Buch-Empfehlung: Der Vatikan als letzte Zuflucht für Verfolgte der NS-Diktatur

Von Dr. Josef Bordat

Die Rolle, welche die Katholische Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus spielte, gehört zu den wohl umstrittensten historischen Forschungsfragen der Gegenwart. media-FZMqzvujo1V-2

Über kaum ein anderes Partikularthema der Kulturwissenschaften ist so viel publiziert worden wie über das Tun und Unterlassen, das Reden und Schweigen, das Wegsehen und Leiden der Kirche unter dem Hakenkreuz.

Nun ist ein weiteres Buch zum Thema erschienen. Arne Molfenter und Rüdiger Strempel erzählen in dem Buch „Über die weiße Linie“ die wahre Geschichte des irischen Priesters Hugh O’Flaherty, der in Rom über 6000 Menschen aus 25 Ländern vor der Gestapo rettete – und damit vor dem sicheren Tod.

Keiner hat im Zweiten Weltkrieg als Einzelperson mehr Menschenleben gerettet. Der katholische Priester baute in den Jahren 1943 und 1944 eine Fluchtorganisation auf, die es den Verfolgten ermöglichte, ihren Verfolgern zu entkommen.

Der Vatikan spielte dabei als Zufluchtsort eine Schlüsselrolle.

Meine Rezension des Buches ist in Titel. Kulturmagazin erschienen.

Quelle: https://jobo72.wordpress.com/2015/01/09/letzte-zuflucht-vatikan/

 


Bewegende Lesung von Ulrike Draesner: „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“

Von Susanne Habel

Derzeit stellt Ulrike Draesner (siehe Foto) ihr viel gerühmtes literarisches Werk „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ bei Lesungen im ganzen deutschen Sprachraum vor. Der Roman schildert das Schicksal zweier Familien aus Schlesien, woher auch die Autorin stammt. Ulrike_Draesner_Habel

Die Autorin verbindet die Geschichte der schlesischen Familie Grolmann mit dem Schicksal der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpolen nach Breslau vertriebenen Familie Nienaltowski. Vier Generationen kommen zu Wort Dabei springt die Autorin souverän von Figur zu Figur, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.

Gleich eingangs sinniert die gegenwärtige „Heldin“ Simone Grolmann, eine erfolgreiche Professorin für Verhaltensforschung bei Primaten, über das Verhalten ihres Vaters Eustachius.

Dieser, ebenfalls ein Primatenforscher und mittlerweile „82 dreiviertel“ Jahre alt, ist ein Kriegskind. Aufgewachsen im niederschlesischen Oels, mußte der dreizehnjährige „Stach“, wie er genannt wurde, im Januar 1945 mit seiner Mutter Lilly und dem behinderten Bruder Emil aus Schlesien in den Westen fliehen.

Noch immer wird er von den Erinnerungen an die Flucht und den Tod seines Bruders heimgesucht. Eustachius ist schon fast klischeehaft traumatisiert, woran auch seine Ehe mit der Bayerin Ines gescheitert ist.

Um die Seelennöte ihres Vaters zu erforschen, der plötzlich auch noch unerklärlicher Weise Schulden macht, heuert Simone einen Psychologen an:

Boris Nienaltowski, selbst deutsch-polnisch-schlesischer Herkunft, hält u.a. Seminare für Kriegsfolgenopfer unter deutschen Vertriebenen und deren Nachkommen im niederschlesischen Kreisau ab.

Boris ist ebenfalls geprägt von dem Heimatverlust seiner Vorfahren, die nach Kriegsende aus dem Osten nach Westpolen vertrieben wurden, von verdrängtem Verlust und unterdrückten Erinnerungen. In inneren Monologen erfährt man von den Bindungs- und Beziehungsproblemen dieser Protagonisten, welche die Angst ihrer Vorfahren quasi internalisiert haben.

Vertriebene: Leidenswege im seelischen Gepäck

Wieweit die Traumatisierung über die Generationen wirkt, deutet die Autorin immer wieder in verschiedenen Szenerien an: Titel-siebenspruenge

So beschreibt sie packend und authentisch eines der Psycho-Seminare ein Kreisau: Jeder der anwesenden 32 Teilnehmer denkt an etwa vier Tote, die er verloren hat; jeder hat das Leiden der verstorbenen Vertreibungs- und Fluchtopfer im seelischen Gepäck.

Denn die Erinnerungen an diesen Horror wirken nach bis in das dritte und vierte Glied: Von der Urgroßmutter, der schlesischen Lehrerin Lilly Grolmann und deren Mann Hannes, über den Sohn Eustachius und seine Tochter Simone („Sima“) bis hin zur Enkelin Esther. 

Das Gleiche trifft auf die polnisch-schlesische Parallel-Familie Nienaltowski zu, von der Lemberger Urgroßmutter Grazyna über deren Tochter Halka, die von einem namenlosen Deutschen den Sohn Boris bekommt, bis hin zu dessen Tochter Jennifer.

Tragischer Heimatverlust bleibt nicht folgenlos

So spiegelt sich das Vertreibungs- und Heimatverlusterlebnis beider Familien, bis sie über das erzählte Erleben zu einer Verbindung finden. Menschliches Verhalten spiegelt wiederum das der Affen; denn auch hochentwickelte Primaten greifen sich gegenseitig an und löschen andere Gruppen aus.

Zur Entstehung des Buches erläuterte Ulrike Draesner bei einer Lesung in München:

„Das Thema fühlte sich nach mehr an als nach einer kurzen Erzählung: so begann meine Motivation zu einem ganzen Buch über Flucht und Vertreibung“. vertriebene_d-Kopie

Nach der Lektüre zahlreicher historiografischer Fachliteratur und der Recherche in polnischen Archiven im vergangenen Jahr begann sie so, einen Roman zu schreiben.

