40. Gelöbniswallfahrt der katholischen Donauschwaben nach Bad Niedernau

Von Stefan P. Teppert

Zum 40. Mal trafen sich die Donauschwaben in Bad Niedernau, um das Gelöbnis einzulösen, das 75 Jahre zuvor Pater Wendelin Gruber den deutschen Internierten der kommunistischen Todeslager Gakowa und Rudolfsgnad in Jugoslawien bei Eucharistiefeiern abgenommen hatte, nämlich jährlich zu wallfahren, wenn sie die Todesnot überleben würden.

Diesmal allerdings fand die Pilgerfahrt nicht wie sonst an Christi Himmelfahrt statt. Im vorigen Jahr war sie wegen der Coronakrise ganz ausgefallen und in diesem Jahr verschoben worden auf den 12. September, den Gedenktag des Namens Maria.

Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch, der Vorsitzende des St.-Gerhardswerks, zelebrierte bei schönem Wetter unter freiem Himmel und vor zahlreichen Pilgern die Eucharistie zusammen mit Diakon Ulrich Letzgus, Prof. Dr. Josef Sayer und Pfarrer Paul Kollar.

In seiner Predigt verdeutlichte Zollitsch die zentrale Rolle der Gottesmutter Maria in der donauschwäbischen Frömmigkeit. Unter dem Zeichen der Madonna und unter ihrem Schutz seien schon „unsere Vorfahren“ mit der Ulmer Schachtel nach Pannonien aufgebrochen.

In Passau nahmen sie ein Marienbild von Lukas Cranach mit auf die Reise und begründeten damit den Wallfahrtsort Doroslo in der Batschka. Unter Mariens Zeichen sei 1683 Wien von den Osmanen befreit worden.

Und noch in den Todeslagern Titos hätten die Verlassenen auf ihre Hilfe gehofft. Auch Pater Wendelin Gruber habe in größter Not am 24. Mai 1946, dem Vorabend von Mariä Geburt, seine Landsleute im Hungerlager Gakowa eingeladen, sich an die selige Jungfrau zu wenden mit dem Gelöbnis, ihr eine Kirche zu bauen und Jahr für Jahr zu ihr zu pilgern, so wie es bis heute tatsächlich geschieht.

Nach dem Gelöbnis sei damals zwar kein sichtbares Wunder geschehen, aber das Gebet habe einen belebenden Trost und staunenswerten Mut im Kampf ums Dasein erzeugt.

Aus dieser Tradition heraus gaben die Schulschwestern der aus der Kirche in Filipowa geretteten Madonna den Titel „Mutter des Trostes“.

Auch die Gedächtniskapelle in Bad Niedernau sei ein Zeichen des Dankes für die vielfältig erfahrene Hilfe und die Fürsprache Mariens. So sei Bad Niedernau für uns Donauschwaben und darüber hinaus zum Gedenk- und Wallfahrtsort geworden, zu einem Ort mit Geschichte und Botschaft, die weiterzutragen uns Vermächtnis und Auftrag ist.

Stelenpark durch Erzbischof Zollitsch eingeweiht

„Mit der heutigen Gelöbniswallfahrt“, sagte Zollitsch weiter, „verbinden wir die Einweihung des Stelenparks.“

15 Stelen gruppieren sich um die Gedächtniskapelle und „bilden die Ouvertüre und die einladende Hinführung zum entstehenden Dokumentationszentrum zur Erinnerung an die früheren Ordensschwestern und die Region, aus der sie stammten – mit dem Schwerpunkt des Ortes Filipowa“.

Stelenpark und Dokumentationszentrum sollen für eine doppelte Heimat stehen: die der Herkunft an der Donau und die neu gewonnene am Neckar.

Die Stelen machen den Betrachter mit markanten und prägenden Persönlichkeiten und ihrer Geschichte aus Bad Niedernau und Filipowa bekannt und laden ein, sich tiefer auf die Geschichte der Donauschwaben und dieses Ortes mit seinen Schulschwestern einzulassen.

„Sie wollen“, so Zollitsch, „unser Vermächtnis weitergeben und in die Öffentlichkeit tragen.“ Denn Erinnerung sei keine private Angelegenheit, sondern ein die Öffentlichkeit angehendes Zeugnis und der Weg, der uns mit Gott und den Menschen verbindet.

Heimat an Neckar und Donau“

Aus diesem Grund konnte Zollitsch den Anwesenden eine Denkschrift mit dem Titel „Heimat an Neckar und Donau“ ans Herz legen, die druckfrisch zur Einweihung des Stelenparks erschienen war.

Dort werden neben dem Stelenpark und den Schulschwestern in geraffter Form die Geschichte der Donauschwaben dargestellt und viele bedeutende Persönlichkeiten aus Filipowa porträtiert. Der Bischof empfahl die opulente, ansprechend gestaltete Denkschrift, denn sie halte viele Erinnerungen wach und manche Überraschung für den Leser bereit.

Alphornbläser vom Schwabenland beim Wallfahrtsfest

„Ich kann nur sagen: Es lohnt sich, sich darauf einzulassen!“ (Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 340 Seiten, zahlr. Abb., 25 €. Erhältlich bei der Stiftung der Armen Schulschwestern, Werner Gauss, Badstr. 67 in 72108 Rottenburg-Bad Niedernau, E-Mail: gauss@stiftung-arme-schulschwestern-bad-niedernau.de)

Zollitschs versöhnliches Fazit lautete:

„Wenn wir an dieser Gedächtniskapelle und an diesem Gedenkort an eine segensreiche, aber in einer furchtbaren Katastrophe endende Geschichte erinnern, geht es uns nicht um Trauer und erst recht nicht um Klagen, sondern um Dankbarkeit für das, was unsere Vorfahren erarbeitet und uns als Vermächtnis hinterlassen haben.“

Der Bischof ging anschließend durch den Park und besprengte segnend die Stelen. Adam Kupferschmidt rekapitulierte kurz die Entstehung der Stelen und bedankte sich bei den Mitarbeitern Frank Lang für Idee und Konzept, Raimund Docmac und Boris Pius Müller für die gestalterische Umsetzung sowie bei der Firma Stahlwerk Roland Hück für die technischen Lösungen.

Stephan Neher, der Oberbürgermeister von Rottenburg, sprach allen, die bei der Entstehung des Stelenparks mitgewirkt hatten, seinen Dank aus, namentlich Agnes und Adam Kupferschmidt.

Die Veranstaltung wurde musikalisch begleitet von der Musikkapelle aus Bittelbronn und den „Alphornbläsern vom Schwabenland“.

Fotos: Stefan P. Teppert


So kam das Madonnenbild ins Münsterland

Von Pfarrdechant Markus Trautmann

Im Frühjahr und Sommer 1946 kam der Großteil der Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten ins zerstörte Restdeutschland – darunter auch die Familien meiner Eltern, die damals noch Kinder waren.

Seit Kriegsende hatte man sich in belastenden Monaten mit fremden Besatzungssoldaten und mit nachrückenden Zivilisten arrangieren müssen. Wenn dann der Tag der offiziellen „Ausweisung“ kam, durften die Betroffenen nur so viel Gepäck mitnehmen, wie sie tragen konnten.

„Und wir stehen vor dem Nichts“, klagte die Mutter meines Vaters im Juli 1946 auf einer Postkarte. „Was uns die Russen noch gelassen haben, haben uns die Polen geklaut.“

Einige der geretteten Habseligkeiten wurden in manchen schlesischen Familien bis heute ganz bewusst aufbewahrt, so auch bei uns – etwa Ausweispapiere oder Impfbescheinigungen, Fotos, Blechgeschirr und Besteck, ein Kinderkoffer, ja sogar eine Schildkröt-Puppe.

Eines Tages im April 1946 kam für meine Großeltern und ihre vier Kinder, darunter meine Mutter, der Ausweisungsbefehl und die Anordnung, sich an einer Sammelstelle einzufinden.

Meinen Großeltern, die für die Familie das „Marschgepäck“ zusammensuchten, wurde schmerzlich bewusst, dass sie auf wichtige Wäschestücke keinen Zugriff mehr hatten: Der seit Monaten bei ihnen einquartierte polnische Zivilist, der den Nachzug seiner Angehörigen erwartete, hatte das komplette Elternschlafzimmer okkupiert und dachte gar nicht daran, sich von seinen neuen Besitztümern zu trennen.

