Die hl. Ida und der Hirsch: Friedensstifterin zwischen Franken und Sachsen

Von Felizitas Küble

Etwa 30 Gläubige der altrituellen St.-Aegidii-Gemeinde in Münster pilgerten am vergangenen Samstag (22.6.) nach Herzfeld zur heiligen Ida, die als „Mutter der Armen“ seit 1200 Jahren vom Kirchenvolk verehrt wird. (Näheres über diese Wallfahrt mit Ida-Infos HIER.)

Nun wollen wir hier über den tieferen Sinn einer Legende berichten, die seit eh und je mit Sankt Ida verbunden ist:

Die Herzogin soll einen jungen Hirsch an einer Waldlichtung unter ihrem Mantel geborgen haben, der sich zu ihr flüchtete, als er von Jägern und Hunden verfolgt wurde. Die Jäger sahen Ida mit dem Hirsch und kehrten um.

Das zutrauliche Tier lagerte sich zu Idas Füßen und war so dankbar für seine Rettung, daß es nicht mehr von ihrer Näche wich und dauerhaft bei der Familienmutter – sie hat fünf Kindern das Leben geschenkt – geblieben ist. 

Aber nicht nur das: Der Hirsch soll auf seinem Rücken schwere behauene Steine über die Lippe zum anderen Ufer nach Herzfeld getragen haben – in Begleitung von Herzogin Ida, die dort ein Gotteshaus erbauen ließ und selber bei der Errichtung mithalf: Es handelt sich dabei um die älteste christliche Kirche Westfalens!

Als das karolingische Gotteshaus gebaut war, entstand im Laufe der Zeit ein Dorf um das Kirchlein und den dortigen Friedhof („Gottesacker“).

Herzfeld  – der ursprüngliche Name der Ortschaft lautet „Hirschfelder“ –  ist somit die älteste Pfarrgemeinde im Münsterland, gegründet von einer glaubensstarken Fürstin; sie und ihr Mann waren befreundet mit einem Priester Bertgerus, der als geistlicher Begleiter mit ihnen durchs Land zog und diesen Kirchenbau einsatzfreudig unterstützte

BILD: Die 1. Zeichnung zeigt, wie Ida den Hirsch vor Jägern und Hunden rettet – die 2. Zeichnung zeigt die Herzogin mit ihrem Hirsch im Gefolge auf dem Weg zu ihrem Kirchenbau (gemalt nach der Dachplatte des Ida-Schreins).

Bei der alten Sage vom geretteten Hirsch dürfte es sich um mehr als nur eine Anekdote handeln; vielmehr vor allem um eine tiefsinnige Symbolgeschichte, immerhin findet man den Hirsch sogar im Wappen des heutigen Städtchens Herzfeld:

Es geht bei der Legende letztlich um die Rolle Idas als Friedensstifterin zwischen Franken und Sachsen:

Damals herrschte ein 30jähriger Krieg zwischen den beiden verfeindeten Germanensstämmen. Die meisten Sachsen widersetzten sich hartnäckig der Christianisierung und hielten an ihren heidnischen Vorstellungen und Kulten fest.

Karl der Große versuchte teils auch mit Gewalt, die Sachsen zu bekehren. Zugleich kümmerte er sich aber auch um eine friedliche Missionierung dieses Volkes im östlichen Münsterland. Ida war seine Nichte und als sie ihm ihre Heiratsabsicht mit dem christlichen Sachsen Ekbert mitteilte, war der König (und spätere Kaisere) darüber höchst erfreut.

Allein schon durch die Ehe der fränkischen Grafentochter Ida mit Herzog Ekbert wurde ein Zeichen der Verständigung gesetzt, ein persönliches Signal der Versöhnung zwischen Franken und Sachsen gerade in der Kampfzeit beider Germanenstämme.

BILD: Unterhalb der heutigen Basilika in Herzfeld wurden 1975 Grundmauern der uralten Kirche ausgegraben, die einst von der hl. Ida errichtet wurde.

