Fachtagung über den Widerstand gegen die NS-Diktatur im Nordosten Deutschlands

Von Stefan P. Teppert

Im Rahmen der von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen ausgerichteten, auf drei Veranstaltungen angelegten Reihe zeitgeschichtlicher Fachtagungen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den historischen deutschen Ostprovinzen und Siedlungsgebieten wurde in diesem Jahr der Widerstand in Ostpreußen,  Westpreußen und Pommern untersucht, nachdem im Vorjahr Schlesien und das Sudetenland behandelt worden sind und im nächsten Jahr die Opposition gegen Hitler im Südosten Europas folgen soll.

Der Tagungsraum im Göttinger Hotel Astoria war gut gefüllt, als der Ehrenvorsitzende des Stiftungsrates Hans-Günther Parplies Referenten und Gäste begrüßte.

Er richtete die Grüße von Christine Czaja aus, der Vize-Vorsitzenden der Kulturstiftung. 

Sie war es, die Idee und Anstoß zu dieser Tagungsreihe gegeben und den ersten Teil der Trilogie persönlich zusammen mit Prof. Karl-Joseph Hummel konzipiert und geleitet hatte, während sie diesmal wegen Krankheit ihres Ehemannes nicht anwesend sein konnte, aber vielfältige Anregungen gegeben hatte.

In den bewährten Händen von Geschäftsführer Dr. Ernst Gierlich lag wieder die organisatorische Durchführung.

BILD: Christine Czaja und Dr. Ernst Gierlich auf einer früheren Tagung der Kulturstiftung

Parplies blickte zurück auf eine noch in den 1950er Jahren missbilligende Haltung eines Drittels der bundesdeutschen Bevölkerung gegenüber der Verschwörung des 20. Juli 1944, eine erst in den 1960er Jahren beginnende Veränderung durch Zeitzeugentagungen, eine dann folgende Öffnung der Widerstandbetrachtung und Erweiterung der Perspektiven in der Zeitgeschichtsforschung.

Neben die Erörterung des politisch-militärischen Widerstands trat nun die Diskussion um einen nach Stufen differenzierten Oppositionsbegriff.

Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten mussten in lebhaften Diskussionen zwei unterschiedliche Geschichtsrezeptionen zusammengeführt werden, was zur Begriffsklärung beigetragen habe, etwa zur ethisch-moralischen Einordnung des Hochverratsbegriffs in der Diktatur oder zum „Widerstand“ von Gruppierungen wie der „Roten Kapelle“ als Spionage von deutschen Kommunisten für eine ausländische Macht, nämlich die Sowjetunion, mit der Deutschland sich im Krieg befand.

Das derzeit gebremste öffentliche Interesse am Thema Widerstand werde seiner Bedeutung nicht gerecht, zumal das Umfeld des Attentats von Stauffenberg viel größer und weiter verzweigt war als bisher angenommen.

Die Kulturstiftung wolle mit ihrer Tagungstrilogie zum 75. Jahrestag des missglückten Umsturzes einen zusätzlichen und speziellen Blick auf den beträchtlichen Anteil der historisch ostdeutschen Regionen bei Widerstand und Opposition gegen die Nazi-Diktatur ins Gedächtnis der Nation einbringen, der von der einschlägigen Forschung bisher vernachlässigt wurde und für den es keine öffentliche Instanz gibt.

Zugleich mit der Übernahme der Tagungsleitung stellte Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Gilbert H. Gornig von der Universität Marburg die komplizierte Frage nach der Verantwortbarkeit des  Tyrannenmords, die schon in der Antike bei Sokrates, Platon und Aristoteles gestellt und positiv beantwortet wurde, so auch bei Cicero und anderen Philosophen.

Mit einem klaren Nein jedoch beantworten diese Frage die Religionen, etwa das Christentum und der Islam. Ein Konfliktfeld zwischen Religion und Rechtsordnung tut sich auf. Einerseits beinhalte unser Grundgesetz ein Widerstandsrecht, im Völkerrecht gebe es andererseits ein Gewaltverbot, das allerdings nur auf grenzüberschreitende Angelegenheiten anwendbar wird, wie etwa jüngst beim Einmarsch türkischer Truppen nach Nordsyrien. Dagegen bleibe das Völkerrecht ausgeblendet, wenn ein Volk den eigenen Tyrannen beseitigen möchte.

Nicht selten kommt ein späterer Attentäter aus dem früheren Kreis der Bewunderer Hitlers. Diesen Abtrünnigen ist oft gemeinsam, dass sie nicht aus dem niedrigen Volk stammen, sondern aus den Kreisen des Militärs, des Adels, des gehobenen Bürgertums. So verhielt es sich auch bei Hellmuth Stieff, über den der Trierer Historiker Dr. Horst Mühleisen referieren  wollte, aber wegen Krankheit nicht kommen konnte.

Dr. Ernst Gierlich verlas sein Manuskript. Stieff wurde 1901 im westpreußischen Deutsch-Eylau in ein konservativ-liberales Elternhaus geboren, die Mutter stammte aus einer Juristenfamilie, der Vater schlug eine gehobene militärische Laufbahn ein, was auch mit Ehrgeiz und Erfolg der Sohn tat. Dem „nationalen Aufbruch“ Hitlers brachte Stieff zunächst Wohlgefallen, ja Bewunderung entgegen, hielt ihn für den „Begründer einer neuen, unzweifelhaft epochalen Weltanschauung“. Erste Zweifel kamen Stieff mit der Röhm-Affäre und der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Dollfuß 1934, es überwog aber wieder die Zustimmung bis zu den Novemberpogromen 1938.

Aber vor allem seine Reise nach Polen im Rang eines Majors im Generalstab im November 1938, als er „die Ruine Warschau“ und die dortigen Ausschreitungen sah, die sein Rechtsgefühl verletzten, brachte den Wendepunkt in seinem Leben. Immer stärker wurde seine Ablehnung des Regimes, 1941/42 schlug sie in „abgrundtiefen Hass“ um. Obwohl er die Bekämpfung des Bolschewismus befürwortete, lehnte er den Feldzug gegen die Sowjetunion aus militärischen Gründen ab.

Er empfand Trauer und Scham angesichts der Deportation der Juden, fühlte sich mitschuldig an ihrem Schicksal und war bereit, dafür zu sühnen. Gegenüber seinen Mitarbeitern bezeichnete er Hitler als „Totengräber des deutschen Volkes“. Im August 1942 war Stieff sowohl aus fachmännischer Einsicht wie aus seinem moralischen Empfinden zum Widerstand bereit. Er gehörte zum engsten Kreis der Verschwörung des 20. Juli 1944, zögerte und schwankte aber trotz leidenschaftlicher Feindschaft gegen das Regime, lehnte die Ausführung des Anschlags ab, weil er akute Gefahren erkannte.

