Warum Deutsch eine jüdische Sprache ist

Von Chaim Noll

In einer Diskussion an der Ben Gurion Universität in Beer Sheva über die Zukunft der deutsch-jüdischen Literatur ließ die aus Wien stammende, heute in Amerika lebende Schriftstellerin Ruth Klüger den Satz fallen: „Deutsch ist eine jüdische Sprache“.

Niemand widersprach. Als wir vor rund zwanzig Jahren zum ersten Mal eine Konferenz über deutsch-jüdische Literatur an der Ben Gurion Universität veranstalteten, eine Konferenz, auf der zwangsläufig deutsch gesprochen wurde, obwohl die offizielle Konferenzsprache vorsichtshalber Englisch war, kam es zu Unmutsäußerungen der Bevölkerung.

FOTO: Unser Gast-Autor Chaim Noll ist deutsch-jüdischer Schriftsteller und lebt in Israel

Lange haben die deutschen Einwanderer in Israel ihre Sprache verleugnet. Viele haben innerhalb ihrer Familien nicht mehr Deutsch gesprochen, ihren Kindern und Enkeln die frühere Muttersprache vorenthalten, eine Sprache, in der Juden über Jahrhunderte in Deutschland, Österreich-Ungarn, der Schweiz, in Teilen Polens, der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern eine Sprachheimat hatten, in der sie ihre Geschäfte machten, an den Universitäten unterrichteten und literarisch brillierten.

In den frühen Kibuzim war es regelrecht verboten, deutsch zu sprechen, obwohl oder gerade weil ihre Erbauer oft zu einem großen Teil aus deutschsprachigen Ländern und Gebieten stammten.

Zum einen sollte die drakonische Maßnahme dem aus alten Büchern wiederbelebten Neu-Hebräisch helfen, sich in der extrem multikulturellen, aus aller Welt eingewanderten, etwa zweihundert Muttersprachen sprechenden jüdischen Bevölkerung des britischen Mandatsgebiets Palästina, später des jungen Staates Israel durchzusetzen.

Zweitens galt der deutschen Sprache die tiefe Aversion der Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland und den besetzten europäischen Ländern – die Sprache wurde absurderweise mit den Nazi-Tätern identifiziert, obwohl diese sie weder liebten noch wirklich beherrschten.

Daher war es in Israel über Jahrzehnte allgemeine Verabredung, die deutsche Sprache zu ignorieren und zu verachten. Trotz der damit verbundenen Einbußen:

So konnte fast niemand mehr – auch kaum ein Fachwissenschaftler – die Werke der Gründerväter des neuen Staates im Original lesen, denn Theodor Herzl, Moses Hess, Nathan Birnbaum und viele führende Zionisten schrieben deutsch. In dieser Sprache verständigte sich die Szene des säkularen Zionismus, deutsch führte sie ihre Debatten und Korrespondenzen, organisierte sie ihre Strukturen und Kongresse.

Deutsch scheint auch die Sprache der gebildeten Juden im Osten gewesen zu sein: Leo Pinsker, geboren in der Wojewodschaft Lublin im östlichsten Polen und russischer Staatsbürger, verfasste 1882 sein zionistisches Grundsatzpapier „Autoemancipation. Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden“ auf Deutsch – er sprach Russisch nur mittelmäßig, Hebräisch gar nicht und Jiddisch lehnte er als „Jargonsprache“ ab.

Feststellung des Verlusts

Auch die Gedankenwelt der deutsch-jüdischen Philosophie blieb fast allen Israelis in ihrer sprachlichen Subtilität verschlossen, sei es das Werk von Moses Mendelssohn, von Abraham Geiger, Franz Rosenzweig, Hermann Cohen, oder das Schrifttum eines für Israels religiöse Bevölkerung wegweisenden Rabbiners wie Samson Rafael Hirsch aus Frankfurt, der seinen berühmten, von Hunderttausenden Juden in aller Welt studierten Tora-Kommentar selbstverständlich in seiner deutschen Muttersprache schrieb. 

Sogar ein Sprachwissenschaftler und Islam-Forscher wie Ignaz Goldziher verfasste damals, obwohl er in Budapest lebte und lehrte, seine umfangreichen Bücher in deutscher Sprache.

FOTO: Die Menora  – der siebenarmige Leuchter  – ist neben dem Davidstern ein bekanntes Symbol des Judentums

Schon Mendelssohn hatte im späten achtzehnten Jahrhundert so nachdrücklich auf Deutsch als Sprache philosophischer Theorie und schöngeistiger Literatur insistiert, dass er seinen König, Friedrich den Zweiten von Preußen, für deren Vernachlässigung kritisierte.

In seinen um 1770 erschienen Literaturbriefen bedauert er, dass Friedrichs Gedichtsammlung  Poésies diverses nicht in deutscher, sondern französischer Sprache geschrieben war: „Welcher Verlust für unsere Muttersprache (sic!), dass sich dieser Fürst die französische geläufiger gemacht!“

Israelische Leser, der deutschen Sprache entwöhnt, blieben auf englische oder hebräische Übersetzungen angewiesen, um die Gedanken deutschsprachiger Denker zu rezipieren, obwohl noch die eigenen Eltern oder Großeltern diese Sprache gesprochen und gelesen hatten.