Ida zog von der Kölner Gegend, in welcher sie das Licht der Welt erblickt hatte, im Jahre 786 nach der Hochzeit zu Ekbert in die Lippe-Gegend auf seine Burg unweit von Osnabrück. Von dort aus beschützte das Ehepaar verfolgte Sachsen, wenngleich es oftmals „Heiden“ waren; sie kümmerten sich um Verwundete und Kranke.

Regelmäßig eilte Ida von ihrem Adelssitz zu den Armen in Herzfeld, ging dort mit ihrer Familie zur heiligen Messe und nahm sich der Bedrängten an.

Als ihr Mann im Jahre 811 starb, wurde er neben der von seiner Frau erbauten Kirche begraben. Ida ließ darüber einen Vorbau errichten und lebte dort als Witwe mit Gebet und guten Werken, sie versorgte Kranke und gab den Armen aus ihrem restlichen Vermögen, über das sie verfügen konnte, zu essen. 

BILD: Rechts die Herzfelder Kirche, ganz links ein hohes Storchennest, dazwischen die Lippe-Aue, an deren Bäumen sich heute ein Kreuzweg befindet. Den „grünen Weg“ ging der Legende nach auch St. Ida mit ihrem Hirsch zum Bau der Kirche.

Der Symbolgehalt der Hirsch-Legende liegt damit auf der Hand:

Der Hirsch versinnbildlicht die bedrängten Sachsen, die von „Jägern“  – den fränkischen Kriegern  – verfolgt wurden. Ida nimmt sie in Schutz – und so wächst ihr Vertrauen zu der katholischen Herzogin. Sie finden zum Christentum und helfen sogar mit, die Kirche in Herzfeld zu erbauen, indem sie über das Wasser „Steine schleppen“ hinüber zum anderen Ufer. 

Das Wasser gilt zugleich seit jeher ein Symbol für innere Reinigung, Taufe und Umkehr.

Über dem Eingang zum Grab der hl. Ida direkt an der von ihr gestifteten Kirche wurde ein Denkmal mit einem geschnitzten Bild errichtet, das die Herzogin mit dem Hirsch zeigt, der sich treuherzig zu ihren Füßen lagert – als wolle er gleichsam auch nach ihrem Tod am 4.9.825 nicht von seiner Beschützerin trennen.  

Tatsächlich ist auch diese Deutung zeichenhaft, denn das gläubig gewordene Sachsenvolk verehrte seine geliebte Herzogin, die heilige Ida, als Vorbild und Fürsprecherin, so daß ihre Grabstätte sich im Frühmittelalter zum ersten Wallfahrtsort Westfalens entwickelte.

Die Kirche würdigte und bestätigte dieses fromme Vertrauen der Gläubigen 155 Jahre später mit der Heiligsprechungs Idas durch Bischof Dodo von Münster am 26. November 980.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.


GOTT ist es, der euch durch uns ermahnt!

Heutige liturgische Lesung der kath. Kirche: 2 Kor 5,14-21:

Brüder! Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. ER ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde…
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Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Kreatur: Das Alte ist vergangen, siehe, ist es alles neu geworden.
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Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.
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JA, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute.
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Wir sind also Gesandte an Christi Statt –  und Gott ist es, der euch durch uns ermahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!
 

„Das Christentum ist die Seele Europas“

Bischof Voderholzer beim 70. Sudetendeutschen Tag

„Es gibt keine andere tragfähige Klammer als den christlichen Glauben, der das vereinte Europa zusammenhalten kann. Die Seele Europas ist das Christentum und das Wasserzeichen ist das Kreuz Christi.“

Das hat der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer (siehe Foto) während des Gottesdienstes am Sonntagvormittag beim 70. Sudetendeutschen Tag in Regensburg betont.

Der katholische Oberhirte verwies auf den völkerumspannenden und universalen Charakter der Kirche. Wie beim Pfingstwunder stehe die Kirche für Integration und Völkerverständigung, denn katholisch bedeutet „das Ganze umspannend“.

Dies gelte – historisch – besonders für Europa, von den früheren Galliern und Germanen bis heute zu den Bayern, Franken, Schwaben und Sudetendeutschen.

