Wolfgang Waldstein über Herkunft, Bedeutung und Aktualität des „Naturrechts“

Ein Vatikan-Kongress über die Geschlechterbeziehung zwischen Mann und Frau im November hat wieder an die Gemeinsamkeiten über alle kulturellen Grenzen hinweg erinnert: Vertreter von 14 Religionen waren sich einig über den Wert der traditionellen Ehe. 75743_14122011

In der Natur des Menschen ist offenbar ein Wertesystem von vornherein angelegt. Bereits im Jahr 2009 hatte sich die Internationale Theologische Kommission in dem Dokument „Auf der Suche nach einer universalen Ethik. Ein neuer Blick auf das Naturrecht“ mit diesem System beschäftigt und war damit einer Anregung Papst Benedikts XVI. gefolgt.

In dessen berühmter Naturrechtsrede vor dem Deutschen Bundestag im September 2011 wird kein anderer Autor so oft zitiert wie der österreichische Rechtshistoriker Prof. Dr. Wolfgang Waldstein. 

Michaela Koller (siehe Foto) sprach mit dem emeritierten Salzburger Professor über die Geschichte und Entwicklung des Naturrechts.M. Koller

Der Juraprofessor Stephan Rixen bezeichnete nach der Rede Papst Benedikts XVI. am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag das natürliche Sittengesetz als „theologisches Naturrecht römisch-katholischer Prägung“. Was die Wurzeln des Naturrechts betrifft, so sind Sie zu anderer Erkenntnis gelangt…

Waldstein (siehe Foto): Rixen irrt grundlegend, weil er offenbar nicht weiß, dass das Naturrecht, vielleicht nicht dem Namen, aber der Sache nach, seit dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend in den Quellen belegt ist. 

Man hat erkannt, dass es ein Recht gibt, das nicht von Menschen geschaffen ist. Es konnte sich besonders entwickeln, da die römischen Juristen seit dem 2. Jahrhundert vor Christus begonnen haben, Rechtsfälle nach dem Naturrecht zu entscheiden. Sie waren damals mit der griechischen Philosophie in Berührung gekommen und haben es von da der Sache nach übernommen.IMG_0005

Es kann also nicht sein, dass es sich um eine christliche Erfindung handelt. Es ist eben der menschliche Geist fähig, einzusehen, dass ein Recht vor jedem menschlichen Recht existiert, das erhalten bleiben muss. Ich kenne die Quellen und habe sie studiert.

Es gibt auch Kreise, die das Naturrecht und mit ihm die Menschenrechte für eine Ausgeburt der Aufklärung halten. Welche Kontinuität schließt sich denn an die römische Blüte des Naturrechts an?

Waldstein: Auf der Grundlage der Erkenntnisse aus dem 2. Jahrhundert vor Christus haben Juristen das klassische römische Recht bis zum 3. Jahrhundert nach Christus in Schriften entwickelt. Im Jahr 530 hat der oströmische Kaiser Justinian den Auftrag erteilt, aus diesen Schriften eine Sammlung anzulegen. Das ist das justinianische Gesetzbuch geworden, das im Mittelalter in Bologna neu entdeckt und später dann im 18. und 19. Jahrhundert in die Naturrechtsgesetzbücher eingeflossen ist.

Und das österreichische Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1811 (ABGB), das immer noch gilt, ist neben dem französischen Code Civil von 1804 eines dieser Gesetzbücher. In Paragraf 7 ABGB wird in zweifelhaften Rechtsfällen auf die natürlichen Rechtsgrundsätze verwiesen.

Wann hat denn der Verfall der Achtung vor dem Naturrecht eingesetzt?

Waldstein: Bei uns hat es damit begonnen, dass das Parlament mehrheitlich den Schutz des ungeborenen Lebens aufgehoben hat. Dies war der erste schwere Einbruch. Ich habe damals gesagt, dass Österreich dadurch aufgehört hat, ein Rechtsstaat zu sein – weil man einer Gruppe von Menschen das Lebensrecht entzieht. 1_0_809751

Wenn die Demokratie Rechte nicht anerkennt, schlägt sie in einen Totalitarismus um, in eine Tyrannei der Mehrheit. Wenn man die Grundlagen des Rechts an einer Stelle verlässt, dann greift es leicht auf andere Fälle über. Beispiele dafür sehen wir bereits in der Antike bei den Griechen. 