Nach dem missglückten Attentat hatte er die naive Hoffnung, seine Spuren beseitigen zu können, wurde aber wie sein Freund Graf von Stauffenberg und andere Mitverschwörer verhaftet, von Freisler zum Tode verurteilt und hingerichtet. Noch in der Todeszelle war Stieff zum katholischen Glauben übergetreten.

Über das Thema „Im Umfeld der Wolfsschanze – Ost- und westpreußischer Adel im Widerstand“ sprach Dr. Wieslaw-Roman Gogan, Historiker und Archivar beim Kulturzentrum   Ostpreußen in Ellingen. Er nannte zunächst Zahlen für die Mitverschwörer beim Staatsstreich am 20. Juli 1944. Nach einem SS-Bericht seien es über 7.000 Personen gewesen, die nach dem Attentat verhaftet wurden.

Die Zahl der hingerichteten oder zum Selbstmord gezwungenen Verschwörer belief sich, je nach Quellen, zwischen 4.980 und 5.764 Personen allein im Jahr 1944. Gogan zählte zahlreiche Namen von Verschwörern auf, die aus Grafen-, Freiherren und anderen Adelsfamilien stammten. Prägnante Lebensbilder mit ihrer Familiengeschichte zeichnete er mit illustrierenden Fotos von zwei Adligen aus Ostpreußen und einem aus Westpreußen, die alle drei dem Militär angehörten und im Zentrum des Verschwörerkreises mitwirkten.

Oberleutnant Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort, 1909 in Hannover geboren, gehörte zu den größten Grundbesitzern in Ostpreußen. Im Oktober 1941 wurde er zusammen mit anderen Offizieren Augenzeuge eines Massakers der „SD-Einsatzgruppe“ an 7.000 Juden in Borissow. Dieses Ereignis wurde für ihn zum entscheidenden Anlass, sich dem militärischen Widerstand gegen das NS-Regime aktiv anzuschließen. Nach dem gescheiterten Attentat wurde Lehndorff verhaftet und gefoltert, verurteilt und in Berlin-Plötzensee erhängt.

Generalmajor Heinrich Burggraf und Graf zu Dohna-Schlobitten, 1882 in Waldburg-Capustigall bei Königsberg auf dem Landsitz seiner Vorfahren geboren. Zusammen mit seiner Frau beteiligte er sich von Anfang an aktiv an den Umsturzplänen und stellte sich für die Zeit nach dem Attentat als Landesverweser für Ostpreußen zur Verfügung. Er wurde verhaftet, unter Verlust seines Vermögens und Aberkennung seiner Ehrenrechte verurteilt und in Plötzensee hingerichtet.

Hauptmann Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, geboren 1902 in Kopenhagen. Als Augenzeuge des Hitler-Putsches hatte Schwerin 1923 seine ersten negativen Erfahrungen mit den Nationalsozialisten gemacht. Seine aktive Widerstandsarbeit begann er 1938 zusammen mit seinem Freund Peter Graf Yorck v. Wartenburg, er gehörte zuletzt zum engsten Kreis der Verschwörer und teilte ihr Schicksal der Hinrichtung.

Eine der wichtigsten Persönlichkeiten des zivilen Widerstandes gegen Hitler war der 1884 im westpreußischen Schneidemühl in eine Beamtenfamilie geborene Carl Friedrich Goerdeler.

Barbara Kämpfert aus Minden gab einen Überblick über seinen Lebensweg und suchte seine späteren Beweggründe, einen Staatsstreich herbeizuführen, aus seiner konservativen, preußisch-bürgerlichen Herkunft verständlich zu machen. Als zweiter Bürgermeister von Königsberg und OB in Leipzig erwarb er sich mit effizientem Pragmatismus viel Ansehen, wurde in den Vorstand des Deutschen Städtetags gewählt und war sogar als Nachfolger für Reichskanzler Brüning im Gespräch. Zuerst lehnte er die NSDAP nicht völlig ab, vollzog aber eine Wendung angesichts deren Wirtschafts-, Kirchen- und Rassenpolitik, die er deutlich zu kritisieren wagte.

Mit seiner optimistischen Haltung und seinem Glauben an die Vernunft meinte er, Hitler überzeugen zu können. Zum offenen Bruch kam es, als in Leipzig das Mendelssohn-Bartholdy-Denkmal abgerissen wurde, für Goerdeler eine „Kulturschandtat“, die ihn in den Widerstand trieb. Er legte sein Amt nieder und versuchte auf zahlreichen Reisen als Berater für Bosch die Welt vor Hitlers Absichten zu warnen.

Als treibende und führende Kraft der Opposition drängte zum Umsturz, bei dem Hitler verhaftet werden sollte. Goerdeler glaubte daran, dass die Westalliierten dann den Krieg beenden würden. Ein Attentat lehnte er als Christ ab. Für die Zeit danach arbeitete der Kreis um ihn an einer neuen Gesellschaftsordnung, die autoritär und nationalkonservativ sein sollte und in der er als Reichskanzler vorgesehen war.

Warum Goerdeler schon vor dem 20. Juli 1944 verhaftet wurde, ist nicht klar. Von den Attentats-Plänen der Kreisauer und Stauffenbergs ahnte er wohl nichts. Auf der Flucht hielt er seine Jugenderinnerungen fest, im Gefängnis arbeitete er Pläne über einen europäischen Staatenbund aus, der zunächst Wirtschafts-, dann Verteidigungsgemeinschaft und schließlich politische Union sein sollte, damit es in Europa nie wieder Krieg gäbe. Am 8. September 1944 wurde Goerdeler zum Tode verurteilt, aber erst nach monatelangen Verhören und Folterungen am 2. Februar 1945 hingerichtet, sein Bruder Fritz einen Monat später. Die Referentin stellte abschließend fest, das Bild Goerdelers in der Forschung sei umstritten, ein abgewogenes Urteil stehe noch aus.

Im Collegium Albertinum, wo man sich der Pflege des geistigen Erbes der Universität von Königsberg verpflichtet fühlt, hielt der aus Königsberg stammende und dort lehrende Prof. Dr. Wladimir Gilmanov einen Vortrag über die „Theologie des Widerstandes“, besonders am Beispiel von Peter Graf Yorck von Wartenburg, der im Kreisauer Kreis zusammen mit Moltke, Dohna, Schulenburg, Lehndorff und Schwerin den Tyrannenmord plante, obwohl ihn wegen seiner tiefen Religiosität schwere Skrupel plagten.