Wenige Augenblicke, bevor meine Großeltern Haus und Heimat für immer verlassen und sich zu Fuß zum Bahnhof begeben mussten, erschien der fremde „Hausgenosse“ plötzlich – und hatte zwei größere gerahmte Bilder bei sich, aus dem besagten Schlafzimmer meiner Großeltern.

Beide Bilder erinnerten an deren Hochzeit 1929: Das eine war das Hochzeitsfoto, das die beiden Frischvermählten im Fotostudio zeigte; das andere war ein Marienbild im Schmuckrahmen, das ein Geistlicher meinen Großeltern als Hochzeitgeschenk überreicht hatte.

Eines der beiden Bilder, so die gönnerhafte Offerte, sollten sie sich rasch noch aussuchen; das dürften sie mitnehmen.

Meine Oma hat später oft berichtet, dass es überhaupt keine Frage war, dass nur das Marienbild in die ungewisse Zukunft mitgenommen werden sollte. „Wir beide sehen uns doch jeden Tag“, soll sie zu Opa gesagt haben, „da brauchen wir doch kein Foto!“

Und so wurde das relativ großformatige Marienbild in ein Federbett eingeschlagen und kam schließlich wohlbehalten in der neuen Heimat an. In all den verschiedenen Unterkünften und Wohnungen seit 1946 fand es stets im Schlafzimmer einen ehrenvollen Platz.

Von einer „neuen Heimat“ hätten meine Großeltern übrigens nicht gesprochen. Wohl aber waren sie zweifellos fest verwurzelt in der „Heimat im Glauben“. Gebet und Gottesdienst, Wallfahrten und Marienverehrung gaben Halt und Zuversicht.

Daher ist das Marienbild von 1929, das heute in der Wohnung meiner Eltern hängt, nicht nur Erinnerung an die zurückgelassene Heimat. Es ist auch Sinnbild für eine innere Verwurzelung, die über alle Irrungen und Wirrungen des Lebens festen Halt gegeben hat – oder wie es in einem alten Mariengebet heißt:

Ich ruf voll Vertrauen in Leiden und Tod: / Maria hilft immer, in jeglicher Not.
So glaub ich und lebe und sterbe darauf; / Maria hilft mir in den Himmel hinauf.

Unser Gastautor Markus Trautmann ist Pfarrdechant in Dülmen (Westfalen). – Der Beitrag erschien zuerst in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Schlesien in Kirche und Welt“


Warum die Vertreibung von Millionen Deutschen völkerrechtswidrig war

Von Prof. Dr. Alfred de Zayas

Deutsch: Prof. Dr. Dr. Alfred de Zayas

Der Beitrag der Vertriebenen zum heutigen Deutschland ist bekannt. Und dennoch haben sich die deutschen Politiker, die Medien und die deutsche Historikerzunft verhältnismäßig wenig mit der Vertreibung auseinandergesetzt.

Lange war die Thematik ein „Stiefkind der Zeitgeschichtsschreibung“ (Herbert Ammon, 1996).

Heute erscheinen zahlreiche Bücher über die Vertreibung und Fernsehsendungen werden ausgestrahlt. Somit hat die notwendige Aufarbeitung der Katastrophe der Vertreibung begonnen, allerdings nicht immer in intellektueller und wissenschaftlicher Redlichkeit, nicht immer mit Ehrfurcht und Respekt vor den Opfern und somit nicht immer in Achtung der Menschenwürde.

Bald wird die literarische Aufarbeitung erblühen. Immerhin erfreuen wir uns über die Bücher von Agnes Miegel, Siegfried Lenz oder Arno Surminski. Viele erfreuen sich über die Romane des Literatur-Nobelpreisträgers Günther Grass. Eigentlich gefallen sie mir etwas weniger – und seine Novelle „Im Krebsgang“ schon gar nicht.

Nun warte ich auf den Tag, an dem der wirklich große Roman über die Vertreibung geschrieben wird und hoffentlich auch einen Verleger findet – ein deutsches „Vom Winde verweht“.

Wie Sie wissen, habe ich mich mit der Frage der Vertreibung der Deutschen seit Jahrzehnten beschäftigt, und zwar seitdem ich erst darüber erfuhr an der Harvard Law School im Jahre 1970, und seitdem ich mit einem Fulbright-Stipendium vor 30 Jahren nach Deutschland kam.

Lassen Sie mich als Nicht-Deutscher und in meiner Eigenschaft als Historiker und Völkerrechtler sagen:

Erlauben Sie mir, dass ich die Vertreibung aus der Warte meiner 22-jährïgen Tätigkeit als Völkerrechtler im Zentrum für Menschenrechte der Vereinten Nationen beurteile, als ehemaliger Sekretär des UNO-Menschenrechtsausschusses und als ehemaliger Chef der Petitionsabteilung im Büro des Hochkommissars für Menschenrechte:

BILD: Titel „80 Thesen zur Vertreibung“ von Prof. Dr. Alfred de Zayas und Konrad Badenheuer

Ohne Zweifel war die Vertreibung der Deutschen völkerrechtswidrig. Darüber hinaus war sie ein Verbrechen gegen die Menschheit.

Der englische Begriff „ crime against humanity “ wird insofern falsch übertragen, wenn er nur als Verbrechen gegen die Menschlichkeit übersetzt wird. Denn die eigentliche Bedeutung in Englisch geht viel tiefer – wir meinen ein Verbrechen gegen alle Menschen, gegen die Menschheit als solches, und nicht etwa ein Vergehen aus Mangel an Menschlichkeit.

Der Begriff „Verbrechen gegen die Menschheit“ wurde bereits im Ersten Weltkrieg geprägt, und zwar von den Engländern in einer offiziellen Note vom 28. Mai 1915 an den Türkischen Sultan. Dort werden die Massaker an den Armeniern als „ crimes against humanity and civilization “ bezeichnet.

Das Wort Genozid existierte noch nicht. Es wurde erst 1944 vom polnischen Juristen Raphael Lemkin erschaffen und in die Nürnberger Anklageschrift und in das Nürnberger Urteil aufgenommen.

Erst drei Jahre später wurde die Konvention gegen den Völkermord von den Vereinten Nationen verabschiedet.

Somit sind die Worte Verbrechen gegen die Menschheit und Völkermord besondere völkerrechtliche Begriffe geworden, und diese müssen auch konsequent angewandt werden, wenn die Tatbestände des Verbrechens vorliegen – wie leider auch im Falle der Vertreibung der Deutschen.

Wenn wir über die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen reden, von denen mehr als 2 Millionen die unsäglichen Leiden nicht überlebten, geht es um ein Verbrechen, das viel größer war als die ethnischen Säuberungen, die 1991 – 95 und abermals 1998/99 im ehemaligen Jugoslawien stattfanden, und die von der ganzen Welt verurteilt wurden.

Heute gedenken wir der Millionen unschuldiger Menschen, die Ihr Leben auf der Flucht und bei der Vertreibung verloren haben, wir gedenken auch der Menschen, die Ihre Heimat und ihre Seele zurückließen. Denn es geht auch um die menschliche Tragödie der gewaltsamen Trennung von der angestammten Heimat.

Vor vielen Jahren hörten die Vertriebenen in der Paulskirche zu Frankfurt am Main anläßlich der Gedenkstunde „50 Jahre Vertreibung“ jene Grußbotschaft des ersten UNO-Hochkommissars für Menschenrechte, Jose Ayala Lasso: Er sagte:

„Das Recht, aus der angestammten Heimat nicht vertrieben zu werden, ist ein fundamentales Menschenrecht“

Und in der Tat ist das Recht auf die Heimat eines der wichtigsten individuellen und kollektiven Rechte, ein Recht, daß den Genuß von vielen anderen Menschenrechten erst ermöglicht.

Ein Recht, dessen Verletzung ein Verbrechen darstellt, ein Recht, das wesentlicher ist als das Selbstbestimmungsrecht der Völker, denn wie könnte das Selbstbestimmungsrecht ausgeübt werden, wenn ein Volk jederzeit vertrieben werden kann?

