BVL-Fachtagung in Kassel über „Kinderwunsch – Wunschkind – Designerbabys“

Alternativen zur künstlichen Befruchtung

Die Fachtagung „Kinderwunsch ist menschlich – Selektion nicht“, die der Bundesverband Lebensrecht (BVL) am 29. April 2017 im Anschluss an die offizielle Eröffnung der Woche für das Leben in Kassel veranstaltete, bot Analysen und Antworten auf Fragen, die im vorausgehenden Auftaktgottesdienst von DBK und EKD im Raum standen:

Wie reagiert unsere Gesellschaft darauf, dass moderne Technologien daran arbeiten, möglicherweise behinderte Kinder umfassend aufzuspüren und das Erbgut des Menschen zu manipulieren? Was tun, wenn der „Kinderwunsch“ erst zu „Wunschkindern“ und schließlich zu „Designerbabies“ führt?

Mit Dr. Susanne van der Velden legte eine Gynäkologin aus der Praxis brillant dar, dass es Alternativen zur künstlichen Befruchtung gibt, die mit fast doppelt so hohen Lebendgeburtsraten (30 – 40 %) bei behandelten Paare aufwarten können wie in konventionellen Reproduktionskliniken.

Die von Dr. van der Velden angewandte NaPro-Methodik ist eine von rund tausend Ärzten seit 40 Jahren entwickelte Diagnostik bzw. Therapie, die das Ziel hat, die Fruchtbarkeit wiederherzustellen und eine natürliche Konzeption zu ermöglichen, ohne Samenspende, Eizellspende oder Leihmutterschaft.

Verzweifelte kinderlose Paare sind häufig bereit, Grenzen zu überschreiten, wenn sie nach kurzer, erfolgloser Behandlung an Reproduktions-Zentren weitergeleitet werden. Vielfach werden dabei die diagnostischen Möglichkeiten auch in Bezug auf den Lebenskontext („Lifestyle“) und mögliche organische Auswirkungen nicht hinreichend angewandt.

„Nicht schwanger zu werden“ ist ein Symptom, dessen Ursache gesucht und häufig gefunden werden kann. Der immense Vorteil für die Paare: Es gibt auf dem „natürlichen Weg“ der Kinderwunschbehandlung kaum Frühgeburten, keine vermehrten Mehrlingsschwangerschaften und nicht mehr Komplikationen als im Durchschnitt, während solche Risiken bei der IVF deutlich erhöht sind. 

Der Bundesverband Lebensrecht fordert die Krankenkassen auf, die vergleichsweise geringen zusätzlichen Beratungs- und Behandlungskosten für „natürliche“ Kinderwunschbehandlungen als Kassenleistung zu übernehmen, statt ausschließlich oftmals ethisch inakzeptable Ausgaben für IVF-Maßnahmen zu tätigen.

Befürchtungen von Kritikern wurden noch übertroffen

Dass Diagnosen und Therapien Grenzen gesetzt sind und „Leben auch erlitten werden muss“, führte Prof. Dr. Ulrich Eibach, Theologe und Klinikseelsorger aus Bonn, aus. Prof. Eibach hat die Entwicklung der künstlichen Befruchtung von Anfang an begleitet und konnte vom bedrückenden Resümee eines IVF-Pioniers in Bonn berichten, der ihm bestätigte, dass es schlimmer gekommen sei, als Kritiker 1979 befürchtet haben: „Die Entwicklung war nicht steuerbar.“  

In seinem Vortrag beschrieb er die fatale Logik einer Legitimationsethik, die zu einer vorandrängenden Spirale angeblichen Fortschritts wird, in der die Vermutung auf negative Folgen nicht zur Vorsicht gereicht, sondern im Gegenteil jede weitere Anwendung gerechtfertigt wird. Aus dem postulierten Ziel, Einzelnen helfen zu können, wird schnell das Ziel der Optimierung der Gattung Mensch.

Diagnostik, ursprünglich als Schritt zur Heilung gedacht, wird zum Instrument der Selektion. Ein gesundes Kind zu bekommen, darf nicht zu einem normalen Anspruch werden. Ohne Gegensteuern wird Schritt für Schritt erneut die Meinung mehrheitsfähig, dass es Kinder gibt, die den Eltern und der Gesellschaft erspart bleiben sollten.