Es sei schwer, die theologische Eigenart des Glaubens von Yorck zu identifizieren trotz der Tatsache, dass seine enge Freundschaft mit Moltke auf Paul Tillichs Theologie des „Mutes zum Sein“ hinweisen kann, die vor dem Hintergrund von Schellings „Theologie der Offenbarung“ die Gefahr der Entindividualisierung und Verdinglichung des Menschen zu überwinden sucht.

Kenntnisreich schlug Gilmanov einen großen kulturhistorischen Bogen, um die Ursprünge der Theologie des Widerstandes in der Bibel und ihr Fortwirken in der deutschen und russischen Geistesgeschichte anklingen zu lassen. Die deutsch-russischen Beziehungen haben nach Gilmanov eine schicksalhafte Rolle für die Zukunft Europas, wenn nicht sogar der ganzen Menschheit. Ein tragischer Bruch in der Dynamik der deutschen Geistesgeschichte werde exemplarisch in Goethes Faust-Mythos offenbar. Eine seltsame Doppelheit zeichne das Wesen des Deutschen aus zwischen perfektionistischer Vernunft mit blindem Selbstvernichtungspotenzial und heroischer Auflehnung dagegen bei den Vertretern eines wahren, geheimen und protestierenden Deutschland.

Einleuchtend stellte Gilmanov komplizierte geisteswissenschaftliche Zusammenhänge her, nannte wiederholt Kant und Hamann, aber auch Simon Dach und Karl Marx, Oswald Spengler, Stefan George und Ernst Wiechert sowie die Theologen Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann und Martin Niemöller, auf russischer Seite u. a. F. M. Dostojewski, Leo Tolstoi und Nikolaj Berdjajew.

Die offizielle moderne Geschichtsforschung schließe kategorisch die magisch-okkulte Beeinflussung des Weltgeschehens aus und sei deshalb unfähig, den hermeneutischen Schlüssel etwa zu der Massenmordhysterie bei Hitler und Stalin zu finden. Eine überzeugende Antithese zu Nietzsches „Gott ist tot“, ja einen Beweis für Gottes Allgegenwart sogar inmitten der politischen Hölle sieht Gilmanov im Sieg über die Todesangst bei den deutschen Verschwörern. In theologischem Licht sei der zivile und militärisch-politische Widerstand gegen Hitler auch der christliche Widerstand gegen die widerchristliche Dämonisierung der europäischen Zeitgeschichte.

Prof. Dr. Rainer Bendel, der Leiter des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa in Tübingen, beleuchtete die „Widersetzlichkeit“ des Bischofs von Ermland in Ostpreußen Maximilian Kaller, der 1880 als zweites von acht Kindern in eine Kaufmannsfamilie geboren wurde.

Seine Herkunft aus dem oberschlesischen Katholizismus und der Breslauer Theologie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert haben Kallers Seelsorgeverständnis geprägt. Als zentraler Promotor der ‚Katholischen Aktion’ in Deutschland begegnet er am häufigsten als der „Seelsorgebischof“. Anfangs scheint er von der braunen Bewegung oder zumindest der völkischen Erneuerung fasziniert gewesen zu sein, es gibt Parallelen in seiner Begrifflichkeit und seinen Bildern zur Diktion der Faschisten.

Doch sobald ihm spätestens ab Januar 1934 der totalitäre Anspruch des Staates und seine Übergriffe deutlich wurden, nahm er in Abgrenzung und Widerspruch der kirchlichen Position von den „Irrlehren“ der Gegenwart den Geisteskampf auf. In Predigten, Kirchenblättern und Hirtenbriefen sowie auf Diözesanwallfahrten ließ es an Deutlichkeit nicht fehlen, warnte vor der weltanschaulichen Zersetzungstätigkeit des Neuheidentums mit dem Mythus des Blutes und der Rasse und verteidigte den Glauben als das Fundament aller Ordnung auf Erden. Es gelang ihm und seinem Klerus im Ermland, einen Großteil der praktizierenden Katholiken den herrschenden ideologischen Einflüssen zu entziehen.

Zudem setzte sich Kaller für die Seelsorge in polnischer Sprache ein, was ihm eine Beschwerde des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch in Berlin einbrachte. Das Misstrauen der Parteistellen ging bald so weit, dass der Bischof und das Bistum unter besondere Gestapokontrolle gestellt wurden, weil man im Ermland einen Herd des Umsturzes vermutete. Im Jahr 1937 wurde Kallers Hirtenwort zur Fastenzeit beschlagnahmt und die Druckerei der Ermländischen Zeitung enteignet. Es kam zu Verhaftungen und Verurteilungen von Geistlichen und Laien des Bistums. Alle katholischen Vereine wurden verboten.

Seit 1939 lässt sich eine Änderung in Kallers Linie bis hin zu regimeaffinen Äußerungen erkennen. 1946 wurde Kaller von Papst Pius XII. als Päpstlicher Beauftragter für die Seelsorge der vertriebenen Katholiken berufen, starb aber schon im Juli 1947 plötzlich an einem Herzinfarkt in Frankfurt am Main. 2003 wurde der Seligsprechungsprozess für Maximilian Kaller eröffnet.

Der Berliner Kirchenhistoriker Pfarrer Mag. theol. Ulrich Hutter-Wolandt untersuchte unter dem Titel „Zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche“ den Kirchenkampf in der pommerschen Evangelischen Kirche und in der Greifswalder Evangelisch-theologischen Fakultät.

Bereits ab 1932 bestand die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“, eine den Nationalsozialisten sehr nahe stehende Gruppierung, die 1933 die Kirchenwahlen in der neu geschaffenen einheitlichen Reichskirche gewannen und in fast allen evangelischen Landeskirchen die Bischöfe stellten. Sie verwarfen das Alte Testament als „jüdisch“. Gegen diese Anschauungen richtete sich dann aber der Protest vieler Kirchenmitglieder.

Im September 1933 rief deshalb Pfarrer Martin Niemöller (Berlin) den gegen die Deutschen Christen gerichteten Pfarrernotbund ins Leben. Das Programm der Deutschen Christen mit ihrem Antijudaismus betrachtete er als Verfälschung der christlichen Lehre. Der Pfarrernotbund wurde zu einer der wichtigsten Wurzeln der Bekennenden Kirche, die sich ab 1934 formierte, sich als „rechtmäßige evangelische Kirche“ in Deutschland verstand und ihren Gehorsam gegenüber Reichsbischof Müller aufkündigte.

