Predigt zur Wallfahrt der vertriebenen Schlesier in Bochum-Stiepel am 18. August

Von Ehrendomherr Dr. Franz Weidemann

Wallfahrt der heimatvertriebenen Schlesier mit den Beuthen-Roßbergern (St. Hyazinth) und den Spätaussiedlern nach Bochum-Stiepel am 18. August 2019.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, liebe Landsleute,

mitten im Monat August – für viele Familien der Monat der Urlaubszeit – feiert die Kirche das Hochfest der Aufnahme der seligen Jungfrau Maria in den Himmel. Für uns ist das eine besondere Gelegenheit, um über den letzten Sinn der menschlichen Existenz nachzudenken.

Deshalb richten wir unseren Blick auf die Gottesmutter, den Stern der Hoffnung, der unseren Weg auf Erden erhellt  – und folgen dabei dem Vorbild der heiligen Männer und Frauen, die in jeder Lebenslage zu ihr Zuflucht genommen haben.

Seit Jahren pilgern Heimatvertriebene, Flüchtlinge wie auch Aussiedler an Orte, die der Mutter Gottes Maria geweiht sind. Diese Tradition pflegen wir, weil sie unseren Glauben stärkt, worüber ich sehr froh bin.

Jede Tradition hat ihre Geschichte. Für einige von Ihnen ist es lebendige Erinnerung und für die Jüngeren bereits Vergangenheit, die sie nur aus Erzählungen kennen.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle, dass ich kurz auf die Geschichte der schwierigen Anfangsjahre der Vertriebenen und Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg zurückblicke.

Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen mehr als 14 Millionen Menschen aus den deutschen Ost-Gebieten. Diejenigen, die Flucht und Vertreibung überlebt hatten, wurden von ihren deutschen Landsleuten aber nicht immer herzlich aufgenommen.

Der promovierte Historiker Andreas Kossert hat die schwierige Ankunftsgeschichte der Vertriebenen umfassend erforscht und beleuchtet erstmals diesen blinden Fleck der deutschen Nachkriegsgeschichte.

In seinem Buch „Kalte Heimat  – Die Geschichte der Deutschen Vertriebenen nach 1945″ (*)  beschreibt er eindrucksvoll die Erfahrungen derjenigen, die durch den Krieg entwurzelt wurden und immense Verluste erlitten haben; und er fragt danach, welche Folgen das nicht nur für die Vertriebenen und ihre Nachkommen, sondern auch für die ganze Gesellschaft bis heute hat.

Wir erfahren von ihrem Kampf um den schwierigen Neuanfang und von den Lebensumständen der Menschen im „Wirtschaftswunderland“. Ohne die Vertriebenen, die mit Nichts begannen, hätte es jedoch ein „Wirtschaftswunder“ nicht gegeben; sie waren ein wichtiger Motor der Modernisierung in der Bundesrepublik Deutschland.

Auch die Ankunft der Vertriebenen im Westen hatte das konfessionelle Antlitz Deutschland verändern wie seit Reformation und Dreißigjährigem Krieg nicht mehr. Oft kamen die Vertriebenen in weithin geschlossene Gebiete anderer Konfession, wo sie nicht nur als Vertriebene, sondern auch als Andersgläubige auf Vorurteile stießen.

Sie litten also sowohl unter dem Verlust ihres sozialen und materiellen Status, als auch unter der konfessionellen Heimatlosigkeit. Die ersten Gottesdienste fanden in Lagern, Turnhallen und Gasthäusern statt.

Sogenannte Rucksackpfarrer betreuten die Gläubigen unter armseligen Bedingungen. Die Suche nach einer neuen Heimat war im kirchlichen Bereich nicht weniger schwierig als im außerkirchlichen. Die etwas andere Liturgie, die unbekannten Lieder, der Altarschmuck sowie die Bewegungen des Pfarrers, das alles vermittelte den Vertriebenen das Gefühl, auch hier Fremde zu sein.

Andererseits bereicherten sie durch neue Frömmigkeitsformen das religiöse Brauchtum der Einheimischen, was dazu führte, dass das kirchlich-religiöse Leben eine tiefere Frömmigkeit erhielt und zugleich lebendiger wurde.

In der Listruper Pfarrchronik notierte Pfarrer Albers damals sichtlich beeindruckt von der religiösen Haltung der Vertriebenen folgendes:  

Zuerst waren die Vertriebenen in die Kirche gegangen, um sich Gott zu empfehlen und der Gottesmutter:Die Schönste von allen… sangen sie. Das Lied haben wir dann oft gesungen.“(Quelle: Michael Hirschfeld: „Unterwegs nach einem Zuhause“ – Die Wurzeln der Grafschaft Glatzer Katholiken in der Vertreibung liegen in Listrup. S.103ff)

Seit dieser Zeit erklangen häufig alte schlesische Marienlieder in den Gemeinden, die die Vertriebenen aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, etwa das Lied „Über die Berge schallt“.

Nicht zu vergessen auch die Wallfahrt war für die Vertriebenen eine Gelegenheit, die besondere Nähe Gottes zu spüren. Die Wallfahrtsorte in Westdeutschland erlebten durch die vertriebenen Katholiken eine neue Blüte, denn letztlich war es vor allem Maria, zu der sich die Gläubigen auf den Weg machten und es auch noch heute tun  – wie wir hier heute in Bochum-Stiepel.

Liebe Brüder und Schwestern! Wer ist Maria? Wer ist jene Frau, die von der Kirche so oft und an so vielen Festen auf besondere Weise gepriesen und verehrt wird?

Was tun wir, wenn wir Maria verehren, wenn wir im Gebet bei ihr Zuflucht suchen und uns auf ihre Fürsprache an Gott wenden?

Diese Fragen zu stellen ist nicht überflüssig. Es gibt Menschen, die heute ihre Schwierigkeiten haben mit der Verehrung Mariens. Sie sagen, das sei unbiblisch, lenke ab von Gott und sei wie ein Götzendienst. Sind diese Argumente stichhaltig? Wie verhält es sich damit?