Dabei waren gerade die philosophischen und theologischen Vordenker der jüdischen und israelischen Moderne im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit ihren an Kant und der deutschen Philosophie-Sprache geschulten Schachtelsätzen, Substantivierungen und kühnen Begriffsschöpfungen oft nicht adäquat übersetzbar.

Texte von Abraham Geiger, Franz Rosenzweig oder Rabbi Samson Raphael Hirsch kann eigentlich nur ein Kenner der deutschen Sprache in all ihren Feinheiten verstehen.

Deutsch-jüdische Literatur

Am stärksten litt die Rezeption der deutsch-jüdischen Literatur. Seit Jahren erbe ich Bücher aus opulenten deutschsprachigen Bibliotheken, deren Besitzer sterben, ohne dass jemand in ihrer Familie mit ihren Schätzen etwas anfangen könnte, mit den berühmten Erstausgaben der jüdischen Verlage der Weimarer Republik und Österreichs, Samuel Fischer, Kurt Wolff, Czolnay, Cassirer, den in Leder gebundenen Kunstbänden von Klemperer und Meyer-Graefe, den Romanen, Novellen, Gedichten von Arthur Schnitzler, Hofmannsthal, Harden, Wassermann, Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig, Julius Bab, Kafka, Max Brod, Franz Werfel, Feuchtwanger, Schalom Asch. 

Diese oft hundert Jahre alten Bücher, in einer heute vergessenen Grandezza der Ausstattung, mit kostbaren Einbänden, Vorsatzpapieren, Vignetten und Illustrationen, mit Golddruck und seidenen Lesebändern, fallen mir in den Schoß – einzig aus dem Grund, weil ich  deutsch lesen kann.

Und so sehr mich die unerwarteten Geschenke freuen, die mir manchmal kistenweise ins Haus kommen und wunderbare Lesestunden bescheren, so sehr bedauere ich, dass die eigentlichen Erben, die in Israel geborenen Kinder und Enkel der Verstorbenen, unfreiwillig darauf verzichten müssen.

Die Literatur der Juden in deutschsprachigen Ländern ist ein für das heutige westliche Selbstverständnis bedeutendes Phänomen, indem sie den über Jahrhunderte währenden Prozess der Einwanderung und Akkulturation in diesen Ländern widerspiegelt.

Deutsch-jüdische Literatur reflektiert gesellschaftliche Verhältnisse über einen Zeitraum von fast zwei Jahrtausenden. Die erste bekannte Erwähnung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland in einem Edikt Kaiser Constantins aus dem Jahre 321 lässt auf noch frühere Existenz von Juden im deutschen Sprachraum schließen, da in diesem Edikt bereits von einer reichen, etablierten Gemeinde in Colonia, dem heutigen Köln, die Rede ist, von deren Repräsentanten der römische Kaiser verlangt, endlich ihrer Bedeutung entsprechende öffentliche Ämter zu bekleiden.

Frühe Gemeinden bestanden vermutlich bereits um die Zeitenwende, in den römischen Gründungen entlang des Rheins, in Garnisonsstädten in Süddeutschland, vor allem in Bayern und Franken, ferner – gleichfalls früh bezeugt – im heutigen Österreich.

Auch Versuche jüdischer Dichter in der deutschen Sprache sind früh belegt, etwa des mysteriösen Süßkind von Trimberg aus Franken. Sein Auftauchen im Codex Manesse dokumentiert ihn als vergleichsweise frühen Autor in der erst relativ spät entstehenden deutschen Literatur.

Die sich im Mittelalter – gegenüber dem Reich Karls des Großen – verschlechternde Situation der Juden findet ihren Niederschlag im Rückgang literarischer Äußerung in deutscher Sprache.

Bekannt werden einige jüdische Disputanten, besonders Josel von Rosheim im späten 15. Jahrhundert, die in den öffentlichen Debatten, ausgelöst durch anti-jüdische Hetzschriften, die Position der Juden verteidigen und bei dieser Gelegenheit ihre Beherrschung der deutschen Hochsprache demonstrieren.

Die aus der deutschen Sprachöffentlichkeit verbannten Juden hinterlassen dafür eine umso tiefere Spur im hebräischen Schrifttum dieser Zeit, sowohl im talmudischen – am bekanntesten Rabbi Shimeon bar Izchak, genannt Raschi, in Mainz und Worms – als als auch in der hebräischen Poesie, wie Yehuda ha Chassid, Meir von Rothenburg, Shimeon bar Isaak und andere. 

Raschi gehört bis heute zu den meist gelesenen jüdischen Autoren weltweit. Eine besondere Entdeckung für deutschsprachige Leser seines berühmten Tora-Kommentars sind die gelegentlich im hebräischen Text auftauchenden deutschen Wörter, allerdings in hebräischen Lettern geschrieben, dort, wo Raschi meinte, das deutsche Wort drücke, was er sagen wollte, am prägnantesten aus.