Wenn wir jetzt der Vertreibung gedenken, gedenken wir der deutschen Frauen, Kinder, Greise und Männer, die zur Flucht gezwungen wurden und dann terrorisiert und ausgeraubt und aus ihrer zum Teil 700-jährigen Heimat vertrieben wurden.

Für die Vertreibung gab es und gibt es absolut keine historische oder moralische Rechtfertigung. Es war keine Strafe für Hitler, denn die polnischen und tschechischen territorialen Ansprüchen und Vertreibungsprojekte existierten nachweislich schon seit dem Ersten Weltkrieg. Es war Landraub im großen Stil.

Der Zweite Weltkrieg war keinesfalls die Ursache der Vertreibung – sondern nur der unmittelbare Anlass. Es wirkte das Vae Victis, das „Wehe den Besiegten“, wie Livius bereits vor 2000 Jahren schrieb – geprägt durch eine heute unvorstellbare Grausamkeit und durch heute durchaus vorstellbare Hybris und Machtfülle der Sieger, wie wir sie in der derzeitigen Weltsituation auch beobachten können.

Hier muss ich ganz entschieden die menschenverachtende Aufteilung der Welt nach einer primitiven Schablone von Tätern und Opfern ablehnen. Diese Aufteilung hat nichts mit Geschichte oder Völkerrecht zu tun. Nichts mit Wissenschaft, Realpolitik oder Sinn für die politischen Realitäten.

Diese Aufteilung ist schlichtweg eine Verlogenheit und eine Obszönität, denn eine Kollektivschuld hat es nie gegeben. Schuld und Unschuld sind individuell, nicht kollektiv. Kein Staat außer Deutschland hat sich nach 1945 so gewissenhaft der schmerzhaften und undankbaren Aufgabe unterworfen, individuelle Schuld eigener Bürger zu verfolgen und zu bestrafen und im Rahmen des Möglichen – teilweise darüber hinaus – Wiedergutmachung zu leisten.

Der erste UNO-Hochkommissar Ayala Lasso hat öfters daran erinnert, daß alle Opfer dieselbe menschliche Würde haben. Es gibt keine und es darf auch keine politisch korrekten und politisch inkorrekten Opfer geben. Es gibt nur Menschen, die leiden und die gelitten haben.

Alle Opfer haben einen Anspruch auf menschliches Mitgefühl, auf Respekt und auch auf Wiedergutmachung.

Die Vertreibung geht uns alle an. Ob direkt Betroffener, Kinder und Enkel von Vertriebenen, ob Deutscher oder Nicht-Deutscher.

Wir reden von einer Flucht von Millionen friedlichen Menschen aus Ostpreußen, Pommern, Ostbrandenburg, Schlesien – um noch Schlimmerem zu entkommen. Vom Bundesarchiv wird geschätzt, dass 600.000 Deutsche aufgrund direkter Gewaltanwendung – Mord, Totschlag, Folter – ihr Leben verloren haben. Weitere 1.5 Millionen verloren ihr Leben im Laufe der Flucht und als Konsequenz der Vertreibung durch Erschöpfung, Hunger, Seuchen und Überarbeitung in zahllosen Zwansarbeitslagern zwischen Oberschlesien und Sibirien.

Millionen Frauen und sogar Kinder wurden vergewaltigt.

Wir reden über massive Verbrechen im Krieg, über groteske Verbrechen nach dem Kriege, also Verbrechen in sogenannten Friedenszeiten, denn viele der Vertreibungsverbrechen sind lange nach der deutschen Kapitulation geschehen.

Dabei weise ich auf die Ambivalenz des Begriffes „Vertreibungsverbrechen“ ausdrücklich hin: Wenn wir die Vertreibung selber als Verbrechen verurteilen, kann es in diesem Mega-Verbrechen nicht noch lauter „kleine“ Verbrechen geben; ich rege an, für die zahllosen mörderischen Übergriffe auf die Zivilbevölkerung den Begriff Vertreibungsexzesse zu verwenden.

Es ist eben unmöglich, die Massenausweisung von Millionen Menschen „in geordneter und humaner“ Weise durchzuführen, wie es im August 1945 in Potsdam hieß. Wer ein solches Mega-Verbrechen beschließt, programmiert Exzesse!

Wir reden über Landraub größten Ausmaßes, über Raub von Privateigentum. Wir reden über die verbrecherischen Benes-Dekrete 12, 33, 108, um nur einige zu nennen.. Über die Amnestien für die polnischen und tschechischen Täter, über die Straffreiheit der Mörder und Plünderer.

Hören wir noch einmal, was Alexander Solschenizyn, 1945 Soldat der Roten Armee in Ostpreußen, im seinem Buch „Archipel GULag“ beschrieb:

„Ja! Nach drei Wochen Krieg in Deutschland wussten wir Bescheid. Wären die Menschen Deutsche gewesen – jeder hätte sie vergewaltigen, danach erschießen dürfen, und es hätte fast als kriegerische Tat gegolten …“

Er beschrieb noch schlimmeres in seinem Gedicht „ Preußische Nächte “:

„Was Jahrhunderte geschaffen,

brennt hier nieder, sinkt zu Schutt

Flammen plätschern, Flammen peitschen

über meinen Kopf hinweg.

Neidenburg: verglühend bricht hier

altes gutes Mauerwerk.

Überstürzt ward’s aufgegeben

rasch besetzt im Plünderwahn…

Zweiundzwanzig Höringstrasse

Noch kein Brand, doch wüst, geplündert

Durch die Wand gedämpft – ein Stöhnen:

Lebend finde ich noch die Mutter.

Waren’s viel auf der Matratze ?

Kompanie? ein Zug? – was macht es!“

Auch Lew Kopelew schrieb über die Morde an Zivilisten. Und viele belgische und französische Kriegsgefangene in Ostpreußen, die vor und nach ihrer Befreiung die sowjetischen Morde an deutsche Zivilpersonen sahen. Ich habe viele der ehemaligen Kriegsgefangenen für mein Buch „Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung“ interviewt.

Wir danken dem deutsch-amerikanischen Historiker, Buchautor und UNO-Menschenrechts-Experten Prof. Dr. Alfred de Zayas für seine freundliche Abdruckerlaubnis. – Quelle und vollständige Fassung des Beitrags auf seiner Webseite: http://alfreddezayas.com/Lectures/60JahreVertreibung_de.shtml


Türkei betreibt eine „schleichende Islamisierung“ in Nord-Syrien

Die Menschenrechtsorganisation „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) beklagt eine „schleichende Islamisierung jesidischer Dörfer in der nordsyrischen Region Afrin. Das Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkei, Diyanet, lasse „vermehrt Moscheen in jesidischen Dörfern in der nordsyrischen Region errichten“, heißt es in einer Mitteilung:

Damit versuche der türkische Staat die Islamisierung der einst multi-religiösen Region voranzutreiben und eine besonders radikale Auslegung des sunnitischen Islam zu verbreiten, wie die GfbV kritisiert. Über seinen deutschen Ableger DITIB versuche dieselbe Behörde, ihre religiösen Ansichten auch in deutschen Schulen zu tragen.

„Jesidische Quellen berichten uns vom Bau einer Moschee im einst jesidischen Dorf Shadere, südlich von Afrin-Stadt. Dort leben noch 45 Personen jesidischen Glaubens – vor der türkischen Besatzung waren es 450“, berichtet Kamal Sido, der Nahostexperte der GfbV. „Nachdem die meisten vertrieben waren, hat die Türkei dort radikale Muslime angesiedelt. Sie unternehmen regelmäßig Raubzüge gegen die einheimische kurdische Bevölkerung.“

Quelle und Fortsetzung der Meldung hier: https://www.vaticannews.va/de/welt/news/2021-06/tuerkei-vermehrt-moschee-bauten-in-jesidischen-doerfern-gfbv.html


Ministerpräsident Orbán erinnert an die Vertreibung der Ungarndeutschen

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán (Fidesz) hat anläßlich des 75. Jahrestages der Vertreibung der Ungarndeutschen den Opfern mit einem Kranz gedacht. Ihnen gebühre Ehrfurcht und eine angemessene Erinnerung an ihr Leiden, schrieb er auf Facebook.