Wenn wir auf das irdische Leben der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria blicken, dann lässt sich in Übereinstimmung mit dem biblischen Zeugnis erkennen: Maria war eine Frau, die von Gott auf höchste Weise begnadet wurde, die sich aber in ihrer übergroßen Demut nicht würdig hielt, dass Gott sich ihr auf so außergewöhnliche Weise mitgeteilt hatte.

Dennoch war sie in Glaube und Liebe bereit, mit den Gnaden Gottes mitzuwirken. Sie war einverstanden mit den Plänen Gottes und sagte von Herzen ihr Ja dazu. So durfte sie die Mutter Jesu Christi, des Sohnes Gottes werden, der von ihr durch das Wirken des Heiligen Geistes ohne Mitwirkung eines Mannes empfangen und aus ihrem jungfräulichen Schoß geboren wurde und auf diese Weise wahrhaft Mensch geworden ist.

Bereits ihre Verwandte Elisabeth preist Maria selig, weil sie geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der HERR ihr sagen ließ. Maria aber belässt dieses Lob, das ihr zuteil wird, nicht bei sich selber. Sie gibt es weiter an den dreifaltigen Gott, den sie im „Magnificat“ lobt: „Meine Seele preist die Größe des HERRN …

Es kann also kein Irrtum sein, wenn auch wir Maria unsere Ehre erweisen, denn Gott selber hat sie geehrt in der Menschwerdung seines Sohnes. Sie selber aber weiß, dass sie alles Gott verdankt und gibt ihm allein die Ehre!

Die Kirche verehrt Maria nicht als eine Person, die dem einzig wahren Gott zur Konkurrentin wird, sondern als heilige Jungfrau und Gottesgebärerin, die der Welt den Erlöser geschenkt hat und keinen anderen Wunsch hat, als die Menschen durch ihre Fürbitte zu Jesus Christus hinzuführen.

Wer Maria verehrt, gibt Gott die Ehre. Wer sie findet, findet durch sie zu ihrem göttlichen Sohn. Durch Maria zu Jesus! Dies ist ein bewährter katholischer Grundsatz, an dem auch wir festhalten wollen.

Was ist der Inhalt des Festtages Mariä Aufnahme in den Himmel?

Die Kirche bekennt, dass die Jungfrau Maria bei Gott im Himmel ist, ja noch mehr: Sie bekennt in festem und unerschütterlichem Glauben, dass sie „ganz“, das heißt mit Leib und Seele im Himmel ist.

Dies ist insofern eine besondere Auszeichnung, als sich beim Tod des Menschen die Seele vom Leib trennt. Der Leichnam wird ins Grab gelegt und geht der Verwesung entgegen. Erst am Jüngsten Tag wird er auferweckt, während die unsterbliche Seele auch nach dem Tod weiterlebt und im persönlichen Gericht vor Gott Rechenschaft über das Leben auf Erden ablegen muss.

Mariens Leib war der Verwesung nicht preisgegeben, unser Herr Jesus Christus hat seiner heiligen Mutter Anteil an seiner Auferstehungsherrlichkeit geschenkt, indem er auch ihren Leib auferweckt und in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen hat. Sie lebt nun bei Gott in strahlender Herrlichkeit ihrer heiligen Seele und ihres jungfräulichen Leibes!

So ist der  Festtag ein Bekenntnis der Kirche zur Vollendung des ganzen Menschen. Was in Maria zur Erfüllung gelangt ist, ist uns allen verheißen, wenn wir an den Sohn Gottes glauben und mit ihm in Liebe und Treue verbunden bleiben.

Auch unser Leib wird am Ende der Welt auferweckt werden. Beten wir darum, dass wir dieser ewigen Auferstehung würdig werden durch ein heiliges Leben!

Mit Maria preisen wir die großen Taten unseres Gottes und Retters Jesus Christus. ER hat herabgeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd und sie emporgehoben in sein himmlisches Reich.

Wenn uns auf Erden auch so manche Not bedrückt, so haben wir dennoch Zuversicht auf unser himmlisches Erbe. Wir dürfen vertrauen, dass uns Maria als Mutter aller Gläubigen beisteht und alle Anliegen und Nöte vor ihren Sohn bringt. Wenn wir mit ihr verbunden sind in Freude und Leid, wird sie uns hinführen zur seligen Vollendung bei Gott.

Beten wir darum, dass alle Menschen die Gnade Gottes annehmen und niemand seine Liebe zurückweist! Wenn Gottes Reich sich offenbart in Herrlichkeit, dann wird alle Sehnsucht erfüllt und unser Glück in der Gemeinschaft mit Maria und allen Engeln und Heiligen des Himmels vollendet. Amen

(*) Andreas Kossert –„Kalte Heimat“ – Die Geschichte der Deutschen Vertriebenen nach 1945, Siedler-Verlag München. ISBN 978-3-88680-861-8

 


Pater Lothar Groppe ist seit 60 Jahren Priester

Von Felizitas Küble

Der weithin bekannte Jesuitenpater und Schriftsteller Lothar Groppe erreichte gestern (30. Juli) das gesegnete Alter von 92 Jahren; heute  – am 31. Juli 2019  –  feiert der Geistliche in Berlin sein 60-jähriges Priesterjubiläum.

Der glaubensstarke Gottesmann hat noch vor drei Jahren ein fundiertes Sachbuch veröffentlicht, das sich vor allem mit der Rettung von Juden und „nichtarischen Katholiken“ in Wien befaßt.

Der Titel lautet: „Kirchlicher Einsatz für Juden im Dritten Reich“. (Näheres hier: https://charismatismus.wordpress.com/2016/09/28/wie-jesuitenpater-ludger-born-und-sr-verena-buben-bedrohte-juden-retteten/)

Lothar Groppe kam am 30. Juli 1927 im westfälischen Münster als Sohn des späteren Generalleutnants Theodor Groppe zur Welt. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Westfalen, Ostpreußen, Oberschlesien, Pommern, Hessen und Bayern.