Sie verraten ausgeprägtes Sprachgefühl im Deutschen, das Raschi perfekt beherrschte, wenn er sich dieser Sprache auch nicht offiziell bediente. Andere deutsch-jüdische Autoren dieser Jahrhunderte schreiben jiddisch wie Glückel von Hameln. Bis ins 18.Jahrhundert bleiben durchweg deutsch schreibende jüdische Autoren eine Ausnahme.

19. Jahrhundert: Emanzipation, Assimiliation und moderner Zionismus

Das änderte sich grundlegend mit der Befreiung der deutschen Juden aus dem Ghetto und ihrer beginnenden bürgerlichen Emanzipation. Ende des 18.Jahrhunderts gelangte die deutsch-jüdische Literatur zu ihrer eigentlichen Ausprägung und  Bedeutung.

Ihre Entfaltung ging einher mit der haskalah-Bewegung, die innerhalb des deutschen Judentums für größere Öffnung gegenüber der deutschsprachigen Kultur und stärkere Assimilation plädierte. Bei einigen deutschsprachigen Autoren dieser Zeit ging die Annäherung bis zum religiösen Übertritt ins Christentum, bei Rahel Varnhagen, Heine und Börne, auch beim jungen Karl Marx.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlangten die Juden in Deutschland bis zu einem gewissen Grad die bürgerliche Gleichstellung, stießen jedoch noch immer auf unüberwindliche Barrieren (keine Professuren, Verbeamtungen etc.).

Die Schaffung des Identitätsraums „Jude in Deutschland“ und Probleme im Spannungsfeld „Assimilation – jüdisches Selbstgefühl“ stehen im Mittelpunkt der literarischen Auseinandersetzung der bedeutenden deutsch-jüdischen Autoren dieser Zeit.

Rasch entstand eine jüdische Belletristik in deutscher Sprache mit namhaften, viel gelesenen Romanciers, Poeten und Dramatikern wie Berthold Auerbach, Karl Emil Franzos, Fanny Lewald oder dem frühen Nobelpreisträger Paul Heyse. Andere beteiligten sich als politische Publizisten und Redner aktiv an der Durchsetzung der bürgerlichen Rechte in Deutschland, etwa Johann Jacoby, von dem der berühmte Satz stammen soll: „Es ist  das Unglück der Könige, dass sie die Wahrheit nicht hören wollen.“

Jüdische Autoren waren maßgeblich an der Entstehung einer kritischen Publizistik beteiligt (die in Deutschland bekanntermaßen sehr viel später als anderswo aufkam), Moritz Saphir, Ernst Dohm oder Julius Rodenberg, vor allem der fulminante Maximilian Harden, der mit Hilfe seiner Zeitschrift Die Zukunft führende Politiker des wilhelminischen Deutschland in große Bedrängnis brachte.

Die Mitwirkung der deutschen Juden am Aufstieg des deutschen Kaiserreichs erreichte ihren Höhepunkt in den sogenannten „Goldenen Jahrzehnten“ der deutschen Juden zwischen der Reichsgründung 1871 und den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Von Anbeginn waren deutsche Juden aktiv am Aufbau des deutschen Reiches beteiligt, auf fast allen Gebieten, darunter auch – für die Öffentlichkeit am meisten spürbar – als Politiker und Parlamentarier, die schriftstellerisch hervortraten.

Auf der anderen Seite beeinflussten jüdische Denker weitgehend das Profil der Opposition, vor allem des deutschen und österreichischen Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Marx, Bernstein, Lassalle oder Rosa Luxemburg. Zur gleichen Zeit entstand die Literatur des modernen Zionismus, dessen bahnbrechende Schriften – politisch, wirtschaftlich oder religiös – wiederum von deutschsprachigen Autoren stammen.

Weimarer Republik: Jüdisch geprägte Kulturblüte

Andere leisteten Wesentliches bei der Errichtung und Profilierung der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, nach Ende des Weltkriegs. Parallele Entwicklungen vollzogen sich in Österreich, wo gleichfalls das Kaiserreich von einer Republik abgelöst wurde, in der wiederum Juden eine große öffentliche Rolle spielten.

Die noch in der Kaiserzeit üblichen Behinderungen für Juden entfielen, das religiöse Bekenntnis nahm keinen Einfluss mehr auf die Vergabe öffentlicher Ämter, so dass Juden in fast allen Bereichen und Rängen der Gesellschaft tätig werden konnten.

Der zunehmenden Integration stand jedoch ein wachsender Antisemitismus gegenüber, der zunächst von politischen Gegnern der Republik ausging, dann auf größere Kreise der Bevölkerung übergriff. Dennoch gelangten die deutschen und österreichischen Juden zu einer öffentlichen Bedeutung wie niemals zuvor.

Jüdische Publizistik gewann immensen Einfluss auf das öffentliche Klima, teilweise mit spektakulären Wirkungen auf deutschsprachige Öffentlichkeiten, Autoren wie Theodor Wolff, Alfred Kerr, Tucholsky oder Karl Kraus, teilweise begünstigt durch Medienkonzerne jüdischer Gründer (Ullstein, Mosse) und jüdische Buch- und Zeitschriftenverleger.

Auch viel gelesene Philosophen wie Hermann Cohen und Edmund Husserl, Sozialwissenschaftler wie Georg Simmel, Psychologen wie Alfred Adler, Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld gelangten zu einem die Epoche prägenden Einfluss.