Vorgeburtliche Diagnostik ist Selektion

Dass es sich bei den erweiterten Methoden der pränatalen Diagnostik um eine „Rasterfahndung“ und fast ausnahmslos um Instrumente der Selektion handelt, bestätigte Prof. Dr. Paul Cullen als Mediziner und Naturwissenschaftler, indem er den Bogen weiterspannte:

Wir befinden uns auf dem Weg zum „Enhancement“, der „Vervollkommnung“ der menschlichen Gattung, was weit über den Heilungsauftrag der Medizin hinausgeht. Die transhumanistischen Träume von einer Mensch-Maschine-Verschmelzung sind bereits weit fortgeschritten.

Mit geradezu religiösem Eifer wird ein neues Menschenbild vorangetrieben, welches aber zu einer alten Mehrklassengesellschaft mit neuen, medizinisch geschaffenen Eliten führen wird. Ziel der neuen Verfahren ist einzig die Perfektion der Selektion, wie an der nahezu vollständigen vorgeburtlichen Beseitigung von Down-Syndrom-Kindern zum Beispiel in Dänemark zu erkennen ist.

Widerstand gegen die „neue Eugenik“

Grenzziehungen erweisen sich als illusorisch. Standards werden nicht eingehalten, Indikationen stetig erweitert. Während sich der Ethikrat uneinig ist und bisweilen zu hören ist, dass „die Würde des Menschen ein nutzloses Konzept“ sei, profilieren sich Wissenschaftler und Unternehmen über Eingriffe in die menschliche Keimbahn, ohne Folgen und Risiken für die zukünftigen Generationen der Menschheit abschätzen oder verantworten zu können.

Der Mensch, so das Fazit der Fachtagung, ist mehr als eine Ansammlung von Genen und Algorithmen. Angewiesensein auf Mitmenschen ist eine Grunddimension des Lebens, kein Mangel. Unsere Bestimmung als Mitmenschen ist es, dem Leben zu dienen, Nöte zu lindern und Krankheiten zu heilen.

Politik und Gesellschaft sind aufgerufen, der Ausweitung der „neuen Eugenik“ zu wehren, solange es noch möglich ist.