In den Folgejahren nahm die Verfolgung der Bekennenden Kirche zu, ihre Anhänger wurden mit Gefängnis bestraft, sie wurden bespitzelt, mussten Strafgeldzahlungen leisten oder wurden ins Sammellager gebracht. Hutter-Wolandt erläuterte an ausgewählten Beispielen den Kirchenkampf in Pommern und die Situation an der Greifswalder Ev. Theologischen Fakultät, die nach 1933 wie viele theologische Fakultäten in Preußen im Sinne des Nationalsozialismus umfunktioniert wurde.

Es gab dort nur wenige Professoren, die dem Nationalsozialismus etwas entgegensetzten: dies waren u. a. der Neutestamentler Ernst Lohmeyer und der Kirchenhistoriker und Systematiker Rudolf Hermann. Zur Sprache kam auch die Beteiligung von Mitgliedern der Fakultät beim Eisenacher Entjudungsinstitut, das 1938 von dem Jenaer Neutestamentler Walter Grundmann gegründet wurde. Hutter-Wolandt resümierte, dass man in Pommern trotz aller kirchenpolitischen Auseinandersetzungen von einem gemäßigten Kirchenkampf sprechen muss – etwa im Gegensatz zur schlesischen Provinzialkirche, in der die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen weit radikaler als in Pommern waren.

Bis heute hat man Mühe, jenen Personen gerecht zu werden, die sich sowohl gegen das bolschewistische als auch gegen das faschistische System engagierten. Zumeist sieht man in ihnen einfach Kollaborateure mit einem der Regime, nicht Gegner zweier Totalitarismen.

Zu diesem Personenkreis gehört der deutsche Schriftsteller Edzard Schaper (1908-1984), der von beiden totalitären Systemen verfolgt wurde. Der Germanist und Philosoph Prof. Dr. Karol Sauerland aus Warschau nahm sich seines Werks und Wirkens an.

Schaper wurde 1936 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, ein Jahr nachdem sein Roman „Die sterbende Kirche“ erschienen war. Der Ausschluss zog allerdings kein Publikationsverbot nach sich. Nachdem Schaper vom System der kommunistischen Vernichtungslager erfahren hatte, verstärkten sich seine antisowjetischen Stellungnahmen. Als die Sowjets 1940 Estland besetzten und Zehntausende Esten nach Sibirien deportierten, entging Schaper der Verhaftung durch Flucht nach Helsinki.

Er hatte für die finnische Spionage gearbeitet und war deshalb von den Sowjets zum Tode verurteilt worden. In der finnischen Hauptstadt arbeitete er als deutscher Auslandskorrespondent und Kriegsberichterstatter über den ab Juni 1941 bis 1944 geführten „Fortsetzungskrieg“ zwischen Finnland und der Sowjetunion. Im Dezember 1944 wurde er vom deutschen Volksgerichtshof in Abwesenheit zum Tode verurteilt, weil man ihn für einen sowjetischen Spion hielt. Schaper scheint das nazifaschistische System weniger durchschaut zu haben als das sowjetische.

Eindeutig stand er aber zwischen den Fronten und musste 1944 zunächst in Schweden untertauchen, um 1947 in die Schweiz überzusiedeln, wo er das Bürgerrecht erhielt. 1951 konvertierte er zur römisch-katholischen Kirche. Das Baltikum und Osteuropa sind häufige Schauplätze seiner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielenden Romane. Sein besonderes Interesse gilt Menschen in Grenzsituationen, kleinen Völkern wie den Esten und Finnen, der russisch-orthodoxen Kirche und den verfolgten Christen, den Einsamen, Flüchtlingen, Verlorenen und Vergessenen.

In der Nachkriegszeit kommentierte er das „Martyrium des Schweigens und der Lüge“ im Kommunismus, so u. a. die Verurteilung des ungarischen Kardinals Mindzenty in einem Schauprozess mit offensichtlich erzwungenen Aussagen. Sauerland ging näher auf die Romane „Der letzte Advent“ und „Hinter den Linien“ ein und schloss mit Überlegungen zum einmaligen Fall des Widerstands in Polen.

In einer Schlussbetrachtung umkreiste Prof. Gornig noch einmal die Frage nach der Zulässigkeit des Tyrannenmords und beantwortete sie für sich selbst positiv, sofern es sich tatsächlich um einen Tyrannen handle, was aber nicht leicht zu definieren sei. Die Tagung habe einen großen Erkenntnisgewinn erbracht, lasse aber auch viele Fragen offen. Thema sei zunächst der Tyrannenmord und im zweiten Teil ein erweiterter Widerstandsbegriff gewesen, bilanzierte Hans-Günther Parplies und merkte abschließend an, dass Widerstand durchaus möglich war und durch eine zahlreiche Minderheit auch erfolgt sei.

Text und Porträtfotos: Stefan P. Teppert


Göttingen: Fachtagung über Widerstand gegen den NS im Nordosten Deutschlands

Unter dem Titel „Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Nordosten – Persönlichkeiten, Konzepte, Schicksale“ veranstaltet die „Kulturstiftung der deutschen Verstriebenen“ in Göttingen eine Tagung am 10. und 11. Oktober 2019.

Voriges Jahr ging es in dieser Reihe zeitgeschichtlicher Seminare um den Widerstand gegen den Natioinalsozialismus in Schlesien und dem Sudetenland.

Diesmal wird der Widerstand in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern untersucht.

Dabei werden die latent oppositionellen Milieus der „Parallelgesellschaften“ des Landadels, der evang. Bekennenden Kirche und der Katholischen Kirche, des Militärs und des preußischen Bürger- und Beamtentums in den Blick genommen.

Anhand von Lebensbildern herausragender Vertreter wird ihre Entwicklung von der Herkunft, dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld sowie dem beruflichen Werdegang zu ihrer Entscheidung in Richtung aktives Widerstandshandeln nachgezeichnet und veranschaulicht.

Für den Widerstand aus dem Militär steht der aus Deutsch-Eylau in Westpreußen stammende Generalmajor Hellmuth Stieff als einer der Hauptbeteiligten  des 20. Juli 1944.

Zu dem Kreis aus dem preußischen Bürger- und Beamtentum gehört Carl Goerdeler, Kopf des zivilen Widerstands in Deutschland. 

Der Beitrag  aus der Katholischen Kirche wird am Beispiel von Maximilian Kaller, dem letzten deutschen Bischof der ostpreußischen Diözese Ermland, dargestellt,

Netzwerke und Einzelpersönlichkeiten des Widerstandes aus protestantischer Wurzel werden am Beispiel der Evangelischen Kirche Pommerns erörtert.

Den besinnlichen Abschluss bildet ein Blick auf den Schriftsteller Edzard Schaper, den Wanderer zwischen Ost und West und Verfolgten unter zwei Diktaturen.