Nach Kriegseinsatz studierte er Rechtswissenschaft und trat am 7. September 1948 in die „Gesellschaft Jesu“ ein. Es folgte das Lizenziat der Philosophie, am 31. Juli 1959 empfing er die Priesterweihe.

P. Groppe wirkte jahrzehntelang als Krankenhausseelsorger in Bad Pyrmont und als Schriftsteller, zeitweise auch als Gemeindepfarrer in Österreich, als Dozent und Militärdekan an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg sowie als Leiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan.

BILDER: Titelfotos zweier Bücher von Pater Groppe: „Theodor Groppe – der Schwarze General“ und „Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich“

Von 1973 bis 1987 hielt er Vorlesungen und Seminare für die österreichischen Generalstabs-Lehrgänge.

Der Geistliche ist nicht nur Sohn des Widerstandskämpfers Theodor Groppe, sondern hat selber als Schuljunge von 12 Jahren deutlich gegen Hitler Stellung bezogen. Er war mehrfach „Gast“ der Gestapo. Nach dem Krieg wurde er von der Besatzungsmacht als „politischer Verfolgter“ anerkannt.

Sein Vater Theodor Groppe war Generalleutnant und Divisionskommandeur am Westwall. Man nannte ihn wegen seiner grundkatholischen Haltung den „Schwarzen General“. Im 1. Weltkrieg erhielt er zahlreiche Tapferkeitsauszeichnungen, darunter den höchsten Orden Pour le Mérite, der nur 687 mal vergeben wurde. (Im Vergleich dazu wurden im 2. Weltkrieg 6 bis 8 Millionen „Eiserne Kreuze“ verliehen.)

In der Stadt Hanau, wo Theodor Groppe einige Zeit gewirkt hatte, wurde eine Straße nach ihm benannt (siehe Foto).

Die Tugend der Tapferkeit liegt anscheinend in der Familie Groppe. Auch der Vater des „Schwarzen Generals“ war Offizier und wurde dann Verleger. Im Kulturkampf druckte er die verbotenen Hirtenbriefe des Bischofs von Trier und wurde wegen „Majestätsbeleidigung“ zu zwei Jahren Gefängnis und hoher Geldstrafe verurteilt. Die Gefängnisstrafe wurde in Festungshaft verwandelt, weil er Offizier war.

Weil Theodor Groppe den NS-Schergen widerstand, insbesondere SS-Reichsführer Himmler widersprach, wurde er 1942 militärisch degradiert, aus der Wehrmacht ausgestoßen und im August 1944 von der Gestapo verhaftet. Durch Flucht aus der Festung Küstrin entging er der geplanten Hinrichtung und konnte die Kriegszeit überleben.

Der mutige General verhinderte durch seinen Schießbefehl gegen Judenverfolger eine von der NSDAP befohlene „Volkskundgebung gegen die Juden“. Vor allem bei Juden im Saarland war er als „Retter“ bekannt und bewundert.

Sein Sohn Lothar hielt sich auch selber an die geradlinige und unbeugsame Art seines Vaters. Er widerstand dem braunen ebenso wie später dem roten Zeitgeist und orientierte sich klar an christlichen Prinzipien und der katholischen Glaubenslehre. Seine Predigten und Vorträge waren gehaltvoll, mitreißend, präzise und bodenständig.

Der schwungvolle Pater publizierte jahrzehntelang in dutzenden Zeitungen und Zeitschriften von „Theologisches“ über die „Junge Freiheit“ oder die „Preußische Allgemeine Zeitung“ bis zu „Soldat im Volk“ oder Schriften des BdV (Bund der Vertriebenen).

Seine klare katholische Ausrichtung hinderte ihn keineswegs daran, eine vernünftige Ökumene mit theologisch konservativen Protestanten zu pflegen. So schrieb er z.B. regelmäßig für die Zeitschrift „Erneuerung und Abwehr“ der Evangelischen Notgemeinschaft und hielt Reden vor evangelikalen Initiativen. 

Bis heute steht der Geistliche im freundschaftlichen Kontakt mit evangelischen Christen. So half ihm z.B. der Unternehmensexperte und Publizist Dr. Bernd F. Pelz (siehe Foto) sachkundig beim Lektorat und der Erstellung des Groppe-Buches über „Kirchlichen Einsatz für Juden im Dritten Reich“. Außerdem unterstütze Dr. Pelz seinen priesterlichen Freund tatkräftig bei mehreren Umzügen.

Pater Groppe SJ gehörte zu dem vom deutschen Juden Gerhard Löwenthal („ZDF-Magazin“) mitgegründeten „Konservativen Büro“ in Bielefeld. 

Ähnlich wie der  –  ebenfalls NS-verfolgte  –  Löwenthal setzte sich Groppe stets für einen gesunden Patriotismus und entschieden für die deutsche Wiedervereinigung ein; zudem würdigte er die Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten und erinnerte immer wieder an ihr tragisches Schicksal, was oftmals wütende Schmähkritik von links hervorrief.

Der Geistliche hatte guten Kontakt mit Erzbischof Johannes Dyba, dem am 23. Juli 2000 plötzlich verstorbenen Oberhirten von Fulda. Im Dyba-Gedenkband „Der Löwe von Fulda“ aus dem KOMM-MIT-Verlag (siehe Foto) ist ein fundierter Beitrag von Pater Groppe enthalten. Darin würdigt er den unerschrockenen Bischof von Fulda sowohl als Bischof wie auch als Mensch und Mitbruder.

Pater Groppe wirkte von 1982 bis 2007 als Krankenhauspfarrer in Bad Pyrmont. Einige Zeit später war er als Seelsorger an einer Mutter-Kind-Klinik in Timmendorfer Strand tätig. Seit August 2015 lebt der unbeugsame Geistliche im Seniorenheim des Jesuitenordens in Berlin-Kladow.