Zugleich gewann die belletristische Literatur deutsch-jüdischer Autoren eine Breitenwirkung, die den „jüdischen Hintergrund“ der (meist stark assimilierten, gelegentlich zum Christentum konvertierenden) Autoren nicht selten vergessen machte und ihre – wenngleich illusorische – Identifikation mit der deutschen Literatur dieser Tage begünstigte, Schriftsteller von unterschiedlicher literarischer Qualität, doch großer Beliebtheit beim deutschsprachigen Publikum wie Georg Hermann, Joseph Roth, Alfred Döblin, Vicky Baum, Arthur Holitscher, Emil Ludwig, Mascha Kaleko oder Else Ury, Verfasserin der populären „Nesthäkchen“-Romane, die 1943, als fast Siebzigjährige, in Auschwitz vergast wurde.

Vor allem aber bildeten jüdische Autoren die Avantgarde der literarischen Moderne. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die modernen Literaturströmungen in der deutschen Literatur, etwa die expressionistische Lyrik und Dramatik, ihre wesentlichen Impulse von Juden erhielten, von Ernst Blass, Jakob van Hoddis, Paul Kornfeld und Alfred Ehrenstein als Lyriker, Carl Sternheim und Walter Hasenclever als Bühnenautoren.

Andere Autoren erwiesen sich als visionäre Gestalten für die intellektuellen Diskurse kommender Jahrzehnte, sowohl im Literarischen, wie Kafka und Walter Benjamin, als auch in Philosophie und Sozialwissenschaften wie Karl Popper, Hans Jonas oder Norbert Elias. Das moderne deutsche Theater und das junge Medium Film verdankten ihre wesentliche Inspiration jüdischen Künstlern (Otto Brahm, Max Reinhardt, Erich von Strohheim oder Fritz Lang), die aus ihren deutschsprachigen Entstehungsländern bis nach Hollywood übergriff.

Die Jahre der Weimarer Republik stellen ein einzigartiges Phänomen von Kulturdurchdringung dar. Ein solcher Grad jüdischer Akkulturation ist in der langen jüdischen Geschichte fast beispiellos, vergleichbar allenfalls der Integration der Juden in den USA.

Als umso schrecklicher wurde der Absturz in die Katastrophe der Shoa empfunden. Eine englische Historikern beschreibt den beispiellosen Vorgang mit den Worten: „German Jewry, from the proudest, most assimilated, most secure of all European-Jewish communities, now became almost overnight a harried minority, struggling for unity and dignity under almost impossible conditions.”

NS: Jewish brain drain und deutsche Kulturkatastrophe

Judenhass war eins der zentralen Motive der Nationalsozialistischen Bewegung, die 1933 in Deutschland zur Macht kam. Dennoch gründeten in Deutschland verbliebene jüdische Künstler und Intellektuelle 1933 den „Kulturbund deutscher Juden“, um das über Jahrhunderte gewachsene Werk deutsch-jüdischer Kultur fortzusetzen.

Die Nationalsozialisten stimmten unter der Bedingung zu, dass sich der Kulturbund ausschließlich zu „jüdischer Thematik“ und für ein jüdisches Publikum äußerte: an Stelle der bisherigen Assimilation der deutschen Juden trat also zunächst ihre Segregation, dann, mit den 1935 erlassenen Nürnberger Rasse-Gesetzen, ihre Kriminalisierung und Verfolgung.

Allerdings arbeiteten jüdische Verlage und Zeitschriften noch bis weit in die Dreißiger Jahre und hielten sich dabei an ihre früheren editorischen Konzepte. So veröffentlichte der S.Fischer Verlag noch 1936 Thomas Manns biblisch orientierte Josephs-Romane, der Schocken-Verlag noch bis Frühjahr 1939 eine ganze Reihe mit Büchern jüdischer Autoren.

Rund eine Viertelmillion deutscher Juden emigrierte in diesen Jahren ins Ausland, infolgedessen entstand eine über alle Welt verstreute deutsch-jüdische Exil-Literatur mit Vertretern selbst an entlegenen Orten wie Neuseeland (Karl Wolfskehl) oder Mexiko (Anna Seghers), massiert jedoch in Nordamerika (Ernst Toller, Richard Beer-Hofmann, Bruno Frank, Siegfried Kracauer, Hermann Broch, Soma Morgenstern, Moritz Goldstein oder Hans Sahl), Westeuropa (Nelly Sachs, Alfred Wolfenstein, Ernst Sommer, F.B.Steiner, Ludwig Winder, Gabriele Tergit, Arthur Koestler, Manes Sperber, Mynona) und im späteren Israel (Else Lasker-Schüler, Max Brod, Martin Buber, Shalom Ben-Chorin, Ludwig Strauss, Gershom Sholem, Manfred Sturmann, Arnold Zweig, Werner Kraft, Leo Perutz, Anna Maria Jokl).