Daher stimmte der Oberhirte, der selbst sudetendeutsche Wurzeln hat, dem Motto des Sudetendeutschen Tages „Ja zur Heimat im Herzen Europas“ deutlich zu.

„Europa ist eine geistig-geistliche Größe und seine Seele ist das Christentum“, sagte er. Er nannte die verbindenden Elemente der Gotik, der Marienverehrung und der europäischen Pilgerstraßen die Pulsadern des christlichen Europas.

Tschechischer Kirchenvertreter würdigt deutsche Prägung Prags

Für die Tschechische Bischofskonferenz sprach Monsignore Adolf Pintíř, Geistlicher Beirat der tschechischen Sdružení Ackermann-Gemeinde. Adolf Pintíř grüßte die Sudetendeutschen auch im Namen aller Gläubigen in der Tschechischen Republik.

Die deutsch-tschechische Vergangenheit beginne nicht erst vor 70 Jahren. Der Monsignore verwies auf den Regensburger Bischof Wolfgang, der das Erzbistum Prag durch Abtrennung von seinem Bistum Regensburg gegründet hat. Er steht für die gemeinsame Vergangenheit in Christus.

„In den vergangenen 100 Jahren standen aber Leid, Hass, Gewalt, Schuld und Vertreibung im Vordergrund des Verhältnisses unserer Völker. Das kommende Zeitalter muss mit Versöhnung, Entschuldigung, Anerkennung und Liebe verbunden sein. So feiern wir dann immer Pfingsten“, sagte Monsignore Adolf Pintíř.

Quelle: Bistum Regensburg


Geschichte und Tragödie der Deutsch-Böhmen

Von Felizitas Küble

Professor Rudolf Jansche aus Wilhelmsfeld hat die Vertreibung von fast 3 Millionen Sudetendeutschen bzw. Deutsch-Böhmen aus der Tschechoslowakei als Kind persönlich miterlebt.

Sein bereits in 3. Auflage erschienenes Buch „Damit kein Gras drüber wächst“ (Verlag Inspiration) hat der bekannte amerikanische Völkerrechtler Prof. Dr. Alfred de Zayas in der „Sudetenpost“ gewürdigt und empfohlen. (Siehe hier auf S. 8: http://www.sudetenpost.eu/Archiv/2018/7.pdf)

Es vermittelt sowohl Geschichte wie Geschichten aus der Heimat der Deutsch-Böhmen. Die tausendjährige Historie dieser Volksgruppe kommt ebenso fundiert zur Geltung wie die Vertreibung und der an ihnen geschehene Massenmord ab 1945 durch tschechische Kommunisten und Nationalisten. (Näheres zum Buch hier: http://www.verlag-inspiration.de/buch-damit-kein-gras-drueber-waechst.html)

Der Zeitzeuge erinnert als Publizist sachlich, aber eindringlich an diese millionenfachen Verbrechen, die in deutschen Medien oft totgeschwiegen werden. Die meisten Opfer von Flucht und Vertreibung waren Frauen und Kinder.

In diesem Kontext bzw. Zusammenhang ist eine Aussage von Miloš Zeman, dem früheren Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Tschechiens, an Zynismus kaum zu überbieten, sprach er doch davon, den Sudetendeutschen sei die „Gnade der Vertreibung“ widerfahren. Hätten sie „eigentlich“ alle ermordet werden sollen?

Am 30. März 2019 veröffentlichte die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) einen Leserbrief des Buchautors Rudolf Jansche über das Sudetendeutsche Schicksal im 20. Jahrhundert, aus dem wir hier einige Abschnitte wiedergeben:

„In der Geschichte Europas spielt Böhmen eine bedeutende Rolle. Am Aufstieg dieser Region hatten die drei Millionen Sudetendeutschen ihren unbestrittenen Anteil. Es war Ottokar I. (1155 bis 1230), der begann, deutsche Siedler ins Land zu holen…

Nach dem Ende des 1. Weltkriegs gelang es dem findigen Edvard Benes, die Allierten davon zu überzeugen, dass das von Deutschen hochentwickelte Sudetenland für den neuen Staat Tschechoslowakei lebenswichtig und unentbehrlich sei…

Hierbei sei angemerkt, dass die beisspiellosen Rohheiten, Schikanen, ja Unmenschlichkeiten keine Versäumnisse, sondern planvolle Absicht waren… Erinnert sei an den 4. März 1919, an dem tschechisches Militär 54 friedliche Deutsche erschoss, die für das – vom amerikanischen Präsidenten Wilson propagierte – Selbstbestimmungsrecht demonstrierten….