http://www.bv-lebensrecht.de/fachtagung


Künstliche Befruchtung, Third-Party-Reproduktion und das Leid der Betroffenen

Von Dr. med. Edith Breburda

Bruce Feiler schrieb 2013 einen Artikel in der New York Times, worin er sich über das schlechte Miteinander seiner Familie bei Familienfeiern beschwert. Nach so einer Zusammenkunft fragt sich Bruce immer, wie lange seine Familie noch zusammenhalten und nicht doch bald auseinander fallen wird. Dr. Breburda
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So fing er an nachzuforschen, was eine glückliche Familie ausmacht. Er fand die Studie: Do you Know? des Psychologen Marshall Duke von der Emory-Universität, der Kindern 20 Fragen über ihre Familie vorlegte.
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Sie wurden u.a. gefragt, ob sie wüssten, wo ihre Eltern zur Schule gegangen sind, wo ihre Grosseltern aufgewachsen waren und wem sie in ihrer Familie am ähnlichsten sehen.
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Eine gute emotionale Gesundheit und eine glückliche Kindheit hatten jene Kinder, die die Fragen am besten beantworteten, stellte Duke überrascht fest: “Je besser die Kinder ihre Familienverhältnisse kannten, desto selbstbewusster und erfolgreicher waren sie. Sie hatten ihr Leben unter Kontrolle, wenn ihre Familie funktionierte.“
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Diese Ergebnisse sind nicht verwunderlich, wenn man sieht, wie populär in Amerika die Webseite Ancestry.com ist. Auf dieser Seite werden die Benutzer eingeladen, ihre Herkunft zu erforschen. Der Satz „Wer denkst Du, wer du bist“ zeigt, dass unsere Identität in unseren Vorfahren verwurzelt ist.
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So gesehen ist es unverständlich, dass die heutige Gesellschaft eine Technologie als ganz selbstverständlich annimmt, die Kindern absichtlich ihre Vorfahren, ihre Familiengeschichte und einen Teil ihrer Familie vorenthält.
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Donor-Samen oder -Eizellen von anonymen Spendern für die künstliche Befruchtung eines Wunschkindes in Anspruch zu nehmen: dies ist heute gang und gäbe.
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Die Reproduktionsmedizin kann bei der sog. „Third-Party-Reproduktion“ nur durch Spendergameten, die bei der künstlichen Befruchtung, der In-Vitro-Fertilisation und bei Leihmüttern angewendet wird, ein Kind erzeugen.
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Viele dieser Third-Party-Reproduktions-Kinder sind heute erwachsen und äussern sich entsetzt darüber, was ihnen wiederfahren ist. Sie fühlen sich schrecklich, weil ihnen mit Absicht verweigert wird, was den Schlüssel für eine erfüllte wohlbehütete und frohe Kindheit darstellt: das Wissen um seine Familiengeschichte, wie Dr. Duke das ausdrückt.
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Die Öffentlichkeit erkennt oft nicht diese Ungerechtigkeit und ist der Meinung, diese Kinder sollten eher froh sein, überhaupt am Leben zu sein, anstatt sinnlos über ihren Stammbaum nachzuforschen.
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Man denke nur an die Kinder von Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die von ihren Vätern gezeugt wurden, als sie auf Heimaturlaub waren. Nicht wenige der heute 70 bis 75-Jährigen fragen sich noch Jahrzehnte nach ihrer Geburt, ob es wirklich ihr Vater war, den sie erst nach  dem Krieg kennen gelernt haben. Kann man es ihnen verdenken zu zweifeln?
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Wir versuchen, für die Kriegskinder Verständnis aufzubringen, obwohl die heutigen Donor-Kinder oft hören: „Seid still und froh über euer Leben“.  –  Dies sind die Standardworte, die Third-Party-Kinder erhalten, wenn sie versuchen über ihren Schmerz und ihre Trauer zu berichten.
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Alana New, das Kind eines anonymen Samenzellspenders, gründete das Anonymous US Project. Sie beabsichtigt, ehrliche und sichere Informationen über die third-party-reproduction zu vermitteln und sammelt Berichte von Eltern, Spendern und Leihmüttern. Jede Geschichte beleuchtet spürbar die Empfindungen der Kinder:  media-389705-4
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„Danke vielmals, dass Du mir ermöglicht hast zu leben, anonymer Vater. Auch für die Technik, die Dir ermöglichte, anonym zu bleiben. Ich fühlte mich niemals so sehr meiner Rechte beraubt und über den Tisch gezogen“, schreibt eine Betroffene.
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„Ich verabscheue die Frage, woher ich komme. Welche Nationalität habe ich, oder warum bin ich ein Einzelkind? Das Wunschkind mit Hilfe eines Samenspenders zu sein, macht meine Situation nicht leichter. Im Gegenteil, die Frage, woher ich komme, wird immer bohrender.“
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Das California Assembly Committee on Health ist überzeugt: es handelt sich um einen Verstoß gegen die Menschenrechte, wenn Kindern aus der third-party-reproduction die Beziehung zu mindestens einem ihrer biologischen Eltern vorenthalten wird. 