Das genaue Programm finden Sie hier: https://kulturportal-west-ost.eu/wp-content/uploads/Einladung-zg-2019.pdf

Eine Anmeldung zur Tagung ist auch in den nächsten Tagen noch möglich.  – Mail bitte an: kulturstiftung@t-online.de


Ankum: Kirchlicher Gedenkabend für den Märtyrer und Priester August Benninghaus

Von Felizitas Küble

Die Gemeinde und die Pfarrei Ankum im Bistum Osnabrück ehren seit längerem das Andenken an den Priester und Märtyrer August Benninghaus SJ.

Der Jesuitenpater, der von Irland bis Indien vielfach missionarisch tätig war, wirkte zuletzt in Münster (Westf.) als Exerzitienmeister, bevor ihn die Gestapo (Geheime Staatspolizei) am 27. Juni 1941 wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ festnahm.

BILD: Gedenktafel für Pater Benninghaus im Ankumer Dom, in dem er einst auch gepredigt hat

Nach Verlegung in verschiedene Gefängnisse und ins KZ Sachsenhausen wurde der Jesuit schließlich ins Lager Dachau unweit von München eingeliefert, in dem während der NS-Diktatur ca. 3000 Geistliche inhaftiert waren, davon 95% katholisch. Durch brutale Schikanen, Schwerstarbeit, Hunger und Entkräftung im KZ starb der tapfere Bekenner am 20. Juli 1942 im KZ-Lazarett im Alter von 61 Jahren.

Der August-Benninghaus-Kreis setzt sich sehr engagiert dafür ein, diesen Blutzeugen des Glaubens nicht zu vergessen. Deshalb bringt der Gründer Hermann Rieke-Benninghaus (ein Verwandter des Märtyrers) schon seit vielen Jahren Gedenkzettel und Bücher heraus, die an diesen Bekenner-Priester erinnern und sein Lebenszeugnis schildern. 

Zudem führt der Kreis entsprechende Veranstaltungen durch und verleiht den August-Benninghaus-Preis, so etwa vor zwei Jahren an Prof. Dr. Helmut Moll, den Herausgeber eines angesehenen kirchlichen Werkes mit dem Titel „Martyrologium des 20. Jahrhunderts“.

Der Prälat aus Köln, der unlängst seinen 75. Geburtstag feiern konnte, hat zur diesjährigen Preisverleihung an den jüdischen Komponisten und Autor Dr. Moisei Boroda seine besonderen Grüße und guten Wünsche übermittelt.

BILD: Die Vesper im Ankumer Dom hielt Pastor Tietje

Diesmal beging der Benninghaus-Kreis den 77. Todestag „seines“ Jesuitenpaters – wobei dieser 20. Juli passenderweise zugleich an den Widerstand hoher Generäle und Militärs gegen Hitler durch Stauffenberg und Co. erinnert.

Die Veranstaltung wurde mitgetragen von der Pfarreiengemeinschaft in Ankum (sowie Eggermühlen und Kettenkamp) und begann mit einer abendlichen Vesper im Dom bzw. der eindrucksvollen Nikolaus-Kirche, die im 19. Jahrhundert im neuromanischen Stil erbaut worden war, nachdem die Vorgängerkirche einem Brand zum Opfer fiel.

Das Gotteshaus war mit vielen aufmerksamen Gläubigen aus Ankum sowie mit Gästen von nah und fern gut besucht (siehe Foto).

Die Vesper erinnerte an die Blutzeugen des Glaubens, vor allem an Pater August Benninghaus; aber auch das Gedächtnis des 20. Juli (Widerstandsbewegung) wurde wachgehalten.

Die Andacht war von biblischen Lesungen, Fürbitten, Psalmen, Litaneien und Gesängen geprägt, darunter dem Bonhoeffer-Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ und dem Magnificat (Lobgesang Mariens) in lateinischer Sprache.

Die Vesper – sie ist das amtliche Abendgebet der Kirche  –  schloß mit dem priesterlichen Segen von Pastor Stefan Tietje und dem gemeinsamen Paternoster (Vaterunser-Gebet).

BILD (erste Reihe von links nach rechts): Monika Kaiser-Haas, Dr. Mosei Boroda und seine Frau Sophia, Familienmutter Rieke-Benninghaus, Tochter Theresa und ihr Vater Hermann Rieke-Benninghaus

Nach der Abendandacht begann die eigentliche Gedenkfeier für Pater Benninghaus im Ankumer Dom.

Dabei wurde ein musikalisches Werk uraufgeführt, das der aus Georgien stammende Jude Dr. Moisei Boroda eigens für diesen Gedenktag komponierte. Die meditative Stunde war zugleich informativ, denn dabei wurden unter Regie von Dr. Boroda die wesentlichen Lebens-Stationen des Märtyrers vorgelesen und durch Lichtbilder auf einer Leinwand illustriert.

Hierbei sprachen Theresa Benninghaus, Pastor Stefan Tietje und Monika Kaiser-Haas (Vize-Präsidentin des Internationalen Karl-Leisner-Kreises). Auch Pfarrer Michael Franke erläuterte in zwei Ansprachen den Sinn des Gedenkabends.

BILD: Monika Kaiser-Haas sprach im Rahmen einer Dia-Schau über die letzten Stationen und den Tod von P. Benninghaus

Danach wurde im Pfarrheim der diesjährige August-Benninghaus-Preis 2019 an den jüdischen Schriftsteller und Komponisten Dr. Boroda aus Georgien verliehen, der seit 1989 in Nordrhein-Westfalen lebt. Er setzt sich bereits seit 2001 für die christlich-jüdische Verständigung ein, zudem für die Erinnerung an christliche Blutzeugen in der NS-Diktatur.

Unser Bericht über diese Preisverleihung siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/07/24/ankum-juedischer-autor-moisei-boroda-erhielt-den-christlichen-august-benninghaus-preis/

Interessant auch folgender Zeitungsartikel: https://www.noz.de/lokales/samtgemeinde-bersenbrueck/artikel/1814982/maertyrer-vesper-fuer-pater-august-benninghaus-in-ankum


Fachtagung zum Widerstand gegen die NS-Diktatur in Schlesien und im Sudetenland

Von Stefan P. Teppert

Die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus war zunächst vor allem eine Geschichte des Scheiterns. Auch die Überlebenden der Verschwörung des 20. Juli 1944 machten die Erfahrung, dass noch in den 1950er Jahren ein Drittel der Bevölkerung das Attentat missbilligte.