Auch bei den Römern gab es eine totalitäre, völlig rechtlose Phase, im 2. und 1. Jahrhundert vor Christus. In der Zeit um den Beginn des 1. Jahrhunderts nach Christus kam ein Kaiser, der wieder rechtsstaatliche Verhältnisse herstellte.

Es kam und kommt wiederholt zu Rückschritten, auch gegenwärtig, was die Durchsetzung des Naturrechts betrifft….

Waldstein: Einen besonders schmerzlichen Rückschritt sehen wir gegenwärtig darin, dass der Staat schwerwiegend in das Erziehungsrecht der Eltern eingreift und die Kinder nach seinen Vorstellungen in die sexuelle Libertinage führt. Diese zwingt der Staat den Kindern gegen den Willen der Eltern auf, beginnend bereits mit dem Kindergarten, wo schon Kuschelecken eingerichtet werden. Das ist vielfach dokumentiert. Der Marxismus hat diese Ideen verbreitet.

Quelle und vollständiges Interview hier: http://www.zenit.org/de/articles/die-liebe-als-grundlage-des-rechts

PROF. WALDSTEIN: Geboren 1928 in Hangö (Finnland), kam Waldstein nach dem Ausbruch des sowjetisch-finnischen Krieges mit seiner Familie 1940 nach Salzburg. Ab 1964 lehrte er zunächst an der Universität Innsbruck, dann ab 1965 bis 1992 als ordentlicher Professor Römisches Recht und Rechtsphilosophie in Salzburg.

Von 1996 bis 1998 war er Ordinarius an der Zivilrechtlichen Fakultät der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Zehn Jahre lang, von 1994 bis 2004, war Waldstein Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben. Er gilt bis heute international als führend anerkannter Experte für Naturrecht.

Dr. Wolfgang Waldstein ist katholisch, verheiratet mit Marie Theresa Waldstein. Die Beiden haben sechs Kinder, 24 Enkel und 18 Urenkel.

Buchtips: Wolfgang Waldstein. Mein Leben – Erinnerungen. Verlag Media Maria, 2013. ISBN 978-3-9815943-4-8; 18,50 EUR.  – Wolfgang Waldstein. Ins Herz geschrieben. Sankt Ulrich Verlag, 2010. ISBN: 978-3-86744-137-7; 19 EUR.

INFO-Magazin von Michaela Koller: http://www.vaticanista.info/


BUCH-Tip zum Naturrecht: „Ins Herz geschrieben“ von Prof. Wolfgang Waldstein

Rezension von Dr. Dr. Wolfgang F. Rothe

Buch-Daten: Waldstein, Wolfgang: Ins Herz geschrieben / Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft, Augsburg (Sankt- Ulrich-Verlag) 2010, 173 Seiten; 19,90 €  –    ISBN 978-3-86744-137-7.

„Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist“, so zeigen sie damit, „dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist“, erklärt der heilige Apostel Paulus (Röm 2, 14-15). afc127c26a

Tatsächlich gab es zu allen Zeiten und in allen Kulturen „Heiden“, die bestimmte „christliche“ Gebote  –  etwa das Gebot, nicht zu töten bzw. das daraus resultierende Recht auf Leben  –  nicht nur fraglos befolgt, sondern auch als ebenso zeitlos wie universal gültige Normen erkannt und eingefordert haben.

Selbst religiös indifferente Organisationen und Institutionen wie die Vereinten Nationen oder die Europäische Union gründen auf der Überzeugung, dass es Rechte gibt, die jedem einzelnen Menschen als solchem zu eigen sind, und dass die daraus resultierenden Normen im Umkehrschluss von jedem einzelnen Menschen als unveräußerlich erkannt werden können und befolgt werden müssen.

Doch wo liegen Ursache und Ursprung dieser so genannten Menschenrechte? Sind sie vielleicht das Produkt einer wie auch immer gearteten Evolution, eines utilitaristisch motivierten gesellschaftlichen Konsenses oder einer demokratischen Mehrheitsentscheidung?

Das Naturrecht beansprucht universale Gültigkeit

Wenn dem so wäre, könnten sie weder universale noch zeitlose Gültigkeit beanspruchen und folglich auch nicht als unveräußerlich deklariert und eingefordert werden. Gerade in einer Zeit, in der die Menschenrechte mehr denn je gefährdet sind  –  man denke etwa an ihre Infragestellung durch kommunistische oder radikal islamische Regime wie in China oder im Iran  –  ist es unerlässlich, daran zu erinnern, dass ihr Ursprung nirgends anders denn in der Natur des Menschen selbst begründet ist. Rothe_Benedikt_Lit_Vers

Darum können die Existenz und Geltung von Menschenrechten nur dann und insoweit begründet und eingefordert werden, als ihre naturrechtliche Grundlage anerkannt wird: Ohne Naturrecht keine Menschenrechte!