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Anonymous US ist nicht die einzige Webseite, auf der Kinder, die durch eine Samen- oder Eizellspende empfangen wurden, auf ihre Situation aufmerksam machen können.
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Jo Rose, gehört zu ihnen. Sie ist empört, wie unsensibel die englische Zeitung The Guardian war, die ihren Bericht, ein Kind eines anonymen Spenders zu sein, einfach abgewiesen hatte:
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„Was mich bei der ganzen Angelegenheit, wie ich erzeugt wurde, am meisten erschüttert, ist die offenkundige doppelte Moral. Meiner Mutter wurde zugestanden, einen Einblick in das genetische Erbe des Samenspenders zu erhalten. Ich hingegen werde niemals erfahren, wer mein Vater ist, dessen Gene ich in mir trage.“
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Keiner kann mehr daran zweifeln, dass Kinder einer third-party-reproduktion zu dem Schluss kommen, dass sie um ihre Naturrechte beraubt wurden. Unglücklicherweise sieht das die Gesellschaft nicht so. Sie tut sich schwer, die Perspektiven dieser Kinder nachzuvollziehen.
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Die Geschichte von Gracie Cane, einem Teenager aus Großbritannien, verdeutlicht die Situation am besten. Gracie hatte Angst. Es handelte sich bei ihr aber nicht um die Verzweiflung, die jeder Teenager in seinem Stadium durchmachen muss. Nein, sie wurde als Embryo adoptiert, weil sie aus einer In-Vitro-Fertilisation übrig geblieben war. Sie fühlte den Verlust ihrer genetischen Wurzeln besonders deutlich. Aufgrund der Gesetze ihres Staates wird sie niemals in Erfahrung bringen können, wer ihre biologischen Eltern sind.
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„Mein Schmerz darüber ist so akut, dass ich mir oft wünsche, ich wäre niemals geboren worden“, sagt sie. Leute, die von Gracie’s Geschichte hörten, bezeichneten sie als egoistisch. Sie schimpften, sie solle doch dankbar sein, Eltern zu haben, die sie lieben. Viele verglichen ihre Situation mit der einer Adoption eines neugeborenen Babys und betrachteten Gracies Kommentare als widerlich. Scannen0001 (22)
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Es handelt sich in ihrem Fall jedoch nicht um eine klassische Adoption. Trotzdem musste sie versuchen, das Beste aus einer nicht optimalen Situation zu machen. Doch muss man in Betracht ziehen: Gracie war eigentlich kein Wunschkind. Sie wurde nicht absichtlich im Labor gezeugt. Sie war ein Extrakind, auf das man zurückgegriffen hätte, falls ihre Geschwister nicht die Prozedur der In-Vitro-Fertilisation überstanden hätten.
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Das war eigentlich die einzige Chance, die sie ursprünglich hatte, um ihr Leben zu erlangen. Sie weiß, irgendwo da draußen ist die perfekte Familie, die in ihren Brüdern und Schwestern ihre Wunschkinder sehen. Aber sie hat da nicht hineingepasst, obwohl alles in ihr danach verlangt, ihre Eltern und Geschwister kennen und lieben zu lernen.
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Gracie hat wundervolle Adoptiveltern. Doch man sollte wahrnehmen, wie sehr sie den Schmerz fühlt, als Restposten oder Leftover geschaffen worden zu sein. Als eine Art Versicherung, falls ihre Brüder oder Schwestern sich nicht im Uterus ihrer Mutter eingenistet hätten.
Können wir nachvollziehen, was es heißt, im Stich gelassen worden zu sein? Eingefroren darauf zu warten, dass eine Frau kommt, die sie aus dem Gefrierschrank rettet und austrägt?
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Wir müssen in Betracht ziehen, dass sie absichtlich verstoßen wurde. Mit einbegriffen ist auch ihr Familien-Stammbaum, der ihr vorenthalten wird. iStock_000014086034XSmall
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Die katholische Kirche sieht den Schaden, den eine third-party-reproduktion anrichtet. Sie betont die Rechte der Kinder auf ihre biologischen Eltern und betrachtet die Ehe als den Ort, wo Kinder durch die Liebe der Eltern hervorgebracht werden sollten.
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Der Katechismus der Katholischen Kirche hebt hervor, wie schädlich und unmoralisch es ist, wenn eine dritte Person in die natürliche Zeugung von Mann und Frau involviert ist. Künstliche Befruchtung  oder eine Inseminierung führen dazu, dass das Kind seinen wahren Erzeuger niemals kennen lernt.
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Es ist nicht die Absicht der Kirche, unfruchtbare Ehepaare zu belehren. Es geht ihr vielmehr darum, dass bei der third-party-reproduction Kindern das fundamentale Recht genommen wird, glücklich und wohlbehalten in einer Familie aufwachsen zu können.
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Wir können den so entstandenen Kindern kein Stillschweigen über ihre Herkunft auferlegen. Im Gegenteil, sie sind die Personen per se, die uns über die Nebenwirkungen der modernen Reproduktionsmedizin aufklären sollten.