Seine Freunde sowie unser Christoferuswerk und KOMM-MIT-Verlag wünschen ihm ein frohes Priesterjubiläum und Gottes reichen Segen!


Fachtagung zum Widerstand gegen die NS-Diktatur in Schlesien und im Sudetenland

Von Stefan P. Teppert

Die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus war zunächst vor allem eine Geschichte des Scheiterns. Auch die Überlebenden der Verschwörung des 20. Juli 1944 machten die Erfahrung, dass noch in den 1950er Jahren ein Drittel der Bevölkerung das Attentat missbilligte.

Eine wesentliche Veränderung brachten erst die in den 1960er Jahren beginnenden Zeitzeugentagungen. Die Öffnung der Widerstandsbetrachtung in der wissenschaftlichen Zeitgeschichtsforschung hin zu einer Gesellschafts- und Alltagsgeschichte war verbunden mit einer vielfachen Erweiterung der Perspektiven und einer daraus abgeleiteten Differenzierung des Widerstandsbegriffs. 

Neben die Erörterung des politisch-militärischen Widerstands trat jetzt die Diskussion um einen nach Stufen differenzierten Begriff. In der Rezeptionsgeschichte veränderte sich – in den beiden deutschen Staaten höchst unterschiedlich – die Beurteilung als Verrat über Mythenbildung und moralische Vorbildfunktion bis zur wissenschaftlichen Differenzierung und konfliktiven  geschichtspolitischen Instrumentalisierung.

In der Debatte um den Widerstand spiegeln sich auch die verschiedenen Urteile über das mit ihm verbundene Zukunftspotential. An diesem Punkt beginnt die Fragestellung einer Zeithistorischen Fachtagung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Köln vom 15./16. Oktober 2018.

Diese Veranstaltung im Maternushaus wollte die Konzepte und Vorstellungen der Oppositionellen bzw. der Persönlichkeiten des Widerstands in Ober- und Niederschlesien und im Sudetenland für die „Zeit danach“ herausarbeiten und den Wegen und Umwegen im Umgang mit diesem Widerstand nachgehen. Die Tagung sollte den Auftakt bilden für eine den Widerstand in weiteren Regionen des Ostens beleuchtende Reihe.

Christine Czaja (Stuttgart), die stellv. Vorstandsvorsitzende der Kulturstiftung, älteste Tochter des früheren Stuttgarter Bundestagsabgeordneten und langjährigen BdV-Präsidenten Dr. Herbert Czaja, stellte der Tagung den bekannten Ausspruch des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters, Nazi-Gegners und späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer als Motto voran: „Das Wichtigste ist der Mut!“

Sie konnte zahlreiche Teilnehmer, darunter auch etliche Angehörige der Familien auf der Tagung betrachteter schlesischer Gegner des Nationalsozialismus, begrüßen.

Ulrich Hutter-Wolandt (Berlin), Kirchenhistoriker, zeigte das sich wandelnde Selbstbild der evangelischen Kirche in Deutschland in ihrem Verhalten gegenüber dem Nationalsozialismus. In der ersten Phase der kirchlichen Zeitgeschichtsschreibung bis Ende der 1960er Jahre wurden Teile des Protestantismus mit breiten Konsenszonen zum Nationalsozialismus ausgeblendet. Erst Ende der 1960er Jahre erfolgte eine Neuorientierung.

Zur Modernisierung in Profil und Arbeitsweise trugen die Ausweitung des Forschungsgegenstands sowie eine die Konfessionen und die NS-Zeit übergreifende Perspektive ebenso bei wie der Verzicht auf einen heilsgeschichtlichen Ansatz, der Abschied vom heroischen „Kirchenkampf“ als Epochenbegriff sowie die Reflexion des eigenen methodischen Vorgehens und der Zielsetzung ab 1985.

Dr. Pia Nordblom (Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz) beschäftigte sich mit Eduard Pant, einem ostoberschlesischen Politiker in Polen, dessen Wirken in Polen erst mit der Wende 1989 gewürdigt wurde. Pant war zeitlebens zutiefst im Katholizismus verwurzelt, betätigte sich kommunalpolitisch, gewerkschaftlich und journalistisch. Seine kompromisslose Haltung gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung hatte zur Folge, dass er als Führungspersönlichkeit des deutschen katholischen Lagers konsequent entmachtet wurde.

Damit begann der zweite Teil seiner Vita als oppositioneller Journalist. Pants Handeln zeige, „dass es innerhalb der Minderheit Alternativen zu Gleichschaltung, Anpassung und Handlangerschaft für den Nationalsozialismus gegeben hat“.

Für ungewöhnlich und seiner Zeit weit vorausgreifend hielt Dr. Nordblom Pants Modell für das Zusammenleben von unterschiedlichen Nationalitäten in einem Staat. Diese Ideen, die Pant zu einem Mittler zwischen Deutschen und Polen werden ließen, seien nach wie vor aktuell.

Prof. Dr. Konrad Glombik (Universität Oppeln/ Opole) beschrieb die Kompliziertheit des Themas Widerstand in Polen und speziell in Oberschlesien wegen schlechter Forschungslage, einer vorherrschenden pro-polnischen Erwartungshaltung sowie der ethnischen Mischung und Präsenz deutscher wie polnischer Konspirationsorganisationen, Widerstands- und Partisanengruppen. Glombik skizzierte den Lebenslauf zweier entschiedener Nazi-Gegenspieler: Graf Michael von Matuschka und Prälat Carl Ulitzka.

Graf v. Matuschka setzte sich für die Wiederherstellung normaler deutsch-polnischer Beziehungen ein. Im September 1944 wurde er im Gefängnis Berlin-Plötzensee erhängt, obwohl er aus seiner religiösen Überzeugung heraus eine Beendigung der Hitler-Herrschaft durch Gewaltanwendung abgelehnt hatte und kein aktiver Verschwörer gewesen war.