Unvergeßlich sind mir die Bilder aus meiner Kindheit, als im Jahre 1938 die tschechische Polizei meinen Vater mehrfach grundlos nachts aus dem Bett holte. Niemand wußte, wo er war und was mit ihm geschah…

Seit vielen Jahren bemühe ich mich um die Versöhnung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen. Ich habe in meiner früheren Heimat viele liebenswerte Menschen und Freunde gefunden…Sie tragen ebensowenig Schuld an diesem tragischen Kapitel unserer Geschichte wie ich.“

 

 


„Wir sind Gesandte an Christi Statt“

Heutige liturgische Lesung der kath. Kirche: 2 Kor 5,17-21:

Brüder! Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.
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Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.
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Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute.
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Wir sind also Gesandte an Christi Statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!

Dresden: Kim Phuc Phan Thi erhält am 11.2. den 10. Internationalen Friedenspreis

Am 11. Februar 2019 erhält Kim Phuc Phan Thi den 10. Internationalen Friedenspreis, den „Dresden-Preis“, in der Semperoper.

Das Foto, das 1972 um die Welt ging und uns bis heute die Schrecken des Vietnamkrieges vor Augen führt, zeigt ein kleines Mädchen, das von Napalm schwer verbrannt wurde.

Nackt und schreiend rennt sie die Straße entlang. Kim Phuc Phan Thi ist dieses damals 9jährige Mädchen. Die heute 55-Jährige ist nun Botschafterin für den Frieden.

Ihr Buch „Ins Herz gebrannt“ ist vor wenigen Monaten im christlichen Verlag Gerth Medien (Asslar) erschienen und schildert, wie sie trotz der erlittenen Verbrennungen und seelischen Qualen inneren Frieden und Heilung erfuhr.

Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Toronto (USA).

Kim Phuc Phan Thi, die bis heute unter den Schmerzen der damaligen Napalm-Attacke leidet, setzt sich leidenschaftlich für Vergebung und Versöhnung ein.

Sie wurde Goodwill-Botschafterin der UNESCO und gründete eine Stiftung für vom Krieg versehrte Kinder. Auch ihr Buch ist eine Einladung, sich nach diesem Frieden auszustrecken.

 

 


Erzbistum Freiburg: „Bußfeier“ bietet statt Buße reichliche Trostpflaster fürs eigene Ich