Aus dem Rückblick gesehen, trug die NS-Zeit eher zur Stärkung der deutsch-jüdischen Literatur als –  wie von den Nazis beabsichtigt – zu ihrer Zerstörung bei. Auch unter „fast unmöglichen Bedingungen“ entstand bedeutende deutsch-jüdische Literatur in Nazi-Deutschland oder Österreich (so wurde etwa der Roman „Weg ohne Ende“ des später nach Palästina emigrierten Gerson Stern überhaupt erst 1934 geschrieben und 1935 von der Jüdischen Rundschau in Deutschland veröffentlicht) und weltweit im Exil. 

Die Exil-Autoren erbrachten den Beweis für die Autonomie der deutsch-jüdischen innerhalb der deutschsprachigen Literatur, da sich während der zwölf Jahre erzwungenen Exils herausstellte, dass deutsch-jüdische Literatur auch außerhalb ihrer Herkunftsländer, in fremden Sprach-Umgebungen, gedeiht und fortbesteht.

Die wenigen Juden, die sich nach 1945 in Deutschland und Österreich befanden oder dorthin zurückkehrten, betraten ruinierte, demoralisierte Länder. (Einzig in der Schweiz gab es keine drastische Milieuveränderung.)

Dabei verlief die Entwicklung jüdischen Lebens unterschiedlich in beiden deutschen Nachkriegsstaaten und in Österreich. Für die jüdischen Intellektuellen, die aus dem Exil zurückkehrten oder in deutschsprachigen Ländern überlebt hatten, war die sich wandelnde öffentliche Stimmung im Zuge der „Vergangenheitsbewältigung“ entscheidend.

Die für eine konsequente „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit eintretende 68er Generation wandte sich den literarischen, philosophischen oder soziologischen Texten deutsch-jüdischer Autoren zu, deren einige, etwa Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Hannah Arendt oder Erich Fromm, zu Ikonen dieser Bewegung wurden.

Auch belletristische Autoren und Dichter gelangten zu einiger Bedeutung in der Literaturszene der jungen Bundesrepublik, Hilde Domin, Rose Ausländer, Wolfgang Hildesheimer, Hermann Kesten und Edgar Hilsenrath.

In der DDR wurde die Notwendigkeit einer jüdischen Kontinuität geleugnet, das Dasein der wenigen Juden marginalisiert und die Literatur jüdischer Autoren ausschließlich im Kontext ihrer Parteinähe geduldet, nur wenige wagten oppositionelle Regungen (Stefan Heym, Jurek Becker).

Im Österreich der Nachkriegszeit blieb die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit lange Zeit halbherzig, dennoch fanden dort etliche jüdische Autoren einen dauerhaften Ort, Hilde Spiel, Ilse Aichinger, Friedrich Torberg, Heinrich Eduard Jacob, Elfriede Jellinek oder Robert Schindel. In allen deutschsprachigen Ländern, auch in der Schweiz (Margarete Susman, Robert Neumann, André Kaminski, Salcia Landmann, Hans Habe), gab es bald nach dem Krieg wieder deutsch-jüdische Autoren, darunter prominente und einflussreiche.

Juden in deutsch-sprachigen Nachkriegsliteraturen

Die deutsch-jüdische Literatur war durch die Jahre der NS-Herrschaft geschädigt worden, aber nicht verstummt. Zu den Überlebenden und Rückkehrern aus dem Exil gesellten sich jüngere Autoren, Kinder von „Remigranten“ oder von den wenigen in Deutschland und Österreich Überlebenden. Zudem wurden Deutschland und Österreich in den folgenden Jahrzehnten Einwanderungsländer für Juden aus Osteuropa und der Sowjetunion, von denen einige literarisch hervortraten, nach erfolgreichem Wechsel aus der früheren Muttersprache ins Deutsche.

Andere deutsch-jüdische Autoren blieben im Exil, veröffentlichen von dort aus in deutschen Verlagen und nehmen Einfluss auf das geistige Leben ihrer deutschsprachigen Lese-Länder. Einige nach dem Krieg geborenen Autoren verließen ihr deutschsprachiges Herkunftsland, leben dauernd im Ausland und veröffentlichen dennoch weiterhin in deutscher Sprache ihre Bücher.

Schon angesichts der stark gestiegenen Zahl von Juden in Deutschland und Österreich wird die Bedeutung der deutsch-jüdischen Literatur weiter zunehmen. Die Zahl deutsch-jüdischer Autoren ist im Steigen, ermutigt von der wachsenden Zahl ihrer Leser. Ihre Veröffentlichungen wirken sich schon jetzt wohltuend auf das geistige Klima, die Dialogkultur und Weltoffenheit Deutschlands aus.

Auch unter jungen Israelis erlebt die deutsche Sprache in diesen Tagen einen enormen Prestigegewinn, Tausende lernen gegenwärtig diese Sprache, um eine Zeit lang in Deutschland zu leben oder zu Zwecken wissenschaftlicher und beruflicher Arbeit  in ihrem Heimatland.

Der Bann scheint gebrochen, der Zugang zu den Schätzen deutsch-jüdischen Denkens und Schreibens von neuem geöffnet. Nach Jahrzehnten der Bedrohung freuen wir uns über die Begegnung kommender Generationen mit dem geistigen Fundus der zweitausendjährigen deutsch-jüdischen Vergangenheit.