Prälat Carl Ulitzka engagierte sich trotz Verbots für die polnische Sprache und Tradition in Oberschlesien. 1939 wurde er aus seiner Heimat verbannt, 1944 in Berlin verhaftet und vier Monate im Konzentrationslager Dachau festgehalten.

Ausschlaggebend für Ulitzkas Inhaftierung sei wohl nicht seine Ablehnung der Nazi-Herrschaft gewesen, sondern die mutmaßliche Zugehörigkeit zum organisierten Widerstand. Glombik warb dafür, dass diese und nicht wenige andere Personen sowie eine breite Schicht der Bevölkerung in Oberschlesien, die gegen das NS-Regime auftraten, in ihrer Haltung und ihren Beweggründen Gegenstand weiterer Forschung werden sollten.

Prof. Dr. Günter Brakelmann (Ruhr-Universität Bochum) stellte die Papiere der Mitglieder des Kreisauer Kreises von 1943 vor, in denen „Grundsätze für die Neuordnung“ für die Zeit nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft festgehalten wurden. Ihr Ziel war ein umfassender Neuaufbruch von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft nach den Erfahrungen in Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Zeit.

Die Anerkennung der unverletzlichen Würde der menschlichen Person sollte die alles andere bestimmende Grundnorm sein. Die verbindende Klammer zwischen Katholiken, Protestanten und Sozialisten im Kreis war die Rückbesinnung auf die kirchliche Naturrechtslehre. So konnten sie sich auf einen dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Marxismus einigen. Die Kreisauer haben, schloss Brakelmann, den großen weltanschaulichen und ordnungspolitischen Kompromiss vorbereitet, wie er 1949 in die Verfassung der BRD einging.

Helmut Scheunchen (Violoncello) und Günter Schmidt (Klavier), Angehörige des „Malinconia-Ensembles Stuttgart“, boten eine Konzertsoirée mit Werken „Aus schwerer Zeit“, ein vielseitiges, exquisites Programm mit Kompositionen zwischen 1933 bis 1945 vorgestellt von Komponisten aus den untergegangenen deutschen Kulturlandschaften im Osten: den baltischen Landen, aus Ostpreußen, Schlesien und dem Sudetenland.

Christine Maria Czaja und Dr. Ernst Gierlich (Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn) lasen zwischen den Stücken erschütternde Zeitzeugnisse: den letzten Brief Helmuth James Graf von Moltkes aus dem Gefängnis vom 10. Januar 1945, mit gefesselten Händen geschriebene Kassiber aus dem Gefängnis von P. Alfred Delp SJ aus den Jahren 1944 und 1945.

BILD: Christine M. Czaja und Dr. Ernst Gierlich (Foto: S. Teppert)

Prof. Dr. Karl-Joseph Hummel (Meckenheim) eröffnete den zweiten Tag mit einer „Skizze“ zum Leben und Wirken von Paulus van Husen, einem auch dem Publikum Unbekannten aus dem Kreisauer Kreis.

Van Husen nahm als juristischer Berater der Verschwörer dort eine zwar unspektakuläre, aber gewichtige Funktion ein, hatte einen erheblichen Anteil an den Grundsatzdokumenten des Kreisauer Kreises. Mit dem geplanten Mordanschlag auf Hitler tat er sich aus seiner christlichen Überzeugung heraus schwer, sah aber im vertrauensvollen Kontakt mit Moltke, Wartenburg und Stauffenberg die Unumgänglichkeit eines Attentats.

Im Gegensatz zu einigen durch Henkershand umgekommenen Kreisauer Freunden hatte van Husen das lebensrettende Glück, dass sein Prozess durch den Tod Freislers verzögert und abgespalten wurde. Später war er an der Gründung der CDU sowie am Aufbau einer Verfassungsgerichtsbarkeit beteiligt, wurde Präsident des Verwaltungsgerichtshofs in Münster und des Verfassungsgerichtshof von NRW. Van Husen starb 1971 mit 80 Jahren in Münster.

Prof. Dr. Aleksandra Chylewska-Tölle (Adam-Mickiewicz-Universität Posen/Poznań) bot eine zusammenfassende Darstellung der Entwicklung des polnischen Diskurses zum deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus seit 1945. Anfangs billigten polnische Historiker nur den Aktivitäten von kommunistischen Gruppierungen und ihren Verbündeten die Ehre des Widerstands zu, während sie die Haltung der katholischen Kirche im Dritten Reich eher als „vorsichtige Missbilligung“ verstanden.

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde als „erfolgloses Unternehmen der imperialistischen Klassenherrschaft“ bezeichnet. In den 1960er Jahren waren die polnischen Bischöfe die ersten, die öffentlich auch die deutschen nicht kommunistischen Widerstandskämpfer erwähnten. Seit den 1970er Jahren konnten zudem in Polen die Abhandlungen deutscher Historiker zum Thema erscheinen.

Weitgehend unumstritten bleiben in polnischer Forschung und Öffentlichkeit die Aktivitäten des Kreisauer Kreises sowie der „Weißen Rose“. Jedoch sei die Erinnerung an den deutschen Widerstand auch heute noch vielen Polen ein Dorn im Auge, wodurch das Thema leicht von der Politik instrumentalisiert werden könne.

Prof. Dr. Rainer Bendel (Institut für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, Tübingen) sprach „Zum Beitrag katholischer Vertriebener zur Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland“ und konzentrierte sich dabei auf zwei paradigmatische Personen: Hans Schütz und Herbert Czaja.

Von dem in Nordböhmen geborenen Schütz gingen umfassende Impulse für eine neue Ordnung aus, in der die zehn Millionen Vertriebenen zu Bausteinen eines prosperierenden Landes wurden. Seit 1947 war er einer der wichtigsten Vorkämpfer der Idee des Lastenausgleichs, der dann eine pazifizierende Wirkung entfaltete. Für das bayerische Flüchtlingsgesetz 1947 leistete er einen wesentlichen Beitrag.