Die ungarische Regierung hatte 2013 den 19. Januar als jährlichen Gedenktag an die Vertreibung der Ungarndeutschen festgelegt. Er dient der Erinnerung an die Verbrechen der ungarischen Regierung unter sowjetischer Besatzung gegenüber der deutschstämmigen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg.

1946 schaffte der erste Viehwaggon zahlreiche Deutsche ungarischer Staatsangehörigkeit außer Landes. Dabei wurden sie gemäß des Entnazifizierungsverfahrens enteignet und verloren Land, Vermögen und Staatsbürgerschaft. Weitere Opfer wurden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt.

Quelle und Fortsetzung der Nachricht hier: https://jungefreiheit.de/politik/ausland/2021/orban-ungarndeutsche-1946/


1000 Jahre Geschichte: Sudetendeutsches Museum in München eröffnet

Von Susanne Habel

Zur Eröffnungsfeier des neuen Sudetendeutschen Museums in München kamen wegen der Corona-Pandemie nur wenige prominente Gäste, darunter der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer (der eine Festansprache hielt und das Museum einweihte) und Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe.

Die ersten Besucher waren begeistert vom Rundgang durch den Prachtbau im Münchener Osten.

BILD: Bischof Voderholzer im Sudetendeutschen Museum, das er eingeweiht hat

Das Museum erstreckt sich auf einer Fläche von 1200 Quadratmetern direkt im Anschluss an das Sudetendeutsche Haus und zeigt auf fünf Etagen und mit 900 Exponaten die Geschichte dieser Volksgruppe.

Der wuchtige Bau mit Steinplattenverkleidung direkt neben dem Sudetendeutschen Haus steht zur Zeitreise. Der Museumsrundgang beginnt im obersten Geschoß, das man über einen Lift vom Foyer aus erreicht. Von dort geht es über die Ausstellungsetagen immer treppab nach unten.

Vom Treppenhaus öffnen sich dem Besucher aus dem ansonsten aus konservatorischen Gründen fensterlosen Bunker aus auch Ausblicke ins Freie über die Isar auf München. Dann folgt er den Leitlinien am Boden über die Stockwerke nach unten: Chronologisch werden die Epochen abgehandelt, zunächst die Vorgeschichte der Sudetendeutschen, von der ersten Besiedlung bis zur Epoche von Kaiser Joseph II., und die Landschaften vom Egerland im Westen bis nach Sudetenschlesien im Südosten, jede Region mit einem speziellen Schmankerl.

Dazu gibt es eine interaktive Karte mit Touchscreen, auf der jeder Gebiete und Orte aufrufen und weitere Informationen sehen und lesen kann. Ähnliche interaktive Multimediastationen sind auch in den anderen Abteilungen zu finden.

So kann man sich zwischen den Vitrinen mit Kulturschätzen wie einer Madonna Immaculata aus Leitmeritz und einer Kastenkrippe an einem Monitor durch die Religionen und ihre jeweiligen Kultstätten klicken: Vor allem katholisch, aber auch protestantisch und jüdisch waren Land und Leute geprägt. Selbst die christlichen Kirchenfeste sind am Touchscreen zu besuchen.

BILD: Kastenkrippe aus Böhmen

Wirtschaft und Kultur sind die Hauptthemen der nächsten Etage mit Erzeugnissen sudetendeutscher Produzenten: Noch heute kennt man Kunert-Strümpfe, Znaimer Gurken, Pilsner Bier oder Gablonzer Schmuck bekannt, aber es gab viel mehr erfolgreiche Produkte, wie hier zu sehen ist. Auch Vereinswesen, Theater, Musik, das böhmische Bäder- und Kurwesen und und das blühende literarische Leben werden dargestellt.

Die Etage darunter ist der Geschichte der Nationalitäten- und Sprachenkonflikte gewidmet, die in den dreißiger Jahren eskalierten und besonders nach der Gründung der Tschechoslowakei nach Ende des Ersten Weltkriegs zum Aufstieg der Sudetendeutschen Partei bis hin zum „Anschluss“ an den NS-Staat führten.

Schließlich geht es mit erschütternden Exponaten um die Vertreibung und die Nachkriegszeit mit dem harten Neubeginn und der Aufbauleistung der Heimatvertriebenen. Trotz der Fülle des Materials ist der Weg durch die Geschichte nicht anstrengend, sondern immer spannend und mühelos zu bewältigen.

Alle Abteilungen sind barrierefrei und gut lesbar deutsch, tschechisch und englisch beschriftet.

BILD: Statuette des traditionsreichen Prager Jesuleins

Wem all die Exponate, Texte, Filme und Medienstationen nicht genügen, der kann über einen Mediaguide vertiefende Informationen zu den einzelnen Abteilungen, Interviews mit Zeitzeugen oder Details zu Exponaten abrufen. Das Haus bietet Modelle zum Anfassen, Bücher und Zeitungen und Medienstationen.

Die Finanzierung der Baukosten von über 25 Millionen Euro wurde schließlich zu von zwei Dritteln vom Freistaat Bayern und einem Drittel Bundesrepublik Deutschland übernommen.

Die Sudetendeutsche Stiftung als Träger des Museums trug drei Millionen bei. Nachdem das Münchner Architekturbüro pmp architekten den Wettbewerb gewonnen hatte, baute man von 2015 bis Ende 2019 und nahm seither die Einrichtung und Bestückung des Museums vor.

Voraussichtlich wieder ab Dienstag, 1. Dezember geöffnet: Sudetendeutsches Museum, Hochstraße 10 in 81669 München.
Dienstag bis Sonntag und Feiertag 10 – 18 Uhr; nur nach Anmeldung: Telefon (0 89) 48 00 03 37 oder eMail: museum-anmeldung@sudetendeutsche-stiftung.de.
Bis Jahresende Eintritt frei.

Fotos: Susanne Habel



Heimatvertriebene zwischen völkerrechtlichem Anspruch und lautloser Abwicklung

Buchbesprechung von Thomas May

Buchdaten: Alfred de Zayas, Konrad Badenheuer: 80 Thesen zur Vertreibung. Aufarbeiten statt verdrängen. – Verlag Inspiration UN Limited, London/Berlin 2019, 216 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3-945127-292. – 14,90 € (Bestellung: http://viul.de/buch/id-80-thesen-zur-vertreibung.html)

In den Jahren 1944 bis 1948 wurden 13 bis 14 Millionen Menschen aus den Gebieten Schlesiens, Pommerns, Ost- und Westpreußens sowie des Sudetenlandes gewaltsam entwurzelt. Um diesen epochalen Vorgang der Vertreibung der Deutschen ist es seit den 2000er Jahren erstaunlich still geworden; von der politischen Agenda ist er trotz der bis heute andauernden Folgen und nicht aufgearbeiteten großen Unrechtstatbestände verschwunden.

Dieser Missstand läuft nicht nur der internationalen Entwicklung zuwider, sondern ist auch psychologisch und ethisch fragwürdig.

ZIEL: Aufarbeiten statt verdrängen

Die beiden Autoren (Prof. Dr. Alfred de Zayas und Konrad Badenheuer) verstehen ihr Buch als Antithese zu Tabuisierung und Vergessen der Vertreibung seitens der bundesdeutschen Politik und der öffentlich-rechtlichen Medien. Es ist ein Plädoyer, die damaligen Geschehnisse vollumfänglich und ungeschönt zur Kenntnis zu nehmen, sie historisch (richtig) einzuordnen, völkerrechtlich zu bewerten und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Im ersten der drei Teile stellt der amerikanische Historiker und Völkerrechtler Alfred-Maurice de Zayas, bekannt durch seine Forschungen und Publikationen zum Thema „Vertreibung“ seit den 1970er Jahren und Menschenrechtstätigkeit für die UN, in 80 Thesen seine Kernaussagen vor.

Anschließend integriert sie der Berliner Publizist und Journalist Konrad Badenheuer (siehe Foto) unter Nutzung seiner Insiderkenntnisse der Vertriebenenverbände in den zeitgeschichtlichen Kontext der deutschen Vertriebenenpolitik; der dritte Teil (Anhang) beinhaltet historische Landkarten und Fotos, Entschließungen des Bundestages (1994, 2016), des Europäischen Parlaments (1995, 1999, 2000) sowie maßgebliche internationale Dokumente (1994/97, 1995) und Stimmen (1995, 2005).