Obwohl ich seit zwanzig Jahren in Israel lebe, habe ich mich vor einiger Zeit entschlossen, meine Bücher wieder in deutscher Sprache zu schreiben. Dem war eine Periode der Abwendung vorangegangen, eine Annäherung an andere Sprachen und ihre Ausdrucksmöglichkeiten, über Jahre mochte ich deutsch weder lesen noch schreiben.

Doch nach einigem Nachdenken habe ich verstanden, dass die Vorgeschichte deutsch-jüdischer Literatur und Geistesarbeit zu bedeutsam ist, zu grandios und zu einzigartig, um sie wegen der zwölf Jahre Naziherrschaft für beendet anzusehen oder aufzugeben.

Ein junger Israeli, den ich kürzlich auf dem Flughafen in Tel Aviv beim Einchecken nach Berlin kennenlernte, erzählte mir, er wolle eine Weile in meiner Geburtsstadt leben, um die Sprache zu lernen. Seine Großmutter stamme aus Berlin, hätte aber in Israel niemals mehr Deutsch gesprochen.

Mit der Zeit sei daher in ihm so etwas wie eine Sehnsucht entstanden, eine Sehnsucht nach der deutschen Sprache, wie nach einem Erbe, das man ihm vorenthalten hatte und in dem er – wie immer, wenn etwas verborgen und verschwiegen wird – besondere Geheimnisse und Köstlichkeiten vermutete.

Und da erinnerte ich mich, dass es mir einst mit dem Judentum, dem Land Israel und der hebräischen Sprache ähnlich gegangen war: gerade, weil ich in meiner Jugend fast nichts darüber lernen konnte, wurde die Sehnsucht danach so stark, dass ich ins Land der Juden auswanderte. Ich bin nicht enttäuscht worden.

Möge es den jungen Israelis, die es heute nach Deutschland und in die deutsche Sprache zieht, genauso ergehen.

Internetpräsenz des Autors: http://chaimnoll.com/


Schulzwang in Deutschland seit 1938 – das (un)heimliche Erbe der Nazis

Von Felizitas Küble

In allen Kulturnationen werden Kinder unterrichtet und weitergebildet, teils von staatlichen, teils von privaten Schulen  – oder auch von den Eltern selber. In den USA und den meisten europäischen Staaten ist das sog. „Homeschooling“ erlaubt, also der Unterricht zuhause. Diese freiheitliche Regelung hat sich recht gut bewährt, daher wurde sie auch beibehalten. Es gibt also in fast allen westlichen Demokratien eine Bildungspflicht, aber keinen Schulzwang. IMG_4228

Anders in Deutschland  –  hier gilt ein rigoroses Schulzwang-Gesetz, das zur Folge hat, daß immer wieder Eltern nicht nur zu Geldbußen, sondern sogar zu Gefängnisstrafen verurteilt werden, wenn sie ihre Kinder zuhause selber unterrichten, nicht zuletzt, um ihnen gewisse Probleme des Schullebens zu ersparen, etwa die staatliche Sexualkunde mit ihrer häufigen Frühsexualisierung und Gender-Beeinflussung, sodann die Gefahren von Drogen, ungesunden Fremdeinflüssen, Mobbing, Markenklamotten, Gruppendruck etc.

Dieser Schulgebäude-Anwesenheits-Zwang ist in Wahrheit ein undemokratisches Erbe des Nationalsozialismus. So wie jeder Sozialismus wollte auch die braune Variante das natürliche Erziehungsrecht der Eltern verdrängen und durch staatliche Einflußnahme ersetzen, um sich so der Kinder zu bemächtigen und die Familien ideologisch und praktisch zu kontrollieren.

Diktatorischer Griff nach den Kindern

Dieser „Griff nach den Kindern“ diente der Festigung der NS-Dikatur nach innen und außen. Hierzu gehörte auch die frühzeitige und zwangsweise „Organisation“ der Kinder in HJ (Hitlerjugend) und BdM (Bund deutscher Mädchen).

Während im Kaiserreich und in der Weimarer Republik die häusliche Unterrichtung der Kinder erlaubt war, war es damit unter dem braunen Terrorregime bald vorbei und der staatliche Druck auf die Familie nahm immer mehr zu.

Bisweilen hört man den Einwand, daß die Schulpflicht schon zu preußischen Zeiten eingeführt worden sei. Tatsächlich gab es sie in Preußen seit 1717 (damals die striktesten Gesetze diesbezüglich in ganz Europa), aber der Privat- oder Hausunterricht war dennoch nicht verboten. In der sog. „Paulskirchenverfassung“, der Reichsverfassung vom 28. März 1849, wird der Hausunterricht in § 154 beim Menschenrechtskatalog aufgeführt: „Der häusliche Unterricht unterliegt keiner Beschränkung.“ Das gilt ähnlich danach für die Weimarer Verfassung von 1919 und für das endgültige preußische Schulpflichtgesetzes von 1927.