Herbert Czaja (siehe Foto) sei nicht nur im Hinblick auf die Flüchtlings- und Kriegsgeschädigtenfürsorge, sondern später auch im Bundestag als Mitgestalter der sozialpolitischen Gesetzgebung auf der Grundlage der katholischen Sozial- und Naturrechtslehre bedeutsam.

Wie sie waren auch viele andere Vertriebenenpolitiker der CDU und CSU aktive Mitglieder der Christlichen Volkspartei, die später von den Nationalsozialisten verboten wurde. Der beträchtliche Beitrag der Vertriebenen und vor allem der katholischen Sozialpolitiker aus ihren Reihen sei indes bislang kaum gewürdigt worden.

Dr. Otfried Pustejovsky (Ackermann-Gemeinde, Waakirchen) sprach zum „christlich, humanistisch und politisch motivierten Widerstand in den böhmischen Ländern, ein weithin unbekanntes Thema, das aber in einem allgemeinen deutschen Geschichtsbild verankert werden müsse.

Im Herbst 1938 begründete der Augustiner-Chorherr Roman Karl Scholz die erste Widerstandsgruppe in Österreich, die „Österreichische Freiheitsbewegung“. Infolge ihrer Denunzierung gab es Dutzende Verhaftungen und zehn Hinrichtungen. Mehr als in Deutschland sei zur Erforschung des Widerstands in Tschechien geschehen.

Pustejovsky versuchte ansatzweise, die wichtigsten Protagonisten des sudetendeutschen Widerstands aus katholischen Kreisen ins Bewusstsein zu rufen, darunter den Germanisten Lanzendörfer, Eduard Schlusche und Hanns Georg Heintschel-Heinegg.

Diese jungen Leute hätten bereits vor Beginn des Krieges konkrete Vorstellungen gehabt, dass danach eine Neuordnung Europas erforderlich werde. Zwar nicht auf gleicher Ebene wie der Kreisauer Kreis, aber aus allen Schichten und in kleineren Gruppen habe es über die Gesamtfläche der böhmischen Länder Widerständler gegeben, die bereit waren, ihr Leben einzusetzen.

Prof. Dr. Karl-Joseph Hummel dankte abschließend den Teilnehmern für ihre Präsenz und vor allem Christine Czaja für ihr beharrliches Arbeiten an der Entstehung dieser bereits von ihrem 1997 verstorbenen Vater Dr. Herbert Czaja angeregten Tagungsreihe.

In den Jahren 2019 und 2020 sollen Fachtagungen zu exemplarischen Nazi-Kontrahenten in Ost- und Westpreußen sowie in Pommern und Posen, sodann zu solchen bei deutschen Volksgruppen in Südosteuropa folgen.


Heute pilgerten Grafschafter nach Telgte

Von Felizitas Küble

Die Grafschaft Glatz war eine besonders katholisch geprägte Gegend in Schlesien mit einigen Wallfahrtsorten, die dort heute noch Pilger anziehen.

Vertriebene Katholiken und ihre Nachkommen aus der Grafschaft treffen sich jährlich in Telgte, einem kleinen, aber viel besuchten Marienwallfahrtsort im Münsterland.

Dort findet stets am Freitagabend eine Lichterprozession statt, teils durch das Städtchen Telgte, manchmal auch an den Emswiesen entlang wie diesmal, wobei der Flußlauf durch Wald und Fluren malerisch eingebettet ist; außerdem ist es eine Glaubenslandschaft mit Bildstöcken und einem großen Kreuzweg.

Am Samstag gibt es einen Festgottesdienst, verschiedene Veranstaltungen, Beichtgelegenheiten und eine feierliche Schlußandacht in der städtischen Clemenskirche, die sich direkt neben der Gnadenkapelle befindet, wo seit Jahrhunderten die Pieta (schmerzhafte Mutter mit dem Christusleichnam auf ihrem Schoß) verehrt wird. 

Die schlesischen Grafschafter haben ihre alte, leider verlorene Heimat nicht vergessen;  zugleich haben sie in Westfalen und besonders im Münsterland ein neues Zuhause gefunden – eine ebenfalls katholisch geprägte Region. Diesmal trafen sie sich bereits zum 72. Mal in Telgte.

Die Lichterprozession begann mit einer Andacht mit Gebeten, Marienliedern und einer Predigt von Diakon Norbert Kriesten aus Gummersbach, die unter dem Motto stand: „Der Engel des HERRN brachte Maria die Botschaft“. Dieses uralte Gebet  – der Angelus  –  wurde auch gemeinsam gesprochen. 

Danach zogen die ca. 140 Pilger  – darunter viele Priester  – mit einem großen Vortragskreuz, einer Fahne mit der Telgter Madonna und einer Marienstatue auf einem Tragegestell auf den Emswiesenweg vorbei an den Stationen des Kreuzwegs und den „Bäumen der Freundschaft“, denn Telgte pflegt Städtepartnerschaften mit amerikanischen, polnischen und russischen Städten. 

Der Gebetszug endete vor der wunderbar renovierten Marienkapelle. Dort hielt Prälat Franz Jung vor Geistlichen und Gläubigen eine Ansprache an die Gläubigen.

Der Großdechant aus Münster berichtete von seiner unlängst erlebten Reise durch die Grafschaft Glatz im heutigen Polen, an der sich weitere heimatverbundene Grafschafter beteiligten. Danach spendete er seinen priesterlichen Segen.

Die Pilger zogen sodann in die nahegelegene Clemens-Kirche, wo eine kurze Abschlußandacht stattfand. An den Gottesdiensten und der Lichterprozession nahm  – wie bereits im Vorjahr –  auch der Propst von Telgte (Pfr. Dr. Michael Langenfeld) teil.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Fotos: Felizitas Küble

 


Was der estnische Präsident Lennart Meri den Deutschen 1995 ins Stammbuch schrieb

Von Felizitas Küble

Am Samstag, den 14. Juli, erhielten die drei baltischen Staaten  – darunter Estland –  in Münster unter dem fröhlichen Jubel vieler Bürger den Preis des Westfälischen Friedens.