FOTO: Dr. W. Rothe überreicht sein Buch „Liturgische Versöhnung“ an Papst Benedikt

„Nur wenn diese Grundlagen wieder mehr anerkannt und tatsächlich beachtet werden, kann es einen wirksamen Schutz der Menschenrechte geben“ (S. 65), betont Wolfgang Waldstein in seiner jüngsten Monographie, die „eine kompakte Einführung“ in die naturrechtliche Thematik bietet und trotz ihres uneingeschränkt wissenschaftlichen Anspruchs „für ein breites Publikum“ (so der Text im Buchrücken) geeignet ist.

Kompendium der Rechtsphilosophie

Das Buch bildet gleichsam ein Kompendium der zahlreichen einschlägigen Publikationen des Verfassers, der zunächst an der Universität Innsbruck, dann von 1965 bis 1992 an der Universität Salzburg und schließlich bis 1998 an der zivilrechtlichen Fakultät der Päpstlichen Lateranuniversität doziert und sich auf vielfache Weise  –  nicht zuletzt auch als Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben  –  um die Begründung und Wahrung der Menschenrechte, insbesondere des Rechts auf Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, verdient gemacht hat.

Das Buch gliedert sich in zehn aufeinander aufbauende und zugleich in sich abgeschlossene Kapitel, deren erstaunliche Themenvielfalt und -breite deutlich macht, dass es in der Auseinandersetzung um das Naturrecht nicht um irgendeine juristische bzw. rechtsphilosophische Spitzfindigkeit geht, sondern um nicht weniger als um „die europäische Rechtskultur“ als solche, die ohne die „Wirklichkeit des Naturrechts nicht zu verstehen“ (S. 7) ist.

Dabei hat sich der Verfasser  –  wie er in dem als „Einleitung“ (S. 7-14) konzipierten ersten Kapitel erklärt  –  zum Ziel gesetzt, zunächst „die wichtigsten Argumente gegen das Naturrecht [zu] überprüfen“ (S. 8), sodann „die Grundlagen und die Wirklichkeit des Naturrechts in der historischen Rechtsentwicklung“ aufzuzeigen und schließlich „auf einzelne Menschenrechte ein[zu]gehen, deren wichtigstes das zum Leben ist“ (ebd.).

 „Ungeachtet der naturrechtlichen Wirklichkeit in der historischen Entwicklung haben sich, beginnend mit der Reformation seit dem 16. Jahrhundert über die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts Theorien entwickelt, mit denen die Existenz eines Naturrechts bestritten wurde.“ (S. 8)

„Gibt es ein Naturrecht?“

In Anbetracht dessen stellt sich der Verfasser im zweiten Kapitel der grundsätzlichen Frage: „Gibt es ein Naturrecht?“ (S. 15-30)  – Die gewichtigsten Einwände gegen eine zustimmende Beantwortung dieser Frage beruhen auf „der Behauptung, Naturrecht könne nur durch einen ‚naturalistischen Fehlschluss’ aus der Natur abgeleitet werden“  –  mit anderen Worten: „aus der Natur als etwas Seiendem könne kein Sollen abgeleitet werden“ (S. 15).

Zwar sei es tatsächlich „eine logische Selbstverständlichkeit, dass man von der physischen Natur nicht auf die Existenz geistiger Gegebenheiten schließen kann“, doch könne aus der physischen Natur „aber auch nicht umgekehrt auf die Nichtexistenz geistiger Gegebenheiten, wie etwa der Gesetze der Logik“ (ebd.) geschlossen werden, hält der Verfasser dem entgegen.

„Nach der Darstellung einiger der wichtigsten Argumente gegen das Naturrecht“ und deren Widerlegung zeigt der Verfasser in den daran anschließenden Kapiteln auf, „welche Wirklichkeit des Naturrechts die Quellen seit der Antike bezeugen“(S. 30), wobei er im kurzen, aber gehaltvollen dritten Kapitel zunächst „Das Naturrecht in Zeugnissen der Antike“  (S. 31-37) vorstellt.