Diese jahrhundertelange freiheitliche Regelung änderte sich erst unter der nationalsozialistischen Diktatur. cover-mein-kampf

NS: Von der Bildungspflicht zum Schulzwang

Hierbei ist aufschlußreich, was Adolf Hitler über den „Schulzwang“ begeistert zu schreiben weiß  –  und zwar in seiner Programmschrift „Mein Kampf“, Ziffer 453, betr. „Erziehungsgrundsätze des völkischen Staates“:

„Die körperliche Ertüchtigung ist daher im völkischen Staat nicht eine Sache des einzelnen, auch nicht eine Angelegenheit, die in erster Linie die Eltern angeht, und die erst in zweiter oder dritter die Allgemeinheit interessiert, sondern eine Forderung der Selbsterhaltung des durch den Staat vertretenen und geschürten Volkstums. So wie der Staat, was die rein wissenschaftliche Ausbildung betrifft, schon heute in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen eingreift und ihm gegenüber das Recht der Gesamtheit wahrnimmt, indem er, ohne Befragung des Wollens oder Nichtwollens der Eltern, das Kind dem Schulzwang unterwirft, so muß der völkische Staat in noch viel höherem Maße dereinst seine Autorität durchsetzen gegenüber der Unkenntnis oder dem Unverständnis des einzelnen in den Fragen der Erhaltung des Volkstums. Er hat seine Erziehungsarbeit so einzuteilen, daß die jungen Körper schon in ihrer frühesten Kindheit zweckentsprechend behandelt werden und die notwendige Stählung für das spätere Leben erhalten“.

Noch vielsagender ist die dazu passende Gesetzespraxis, nämlich das Reichsschulpflichtgesetz von 1938.

Bis dahin gab es keinen Schulgebäude-Anwesenheits-Zwang, sondern nur eine allgemeine Bildungspflicht, die auch zuhause von den Eltern erfüllt werden konnte.

Solche Freiheiten waren den Nazis natürlich nicht geheuer, denn sie wollten die Kinder  ihren Eltern entfremden, wofür die Einführung einer rigiden Schulpflicht das passende Mittel war  –  ein  (un)heimliches“Vermächtnis“, das den Deutschen  bis heute erhalten blieb, weil die Bundesländer dies Gesetz nach 1945 im wesentlichen in ihre Landesverfassungen übernahmen. IMG_1061

Merkwürdigerweise wird über dieses „heimliche Erbe“ der NS-Zeit hierzulande so gut wie nirgendwo öffentlich diskutiert  – erstaunlich, wo doch sonst kein Detail aus der Braunzone ausgelassen wird.

Verstaatlichung der Erziehung damals und heute

Das Interesse an der Verstaatlichung der Erziehung beschränkt sich eben nicht auf Braunhemden  – das fühlen auch Rotjacken intensiv in ihrer Brust, man denke an den SPD-Politiker Scholz samt seiner vielzitierten „Hoheit über Kinderbetten“ oder an die Anti-Familien-Politik des linken CDU-Flügels (siehe zB. die absurde Genderismus-Schulpolitik pro „sexuelle Vielfalt“ der CDU in Hessen).

Doch selbst unter Christen kann man staatsfixierte, rechtspositivistische Stimmen vernehen, die den Eindruck erwecken, als sei der Schulzwang deutscher Art bzw Abart ein Ergebnis höherer Weisheit, mindestens aber unantastbar und indiskutabel.

Dabei hat die katholische Kirche stets betont, daß das Naturrecht im Zweifelsfall höher steht als staatliche Gesetze und Regelungen. Das natürliche Erziehungsrecht der Eltern ist gottgegeben, es ist in der Schöpfungsordnung verankert, indirekt auch aus dem 4. Gebot abzuleiten: „Du sollst Vater und Mutter ehren!“

Nun einige Fakten aus dem NS-Schulpflicht-Gesetz von 1938. Die einführenden Sätze sind schon aufschlußreich genug (Hervorhebungen von uns):

Gesetz über die Schulpflicht im Deutschen Reich
(Reichsschulpflichtgesetz) vom 6. Juli 1938

Grundsätzliches

  • 1. Allgemeine Schulpflicht. Im Deutschen Reich besteht allgemeine Schulpflicht. Sie sichert die Erziehung und Unterweisung der deutschen Jugend im Geiste des Nationalsozialismus. Ihr sind alle Kinder und Jugendlichen deutscher Staatsangehörigkeit unterworfen, die im Inlande ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben.

(2) Die Schulpflicht ist durch Besuch einer reichsdeutschen Schule zu erfüllen. Über Ausnahmen entscheidet die Schulaufsichtsbehörde.

Das bedarf keines Kommentars.

Der nachfolgende Paragraph 7 schafft nun die Voraussetzungen für die Euthanasie bzw. Ermordnung von Behinderten, indem sie mit Begründung der Schulpflicht ggf. in Anstalten verfrachtet werden sollen  – das oftmals tödliche Ende ist bekannt: DSC00254

  • 7. Unterbringung der Sonderschulpflichtigen in Anstalts- oder Familienpflege. (1) Wenn es die Durchführung der Schulpflicht für die im § 6 bezeichneten Kinder erfordert, kann ihre Unterbringung in geeigneten Anstalten und Heimen oder in geeigneter Familienpflege angeordnet werden.
    (2) Hierüber entscheidet die Schulaufsichtsbehörde gemeinsam mit der zuständigen Fürsorgebehörde.