Literatur: Taylor R.: ‘Shut Up, and be grateful for your life’. We need to listen to children conceived through third-party reproduction. National Catholic Register. 20. December 2014
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Unsere Autorin Dr. med. Edith Breburda ist Bioethik-Expertin und Veterinär-Medizinerin (Tierärztin); sie lebt in den USA (Bundesstaat Wisconsin).

Aktuelle Medizin-Nobelpreise: Wird es einst Wunschkinder aus Hautzellen geben?

Von Dr. med. Edith Breburda     

Zwei Wissenschaftler werden für ihre wegweisenden Arbeiten mit dem Nobelpreis geehrt:

Dr. Edith Breburda

Dr. E. Breburda

Ausdifferenzierte Zellen, in ihrem Fall Hautzellen, konnten in pluripotente embryonalähnliche Stammzellen reprogrammiert werden.

Ein Verfahren, das Alternativen für  humane embryonale Stammzellen bietet, bei deren Gewinnung der Embryo getötet würde. Selbst routinierte Forscher benötigen zur Erzeugung einer einzigen Stammzellinie bis zu 30 Embryos.

Die Arbeit des Briten Gurdon und des Japaners Shinya Yamanaka – der in dem Jahr geboren wurde, als Gurdon seine Entdeckung machte – weckt Hoffnungen, in Zukunft Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes mit Zellen des eigenen Körpers heilen zu können.

Gurdon (79 J.) und Yamanaka (50 J.) haben gezeigt, wie man pluripotente Stammzellen herstellt, ohne dass man Embryos dafür töten muss.

Weil induzierte pluripotente Zellen ethisch weitaus weniger bedenklich sind, wird ihnen eine grosse Zukunft vorausgesagt.

Trotzdem wird mit humanen embryonalen Stammzellen für Vergleichszwecke weiter geforscht. Sie bleiben der Goldstandard. Stammzellforscher hoffen, eines Tages so weit zu sein, aus pluripotenten  Stammzellen ausdifferenzierte Körperzellen  –  wie z. B. Nieren oder Nervenzellen  – herstellen zu können.

2007 hatten Yamanka und der US-Tiermediziner der Universität von  Madison, Prof. J. Thomson, unabhängig voneinander ihre Entdeckungen verkündet, Hautzellen zu Stammzellen reprogrammiert zu haben.

Man wundert sich, warum  nicht auch Thomson den Nobelpreis erhielt:

„Yamanaka machte die Entdeckung an Mäusen ein Jahr vor mir. Er hat somit einen Präzedenzfall geschaffen“, erklärte Prof.  Thomson dem Wisconsin State Journal bereits 2008.

„Gurdons und Yamanaka’s mutige Experimente fordern die wissenschaftliche Grundlagenforschung heraus“, sagte Doug Melton, Co-Direktor des Harvard-Stammzellen-Instituts in Boston.

Das Nobelpreis-Komitee in Stockholm bezeichnet die Arbeiten als revolutionär, da sie das Verständnis für das Zellwachstum und die Organismenbildung selbst erweitern.

Gurdon zeigte 1962, wie man aus Froschhautzellen neue Kaulquappen klonen kann. Ein Prozeß, der 1997 angewendet wurde, um das Schaf Dolly zu klonen.

Gurdon erklärt Reportern in London gegenüber, seine Entdeckung habe damals keinen klaren therapeutischen Einfluß gehabt, sie diente auch nicht einer Behandlung. Es dauerte fast 50 Jahre, bevor ein potentieller Nutzen daraus entstand.

Erst 2007 nutzte Yamanaka und sein Team das gleiche „Rezept“ und zeigten, dass Mäuse-Hautzellen in pluripotente Stammzellen zurückgebildet werden können, aus denen nun wieder  alle verschiedene Zellarten entwickelt werden könnten (vgl. K. und M. Ritter, Nobel Prize Stem cell, cloning work take honors Wisconsin State Journal 9. Oktober 2012).

Letzte Woche berichteten Wissenschaftler aus Kyoto über Mäuse-Hautzellen, die sie so manipulierten, dass diese wieder zu Eizellen werden. Eingepflanzt in eine Leihmutter entstanden Mäuse-Babys.

Ein derartiges Verfahren könnte der Fruchtbarkeitsbehandlung zugute kommen, berichten die Zeitungen. Man bediente sich der induzierten pluripotenten Methode des Japaners Shinya Yamanaka.

Forscher entnahmen eine Hautzelle und drehten den Entwicklungsvorgang ihres Zellkerns zurück. Die ausdifferenzierte Hautzelle wurde reprogrammiert.

Hautzellen sind ausgereift und diploid. Man kann sagen, die Zeituhr im Zellkern einer Hautzelle wird einfach zurückgesetzt. Allerdings ist man bis jetzt nicht in der Lage, soweit zurück zu gehen, dass die Zellen wieder haploid werden, d.h. so haploid wie der Kern einer Ei- und Samenzelle.

Wissenschaftler der Kyoto-Universität in Japan berichteten am 4. 10. 2012 im Science Magazin online über das Mäuse-Experiment: Sie reprogrammierten Hautzellen von Mäusen bis zu dem Stadium, wo sie embryonalen Zellen ähnlich sind, d..h. den Zellen, die man einem Embryo am 5. Tag seiner Entwicklung entnimmt und ihn dabei abtötet.