GRUNDLEGUNG: Die Thesen

1986 trat de Zayas erstmals mit 22 „Thesen zur Vertreibung“ hervor, in denen er auf die „typisch deutsche“ Fehlentwicklung hinwies; 2008 waren sie auf 50 angewachsen. Mit der Neufassung 2019, in welche die völkerrechtlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland, Ostmitteleuopa und weltweit zum Thema „Flucht und Vertreibung“ eingearbeitet wurden, hat sich der Umfang des Buches vervierfacht, auch dank der Aufsätze des Verlegers und Koautors Badenheuer.

Die jetzt 80 Thesen gliedern sich in 28 historische Thesen (Fakten), 36 völkerrechtliche Thesen (Rechtsnormen) und die sich aus ihnen ergebenden Schlussfolgerungen in 16 Thesen.

Fakten

De Zayas definiert Vertreibung als „gewaltsam erzwungene[n] Verlust der Heimat unter Verlust des Eigentums“ (These 14); sie umfasst nicht nur die gewaltsamen Austreibungen des Jahres 1945, sondern auch die organisierten „Bevölkerungstransfers“ von 1946 bis 1948, ebenso die von den deutschen Behörden durchgeführten Evakuierungen ab Herbst 1944 und die Massenflucht im Frühjahr 1945 infolge des später verweigerten Rückkehrrechts und der Enteignung der Geflohenen.

Dem Autor zufolge ist die gängige Ansicht, der Zweite Weltkrieg sei die Ursache der Vertreibung der Deutschen gewesen, wissenschaftlich unhaltbar. Den Versuch mancher Historiker, sie als die natürliche Folge der deutschen Verbrechen hinzustellen, nennt er „politische Geschichtsklitterung“. Erst recht hält die Rede von der (gewollten) Bestrafung des (deutschen) „Tätervolkes“ historischer Prüfung nicht stand. (Sie verbietet sich auch wegen ihres rassistischen Charakters.)

Wesentliche Gründe waren die politischen Entscheidungen eines überschaubaren Personenkreises (wie u. a. Dokumente und Bekenntnisse tschechischer, polnischer und sowjetischer Politiker belegen), die geopolitischen Ambitionen Stalins und der Wille der Westalliierten, Deutschland nachhaltig zu schwächen. Schließlich erweist de Zayas auch die verbreitete Vorstellung, vollzogene Vertreibungen seien unumkehrbar, als historisch unzutreffend.

Als ein Schlüsseldokument präsentiert er das Telegramm des britischen Diplomaten (Sir) Geoffrey Harrison an seinen Chef John Troutbeck (Leiter der Deutschland-Abteilung) vom 1. August 1945, das er 1976 im Archiv des Foreign Office entdeckte (als Faksimile im Anhang abgedruckt).

Darin steht der markante Satz: „Sobolev [der sowjetische Vertreter im mit den ‚Bevölkerungstransfers‘ befassten Unterausschuss, welcher der Potsdamer Konferenz zuarbeitete] bezog den Standpunkt, dass der polnische und tschechoslowakische Wunsch, ihre deutschen Bevölkerungen zu vertreiben, die Erfüllung einer historischen Mission [!] sei und die sowjetische Regierung nicht Willens sei, zu versuchen, sie daran zu hindern.“

Hier scheint die panslawistische Expansionspolitik mit westlicher Stoßrichtung auf, wie sie sich im russischen geopolitischen Kalkül seit dem 16. Jahrhundert abzeichnete. Ganz auf der Linie Sobolevs meinte der tschechische Ministerpräsident Beneš wenig später, mit der Vertreibung der Sudetendeutschen seien „die Fehler eines Jahrtausends korrigiert“ worden. Harrison, Verfasser des „Vertreibungsartikels“ XIII des Potsdamer Communiqués, mit dem de Zayas nach dem Krieg Kontakt aufnahm, betonte auf Nachfrage, nie sei in der Diskussion die Vertreibung als (gerechte) Bestrafung (der Deutschen) bezeichnet worden (auch von Stalin nicht).

Das Telegramm hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck der britischen und amerikanischen Seite, die einerseits „massenhafte Transfers … nicht mögen“ (weil sie die Last für ihre Besatzungszonen begrenzen wollen) und zumindest ihre ordnungsgemäße, menschliche Durchführung sicherstellen wollen, anderseits gegen die grausame Behandlung der deutschen Bevölkerung in der Praxis nicht mehr als wirkungslose Proteste in Warschau und Prag vorbrachten und die Vertreibungen als „fait accompli“ hinnahmen.

Insgesamt kamen laut Untersuchung des Statistischen Bundesamtes (1958) über zwei Millionen Menschen durch Flucht, Vertreibung und Verschleppung um, obwohl die Maßnahmen nach Kriegsende seitens der Alliierten quasi als „Friedensakt“ angelegt waren.

Rechtsnormen

Dem Völkerrecht widerstreben Vertreibungen mehrfach. Sie verletzen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das als heute anerkanntes „zwingendes Recht“ das Recht auf die Heimat einschließt.

Doch die an Deutschen verübten Vertreibungen von 1944 bis 1948 waren schon damals illegal und verbrecherisch, weil die anzuwendende Haager Landkriegsordnung (1907) die Ehre und die Rechte der Familie, das Leben der Bürger und ihr Privateigentum schützt (Artikel 46) und Kollektivstrafen untersagt (Artikel 50). Gegen das Völkergewohnheitsrecht und die Minderheiten-Schutzverträge, die Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien verpflichteten, verstießen sie ebenfalls.

Vertreibung und Verschleppung können sogar den Tatbestand des Völkermordes erfüllen, wenn die Zerstörungsabsicht einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe vorliegt. Diese  ist im Fall der Staatschefs Josip Broz Tito und Edvard Beneš nachweisbar, was die Vertreibungen der Deutschen aus Jugoslawien und der ČSR als Genozide qualifiziert.

Daraus folgt ein internationales, zeitlich unbefristetes Anerkennungsverbot der dabei durchgeführten Enteignungen. Auf Basis der Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, der Aspekte der „ethnischen Säuberungen“, explizit das Massaker von Srebrenica, als Genozid bezeichnete, stellt de Zayas fest, dass die mit hunderttausendfachen Morden und Vergewaltigungen viel schlimmere Vertreibung der Deutschen kaum weniger als genozidisch einzustufen sei.

Schließlich haben Vertriebene völkerrechtlich Anspruch auf Wiedergutmachung, auf Rückkehr in ihre Heimat und Rückgabe des privaten Eigentums. Der Staat kann nicht stellvertretend für sie darauf verzichten. (Anders ist es bei öffentlichen deutschen Vermögen in den Vertreibungsgebieten.)

Die bundesdeutsche Rechtsposition zur Vertreibung wurde allerdings seit Mitte der 1980er Jahre geschwächt. Opfer können sich zur Verfolgung ihrer Rechte gegebenenfalls an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte oder den UNO-Menschenrechtsausschuss wenden.

Schlussfolgerungen

De Zayas wertet die unbewältigte Vertreibung der Deutschen als eines der folgenschwersten Ereignisse der neueren Geschichte Europas und als Hypothek für die Zukunft. Im unterschiedlichen Verständnis der Rechtsstaatlichkeit oder der Reichweite und Grenzen der Souveränität von Nationalstaaten geraten die Länder Ostmitteleuropas und der alten EU regelmäßig aneinander.

Es besteht ein (von Brüssel und Berlin ignorierter) innerer Zusammenhang zwischen einer national orientierten Sonderpolitik wie in Polen und der Tschechischen Republik und der gleichzeitigen Leugnung des Unrechtscharakters der Vertreibung der Deutschen. Erst deren wahrhaftige und völkerrechtlich saubere Aufarbeitung kann eine Versöhnung begründen.

Diesen Auftrag verbindet de Zayas mit dem Aufruf an die seit dem „Historikerstreit“ der 80er Jahre „eingeschüchterten“ Wissenschaftler, die Erforschung der Vertreibungsfragen tabufrei anzugehen. Die große Lücken können nur interdisziplinär unter Einbeziehung demographischer, soziologischer, psychologischer, philosophischer, juristischer, kultureller Faktoren geschlossen werden.

