der Gnade“) bezeichnet – und zwar durch den Engel Gabriel bei der Verkündigung des HERRN.

Auf der erwähnten Webseite heißt die Anrufung des Pflegevaters Jesu folgendermaßen:

Gruß an Josef

Wir grüßen dich, Josef, voll der Gnade,
Jesus und Maria sind mit dir;
du bist gebenedeit unter den Männern,
und gebenedeit ist Jesus, Gottes eingeborener Sohn.

Heiliger Josef, Nährvater Jesu Christi und
Bräutigam der unbefleckten Jungfrau Maria,
bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.
Amen.

Hier wurde das Ave Maria fast wörtlich auf den hl. Joseph umgedichtet bzw. nachgeahmt  –  und wie man sich vorstellen kann, hat die Kirche diesen theologischen Unfug schon vor 140 Jahren strikt abgelehnt. media-390606-2 - Kopie

Die frühere Glaubenskongregation, damals Hl. Offizium genannt, hat dieses Gebet am 26. April 1876 verworfen. Offenbar hat sich dies aber bis zum heutigen Tage nicht in allen frommen Kreisen herumgesprochen, weshalb wir nachdrücklich darauf hinweisen wollen.

Nachgelesen werden kann diese Auskunft auf S. 159 in dem Klassiker „Die Ablässe, ihr Wesen und Gebrauch“ von Franz Beringer, das 1915 erschienen ist  (ein Standardwerk, das ausdrücklich vom Hl. Offizium gutgeheißen wurde).

„Rosenkranz der hl. Anna“ nicht genehmigt

Schon längst kirchlich abgelehnt wurde auch ein sog. „Rosenkranz der hl. Anna und Joachim“, also zu Ehren der Eltern Mariens (vgl. S. 155 im erwähnten Buch). Auch dieser Anna-Rosenkranz ist immer noch im Umlauf: http://www.barrierefrei.rosenkranzgebete.de/heilige/rosenkranz-zur-heiligen-mutter-anna-und-zum-hl-jo/index.php

Der Vatikan entscheidet freilich nicht allein gegen Übertreibungen in der Verehrung des hl. Joseph oder der Eltern Mariens, sondern auch hinsichtlich eines überzogenen Marienkultes. Das gilt zB. für folgendes Stoßgebet: „Heiliges Herz Mariä, du bist die große Königin, die ganze Welt neigt sich vor dir, errette gnädig meine Seele“. (Vgl. Ablaßbuch, S. 159) 131223-stern-von-bethlehem_b87bfae72c

Es liegt auf der Hand, daß die Madonna zwar Fürsprecherin ist, aber keine Seelenretterin sein kann, weil Christus allein unser Erlöser ist. Zudem stimmt es schlichtweg nicht, daß sich die ganze Welt vor ihr neige, denn das würde eine christlich-marienfromme Menschheit voraussetzen, die es aber nicht gibt.

Bei liturgischen Gebeten und kirchlichen Litaneien kann man den grundlegenden Unterschied zwischen der Anbetung des HERRN und der Verehrung Marias anhand der jeweiligen Antworten erkennen. Bei Marien-Litaneien heißt es: „Bitte für uns“  –  Bei Litaneien zu Gott-Vater, Christus, dem Hl. Geist bzw. der Dreieinigkeit hingegen: „Erbarme dich unser“ – oder: „Erhöre uns, o HERR.“

Petrus, der erste Papst, erklärte in seiner bekannten Predigt nach der Heilung eines Gelähmten eindeutig jene Alleinerlöserschaft Christi, welche das ganze Zeugnis des NT prägt:

„In keinem anderen ist das Heil. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“ (Apg 4,12).