Da man aber nicht weiss, wie man derartige pluripotente Zellen, die man entweder einem Embryo entnimmt oder zurück programmiert, wieder neu entwickelt,  bedient man sich eines Tricks:

Die Wissenschaftler von Kyoto vermischten die reprogrammierten Zellen mit Mäuse-Eierstockzellen und implantierten dieses Gemisch in den Eierstock von Mäusen. Nach 4 Wochen entnahmen sie das Eierstock-Gewebe wieder und hatten so unreife Eizellen gewonnen.

Diese liess man im Labor nachreifen, mit Samenzellen von Mäusen befruchten und in ein surrogates Muttertier einpflanzen. 3 Mäuse-Babys wurden so gewonnen. Diese wiederum wurden normal befruchtet und warfen dementsprechend Jungtiere.

Ein derartiges Verfahren macht man sich generell zunutze, damit sich aus pluripotenten embryonalen oder induzierten Stammzellen verschiedene Zelltypen entwickeln.

Vereinfacht gesagt: Wenn man z.B. eine Nierenzelle haben will, implantiert man humane embryonale Stammzellen in die Niere einer Maus und läßt das umgebende Organ die Arbeit tun (siehe das Buch „Verheißungen der neuesten Biotechnologien“, Kindle E-Book). 

Dr. Katsuhiko Hayashi, ein Mitarbeiter der japanischen Studie räumt ein, dass das Verfahren viel zu mühselig und ineffizient ist, um bei Menschen angewandt zu  werden.

Von der Maus zum Menschen ist ein langer Weg. Man weiss, dass Verfahren, die erfolgreich bei der Maus wirken, nicht beim Menschen arbeiten – oder dort gerade das Gegenteil bewirken (vgl. „Promises of New Biotechnologies“, ISBN, Ean 13 0615548288 / 9780615548289).

„Das Ganze bleibt wahrscheinlich nur eine Vision der Technik“, sagt Dr. Hayashi: 

„Die biologischen Unterschiede werden wir nie überwinden. Auch wenn wir als Ausgansmaterial Hautzellen nehmen und diese zurückentwickeln, müssen wir generell mehr darüber wissen, wie Eizellen gebildet werden  – und das ist immer noch ein Mysterium“.

Die Schwierigkeiten sind sehr groß. Viele Wissenschaftler zweifeln, ob sie diese jemals überwinden können. Andere sind wiederum optimistischer –  oder utopischer?

Man spekuliert, dass man auf diese Weise Millionen von Frauen zum eigenen Kind verhelfen könnte. Der biologischen Uhr der Frau, wie auch ihrer Unfruchtbarkeit könnte man damit entgegenwirken. Technische wie auch ethische Gründe lassen allerdings daran zweifeln, ob ein derartiges Verfahren in naher Zukunft realisiert werden kann.

Dr. Greely, Juraprofessor in Standford, glaubt, dass wir in 20 bis 40 Jahren soweit sind:

„Ehepaare, die bestimmte Eigenschaften in ihren Kindern haben wollen, müssen sich nicht mehr der gefahrvollen Prozedur der eigenen Eizellgewinnung unterziehen, sondern nehmen lieber eine Hautzelle. In Zukunft werden so Eizellen gewonnen und auf genetische Defekte analysiert. So wird man viel besser wählen können, welches Kind man sich einpflanzen läßt. Auch erwünschte Eigenschaften wie blaue Augen oder sportliche Talente könnten ausgewählt werden“.

Debra Mathews vom bioethischen Institut John Hopkins Berman bezweifelt, dass jemals ein Markt für derartige Verfahren vorzufinden sein wird:

„Und die Menschen werden auch nicht aufhören, Geschlechtsverkehr zu haben. Ich würde die Sicherheit der Methode in Frage stellen“, gibt Lawrence Goldstein, Direktor des Stammzellforschungs-Programms der Universität von Kalifornien in San Diego zu bedenken. „Es sieht aus, als würden wir an solchen Kindern herumexperimentieren“.

Dr. Breburdas Webseite (sie lebt in USA): http://scivias-publisher.blogspot.de/

Fotos: Dr. E. Breburda, Mathias von Gersdorff