Das Buch weist allerdings auch viele autobiografische Züge auf:

Die väterliche Familie von Ulrike Draesner musste ebenfalls aus Schlesien fliehen: Sie spüre selbst die „Prägung durch die Seelenlandschaft“ der Eltern, wie sie erläuterte: „Eine Atmosphäre der Angst, als Kind übernommen, und ein Lebensgefühl wie auf Abruf und nirgends einheimisch“.

In München, wo sie 1962 geboren wurde, war das Flüchtlingskind Ulrike Draesner auch nicht wirklich heimisch; sie lebt nach einem Jura-, Anglistik- und Germanistikstudium seit 1996 als freie Autorin und Übersetzerin in Berlin. Sie fühle sich sicher nicht bayerisch, meinte Draesner, sondern habe sich eher den reichen kulturellen Raum Ostmitteleuropas als Heimat „angeeignet“.

Das ganze Buch der großartigen Lyrikerin und an Übersetzungen geschulten Autorin ist ein stilistisches Meisterstück. In vieler Hinsicht wirkt es wie eine Sonate in mehreren Sätzen; sanft erklingt mal die eine, mal die andere Stimme der erzählenden Personen, und selbst die Primaten kommen in der von Forschern erdachten Affensprache Yerkish zu Wort.

Buch-Daten: Ulrike Draesner: „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“. Luchterhand-Verlag, München 2014; 303 Seiten, 21,99 Euro. (ISBN: 978-3-630-87372-5)

Unsere Autorin Susanne Habel  –  von ihr stammen auch die ersten beiden Bilder  –   ist Redakteurin und Journalistin in München


WDR-Sendung „Wir Kriegskinder“ am 16. Mai über Kriegstraumas der Deutschen: „Wie die Angst in uns weiterlebt“

WDR-Ankündigung zu „Menschen hautnah: Wir Kriegskinder“:

Doku-Film von Dorothe Dörholt am Donnerstag, den 16. Mai 2013, 22:30  –  23:15 Uhr:

„Ich finde meine Mutter. Sie blutet am Kopf und das Blut läuft an ihr runter und sie liegt da. Die Tür geht auf und die Russen kommen schon wieder rein. Ich muss meine Mutter schnell retten.“ 019_15A

Urplötzlich, von einem Tag auf den anderen, bricht der Kriegsschrecken erneut mit aller Macht über Elfriede herein. Die 80-Jährige war noch ein Kind im Zweiten Weltkrieg. Ihre traumatischen Erfahrungen verdrängte sie Jahrzehnte lang, denn sie musste funktionieren als Mutter und Ehefrau. Da war kein Platz für Vergangenheitsbewältigung.

Elfriede ist eines von vielen Kriegskindern, bei denen das alte Trauma im hohen Alter wieder aufbricht. Man nennt sie Trigger: Alltagserfahrungen, die die schrecklichen Bilder und beängstigenden Gefühle auslösen: Gerüche, Töne, Berührungen oder auch verunsichernde Lebensveränderungen machen den Weg frei für das verdrängte Leid.

Angehörige und Pfleger in Seniorenheimen stehen diesen Retraumatisierungen oft hilflos gegenüber. „Wir hatten mal eine Bewohnerin, die hat bei der Intimpflege immer ‚Nicht schon wieder! Nicht schon wieder!‘ geschrien. Ich denke, die ist im Krieg vergewaltigt worden.“, erzählt eine Altenpflegerin.

Ein Drittel der deutschen Rentner wurde im Krieg schwer traumatisiert. Viele von ihnen sind den im Alter wieder auftauchenden Bildern und Kriegserinnerungen hilflos ausgeliefert.

Aber nicht nur die Kriegskinder haben mit den Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg zu kämpfen. Auch deren Kinder, die so genannten Kriegsenkel, bleiben nicht verschont.

„Ich glaube, dass mein Vater das, was er als Kind erleiden musste, unbewusst an mich weitergetragen hat.“  –  Frank und seine Schwestern sind sich sicher, dass das Kriegstrauma des Vaters die Familie geprägt und über Jahrzehnte unbemerkt schweren Schaden angerichtet hat. Der Vater wie auch die Kinder leiden unter Angststörungen und Depressionen.

Wissenschaftliche Studien belegen die Hypothese der Geschwister: Die Ursache für psychische Erkrankungen bei Kindern können die Kriegserlebnisse ihrer Eltern sein. Das Trauma der beiden Weltkriege wird vererbt und prägt seit Jahrzehnten deutsche Familien.

In eindringlichen Gesprächen mit den Betroffenen zeigt die Autorin Dorothe Dörholt die späten Folgen des Krieges in deutschen Familien. Wie haben die grausamen Erfahrungen die deutsche Psyche geprägt?

„Wir Kriegskinder“ dokumentiert jedoch auch Wege aus dem Trauma und zeigt eine Familie auf ihrer emotionalen Reise in die Vergangenheit ins ehemalige Ostpreußen.

Die Kamera ist ein stiller Beobachter, wenn Elfriede von Ängsten überwältigt wird und in einer Trauma-Behandlung mit einer Psychologin die grausamen Erlebnisse neu durchleben muss.

Der Film zeigt, dass das Leben von uns allen, die wir im 20. Jahrhundert geboren wurden, überschattet ist vom Trauma des Zweiten Weltkriegs, auch wenn wir ihn nicht am eigenen Leib erfahren haben. Denn in den Seelen der Nachkommen ist der Krieg noch nicht vorbei.