Im Zuge dessen macht er deutlich, dass zu den wesentlichen Grundzügen bereits des vorchristlichen Menschenbildes die Erkenntnis gehört, „dass der Mensch in seinem Handeln an objektive Normen gebunden ist, die für ihn erkennbar sind, und dass der Sinn seines Lebens sich nicht in diesem Leben erschöpft“ (S. 31).

„Römisches Recht und europäische Rechtsentwicklung“ (S. 38-65) ist das umfangreiche vierte Kapitel überschrieben, in dem sich der Verfasser einmal mehr als ausgewiesener Kenner der im Römischen Recht wurzelnden europäischen Rechtstradition erweist.

So ist es ihm ein besonderes Anliegen aufzuzeigen, wie die Erkenntnis und Anwendung des Naturrechts durch die römischen Juristen eine ungebrochene, bis in die Gegenwart hinein reichende Rechtstradition begründet hat:

„Römisches Recht“ auf  naturrechtlicher Basis

„Die römischen Juristen haben das Naturrecht als eine dem Menschen vorgegebene und für diesen mittels seiner Vernunft erkennbare normative Ordnung mit Selbstverständlichkeit als verbindlich erkannt und in konkreten Entscheidungen angewandt. […] Das Ergebnis dieser Arbeit wurde im Jahre 533 n. Chr. vom oströmischen Kaiser Justinian […] in dem als Digesten bezeichneten Werk als eines seiner Gesetzbücher veröffentlicht.

Die Wiederentdeckung dieses Werkes im Mittelalter und dessen Studium an der ursprünglichen Schule der artes in Bologna ließ zunächst aus dieser Schule die erste Universität Europas entstehen. Sie hat dann die gesamte weitere Entwicklung der europäischen Rechtskultur geprägt. Im 18. und 19. Jahrhundert sind auf dieser Grundlage die ‚Naturrechtsgesetzbücher’ entstanden, das preußische Allgemeine Landrecht von 1794 (AL), der französische Code civil von 1804 und das österreichische Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1811 (ABGB).“ (S. 53)

Vor allem aber gilt es daran zu erinnern, dass das Naturrecht „auch die Grundlage der modernen Menschenrechte“ (S. 62) bildet.

In den nun folgenden Kapiteln thematisiert der Verfasser einige der wichtigsten Naturrechte im Einzelnen, so vor allem im fünften Kapitel „Das Menschenrecht zum Leben“ (S. 66-104), das er zu Recht als „das grundlegendste aller Menschenrechte“ ( S. 77) bezeichnet.

Insofern dieses Recht durch eine weitgehende Legalisierung von Abtreibung und (so genannter) Sterbehilfe „nicht mehr uneingeschränkt geachtet wird“, haben die betreffenden Staaten nach Meinung des Verfassers „die Grundlage ihrer Legitimität längst verloren“ (S. 104).

Während es im sechsten Kapitel um das „Naturrecht als Grundlage der Ehe“ (S. 105-115) geht, steht „Das Erziehungsrecht der Eltern“ (S. 116-121) im Mittelpunkt des siebten Kapitels; Ausführungen „Zur Bedeutung des Naturrechts für das Recht auf Eigentum“ (S. 122-130) schließen sich im achten Kapitel an, die im knappen neunten Kapitel im Hinblick auf die „Naturrechtliche[n] Grundlagen des Vertragsrechts“ (S. 131-133) fortgeführt und ergänzt werden.

Aus dem Naturrecht folgt Gerechtigkeit

Von bemerkenswerter Aktualität ist die Thematik des zehnten, überschriebenen Kapitels, in dem der Verfasser aufzeigt, dass es „nur auf der Grundlage des Naturrechts […] Gerechtigkeit geben“ kann: „Wenn seit jeher […] Gerechtigkeit darin gesehen wird, dass ‚jedem das Seine’ zuteil wird, so kann das, was ‚jedem das Seine’ ist, nur auf der Grundlage des Naturrechts erkannt werden.“

Einer besonderen Würdigung unterzieht der Verfasser in diesem Zusammenhang dem monumentalen Werk des österreichischen Sozialethikers Johannes Messner (+ 1984), das nach wie vor einer angemessenen wissenschaftlichen Erschließung zumal unter rechtswissenschaftlichem und kanonistischem Aspekt harrt.

Im „Ergebnis“ (S.157-160) titulierten Schlusskapitel schreibt der Verfasser unter Verweis auf die Präambel der europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten:

„Die Bildung des Rechtsbewusstseins ist […] eine der wichtigsten Aufgaben, um eine europäische Wertegemeinschaft auf der Grundlage des ‚gemeinsamen Erbes an geistigen Gütern’ wiederherstellen zu können. Anders kann eine menschenwürdige Zukunft der Menschheit nicht gesichert werden“

Mit seinen ebenso kompakten wie informativen Ausführungen über das Naturrecht als dem einem jeden Menschen ins Herz geschriebene Gesetz ist es dem Verfasser gelungen, einen beeindruckenden Beitrag zur Bewältigung dieser ebenso drängenden wie gewaltigen Aufgabe zu leisten.

Unser Autor Dr. Dr. Wolfgang Rothe ist katholischer Priester, Pfarrvikar in München und promovierter Kirchenrechtler

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in „Theologisches“ (3-4/2010)


Prof. Dr. Wolfgang Waldstein äußert fundierte Kritik an der Hirntod-Definition

Der Hirntod gilt als wesentliches Kriterium für die Entnahme von Organen. Dagegen gibt es jedoch überzeugende Einwände  – zum Beispiel die folgenden Kritikpunkte von Prof. Dr. Wolfgang Waldstein aus Salzburg.

Der österreichische Rechtshistoriker ist Mitglied der „Päpstlichen Akademie für das Leben“ und vielfacher Buchautor  –  darunter der Titel „Ins Herz geschrieben“ über die zeitlose Bedeutung des Naturrechts für Ethik, Moral und Gesellschaft.

Ein ausführlicher Beitrag des Professors zu diesem Themenkreis erschien in der Zeitschrift „Medizin und Ideologie“ (Nr. 3/ 2012).   –  Hier folgt sein Gastkommentar aus den „Stuttgarter Nachrichten“ vom 3.11.2012:

Johannes Bonelli hat in den Salzburger Nachrichten vom 21. August 2012 zur Hirntod-Definition von 1968 erklärt:

„Es herrscht seit damals weltweit ein Konsens unter Medizinern, dass der Nachweis des Funktionsausfalls des Gehirns durch dessen vollständige Zerstörung das bis heute sicherste Zeichen bzw. Kriterium für den Tod eines Menschen ist.“

Die Neudefinition des Todes im Jahre 1968 durch ein Komitee der Harvard Medical School macht aber selbst klar, dass die Annahme des Hirntodes als ausreichendes Todeskriterium nur den Zweck hatte, die Entnahme vitaler Organe eines Menschen mit schwerwiegender Hirnschädigung zu ermöglichen.

Der Report betonte als seine primäre Absicht, das irreversible Koma als neues Kriterium für den Tod zu definieren. Dafür werden zwei Gründe genannt:

Erstens hätten die Verbesserungen bei wiederbelebenden Maßnahmen dazu geführt, auch Menschen zu retten, die hoffnungslos verletzt seien. Manchmal sei das Ergebnis ein Individuum, dessen Herz weiterschlage, dessen Gehirn aber irreversibel geschädigt sei. Die Belastung für Patienten, die an dauerndem Verlust des Verstandes litten, sei groß.

Obsolete Kriterien für die Definition des Todes könnten zu Kontroversen beim Erlangen von Organen für die Transplantation führen.

Dieser zweite Grund für die Neudefinition, den der „Harvard-Report“ offenlegt, zielt eindeutig darauf, Hindernisse für das Erlangen von Organen für die Transplantation zu beseitigen.

Der Report war also nicht daran interessiert, die Wahrheit über den Zeitpunkt des Todes des Menschen festzustellen; er wollte vielmehr eine Definition schaffen, die es erlaubt, menschliches Leben nach bestimmten Kriterien als nicht mehr bestehend oder nicht mehr schützenswert anzusehen.

Harvard 1968: Die Neudefinition des Todeszeitpunkts war zweckgerichtet

Die Neudefinition hat vorrangig den Zweck, mehr Organe für Transplantationen verfügbar zu haben.

Die klinischen Erfahrungen mit der Anwendung dieses Hirntodkriteriums haben aber schon bald Zweifel entstehen lassen.

Bemerkenswert ist der Weg von Alan Shewmon, Vorstand der Neurologie und Pädiatrie am Olive View UCLA Medical Center Sylmar, Kalifornien, USA:

Er war vom Hirntod überzeugt und hat Organtransplantationen praktiziert. Ihm sind aber dabei mehr und mehr Zweifel an der Richtigkeit des Hirntodkriteriums gekommen.

Shewmon gelangt zu dem Ergebnis, dass nur Transplantationen durchgeführt werden dürften, bei denen die Organentnahme den Spender weder töte noch schädige: die Spende einer Niere, eines Leberlappens, eine Blut– oder Knochenmarkspende.

Es ist klar, dass die heutige Transplantationsmedizin, die ein enormes Geschäft geworden ist, solche Vorstellungen nicht mehr annehmen kann. Doch die Bedenken sind nicht weniger, sondern mehr geworden.

Das hat die Päpstliche Akademie der Wissenschaften zu einer neuerlichen Prüfung der „Zeichen des Todes“ veranlasst. Ein Kongress im Februar 2005 kam zu zwei Ergebnissen:

„Es gibt einen überwältigenden medizinischen und wissenschaftlichen Befund, dass das vollständige und unwiderrufliche Ende aller Gehirntätigkeit (im Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm) kein Beweis für den Tod ist. Der vollkommene Stillstand von Gehirnaktivität kann nicht hinreichend festgestellt werden. Irreversibilität ist eine Prognose und nicht eine medizinisch feststellbare Tatsache. Wir behandeln heute viele Patienten mit Erfolg, die noch jüngst als hoffnungslose Fälle betrachtet worden waren.“

„Eine Diagnose des Todes durch neurologische Kriterien allein ist Theorie, keine wissenschaftliche Tatsache. Sie reicht nicht aus, die Lebensvermutung zu überwinden.“

In dieser Lage ist es besonders wichtig, dass nicht „einige Gegner“, sondern Proponenten der „Neudefinition“ des Todes selbst öffentlich erklärt haben, dass die Anwendung des Hirntod-Kriteriums die Tötung des Spenders mit sich bringe.

Im „Hastings-Center-Report 38“ (6/2008), hat der Transplantationsarzt Robert Truog gemeinsam mit Franklin Miller vom National Institute of Health zugegeben, dass die Praxis des Hirntodkriteriums de facto die Tötung des Organspenders bedeute.

Daher müsse die „dead donor rule“ aufgegeben werden. Das Töten des Patienten durch Organentnahme sollte als „justified killing“ angesehen werden.

„Gerechtfertigte Tötung“?  – Dürfen wir „Leben retten durch Töten“?

Eine solche „gerechtfertigte Tötung“ ist nur in dem Kontext zu verstehen, dass die Transplantationsmedizin sich als eine humane, lebensrettende Maßnahme versteht. Mit der Organtransplantation können tatsächlich Leben in großer Zahl gerettet werden.

Dennoch stellt sich die Frage: Ist es wirklich gerechtfertigt, dass dafür der Organspender sterben muss? Kann man die Formel annehmen: Leben retten durch Töten?

Die Soziologin Alexandra Manzei schreibt dazu in der „Tagespost“ vom 4. September 2012:

„Seit 20 und mehr Jahren wird den Menschen gesagt, dass es sich bei Hirntoten um ganz normale Leichen handle. Das ist aber nicht der Fall. Um es einfach auszudrücken: Leichenteile kann man nicht verpflanzen; . . . Leichenteile würden den Empfänger vergiften. Verpflanzen kann man nur Organe von einem lebenden Organismus.“

Zur Frage der „Anzahl jener Hirntoten, die nicht tot sind“, meint Manzei:

„Erforscht werden können nur jene Fälle, bei denen nach Feststellung des Hirntodes keine Organe entnommen werden, da durch die Organentnahme in jedem Fall der Tod eintreten würde. Werden Organe entnommen, ist das Hirntodkonzept nicht falsifizierbar. Beim Hirntodkonzept handelt es sich um eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Ungeachtet all dieser Tatsachen wird das Hirntodkonzept hemmungslos angewandt, weil die Transplantationsmedizin die daraus resultierenden Tötungen unbedingt braucht. Die staatlichen Gesetze zur Transplantationsmedizin haben den Weg geebnet.

Sogar kirchliche Institutionen werben für die Bereitschaft zur Organspende, ohne zu sagen, was das für den „Spender“ bedeutet.

Es bedeutet  –  nach den Aussagen von Truog und Miller  – die meist wohl nicht bewusste Bereitschaft, sich töten zu lassen.

Quelle: http://search.salzburg.com/news/content/text/html/sn/news/sn0321_03.11.2012_41-43164676