Eine wesentliche Veränderung brachten erst die in den 1960er Jahren beginnenden Zeitzeugentagungen. Die Öffnung der Widerstandsbetrachtung in der wissenschaftlichen Zeitgeschichtsforschung hin zu einer Gesellschafts- und Alltagsgeschichte war verbunden mit einer vielfachen Erweiterung der Perspektiven und einer daraus abgeleiteten Differenzierung des Widerstandsbegriffs. 

Neben die Erörterung des politisch-militärischen Widerstands trat jetzt die Diskussion um einen nach Stufen differenzierten Begriff. In der Rezeptionsgeschichte veränderte sich – in den beiden deutschen Staaten höchst unterschiedlich – die Beurteilung als Verrat über Mythenbildung und moralische Vorbildfunktion bis zur wissenschaftlichen Differenzierung und konfliktiven  geschichtspolitischen Instrumentalisierung.

In der Debatte um den Widerstand spiegeln sich auch die verschiedenen Urteile über das mit ihm verbundene Zukunftspotential. An diesem Punkt beginnt die Fragestellung einer Zeithistorischen Fachtagung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Köln vom 15./16. Oktober 2018.

Diese Veranstaltung im Maternushaus wollte die Konzepte und Vorstellungen der Oppositionellen bzw. der Persönlichkeiten des Widerstands in Ober- und Niederschlesien und im Sudetenland für die „Zeit danach“ herausarbeiten und den Wegen und Umwegen im Umgang mit diesem Widerstand nachgehen. Die Tagung sollte den Auftakt bilden für eine den Widerstand in weiteren Regionen des Ostens beleuchtende Reihe.

Christine Czaja (Stuttgart), die stellv. Vorstandsvorsitzende der Kulturstiftung, älteste Tochter des früheren Stuttgarter Bundestagsabgeordneten und langjährigen BdV-Präsidenten Dr. Herbert Czaja, stellte der Tagung den bekannten Ausspruch des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters, Nazi-Gegners und späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer als Motto voran: „Das Wichtigste ist der Mut!“

Sie konnte zahlreiche Teilnehmer, darunter auch etliche Angehörige der Familien auf der Tagung betrachteter schlesischer Gegner des Nationalsozialismus, begrüßen.

Ulrich Hutter-Wolandt (Berlin), Kirchenhistoriker, zeigte das sich wandelnde Selbstbild der evangelischen Kirche in Deutschland in ihrem Verhalten gegenüber dem Nationalsozialismus. In der ersten Phase der kirchlichen Zeitgeschichtsschreibung bis Ende der 1960er Jahre wurden Teile des Protestantismus mit breiten Konsenszonen zum Nationalsozialismus ausgeblendet. Erst Ende der 1960er Jahre erfolgte eine Neuorientierung.

Zur Modernisierung in Profil und Arbeitsweise trugen die Ausweitung des Forschungsgegenstands sowie eine die Konfessionen und die NS-Zeit übergreifende Perspektive ebenso bei wie der Verzicht auf einen heilsgeschichtlichen Ansatz, der Abschied vom heroischen „Kirchenkampf“ als Epochenbegriff sowie die Reflexion des eigenen methodischen Vorgehens und der Zielsetzung ab 1985.

Dr. Pia Nordblom (Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz) beschäftigte sich mit Eduard Pant, einem ostoberschlesischen Politiker in Polen, dessen Wirken in Polen erst mit der Wende 1989 gewürdigt wurde. Pant war zeitlebens zutiefst im Katholizismus verwurzelt, betätigte sich kommunalpolitisch, gewerkschaftlich und journalistisch. Seine kompromisslose Haltung gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung hatte zur Folge, dass er als Führungspersönlichkeit des deutschen katholischen Lagers konsequent entmachtet wurde.

Damit begann der zweite Teil seiner Vita als oppositioneller Journalist. Pants Handeln zeige, „dass es innerhalb der Minderheit Alternativen zu Gleichschaltung, Anpassung und Handlangerschaft für den Nationalsozialismus gegeben hat“.

Für ungewöhnlich und seiner Zeit weit vorausgreifend hielt Dr. Nordblom Pants Modell für das Zusammenleben von unterschiedlichen Nationalitäten in einem Staat. Diese Ideen, die Pant zu einem Mittler zwischen Deutschen und Polen werden ließen, seien nach wie vor aktuell.

Prof. Dr. Konrad Glombik (Universität Oppeln/ Opole) beschrieb die Kompliziertheit des Themas Widerstand in Polen und speziell in Oberschlesien wegen schlechter Forschungslage, einer vorherrschenden pro-polnischen Erwartungshaltung sowie der ethnischen Mischung und Präsenz deutscher wie polnischer Konspirationsorganisationen, Widerstands- und Partisanengruppen. Glombik skizzierte den Lebenslauf zweier entschiedener Nazi-Gegenspieler: Graf Michael von Matuschka und Prälat Carl Ulitzka.

Graf v. Matuschka setzte sich für die Wiederherstellung normaler deutsch-polnischer Beziehungen ein. Im September 1944 wurde er im Gefängnis Berlin-Plötzensee erhängt, obwohl er aus seiner religiösen Überzeugung heraus eine Beendigung der Hitler-Herrschaft durch Gewaltanwendung abgelehnt hatte und kein aktiver Verschwörer gewesen war.

Prälat Carl Ulitzka engagierte sich trotz Verbots für die polnische Sprache und Tradition in Oberschlesien. 1939 wurde er aus seiner Heimat verbannt, 1944 in Berlin verhaftet und vier Monate im Konzentrationslager Dachau festgehalten.

Ausschlaggebend für Ulitzkas Inhaftierung sei wohl nicht seine Ablehnung der Nazi-Herrschaft gewesen, sondern die mutmaßliche Zugehörigkeit zum organisierten Widerstand. Glombik warb dafür, dass diese und nicht wenige andere Personen sowie eine breite Schicht der Bevölkerung in Oberschlesien, die gegen das NS-Regime auftraten, in ihrer Haltung und ihren Beweggründen Gegenstand weiterer Forschung werden sollten.

Prof. Dr. Günter Brakelmann (Ruhr-Universität Bochum) stellte die Papiere der Mitglieder des Kreisauer Kreises von 1943 vor, in denen „Grundsätze für die Neuordnung“ für die Zeit nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft festgehalten wurden. Ihr Ziel war ein umfassender Neuaufbruch von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft nach den Erfahrungen in Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Zeit.

Die Anerkennung der unverletzlichen Würde der menschlichen Person sollte die alles andere bestimmende Grundnorm sein. Die verbindende Klammer zwischen Katholiken, Protestanten und Sozialisten im Kreis war die Rückbesinnung auf die kirchliche Naturrechtslehre. So konnten sie sich auf einen dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Marxismus einigen. Die Kreisauer haben, schloss Brakelmann, den großen weltanschaulichen und ordnungspolitischen Kompromiss vorbereitet, wie er 1949 in die Verfassung der BRD einging.

