Manipulation per „Beichte“ in sektiererischen und schwärmerischen Bewegungen

Von Felizitas Küble

Zum Themenfeld „geistlicher Missbrauch“ gehören auch die Gehirnwäsche und pastorale Manipulation durch sektiererische Systeme, die unter dem Mantel vermeintlicher „Seelsorge“ versuchen, das innere Leben ihrer Mitglieder unter Kontrolle zu bekommen und sich zugleich einen Einblick in ihren „Sündenzustand“ zu verschaffen, zumal sich diese Kenntnisse hinterher bestens als Erpressungsmethode und Druckmittel eignen, falls der Anhänger später einmal „rebelliert“.                                        

In der katholischen Kirche verhindert das strikte Beichtgeheimnis solch gefährlichen Machtmißbrauch, denn auf einen Bruch des Beichtsiegels stehen schwere Kirchenstrafen bis hin zur Exkommunikation des Priesters.

Dazu kommt, daß z.B. in Klöstern und Seminaren streng zwischen dem „forum externum“ (äußere Leitung) und dem „forum internum“ (innerer Bereich) unterschieden wird. Das bedeutet z.B., daß der Abt eines Klosters nicht zugleich der Beichtvater seiner Mönche sein darf.  (Näheres hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/30/wie-und-warum-das-beichtsiegel-die-glaeubigen-vor-seelsorglichem-missbrauch-schuetzt/)

Ganz anders sieht die Lage für die Gläubigen aus, wenn sie in bestimmten religiösen Gemeinschaften dazu gedrängt werden, sich seelisch zu „outen“, gleichsam innerlich zu entblößen einschließlich einer Art Sündenbekenntnis  – aber gleichzeitig kein Beichtsiegel gilt, weil diese Quasi-Beichte z.B. vor einem ehrenamtlichen Mitarbeiter erfolgt, der auch nach weltlichem Recht  – da kein Pastor – nicht dem Seelsorgsgeheimnis unterliegt.

Solch eine Laienbeichte gibt es auch innerhalb „neuer geistlicher Gemeinschaften“ in der kath. Kirche, so etwa im Neokatechumenat oder bei der charismatischen „Gemeinschaft der  Seligpreisungen“: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/29/religioeser-missbrauch-durch-die-laienbeichte/

Mag sich hier ein möglicher Missbrauch hoffentlich noch in Grenzen halten, so wird es bei eindeutig sektiererischen oder extrem-schwärmerischen Gruppen ganz bedenklich, vor allem, wenn sie eine autoritäre Leitungsstruktur besitzen.

Dabei mag gerade bei protestantischen Christen, die das Bußsakrament nicht kennen, schon rein menschlich das Bedürfnis nach einer geistlichen Aussprache auftauchen: Probleme abschütteln, Lasten abwerfen, sich der Vergebung Gottes in sichtbarer Weise vergewissern.

Diese Bereitschaft, die innerhalb eines Beichtgeheimnisses gut aufgehoben wäre, wird aber von mißbräuchlichen Strukturen ausgenutzt, um die Machtbasis für die Leiter des jeweiligen Werkes zu festigen.

Dazu dokumentiert das aufschlußreiche evangelische Buch „Zerbrochene Flügel“ (siehe Abbildung) von Jutta Wilbertz erschütternde Beispiele. Zwei davon seien hier kurz beschrieben:

Alexander gehörte zu einer charismatischen Gruppe, die auf Gemeindewachstum fixiert war und deren Hauptpastor sich als gottgesalbter Prophet präsentierte:

„Was mich besonders unangenehm berührte, war das wachsende Bedürfnis des Pastors, alles unter Kontrolle haben zu wollen. So wurde den Seelsorgern weisgemacht, dass sie nicht dem Seelsorgsgeheimnis unterlägen und dem Pastor mit Namensnennung alle wichtigen Dinge aus Seelsorgsgesprächen berichten müssten. Das Seelsorgsgeheimnis sei schließlich nur für den Pastor bindend.

Daraus entwickelte sich ein allgemeines Kontroll- und Zuträgersystem…Es war meine Aufgabe als Seelsorgeleiter, dies den Seelsorgern zu vermitteln. Meine kritische Haltung blieb nicht verborgen und dem Pastor wurden zunehmend Dinge (über mich) zugetragen….“ 

Ähnliches, nur noch schlimmer, berichtet eine Frau Johanna, die in einer autoritär verfaßten Schwärmergruppe verstrickt war, deren weibliche Leiterin alles an sich zog, sich als Gotterwählte präsentierte und sogar ihren eigenen Ehemann geistlich kontrollierte.