Die estnische Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid (siehe Foto) nahm die Auszeichnung für ihr Volk und Land im Friedenssaal entgegen. Danach zeigten sich die drei Staatsoberhäupter auf dem Balkon des historischen Rathauses und wurden begeistert gefeiert. Auch der deutsche Bundespräsident Steinmeier war zu diesem Fest erschienen. (Näheres dazu in unserem Bericht: https://charismatismus.wordpress.com/2018/07/14/baltische-staaten-und-pfadfinder-erhielten-in-muenster-den-preis-des-westfaelischen-friedens/)

Estland hat sich ab 1989 mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ aus der sowjetischen Besatzung und Diktatur befreit – ohne Schuß und Gewalt, man spricht von einer „singenden Revolution“, ähnlich der deutschen „Revolution der Kerzen“, die den Fall der innerdeutschen Mauer einleitete.

Als erster Außenminister des unabhängigen Estland amtierte der Historiker Lennart Meri, ab 1992 war er langjähriger Staatspräsident bis 2001. Er verstarb am 14. März 2006, sein Grab liegt in der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Lennart Meri war nicht „nur“ Politiker, sondern zuvor auch Autor, Künstler, Schauspiel-Dramatiker, Filmproduzent und Intellektueller.

In der Zeit der sowjetischen Besatzung wurde er – wie viele andere Landsleute-  schon als Kind mit seiner Herkunftsfamilie nach Sibirien zu Schwerstarbeit deportiert.

Der Staatspräsident betonte stets seine Wertschätzung für Deutschland und die Deutschen. Besonders die deutschen Heimatvertriebenen aus dem Baltikum wußte er sehr zu würdigen  – aber nicht nur dies, er lud sie auch zur Rückkehr ein.

BILD: Biographie über Lennart Meri: „Leben für Estland“

Als der BdV (Bund der Vertriebenen) im Jahre 1999 den „Tag der Heimat“ beging, wandte sich Präsident Meri an die Deutsch-Balten und rief sie zur Rückkehr nach Estland auf: „Ihnen allen, die Sie ihre Wurzeln in Estland haben, sage ich aufrichtig: Von ganzem Herzen willkommen!“  – Im selben Jahr erhielt das estnische Staatsoberhaupt die Ehrenplakette des BdV.

Bereits am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober 1995, hielt Lennart Meri in Berlin eine aufsehenerregende Rede im Deutschen Bundestag.

Meris Mahnung: „Wenn man die Moral zur Schau stellt….“

Darin rief er die Deutschen zu mehr Selbstachtung auf; sie zeigten – so Meri – zu wenig Respekt vor sich selbst. Deutschland sei „eine Art Canossa-Republik“ geworden, eine Republik der Reue: Aber wenn man die Moral zur Schau stellt, riskiert man, nicht ernst genommen zu werden.“

Man könne einem Volk letzlich nicht trauen, das ständig mit einer intellektueller Selbstverachtung befaßt sei. Seine Ausführungen gipfelten in dem Satz:

„Für mich als Este ist es kaum nachzuvollziehen, warum die Deutschen ihre eigene Geschichte so tabuisieren, daß es enorm schwierig ist, über das Unrecht zu publizieren und zu diskutieren, das Deutschen angetan wurde, ohne schief angesehen zu werden – aber nicht von Esten und Finnen, sondern von Deutschen selbst.“

Der Sender Phönix hat damals die Übertragung dieser deutschfreundlichen Ansprache Meris abgebrochen  – ob absichtlich oder wegen technischer Probleme sei dahingestellt. (Hier der volle Wortlaut: http://www.deutschlandjournal.de/Deutschland_Journal_-_Jahresau/Deutschland_Journal_-_Jahresau/Festrede_von_Lennart_Meri.pdf)

Zu dieser Rede schrieb der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hornung in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ folgendes:

„Es verwunderte nicht, daß Meris Berliner Rede vom deutschen Establishment kühl aufgenommen wurde, denn dieser kluge Freund der Deutschen legte die Finger in die geistigen Wunden des großen Volkes in Mitteleuropa, das 1945 die schwerste Katastrophe seiner Geschichte erlitten hatte: sein so häufiges politisches Unvermögen, von dem seine Geschichte immer wieder berichtet, und seine kompensatorische Neigung zur Flucht in hypermoralische Praxis und lautstarke moralische Betroffenheit.

Dagegen postulierte Meri, daß gute und erfolgreiche Politik nur mit Selbstachtung betrieben werden kann, ohne Tabuisierung der eigenen Geschichte und Tradition.“

 


Regensburg: Bischof würdigt Glaube und Kultur der vertriebenen Donauschwaben

„Das Kreuz gehört in den öffentlichen Raum“

Anlässlich der 59. Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben hat Bischof Dr. Rudolf Voderholzer in der Basilika St. Anna in Altötting am Sonntagvormittag eine Pontifikalmesse gefeiert. Während der sehr ermutigend wirkenden Predigt bat der Regensburger Bischof die zahlreich Anwesenden, die Sonntagskultur stark zu halten, das Kreuz im öffentlichen Raum wertzuschätzen und die Marienverehrung zu pflegen.

Er erinnerte an die große Bedeutung der Donauschwaben sowie überhaupt der Lebensleistung der vertriebenen Gläubigen innerhalb Europas – bis heute und gerade angesichts der Lage des Kontinents in dieser Zeit.