Helmut Scheunchen (Violoncello) und Günter Schmidt (Klavier), Angehörige des „Malinconia-Ensembles Stuttgart“, boten eine Konzertsoirée mit Werken „Aus schwerer Zeit“, ein vielseitiges, exquisites Programm mit Kompositionen zwischen 1933 bis 1945 vorgestellt von Komponisten aus den untergegangenen deutschen Kulturlandschaften im Osten: den baltischen Landen, aus Ostpreußen, Schlesien und dem Sudetenland.

Christine Maria Czaja und Dr. Ernst Gierlich (Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn) lasen zwischen den Stücken erschütternde Zeitzeugnisse: den letzten Brief Helmuth James Graf von Moltkes aus dem Gefängnis vom 10. Januar 1945, mit gefesselten Händen geschriebene Kassiber aus dem Gefängnis von P. Alfred Delp SJ aus den Jahren 1944 und 1945.

BILD: Christine M. Czaja und Dr. Ernst Gierlich (Foto: S. Teppert)

Prof. Dr. Karl-Joseph Hummel (Meckenheim) eröffnete den zweiten Tag mit einer „Skizze“ zum Leben und Wirken von Paulus van Husen, einem auch dem Publikum Unbekannten aus dem Kreisauer Kreis.

Van Husen nahm als juristischer Berater der Verschwörer dort eine zwar unspektakuläre, aber gewichtige Funktion ein, hatte einen erheblichen Anteil an den Grundsatzdokumenten des Kreisauer Kreises. Mit dem geplanten Mordanschlag auf Hitler tat er sich aus seiner christlichen Überzeugung heraus schwer, sah aber im vertrauensvollen Kontakt mit Moltke, Wartenburg und Stauffenberg die Unumgänglichkeit eines Attentats.

Im Gegensatz zu einigen durch Henkershand umgekommenen Kreisauer Freunden hatte van Husen das lebensrettende Glück, dass sein Prozess durch den Tod Freislers verzögert und abgespalten wurde. Später war er an der Gründung der CDU sowie am Aufbau einer Verfassungsgerichtsbarkeit beteiligt, wurde Präsident des Verwaltungsgerichtshofs in Münster und des Verfassungsgerichtshof von NRW. Van Husen starb 1971 mit 80 Jahren in Münster.

Prof. Dr. Aleksandra Chylewska-Tölle (Adam-Mickiewicz-Universität Posen/Poznań) bot eine zusammenfassende Darstellung der Entwicklung des polnischen Diskurses zum deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus seit 1945. Anfangs billigten polnische Historiker nur den Aktivitäten von kommunistischen Gruppierungen und ihren Verbündeten die Ehre des Widerstands zu, während sie die Haltung der katholischen Kirche im Dritten Reich eher als „vorsichtige Missbilligung“ verstanden.

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde als „erfolgloses Unternehmen der imperialistischen Klassenherrschaft“ bezeichnet. In den 1960er Jahren waren die polnischen Bischöfe die ersten, die öffentlich auch die deutschen nicht kommunistischen Widerstandskämpfer erwähnten. Seit den 1970er Jahren konnten zudem in Polen die Abhandlungen deutscher Historiker zum Thema erscheinen.

Weitgehend unumstritten bleiben in polnischer Forschung und Öffentlichkeit die Aktivitäten des Kreisauer Kreises sowie der „Weißen Rose“. Jedoch sei die Erinnerung an den deutschen Widerstand auch heute noch vielen Polen ein Dorn im Auge, wodurch das Thema leicht von der Politik instrumentalisiert werden könne.

Prof. Dr. Rainer Bendel (Institut für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, Tübingen) sprach „Zum Beitrag katholischer Vertriebener zur Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland“ und konzentrierte sich dabei auf zwei paradigmatische Personen: Hans Schütz und Herbert Czaja.

Von dem in Nordböhmen geborenen Schütz gingen umfassende Impulse für eine neue Ordnung aus, in der die zehn Millionen Vertriebenen zu Bausteinen eines prosperierenden Landes wurden. Seit 1947 war er einer der wichtigsten Vorkämpfer der Idee des Lastenausgleichs, der dann eine pazifizierende Wirkung entfaltete. Für das bayerische Flüchtlingsgesetz 1947 leistete er einen wesentlichen Beitrag.

Herbert Czaja (siehe Foto) sei nicht nur im Hinblick auf die Flüchtlings- und Kriegsgeschädigtenfürsorge, sondern später auch im Bundestag als Mitgestalter der sozialpolitischen Gesetzgebung auf der Grundlage der katholischen Sozial- und Naturrechtslehre bedeutsam.

Wie sie waren auch viele andere Vertriebenenpolitiker der CDU und CSU aktive Mitglieder der Christlichen Volkspartei, die später von den Nationalsozialisten verboten wurde. Der beträchtliche Beitrag der Vertriebenen und vor allem der katholischen Sozialpolitiker aus ihren Reihen sei indes bislang kaum gewürdigt worden.

Dr. Otfried Pustejovsky (Ackermann-Gemeinde, Waakirchen) sprach zum „christlich, humanistisch und politisch motivierten Widerstand in den böhmischen Ländern, ein weithin unbekanntes Thema, das aber in einem allgemeinen deutschen Geschichtsbild verankert werden müsse.

Im Herbst 1938 begründete der Augustiner-Chorherr Roman Karl Scholz die erste Widerstandsgruppe in Österreich, die „Österreichische Freiheitsbewegung“. Infolge ihrer Denunzierung gab es Dutzende Verhaftungen und zehn Hinrichtungen. Mehr als in Deutschland sei zur Erforschung des Widerstands in Tschechien geschehen.

Pustejovsky versuchte ansatzweise, die wichtigsten Protagonisten des sudetendeutschen Widerstands aus katholischen Kreisen ins Bewusstsein zu rufen, darunter den Germanisten Lanzendörfer, Eduard Schlusche und Hanns Georg Heintschel-Heinegg.

Diese jungen Leute hätten bereits vor Beginn des Krieges konkrete Vorstellungen gehabt, dass danach eine Neuordnung Europas erforderlich werde. Zwar nicht auf gleicher Ebene wie der Kreisauer Kreis, aber aus allen Schichten und in kleineren Gruppen habe es über die Gesamtfläche der böhmischen Länder Widerständler gegeben, die bereit waren, ihr Leben einzusetzen.