Von der „Schulpflicht“ zum „Schulzwang“ ist es nur ein Katzensprung  – mit Hilfe der Polizei nämlich  – oder Bußgeld (wird auch heute angewandt in Deutschland, wenn Eltern ihr Kind zB nicht in die Sexkunde schicken – und sei es nur für einen einzigen Tag):

  • 12. Schulzwang. Kinder und Jugendliche, welche die Pflicht zum Besuch der Volks- oder Berufsschule nicht erfüllen, werden der Schule zwangsweise zugeführt. Hierbei kann die Hilfe der Polizei in Anspruch genommen werden.
  • 14. Strafbestimmungen. (1) Wer den Bestimmungen über die Schulpflicht vorsätzlich oder fahrlässig zuwiderhandelt, wird mit Geldstrafe bis zu 150 Reichsmark oder mit Haft bestraft, sofern nicht nach anderen Gesetzen eine höhere Strafe verwirkt ist.

Die früheren (freiheitlichen) Gesetze der Weimarer Republik mußten natürlich hierbei abgeschafft werden:

  • 16. Aufhebung älterer Vorschriften. (1) Das Gesetz, betreffend die Grundschulen und die Aufhebung der Vorschulen, vom 28. April 1920 (RGBl. I. S. 851) in der Fassung des Gesetzes vom 26. Februar 1927 (RGBl. I. S. 67) sowie das Gesetz, betreffend den Lehrgang der Grundschule, vom 18. April 1925 (RGBl. I. S. 49) werden aufgehoben.
  • 17. Inkrafttreten. (1) Dieses Gesetz tritt mit dem 1. November 1938 in Kraft.

Berchtesgaden, den 6. Juli 1938.

Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler

Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Rust

SOWEIT Auszüge aus dem NS-Gesetz.

Unser Grundgesetz anerkannt das Elternrecht

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland kennt demgegenüber keinen Schulzwang. Die Mehrheit im Parlamentarischen Rat, aus dem das GG hervorging, wandte sich gegen das nationalsozialistische Schulsystem und erklärte mit den Stimmen von CDU/CSU, Zentrum und Deutscher Partei am 8. Februar 1949: BILD0235

„Wir halten nach wie vor an unserem Standpunkt fest, daß das Erziehungsrecht der Eltern ein gottgegebenes Naturrecht darstellt, das jedem staatlichen Zugriff entzogen ist. Dieses natürliche Erziehungsrecht der Eltern erstreckt sich vor allem auf die religiös-weltanschauliche Erziehung der Kinder und zwar nicht nur im Rahmen der Familie, sondern auch im Bereich der Schule.

Die Schule muß daher in ihrem religiös-weltanschaulichen Charakter so bestimmt sein, wie es der Gewissensentscheidung der Eltern entspricht. Ein auf Grundsätzen der Gewissensfreiheit, der Toleranz und der Demokratie aufgebauter Staat sollte daher sein Schulwesen so gestalten, daß auf niemand in religiös-weltanschaulicher Hinsicht ein Gewissenszwang ausgeübt wird.“ (Jahrbuch des öffentlichen Rechtes 1; 1951: Seite 110).

Das Grundgesetz enthält das Elternrecht (Art.6,2) und erwähnt hinsichtlich des Staates lediglich eine Aufsichtspflicht über das öffentliche Schulwesen. Doch das alte NS-Reichsschulgesetz blieb dennoch in vielen Bundesländern in Kraft und wurde auch bei Neufassungen weitgehend übernommen.

In der SBZ (sowjetisch besetzten Zone)  –  später „DDR“ genannt  –  wurde der Nazi-Schulzwang 1946 ebenfalls fortgesetzt und hineingepackt in ein sogenanntes „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule“.

Während neuere Urteile des Bundesverfassungsgerichts immer stärker vom grundgesetzlich garantierten Elternrecht abrücken und von einem „staatlichen Erziehungsauftrag“ fabulieren, der nirgendwo im GG zu finden ist, hatten sich die Karlsruher Richter noch bis vor wenigen Jahren klar im Sinne des Elternrechts positioniert. Man erinnere sich etwa an das Grundsatzurteil des BVG vom 16.1.2003 (AZ: 2 BvR 716/01):

„Art. 6, Abs. 2 Satz 1 GG garantiert den Eltern das Recht auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder. Sie können grundsätzlich frei von staatlichem Einfluss nach eigenen Vorstellungen darüber entscheiden, wie sie ihrer Elternverantwortung gerecht werden wollen. Ziel, Inhalt und Methoden der elterlichen Erziehung liegen im Verantwortungsbereich der Eltern. Konkrete Erziehungsziele sind ihnen von Verfassung wegen nicht vorgegeben.“

Eine öffentliche Debatte in Deutschland über den Schulzwang als einem unheimlichen Erbe der braunen Diktatur ist überfällig.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und ist ehrenamtliche Vorsitzende des Christoferuswerks in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Weiterer GRUNDSATZ-Artikel zum ELTERNRECHT bzw. dem natürlichen Erziehungsrecht der Eltern: https://charismatismus.wordpress.com/2014/01/11/elternrecht-die-kath-kirche-bekraftigt-das-naturliche-erziehungsrecht-der-eltern/