Von Felizitas Küble

Seit der allgemeinen Verbreitung von „Bußgottesdiensten“ in den 70er Jahren hört man viele Beschwerden von Gläubigen zu diesem Thema. Teils wird dadurch in der Praxis die persönliche Beichte verdrängt (wenngleich es kirchenamtlich wohl heißt, die Bußfeier sei bei schweren Sünden kein Ersatz für das Bußsakrament), teils wirken die Texte dieser Gottesdienste ziemlich flach und theologisch wenig gehaltvoll.
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Doch was die Erzdiözese Freiburg den Pfarrgemeinden offiziell als „Bußfeier“ anbietet bzw. zumutet, übertrifft alle bisherigen Mißstände.
Das Seelsorgsamt des Bischöflichen Ordinariats hat sich als“Bußfeier in der Adventszeit 2018″ etwas ganz Besonderes einfallen lassen: https://www.seelsorgeamt-freiburg.de/html/media/dl.html?i=799325
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Der Clou in diesem Fall: Es geht hierbei nicht mehr um die eigenen Sünden, für die Gott um Vergebung angerufen wird, sondern vielmehr um das glatte Gegenteil: nämlich emotionale Streicheleinheiten für das eigene Ego, wobei der christliche Glaube für diese psychologische Trostveranstaltung lediglich als Verstärker und „spirituelles“ Sahnehäubchen eingesetzt wird.
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Da muß man nicht die Flöhe husten hören, um einen solchen pseudo-therapeutischen Stuhlkreis im religiösen Gewande für absonderlich zu halten  – genauer: komplett das Thema verfehlt, ja sogar in sein Gegenteil verkehrt.
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Dabei ist die flapsig-kitschige Bezeichnung „Herzbube“ und „Kreuzbube“ für den Sohn Gottes zwar sprachlich unangemessen, aber noch lange nicht das Ende vom Lied bzw. Seelentrip.
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In dieser Bußfeier steht das eigene Ich  – das nach seelischem Trost und der „Heilung“ von oben lechzt – ganz im Zentrum des Geschehens. Allerdings nicht in Form selbstkritischer innerer Einkehr und Sündenerkenntnis, sondern unter Verabreichung ständiger Streicheleinheiten für eigenes Seelenleid, Seelenschmerz, „innere Verletzungen“, Trostbedürftigkeiten usw.
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Passenderweise lautet das Motto dieses kuriosen Gottesdienstes: „Sich mit dem inneren verletzten Kind versöhnen“  – auf normaldeutsch gesagt: Es geht also um das sog. „Innere Kind“ (eine bekannte Formel aus der Vulgär-Psychologie), das natürlich „verletzt“ ist   – aber nicht etwa durch eigene Sünden, sondern durch schmerzvolle Erfahrungen, zumal in der Kindheit, ist also somit durch  a n d e r e  beeinträchtigt (wohl nicht zuletzt durch die Eltern?!).
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Das Wort „Sünde“ kommt folglich in dieser Bußfeier kein einziges Mal vor, „Schuld“ ist auch nicht von Interesse, die göttlichen „Gebote“ werden sowieso nirgends erwähnt.
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Daher wird der Allmächtige logischerweise nie um Vergebung und Verzeihung, sondern immer allein um „Heilung“ gebeten.
Heilung und Versöhnung sind bekanntlich zwei entscheidende Kernbegriffe aus der charismatischen Bewegung. Tatsächlich klingt vieles in diesem „Gottesdienst“ (der letztlich ein Menschendienst ist) wie eine Mischung aus schwarmgeistiger Heilungsveranstaltung und dem selbstwehleidigen Psycho-Stuhlkreis einer Selbsterfahrungsgruppe oder gruppendynamischen Sitzung.
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Wenig erstaunlich erscheint es dann, daß Palottinerpater Jörg Müller zum dreiköpfigen Redaktionsteam dieser Bußfeier gehört. Der Geistliche, Autor und Psychotherapeut ist nicht nur Medjugorje-Anhänger, sondern schreibt seit langem positiv über weitere „Marienerscheinungen“ inklusive solcher Privatoffenbarungen (wie z.B. Marpingen), von denen sich die zuständige Kirchenleitung ausdrücklich distanziert hat.
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Die Autoren dieser Psycho-Veranstaltung gehen davon aus, daß eine sogenannte „Leitungsperson (LP)“ der Bußfeier vorsteht, wobei das kein Priester oder Diakon sein muß. Vielmehr scheint die Leitung durch Laien als Regelfall vorgesehen. Bei den Eingangs-Hinweisen heißt es jedenfalls:
„Wir unterscheiden nicht zwischen Priester, Diakon oder Leiter/Leiterin. Es wird die Formulierung für die Leitung durch Laien aufgeführt. Priester und Diakone werden gebeten, die jeweiligen Text auf sich hin anzupassen.“ 