Prof. Dr. Karl-Joseph Hummel dankte abschließend den Teilnehmern für ihre Präsenz und vor allem Christine Czaja für ihr beharrliches Arbeiten an der Entstehung dieser bereits von ihrem 1997 verstorbenen Vater Dr. Herbert Czaja angeregten Tagungsreihe.

In den Jahren 2019 und 2020 sollen Fachtagungen zu exemplarischen Nazi-Kontrahenten in Ost- und Westpreußen sowie in Pommern und Posen, sodann zu solchen bei deutschen Volksgruppen in Südosteuropa folgen.


Kardinal Müller widerspricht Bischof Genn und fordert Priester ggf. zum „Widerstand“ auf

Priester müssen keinen bischöflichen Richtlinien folgen, wenn diese die hl. Kommunion für evangelische Christen erlauben. Dies war die direkte Antwort Kardinal Müllers auf den Bischof von Münster, Felix Genn, als dieser sich zugunsten der Eucharistie für Protestanten positionierte.

„Wir haben als Seelsorger nicht das Recht, jemandem die Zulassung zur Eucharistie zu erlauben bzw. zu verbieten“, erklärte Dr. Genn in einem Interview mit Kirche+Leben Netz.

„Es kann nicht der Gewissensentscheidung eines Katholiken oder Nichtkatholiken überlassen werden, zu entscheiden, ob er die Heilige Kommunion empfangen darf,“entgegnete der ehem. Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller (siehe Foto). Er fügte hinzu, dass Priester in diesen Fällen notfalls den Anweisungen ihrer Bischöfe Widerstand leisten sollen.

Felix Genn hatte eine „Orientierungshilfe“ für sein Bistum veröffentlicht, wonach evangelische Ehepartner von Katholiken „im Einzelfall unter bestimmten Voraussetzungen die Kommunion empfangen“ dürfen. „Ich habe von Anfang an hinter diesem Text gestanden und stehe auch weiterhin zu ihm“, so Genn.

„Der Empfang der hl. Kommunion verlangt eine vollständige Mitgliedschaft in der katholischen Kirche“, erklärte hingegen Müller.

Der Kurienkardinal besteht darauf, dass ein Priester nicht dazu verpflichtet ist, einem Nichtkatholiken die hl. Kommunion zu spenden. Ganz im Gegenteil habe er die Pflicht, nicht die „Sakramentalität der Kirche“ zu verletzen.

Quelle und vollständige Meldung hier: https://www.freiewelt.net/nachricht/priester-duerfen-sich-bischoefen-widersetzen-wenn-es-um-kommunion-fuer-protestanten-geht-10076560

Foto: Bistum Regensburg

 


Steigerung der Gewalttaten gegen Polizisten

Das vom Bundeskriminalamt (BKA) vorgestellte Lagebild zur Gewalt gegen Polizeibeamt/innen zeigt eine nach wie vor hohe Zahl von Gewaltvorfällen. 24.419 Fälle von „Widerstandshandlungen gegen Vollstreckungsbeamte“ wurden für das Jahr 2017 erfasst.

Der Bundesvorsitzende der Dt. Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, erklärt dazu:

„Die Lagebilder der vergangenen Jahre zeigen erschreckende Steigerungsraten und zeigen, dass die meisten Attacken nicht bei Großeinsätzen, sondern im täglichen Einsatz stattfinden, häufig bei eher alltäglichen Anlässen, einer Verkehrskontrolle, der Unfallaufnahme, einer Ordnungsstörung wie Lärmbelästigung oder beim Einsatz gegen häusliche Gewalt.

Aber auch die Vielzahl an Demonstrationen bundesweit, die zunehmende Radikalisierung in der Gesellschaft haben dazu beigetragen, dass unsere Kolleg/innen immer stärker zwischen die Fronten geraten und das aushalten müssen, was die Politik in den letzten Jahren versäumt hat.

Ein schwacher Staat aufgrund von Stellenabbau und Kürzungen bietet eben keine Gewähr für ein starkes gesellschaftliches und respektvolles Zusammenleben. Die Polizei der Zukunft wird noch mehr als bisher eine starke, wehrhafte und durchsetzungsstarke Polizei sein müssen, eine Entwarnung gibt es leider nicht.“

Bundeslagebild Gewalt gegen Polizeibeamt/innen

Quelle: https://www.dpolg.de/aktuelles/news/dpolg-gewalt-weiterhin-erschreckend-hoch/


Köln: Tagung vom 15. bis 16. Oktober über Widerstand in Schlesien und Sudetenland

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Unter dem Motto „Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Schlesien und im Sudetenland – Persönlichkeiten und Zukunftskonzepte“ veranstaltet die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen eine zeithistorische Fachtagung in Köln (Maternushaus) von Montag, den 15. Oktober, bis Dienstag, den 16. Oktober 2018.
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Die wissenschaftliche Leitung übernimmt Prof. Dr. Karl-Joseph Hummel, Meckenheim.
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Bei dieser Veranstaltung geht es nicht allein um die Vorstellung von bekannten Persönlichkeiten, die Widerstand gegen die NS-Diktatur geleistet haben (z.B. Graf von Moltke und Graf York von Wartenburg) oder von Geistlichen, die ihren Glaubensmut mit dem Leben bezahlten, sondern auch um den Einfluß von Oppositionellen aus dem Osten auf die Entwicklung in Westdeutschland.

Außerdem befaßt sich die Tagung mit den politischen Konzepten des Widerstands in Ober- und Niederschlesien und im Sudetenland für die „Zeit danach“.

Die Forschung zum Widerstand in diesen Gebieten (die später von der Vertreibung betroffen waren) war bislang eher im Hintergrund geblieben. Durch neuere wissenschaftliche Biographien und Aufarbeitungen gab es Fortschritte in neuerer Zeit. Dabei geht es auch um die Frage, ob bzw. wie der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den östlichen Nachbarländern  wahrgenommen und diskutiert wurde und wird.

Auf der Tagung sprechen zahlreiche angesehene Historiker/innen und Fachleute, darunter auch Geschichtsforscher aus den erwähnten Vertreibungsgebieten.

Das ausführliche Programm lesen Sie hier: https://kulturportal-west-ost.eu/wp-content/uploads/Einladung-ZG-2018.pdf

Die Anmeldung soll bis 7. Oktober erfolgen.

Der Teilnehmerbeitrag beträgt 60 Euro. Darin ist die Verpflegung für beide Tage enthalten. Um die Unterkunft sollen sich die Teilnehmer selber kümmern.

Kontakt-Daten: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Godesberger Allee 72-74 in 53175 Bonn
Telefon: 0228/ 91512-0, E-Mail: kulturstiftung@t-online.de