Den bis in die Mitte der Gesellschaft gerückten Begriff „Tätergeneration“ verweist der Autor ins „Wörterbuch des Unmenschen“: „Die Vertriebenen waren Opfer der Unmenschlichkeit der Sieger, heute sind sie Opfer der Diffamierung durch viele Medien und dem Zeitgeist verhaftete Historiker“ (These 75).

De Zayas schließt mit dem Appell, Vertreibungen überzeugend zu ächten, um künftige „ethnische Säuberungen“ zu verhindern. Um die allgemeine Geltung des Völkerrechts sichern zu helfen, sollten die deutschen Vertriebenen auf ihren Rechten bestehen, nicht wegen materieller Vorteile.

KONTEXT: Vertriebene im Räderwerk der deutschen Politik

Im umfangreichsten seiner vier Aufsätze untersucht Koautor Badenheuer die Vertriebenenpolitik der Bundesregierungen von Helmut Kohl bis Angela Merkel. Dabei nimmt er die Armenier-Resolution des Deutschen Bundestages vom 2. Juni 2016 als Ausgangspunkt und Richtschnur, weil diese der türkischen Regierung eine geduldige Politik der Aufarbeitung von Vertreibungsunrecht empfiehlt, die im Fall der eigenen Vertriebenen erkennbar nicht beherzigt wurde oder wird.

Die hinsichtlich Dimension, Grausamkeit und Nichtverjährbarkeit vergleichbaren humanitären Katastrophen der Armenier 1915/16 und der Ost- und Sudetendeutschen 1945 bis 1948 werden offenkundig mit zweierlei Maß gemessen; am eklatantesten ist der Widerspruch bei SPD, Grünen und Linken.

Regierungen Kohl

Sie verhielten sich gegenüber den Vertriebenen vor und nach 1989/90 völkerrechtlich exakt. Auch nach Unterzeichnung der deutsch-tschechischen Erklärung 1997 bezeichnete der Kanzler die Vermögensfrage weiterhin als offen. Überwiegend ist seine Politik jedoch von Unterlassungen geprägt, etwa bei der gebotenen, aber nicht veranlassten Strafverfolgung von Vertreibungsverbrechern nach 1989, als etliche Mörder noch lebten.

Sein gravierendstes Versäumnis betrifft die Umsetzung des Bundesvertriebenengesetzes, nach dem Bund und Länder Kulturgut und -leistungen der Vertriebenen zu erhalten und zu fördern haben (§ 96). Angesichts des heute faktisch weitverbreiteten Unwissens – laut einer Allensbach-Umfrage von 2002 konnten 82 Prozent der unter 30-Jährigen Schlesien auf einer Landkarte nicht auffinden – spricht Badenheuer hier von einem „kontinuierlichen bildungs- und informationspolitischen Rechtsbruch“.

Regierungen Schröder

Der historische Tiefpunkt deutscher Vertriebenenpolitik wurde wohl unter der Kanzlerschaft Schröders erreicht, als deren Anliegen durchwegs bekämpft wurden. Das Europäische Parlament hatte vor der Osterweiterung der EU 2004 in zwei Entschließungen (1999 und 2000) die Aufhebung der Beneš-Dekrete verlangt, weil eine Mehrheit der Abgeordneten den Unrechtscharakter der Vertreibung klar sah; Sorgen bereiteten auch tschechische Nationalisten, die sich zur Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen als „Quelle des Friedens“ (MP Miloš Zeman) bekannten.

Außenminister Joseph Fischer (Grüne), selbst ungarndeutscher Herkunft, gelang es, die Bestrebungen des EP und die „drohende“ Unterstützung der Anliegen der Vertriebenen erfolgreich zu torpedieren. Die Regierung Schröder hat es sogar hingenommen, dass Tschechien stattdessen die Dekrete (die wie die polnischen Bierut-Dekrete auch mit der „Universalen Erklärung der Menschenrechte“ unvereinbar sind) durch Gesetzgebungsakte und Parlamentsentscheidung noch mehrfach bekräftigte.

Regierungen Merkel

Deren Bilanz fällt gemischt aus. Hoch rechnet Badenheuer der Kanzlerin an, dass sie 2006 und 2007 die Forderungen der polnischen Regierung Kaczyński nach einem rechtswirksamen Schlussstrich unter die Rechte der Vertriebenen klar zurückgewiesen hat. Positiv  vermerkt er auch die Einführung des „Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ (ab 2015) und die Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter mit 2500 € pro Person (2015).

Dem stehen – wie bei Kohl – schwerwiegende Mängel bei der Vertretung der Belange der Vertriebenen gegenüber, angefangen vom „Totschweigen“ der serbischen Restitutionspolitik seit 2011 über die passive Haltung zu entdeckten Sammel- und Massengräbern mit deutschen Ziviltoten in Westpreußen, Polen und der ČR bis hin zur aktiven Schwächung wie durch die 2014 beschlossene Schließung des Kirchlichen Suchdiensts und seiner Heimatortskarteien.

Skeptisch sieht Badenheuer (wie de Zayas) das von Merkel 2008 angekündigte, bisher nicht eröffnete Dokumentationszentrum gegen Vertreibungen am Anhalter Bahnhof in Berlin, hinter dem die „hoch politisierte“ „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ steht: Eine Ausstellung, die historische und völkerrechtliche Fakten wahrheitsgetreu präsentiert, ist mit dem von den Bundestagsparteien präjudizierten Ergebnis, alles sei politisch „erledigt“ (das auch die Regierung Merkel wünscht), nicht vereinbar.

Richard von Weizsäcker

Besonderes Augenmerk richtet Badenheuer aufdessen Rede vom 8. Mai 1985 und den zentralen Satz: „Der erzwungenen Wanderschaft von Millionen Deutschen nach Westen folgten Millionen Polen und ihnen wiederum Millionen Russen.“

Von der verletzenden, ja zynischen Formulierung „erzwungene Wanderschaft“ ist Weizsäcker später abgerückt. Schwerer wiegt, dass seine (an den „Lebensraum“ anklingende) demographisch begründete Kompensationstheorie, deren Spuren sich bereits in der „Ostdenkschrift“ der EKD von 1965 finden, historisch haltlos ist, wie Badenheuer mittels genauer Bevölkerungszahlen, welche die gegenläufigen Bewegungen Richtung Westen und Osten berücksichtigen und in die auch Ukrainer und Weißrussen einbezogen werden, nachweist. Laut sowjetischer Volkszählung lebten 1959 im ehemaligen Ostpolen 9.583.600 Menschen, ca. zwei Millionen weniger als 1939, unter ihnen 606.800 Russen.

Im Klartext: Die „Millionen Russen“, die im Gefolge der Vertreibung der Deutschen den „Millionen Polen“ gefolgt sein sollen, sind eine freie Erfindung des Ex-Bundespräsidenten. Dieses Fallbeispiel unwahrhaftiger Geschichtspolitik, das seitens der Historiker unwidersprochen blieb, ist verhängnisvoll bedeutsam, weil es als Gelenkstück des offiziellen Narrativs der deutschen Geschichte die Vorstellung von Millionen Deutschen über die Vertreibung 1944 bis 1948 nachhaltig falsch geformt hat.

Verdienste und Mängel der BdV-Verbandspolitik

In der Bilanzierung der 70-jährigen Heimatpolitik der deutschen Vertriebenen würdigt Badenheuer, selbst mehrere Jahre für die Landsmannschaften der Sudetendeutschen und Ostpreußen aktiv, summarisch deren Verdienste. Nach 1945 haben ihre mit sehr begrenzten Mitteln aus dem Nichts aufgebauten, großen demokratischen und pro-europäisch ausgerichteten Verbände beigetragen, dass Millionen Menschen nicht an Hunger und Krankheiten zugrunde gingen.

Gleichzeitig haben sie das Gesetzeswerk des Lastenausgleichs (LAG) durchgesetzt und mitgestaltet. Schließlich verhinderten sie eine Radikalisierung in der einen oder anderen Richtung in ihren Reihen. In den 1960er Jahren entwickelten sie sogar Ansätze einer eigenen, inoffiziellen Außenpolitik.