Diese Guru-Frau kam auf die hintertriebene Idee, das Sündenbekenntnis, das die Mitglieder gegenüber ihren ehrenamtlichen Zuträgern abzulegen hatten, als „Gebetsreinigung“ zu verschleiern:

„Ich hatte die „Gebetsreinigung“ immer für eine Generalbeichte gehalten, in der unsere Leute sich von ihren Sünden abwendeten und Vergebung und Heilung empfingen. Bei den obligatorischen Bericht darüber gab ich lediglich weiter, dass der Betreffende wunderbar mitgemacht habe, alles andere wäre für mich eine Verletzung des Beichtgeheimnisses gewesen.“ – Doch die Leiterin reagierte darauf süß-sauer: „Erst nach und nach begriff ich, dass die eine Liste der gebeichteten Sünden haben wollte, aber das so im Klartext natürlich nicht sagen konnte.“

Sobald sich in einer Gruppe Tendenzen in dieser Richtung zeigen, heißt es: sofort aussteigen!

 


Evangelikale Bücher warnten schon lange vor dem „geistlichen“ Missbrauch

Von Felizitas Küble

Kürzlich erschien das vieldiskutierte Buch der Ex-Nonne Doris Wagner mit dem Titel „Spiritueller Missbrauch“.

Nachdem die Ordensfrau aus der Gemeinschaft „Das Werk“  –  das sich selbst als „geistliche Familie“   versteht  – ausgetreten war, schlug sie einen theologisch progressiven Kurs ein und verfaßte zwei Bücher, die persönliche Erlebnisse schildern bzw. vor religiöser Manipulation warnen.

In kirchenpolitischer Hinsicht schüttet die Autorin allerdings das Kind mit dem Bade aus, was bei einem „Blick zurück im Zorn“ des öfteren geschieht, aber gleichwohl von geistiger und geistlicher Unreife zeugt.

Freilich entsteht nun da und dort der Eindruck, als habe die reformkatholische Verfasserin gleichsam ein „Tabu gebrochen“, als habe sie das Thema des „geistlichen Missbrauchs“ ganz neu und taufrisch in die Öffentlichkeit gebracht.

Einigen naiven katholischen Kreisen mag das so erscheinen, vor allem, wenn sie bislang erscheinungsbewegt und schwarmgeistig gar nicht mitbekommen haben, welches Ausmaß der seelsorgerliche Missbrauch gerade in einigen „oberfrommen“ Gruppierungen anrichten kann.

Wir warnen im CHRISTLICHEN FORUM seit Bestehen im Mai 2011 genau vor diesem Phänomen – und obwohl das Themenspektrum hier sehr vielseitig ist, konzentrieren wir uns  auf ungesunde Phänome in esoterischen, charismatischen und wundersüchtigen Bewegungen – auch im Hinblick auf (un)geistliche Manipulation der Gläubigen oder gruppendynamischen Seelenfang.

Die Problematik kommt auch in meiner 52-seitigen Broschüre „Botschaften des Himmels?“ zur Sprache, die vor 11 Jahren erschien; sie konnte wohl manches Hineinschlittern in gefährliche Strömungen verhindern oder betroffenen Aussteigern bei ihrem „Freischwimmen“ Mut machen, wie ich aus etlichen Rückmeldungen erfuhr.

Leider hat sich ansonsten im katholischen Bereich diesbezüglich wenig getan, nicht selten fühlen wir uns  – offen gestanden – fast wie „Rufer in der Wüste“.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei darauf hingewiesen, daß dieses Problemfeld von evangelikaler Seite schon früh erkannt wurde  – auch im Hinblick auf seelsorgliche Mißstände in deren eigenen Reihen.

Gerade diese theologisch konservativen und nüchtern denkenden Verlage und Gruppen warnen seit langem vor irrgeistigen Abwegen der Frömmigkeit – einschließlich schwärmerischer, glaubensfanatischer bzw. sektiererischer Tendenzen. Zu diesen mahnenden Stimmen gehört z.B. auch die evang. Nachrichtenagentur IDEA.

Als konkretes Beispiel sei das Buch „Zerbrochene Flügel“ von Jutta Wilbertz erwähnt, das bereits 2006 im evangelischen Verlag R. Brockhaus erschien (siehe 1. Foto). Es trägt den vielsagenden Untertitel „Geistlicher Missbrauch und zerstörerischer Glaube“.

Die Herausgeberin selbst berichtet von ihren verstörenden Erfahrungen in einer charismatischen deutschen Mega-Gemeinde, die auf „Zeichen und Wunder“ sowie auf „Prophetien“ getrimmt war und Gehorsam gegenüber dem – angeblich gottbegnadeten – Hauptpastor forderte.

Erfreulicherweise hat Frau Wilbertz trotz schmerzlicher Erlebnisse und seelischem Missbrauch ihren christlichen Glauben nicht verloren, sondern nach ihrem Ausstieg schrittweise wieder neuen Glaubens- und Lebensmut gefunden.

Ähnlich erging es weiteren Menschen, die ihre bewegenden und erschütternden Schicksale in diesem Sammelband schildern.

Eine ausführlichere Besprechung des lesenswerten Buches folgt demnächst.