Der Bischof, der von der Herkunft seiner Mutter aus dem Sudetenland sehr geprägt wurde, sagte: „Es bewegt mich tief, zu erleben, mit welcher Hingabe Sie die geerbten Traditionen pflegen.“

Angesichts des zunehmenden Einflusses des Islam in Europa betonte der Regensburger Bischof die Notwendigkeit, den christlichen Glauben zu leben und zu bekennen. Er forderte dazu auf, die Sonntagskultur zu leben, denn mit dem staatlichen Schutz sei es nicht getan. Zu den Formen einer zeitgemäßen Sonntagskultur gehöre nicht zuletzt die Tracht. Zahlreiche Donauschwaben waren in ihrer traditionellen Tracht zu diesem Gottesdienst erschienen (siehe Foto).

Außerdem erklärte Bischof Dr. Voderholzer, dass zu den Grundlagen des christlichen Europa das Kreuz gehört. „Das Kreuz gehört in den öffentlichen Raum: Ich verstehe es nicht, wenn der Bayerische Ministerpräsident sogar aus kirchlichen Reihen heraus kritisiert wird, weil er das Anbringen von Kreuzen in öffentlichen staatlichen Räumen angeordnet hat.“ 

Das Kreuz stehe für die vor-staatlich religiösen Wurzeln unserer Gesellschaft und für ein Fundament, das sich der Staat nicht geben kann und das er nicht garantieren kann. Allerdings werde auf die Dauer auch ein Erlass nicht helfen, wenn es nicht Menschen gibt, die die Religion des Kreuzes von innen her leben und lieben, erklärte der Bischof.

Schließlich erinnerte der Regensburger Oberhirte auch an die große Bedeutung der Marienverehrung. Wallfahrtswege seien die Pulsadern des christlichen Europa und die Marienwallfahrtsorte seien Knotenpunkte der christlichen Vernetzung.

Bischof Voderholzer würdigte die Tatsache, dass die Wallfahrt die Donauschwaben nach Altötting führt. Abschließend stellte er fest: „Die Vertriebenenverbände und Volksgruppen sind prädestiniert, Förderer eines vereinten Europas auf der Basis des christlichen Glaubens zu sein. Niemand weiß mehr um die Bedeutung und die Notwendigkeit eines vereinten Europas auf der Basis des Christentums als Sie!“

Die Donauschwaben sind eine Gemeinschaft mit einer besonderen gemeinsamen Geschichte: Aus deutschen Ländern kamen sie ab dem Ende des 17. Jahrhunderts aufgrund von gewährten Privilegien in Gegenden an der Donau, die heute in den Staaten Ungarn, Rumänien und Serbien liegen. Die österreichische Kaiserin Maria-Theresia u.a. hatte sie gerufen, um das Land zu kultivieren, das im Zuge der Türkenkriege verwüstet worden war. Bald brachten sie die Gegenden durch handwerkliches wie auch landwirtschaftliches Geschick zur Blüte.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs sowie nach Kriegsende flohen sie zum Teil. In großer Zahl wurden Donauschwaben, die geblieben waren, aber auch interniert, vertrieben oder zu vielen Tausenden in fürchterlichen Massakern ermordet. Schon immer spielte der katholische Glaube bei den Donauschwaben eine große Rolle, auch und gerade bei den Überlebenden, die diesen ihren Glauben bei ihrer Flucht und Vertreibung nach Österreich, Deutschland, weitere Länder Europas sowie überhaupt in die ganze Welt mitnahmen. 

Quelle (Text/Fotos): https://www.bistum-regensburg.de/news/sonntag-kreuz-maria-bei-der-christlichen-praegung-europas-haben-die-donauschwaben-eine-besondere-aufgabe-6151/


CSU würdigt sudetendeutsche Vertriebene als „vierten Stamm“ in Bayern

Der Freistaat erhöht staatliche Mittel für Vertriebenenarbeit

„Die Erinnerungen an die alte Heimat sind bleibender Teil unserer gemeinsamen deutschen Geschichte und Kultur.“  – Das stellt Staatssekretär Josef Zellmeier als vertriebenen-politischer Sprecher der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag fest.
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In dem Grußwort der Broschüre seiner Fraktion mit dem Titel „Nachbarn im Herzen Europas“, die beim Sudetendeutschen Tag in Augsburg 2018 verteilt wird, kündigt Zellmeier außerdem an, dass „die CSU-Landtagsfraktion gemeinsam mit der Bayerischen Staatsregierung die Arbeit und die Anliegen der Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler nach Kräften weiter unterstützen wird.“
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Dies zeige sich auch am Staatshaushalt mit einer deutlichen Steigerung der Mittel für die Vertriebenenarbeit.
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Zellmeier erinnerte an das Schicksal von über 14 Millionen Deutschen, die in Folge des Zweiten Weltkriegs Opfer von Flucht und Vertreibung wurden. In Bayern haben über zwei Millionen Landsleute aus den Vertreibungsgebieten eine zweite Heimat gefunden, darunter als stärkste Gruppe gut eine Million Sudetendeutsche.
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Der CSU-Politiker lobte, dass sich die Vertriebenen trotz ihres Schicksals nicht entmutigen ließen: „Sie haben in Bayern mit angepackt und neu angefangen. Sie haben ihre Lebenserfahrung, ihre Bildung und ihre reichen Kenntnisse in allen Branchen zum Wohle Bayerns und zum Wiederaufbau unseres Landes eingebracht.“
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Vor allem durch ihren Fleiß, ihre Tüchtigkeit und Einsatzbereitschaft hätten sich die Vertriebenen schnell integriert und seien bald zu einem unverzichtbaren Teil Bayerns geworden.
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Zellmeier erklärte abschließend:
„Wir als CSU-Landtagsfraktion werden den Heimatvertriebenen ihren Einsatz nicht vergessen und wir danken unserem ‚vierten Stamm‘ für seinen Beitrag beim Wiederaufbau unseres Landes nach dem Zweiten Weltkrieg!
Auch die Aufnahme von Aussiedlern und Spätaussiedlern bereichert unsere Gesellschaft seit Jahren. Sie gehören zu Bayern einfach dazu.“