Viel Raum nehmen Badenheuers Kritik der BdV-Verbandspolitik und die Frage der Versäumnisse ein, die sich ihm vor allem stellt, weil die rund 12 Millionen Vertriebenen als Gruppe heute fast unsichtbar geworden sind. Ihre fortgeschrittene Assimilation wird im geänderten Sprachgebrauch geographischer Begriffe, den sie widerspruchslos hin- oder aktiv übernommen haben, sofort deutlich: Unter „Ostdeutschland“ versteht man heute nicht mehr Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen, sondern Thüringen, Sachsen, Mecklenburg; „Ostbrandenburg“ bezeichnet nicht mehr ein Gebiet östlich von Frankfurt an der Oder, sondern die Region zwischen Berlin und Frankfurt a. O.

Solche begrifflichen Umprägungen sind fatal, da ein Prozess massenhafter Meinungsänderung sozusagen „weggeframed“ und das Denken und Empfinden früherer Generationen bis hin zum Verständnis nationaler Identität immer schwerer nachvollziehbar wird. Dass vertriebene Gruppen nach zwei Generationen durch Assimilation „verschwinden“, ist historisch nicht zwangsläufig, sondern wäre aus Badenheuers Sicht durch Maßnahmen des BdV – hätte man die Gefahr erkannt – vermeidbar oder zu verzögern gewesen.

Demnach hat er die Chance verpasst, im Zuge der vier (innerdeutschen) Sekundärmigrationen zwischen 1950 und den 1990ern auf die Zusammenführung der früheren Gemeinschaften und innerhalb der Bundesländer auf ein nahes Zusammenleben der alten Heimatlandschaften und Ortsgemeinschaften hinzuwirken, mit dem Ziel, sie zu festigen. Die Schlüsselfrage „Wie schaffen wir Integration ohne restlose Assimilation?“ wurde kaum gestellt.

Weitere Kritikpunkte Badenheuers am BdV sind: zu späte endgültige Konstituierung (1957) infolge des Kompetenzgerangels mit den Landsmannschaften; ungünstige Statuierung als eingetragener Verein statt als Körperschaft des öffentlichen Rechts; Blindheit gegenüber dem radikalen Kurswechsel der SPD in den 1960er Jahren; Versäumnis einer „Besserungsklausel“ im LAG, sodass der Ausgleich auch in Jahren rapide steigenden Bruttosozialprodukts statisch blieb; Verdrängung des Niedergangs der Verbandsstrukturen; weitgehender Zielverlust des Rechts auf die Heimat; übertriebene Loyalität zur Merkel-Politik („Grenzöffnung“ 2015).

Über 400.000 Vertreibungstote

Wissenschaftliches Neuland betritt Badenheuer mit seiner Untersuchung der Frage, wie viele Ost- und Sudetendeutsche nach ihrer Vertreibung durch deren Folgen – speziell hungerbedingte Krankheiten und mangelnde medizinische Versorgung – zu Tode gekommen sind. Damit füllt er eine Forschungslücke; zugleich erklärt und behebt er die Diskrepanzen zwischen den drei großen amtlichen Untersuchungen über die Zahl der Vertreibungstoten (1958, 1965, 1974).

Gestützt auf Zahlenmaterial zum Aufnahmelager Lilienstein (bei Dresden) und besonders die umfangreiche Dokumentation „Landskroner Not und Tod“ von Franz J. C. Gauglitz (Wiesentheid 1997) gelingt es ihm, nach Auswertung der langen Todeslisten und Abgleich mit weiteren Daten mittels einer transparenten Berechnung die repräsentative Quote von 3,3 Prozent Vertreibungstoten im Kreis Landskron (Sudetenland) zu ermitteln. Bezogen auf rund 12,5 Millionen Vertriebene insgesamt ergeben sich ca. 410.000 Todesfälle dieser Art. Dank neuer Untersuchungen über Aufnahmelager in Dänemark (2002, 2005), die eine Quote von 3,5 Prozent Vertreibungstoten erbrachten, darf die Größenordnung von Badenheuers Ergebnis als gut gesichert gelten.

AUSBLICK: Wiedergutmachung und Versöhnung

Anders als Polen und Tschechien haben nach dem Zusammenbruch der UdSSR einige ehemalige Mitgliedsstaaten mit Entschädigungsregelungen für die Zeit des Kommunismus Wiedergutmachung geleistet. Ein Modell für die Zukunft? In den Genuss von Estlands Wiedergutmachungsgesetz (1991), das rechtswidrige Enteignungen, Immobilien wie Vermögenswerte, umfasst, kamen auch ca. 5000 Estland-Deutsche.

Selbst wenn letztlich materielle Verluste nur sehr geringfügig ausgeglichen wurden, bleibt das Gesetz vorbildlich. Der estnische Staatspräsident lud in seiner Rede am 3. Oktober 1995 in Berlin die Estland-Deutschen ein, von ihrem Recht auf die Heimat Gebrauch zu machen.

In Ungarn hat das Parlament die Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen seit 1944 als Menschenrechtsverletzung verurteilt (1990). Wiedergutmachung erfolgte vielfach in immaterieller Form (etwa Denkmäler und Gedenktag für die Vertreibung der Deutschen), aber auch durch zwei Entschädigungsgesetze (1991, 1992), welche die gebliebenen wie auch die 1944/45 geflohenen und vertriebenen Deutschen einbeziehen. Wegen Umsetzungsmängeln haben sich die Erwartungen oft nicht erfüllt.

Modifizierungen (2003) eröffneten vielen alten, kranken und zur Zwangsarbeit verschleppten Ungarndeutschen die Chance, eine monatliche Zuwendung von 20.000 Forint (entspricht etwa 80 € im Jahr 2003) zu erhalten. Serbien hat 2011 das weitestgehende Restitutionsgesetz in Europa verabschiedet. Befristet bis 1. März 2014 waren auch die 1944 bis 1948 geflohenen und vertriebenen 350.000 Donauschwaben aus Serbien und ihre Nachkommen anspruchsberechtigt (Rückgabe oder Entschädigung für entzogenes Eigentum). Wegen penibler Nachweispflichten und geringer Bekanntheit des Gesetzes in Deutschland hatten bis Mitte/Ende 2012 von etwa 50.000 berechtigten Deutschen erst rund 1700 Alteigentümer Rückgabe beantragt.

Resümee

Mit Alfred de Zayas widmet sich einer der weltweit kompetentesten und anerkanntesten Historiker und Völkerrechtler dem Thema „Vertreibung“ seit 40 Jahren. Als US-Amerikaner mit kubanischen Wurzeln ist er eines deutschen „Nationalismus“ unverdächtig.

Seine beharrliche Forderung der redlichen Aufarbeitung der Tragödie und ihrer Folgen avanciert zur Anklage der politisch Verantwortlichen in Deutschland, welche die Belange der Heimatvertriebenen rückständig behandelt, und der Medien und Historiker, die sie ignoriert, verunglimpft oder planmäßig sabotiert haben. Dass vor allem Linke und Grüne nur selektiv im Sinne des Völkerrechts Stellung beziehen, wenn Nichtdeutsche davon profitieren, kommt einem Glaubwürdigkeitsbankrott gleich.

Die Autoren ergänzen sich nicht nur inhaltlich. Während de Zayas den geschichtlichen Rahmen absteckt und den Reichtum des Völkerrechts entfaltet (erstmals auch die Zehn Gebote einbezieht, derer nicht weniger als fünf ein Vertreibungsverbot implizieren), erscheint Konrad Badenheuer als kundiger, aufmerksamer Chronist, der mit ernüchterter Gelassenheit dem mutmaßlichen Untergang der Ost- und Sudetendeutschen als Gruppe entgegensieht, in der Langzeitperspektive hinsichtlich ihrer Anliegen jedoch optimistisch bleibt – wissend, Tatsachen wie nicht bewältigtes Unrecht wirken als solche weiter. Mit der Unberechenbarkeit von Geschichte darf man getrost rechnen.