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In der programmatischen Einführung zu dieser „Bußfeier“ des Erzbistums Freiburg geht es gleich eingangs entsprechend larmoyant zu, denn dieser Gottesdienst lade dazu ein, „das innere verletzte Kind … bewusst zu trösten und den Vater um Heilung zu bitten….Es geht in dieser Bußfeier um die Frage, wie mir mit Verletzungen, die unser Leben geprägt haben, „versöhnt“ umgehen. Manch innere Verletzung prägt das Handeln unbewusst sehr.“
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Unentwegt steht das zu streichelnde ICH im Mittelpunkt, dem es aber gar nicht gut geht, ist es doch (von anderen natürlich!) „verletzt“ worden, weshalb es himmlischer „Heilung“ bedarf (nicht etwa der göttlichen Vergebung).
In der wenig bußfertigen Adventsfeier ist sodann auch mal von Jesus die Rede, „der unserer Überlieferung  nach in einem Stall geboren wurde“. – Nur „unserer Überlieferung nach“ – oder auch wirklich?
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Während biblisch bezeugte Tatsachen indirekt infrage gestellt werden, steht eines unbeirrbar fest: Unser „inneres Kind“ ist schmerzlich verletzt und „bedarf immer wieder der Heilung“ – und der Versöhnung – mit uns selber nämlich!
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Der Gottesdienst beinhaltet sodann eine Bild-Meditation, ausgehend von einer modernen Marienstatue mit Christkind, der als „Herzbube“ der Madonna bezeichnet wird, wenig später aber zum „Kreuzbuben“ hinaufgeadelt wird.
Dabei geht es selbst beim Stichwort „Kreuz“ erneut nicht um Erlösung  u n s e r e r  Schuld; vielmehr wird gut kitschpsychologisch erläutert: „Dieser Kreuzbube ist ein Bild des Urvertrauens“. 
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In den weiteren Fragen zur Selbstsuche, Ichfindung und-so-weiter heißt es:
„Wo habe ich in meiner Kindheit den Mut zum Sein empfangen?…Wo bin ich vielleicht tief verletzt worden? Welches Erlebnis, welche Prägung oder Begegnung hat schmerzliche Spuren hinterlassen, die ich bis heute spüre?…Durfte ich als Kind meine Gefühle zum Ausdruck bringen, auch meinen Zorn, meinen Schmerz? Oder trage ich bis heute ein zorniges Kind in mir?“
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Nicht genug mit dem Blick zurück im Zorn, auch die Gegenwart verliert sich im endlosen Kreisen um sich selbst:
.„In vielen Alltagssituationen kann ich fragen:
Was hat mich verletzt?
Was macht mich zornig?
Was braucht das innere Kind in mir?
Wonach sehne ich mich wirklich?
Was möchte ich tun?
Wie möchte ich mich zeigen?“
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Es geht hier erkennbar um das, was in der Ideologie der sog. Humanistischen Psychologie (die bitte nicht mit der wissenschaftlichen Fachpsychologie zu verwechseln ist) als „Selbstverwirklichung“ und Bedürfnisbefriedigung verstanden wird.
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Wenn es dann nach dieser wehleidigen Litanei zur Sache bzw. „Zeichenhandlung“ übergeht, nimmt das Klagelied weitere Fahrt auf:
Die Gläubigen werden aufgefordert, aufzustehen und ein Kreuzzeichen auf ihren Kopf zu zeichnen:
.„Beten wir gemeinsam: Vater, ich bitte dich  um Heilung.  –  Unsere Schultern tragen viel. Einiges wird uns auferlegt, anderes bürden wir uns selber auf. Wir sind Lastenträger.“
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Es geschehen freilich noch Zeichen und Wunder, denn diesmal weitet sich der Blick ausnahmsweise mit einem einzigen Satz in Richtung der lieben Mitmenschen: „Aber manchmal werden wir auch anderen zur Last.“  – Das ist der Höhepunkt dessen, was man vielleicht als „Schuldbekenntnis“ im allerweitesten Sinne auffassen könnte.
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Abgesehen von der theologischen Zielverfehlung dieser „Bußfeier“ ist diese sentimentale Jammerseligkeit auch rein psychologisch ein durchsichtiger Irrweg:
Hier wird nämlich eine innere Flucht angetreten von der Eigenverantwortung und einer ehrlichen Selbsterkenntnis hin zum vorpupertären Wehklagen, zum kindischen Selbstmitleid. Ein mutiger und zugleich demütiger Blick auf sich selbst sieht anders aus!
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So werden also die katholischen Christen im Erzbistum Freiburg zur „Buße“ (oder zum Hobby-Psychologen?) geführt: Schlimmer gehts nimmer!
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Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt