Das Zauberwort „Transparenz“ und die „Hölle des Gleichen“

Prof. Byung-Chul Han: Wenn „Transparenz“ in eine Kontrollgesellschaft ausufert

Im Kulturteil der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 12.1.2012 befaßt sich der Buchautor und Philosoph Prof. Byung-Chul Han kritisch mit der  –  nicht erst seit der Causa Wulff  –   verstärkt auftretenden Forderung nach „Transparenz“. Im März 2012 erscheint sein Buch „Transparenzgesellschaft“.

Gerade im Internet gibt es im Rahmen der Post-Privacy-Ideologie wachsende Bestrebungen, die Privatsphäre freiwillig preiszugeben, immer mehr persönliche Daten ins Netz zu stellen und dadurch „transparent“ zu werden.

Letztlich führt dies zu einem Bürger, der sich selber „gläsern“ macht und sich dabei großartig  „frei“ und unbekümmert vorkommt, zumal diese Selbstentblößung aus eigenem Antrieb geschieht.

Zugleich entsteht auch in Politik und Gesellschaft ein Transparenz-Druck, der ausufern kann und seine eigenen Grenzen nicht mehr erkennt.

Natürlich ist das Bedürfnis nach vollständiger Information und „Durchsichtigkeit“ dort richtig, wo es um Aufhellung von Korruption oder Kriminalität geht  – dafür sorgen aber in aller Regel ohnehin Justizbehörden, Untersuchungsausschüsse  –  und Medienrecherchen sowieso.

Prof. Byung-Chul Han sieht im Namen der Transparenz erhebliche Gefahren für den Einzelnen und dessen Recht auf Privatsphäre aufkommen:  „Die Transparenz manifestiert sich heute als systemischer Zwang, der alle gesellschaftlichen, ökonomischen und  politischen Prozesse erfaßt und sie tief greifenden Veränderungen unterwirft.“
Letztlich sei die Transparenzgesellschaft mit ihrer Einebnung des Unterschiedlichen eine „Hölle des Gleichen“, den das „Andere oder Abweichende“ werde „eliminiert“.

Der Autor erinnert an das Wort des Publizisten Ulrich Schacht: „Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz.

Die Transparenz werde heute, so der Autor, „als Instrument der Kontrolle und Überwachung in den Dienst genommen“.

Sodann folgt ein aktuelles Beispiel:
„Merkwürdigerweise gleich jener unglückliche Fernsehauftritt des Bundespräsidenten, in der er sich den Fragen der Journalisten von ARD und ZDF stellte, einem polizeilichen Verhör. Immer wieder betonte Wulff, er wolle „Vertrauen schaffen durch Transparenz“. (…)

Dieses Motto verbirgt in sich einen Widerspruch. Vertrauen ist nur möglich in einem Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen. Vertrauen heißt, trotz Nichtwissen gegenüber dem anderen eine positive Beziehung zu ihm aufbauen.(…) Weiß ich im Vorfeld alles, erübrigt sich das Vertrauen.(…) Wo die Transparenz herrscht, ist kein Raum für das Vertrauen. Statt „Transparenz schafft Vertrauen“ sollte es eigentlich heißen „Transparenz schafft Vertrauen ab“, erläutert der Philosoph mit logischer Stringenz.

Der Ruf nach Transparenz kommt gerade dann auf, wenn das Vertrauen bereits beschädigt ist, wie der Autor klarischtig erläutert:

„Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt.(…) Die lautstarke Forderung nach Transparenz weist gerade darauf hin, daß das moralische Fundament der Gesellschaft brüchig geworden ist, daß moralische Werte wie Ehrlichkeit oder Aufrichtigkeit immer mehr an Bedeutung verlieren. An die Stelle der wegbrechenden moralischen Instanzen tritt die Transparenz als neuer gesellschaftlicher Imperativ.“

Der Philosoph gibt freilich zu bedenken:
„Der Mensch ist nicht einmal sich selbst transparent.(…) Das „Es“ bleibt dem Ich weitgehend verborgen. Durch die menschliche Psyche geht also ein Riß, der das psychische System nicht mit sich übereinstimmen lässt. (…) Auch zwischen Personen klafft ein Riss. So läßt sich unmögliche ein interpersonale Transparenz herstellen; sie ist auch nicht erstrebenswert. Gerade die fehlende Transparenz des anderen erhält die Beziehung lebendig.“

Er erläutert sodann, daß die menschliche Seele „offenbar Sphären braucht, wo sie bei sich sein kann, ohne die Sorge um den Blick des anderen. Eine totale Ausleuchtung würde sie ausbrennen.(…) Ganz transparent ist nur die Maschine.“

Abschließend warnt der Autor mit Berufung auf Julian Assange vor einer „Transparenz, die sich heute zur Ideologie totalisiert“; sie drohe zunehmend „in eine Kontrollgesellschaft umzuschlagen“.

Beim „Zwang zur Transparenz“ sei auch zu bedenken: „Ausleuchtung ist Ausbeutung. Wer ganz ausgeleuchtet ist, ist der Ausbeutung schutzlos ausgeliefert.“

Diese nachdenklichen und mahnenden Worte bringen Licht ins Halb-Dunkel des schillernden Begriffes der „Transparenz“, seiner aktuellen Anwendung und interessengeleiteten Vereinnahmung.


ALLE reden von WULFF – WIR reden von BILD

BILD-kritischer Kommentar von Felizitas Küble

Daß der deutsche Bundespräsident dazu neigt, sich entweder um Kopf und Kragen zu reden oder andernfalls nur unverbindliche Allgemeinplätze abzusondern, ist bekannt und in den letzten Tagen erneut unter Beweis gestellt worden.

Wir haben hier im „Christlichen Forum“ keinen Nachholbedarf an kritischer Berichterstattung, auch in der Causa Wulff   – diese erfolgte bereits vor den derzeitigen Skandalen bzw. Skandälchen.

Nun wird der Bundespräsident, der sich mitunter äußerst ungeschickt äußerte bzw wie ein Schaf im Wulffspelz präsentierte, vielfach scharf attackiert  und durch den Kakao gezogen  – größtenteils durchaus mit Recht.

Wo aber bleibt in den vielen moralisch entrüsteten Medienkommentaren die Kritik an der BILD-Zeitung?

Oder ist BILD jetzt plötzlich Bestandteil eines seriösen Qualitätsjournalismus?

Warum findet sich in unserer Presselandschaft kaum Empörung über die verwerfliche Vorgangsweise dieses Straßenblatts, das wohl kaum als edler Lordsiegelbewahrer journalistischer Fairneß und wohverstandener Pressefreiheit angesehen werden kann?!

BILD hat allen Grund, so meine ich, vor der eigenen Dreckstür zu kehren, statt sich in moralischer Entrüstung zu üben, was diesem sittenwidrigen Blatt ohnehin schlecht ansteht  – und das nicht allein wegen der obligatorischen Nackedeis auf der Titelseite.

Welches Verständnis von journalistischem Ethos die BILDzeitung verinnerlicht hat, zeigt gerade auch ihr Verhalten in der Causa Wulff: Bei aller berechtigten Kritik am Bundespräsidenten stellen sich sehr wohl auch BILD-kritische Fragen, zB. folgende:

1. Wulff hatte sich wegen seines Wut-Anrufs auf die Mailbox von BILD-Chef Kai Diekmann bei diesem persönlich entschuldigt  –  und  Diekmann nahm die Entschuldigung an. Damit hätte diese Angelegenheit begraben sein müssen  – oder?

2.  Der BILD-Chefredakteur erklärte dem Bundespräsidenten nach dessen Entschuldigung, daß er von dem Wut-Anruf keinen Gebrauch machen werde.  Daran hielt er sich aber nicht, was einen üblen Vertrauensbruch darstellt. Das gilt auch dann, wenn Diekmann den substantiellen Inhalt des Wulff-Telefonats nicht selbst veröffentlichte, sondern dafür sorgte, daß Journalistenkollegen dies für ihn übernahmen.

Unsere Kritik an BILD und ihren journalistischen Ferkeleien beginnt freilich nicht erst heute.

Ich habe BILD mehrfach angezeigt, zum Beispiel im Sommer 2005, worüber die evangelische Nachrichtenagentur IDEA berichtet hat.  Die kath. Nachrichtenseite „kath.net“ übernahm diese Meldung.

Damals drohte Rebecca M. per BILDzeitung mit der Abtreibung ihres Kindes, falls ihr Ex-Geliebter sie nicht heiraten wolle. Wir stellten daraufhin Strafanzeige gegen die Schwangere und gegen BILD  –  u.a. wegen Nötigung. –  Näheres hier:
http://www.kath.net/detail.php?id=11090

Ein Jahr zuvor hatte ich die BILD-Zeitung wegen Pornografie und Jugendgefährdung angezeigt, nachdem dort ein Bericht mit fotografischer Darstellung eines Geschlechtsverkehrs erschienen war, wobei die abgebildete Schauspielerin es noch dazu als „prüde“ bezeichnete, wenn man sich im Film nicht hüllenlos präsentiere.

Mir war durchaus klar, daß der Strafantrag juristisch kaum Chancen hat, weil § 184 StGB den strafrechtlichen Rahmen der Pornografie stark eingrenzt. Dennoch war es wohl mal einen Versuch wert.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg stellte das Ermittlungsverfahren aus juristischen Gründen erwartungsgemäß ein, doch die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ reagierte am 8.6.2004 durchaus positiv, bedankte sich ausdrücklich für unseren Einsatz, konnte aber aus formalen Gründen „leider“ nichts unternehmen, da Tageszeitungen von einer Vorausindizierung ausgeschlossen seien.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks und des KOMM-MiT-Jugerndverlags in Münster

PS: Auch die SPD hat allen Grund zur Selbstkritik (zumal ihr Vorsitzender)  –  siehe hier:

https://charismatismus.wordpress.com/2011/11/20/spd-genosse-gabriel-und-der-politische-anstand/