Leider geben die historischen Karten nur einen groben Überblick der Besiedelung Ostmitteleuropas durch Reichs- und Volksdeutsche; eine Karte des polnischen Staatsgebiets mit Veränderungen der Grenzverläufe und der Bevölkerungsstruktur von 1919 bis 1990 fehlt. Ein (zusätzliches) Schaubild der Kompensationstheorie Weizsäckers hätte ihre Unhaltbarkeit „auf einen Blick“ demonstriert.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Zeitschrift „Theologisches“ (Sept./Okt. 2020).

Unser Autor Thomas May ist Lehrer i. R. – Er unterrichtete die Fächer Deutsch und Katholische Religionslehre. Der in Sendenhorst (Münsterland) lebende Autor ist ein Neffe des bekannten Prälaten und Kirchenrechtlers Prof. Dr. Georg May (Mainz).


Ergreifender „Tag der Heimat“ in Münster mit dem CDU-Politiker Josef Rickfelder

Von Felizitas Küble

Der „Bund der Vertriebenen“ (BdV) in Münster beging am Sonntag, dem 11. November, im Rüsthaus des historischen Rathauses den jährlichen „Tag der Heimat“ mit einer Gedenkstunde und mehreren Ansprachen, darunter einer Rede des früheren nordrhein-westfälischen CDU-Landtagsabgeordneten Josef Rickfelder (siehe Foto), der schon mehrfach als Gast an dieser Veranstaltung teilgenommen hat.

Dabei hätten ihn vor allem, so sagte er, „die Volkstänze und Heimatlieder berührt“, die er sonst „nirgends zu sehen und zu hören“ bekommen habe.

Zudem erinnerte der CDU-Ratsherr an mehrere geschichtsträchtige Daten in diesem Jahr: 70 Jahre Charta der Heimatvertriebenen, 75 Jahre Kriegsende, 30 Jahre Wiedervereinigung.

Der frühere Polizeibeamte Rickfelder fügte hinzu: „Die Erinnerung an die Heimat bleibt ein Leben lang. Nicht umsonst gibt es heute in der Bundesregierung und auch im Land Nordrhein-Westfalen ein Heimatministerium.“

Er erwähnte die „schrecklichen Verbrechen“ der Nationalsozialisten, aber auch das „das erduldete Leid der Heimatvertriebenen“. Rickfelder zitierte aus ihrer Charta von 1950 und bezeichnete die dort erwähnten Aufgaben als erfüllt und gelungen:

„Die Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung…Die Heimatvertriebenen helfen durch harte und unermüdliche Arbeit beim Wiederaufbau Deutschlands und Europas.“

Abschließend erklärte der CDU-Politiker den Anwesenden:

„Sie waren und sind Vorbilder für gelungene Integration, für menschliche Größe im Verzicht auf Rache und Vergeltung. Gerade in der heutigen Zeit würden uns diese Eigenschaften bei dem Miteinander in unserer Gesellschaft sehr helfen. Insoweit können wir selbst 75 Jahre nach Flucht und Vertreibung noch von Ihnen lernen.“

Die Gedenkveranstaltung im Rathaus wurde von der in Danzig geborenen Roswitha Möller (siehe Foto) moderiert – sie ist seit Jahrzehnten Vorsitzende des BdV (Bund der Vertriebenen) in Münster.

Dietmar Schulmeister hielt eine erschütternde Rede über das tragische Schicksal der von Stalin grausam verfolgten Rußlanddeutschen in der Sowjetunion. Auch ihre Verfolgung, die noch Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg unter kommunistischer Herrschaft fortgesetzt wurde, ist in der deutschen Geschichtsdiskussion weitgehend unter die Räder geraten und wurde verdrängt.

Freundliche Grußworte der Stadt Münster übermittelte der kürzlich wiedergewählte CDU-Ratsherr und Rechtsanwalt Stefan Leschniok (siehe Foto), der sich seit langem engagiert für die Belange der deutschen Heimatvertriebenen und Aussiedler einsetzt.

Alexandra Ridder (siehe Foto) sorgte in gelungener Weise für die musikalische Begleitung mit ihrem Akkordeon, beginnend mit dem bekannten christlichen Lied „Amazing Grace“ aus Amerika.

Im Laufe der Gedenkstunde, in welcher es auch eine Totenehrung gab, wurden Heimatlieder aus Ostpreußen, Pommern, Westpreußen, Schlesien und dem Riesengebirge sowie „Kein schöner Land“ gesungen – und zuguterletzt stehend und feierlich unsere Nationalhymne, die dritte Stophe des Deutschlandliedes.

Danach folgte der traditionelle Gang zum Denkmal der Vertriebenen am Servatiiplatz in Münster.


Israel gedenkt der vertriebenen Juden aus arabischen Ländern

Der 30. November ist Gedenktag an die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und Iran im 20. Jahrhundert.

850.000 Menschen wurden nach der Staatsgründung Israels gewaltsam vertrieben und enteignet.

Diesen Monat widmet sich Israel deshalb ihrem Schicksal im #JewishRefugeesMonth.

Im Jahre 1948 lebten 856.000 Jüdinnen und Juden in arabischen Ländern. Viele von ihnen in uralten jüdischen Gemeinden, die teilweise vor der islamischen Eroberung gegründet worden waren.

Die jüdische Gemeinde im Irak existierte zum Beispiel seit über 2500 Jahren. Sie war ein kulturelles Zentrum des Judentums und die Wiege des Babylonischen Talmuds. Heute leben dort nur noch wenige Tausend Juden.

Nach der Gründung des Staates Israel verschwanden fast alle jüdischen Gemeinden in der arabischen Welt. Die einheimischen Juden wurden enteignet, es wurde ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen, sie wurden vertrieben, eingesperrt, gefoltert und viele auch ermordet. Heute gibt es kaum mehr Spuren von diesen einst so blühenden Gemeinden. 

Quelle: Botschaft des Staates Israel


„Das Christentum ist die Seele Europas“

Bischof Voderholzer beim 70. Sudetendeutschen Tag

„Es gibt keine andere tragfähige Klammer als den christlichen Glauben, der das vereinte Europa zusammenhalten kann. Die Seele Europas ist das Christentum und das Wasserzeichen ist das Kreuz Christi.“

Das hat der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer (siehe Foto) während des Gottesdienstes am Sonntagvormittag beim 70. Sudetendeutschen Tag in Regensburg betont.

Der katholische Oberhirte verwies auf den völkerumspannenden und universalen Charakter der Kirche. Wie beim Pfingstwunder stehe die Kirche für Integration und Völkerverständigung, denn katholisch bedeutet „das Ganze umspannend“.

Dies gelte – historisch – besonders für Europa, von den früheren Galliern und Germanen bis heute zu den Bayern, Franken, Schwaben und Sudetendeutschen.

Daher stimmte der Oberhirte, der selbst sudetendeutsche Wurzeln hat, dem Motto des Sudetendeutschen Tages „Ja zur Heimat im Herzen Europas“ deutlich zu.

„Europa ist eine geistig-geistliche Größe und seine Seele ist das Christentum“, sagte er. Er nannte die verbindenden Elemente der Gotik, der Marienverehrung und der europäischen Pilgerstraßen die Pulsadern des christlichen Europas.

Tschechischer Kirchenvertreter würdigt deutsche Prägung Prags

Für die Tschechische Bischofskonferenz sprach Monsignore Adolf Pintíř, Geistlicher Beirat der tschechischen Sdružení Ackermann-Gemeinde. Adolf Pintíř grüßte die Sudetendeutschen auch im Namen aller Gläubigen in der Tschechischen Republik.

Die deutsch-tschechische Vergangenheit beginne nicht erst vor 70 Jahren. Der Monsignore verwies auf den Regensburger Bischof Wolfgang, der das Erzbistum Prag durch Abtrennung von seinem Bistum Regensburg gegründet hat. Er steht für die gemeinsame Vergangenheit in Christus.

„In den vergangenen 100 Jahren standen aber Leid, Hass, Gewalt, Schuld und Vertreibung im Vordergrund des Verhältnisses unserer Völker. Das kommende Zeitalter muss mit Versöhnung, Entschuldigung, Anerkennung und Liebe verbunden sein. So feiern wir dann immer Pfingsten“, sagte Monsignore Adolf Pintíř.

Quelle: Bistum Regensburg